In der Nacht zum 9. Mai 1954 war der Himmel über Stiegliz verhängt von Wolkenbändern, die träge unter Mond und Sternen trieben: Dämmernetze über Dorf und Schloß auswerfend, Schattenreusen über Park und Grenzwald senkend, aus dem in Schwaden noch immer die Schwüle des Tages stieg. Nebelfetzen schwebten über der Oder, wie Gespenster erbebend, als nahe der Ostmauer von Schloß Stiegliz ein langgezogenes Heulen ertönte – ein Mißklang voller Gier und Klage, so schaurig die Oktaven emporschleifend, daß der Junge für einen Moment den Kopf hob und ins Dunkel lauschte. Wölfe, dachte er; und gleich darauf: Nicht einschlafen – ein Versteck finden, bevor es Morgen wird. Doch dann ließ er seinen Kopf zurücksinken auf das Moosbett unter der „roten, toten Hand“; das gleiche plüschig weiche Lager, auf dem die Hexe Stasy einst ihren gräflichen Buhlen empfangen hatte (aber davon wußte er nichts).
Wie seltsam, daß er gerade hier Zuflucht gesucht hatte, inmitten der Trümmer ihrer Kindheitswelt. Reglos lag er im Gras und lauschte dem Wispern seiner Schmerzen und dem Gemurmel seiner Erschöpfung, den einzigen Gefährten, die noch immer zu ihm hielten. Von den Wipfeln des Blutbuchen-Fünflings wehte der Ruf einer Eule zu ihm herab, dünn und hell wie der Schrei eines Kindes, und Kai riß die Augen auf, um die Bilder zu bannen, die in seinem Innern emporflattern wollten. Er zwang sich, gleichmäßig ein- und auszuatmen, doch erst nach qualvollen Minuten vermochte er sich davon zu überzeugen, daß er in Sicherheit war. Zumindest vor ihm.
Er lag in der nachtfeuchten Wiese von Schloß Stiegliz, seine rechte Wange gebettet in ein Vlies aus klammem Moos. Er trug ein zerlumptes Hemd, das über der Brust zerfetzt war, zerschlissene Gummisandalen, aus denen die bandagierten Zehen wie traurige Zwerge hervorsahen, und eine schlotternd weite Hose aus umgeschneidertem Uniformstoff, gegürtet mit einem Strick. Aber er lag nicht im gläsernen Kasten, wie seine Erinnerung ihm vorzugaukeln versuchte, er war nicht an Händen und Füßen gebunden, und die winzigen Beinchen, die vorschnellenden Zungen, die huschenden, fast gewichtlosen feuchtwarmen Körper berührten seine Brust, seine Beine, Achseln nur in seiner Einbildung, nicht mehr in Wirklichkeit.
Er weinte – nicht – nicht einschlafen, mahnte er sich, nicht daran denken – nicht jetzt. Niemals würde er vergessen können, nie vergessen wollen, das war ihm klar geworden, zu seinem eigenen Erstaunen, während er unbehelligt, wenn auch mehr tot als lebendig, durch die Russenzone gefahren war. Die Passierscheine seines Peinigers, die gebündelten Dollarnoten vom Schreibtisch des Ohnmächtigen (oder doch schon Toten?) hatten ihm alle Wege geebnet, in einem Kleinbus mit verhängten Fenstern war er bis Frankfurt (Oder) gefahren, dann auf bäuerlichem Erntewagen bis zum Lebuser Wald.
Sein Triumphgefühl, als er auf dem vertrauten Kreuzweg vom Wagen gesprungen war (wo er allerdings fast der Länge nach hingeschlagen wäre): Euch alle überlistet, dachte Kai, zurückgekommen und gegen jede Wahrscheinlichkeit überlebt. Unter den Augen der Lebuser Bauern, die zu sonntäglichem Plausch am Dorfanger beisammenstanden, war er zum Fluß hinabgewankt und im Oderwald verschwunden. Niemand, der in dem ausgemergelten Streuner einen Sohn des im Vorjahr verjagten Grafen erkannt hätte: ein halbwüchsiger Junge, blond gelockt, mit stümperhaft bandagierten Zehen, Fingern; fast ein Kind noch und seine grünen Augen echsenstarr. Das schwarze Lederköfferchen mit den aufgesprengten Scharnieren trug er abwechselnd unter dem linken und dem rechten Arm. In seinen Achselhöhlen, wo gestern noch die Salamander hausten, spürte er die Kühle der Metallbeschläge. Höchstens zwei Stunden, dachte er, trotz der Erschöpfung und der Schmerzen, die in seinen Gliedern summten, dann bin ich im Schloß und in Sicherheit.
Doch kaum war die Sonne zu seiner Linken in der Oder versackt, da sprang ihn das Grauen an, reißend wie ein Wolf. Die gläsernen Kästen – niemals wußte er im voraus, in welchen er diesmal geworfen würde, in den Kasten voller Schlamm und Salamander oder in den Wolfsspinnensarg. Kai drückte sich mit der Schulter an einen Birkenstamm und biß die Zähne aufeinander, eben noch genug bei Sinnen, um sich nicht durch Schreie oder lautes Stöhnen zu verraten. Der Koffer mit den Bernsteinstatuen fiel zu Boden, als er beide Arme hob und die Fäuste auf seine Augen drückte, die kleinen Finger wie vermummte Hörner emporgespreizt.
Zurück im Glassarg voller Salamander: rücklings, an Händen und Füßen gebunden, und die Lurche huschen zu Hunderten über seine Haut. Ihre vorschnellenden Zungen, ihre tausend trippelnden Beinchen, ihre anhaftenden Füßchen auf seiner Brust, seinem Bauch, auf Wangen, Schenkeln, überall. Und dazu seine Stimme, ein gemütvolles Flüstern im Dunkeln: „Sie suchen nach feuchten Ritzen, um sich zu verkriechen, nach warmen Löchern, um hineinzuschlüpfen – spürst du schon?“ Und wie er sie spürt, an jeder Öffnung seines Körpers, über seine Lippen kitzelnd, an seinem Nabel tastend, überall. „Einem hab ich mal die Achselhöhle aufgemacht, da sind sie im Dutzend rein! Einem anderen: die Seite – dort!“ Dann plötzlich Licht, ein gleißender Strahl, und seine Hand, auf ihn herniederfahrend, die Finger zuckend wie Salamanderschwänze. – –
Kai nahm die Fäuste von seinen Augen, und langsam, ganz langsam verblaßte die Vision. Er befand sich auf dem Uferpfad im Lebuser Wald, zu seiner Linken noch immer die glucksende Oder. Starr standen die Schattenrisse der Uferweiden vor dem mauergrauen Hintergrund des Abendhimmels; aber es waren nur Bäume, wie er sich einschärfte, keine menschlichen Gestalten, in Gebärden der Drohung oder des Schreckens erstarrt. Er bückte sich, um nach dem Koffer zu tasten. Wie dunkel es auf einmal war. Während er weiterging, vor Schmerzen humpelnd, vor Müdigkeit taumelnd, wurde ihm zum ersten Mal bewußt, daß es eine ganz und gar verrückte Idee war, ausgerechnet nach Schloß Stiegliz zurückzukehren. So ausgehungert, daß seine Knie bei jedem Schritt unter ihm nachgaben; seine kleinen Finger und Zehen zerquetscht, sein Rücken eine einzige nässende Wunde, sein ganzer Körper mit Entzündungen, eiternden Bissstellen übersät. Doch ärger als seine Schmerzen, seine Traurigkeit, ärger selbst als der Wahnsinn der Erinnerungen und zurückgedrängten Schreie – unerträglicher als alles andere war der Haß, der in ihm fraß.
Haß auf dich, Bruder, der du mich verraten, in die Falle geschickt hast – warum? Er suchte immer noch nach einer Antwort, und er wußte, daß er niemals aufhören würde, danach zu suchen. Zugleich aber gestand er sich in diesem Moment, während er weiter auf die westliche Parkmauer von Schloß Stiegliz zuging, zum ersten Mal ein, daß er praktisch keine Chance mehr hatte, dieses Rätsel – oder irgendeines – zu lösen.
Am Ende, dachte Kai; das Triumphgefühl nach seiner Flucht hatte ihn nur ein paar Stunden lang getäuscht. Inzwischen war es tief in der Nacht. Seinen absurden Koffer voller Vergangenheitsplunder unter den linken Arm pressend, humpelte er durch die damals wadenhohe, stellenweise von Panzern der Roten Armee zermalmte Wildwiese von Park Stiegliz, hangabwärts auf die „rote, tote Hand“ zu. Warum wird mir das jetzt erst klar: daß ich nur aus einem einzigen Grund hierher zurückgekehrt bin – um an derselben Stelle zu verrecken, an der ich gezeugt und geboren wurde?
Er sank auf das Moosbett unter dem Blutbuchen-Fünfling, nicht im mindesten ahnend, daß er tatsächlich an genau diesem Ort in die Welt gestoßen worden war (in einer unerwartet warmen Herbstnacht, wobei seine Mutter auf allen vieren im Moos kauerte und sein Vater mit herabgelassenen Hosen hinter ihr kniete, eine Hand in ihr fleischiges Gesäß krallend, mit der anderen ihren Rücken noch tiefer ins Gras hinabdrückend, das damals noch, ähnlich dem gräflichen Haarschopf, in peinlichster gärtnerischer Sorgfalt geschoren war). Wie leicht er sich auf einmal fühlte, kein Hunger mehr in seinen Gedärmen, kein Haß mehr in seiner Seele, kein Grauen, kein Schmerz.
Wieder wehte ein Wolfsruf zu ihm herüber, viel näher jetzt, aber Kai spürte keine Angst. „Es geht zu Ende, sagte ich mir“, sagte er zu der Silhouette, die vor ihm auf einer Pritsche hockte, Hände und Füße mit Lederriemen gefesselt. Es dauerte einen Moment, bis er sich vollends bewußt wurde, daß er sich nicht mehr im Frühjahr 1954 befand, sondern achtunddreißig Jahre später, wenn auch unweit von dem Moosbett unter der „roten, toten Hand“, an dem in jener Nacht das ganz und gar Unerwartete geschehen war. „Ich dachte, ich würde sterben“, sagte er zu Lisa, „von Wölfen gefressen werden oder einfach vor Hunger und Schmerzen verrecken in diesem verrotteten Park unter der Schloßruine. Aber noch vor der Morgendämmerung kam meine Mutter zu mir und nahm mich mit und päppelte mich den ganzen Sommer und Herbst hindurch wieder auf, soweit das überhaupt noch möglich war.“
Tatsächlich waren sie am gestrigen Abend von Cramsen noch üppig mit Räucherfisch, Schwarzbrot und dem herbsten Pils versorgt worden, das Alex jemals gekostet hatte. Im Gegensatz zu Timo hatte er Speis und Trank kräftig zugesprochen, doch die erhoffte Bettschwere hatte sich nicht eingestellt: Unten in der Orangerie war Timo in ohnmachtsähnlichen Schlaf gesunken, er selbst aber war stundenlang in Gedanken durch den Park gestrichen und endlich in die Bibliothek zurückgekehrt.
Noch nie in seinem Leben war er in eine Geschichte verwickelt gewesen, die auch nur annähernd so abenteuerlich und abgründig, so anrührend und verrückt, so haarsträubend und lebensgefährlich wie diese hier war. Timo, Junge, dachte er wieder und wieder, wie konnte dein Vater dir das nur antun? Weit mehr noch als um den Freund, den er immerhin gesund und in seiner Nähe wußte, sorgte sich Alex allerdings um Lisa. Von seiner Zuversicht, daß sie hier in Schloß Stiegliz rasch zur Quelle aller Rätsel vorstoßen, womöglich gar auftreiben könnten, wonach die Entführer Lisas so dringlich begehrten – von dieser Hoffnung war vorderhand nicht viel mehr geblieben als eine höchst irrationale, vielleicht nur aus Verzweiflung entsprungene Gewißheit: Diese Leute wußten allem Anschein nach, daß sie von Timo etwas Unerfüllbares verlangten, und folglich ging es ihnen nicht um Geld und nicht um die verdammte Bernsteinstatue; sondern – –? An diesem Punkt stockten Alex’ Überlegungen wie jedesmal, um sich gleich darauf von neuem im Kreis zu drehen.
Soeben war der 27. Juni 1992 angebrochen, und das nüchterne Kalenderdatum schien ihm für einen Moment beinahe tröstlich, wie ein Haltegriff in einem Schacht, der immer weiter abwärts führte.
Ungeachtet der späten Stunde hatte er beschlossen, die spärlichen Fakten zu prüfen, die in den Notizen von Timos Vater aufgetaucht waren: Aller Wahrscheinlichkeit nach besaßen die Greuelmären, die sich so zahlreich um Schloß Stiegliz und das Verlies unter dem Schloßhügel rankten, irgendeinen wahren und wirklichen Kern. Eines Tages in grauer Vorzeit, dachte Alex, mußte einer von Timos Ahnen tatsächlich einen Fremden mitsamt seiner Sippe nach Stiegliz mitgebracht haben – und von da an war nichts mehr, wie es einst gewesen war. Angst und Schrecken verbreiteten sich in Schloß und Weiler, Spukgeschichten um Wölfe und Geister vernebelten die Köpfe der verstörten Leute – aber was war der Anlaß, die wahre Geschichte hinter all dem abergläubischen Spuk?
Ein geheimes Bernsteinlager unter dem Schloßhügel? Möglicherweise war das ein Zipfel der vernünftigen Erklärung, nach der sie so dringlich suchten: Der Fremde, den Timos Vorfahr hier eines Tages eingeschmuggelt haben mochte, konnte ein Bernsteinhändler gewesen sein. Damit niemand auf die Idee käme, sich das geheime Depot genauer anzusehen, hatte Timos Ahn die Greuelgeschichten womöglich selbst verbreitet: daß dort unten ein böser Wolfsgott hause, der fremde Mann diesem Götzen als Priester diene und jeder, der sich auch nur in die Nähe wage, vom Grafen persönlich gepackt und dem Wolfsgott geopfert werde.
Übereinstimmend hieß es in den Sagen, daß der Fremde (namens Valtin Supplit oder wie auch immer) und seine Tochter Saskia (die schöne Blonde mit den kalten Augen, eigentümlicherweise auch „Stasy“ gerufen) aus dem „Samland“ stammten – und wie Alex sich eingestehen mußte, hatte er nicht einmal schattenhafte Vorstellungen, wo sich dieses Samland befand. Und in welcher Epoche konnte sich (wenn überhaupt!) der wirkliche Kern der Greuelmären abgespielt haben, jener Fremde – möglicherweise ein „samländischer Bernsteinhändler“ – also hierher nach Stiegliz gekommen sein?
Um diese Fragen zu erforschen, war Alex wenig nach Mitternacht in die Bibliothek zurückgekehrt, wo er seither im dürftigen Öllampenschein nach gedruckten oder handschriftlichen Antworten suchte. Einmal glaubte er – draußen im Park, doch überrumpelnd nahe – ein Heulen und Winseln wie von einem ganzen Dutzend Wölfe zu hören. Aber er war entschlossen, sich in dieser Nacht durch keinerlei Mahren- oder Wolfsspuk irritieren zu lassen; so beugte er sich über das gräfliche Stehpult, blätterte den Folioband zu den Buchstaben ‘P–S’ der Encyclopaedia Prussica (Königsberg 1904ff.) auf und las:
SAMLAND, an der Ostsee gelegen; im Süden durch den Pregel gen Ermland und Natangen, im Osten durch den Großen Baumwald gen Nadrauen begrenzt. Reiche Bernsteinvorkommen (
Blaue Erde); ursprünglich Stammland der
Prussen.
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PRUSSEN (Pru:ßen; Pruzzen, Aesti), baltisches Heidenvolk, Anfang des 13ten Jhndt. ca. 400.000 Häupter zählend. Die P. waren überwiegend Bauern u. Bernsteinfischer auf primitiver Kulturstufe: Anbetung von Naturgöttern; keine Schriftsprache; keine staatliche Organisation. Im Zuge von Landnahme und Missionierung durch den
Deutschen Orden ab 1233 n.Chr. erloschen die P. bis ca. 1275 weitgehend, bis 1500 nahezu vollständig; desgleichen ihre Sprache und Kultur.
„Prussen?“ wiederholte Alex flüsternd, beschlichen von dem Eindruck, daß er allmählich gar nichts mehr verstand. „Wer zum Teufel soll das sein?“ Auf die wohlbekannten Preußen konnte sich der lexikalische Eintrag ja kaum beziehen: Nach allem, was er wußte, waren „die alten Preußen“ keineswegs „erloschen“, wenn auch im blutigen Durcheinander nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem einstigen Ostpreußen verjagt worden, das seither russisch war. Aber die wilhelminisch schnarrenden Preußen, Inbegriff deutscher Kriegslust und neugermanischen Heldentums, konnten sich schon deshalb schwerlich hinter den ominösen „Prussen“ verstecken, da diese laut der Enzyklopädie ein „baltisches Heidenvolk“ waren.
Einen Moment lang starrte Alex ins Leere, dann schüttelte er den Kopf und wuchtete den Folioband zu den Buchstaben ‘A–D’ auf das gräfliche Studierpult.
DEUTSCHER ORDEN, 1198 vor Akkon als „Orden des Hospitals zu Sankt Marien der Deutschen zu Jerusalem“ gegründet; 1199 von Papst Innozenz III. durch Bulle mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Mantel (Vorbild für das spätere Eiserne Kreuz) belehnt. Sein IV. und bedeutendster Hochmeister, der Thüringer Hermann v. Salza, dessen Fuß niemals ostpreußischen Boden berührte, folgte dem Rufe des Herzogs Konrad von Masowien, welcher den Orden um Unterwerfung und Bekehrung des aufsässigen
Prussenvolkes bat. Der Missionierungsgedanke verband sich bei H.v. Salza mit der Staatsgründung: Ausbreitung des Gottesreichs und zugleich Landnahme zwecks Urbarmachung und Besiedelung. (...)
Die Landstriche vom Kulmer Land bis Schalauen galten nach mittelalterlichem Recht als herrenlos, da von Heiden besiedelt. Legitimiert durch die Bullen von Rimini und Rieti, schickte H.v. Salza Bruder Hermann Balk als Großkomtur nebst 7 Ordensbrüdern und einer Kreuzfahrerschar gen Osten. Balk setzte 1233 seinen Fuß auf prussischen Boden und gründete bei Unterberg die erste Ordensburg: Marienwerder. Bis dahin waren alle Versuche gescheitert, die Prussen auf friedliche Weise zu missionieren; Balk zog es daher vor, zuerst das Schwert und dann das Kreuz sprechen zu lassen. Aufgrund hartnäckigen prussischen Widerstands traten Kirche und Kreuz mehr und mehr hinter Feuer und Schwert zurück, bis die Frage der Missionierung in den nun nahezu menschenleeren Landstrichen an Dringlichkeit verlor und ca. 1275 die hohe Zeit der ersten deutschen Ostsiedelung begann.
So kann man es auch ausdrücken, dachte Alex, während er abermals den Kopf schüttelte, diesmal jedoch vor Abscheu – wenn er es richtig verstand, verbarg sich hinter den blumigen Worten des Königsberger Enzyklopädisten ein dürrer Nekrolog: Anscheinend hatten die Ritter vom Deutschen Orden das Volk der Prussen in seinem eigenen Land überfallen und so lange mit Feuer und Schwert dort gewütet, bis niemand mehr übrig war, dem man die frohe Botschaft Christi hätte überbringen können.
Mit anderen Worten, überlegte Alex, die deutschen Ritter hatten das „baltische Heidenvolk“ ganz einfach ausgerottet, oder etwa nicht? Warum aber hatte er von diesem mittelalterlichen Genozid noch nie zuvor gehört? Vielleicht lag es ja an seiner etwas lückenhaften Bildung, aber er war beinahe sicher, daß dies nicht der entscheidende Punkt war. Wenn er die Zusammenhänge halbwegs durchschaute, hatten die Sieger in jenem vergessenen Vernichtungskrieg ihre Opfer nicht nur ausgelöscht, sondern offenbar auch ihres Namens beraubt. So wie man die Russen auch Reußen nannte, dachte er, dürften auch Prussen und Preußen im Grunde ein und derselbe Name sein. Das bedeutete aber doch, daß diejenigen, die sich seit damals Preußen nannten, eigentlich Vernichter der Preußen heißen müßten: Immerhin hatten sie diesen Namen und die „Preußen“ genannten Landstriche an sich gerissen, indem sie deren ursprüngliche Bewohner mit Feuer und Schwert auslöschten – und durch den Namensraub vollends in den Abgrund des Vergessens hinabstießen.
Er hatte nicht die blasseste Vorstellung, auf welche Weise diese uralten Greueltaten mit den mysteriösen Wolfsstatuen, den um Schloß Stiegliz gerankten Spukgeschichten oder gar mit Lisas Entführung zusammenhängen mochten; aber aus irgendeinem Grund war er sicher, daß dieser Zusammenhang existierte und sie endlich auf der richtigen Spur waren.
Aufgeregt blätterte er in dem vor ihm liegenden Folioband bis zu einem weiteren Eintrag zurück: Bei all den mörderischen Verwirrungen schien es damals wie heute vor allem um diese rätselhafte Substanz zu gehen, deren Beschaffenheit und Geschichte ja auch Timos Vater schon nachgeforscht hatte.
BERNSTEIN (griech. Elektron, lat. Succinit; dt. auch Amber), Scheinstein in Farben von hellem durchsichtigen Gelb bis Rotbraun; tatsächlich ein fossiles Harz. Bernen = mittelniederdeutsch für brennen: B. sondert bei Verbrennung ätherische Öle ab, denen seit altersher halluzinogen berauschende und vielerlei Heilwirkung zugeschrieben wird. Auch Verarbeitung zu B.säure und B.öl sowie zu Schmuckstücken, Skulpturen u.s.f. Das von den Griechen „Elektron“ genannte B. ist stark negativ geladen und wirkt daher abstoßend bzw. nach Reibung anziehend.
***
BERNSTEINREGAL, vom Dt. Orden an seine Untertanen verliehenes Recht, B. zu sammeln. Das alleinige Ankaufsrecht verblieb bei den sog. B.herren: Beamten des Dt. Ordens, für den der Handel mit B. eine bedeutende Einnahmequelle war. Unbefugtes B.sammeln wurde mit sofortigem Todesurteil geahndet: Vierteilen; Pfählen; Aufknüpfen am nächsten Baum. Dennoch kam es im 13ten Jhndt. häufig zu Verstößen v.a. im
Samland, wo B. in heidnischen Ritualen der
Prussen Verwendung fand: Verarbeitung zu Idolen; Verbrennung und Verdampfung zwecks Berauschung der Götzenpriester u.a.m.
Also war er mit seiner allerersten Vermutung doch auf der richtigen Spur gewesen, dachte Alex: Hatte der schwarze Saal unter dem Schloß tatsächlich irgendwann einmal als Kultstätte gedient? Aber das bedeutete ja ...
Während er überlegte, fiel sein Blick auf einige blaßgraue Schriftzeichen, die eine längst verdorrte Hand vor langer Zeit neben die Wörter Verarbeitung zu Idolen gekrakelt haben mochte: R-MDCIV.
Eine Signatur, dachte Alex – zwar keine der Sigeln, die ihm bisher bei den Chronikbänden begegnet waren, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit verwiesen die Zeichen auf ein Buch aus den Beständen der gräflichen Bibliothek! Noch ehe er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, setzte er sich in Bewegung: Seine Müdigkeit abschüttelnd, eine Öllampe in der Rechten, steuerte er auf ein Bücherregal nahe der Flügeltür zu, in dem ihm schon gestern mehrere Dutzend überwiegend dünnleibiger Bände aufgefallen waren, deren Sigeln allesamt mit R- begannen. Eine starke Erregung hatte sich seiner bemächtigt; rasch reckte er die Lampe zu den höheren Bücherreihen empor – da, kein Zweifel: Das Lichtlein beschien just dieselbe Sigle, die jene unbekannte Hand auch in der Encyclopaedia Prussica neben dem Wörtchen Idolen notiert hatte: R-MDCIV.
Die Mansarde war bis unter die Decke von honigfarbenem Dampf erfüllt. Schwaden schwebten zwischen den Wänden, von denen die Tapeten in Fetzen herabhingen, und waberten vor der Fensterluke umher, die mit Preßspanfragmenten aus volkseigener Herstellung verrammelt war. Ein aufmerksamer Beobachter hätte vom Park aus gleichwohl den Lichtschein bemerken können, der durch mehrere Ritzen aus einem Dachfenster des Herrenhauses drang. Doch um diese Nachtstunde befand sich niemand mehr in dem abschüssigen Gelände zwischen der Orangerie und der Schloßruine, abgesehen vielleicht von ein paar Wölfen, aber auch das war ungewiß.
Margot Wegener saß auf einem Holzstuhl vor dem Tischchen, das wahrscheinlich seit Jahrzehnten in seiner Nische neben der Fensterluke stand. Noch immer trug sie die weiße Nonnenkutte, die über ihrer linken Brust zerfetzt und blutgetränkt war, seit Trowal seine Pistole auf sie abgefeuert hatte. Wenn Margot sich aufrichtete, sah zwischen den versengten Stoffetzen ein Halbmond blasser Haut hervor, darin die Wunde, die sie durch den Streifschuß davongetragen hatte: ein rotes Oval neben ihrer Achselhöhle, beinahe von der Form eines üppigen Lippenpaars.
Derzeit aber machte sie keinerlei Anstalten, sich aufzurichten. Auf der Tischplatte vor ihr lagen zwei bis drei Dutzend goldgelbe Klümpchen, von der Größe gewöhnlicher Murmeln, funkelnd im Schein einer Ölfunzel, über deren Flamme sie eine Glasschale hielt. Ihre Mähne hatte sie mit einer Kordel im Nacken zusammengebunden, damit ihre Haare nicht in Brand gerieten, wenn sie sich wieder und wieder über die Glasschale beugte, deren Boden mit einer leuchtend gelben Flüssigkeit bedeckt war – geschmolzenem Bernstein, dessen schwere, nach Honig und Weihrauch riechende Dämpfe sie in diesem Moment abermals einsog, gierig, mit weit geöffnetem Mund.
Die Dampfschwaden formten sich zu goldenen Grotesken, Fratzen von phantastischer Beweglichkeit. Margot keuchte; niemals zuvor hatte sie Amberdampf von derart berauschender Qualität inhaliert. Sie lehnte sich zurück, schwankend selbst im Sitzen und so trunken von den göttlichen Wolfsaromen, daß ihr Blick sogar die massive Schloßmauer, drei Handbreit vor ihren Augen, und die draußen herrschende Nachtschwärze durchdrang. Mit einer detailreichen Schärfe, die kein gewöhnlicher Tagtraum je zustandebrächte, sah sie Timo Prohn vor sich, wie er auf seinem Bett unten in der Orangerie lag, in tiefem Schlaf, seine Haut glänzend vor Schweiß.
Hinter einer Brombeerhecke verborgen, hatte sie gestern abend mitangehört, wie er, am Rand des Erdlochs unter dem Blutbuchen-Fünfling stehend, in den Abgrund seiner Erinnerung abgestürzt war. Margot verstand nur zu gut, daß er sich nach diesem Erlebnis nun in schweren Träumen umherwälzte, und wie gerne wäre sie durch den finsteren Park gelaufen und auf sein Lager geglitten; aber das war aus mehreren Gründen unmöglich. Sie war viel zu berauscht, um sich auch nur von ihrem Stuhl zu erheben, und jener Alex (seit gestern kannte sie zumindest seinen Vornamen), der dem verschwundenen Kai so sonderbar ähnelte, bewachte seinen Freund Timo wie ein Schloßhund, bei Tag und bei Nacht. Nein, sie mußte warten, beschloß Margot, während sie sich abermals über die goldenen Dämpfe beugte – auf keinen Fall durfte sie jetzt noch einen Fehler machen, so kurz vor dem Ziel.
Bewiesen ihre Bernsteinfunde etwa nicht, daß sie dem Ziel nahe war, daß die Sagen von der schönen Saskia und ihrem Wolfs- und Bernsteinzauber, denen sie seit so vielen Jahren nachging, im Kern allesamt die Wahrheit sprachen? Wieder richtete sie ihren Oberkörper auf, und diesmal schwankte sie so heftig, daß sie fast vom Stuhl gefallen wäre. Achtung! Wollte sie vielleicht noch das halbe Schloß aufwecken – Cramsen, Alex, den blondgelockten Jungen oder wer immer sich um diese Stunde in der Ruine aufhalten mochte? Sie klammerte sich an den Rand der Tischplatte und beugte sich noch einmal vor, diesmal aber nur, um die Ölfunzel unter der Schale auszublasen. Dann ließ sie sich seitlich vom Stuhl gleiten und kroch im Stockdunkeln auf das stockfleckige Bett neben der Tür zu, in dem vor einem halben Jahrhundert eines der gräflichen Dienstmädchen genächtigt haben mochte. Während sie mit den Bewegungen einer schlafwandelnden Raubkatze durch die Mansarde tappte, begann sich die Wunde über ihrer linken Brust wieder zu rühren – wahrhaftig wie ein zweiter Mund, dessen Lippen sich probeweise zu öffnen und zu schließen schienen.
Ich bin Saskia, dachte Margot, keineswegs zum ersten Mal; aber nie zuvor (nicht einmal vorgestern nacht, als sie ganz Stiegliz durch ihr keckerndes Hexengelächter aufgeschreckt hatte) war sie sich derart sicher gewesen: Sie spürte ja die Kraft der Saskia in ihrem Innern, wie einen heißen Strahl in ihrer Brust – o ja, dachte Margot, über den Mansardenboden kriechend, ich weiß alles über dich, Saskia, dein Geist ist in mir, Tochter des mächtigen Heidenpriesters Supplit, die du in wundersamen Legenden mal als heilige Saskia verherrlicht, mal als Hexe Stasy geschmäht wirst: Saskia, Priesterin des Wolfsgottes, der unter dem Schloß haust – – heilige Magdalena, Nonne der Muttergottes, deren Kutte ich trage, wie du sie damals trugst – – magische Stasy, die ihren Buhlen mit Liebeszauber betört und selbst die Toten auf dem Kirchhof erweckt mit heidnischem Kreischen – – Saskia, die nach alten Legenden alljährlich im Junius in den Leib einer wohlgestalten Maid fährt, um als Buhlin Stasy nach Stiegliz zurückzukehren.
Margot verharrte einige Augenblicke neben dem Bett, noch immer auf allen vieren und zu schwindlig, um auch nur eine Hand zur Bettkante zu erheben. Honiggoldene Hexenbilder tanzten vor ihren Augen: Gräber, die sich öffneten, Haufen bleicher Knochen, die sich unter kundigem Gemurmel von Zauberhand zu ordnen, zu beleben begannen ... Sollte es etwa Zufall sein, überlegte sie benommen, daß sich das Erdloch draußen im Park genau unter dem Rotbuchen-Fünfling befand – just dort, wo die schöne Saskia ihren Buhlen zu empfangen pflegte? Zufall, pah – an so was glauben nur Dummköpfe, dachte Margot, die allerdings viel zu berauscht war, von den Bernsteindämpfen und ihrer eigenen brillanten Rolle in diesem Zauberspiel, um sich die naheliegende Frage zu stellen, wer (und aus welchen Gründen) das Erdloch ausgehoben hatte.
In der Abenddämmerung war sie gestern in die Grube hinabgeklettert, zuerst nur, um sich vor Timo Prohn zu verstecken, der sie droben im Schloß ertappt hatte und ihr bis in den Park hinterhergeeilt war. Dann hatte sich Timo auf das Mooslager unter den Blutbuchen gelegt, anscheinend in der Hoffnung, daß sie zu ihm zurückkehren würde; und Margot war auch bereits im Begriff gewesen, sich ihm zu nähern, als sie das goldene Funkeln am Boden der Grube bemerkte: Unzählige Bernsteinklümpchen zwischen Erdbrocken, Steinen, fahlem Wurmgeringel. Hastig hatte sie sich die Taschen ihrer Kutte mit Amberkrumen vollgestopft, und dann hatten sich die Ereignisse überschlagen: Von der Orangerie her war jener Junge herbeigerannt, der aufs Haar wie Timos Bruder auf den vierzig Jahre alten Fotografien aussah, in weitem Abstand gefolgt von dem alten Cramsen. Sie hatte eben noch aus dem Erdloch kriechen und hinter der Brombeerhecke Deckung suchen können, dann war der Junge (Kais Sohn, wer sonst?) vor ihren und Timos Augen in die Grube gestolpert – und Timo hatte ihn angestarrt wie einen Geist, um gleich darauf zu seinem dramatischen Erinnerungsmonolog anzuheben.
Nur ganz am Rande nahm Margot wahr, daß sie mittlerweile flach auf dem Boden lag, ihre Wange auf das staubige Linoleum gedrückt. Dunkelheit umgab sie, doch für sie war die Nacht seit jeher wie ein schwarzer Vorhang, auf den ihre Einbildungskraft fieberbunte Phantasmen malte. Vor drei Tagen in ihrem Haus in Wilhelmsbad, als sie diesen Trowal mit Hilfe der Wolfsflöte zu Boden gepfiffen hatte, waren mit einem Mal alle Zweifel von ihr abgefallen, die sie in den letzten Jahren immer wieder gequält hatten:
O nein, sie hatte sich keineswegs nur eingebildet, daß den Wolfsfiguren Zauberkräfte innewohnten, und o nein, sie war auch keineswegs eine „nekrophile Grabschänderin“, wie es in den Zeitungen geheißen hatte, sowenig wie die weise Saskia eine verrückte alte Vettel gewesen war. Nach den jüngsten Entwicklungen würde Carl Söllner gar nichts anderes übrig bleiben, als sie endlich anzuhören, in seinen innersten Zirkel einzulassen, dachte Margot, während sie nach der losen Bohle unter ihre Bett tastete. Seit dreizehn Jahren, als sie (durch ihren Vater) zum ersten Mal auf die Saskia-Legende gestoßen war, sammelte sie alles, was über die geheimnisvolle Priesterin und deren Vater Valtin Supplit, über den Wolfsgott Patollo und die Bernsteinmysterien unter dem Schloßhügel von Stiegliz überliefert war. Niemand kannte so wie sie jede Mär, jeden Hexenspruch, die Stasy oder Saskia zugeschrieben wurden; niemand wußte so wie sie über Aussehen und Beschaffenheit der bernsteinernen Reliquien Bescheid, die zum Kult der Saskiatrimpe gehörten. Sie würde Söllner oder zumindest seinen engelsblonden Adlatus Harding zwingen, sie zu empfangen, beschloß Margot, gleich morgen. Wenn sie durchblicken ließ, daß sie eine der Bernsteinstatuen an sich gebracht hatte und überdies wußte, wer über ein zweites Exemplar dieses einzigartigen Zyklus verfügte, blieb Söllner gar keine Wahl mehr: Dann muß er mich ins Vertrauen ziehen, dachte sie, dann wird endlich keine Rede mehr davon sein, daß sie mich niemals beauftragt hätten – dann wirst du mich anbetteln, Torbert Harding, denn ohne mich kommt ihr nie ans Ziel.
Margot streckte ihre Hand aus, schob das Holzstück zur Seite und zog aus dem darunter liegenden Hohlraum die „Wolfsbiß“-Statue hervor. Der Bernsteinjüngling schien selbst im Dunkel der nächtlichen Mansarde zu funkeln, und Margot führte ihn erst an ihren Mund, dann an das zweite Lippenpaar über ihrer linken Brust.
Ihr Gefängnis maß allenfalls drei auf drei Schritte, ein fensterloses Gewölbe, die Wände kalt und feucht. Auf dem Schemel neben der schweren Holztür, wo bis vor wenigen Augenblicken ihr Entführer gesessen hatte, stand nun die Ölfunzel, die er eben noch in der Hand gehalten hatte – eine Eisenlampe mit tanzendem Flämmchen, die in unregelmäßigen Abständen fauchte und so unwahrscheinlich mittelalterlich wirkte wie das gesamte Gewölbe, in dem man sie gefangen hielt.
Lisa fröstelte in ihrer Sommerbluse. Gern hätte sie ihre klammen Hände aneinander gerieben, aber das ging nicht: Die Entführer hatten ihr die Handgelenke und selbst die Fußknöchel zusammengeschnürt verschnürt. Sie lag rücklings auf einer Holzpritsche, über die der ältere der beiden (der Alex Gerten so überraschend ähnelte) eine nach Schimmel stinkende Wolldecke gebreitet hatte – eine Geste der Fürsorglichkeit, die Lisa vielleicht rührend gefunden hätte, wenn sie nicht viel zu durcheinander gewesen wäre. In den zurückliegenden Tagen hatte sie alle Stadien der Panik durchmessen – Todesangst, Weinkrämpfe, Aufbegehren, Apathie. Doch seit der ältere ihrer Entführer begonnen hatte, ihr die Geschichte seines Lebens zu erzählen (anzuvertrauen, aufzudrängen), war ihre Angst einer diffusen Mischung aus Wut und Mitleid gewichen, aus Unbehagen und tiefer Ratlosigkeit.
Gestern abend erst, vor vielleicht sechs oder sieben Stunden, waren sie hier eingetroffen, und schon begann Lisa sich nach den Tagen zu sehnen, als sie in einem Kleinbus mit verdunkelten Scheiben kreuz und quer durchs Land gekarrt worden war. Während dieser Reise war ihr nach und nach gedämmert, wer ihre Entführer tatsächlich waren. Zuerst hatte sie vor allem deshalb um ihr Leben gefürchtet, weil sie nicht einmal versucht hatten, ihre Identität zu verbergen: Sie zeigten sich ihr ohne Maskierung, von Anfang an, sprachen in ihrer Gegenwart offen miteinander und redeten sich sogar mit ihren Namen an: Robert Trowal, der seit kurzem verschwunden war (angeschossen, verhaftet, doch davon wußte Lisa nichts), Kai Wilko, Georg. Und Lisa, die sich verzweifelt ins Gedächtnis zu rufen versuchte, was sie jemals über die Verhaltensweisen von Kidnappern gelesen hatte, war zu dem Schluß gekommen, daß sie gezwungen sein würden, sie über kurz oder lang zum Schweigen zu bringen, um sich selbst vor Verfolgung und Überführung zu schützen.
Zugleich aber hatte sie sich immer wieder mit der Frage gemartert, woher der blondgelockte Junge mit der athletischen Gestalt und den grünen Augen ihr derart bekannt vorkam. Doch auch diese Antwort hatte sie erst gestern abend gefunden: als der Kleinbus, in dessen Fonds sie, verschnürt wie ein Bündel, zwischen Koffern und Rucksäcken lag, auf einmal zum Stehen kam; als der Motor ausgeschaltet wurde, der Junge sie mit rauher Stimme aufforderte auszusteigen – und Lisa sich zu ihrem Erstaunen am Ufer der Oder wiederfand. Auf dem Hügel im Hintergrund erhob sich, ein Scherenschnitt vor dem orangeroten Abendhimmel, das Schloß, das sie erst wenige Tage vorher fluchtartig verlassen hatte; und da erst hatte sie begriffen, woher der Junge ihr so seltsam vertraut schien: von den Fotografien aus Timos rissigen Kindheitskartons; und mit einem Satz hatte ihr Verstand die Lücke geschlossen: Kai – sein verschollener Bruder – die Entführung eine „Beziehungstat“, wie so etwas im Jargon der Polizisten und Psychologen wohl hieß.
Vom Oderwald, wo Kai den Van in einem abbruchreifen Schuppen untergestellt hatte, waren sie auf verstrüppten Pfaden bis hierher gestolpert, zuletzt durch einen Gewölbegang, der mit Modergeruch gefüllt war, bis in dieses Kerkerloch unter dem Schloß. Und dann erst, im Verlauf dieser Nacht, während sie Kais scheinbar unbewegter Stimme lauschte, hatte Lisa schließlich auch verstanden, warum er sie gerade hierher verschleppt hatte und warum er darauf bestand, daß sie noch in ihrem Verlies an Händen und Füßen gefesselt blieb: damit sie, stellvertretend für seinen Bruder, zumindest einige der Qualen durchlebte, die er selbst vor langer Zeit erleiden mußte.
Bisher hatten sie nicht darüber gesprochen, daß Lisa herausgefunden hatte, wer sich hinter dem Namen Kai Wilko verbarg. Bislang hatte sie es nach Möglichkeit vermieden, überhaupt das Wort an die beiden Männer und den Jungen zu richten, zumal Trowal und mehr noch Wilko zu Wutausbrüchen neigten; aber höchstwahrscheinlich hätte Kai (Prohn!) nicht begonnen, ihr seine todtraurige Lebensgeschichte zu erzählen, wenn er vor ihr verbergen wollte, wer er wirklich war.
Was für eine Geschichte, dachte Lisa wieder, wahrhaftig wie eine Begebenheit von der Nachtseite dieser Welt. Doch die feuchte Kälte, die immer tiefer in ihre Knochen kroch, und der Blutstau in ihren Händen erlaubten keinen Zweifel: Sie befand sich nicht in einem schwarzromantischen Tagtraum, sondern in den Händen höchst realer Entführer, und daß die beiden mit ihr verwandt waren – der verschollene Schwager, der unerwarterweise auch noch einen Sohn hatte –, machte ihre Lage nur noch gefährlicher, die Motive der Kidnapper noch weniger berechenbar. Denn auch wenn Kai in den zurückliegenden Stunden, auf dem Stuhl neben ihrer Kerkertür hockend und die Ölfunzel in seinen verstümmelten Händen haltend, mit unbewegter Miene Bruchstücke seiner Geschichte zum Besten gegeben hatte, war ihr doch eines ganz und gar klar geworden: Kai haßte seinen Bruder Timo auf den Tod.
Wieder kroch Angst in ihr empor, vermischt mit Zorn, Selbstmitleid und Mitgefühl. Irgendwo in der Ferne vernahm sie ein sonderbares Heulen, anscheinend weit unter ihr, wie von einem Wolf, der in der Tiefe der Erde hauste, und ein Frösteln überlief Lisa, obwohl sie sich sogleich sagte, daß es so etwas selbstverständlich nicht gab: winselnde unterirdische Dämonen; nicht in Wirklichkeit, deren Gesetzen selbst dieses fluchbeladene Schloß mehr oder minder unterlag.
„Eykete, bokello“, sang die „wilde Wilka“, wie sie von den Stieglizern seit jeher genannt wurde, „eykete, bokello, eykete – komm, komm, mein Jüngelchen, schlaf ein.“
Zuerst hatte er gedacht, daß sie ein Fieberbild sein müsse, er nur im Traum nach Stiegliz zurückgekehrt, nur im Traum auf dem Moosbett unter der „roten, toten Hand“ eingeschlummert sei und daß er folglich auch nur träume, dort zu erwachen – erschöpft, halbtot, aber in Sicherheit. In Wirklichkeit, hatte er schlaftrunken überlegt, war er doch bestimmt immer noch in der Gewalt des „Schinderonkels“: im Kasten voller Wolfsspinnen oder im Salamandersarg eingepfercht, nackt und gefesselt, mit Wunden übersät, vor Schmerzen, Ekel und Entsetzen wimmernd wie an jedem Tag, seit sein Bruder ihn ins Verderben geschickt hatte.
Die blonde Frau hatte ihn durchdringend angesehen, aufmerksam und so liebevoll, daß er auf einmal schlucken mußte. „Eykete, bokello“, sie hatte die sonderbaren Worte geflüstert, und obwohl er sie nie zuvor gehört hatte, faßte er ihre Bedeutung instinktiv auf. Im Mondschein konnte er ihr Gesicht, ihre Gestalt nur undeutlich sehen, und doch bemerkte er sofort, daß sie von außergewöhnlicher Schönheit war. Zugleich ging etwas Wildes von ihr aus, Stärke und Kühnheit, und während sie aus ihrem Gewand eine Flasche hervorkramte, tauchte in seinem Gedächtnis unversehens ein Name auf, den er früher, in seiner Kindheit, häufig gehört und niemals mit einer wirklichen, lebenden Person verbunden hatte: Wilka, die wilde Frau aus dem Wald.
Sie hatte mit einer Hand behutsam seinen Kopf angehoben und ihm einige Schlucke des Gebräus aus ihrer Flasche eingeflößt. Eben noch war er sicher gewesen, daß er nie mehr, niemals mehr eine Berührung ertragen würde, die Hand eines Menschen irgendwo auf seiner Haut. Nun aber zuckte er nicht einmal zusammen, als er ihre Finger unter seinem Nacken spürte, ihre kleine, rauhe Hand, die seinen Kopf stützte, damit er aus ihrer Blechflasche trinken konnte. Dabei wisperte sie immerzu weiter in ihrer fremden Sprache, und ehe er sich versah, hatte er sich bereits aufgerichtet – erst auf seine Knie, dann sogar auf die Füße, und ging mit ihr den Schloßhügel hinab, durch die von Panzerketten zerpflügte Wiese an der Orangerie vorbei und schließlich, nachdem sie die Parkmauer hinter sich hatten, tiefer und tiefer in den Wald.
Ohne es recht zu bemerken, hatte er einen Arm um ihre Schultern gelegt (sie war einen Kopf kleiner als er), und erst als er bereits den wohlvertrauten Waldteich vor ihnen im Mondlicht glitzern sah, fiel ihm auf, daß er keinerlei Schmerzen spürte, zum ersten Mal seit vielen Wochen ganz und gar schmerzfrei war; nicht einmal in seinen zerquetschten Zehen und zerdrückten Fingern summte auch nur der leiseste Schmerz. Er glaubte zu schweben, fingerbreit über dem Waldboden; die Nachtluft fühlte sich samten auf Armen und Wangen an – das alles mußte von dem Wundertrank kommen, den sie ihm eingeflößt hatte, oder vielleicht einfach von ihrer zauberischen Gegenwart und von der Magie der Wörter, die sie leise und unverwandt sang: „Eykete, bokello, eykete, Kai.“
Sie führte ihn tiefer in den Wald, als er je zuvor gekommen war; dabei hatte er, im Gegensatz zu Timo, niemals die väterlichen Befehle beachtet und auch die „verbotenen Orte“ immer wieder aufgesucht. Erst nach Stunden, als der Morgen bereits über den Wipfeln dämmerte, erreichten sie die Hütte, in der Wilka hauste, verborgen in einer sandigen Senke, ein hölzerner Rundbau mit einer kreisrunden Lagerstatt, auf der er sogleich in Schlaf sank.
Die wilde Wilka aber schälte ihn sanft aus seinen Lumpen, wusch Schlamm und Blut, Spinnendreck und Echsenkot von seinem Körper, bestrich seine Wunden mit Heilsalben nach altprussischen Rezepturen, verband seine in Knochensplitter zertrümmerten, zu unförmigen Klumpen aufgeschwollenen Finger und Zehen und summte dabei unablässig das Wiegenlied, mit dem die Mütter am Ufer der Nogat schon vor tausend Jahren ihre Knäblein in den Schlaf gesungen hatten: „Eykete, bokello, eykete ...“– –
Eine mitleidige und glücklicherweise auch heilkundige Frau, die zur rechten Zeit am rechten Ort war und ihm damals zweifellos das Leben gerettet hat, dachte Lisa – kein Wunder, daß Kai ihr bis heute dankbar ist. Aber deshalb gleich zu glauben, daß sie seine Mutter, er selbst das Ergebnis eines verschwiegenen Fehltritts sei? Einer Affäre ausgerechnet zwischen diesem wilden Weib aus dem Wald und dem Grafen Prohn zu Stiegliz, Timos Vater, der nach allem, was Lisa wußte, ein förmlicher Mann von preußisch steifem Betragen war?
Während sie noch darüber nachdachte, fühlte sie Kais Blick auf ihrem Gesicht. Sie richtete sich auf ihrer Pritsche auf, soweit ihre Fesseln es erlaubten, und sah ihn fragend an. Zusammengesunken hockte er auf dem Schemel neben der Tür, und die Ölfunzel, die er auf den Boden gestellt hatte, leuchtete ihn von unten her an, so daß seine Gesichtszüge scharf aus dem umgebenden Dunkel hervortraten.
„Als ich damals wieder zu mir kam, in ihrer Hütte draußen im Wald“, sagte Kai, „saß sie an meiner Seite, über mich gebeugt, so daß ich im ersten Moment meinte, in einen sonderbaren Spiegel zu sehen.“ Für einen Augenblick erschien auf seinem Gesicht ein Lächeln, das für seine Verhältnisse beinahe gelöst wirkte (sie hatte ihn kaum jemals lachen sehen – allenfalls ab und zu mit seinem Sohn). „Ich sehe ihr so ähnlich, wie ein Sohn seiner Mutter nur ähneln kann – vielleicht beantwortet das die Frage, die du dir gerade gestellt hast? Außerdem haben mein Vater und Wilka nur eine Tradition fortgeführt, die vor siebenhundert Jahren begründet worden ist – von Hartbert von Stacklit und seiner prussischen Geliebten, der wilden Heidenpriesterin Saskia.“
Behutsam zog Alex das Büchlein zwischen den anderen dünnleibigen Bänden hervor. Wieder glaubte er draußen im Park das Heulen von Wölfen zu hören, vielstimmig und so laut, als ob die Bestien nicht mehr fern und verstreut durch die Wälder strichen, sondern sich allesamt vor den Fenstern der Bibliothek versammelt hätten. Unsinn, beschwichtigte er sich, wischte mit dem Ärmel über das verstaubte Frontispiz des Büchleins und entzifferte:
Ritter Hartbert von Prohan
Romantische Bruchstücke
von
Friedebert Prohn
Stiegliz 1854
Vorrede
Gar Mancher in der Sippschaft Derer v. Prohn z. Stiegliz meinet, mich (Euern Getreuen Friedebert!) als Märenonkel und Sagen-Säuseler verspotten zu sollen: männische Hohnworte, welche mich des Schlafs sowenig wie des Abermuts berauben, weitere Mysteria hervorzuscharren. Habe in Tat und Wahrheit gar manche Sagen um versunkene Schlösser, brennende Schätze und geisternde Mahren schon eingesammelt, insonderheit solche, so in und um Stacklit in alter Zeit geranket, und scheue mich itzo nicht, Gold auf Silber zu häufen, indem ich im vorliegenden Privatdrucke die Kunde von unserm wackern Ahnen Ritter Hartbert zu Stacklit der grusellüsternen Leserschaft unterschiebe.
Item: Indessen meine Damen Schwestern und Herren Brüder empfindsam gen Weimar respektive Venezia et Roma schwärmten, ich jedoch als Erbgraf und Stammhalter und Gutsverwalter hier auf bröckelndem Provinz-Palazzo sitzenblieb: wußt’ ich mir doch aus eigner Kraft zu raten und zu helfen, indem ich im Schlosse mit den Jahren ein artiges romantisch’ Cabinett zusammengebracht: eine muntere Runde von Volkskundlern und Magnetiseuren, Bergforschern, Literaten, sophistischen Philosophii u.s.f. – Wenngleich ich selbst gewiß kein Novalis bin (er ist bleicher) und fürwahr kein Byron (er ist reicher), entbehren wir doch selten des geistreichen Amüsements und gothisch-abenteuerlichen Spukes – – so insonderheit im Abenddämmer, wenn zu manch braver Leute Mißbehagen die Mahren fahl durch Park Stiegliz ziehen ...
Dem Cabinette nun gehöret auch ein gewisser L. an: beleibter Volks- und beliebter Märenkundler sowohl wie gelahrter Erforscher des Deutschen Ritterordens, welch letzterer unsern eisernen Ahnen zu manch bestialischer Belustigung und schauriger Sommerfrische diente. – Von L. also erhielt ich ohnlängst ohnerhörte Kunde, als welche mich zu gegenständlicher Niederschrift gedrängt:
Nicht anders als Katharer oder Templerherren, so L. nämlich, an seiner Meerschaumpfeife saugend, pflegten die Deutschordensleut’ diskrete Botschaften auf vielerlei Weise zu verschlüsseln und an ohnerwarteten Stätten zu platziren: auf Grabsteinen, in Ölgemälden, Druck- und sonstigen Schriftwerken scheinbar belanglosen Inhalts u.s.f.! – Und noch während ich an dieser Botschaft würgte, entwickelt’ L. mir die Geheimschablone, so die Deutschordensleut’ bis tief ins 13te Jhndt. für ihre Obscura gebrauchet: eine feine Formula, fürwahr, so ausgeheckt und hübsch ertüftelt, daß ich sie selbst diesem discreten Fragmente nicht anvertrauen mag. –
L. hatte mir das Mysterium kaum enthüllet, da komplimentierte ich ihn auch schon aus dem Schlosse – jagte in den Büchersaal zurück – raffte Band um Band aus alten Zeiten – schleppte die Schwarten zum Studiertisch – schlug auf; blätterte; seufzete; stöberte – setzte die Formula wie Blutegel, die Schablone wie Saugzecken auf die öden Einträge an – und fand endlich, endlich, nachdem längst schwarze Nacht auf Schloß und Park gesunken, im Jahresband zu 12** A.D. (wo genau, verrat’ ich nicht) eine ergiebig scheinende Notiz. –
Die Wahrheit zu sagen: ein ohnglaublich weitschweifiger, ohngemein ermüdender, ohnsäglich irrecensibler Eintrag – doch gerade die bohrende Langeweile, so von einem Werk ausstrahlet, soll laut L. ein harter Hinweis auf verborgenen Tiefsinn sein! – –
Ururahn Hartbert also heißet der Rittersmann und verbreitet dortselbst sich Seite um Seite über ergiebige Regenfälle, welche seinen Helm anno 12** zu netzen beliebten; über Käfer, die auf der Borke der gräflichen Birken wimmelten; über schattirende Farben in Moosflechten gar u.s.w., daß es den Leser vor Ennui schier in den Wahnsinn treibet – – bis ich die feine Formula appliciret, das gantze Hartbertische Buchstabengeklingel durch den Geheimschablonen-Trichter gekippet – et voilà, voilà – –: stieß ich auf den ohngeheuersten Rapport, so je in meinem Leben vernommen; die atemberaubendste Schilderung des ohnwahrscheinlichsten Vorfalls, so wohl jemals einem Derer zu St. widerfuhr. –
Gebe nachfolgend den Rapport des Ururahnen Hartbert mit urureigenen Worten wieder: hier und dort behutsam aufhellend, wo’s für romantisches Verständnis rathsam scheint.
Erstes Bruchstück
– – im Samlande, 1239 A.D., zur ersten Frühjahrswärme, da die Schnee- und Eismassen allerorts in braunen Schlamm und gurgelnder Flut sich lösten: An jenem Tag des Herrn trieben wir, Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani, die Heiden wider die samländischen Gestade zurück. Gar zahlreiche Kreuzfahrer waren unserm Ruf gefolget, herrliche Franken so gut wie wackere Boehmen, und lechzeten unser aller Herzen darnach, den Mut der von Götzen verblendeten Prussen für alle Zeit zu lähmen.
Dank himmlischer Führung glückt’ es uns, im Morgengrauen die Heidenschar zu umzingeln: In ihrem Heerlager umschlossen wir sie, und das Schwert der christlichen Ritterschaft verzehrte blitzend das Fleisch der Ohngläubigen, noch ehe die Sünder recht erwachet waren. Nur wenige Lanzen bohrten sich vergebens in die Wunden der Widersacher; bloß eine Handvoll Heiden entkam an jenem Tage unserm gerechten Zorn: Diesen setzten wir nach; wohin es sie zog, war leicht vorauszusehen: zu ihrer festen Burg mit Namen Balga, ein Trumm aus Lehm und Eichenbohlen, so sich auf dem schroffen Hügel über dem Haffe erhob.
Noch ehe die Sonne über der See gen Mittag gestiegen, sprengten auf schnaubenden Rössern wir den alpisch steilen Burgberg hinan: Oben rannten die Heiden schreiend auf ihren Lehmwällen auf und nieder; singend fuhren die Schwerter Christi aus den Scheiden Mariae; schon bohrten sich die ersten Brandpfeile in Eichenbohlen – – da unterlief mir, Frater Hartbert Prohan zu Stacklit, ein furchtbarlich Mißgeschick:
Befand mich, die Wahrheit zu ehren, erst wenig über dem Fuße des unwegsam steilen Hügels; war an jenem Tage des Herrn wohl der ritterlichen Nachhut zugeteilt. Da scheute auf einmal mein Roß – bäumte sich auf – und wie emsig ich’s auch zu bändigen suchte: Über die Kruppe riß es mich hinab – –
Im Eisenhemd stürzt’ ich bäuchlings auf den Hang, als welcher selbst dort unten, am Fuße des Hügels, schon wie lotrecht anstieg. Doch unter den Stiefeln glaubte ich verläßlichen Grund zu spüren, sandig zwar, aber wie eine Bank aus dem Steilhang vorragend; stemmte mich kräftig mit den Füßen darauf – – da brach der Boden unter mir ein: rieselnd, rinnend, an meinen Beinen ziehend – – Erbarmen! Mit den Füßen stak ich in einem der fluchwürdigen Sandlöcher, so im Prussenlande zahlreicher selbst als Gehenkte sind: trichterförmige Schlünde im Erdboden, nur trügerisch mit Sand verhüllet, und wenn ein Unsäliger sie bloß mit der Zehe anrührt, saugt der Schlund ihn gnadenlos ein – –
„Zu Hilfe, Fratres!“ brüllt’ ich, doch niemand hörte meiner: Waren allesamt in die Schlacht verbissen, so droben um die Burg lärmte und tobte. Und blieb mir scheinbar nichts anderes mehr, als still zu beten: O Vater im Himmel, nimm gnadiglich mich armen Sünder auf – –
Derweilen stak ich schon bis zu den Knien im Schlunde und tasteten meine Hände wie rasend über den Boden: Da! O Seligkeit! Ohnversehens bekam ich glattes, gerundetes Gestein zu packen: Schien vorher nit da gewesen zu sein und wölbte sich doch mit einem Mal unter meiner vorgereckten Hand.
Diesen süßen Retterfels ließ ich nit mehr aus; schob stumm und zähe Zoll um Zoll die zweite Hand dort empor; krallte sie desgleichen um den Stein und wagte endlich auch mit dem Blick mich an ihn zu heften: ein behau’ner Findling, riesenhaft; ragte wie selbstverständlich vor mir aus dem Berg und konnte sich doch ohnmöglich dorten befinden: tief im Heidenlande, wo die tumben Prussen noch elender vegetirten als in der Altmark das allerdümmste Vieh – –
Und war dennoch eine Sculptura, sonderlich fein gemeißelt und geglättet: das Haupt wie im Gebete ein wenig hangend; schlanke Gestalt, kaum eine Elle breit, wohl deren viere in der Höhe; ob Mann, ob Weib, war nit gewiß; indessen war’s von meisterlicher Art gefertigt, wie’s unsere tüchtigsten teutschen Bilderhauer subtiler kaum zustande brächten – – und an die Schultern dieses Steinernen geklammert hing ich am schroffen Hange – – und stak drunten bis zum Gürtel schon im Grunde – – und dann griff’s nach meinem Herzen wie mit kalter Hand:
Heilige Mutter Maria – ein Idol! Hing ich an einem Götzenbilde der prussischen Heiden, so wir doch aufs Blut bekämpften, weil ihre falschen Götter Fratzen Satanas sind! Ihr Himmel, was nun? Selbst um Hilfe wagt’ ich nimmer zu wimmern: ein Frater domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani, so im weißen Mantel mit schwarzem Kreuze am Steilhang klebte, bis zum Gürtel schon unter der Erde, und sich am steinernen Teufelsbild fixiert ...
Da aber, Fratres, geschah das Ohnerhörte, und mag sich meine armen Seele nimmermehr darob beruhigen: Denn siehe, neben mir sprang der Berg auf! O Herr im Himmel, ein senkrecht’ Spalt tat sich vor meinen Augen im Burghügel auf; und aus dem finstern Schlitze trat Er hervor – –:
Ein Recke, wie ihr herrlicher keinen je gesehen, Brüder – ein nordischer Hüne mit güldenem Haupthaar und ebensolchem Lockenbarte – vor seiner Brust am Riemen eine leuchtende Bernsteinviper: kunstvoll gefertigt, vom Umfange eines Knabenarmes – und sein Aug’, ihr wackern Herren: so leuchtend, so bohrend, so bezwingend wie die Blicke der himmlischen Heerscharen, als welche Ezekiel preist!
Und siehe, da hob er seine Hände wie segnend und heftete den Blick auf mich, der ächzend am Findling hing – – und da war mir, als durchlaufe ein Schauder die Sculptura – – und der Recke hob die bernsteinerne Schlange vor seinem Busen empor und stülpte seine Lippen über den Rachen des in Eden verfluchten Tieres – – und wie er seinen Atem in die Viper hineinblies:
Da loderte der Schlangenleib in seiner gantzen Länge gülden auf, wie von schierem Himmelslicht durchflutet, und aus der Vipernflöte fuhr ein gantz und gar absonderlicher Klang hervor, so die teutsche Sprach’ keine Wörter für weiß: ein Heulen und Säuseln, ein Fauchen und Jauchzen, wie wenn Angeli und Wulffi in Concerto musicirten – –
Doch siehe, da hob die Sculptura ihr Haupt und stand Aug’ in Aug’ vor mir: nit Mann, nit Weib, ihr tapfern Streiter Jesu Christi: war ein Jüngling noch, gleich meiner bis zum Steiß im Berg versacket, und lächelte mit weher Miene, flehentlichem Blick mir zu – und weiter, immer weiter spielte der goldbärtige Meister auf der Schlangenflöte – und das Antlitz des Jungen, ja die gantze Gestalt, so eben noch behau’ner toter Stein schien, begann so gülden zu leuchten, von Himmelslicht durchgloset, als wie die Bernsteinflöte selbst – –
Und siehe, da erbebten unter meinen Händen die Schultern der Sculptura wie im Krampfe – ihr Antlitz nun innerlich lodernd: als ob hinter ihrer Stirn, in ihren Augen tausend Sonnen glosten – und weiter, immer weiter jauchzte und fauchte die Flöte – und siehe, da hob der Jüngling seine Arme, so bis dahin vor seiner Brust verschränket – packte mich unter den Achseln – und riß mich mit gewaltigem Rucke aus dem Sandschlund heraus – –!
Zweites Bruchstück
Mit scheppernder Brünne, ihr Herren, schlug ich neuerlich auf die Schroffe unter der Prussenburg Balga: Ich lebte! War frei! Balg und Glieder heil! – Doch wie stand’s um meine Seele? Der wie Fleisch aufspringende Felsen – die fauchende Schlangenflöte – die zauberisch erglühende, krampfhaft sich regende Sculptura: Längst schwante mir ja, daß der Recke, so nun über mir stand und aufmerksam zu mir herabsah, mit dunkler Macht im Bund sein mußte – – mit Satanas, um den Gräßlichen zu nennen, als welcher mit Stein und Gebein, mit Seelenpein und Höllenschein bis zum End’ der Zeit sein frevlerisch’ Spiel treibt! – –
Und so fragte ich zagend: „Wer bist du, Herr?“
Da vernahm ich zum ersten Mal seinen Namen, Fratres, und verstand zu meiner Bestürzung jedes Wort des langen Schwalls, den er itzo über mir ausstieß; dabei lallte er in der rauhen, wie gestammelten Sprache der Prussen, als welche mit dem Schwert zu bekehren unser Heiland uns ausgesandt.
Hieß Valtin Supplit mit Namen und zischte mir mit rasendem Zungenschlag, Speichel auf mich herabsprühend und wie ekstatisch die tiefgrünen Augen im Gewirr des güldenen Haupt- und Barthaars rollend, seine aberwitzige Botschaft zu: War der Götzenpriester seiner Prussenschar, so dem wolfsköpfigen und schlangenhalsigen Totengotte Patollo anhing; einem Zauberkulte, welchem das Geheimnis des Lebendigen offenbart:
„Stein in Fleisch zu verwandeln, Ritter“, zischte Supplit, „aus Amber den Lebensfunken zu schlagen: Hat euer Gekreuzigter euch auch so großen Zauber vertrauet?“ Richtete sich wieder auf, die Bernsteinschlange schlenkerte vor seiner Brust, und deutete zu der Sculptura im Hügel: „Du sahst es mit eigenen Augen, Ritter: Wir vermögen Tote zu erwecken, Steinbrocken den Odem einzublasen mit der Bernsteinflöte: Wie will euer Gekreuzigter da jemals unser Bezwinger sein? Sieh mir noch einmal zu, Eisenmann“, zischte Supplit, indem er neben mir in die Knie sank – eine Handvoll Sand aus der Grube schöpfte – abermals die Amberflöte reckte – einen fauchenden Laut blies – und wie er mir den Sand auf offener Hand vor die Augen hielt – : – war’s ein Batzen atmendes Menschenfleisch!
Empfindet nur ein einzig’ Gran meines Entsetzens nach, Fratres – und versucht, dennoch nit den Verstand zu verlieren! Der Batz’, bleich und blutig, schien wie mit Krallen aus einem lebendigen Antlitz gefetzet: Einen Streifen fahler Stirn sah ich, darunter ein Aug’, so verdreht, daß man nur das Weiße erblicket; dann die Schläfe, die fein geschwung’ne Wange bis zum zerstückten Kinn herunter; ein Fetzen Ohr auch, darüber Strähnen weizenblonden Haars – –
„Das ist Spuk!“ schrie ich. „Tu Er fort mir den Teufelskram!“
Da stieß Supplit ein furchtbares Lachen aus, Brüder – schob den Ärmel seines Gewandes zurück, so bis dahin das untere Ende des Antlitzfetzens verdecket – und entblößte die fürchterlichen Lippenstücke, mit welchen der so frevlerisch aus dem Sand gekratzte Batz’ vorliebnehmen mußt’: die zerfressene Hälfte eines lebendigen Mundes – die blutvollen Lippen in der Mitte lotrecht durchgehacket – und der Menschenbatz’ lächelte mich schmerzlich an!
„Hebe dich hinweg, Ritter“, sprach das grausige Geschöpf in Supplits hingereckter Hand, „und berichte den Deinen, was du erblicket: die Hölle für einen jeden, so nit auf raschestem Pfade aus dem Samlande flieht!“
Und noch während ich auf das entsetzliche Wesen stierte, begann Supplit gantz langsam seine Hand zu schließen: mit seinen Fingern Krallen bildend, die den Menschenbatz’ zur Mitte hin zusammenstauchten – und mir war, als hörte ich’s hinter dem zuschwingenden Fingergitter seufzen, dann leise schmatzen und patschen, wie wenn man einen nassen Schwamm in der Faust zusammenquetscht – –
„Siehst du, Eisenmann?“
Schalupp! war die Faust wieder aufgesprungen – und auf Supplits Handfläche glitzert’s gülden: von Krümelchen und Kügelchen aus schierem Bernstein, Brüder!
Da packte mich ein Entsetzen, ärger noch als beim Anblick des Antlitzfetzleins oder der im Krampf erbebenden Sculptura: Raffte mich eilends auf und stapfte hügelan (mein Roß war auf und davon), der Prussenburg auf dem Gipfel der Schroffe zu; und in meinem Herzen formten sich schon die Worte, mit welchen das Ohngeheuerliche ich zu melden dachte: „Hütet eure Seelen, Brüder: Die Prussen sind mit Satanas im Bund!“
Mag es zuweilen auch so scheinen, sprach ich mir zitternd zu, als ob der Leibhaftige mächtiger wär’ selbst als DU, Vater in der Höhe: so kömmt uns das gewißlich bloß so vor, weil wir schwach sind und manches Mal sündiglich zagen! ‘s ist aber zumindest Eines doch auf alle Zeit für jeden Christenmensch ohntrüglich: daß unser Gott nit bös und nimmer ein Monstrum wie der prussische Patoll’ is’, so unten im Hügel raset. Denn ER dort droben liebet uns heiß und tät’ nimmer dulden, daß einer Seine Creatura so ohnsagbar leiden lasset und verhöhnet, wie der Menschenbatz’ in Supplits Hand wehe lächeln und sogar patschen mußt’ als wie ein ausgequetschter Schwamm!
Unter derlei hoffnungssäligen Gedanken trat ich droben auf den zerstampften Platz vor der Prussenburg: Da hattet ihr, o Fratres, auf einen jeden der Dutzend und Aberdutzend Eichenpfähle, so ringsum spitzig aus dem Burgwall ragten, einen kleinen Heiden draufgespicket: gar künstlerisch und verständnisvoll, auf daß die Qualen der Gepfählten sich schier ewiglich durch Tag und Nächte dehnten – aber weshalb bloß?, fuhr’s mir durch Sinn und Seele: damit ein jeder Pruss’ die Liebe unsres Gottvaters so inniglich und heiß wie möglich fühle – als glühenden Schmerz durch sein Gedärm?
Der Teufel selbst mocht’ mir solch Gedanken eingeflüstert haben, Brüder, doch wie ich außen am Wall von Balga entlangging – und auf jedem Palisadenpfahl hockte ein heulender Gepfählter: des’ einen der Speer aus dem Maul schaute, des’ andern aus Brust oder Rücken lugte – und die Luft über Balga erzitterte vom Winseln und Stöhnen und Klagen der aufgespießten Märtyrer Patollos – und das Wasser im Burggraben türmte sich schäumend und gurgelnd vor einem blutig-bleichen Damm aus weiteren Entseelten, so ihr zum Ruhme unsres Gottes gehäutet und in Stücke gefetzet – –:
Siehe, da übermannten mich Zweifel, Vater, und ich dachte bei mir selbst: Wo sind Liebe und Erbarmen zu finden? Hier wie dorten doch nit! Hat aber Patollo den Seinen nit wenigstens das Geheimnis des Lebendigen offenbaret, auf daß die Verblendung von Seinen Creatura weiche und wir alleweil begreifen: Nit Liebe hält diese Welt zusammen, Vater, nur der kalte Zauber der Macht? – –
Drittes Bruchstück
Keine Silbe erwähnt’ ich jemals, Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani: von meinen Zweifeln am Gotte Abrahams und Adams, so nimmermehr vergingen; von meiner eisigen Neigung zu Patollo und Supplit, so desgleichen nimmer weichen wollte; indes auch nie ein Sterbenswörtchen von der Botschaft, so der Menschenbatz’ in Supplits Hand mir wehe lächelnd aufgetragen. Wer von euch, Brüder, hätte mir Glauben gezollet? Das Schwert Christi triumphierte ja über die Holzknüppel der Krieger Patollos: Seit ihre feste Burg Balga 1239 A.D. gefallen, schien der Mut der Prussen in der Tat gantz zertrümmert, und so wir ihrer ansichtig wurden, zermalmten wir ihnen jeden Knochen im Leibe dazu.
Also schwieg ich all die Jahre stille: biß die Zähne aufeinander, daß es knirschte; aus nackender Angst und wohl auch in der zagen Hoffnung, daß die Botschaft der Liebe doch noch siegen möge. Aber weiter und weiter tanzte das Schwert Christi singend und sengend durch aestische Weiler und Wälder – und wir folgten ihm wie verzaubert und wateten bis zum Gemächte in Prussenblut, Fratres – und je länger das Schlachten währte, je tiefer sich die Klinge Christi in das Fleisch der Kreaturen Patollos kerbte, desto bittersüßer fühlte ich in mir die Gewißheit: Supplit passet bloß auf das rechte Momentum; hockt verborgen in seinem Hügel und knetet aus Sand und Leichenstein, so er mit der Amberflöt’ betönet, Tag um Tag frische Krieger für Patollos Sieg!
Dabei war’s sauer genug, solchen Glauben in meinem Herzen lebendig zu halten: Wie häufig kehrt’ ich unter verschiedentlichem Vorwande zurück nach Balga; doch seitdem die Feste dem Orden zugefallen und mit dicken Türmen und Wällen zur teutschen Burg ausgebauet, bekam ich Supplit dort nimmer zu sehen – als hätte die Erde den Evangelisten Patollos verschlucket für alle Zeit und Ewigkeit!
Sonderbar, es zu sagen, Brüder: Auch die Sculptura, so anno 1239 vom Gürtel aufwärts aus der Schroffe ragte, vermocht’ ich nimmer wiederzufinden, wie närrisch ich am Fuße des Balga-Bergs auch über die Brocken krackste, wie zornig ich mit dem Stiefel auf den Boden stapfte: als hoffte ich wahrhaftig, daß abermals die Erde aufspränge, mich zu verschlingen, und Supplit neuerlich mitsamt seiner Sculptura erschiene – doch Patollos Priester erschien mir nimmermehr. Nit 1246 A.D., als seine Prussen sich zum ersten Mal gegen den Orden Mariae erhoben (wie furchtbar das Schwert Christi Rache übte!); nit drei Jahre drauf, als unsre frische Kreuzzugsschar, an der Spitze Ottokar II. von Böhmen, das gantze Samland binnen eines Mondes neuerlich unterwarf.
Nur einmal war’s mir, als wäre zwar nit Supplit selbst mir wiederbegegnet – indessen der Jüngling, so damals sub Balgae zur Sculptura verzaubert war. Das war wenig vor dem letzten großen samländischen Mähen, anno 1259 nahe dem Frischen Haffe: In mancherlei Gedanken stapft’ ich durch die Dünen, hatte wohl wieder an der Schroffe nach Supplit gespähet; – da: er! Zwei Jahrzehnte waren seit jenem ohngeheuren Ereignis verstrichen; alt und grau war ich seither geworden; er indessen: glatt und ohngebeugt wie an jenem Tage, da ich als steinerne Gestalt ihn gesehen, so unter Supplits tönender Beschwörung wie im Krampfe erbebet war.
Er lief drunten am Strande auf und nieder, und er trug das übliche Gewand seines Volkes: Wams und Hose mehlfarben, enganliegend; und darob im Winde flatternd sein goldenes Haar. Indessen ich oben auf der Düne verharrte: eilten mit einem Mal zwei Häscher der Ordensverwaltung auf ihn zu – packten ihn bei den Armen – erregte Rufe drangen zu mir herauf ... Ohne mich lange zu besinnen, stapft’ ich zum Wasser nieder; da hatten die Häscher schon seine Taschen gelehrt und das Gefundene auf dem Sande ausgebreitet: Bernstein! Wohl ein Dutzend leuchtender Kügelchen unterschied ich; in ebensolche Amberkrumen, sagt’ ich mir nähertretend, hat Supplit einst den Menschenbatz’ umgewünscht.
Da hob der Jüngling eine Hand, so er bis dahin zur Faust geballet; darin kam eine zierliche Flöt’ aus Bernstein zutage – – „Obacht!“ wollt’ ich schreien und vermochte doch keinen Ton hervorzuwürgen; starrte nur gebannt auf das Amberpfeiflein, indessen die Häscher sich murmelnd berieten, wohl das übliche Urteil über den Bernsteindieb schon gefället hatten: Aufknüpfen am nächsten Baum –
Nur einen wisperleisen Silberklang vernahm’ ich, als er in sein Pfeiflein blies; die Häscher spähten wild im Kreise: umsonst! Der Dieb verweht; keine Spur weit und breit mehr; bloß ein güldenes Glühen in der Mulde, welche seine Füße in den Sand getreten: zwei Handvoll Himmelslicht, als wie eine Engelsspur so leuchtend hell – –
Da fühlt’ ich gewaltig wie seit vielen Jahren nimmer die alte Gewißheit, ihr Herren: Supplit wirkt im geheimen, und nit mehr lange, so schlägt er los! Und währte in Tat und Wahrheit die Stille nur wenige Monde noch: Zur Schneeschmelze 1260 A.D. erhoben sich die Heiden allüberall im gantzen Ordenslande, von Kulm im Westen bis tief hinein nach Schalauen zur ohngeheuren Verblüffung (bloß meine Dürftigkeit beiseite) der Ordensleut’: Hatten unsre Schwerter nit zwei Jahrzehnte lang emsig kreutz und quer gemähet, als bis das Land nahezu aller Heiden entblößet war? Aus welchen Höllen krochen dann all diese jungen, kraftstrotzenden Prussenkrieger – Tausende und Abertausende an der Zahl?
Ich allein kannte die Antwort, Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani: Niemand als Er konnte dies Mirakel wirken; mit der untererd’schen Hilfe Seines Gottes Patollo hatte Supplit die gewaltigen Armeen junger Krieger nachgeschaffen – und schuf auch während der folgenden Jahre für jeden Heidenkämpfer, so die Schwerter Christi verzehrten, drei bis funf frische Krieger nach. So daß die Ritterschaft Mariae Burg um Burg und Landstrich um Landstrich an die Prussenkrieger wieder verlor: Bei Durben im Kurland, wo uns die Heiden furchtbarlich schlugen, vermochte ich selbst bloß mit Not mein elend’ Leben retten – Schlag auf Schlag fielen die Festen Balga und Heilsberg, Braunsberg und viele andere – bis Supplits Mannen um die Jahreswende zu 1272 A.D. das Wunder beinahe vervollkommnet hatten:
Ein cum grano salis schon erlosch’nes Völklein, als welches aus dem Nichts gewaltige Kriegerscharen ausgehoben – in dreizehn Jahre währenden Schlachten das mächtigste Heer der Christenheit nahezu aufgerieben – und seine angestammten Lande wieder besetzt!
Doch welche Katastrophe brachte schon im Jahr darauf Supplits Volk dennoch (und itzo ohnwiderruflich) auf die Straße des Verderbens? 1274 A.D. traf ich abermals mit ihm zusammen: Wieder war’s bei Balga; wieder ertränkte das Schwert Christi die Heiden in ihrem Blute – und als ich Supplit dieses Mal erblickte, war sein Antlitz gezeichnet von Bitterkeit und Furcht – –
Viertes Bruchstück
– – 1274 A.D. war’s, Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani, wenig nach der Schneeschmelze, als ich mit grauem Barte, vom Gewicht der Zeit, mehr noch meiner Zweifel niedergedrücket, noch einmal, ein letztes Mal gen Balga zog. Mühsälig schleppt’ sich mein Klepper die Schroffe hinan; droben widerhallte’s vom schaurig vertrauten Kampfgetümmel: Da klirrten die Schwerter und prallten die Rammspeere dröhnend auf Schilde; da stampften die Rösser und ächzeten die Helden; und um die Turmzinnen der Feste Balga kreiste krächzend die Rabenschaar: in geiler Vorfreud’ auf den Leichenschmaus, so wir gleich toll gewordenen Köchen mit dem blanken Schwert anrührten! –
35 Jahre waren seit damals vergangen, sagt’ ich mir, indes’ ich einmal mehr nach Supplit und dem behau’nen Findling spähte: dreieinhalb Decennien seit jenem Wundertage, da Balga an den Orden gefallen und Supplit der Sculptura befohlen, mich aus dem Felsenschlund zu ziehen. Vor 13 Jahren hatten Supplits Kämpfer die Feste wiedererobert; ebenso lange schon währte ihr Kämpfen gegen die Ritter Christi; ohnfehlbar (wähnt’ ich) mußt’ zuletzt Er den Sieg erringen: Wer schließlich sonst? Als Ritter Mariae vermochten wir bloß Tod und Verderben zu säen; Sein Gott Patollo aber hatte das Geheimnis, Lebend’ges zu schaffen, ihm offenbart. –
Wie ich indessen auf dem Lehmplatz vor der Feste angelanget: war der Schlachtlärm schon verhallet, das gantze weite Feld mit toten Prussen übersäet – und wer ermisset mein Entsetzen, Brüder, als mein Blick sich zu den Zinnen Balgas hob: Da wehte im scharfen Ostwind das Banner der Deutschordensleut’! Inmitten der Erschlagenen aber stand Er auf dem Leichenacker: Haar und Bart wild und blond wie ein halbes Leben vorher, als könnte die Zeit seiner äußern Gestalt keinerlei Mal einkerben; doch in seinem Antlitz, seinen Augen erkannte ich Bitterkeit und Schmerz.
Stumm stieg ich vor Supplit vom Rosse; sein Blick haftete am Boden; da musterte auch ich die Toten zu unsern Füßen – und erschauerte: Als wie ein fetter, blutig-bleicher Teppich bedecken die Leichen den Kampfplatz, soweit mein Auge reichet; und wie verzweifelt jung ihre Gesichter, wie schmal ihre Schultern, wie geweitet von Angst und Schmerz ihre Augen noch im Tode sind! Dicht an dicht liegen sie neben- und übereinander gedränget, wie erstarrt in sehnsuchtsvoller Gebärde: als suche ein jeder von ihnen bei seinem kalten Nachbarn, was dem doch nit minder entsetzlich fehlet – Leben! Wärme! Einen Leib, so heil und gesund und nit so greulich geschunden und zerstückelt war!
„Mein Volk geht dahin“, sprach Supplit dumpf, „es ist zuviel, lange schon: zuviel Leid; zu viele Leichname; zuviel Schmerz und Angst und Tod ... Patollo zürnt!“ redet’ er weiter, ohne mich anzusehen. „Begreifst du, Eisenmann? Hat Er darob uns seinen großen Zauber vertrauet: damit wir das ohngeheure Mühlrad in noch tolleren Schwung versetzen – wie rasend aus Sand und Brocken Menschenleiber kratzen – die Creatura mit Amber betönen und zu Abertausend auf die Erd’ hinan schleudern: geradewegs vor eure Schwerter, als welche die herrlichen Geschöpfe gleich wieder zerhackt und zerschunden in unsre untererd’sche Welt zurückspülen – und so fort in ohnendlichem Circulum?“
Ich vermochte keinen Ton hervorzuwürgen, starrte ihn nur an und dachte in törichter Verzückung: Auch ihm sind die Liebe, das Mitleiden nit fremd.
Da hob er die armlange Vipernflöte, als welche er am Lederriemen vor der Brust trug, und blies eine leise Weise drauf – und die klagenden Töne wehten wie Seufzer über die dichte, stille Schicht der Erschlagenen hin, in deren Fleisch und Blut Supplit und ich bis zu den Knöcheln eingesunken standen – –
Und siehe, da zuckte es wie schmerzlich in den Gesichtern der Erschlagenen, so uns am nächsten lagen – und weiter, immer weiter spielte der goldbärtige Meister auf der Amberflöte – und da begann das eben noch fahle Leichenfleisch gülden zu glimmen, wie von innen heraus zu glosen, als wenn die zerstückten Jünglinge nit aus Fleisch und Blut geschaffen, sondern lebensgroße Sculpturae aus Bernstein wären – und Supplit kniete sich auf einem der Erschlagenen nieder und drückte sein Knie kraftvoll zwischen die Schultern des Toten – –
Und siehe, da sprützte dem Leichnam güldenes Licht aus allen Poren, dick und sonnengelb wie Bienenhonig – und Supplit fing mit seiner Hand die glosenden Tropfen auf – und weiter, immer weiter seufzte und klagte die Amberflöte – und wie der Priester Patollos emporfuhr und mir seine geöffnete Rechte hinreckte – –:
:– – war’s bloß ein nebelfahles Gespensterfetzlein; nit Amber und schon gar kein Menschenbatz’ wie damals – –: ein Streifen blasser Stirn zwar, darunter das Auge so verdreht, daß man nur das Weiße noch erblicket; dann die Schläfe, die fein geschwung’ne Wange bis zum zerstückten Kinn herunter; ein Fetzen Ohr auch, darüber Strähnen hellen Haars – –
Aber siehe, alles war so dürftig hingegaukelt, daß der Anblick des schütter’ Fetzleins nit an lebendig’ Fleisch gemahnte, allenfalls an Staub und Spinnweb, Brüder, unter welchem selbst die Hand des Gauklers sichtbar blieb!
„Das Rad wälzet sich zu schnell!“ sprach Supplit, indem er die Vipernflöte von seinen Lippen löste und gleich einem Streitbeil in die Höhe reckte. „Wie soll sich da noch Licht zu Blut eindicken und Staub zu Fleisch verbrocken: wenn’s gleich schon wieder zerhacket und zermahlen wird; wenn’s, kaum erkaltet und erstarret, schon wieder heiß sich regen und erbeben soll?“
Während er so redete, sprang in seinem Rücken das Tor der Feste Balga auf, und heraus kamen einige Fratres geritten, ihnen voran Konrad von Thierberg, Landmeister unsres Ordens seit 1273 A.D. Und wie sie des hünenhaften Heidenpriesters ansichtig wurden, so auf dem Schlachtfeld vor mir stand, die mächtige Pfeife wie ein Beil über den Kopf erhoben: da stürmten sie herbei, mich zu beschützen, ihren alten Frater Graubart, als welchen sie in tödlichen Gefahren wähnten. Doch höret, da beschrieb Supplit mit der Amberflöte ein Zeichen in der Luft und ließ einen dumpfig dröhnenden Klang ertönen – – –
– – – Und weiß nit, wie lange wir Ritter Christi darnach starr wie Sculpturae auf dem Leichenacker verharrten; doch als wir endlich zu Sinnen kamen, war Supplit längst verschwunden, und rangen in den Brüdern Wut und Entsetzen über den teuflischen Spuk, so ihren Willen gelähmet. Furchtbarer als jemals büßten die Prussen, so bei der Erstürmung von Balga in unsere Hand geraten, an jenem Tage den Zorn der Ritter Mariae: Eh’ der Abend dämmerte, waren die Pfähle von Balga neuerlich mit heulenden Heiden gespicket, so die Liebe unsres Gottes als heißen Schmerz in ihren Därmen fühlten. –
Indessen hatte ich selbst mich noch einmal hinaus aufs Schlachtfeld geschlichen und dorten alle Lumpen von dem Erschlagenen gefetzet, als welcher unter Supplits Flötentönen wie Bernstein zu leuchten schien: Die gantze Gestalt, vom Scheitel bis zu den Füßen, war in reines Amber umgewunschen: eine gülden schimmernde, vollkommen gefertigte Sculptura, so noch zu Mittag ein lebendiger Jüngling gewesen – und am Morgen wohl nur dritthalb Schaufeln Brocken und Sand – –
Für lange Augenblicke rang ich mit mir, Brüder; stand bis zu den Knöcheln im Leichenacker eingesacket, verscheuchte Raben und wilde Hunde mit meinem Silberstocke und dachte endlich: Die zauberische Sculptura ohnbemerkt mit nach Stacklit zu schleppen, dürft’ allzu mühe- und gefahrvoll sein; – was aber, wenn ich statt dessen Supplit höchstselbst in die Altmark führ’?
Nachrede zum Romantischen Hartbert
Die fernere Kunde ist dürftig, o grusellüsterne Leser; eines dürft’ indes gewißlich sein: Der Priester Patollos, in seiner Heimat geschlagen, ging ohn’ langes Bitten und Flehen den Pakt mit unserm Hartbert ein. Floh Schmach und Vernichtung und folgte dem Ritter nach Stacklit, als wo der Eiserne sich ungesäumt zum Sterben niederlegen wollt’. – Doch sonderbar: „Wähn’ mich närrisch verjünget“, vertraute der Ahn, kaum zurück in hiesigem Schlosse, der Prohn’schen Chronik an.
Mich (Euern Getreuen Friedebert) dünket, der Ahn vergafft’ sich klaftertief in Saskia, des Supplit weizenblonde Tochter mit den kalten Katzen-Augen: Anno 1275, wie der Ritter mitsamt magischem Gefolge in Stiegliz eintraf, da marschierte er wacker schon der Siebenzig entgegen – und soll doch (hört, hört!) noch manchen Sproß gezeuget haben; – womöglich gar im Schoß der schaurig schönen Saskia? (Item: Auch zu ihr, die später Stasy hieß, laufen sonderbare Sagen um, als welche ich andernorts demnächst vermelden will.) – Supplit aber (so Hartbert verschlüsselt und verstreut in seinen Jahresbänden) habe während der langen und mühsäligen Reise von Balga nach Stacklit unter anderm folgendes erläutert und zurechtgerückt:
Seit vielen tausend Jahren säßen sie (die Prussen) bereits dort (an den Ostsee-Gestaden), und habe in dieser langen Zeit schon mancher getrachtet, sie aus ihrem Lande zu verjagen. Sei aber keinem je gelungen, den furchtbaren Wikingern auf ihren Drachenschiffen sowenig wie den wilden Livländern, so ihr Antlitz mit Totenkopfmasken verhüllen und die nackten Leiber in Wolfshäute nähen. Durch Waffengewalt vermöge niemand die Prussen zu bezwingen, so Supplit damals zu Hartbert: Mit Zauberkraft und Zähigkeit drückten sie einen jeden Eindringling über Neiße oder Memel wieder hinaus. So zumindest sei es immer gewesen, Jahrhunderte und Jahrtausende lang – bis die teutschen Eisenmänner ins Samland gestampfet und allerorten ihren toten Baum eingepflanzet: den gekreuzigten Gott, so am Kreuze hanget wie die verdorrende Frucht am abgestorbenen Baum. „Wie kömmt’s“, so der Priester zu unserm ritterlichen Ahnen, „daß ihr Teutschen einem Glauben anhänget, als welcher bloß Tod und Tote gebiert?“
Die Frage erschien dem Ritter verständig, doch indessen er noch darüber nachsann, sprach der Götzenpriester schon weiter: Den Prussen dagegen offenbare sich das Allerheiligste im grünen Eichbaum, insonderheit in vielhundertjährigen Eichenriesen, so einstens allerorten im Prussenland sprossen. Perkunos, der Donner- und Himmelsgott, teilte sich mit im Rauschen der Eichenkronen; doch auch Potrimpos, der holde Gott des Schicksals und des Glückes, liebt’ es, im Lispeln der Eichblätter den Sterblichen sich kundzutun. „Patollo aber“, fuhr der Priester fort, „unser wolfsköpfiger Totengott, so in Schalauen auch Pikollos heißet, residierte zur Winterszeit in den heiligen Eichenhainen, als welche mein Volk unter dem Namen Romowe verehrt.“
Ritter Hartbert hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Mühe, mit geziemendem Verstande der Rede des Priesters zu folgen: Längst hatten ihr abendliches Lager sie aufgeschlagen und am Feuer die Glieder ausgestrecket, und während Supplit räsonierte – kraulte Saskia unserm Ahnen den Bart!
„Welche übernatürliche Macht“, setzte der Priester gleichwohl nach, „hätte mein Volk in euerm Gekreuzigten erkennen sollen: wenn nicht Patollo, unsern wolfsäugigen Totengott? Beider heiliges Zeichen ist der kahle, abgestorbene Baum, als welcher durch euer Kreuz ja genüglich durchschimmert – und so tat all euer Trachten, uns zum Kreuze zu bekehren, immer nur die eine wunderliche Wirkung: Meine braven Bauern und Bernsteinfischer, ja selbst die Kriwaiten und Waidelotten – unsere örtlichen Priester und allwissenden Meister – faßten die Lehre vom Einen Gotte so auf, daß der kein andrer als Patollo sei! Und so stürzten unsere Glücks- und Lebensgötter und waren bald schon mißachtet und vergessen; und seither herrschen das gantze Jahr hindurch bloß noch Tod und Winter – – und Patoll’!“
„Damals aber“, wandte der Eiserne Hartbert ein, indessen Saskia ihn aus grünem Aug’ belauerte, „als deine Sculptura mich aus dem Berge unter Balga herausgezogen, Supplit: Da prahltest du vor mir mit dem großen Zauber, so dein Gott Patollo dir vertrauet, und daß er das Geheimnis des Lebendigen dir gezeigt.“
„Des Lebendigen, gewiß“, echote Supplit in hohnvollem Tone; holte eine Handvoll Bernsteintrümmer aus seinem Wandersacke; ließ wenige fauchende Klänge aus der Amberflöte erschallen; und wie er Hartbert dieses Mal die offene Hand hinreckt’ –:
–: lag ein winzig kleines Menschlein drin!
Ernst lächelte der Homunculus und streckte unserm Hartbert beide Arme entgegen; doch ehe der den Winzling von Supplits Rechter pflücken konnte: krümmte der Priester den Zeigefinger seiner Linken und schnipste die geringe Creatura in Hartberts Schoß. – Und als der Ritter den Kleinen endlich aus den Falten seines Gewandes hervorgezogen und ihn prüfend in den Schein des Feuers hielt: Da war das Menschlein zur spannenlangen Figura petrificiret; in den nämlichen steinernen Schlaf versetzet, aus welchem Supplit durch tönende Beschwörung einst den Findling bei Balga erweckt.
„Das Geheimnis des Lebendigen ...“, wiederholte Supplit, diesmal kummervoll; „was Patollo und sein Priester schufen und prahlerisch Leben nannten, war wohl nicht sehr viel mehr als Mahrenspuk – –“
An dieser Stelle brach die Erzählung so unvermittelt ab, wie sie mit dem ersten Bruchstück begonnen hatte. Alex massierte sich die vor Müdigkeit pochenden Schläfen und klappte das Büchlein zu. Was daran mochte Wahrheit, was dichterische Vorspiegelung sein? Vage entsann er sich, daß viele Dichter der romantischen Epoche eine Vorliebe für mittelalterliche Stoffe hatten, dagegen alle realen und gegenwärtigen Dinge nach Kräften geringzuschätzen pflegten. Hatten sie ihr phantastisches Mittelalterbild nicht größtenteils aus Mythen und Volksmärchen geschöpft? In der Tat räumte ja auch Timos romantischer Ahn in seiner Vorrede ein, daß er mit Leidenschaft Märchen und Sagen sammle; und zweifellos handelte es sich bei ihm um denselben Friedebert, aus dessen Aufzeichnungen bereits Timos Vater verschiedentlich Sagen von den Mahren, der schönen Saskia und dem fremden Magier im Schloßberg zitiert hatte.
Was bedeutet das aber für uns? überlegte Alex. Hatte Timos romantischer Ururgroßvater die angeblichen Abenteuer seines Ahnen aus dem Mittelalter samt und sonders erfunden und nur so zurechtgesponnen, daß sie zu den bereits vorhandenen Sagen paßten – oder hatte er tatsächlich in einem Chronikband aus dem 13. Jahrhundert verschlüsselte Aufzeichnungen gefunden und diese geheimen Notizen bloß ein wenig romantisiert?
Vor den Bibliotheksfenstern dämmerte bereits der Morgen, und Alex war inzwischen so übermüdet, daß er den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlte. Um sich wieder in Schwung zu bringen, begann er in der Bibliothek auf und ab zu gehen, wobei er angestrengt weiter überlegte: Könnte es sich – alles Zauberische und Spukhafte einmal beiseite – nicht in groben Zügen wahrhaftig so abgespielt haben wie in der romantischen Erzählung dargestellt? Waren Hartbert von Prohan und Valtin Supplit nicht in ihrer Art beides Geschlagene – der eine an seinem Orden und Glauben verzweifelnd, der andere überlebender Priester eines von eben diesem Orden ausgerotteten Heidenvolks? Aus solcher Geistes- oder Seelenverwandtschaft mochte Vertrauen, vielleicht gar Freundschaft, zumindest aber eine Zweckgemeinschaft entstanden sein: Wer denn sonst, dachte Alex, wenn nicht diese beiden Männer, hatte den Bernsteinschatz vom Samland hierher geschafft und im Schloßhügel versteckt? Daß Bernsteinraub damals ein lebensgefährliches Verbrechen war, behauptete nicht nur der romantische Erzähler, sondern auch die Encyclopaedia Prussica; wie überhaupt die historischen Einzelheiten der Rittergeschichte von der Enzyklopädie anscheinend bestätigt wurden.
Also weiter, dachte Alex, der hinter dem Schleier seiner Müdigkeit ein wachsendes Unbehagen spürte: Die beiden scheinbar so ungleichen Männer – Preuße und Prusse – hatten demnach gute Gründe, ihren Schmuggel geheimzuhalten und durch furchterregende Mystifikationen den eigentlichen Zweck und Charakter des Verstecks unter dem Schloßberg zu verschleiern. Und abgesehen davon, daß die Rituale des prussischen, unversehens in die „Altmark“ versetzten Wolfsgottkultes sicher den Zweck erfüllten, die eingeschüchterten Stieglizer Bauern und Bürger vom Schloß fernzuhalten: Vieles sprach dafür, daß nicht nur der gen Westen geflohene Prussenpriester Supplit, sondern auch der früh an seinem Christus verzweifelte Ritter Hartbert aufrichtig dem Patollo-Glauben angehangen hatte, der Kultus also auch aus religiöser Überzeugung nach Stiegliz verpflanzt worden war.
Daher die aufwendige Geheimkapelle dort unten, dachte er, und deshalb insgesamt diese unglaubliche unterirdische Anlage: Wäre es nur darum gegangen, einen profanen Bernsteinschatz zu verstecken, so hätten sie sicher kein „Verlies“ vierzig Meter unter der Burg ausgehoben und dieses Verlies durch einen zwanzig Meter langen, unzweckmäßig schmalen Felsschacht mit dem Burggewölbe verbunden – nein, dachte Alex, der wohl wichtigste Zweck dieser Anlage war kultischer Natur.
Was bedeutet das? überlegte er und blieb vor einem Fenster stehen: Wie Flammenzungen leckten die ersten Strahlen der Morgensonne unten in der Senke am Orangeriedach, doch Alex nahm kaum Notiz davon. Sein Unbehagen war in physisches Unwohlsein umgeschlagen; sein Puls raste, und trotz der morgendlichen Kühle brach ihm mit einem Mal der Schweiß aus. Was ist los mit mir? dachte er und versuchte seine Nerven durch Spott zu beruhigen: Na, glaubste jetzt auch schon an den Gespensterkram?
Natürlich nicht, herrschte er sich an, nur die Ruhe, das bißchen Unwohlsein wird gleich vorbei sein. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er gegen die Scheibe, ohne irgend etwas von dem wahrzunehmen, was draußen im Park geschah. Statt dessen spürte er, wie sich ihm die Haare an den Schläfen, im Nacken sträubten; mit peinigender Deutlichkeit sah er immer nur die „Sculpturae“ aus der romantischen Erzählung vor sich: den steinernen Jüngling bei Balga, wie er krampfhaft erbebte, dann golden erglühte, ehe er die Arme hob und den versackten Ritter aus dem Sandloch zog – – den erschlagenen jungen Prussenkrieger, der auf dem Leichenacker zur lebensgroßen Bernsteinstatue verwandelt wurde – „und siehe, da sprützte dem Leichnam güldenes Licht aus allen Poren, dick und sonnengelb wie Bienenhonig“ – – am gräßlichsten aber schien Alex der ernste Homunculus, die „geringe Creatura“, welche der Priester Patollos (angeblich!) aus Bernstein geschaffen hatte und dann zum spannenlangen Findling umgehext.
Findling, Findling ... echote in seinem Kopf die altertümliche Vokabel, und dann endlich dämmerte ihm, was ihn derart mit Unbehagen erfüllte, und er lief zur Flügeltür und eilte auf schon vertrautem Weg nach draußen in den Park, wo die ersten Schimmer blassen Morgenlichts auf Gras und Blättern spielten: Gestern früh, die westliche Parkmauer – das uralte Mauerstück, roh gefügt aus Findlingssteinen, die nach Größe und Form an Kinderköpfe gemahnten – unter dem fauchenden Ton aus Timos Wolfsflöte hatte sich einer der schrundigen Steine aus dem Wall gelöst und war auf sie zugeschossen – nicht nur rasend wie eine Katapultkugel, sondern besessen, entfesselt, wie ein steinerner Geist.
Unter diesen Gedanken war Alex hügelab durch die taufeuchte Wildwiese gerannt, und nun stand er schnaufend vor der Bresche in der Parkmauer, durch die sie gestern im Morgendämmer hier eingedrungen waren. Unfug, dachte er wieder, laß dich nicht anstecken von diesem Spuk! Doch währenddessen hatte er sich schon hinabgebeugt und betastete einen Findlingsstein: Vor Jahren und Jahrzehnten mochte der schädelförmige Brocken aus der Mauer gestürzt und hier in die Erde eingesunken sein. Alex packte ihn mit beiden Händen, um ihn aus dem Boden zu ziehen; doch zu seinem Schrecken ruhte die Kugel auf einer schlanken Säule auf, deren Ende kaum fingerhoch aus der Erde ragte – ein Hals, dachte er und mußte schlucken, dieser verfluchte Kopf sitzt auf einem Hals aus Fels!
Nie war körperliche Arbeit ihm weniger tröstlich erschienen als diese: Mit abgebrochenen Ästen, bloßen Fingern und Nägeln grub und wühlte er sich neben dem versunkenen Findling in die Erde; riß büschelweise Gras und Kraut aus dem sandigen Boden; störte Maden, Würmer, Wolfsspinnen, mit hellem Sirren fliehende Käfer auf – doch tiefer, immer tiefer ragte der Findling in die Erde – Kopf und Hals, Schultern und Brust unterschied Alex schon in der Morgensonne und grub und wühlte sich weiter abwärts: zum steinernen Bauch, den schrundigen Hüften – doch tiefer, immer tiefer ragte der Findling in die Erde; und als Alex keuchend, schlammbedeckt endlich innehielt:
Da stand vor ihm in der Grube eine steinerne Skulptur, verwittert zwar und erdgeschwärzt, doch unzweifelhaft ein behauener Findling wie in der Sage vom Eisernen Hartbert: „das Haupt wie im Gebet ein wenig hangend – wohl eine Elle breit und in der Höhe vier“ ... Ohne sich zu besinnen, wuchtete Alex die Skulptur empor und lief taumelnd auf die Orangerie am Fuß des Schloßbergs zu: Selbst die Arme, dachte er, hält der Steinerne „wie damals bei Balga“ vor der Brust verschränkt ... Aber wir werden ja sehen, werden gleich sehen: die Wolfsflöte in Timos Jacke; „ein fauchender Laut“, dann wissen wir mehr – oder gar nichts mehr!
Während der ganzen Nacht hatten die Bilder ihn gepeinigt, bis in die entlegensten Traumschlupfwinkel verfolgt: die toten Kinder dort unten – die Lache aus fettem goldgelbem Licht, in das ihre Körper sich langsam verwandelten – der riesenhafte Wolf und sein Heulen, das sich noch im Traum vermischte mit Timos eigenem, unendlich hallendem, kindlich gellendem Schrei ... Nun aber, noch während er auf seinem Bett in der Orangerie langsam zu sich kam, befielen ihn Zweifel.
So kann es ja nicht gewesen sein, dachte er; auch wenn ihm noch immer jede Einzelheit qualvoll vor Augen stand – sein Gedächtnis, seine überreizten Nerven mußten ihn genarrt haben, zumindest in einigen besonders unwahrscheinlichen Details. Was von seinen Erlebnissen im Abgrund war wirklich geschehen – damals: vor beinahe fünfzig Jahren –, was hatte seine Phantasie seither hinzugemalt?
Es mochte halb fünf Uhr in der Frühe sein, eben erst begann sich der Nachthimmel über dem Schloß heller zu färben. Auf dem Rücken liegend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ließ Timo die Bilder nochmals vorüberziehen. Zu seinem Erstaunen lösten sie kaum mehr Angst und Entsetzen in ihm aus: als hätte er diese Gefühle bis zur Neige ausgekostet – zuerst gestern, als die Erinnerung wie eine Flutwelle aus ihm hervorgebrochen war, und dann wieder und wieder in seinen Träumen während der Nacht. Furcht und Grauen hatten sich in Schmerz und Trauer, auch in Haß und heißen Zorn verwandelt: Verflucht seist du, Vater, dachte Timo, warum hast du mir das angetan? Denn zweierlei stand jenseits aller Zweifel fest für ihn: Tatsächlich hatte sein Vater ihn damals in das Loch hinabgestoßen, und ebenso zweifellos war ihm dort unten etwas Grauenvolles widerfahren – aber was?
War es so furchtbar gewesen, daß seine Phantasie damals schon die unerträglichen Erinnerungen mit tröstlich losgelösten Märchenbildern übermalt hatte? Schön wär’s, dachte er, unglücklicherweise waren ja gerade die Wölfe keineswegs seiner Phantasie entsprungen, sondern schienen zumindest in Form von Bernsteinskulpturen seit Jahrhunderten in und um Stiegliz ihr Wesen zu treiben. Also ist es möglich, überlegte er weiter, daß ich damals eine riesige Wolfsstatue dort unten gesehen habe – beispielsweise als Altar- oder Götzenbild eines archaischen Kultes, zu dem aus irgendeinem grauenvollen Grund Kindsopfer gehört haben?
Und der kreisrunde Teppich aus fettem bernsteingelbem Licht, in das einzelne Schultern, Schläfen, Knie der jungen Toten sich verwandelten, die grauenvoll vielen Leichen, ihre Anordnung im Kreis: Kann irgend etwas davon Wirklichkeit gewesen sein? Natürlich nicht! dachte Timo und spürte ein Brennen in der Kehle – es sei denn, Vater, du hättest den Wolfsgott dort unten im Bernsteingrab mit Leichen gemästet: weit über den ersten Teufelspakt mit Görsmann hinaus.
Ein leises Fauchen vor der Tür riß ihn aus diesen kaum mehr erträglichen Gedanken. Er sprang aus dem Bett, im selben Moment hörte er draußen Cramsens schütteren Bariton:
„Lassen Sie das sein, zum Teufel – Sie wecken ja Herrn Timotheus auf!“
Mit drei Schritten war Timo bei der Tür: Draußen auf dem Magmaplatz standen Alex und Cramsen im schrägen Licht der Morgensonne. Alex sah aus, als ob er soeben in voller Bekleidung ein Moorbad genommen hätte: seine Kleider schlammverkrustet, Hände und Arme erdgeschwärzt. Auf dem Boden vor ihnen lag ein Steinbrocken, schrundig, schlammbedeckt und von den ungefähren Maßen eines halbwüchsigen Jungen. Stirnrunzelnd starrte Alex erst auf den Steinbrocken, dann auf seine Hand mit der Wolfsstatue, die er heimlich aus der Orangerie geholt haben mußte.
„Was haben Sie denn vor?“ zeterte Cramsen, wobei er seinen Wehrmachtsmantel vor der mageren Brust zusammenzog. „Wenn Sie weiter so leichtsinnig damit herumspielen, wird noch ein Unglück geschehen!“
Alex nickte mit grimmiger Miene. „Wenn Sie damit meinen, daß wir alle den Verstand verlieren werden – dieses Unglück dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.“ Noch einmal warf er einen finsteren Blick auf die Wolfsflöte in seiner Hand, dann schob er sie behutsam in seine Hosentasche. „Ich habe diesen Stein ausgegraben, dort oben, weil ich auf einmal glaubte ...“ Mit schlammgepanzertem Daumen deutete er über seine Schulter, aber er vermied es, Timo oder Cramsen dabei anzusehen.
„Heute nacht in der Bibliothek habe ich einige hochinteressante Sachen gefunden“, setzte er von neuem an, „nachher erkläre ich es dir ausführlicher, Timo. Jedenfalls kam mir auf einmal die Idee, einen dieser Findlinge zu untersuchen – du erinnerst dich doch: bei dem Loch in der Mauer, wo wir gestern reingekommen sind.“
Schweigend wartete Timo, während neuerlich Grauen in ihm aufstieg. Dabei waren ihm die Zusammenhänge keineswegs klar: Wieso hatte Alex – ausgerechnet der nüchterne Alex! – geglaubt, daß er mit Hilfe der Wolfsflöte einen Steinbrocken verzaubern könnte?
„Es war nicht nur ein runder Steinbrocken“, sagte Alex, „darunter kam diese ganze Figur zum Vorschein, genau wie in der Geschichte von deinem ritterlichen Ahnen – und da dachte ich mir: Das klären wir jetzt ein für allemal.“
Wieder unterbrach er sich und blieb für einen langen Moment stumm; dann schüttelte er den Kopf und erzählte die sonderbare Geschichte zu Ende: Er hatte die verwitterte Steinfigur bis hierher zum Magmaplatz geschleppt und dann die Wolfsflöte aus der Orangerie geholt. Lange hatte er geschwankt, ob er das obere oder das untere Mundstück verwenden sollte, und sich schließlich (so wie gestern auch Timo) für den Wolfsrachen entschieden: Ein fauchender Laut – für einen Augenblick schien die Figur tatsächlich ein Beben zu überlaufen – und dann ... „Nichts mehr“, schloß Alex. „Gar nichts. Natürlich nicht.“
Diesmal sah er Timo an, aber nur für einen Moment. Dann rieb er sich mit beiden Händen über Stirn und Wangen, um seine Müdigkeit, allerlei Schmutz und vor allem wohl das verwirrte Lächeln aus seinem Gesicht zu vertreiben.
„Wie ich Ihnen bereits dutzendfach erklärt habe, Herr Kommissar: Ich kenne diese Frau Wegener nicht – jedenfalls nicht privat. Sie sammelt alten Bernsteinschmuck und Skulpturen aus dem Ostseeraum, genauso wie ich. Da bleibt es nicht aus, daß man sich irgendwann über den Weg läuft, wie zum Beispiel auf der Auktion letzte Woche in Ratzeburg.“
„Und dort haben Sie verabredet, sich am 25. Juni in ihrem Haus in Hanau-Wilhelmsbad mit ihr zu treffen?“
Robert Trowal nickte widerwillig. Dieser selbstgewisse West-Kommissar mit dem braunen Kraushaarschopf ging ihm auf die Nerven, gelinde gesagt, aber er zwang sich, weiterhin mit ausdrucksloser Miene an ihm vorbeizusehen. Das war allerdings gar nicht so einfach, da er selbst, nur mit einem lachhaften Klinikpyjama bekleidet, im Bett lag, auf einer polizeilich bewachten Station im Stadtkrankenhaus von Hanau, während Kommissar Heiner Siegrist neben ihm auf einem Stuhl saß, den Oberkörper weit vorgebeugt und die Ellbogen auf seine prallen Jeansschenkel stützend.
„Also noch einmal, Herr Trowal: Zu welchem Zweck genau haben Sie Frau Wegener aufgesucht?“
„Sie besitzt eine große Sammlung bedeutender Exponate, wie Ihnen ja mittlerweile auch bekannt sein dürfte“, quetschte Trowal hervor. „Ich interessierte mich für einige Objekte und wollte sie mir ansehen – –“
„Objekte?“ fiel ihm Siegrist ins Wort. „Sie meinen nicht zufällig die Kollektion alter Kinderknochen, die Frau Wegener in ihrem Keller hortet?“
Bei dem Wort Kinderknochen überlief Trowal ein nahezu unmerkliches Zittern, und seine schwarzen Bürstenhaare sträubten sich noch senkrechter der Decke entgegen. Aber trotz allem hatte er sich noch immer vorbildlich in der Gewalt. „Zufällig nicht“, gab er zurück, indem er weiterhin an Siegrist vorbeisah, zum vergitterten Fenster, das auf einen Park hinausging. „Wie gesagt, ich wollte mir einige ihrer Bernsteinexponate ansehen. Aber bevor es dazu kam, stürmten diese beiden Räuber – oder was sie sein mögen – ins Haus. Es entstand ein gewaltiges Durcheinander, Schüsse wurden abgefeuert, eine Kugel traf mich hier, unter der Schulter.“ Er tastete nach dem Verband, der sich um seinen mageren rechten Oberarm wand.
Siegrist schüttelte den Kopf, daß die Krause wogte. „Ein harmloser Streifschuß. Und trotzdem verloren Sie das Bewußtsein? Das kommt mir ehrlich gesagt reichlich seltsam vor.“
„Nicht mein Problem“, knurrte Trowal. „Als ich wieder zu mir kam, war niemand mehr da – bis dann kurz darauf jede Menge Ihrer Polizisten ins Haus stürmten.“
„Und auch zu den ominösen Pfeiftönen, die von allen Zeugen zeitgleich mit den Schüssen vernommen wurden, können Sie nach wie vor keine Erklärung abgeben?“
Trowal spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht sackte, dabei hatte Siegrist ihm genau dieselbe Frage schon wenigstens fünfmal gestellt. Neuerlich erklang der anschwellende Pfeifton in seinem Innern – durchdringend, ganz und gar unerträglich; mit übermenschlicher Selbstbeherschung zog Trowal lediglich die Brauen ein wenig zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich, daß da auf einmal ein schriller, langgezogener Ton war“, presste er hervor, „aber wo er herkam, was er zu bedeuten hatte – nein, keine Ahnung. Also lassen Sie mich jetzt endlich gehen.“
Diesmal war es Siegrist, der widerstrebend nickte. „Selbstverständlich, Sie sind ein freier Mann.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Beantworten Sie mir nur noch eine Frage: Was ist eigentlich mit Ihrem Stimmapparat passiert? Unsere Ärzte sagen, daß Sie eine massive Kehlkopfquetschung erlitten hätten – allerdings nicht bei dem kleinen Zusammenstoß in Wilhelmsbad, sondern vor vielen Jahren?“
„Ein Unfall“, murmelte Trowal, „spielt für Sie keine Rolle.“ Beharrlich, mit zusammengepreßten Lippen, sah er an Siegrist vorbei, bis der Kommissar endlich aufstand, ihm zunickte und das Zimmer verließ.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, warf Trowal die Bettdecke zurück, riß sich das Krankenhemd vom klapperdürren Leib und stand schon vor dem Wandschrank, zog seine Anziehsachen hervor – die abgetragene Leibwäsche, das graue Hemd, den ebenso staubgrauen, schlotternden Anzug – und warf sich sich mit wenigen Handgriffen alles über. Er schlüpfte in seine Schuhe und klopfte probeweise auf seine Taschen, dann holte er tief Luft und zog die Tür zum Korridor auf.
Heiner Siegrist hatte nichts, gar nichts verstanden, dachte er, natürlich nicht. Ein Nachkriegs-Westschnösel wie er konnte und würde derlei niemals begreifen, selbst wenn ihm die Indizien und Beweise vor der Nase aufgefädelt würden. Trowals Herz klopfte, und im spiegelnden Glas des Schwesternkabuffs war sein Gesicht noch immer aschgrau. Vorbei an Polizisten und Krankenschwestern, die vor der Teeküche miteinander lachten, stakste er zur Milchglastür mit dem verheißungsvollen Schriftzug Ausgang, und er mußte sich zwingen, seine Schritte nicht zu beschleunigen, wie er seit langer Zeit in geschlossenen Räumen stets den Drang verspürte, durch die nächstbeste Tür ins Freie zu stürzen.
Noch vom Taxi aus, das ihn zum Bahnhof brachte, rief er Kai Wilko an und erfuhr, daß sie alle, Georg eingeschlossen, bereits am vereinbarten Zielpunkt eingetroffen waren. Daraufhin kaufte sich Trowal einen Fahrschein und saß eine halbe Stunde später, gegen neun Uhr dreißig an diesem sonnigen Samstag, dem 27. Juni 1992, im Intercity (Raucher, Großraumwaggon, Fensterplatz) nach Hannover, wo er in einen D-Zug wechseln mußte, um im Berliner Ostbahnhof gegen siebzehn Uhr letztmals umzusteigen, in den Regionalzug nach Frankfurt (Oder).
Während dieser Zugreise schaute Trowal unverwandt aus dem Fenster und sah doch ebenso unablässig nur Vorfälle und Gestalten aus seiner Vergangenheit. Einzig wenn in den Bahnhöfen ein schriller Pfiff ertönte, zum Zeichen, daß die Reise weiterging, schreckte er aus seinen Erinnerungen auf, in denen durchdringende Pfeiftöne eine beherrschende Rolle spielten (aber davon wußte Siegrist nichts).
Während Trowal in seinem Klinikzimmer in Hanau hastig in seine Kleider fuhr, hatte sich Alex eine Dusche in der Nische der Orangerie gegönnt. Nun zog er seine Kleidungsstücke wieder über, die er (ebenso wie seine Fingernägel) behelfsmäßig von den Spuren seiner Findlingsgrabungen gereinigt hatte. Kurz darauf eilten er und Timo ins Herrenhaus hinauf, neuerlich auf der Suche nach einer Erklärung für den Wolfs- und Bernsteinspuk unter den Fundamenten von Schloß und Burg Stiegliz.
Cramsen hatte ihnen ein derbes Frühstück aufgetischt, Schwarzbrot, Räucherwurst und bitteren Kaffee, aufgereiht auf der Fensterbank der Bibliothek. Doch im Gegensatz zu Alex, der auch diesmal dem Schmaus kräftig zusprach, lehnte Timo an einem Regalpfosten und nippte lediglich ab und an von seinem Kaffee.
Während der letzten Stunde hatte Alex seinem Freund in großen Zügen erzählt, was er im Lauf der Nacht noch entdeckt hatte – vor allem in der Enzyklopaedia Prussica und in der Erzählung vom Eisernen Hartbert. Nicht ohne Anzeichen von Verlegenheit hatte er nochmals zu erklären versucht, wieso er es auf einmal für möglich gehalten hatte, daß die Wolfsflöte tatsächlich „Stein in lebendiges Fleisch verwandeln“ könnte. Das sei jedoch nur eine sehr kurze Abirrung gewesen, betonte er nun, bedingt durch seine Übernächtigung, da er derlei Spuk in Wirklichkeit und nach wie vor für ganz und gar unmöglich halte. „Tatsächlich“, sagte Alex und faßte einen weiteren Bissen üppig belegten Wurstbrots ins Auge, „ist es mir sogar gelungen, einen Großteil der Ereignisse, von denen in den verschiedenen Überlieferungen berichtet wird, auf mehr oder weniger vernünftige Weise zu erklären.“
Timo begnügte sich damit, ihn fragend anzusehen. Noch immer geisterten die Bilder, Gestalten, Schrecken, die gestern so schockhaft lebendig geworden waren, in seinem Innern herum. Zugleich huschten seine Gedanke immer wieder zu Lisa, und dann fühlte er sich für Momente wie unter Schuld begraben: Nur wegen mir ist sie entführt worden – lieber Himmel, was mögen sie mit ihr anstellen – hätte Margot nicht die Statue genommen, wäre Lisa längst wieder frei ... Doch seltsamerweise empfand er noch immer nicht den mindesten Groll auf Margot. Im Gegenteil: Lisa befreien, dachte er wieder, dann mit dir auf und davongehen, Zauberin, ins neue Leben.
Währenddessen schluckte Alex seinen letzten Bissen herunter, spülte mit Kaffee nach und begann unter Cramsens scheelen Blicken zu erläutern:
„Bis zu einem gewissen Punkt scheint mir die Sache ganz einfach: Irgendwann gegen Ende des 13. Jahrhunderts kehrt dein Urururahn, Ritter Hartbert zu Stacklit, aus dem Prussenland hierher zurück, zu seiner Stammburg. Er bringt Valtin Supplit und dessen Tochter Saskia mit, die Oberpriester des prussischen Gottes Patollo, zu dessen Kult umfangreiche Bernstein-Mysterien gehören. Also legen sie ein geheimes Bernsteinlager unter dem Schloßberg an und veranstalten jede Menge heiliges Wolfsbrimborium – einerseits zur Abschreckung von unbefugter Neugier, andererseits, weil zumindest dieser Valtin Supplit, vielleicht aber auch dein Urahn Ritter Hartbert den prussischen Wolfsgott Patollo aufrichtig verehren. Mit den Jahren und Jahrzehnten entstanden dann allerlei Märchen und Spukgeschichten um das unheimliche Heiligtum unter Burg Stiegliz, wobei die Gerüchte vermutlich nicht einfach aus der Luft gegriffen waren: Nach allem, was wir mittlerweile wissen, gehörten zu dem Kultus um den mächtigen Wolfsgott Patollo auch Menschen-, genauer gesagt, Knabenopfer, und mich würde es nicht wundern, mein Lieber, wenn auch deine werten Vorfahren schon vor Jahrhunderten diesem blutigen Brauch huldigten. Daher die vielen Schauergeschichten um verschwundene Kinder, geisternde Mahren und so fort.“
Er unterbrach sich, da Timo leise aufgestöhnt hatte, aber als sein noch immer geisterbleicher Freund nur abwehrend den Kopf schüttelte, fuhr Alex nach kurzer Pause fort: „Außerdem wird sich Supplit nach Kräften als mächtiger Zauberer in Szene gesetzt und erst dem Eisernen Hartbert, bald darauf einer ganzen Kultgemeinde, die sich unten im Schwarzen Saal versammelte, mit seinen magischen Kunststücken die Köpfe verdreht haben. So entstand um diesen grausamen Gott eines ausgerotteten Volkes hier in Stiegliz ein regelrechter Mythos, der viele Jahrhunderte überdauerte und im Lauf der Zeit immer phantastischere Züge annahm. Und der Rest ...“
An diesem Punkt verstummte Alex neuerlich und sah einen Moment lang an Timo vorbei aus dem Fenster, wo schwarze Wolken am Himmel aufzogen. Mit schlecht gespielter Munterkeit fuhr er fort: „Leider bleibt ein ziemlich großer Rest übrig – ein Gemenge aus Zufällen, Aberglauben und Irrtümern, das sich im Lauf der Zeit über dem Mysterium abgelagert hat. Der Priester wird es durch verschiedene Tricks verstanden haben, seine Gemeinde zu beeindrucken und einzuschüchtern: Durch geeignete Vorkehrungen erzeugte er irgendwie die heulenden und winselnden Klänge im Abgrund, und bei den sonstigen Mirakeln, vor allem bei der angeblichen Verwandlung von Stein oder Sand in lebendige Kreaturen, wird er dem Wunderglauben durch die üblichen Rauschmittel eben ein wenig nachgeholfen haben. Auch in dem Enzyklopädie-Artikel heißt es ja, daß Bernstein bei Verbrennung ätherische Öle absondert und diese von den Prussenpriestern ihrer berauschenden Wirkung wegen geschätzt wurden. Und trotzdem ...“
Sie sahen einander an und lasen einer vom Gesicht des anderen ab, wie wenig diese Erklärung letztlich befriedigte, wieviel sie unerklärt ließ oder einfach in die sandigen Gefilde von Zufall oder Gaukelei verwies. Währenddessen räumte Cramsen unter leisem Murren das Frühstück wieder ab: Herr Timotheus hatte nur dem tintenschwarzen Kaffee zugesprochen, dagegen Wurst und Brot nicht angerührt.
„Ich hatte es mir im großen und ganzen ähnlich zurechtgelegt“, sagte Timo endlich. „Das Problem ist aber: Wenn es mit den vermeintlichen Mysterien dort unten weiter nichts auf sich hat, warum sollten Trowal und seine Hintermänner diesen Tanz mit der Statue – und mit Lisas Entführung – veranstalten, ganz zu schweigen von den Machenschaften dieses mysteriösen Herrn Söllner? Kurz und gut also: Warum jagen all diese Leute wie tollwütige Wölfe um Schloß Stiegliz herum, wenn sich das angebliche Geheimnis in Aberglaube und Betrug erschöpft? Und wieso hat schon vor einem halben Jahrhundert mein Vater – einer der nüchternsten und phantasielosesten Männer, die ich kenne – sich von dem Wolfsgeheul dort unten in der Bernsteingruft derart beeindrucken lassen? Nein, Alex – etwas mehr muß schon dahinterstecken, meinst du nicht auch?“
Der Vormittag war unterdessen schon weit fortgeschritten, doch der Himmel vor den Bibliotheksfenstern verfinsterte sich immer grimmiger: als bereite sich ein weiteres verwüstendes Unwetter gleich jenem vor, das vor zwei Wochen den sterbenden Karoly aus seinem Grab geschwemmt hatte.
Karoly – –
Die Erinnerung durchfuhr Timo wie ein Stromstoß, hastig sprach er weiter: „Die Frage ist doch: Können wir all die Wunder, von denen in den Aufzeichnungen meiner Ahnen die Rede ist, wirklich als Mummenschanz abtun? Vielleicht hat es ja mit den Bernsteinstatuen – oder den Flöten – oder überhaupt mit dem angeblichen Bernstein – und mit dem Wolfsgötzen unter dem Schloß – doch irgend etwas auf sich, das sich mit Logik und Physik allein nicht erklären läßt?“ Wie durch Spuk glaubte er bei diesen Worten neuerlich Margot vor sich zu sehen – die Zauberin, mein Verhängnis, dachte er, wie sie mit trancehaft wallendem Gang durch die Wildwiese unter der „roten, toten Hand“ schritt.
„So weit würde ich nicht gehen“, entgegnete Alex, „sagen wir lieber: Es scheint den uns bekannten Gesetzen zu widersprechen; aber bisher hat sich noch immer gezeigt, daß es für scheinbare Wunder eben doch eine vernünftige Erklärung gab.“
„So ein Unfug, Potzteufel!“ fuhr Cramsen dazwischen. „Und wenn Sie bis ans Ende aller Tage Reden wie leeres Stroh dreschen: Mit Vernunft und Physik kommt dem Wolfswunder niemand bei!“
„Womit denn sonst?“ fragte Alex zurück, die Stimme gleichfalls erhoben. „Dann sagen Sie doch endlich, was Sie noch alles wissen, Cramsen!“
Der Alte senkte den Kopf, daß die Haare ihm wie Spinnweb vors Gesicht fielen. Als er wieder aufsah, wandte er sich ausschließlich an Timo. „Leider hatte auch Ihr Herr Vater keine Gelegenheit“, sagte er leise, „dem Geheimnis wirklich auf den Grund zu gehen.“
„Keine Gelegenheit?“ wiederholte Timo. „Also ist er den Teufelspakt mit Görsmann doch nicht eingegangen?“ Vor seinem geistigen Auge tauchten wieder die toten Jungen auf, die dort unten sternförmig angeordnet lagen, reglos in der Lache aus flüssigem Gold. Dort unten, dachte er, und sein Magen krampfte sich zusammen: tatsächlich in der Felshöhle dreißig Schritt unter unseren Füßen – oder bloß im Abgrund meiner Phantasie?
Lange Zeit sah Cramsen ihn nur wortlos an, die Lippen zu einem bleichen Strich zusammengepreßt; eine Ader auf seiner Stirnplatte zuckte wie ein bläulicher Wurm. „Die Polacken sind unser Verderben, schon seit ältesten Zeiten!“ stieß er unversehens hervor, mit funkelnden Augen, wenn auch scheinbar ohne Zusammenhang. „Die Slawenrasse: inazile Widersacherin alles Deutschen, wie Ihr Herr Vater zu sagen pflegte, Herr Ti– –“
„Initiale, meinen Sie wohl“, rief Alex dazwischen und hielt vor Verblüffung inne – „die Initialen, natürlich!“ Mit der flachen Hand hieb er sich gegen die Stirn und drängelte sich an Cramsen und Timo vorbei zum gräflichen Stehpult, das noch immer zwischen Stapeln von Chronikbänden und anderen Kladden vor einem der Fenster stand. „Die einzelnen Schriftzeichen, die dein Vater im zweiten Heft verwendet hat“, hörte Timo ihn undeutlich sagen, „sind dieselben wie im ersten Heft, nur bedeuten sie im zweiten etwas vollkommen anderes. Aber es handelt sich nach wie vor um die Signaturen der bekannten sechsundzwanzig Chronikbände, und da kam mir eben die Idee ...“
Seine Worte waren, gedämpft durch Büchermassen und Entfernung, kaum zu verstehen. Auch Timo schob sich nun vorbei an Cramsen, der das Frühstück im altertümlichen Rucksack verstaute, und eilte zwischen ächzenden Regalen auf die Fensterfront zu: Schwarze Riesenwolken hatten sich am Himmel aufgetürmt, und in der vollkommenen Windstille standen die Bäume im Park so reglos wie gemeißelt da.
Als Timo ans Studierpult trat, wuchtete Alex eben einen der Chronikbände empor und schlug ihn auf der Pultplatte auf.
„Das hier meine ich: Auf der ersten Seite jedes Bandes haben deine Vorfahren wahre kalligraphische Kunststücke vollbracht. Die Initiale des ersten Wortes auf jeder ersten Seite wird von sämtlichen anderen Buchstaben und Wörtern auf dieser Seite gebildet; oder andersherum gesagt: Der gesamte Text auf dieser Seite ist in Form einer großen Versalie angeordnet. Und da liegt die Vermutung doch nahe, daß die Signaturen der Bände im neuen Geheimcode deines Vaters schlicht die Schmuckinitialen auf den ersten Seiten der betreffenden Bände repräsentieren.“
Rasch erstellte er eine neue Liste, in die er links die Sigeln, rechts die Anfangsinitialen der herangezogenen Bände eintrug. Tatsächlich enthielt diese Liste sämtliche Buchstaben des Alphabets, und während Alex rasch mehrere Stichproben machte, begann sein Herz abermals rascher zu schlagen: Allem Anschein nach war er wiederum auf der richtigen Spur. Über kurz oder lang mußte auch das zweite gräfliche Wachsheft seinen Inhalt preisgeben.
„An deiner Stelle würde ich mir schon mal einen Standort für das Denkmal überlegen.“ Zirfas’ Grinsen entblößte zwei Reihen kräftiger gelber Zähne.
„Was soll das jetzt wieder, Hans?“ fragte Lauber, wobei er dem Kriminaler widerwillig winkte, sich zu ihm zu setzen, in den Schatten seiner hundertjährigen Linde. Er hatte sich auf einen ruhigen Samstag in seinem Gärtchen gefreut, nachdem seine Frau mit drei ebenso grauhaarigen Freundinnen zum Einkaufsbummel nach Frankfurt gefahren war. Aber beim Anblick von Zirfas, der in seinem scharf gebügelten lindgrünen Sommeranzug schon wieder aufreizend angriffslustig wirkte, schlug Knut Laubers Enttäuschung rasch in Beunruhigung um. „Was denn für ein Denkmal?“
„In schwierigen Zeiten führte er seine Gemeinde unbeirrt zu neuem Wohlstand – na, wie klingt das?“ Zirfas, der einen Schritt vor Lauber stehen geblieben war, die Arme vor der Brust verschränkt, die Vormittagssonne wie eine Gloriole in seinem Rücken, grinste schmallippig auf den Bürgermeister von Stiegliz herab. „Knut Lauber, geboren neunzehnachtunddreißig – gestorben neunzehn – – Aber warum denn gleich vom Sterben reden“, unterbrach er sich, auf den Zehen wippend, sein Gesicht eine Maske hageren Hohns. „Also kurz und gut, Knut, ich hab’ dir was mitgebracht.“
Die Nachtigallen trapsten in den bürgermeisterlichen Büschen, auf dem Klapptisch neben seinem kühn geblümten Gartenstuhl türmten sich die Schlachtwurstschrippen, die Lauber sich vorhin eigenhändig zubereitet hatte. Mit einem Mal aber war alle Behaglichkeit perdu: Das Herz klopfte ihm bis ins speckige Kinn hinauf.
„Was ist das, Hans?“
„Das goldene Los für dich und dein Entenkaff – lies nur!“
Zögernd griff Lauber nach dem doppelbögigen Schriftsatz, den Zirfas ihm vor die Nase hielt; mit der Linken knöpfte er derweil den obersten Knopf seines mit Tiermotiven geschmückten Freizeithemdes auf – und dann vorsichtshalber gleich den nächsten Knopf, da ihm der Schweiß über die Brust rann.
„Verzicht- und Verpflichtungserklärung ...“ Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. „Hiermit verzichte ich, Knut Lauber, Bürgermeister von Stiegliz, namens der von mir vertretenen Kommune auf jegliche Ansprüche auf Besitz oder Nutzung von Schloß Stiegliz, einschließlich folgender Grundstücke und Gebäude nebst allem beweglichen und unbeweglichen Inventar.“ Er hatte die allergrößte Mühe, sich auf die schlaumeierlichen Formulierungen zu konzentrieren, zumal er in den Augenwinkeln wahrnahm, daß Zirfas sich nun tatsächlich auf dem freien Stuhl im Schatten niedergelassen hatte und die saftigste seiner Schlachtwurstschrippen verschlang. „Die vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt (Oder) anhängige, namens der Gemeinde Stiegliz betriebene diesbezügliche Klage wird nach Inkrafttreten dieser Erklärung unverzüglich zurückgezogen.“
„Kommt nicht in Frage!“ brauste Lauber auf, aber Zirfas schnitt ihm mit einer sägenden Handbewegung das Wort ab:
„Langsam, Knut“ – ohne auch nur das angebissene Brötchen aus dem Mund zu nehmen –, „lies weiter!“
Lauber sah ihn eingeschüchtert an, wischte sich über die Stirn und vertiefte sich gehorsam in Blatt zwo. „Im Gegenzug übernimmt die Carl-Söllner-Stiftung (Frankfurt/Main) Schloß Stiegliz zum symbolischen Preis von einer Deutschen Mark und verpflichtet sich, das gesamte Anwesen sachgerecht zu restaurieren und dortselbst eine Kunst- und Musikakademie einzurichten, mit dem satzungsmäßigen Anliegen, sowohl die schönen Künste als auch Wohlstand und Ansehen der Region von Stiegliz und Umgebung zu fördern.“
Für eine Mark? Das ist wohl die Höhe!, erboste sich Lauber, zog es aber vor, seine Empörung fürs erste nicht mehr lauthals zu artikulieren. Krachend schlug Zirfas seine Zähne in die zweite Schlachthausschrippe, und Lauber las:
„Im Rahmen dieses mäzenatischen Bestrebens verpflichtet sich die Carl-Söllner-Stiftung des weiteren, sämtliche zur Errichtung und zum Betrieb der Akademie Schloß Stiegliz erforderlichen Arbeitsplätze nach Möglichkeit mit Bürgern der Kommune Stiegliz zu besetzen sowie der Gemeinde Stiegliz, gegenwärtig repräsentiert durch ihren weitsichtigen Bürgermeister Knut Lauber, bis zum Ende dieses Jahrtausends jährlich eine Million DM für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung zu stellen.“
Eine Million jährlich? Lauber pfiff durch die Zähne, während er die Blätter auf seinen Schoß sinken ließ. Aber das macht ja ...
„Acht Millionen, Knut“, half ihm Zirfas aus und verschlang den Rest von Laubers Brötchen. „Plus ein florierender Großbetrieb, der deiner Gemeinde auf Jahrzehnte hinaus Arbeit, Steuern, Wohlstand sichert – vom Imagegewinn ganz zu schweigen. Na, was sagst du?“
Laubers Gedanken wirbelten, die Nachtigallen tirilierten, und Schweißtropfen rannen ihm über die Stirn. Aber ich wollte ein Hotel draus machen, dachte er und traute sich nicht mal, diesen Einwand auszusprechen: Zirfas hatte sich auf seinem Stuhl vorgebeugt und sah ihn durchdringend an.
„Söllner-Stiftung, was soll das überhaupt sein?“ maulte er schließlich nur, fast so leise wie im Selbstgespräch. „Steckt dahinter nicht dieser Carl Söllner, der wegen seiner braunen Flecken – –“
„Unterschreib, Knut – ein besseres Angebot kriegst du nie mehr.“
„Und wenn ich nicht will?“ Lauber leckte sich über die Lippen, die salzig schmeckten, allerdings nicht nach Sornos Schlachtwurst, sondern von seinem eigenen Schweiß. „Was hast du überhaupt damit zu tun, Hans: Bist du noch Kriminaler – oder neuerdings Immobilienagent?“
Wieder fletschte Zirfas seine honiggelben Raubtierzähne. „Du weißt, daß ich dich mag, Knut“, sagte er mit gemütvollem Unterton, „aber nun ist’s genug mit den Kindereien. Unterschreib jetzt. Denk an deine Gemeinde – und denk an Dr. Siebold. Wenn du dich weigerst, Genosse, kann ich nichts mehr für dich tun!“
Wie erstarrt saß Lauber da, das Maul aufgeklappt, und glotzte den hinterlistigen Strippenzieher an. Denk an Siebold, echote es in ihm. Wer wird denn gleich ans Sterben denken ... Auf einmal war ihm übel vor Angst. Ich unterschreib’ ja schon, wollte er sagen, da bemerkte er, daß Zirfas bereits neben ihm stand, einen goldenen Füllfederhalter in der Hand.
„Hier, Knut“, sagte Zirfas sanft, drückte ihm den Füller in die Rechte und tippte auf den Schluß des Vertrags.
Lauber krakelte seinen Namen auf das Blatt. Zirfas nahm ihm Füller und Vertrag aus den Händen und war im nächsten Augenblick verschwunden. Wie erstarrt blickte der Bürgermeister ihm hinterher. Der Appetit auf Schrippen und Schlachtwurst war ihm ganz und gar vergangen, sehr viel nötiger hätte er jetzt einen doppelten Wodka gehabt.
Feigling, schalt er sich selbst, jetzt bist du aus dem Spiel! Der Schweiß tropfte ihm von der Glatze und auf seinen Schoß hinab, wo eben noch der Vertrag gelegen hatte.
Außer dem Kratzen der Bleistiftspitze, mit der Alex, am Stehpult vor den Parkfenstern lehnend, Chiffren und Buchstaben niederschrieb, war in der Bibliothek kein Laut zu hören. Um den beharrlichen Dechiffrierer (der sich allerdings vor Übermüdung kaum mehr auf den Beinen hielt) nicht bei seiner Arbeit zu stören, aber vielleicht mehr noch, um sich von den bedrückenden Bildern abzulenken, die immer noch, wie Blasen aus Faulgas, in seinem Innern aufstiegen – aus diesem und jenem Grund also hatte sich Timo zwischen die Bücherreihen der Bibliothek zurückgezogen. Dort fand er nach einigem Stöbern in dem Fach, das auch den Eisernen Hartbert beherbergt hatte, ein weiteres dünnleibiges Bändchen, das er sogleich aufblätterte und in einem Zug las.
Dame Saskia
Drei romantische Bruchstücke
von
Friedebert Prohn
Stiegliz 1853
Zum Geleite
Artig gezauset hat die zwischen Weimar und Neapel hingestreuete Sippschaft einmal mehr den Getreuen Friedebert, bloß weil der’s gewaget, die wahre Mär vom Eisernen Hartbert im Privatdrucke kundzutun. Will dennoch nicht anstehen, mein Versprechen einzulösen und dem verehrlichen Publico neueste romantische Trümmer aus dem alten Stacklit vor Augen zu führen: gar sonderbare Fragmenta, als welche insonderheit an sämtlichen Bruchstellen schillern und glänzen, wie’s die grusellüsterne Leserschaft liebet. –
Damit alle ihr Ehrsüchtigen unsers gemeinsamen Namens euch künftig herausreden könnet: Es wär’, was der Friedebert drucken lasset, von links bis rechts freiweg vorgespiegelt und nicht ein Körnchen davon der Realhistorie entborget; – unterzieh’ ich mich nunmehro ohn’ Ächzen der Mühsal, sämtliche Originaldokumente, so ich aus den Jahresbänden des Eisernen gezogen (aus welchen Volumina, verrat’ ich nicht), solcherart umzuschmelzen und einzudampfen, daß alles sich lieset wie mit blankem Dichterkiel fingieret.
Erstes Bruchstück
– – zu Erntedank 1257 A.D., i.e. drei Jahre, ehe Valtin Supplit, oberster Priester der Prussen, seinen zauberischen Creatura befahl, wider die teutschen Ritter loszubrechen, versuchte er auf sanfterm Wege, sein geschund’nes und geschwund’nes Volk vor dem Verderben zu bewahren: indem er sein einzig’ Töchterlein als Unterpfand der Treue und des Friedens dem schwarzkreuzlerischen Landmeister überließ.
Hieß Saskiatrimpe mit Namen und war in ihrem vierzehnten Jahre; ein lieblich’ Mägdelein mit Augen wie zwei grüne Waldseen, und schimmerte und wogete so herrlich wie ästischer Weizen ihr amberblondes Haar. Lächelte alleweil; liebte das Leben, die Welt und insonderheit ihren Vater Supplit, den Zauberpriester ihres Volkes, als welcher sie nit minder zärtlich verehrt’. Die Mutter war (sagt’ man) Jahre vorher gestorben; weitere Kindlein hatten sich in der kleinen Familie nit einfinden mögen: So war Saskia die einzig’ Tochter, ja das alleinige Kind des Priesters geblieben; das einzige zumindest, als welches der heißen Magie der Weibsliebe entsprungen und nit dem (wie’s später Hartbert nannte) kalten Zauber der Macht. –
Immer härter drückten indessen die christlichen Ritter das Prussenvolk nieder; jedes Flehen und Barmen, alles Bitten und Winseln schien vergebens: Die Ritter vom schwarzen Kreuze gaben vor, die Liebe ihres totenäugigen Gottes zu bringen, und sengten doch erbarmungslos Weiler um Weiler nieder; erschlugen Männer und Weiber, selbst Säuglinge und Greise der Prussen, wo immer sie derer ansichtig wurden.
Da begab sich Supplit, in Begleitung seiner Tochter und eines geringen Trupps bewaffneter Krieger, zur Feste Marienburg, als wo die Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani ihr Domizil errichtet; drang ohnbemerkt mit allem Gefolge bis zu den Gemächern des Landmeisters vor und redete den überrumpelten Bruder also an:
„Der wolfsköpfige Patollo, so bei euch Teutschen den Namen Jesus Christus traget, sei mit dir, Frater Balco. Entsetze dich nicht über unsern Anblick: Ich bin in friedlicher Gesinnung hier.“
Und ehe der Herr von Marienburg auch nur das Kreuzeszeichen schlagen konnt’ zur Abwehr Satanas, drang Supplit weiters auf den Schwarzkreuzler ein:
„Warum erschlagest du mein Volk, Bruder? Was haben wir dir getan, daß du meine Bauern und Hirten, meine Fischer und Bernsteinsammler marterst und massakrierst? Das hier ist unser Land, Meister: Prussenland seit vielen tausend Jahren! Ohnermüdlich lasset ihr die Mär verbreiten, wir Prussen seien tumbe Tölpel; nit imstande, zu lesen und zu schreiben; nit fähig, die Botschaft eures Totengottes zu begreifen; nit wert darob, am Leben zu bleiben: und doch werden solche Lügen durch stures Auf- und Niederleiern um kein Gran wahrer. – Aber nun höre mein Angebot, Ritter mit dem schwarzen Totenkreuze:
Meinethalben bleibet bei uns, Fratre; unser Land ist groß genug selbst für einen Haufen Eisenleut’ wie ihr. Aber laß uns feierlich Frieden schließen und unsern Schwur auf besondere Weise siegeln: Als Oberster der hiesigen Ritter vom schwarzen Kreuze sollst du eine Tochter aus deiner Blutsippe mit mir schicken, die als Unterpfand des Friedens in meinen Hainen aufwachsen mag. Ich meinerseits als oberster Priester des Prussenvolkes will nit anders verfahren und sende dir meine Tochter Saskia als Geisel der Treue zwischen den teutschen Rittern und dem Prussenvolke: Sieh hier! Ich habe Saskia gleich mitgebracht, auf daß du erkennest, wie ernstlich mein Angebot ersonnen ist.“
Der behäbige Landmeister indessen, so vor langen Jahren die Mönchsgelübde abgeleget und darob auch keine ehelichen Kinder zu Geiseln geben konnt’: besann sich gleichwohl nit lange; ließ eine Maid aus dem Gesinde prachtvoll einkleiden und mit Lügen pudern und schickte das Kind als seine blutseigene Tochter mit Supplit nach Romowe.
Saskia aber nahm im Weibskloster zu Marienburg unter dem Namen Schwester Magdalena den Schleier Mariae. – –
Zweites Bruchstück
– – muß noch im selben Jahre im Weibskloster zu Marienburg Ohngeheuerliches vorgefallen sein, als welches selbst Peter von Dusburg, der getreue Chronist der Deutschordensleut’, bloß in blassen Strichen umreißet:
Noch ehe (hieß es) Saskia den Schleier nahm und sich fortan Schwester Magdalena nannte, habe den Samen eines Mannes sie empfangen: Trug sie ein Prussenbalg seither unter dem Herzen (als wie von Dusburg schwöret) oder eines Rittermönches Sündensprosse, von hohem Kirchenrange gar? Die heikle Antwort blieb im dunkeln; unterdessen erging Befehl: Die Maid solle dem Kinde durchaus das gottgewollte Leben schenken, discretum indessen, auf daß die Sach’ nit unter den Prussen, nit bei den Deutschordensleut’ das Blut zum Überbrodeln brächt. –
Der Kindsvater des frevlerisch gezeugten Balges (munkelten die einen) sei der ehrwürdige Landmeister Hermann Balcus höchstselbst: Habe noch am nämlichen Tage, da Supplit sie in seine Hand gegeben, die Blume gebrochen mit roher Gewalt. Galt seinerzeit ohnzweifelhaft als Mann der rüden Sitten und Gebräuche; soll in persona das Dictum gemünzet haben: Ein Held von guter Körperkraft müßt’ allzeit imstande sein, sein eignes Leibgewicht am aufgereckten Mannesglied zu tragen.
Welches Mannsbild auch immer (raunten die andern) seinen Sermon in die samländische Maid versprützet: dem Balcus käm’s ohnehin zupaß. Wichtig sei ja nit, ob das Wurm von prussischem oder teutschem Bluthe, wenn die Nonne nur von einem Knaben entbunden werd’: Alsolange bloß weibliche Geiseln er hingegeben (so angeblich die Ränke der Ritter Mariae), würde der Heidenpriester leichten Herzens alle Menschenpfänder opfern; wüßt’ Supplit aber einen Enkelsohn in der Hand seiner Feinde, so wär’ er künftig mühelos zu lenken: Die Gliedmaßen dieser Geisel (so angeblich Balcus) wären wie Zügel und Zaumzeug zu gebrauchen, an welchen der Prussenpriester sich willig zerren lasse; die Schreie des geschundenen Kleinen ein gellend’ Hü und Hott, welches Supplit nimmer überhören würd’. –
Doch dann die Stunde der Niederkunft, o jammersälige Leser: Eine sanftmüthige Hebamme entbindet Saskia-Magdalena von dem gesunden Sohne; überglücklich drückt die Mutter das Kindlein an ihren Busen; da, da –: Rauhe Rufe vor der Kammertür; herein drängen zwei Landwehrknechte: rohe Schergen, doch von wem gedungen, von wem? – Söldnerpranken packen nach dem plärrenden Würmlein – kreischend wirft sich die Amme dazwischen – ein Hieb, sie stürzet – und ehe die Schergen sich recht besonnen: springt die Saskia blutbesudelt aus dem Bette – will mit dem greinenden Säugling über die Schwelle enteilen – da zückt einer der Häscher sein Messer; der zweite packt sie bei den Armen: Flüche, Hiebe, wüstes Gemenge – das Messer bohrt sich in die Brust der Schönen, wenig über dem Herzen, die Kutte Mariae blutig verfärbend; – und wie die Saskia sich endlich losreißen kann: Da liegt das Knäblein still am Boden, zerstampfet und tot ...!
Saskia aber wirft den Schleier Mariae von sich und entweicht gen Romowe. – –
Drittes Bruchstück
– – das alles scheinbar längst vergessen, als Saskia fast zwei Jahrzehnte später unter Hartberts Hügel in Stacklit hauste: von kalter Anmut nun, ein starres Lächeln in ihr Antlitz eingemeißelt, das seit damals ihre Augen nimmer erreichen konnt’. –
„Wolfsmelodeien“, schrieb der alte Hartbert, kaum in Stacklit angelanget, „wie sie mich verjüngen und beglücken, wie sie das Herze mir verzücken und förmlich den Verstand verrücken: ein ohnerschöpflicher Jungbrunnen aus jauchzenden, fauchenden Ambertönen ...“
Doch nicht lange, o grusellechzender Leser, da stellten sich auf und unter Burg Stacklit Mißtöne ein:
„Dieser ohnmäßige Götzenpriester“, klagt’ der Ritter verdrüßlich, doch verschlüsselt in der Chronik Derer v. Pr. z. St., „fordert ohnablässig neue Opfer für den Wolfsgott, so ohnersättlich in seinem Abgrunde heult.“ Wo zur Hölle nur sie alle hernehmen; schon geisterten ja Angst und Schrecken durch den Weiler: vor dem zottig’ Werwulf, als welcher (wie die alten Weiber greinten) alleweil im Wald auf Knaeppi lauere; auch vor dem Gespenste eines Ritters in klirrender Rüstung, als welcher seinen Opfern mit blankem Schwert den Wanst zerschlitze, um am hervorbrechenden Blute seinen Durst zu stillen.
„Wär’ da nicht Dame Saskia“, barmte der Eiserne, „mich müßte’s lang schon reuen, daß ich Supplit mit nach Stacklit führte. Doch die Holde zaubert brennendrote Rosenflecken auf meine Greisenwangen, sowie ich ihrer bloß von fern gewahr.“
Alljährlich in der Nacht zum 26ten Junius (sagt’ man) traf die Saskia im Park von Stacklit mit ihrem Buhlen zusammen; trug im Volke bald schon den Namen Stasya oder Stasy und war als grausliche Hexe, flachsblonde Vettel und Teufelsbuhlin verschrien. Dabei freiete wohl nie einen andern sie in Stacklit als den greisen Eisernen, unsern durch wölfische Ambertöne so wundersam verjüngten Ahn!
Hüllte die Stasy in solchen Nächten sich in die fahle Kutte der Magdalena, doch zum Hohne des Erlösers, welcher das alte Volk mit Schwertern segnen und mit Feuer taufen ließ. Stieg dann zur Geisterstund’ durch den geheimen Gang, als welchen man bloß von innen öffnen kann, vom Verliese in den Park hinan, wo der Romantische Hartbert beim Moospfuhle ihrer harrte. Neben dies Liebeslager hatte die Stasy aber den wunderlichsten Baum gehexet: Eine Buche war’s, mit blutrotem Laub und funffach verästeltem Stamme, so einer aus dem Boden gerecketen Menschenhand gleichsah.
„Mein Ritter!“ sang die Stasy; „o holde Frouwe!“ ächzete der Eiserne – – und dann lassen wir, o schamsälige Leser, den Vorhang vor diesem wonnereichen Copulum sinken, so nach Art des Satans und der Teufelsbuhlin dort in Moos und Mondenschein zu Werke ging.
Gleich danach rennet die Stasy indessen zum Leichenfeld: plärrt wunderliche Formulae in der alten Sprache; kreischt insonderheit Malnäjkiks, als welches in teutschen Worten (sagt man) Kindlein oder Knaeppi heißen soll. Ruft’s unterm Grabhügel endlich mit feinem Stimmlein: „Mach auf, laß mich raus“; scharrt sich die Stasy dann rasch in die Erde und klappt das Särglein auf: so springet mit furchtbarer Wucht das Knaeppi aus der Grube; schnellet ans Herze der Stasy; krallet mit Nägeln und Zähnen so ohnerbittlich sich an Schulter und Busen an, daß über ihrem Herzen die Kutte der Saskia abermals zuschanden geht und darunter die milchig weiße Haut der Frouwe dazu.
Galt darob die überm Herzen blutige Kutte lange Zeit als Zeichen in Stacklit: daß der 26te Junius gekommen und verstrichen; die Stasy mit ihrem gräflichen Freier gebuhlet und etliche Mahren erwecket, so der Eiserne Hartbert auf besondere Weise verschnürt und zu Supplit in die Ambergruft stößt – –
Natürlich wußte sie, daß sie von der Polizei gesucht wurde – wegen „dringenden Verdachts auf Grabschändung und Störung der Totenruhe“ auf mehreren Kirchhöfen zwischen Spessart und Taunus sowie wegen ihrer ungeklärten Rolle bei der Schießerei in Hanau-Wilhelmsbad. In gewissen Gazetten war Margot Wegener als „vermögende Sammlerin obskurer Kultobjekte“ und „satanistische Hexe“ bezeichnet worden, deren Neigung zu „nekromantischen Theorien und Praktiken“ für ihre moralische Integrität und ihren Geisteszustand gleichermaßen Übles befürchten lasse. Mit Ausnahme der letzteren Andeutung (und obwohl der hämische Ton der Zeitungen sie irritierte) fand Margot diese Charakterisierungen ihrer Person auf schmeichelhafte Weise treffend.
Sie hatte die Grenze überschritten – spätestens vorgestern, als sie Trowals Bewußtsein mit der Wolfsflöte ganz einfach ausgeblasen hatte (wie er sie angestarrt hatte, aus schreckgeweiteten Augen: o ja, er wußte, welche Kraft die Flöte besaß!); aber höchstwahrscheinlich schon vor acht Tagen – unten am Oderufer, als sie bei tosendem Unwetter Saskias Zauberformeln gesungen und geschrien hatte, über jenem frischen Grab, in dem es sich wahrhaftig auf einmal regte. Ich bin keine mehr von euch, dachte sie, bin’s nie gewesen – und mittlerweile kannte sie die Kraft, die in ihr wohnte: die Kraft der Saskia.
Folgerichtig hatte sie heute früh nur einen Augenblick gezögert, ehe sie Torbert Hardings Nummer auf ihrem Funktelefon wählte. Und ebenso folgerichtig hatte sie sich nach kurzem weiteren Zögern entschlossen, mit ihrem schwarzen Spider nach Frankfurt zu fahren, wo sie mit Harding im Brunnencafé verabredet war. Mochten die Polizisten ihr Telefon abhören, mochten sie ihren Wagen auf sämtliche Fahndungslisten gesetzt haben – in mir ist die Kraft der Saskia, dachte Margot, niemand kann mir widerstehen. Obwohl ihr Geist nach dem nächtlichen Amberrausch noch trunkener als gewöhnlich war, gelang es ihr immerhin, über die knarrenden Treppen des Herrenhauses und an der Bibliothek vorbei, wo Timo und Alex über den Schloßchroniken brüteten, unbemerkt hinauszugelangen in den morgendlichen Park.
Es war neun Uhr morgens, der Himmel bedeckt mit schwarzen Wolken, die Luft erfüllt von einer Gewitterschwüle, die sie neuerlich an die Nacht des 18. Juni erinnerte. In ihrem knöchellangen schwarzen Kleid lief sie im Schatten des Herrenhauses den Kiesweg entlang, tauchte kurz darauf in den Wirtschaftshof, rannte im Zickzack zwischen dem aufgehäuften Schrott der Jahrzehnte und Jahrhunderte (in Schlammtümpeln versinkende Mühlsteine, Traktorruinen in Brennesselmeeren, Dreschflegel aus Dornenranken ragend) zu jenem sinnlos versiegelten Seitentor, zog es auf und trat auf den Waldweg, wo sie ihren Spider hinter Gestrüpp verborgen hatte.
Auch die Wunde über ihrer linken Brust, der Mund der Saskia, schien nach Luft zu schnappen, während sie den Wagen aufschloß und sich mit einem kleinen Lächeln des Triumphs in den roten Ledersitz warf. Horkete, malnäjkiks – aufwachen, mein Kindlein ... Um der Wahrheit eine Bresche zu schlagen, sie war sich, was jene nächtliche Grabszene anging, noch vor kurzem keineswegs sicher gewesen, ob schnöder Zufall oder wahrhaftig ihre Saskiakraft das Unerhörte bewirkt hatte: Im trommelnden Regen, bei Blitz und Donner hatte sich unter ihren Händen und Knien wahrhaftig der Grabhügel bewegt!
Margot startete den Spider. Aufgepeitscht durch die Erinnerung an jene Nacht (wäre doch Söllner dabei gewesen, oder wenigstens sein Gehilfe Harding – aber leider hatte nur der tumbe Martin Mühlheim ihre Zaubertat miterlebt), trat sie das Gaspedal fast bis zum Anschlag durch, und der Motor röhrte auf, daß der morgendliche Wald erschauerte. Und wenn schon! In mir ist die Kraft der Saskia ... In ihrem Schädel war vor allem anderen eine dumpfe Schwere, ein Kopfschmerz kurz vor dem Ausbruch, wohlvertraute Folge nächtlicher Amberekstasen.
Im Rückwärtsgang schoß Margot hinter der Hecke hervor, so hochtourig, daß die Räder Augenblicke lang durchdrehten, ehe sie auf dem schlammigen Boden griffen. Und wenn schon! Sie steckte sich eine Zigarette an, schob ihr Kleid bis zu den Hüften hoch und legte schwungvoll den ersten Gang ein.
Wenig später raste sie bereits über die Landstraße, die von Lebus über Stiegliz nach Frankfurt (Oder) führte. Vor acht Tagen erst hatte Timo Prohn die gleiche Strecke im umlackierten Lada zurückgelegt, auf der Rückbank neben Bürgermeister Lauber, vor ihm Zirfas, am Steuer der fuchsbärtige Worzak, und allem Anschein nach hatte sich keiner von ihnen jemals gefragt, ob die junge Frau, die so überraschend auf dem Schloßgelände aufgetaucht war, möglicherweise mit dem Mord an dem Polenjungen irgend etwas zu tun hatte.
Oder mit seiner zwischenzeitlichen Wiederauferstehung.
Margot stieß ein keckerndes Lachen aus, hieb ihren Handballen auf die Hupe, zog den Spider nach links und drückte das Gaspedal durch. Der leichtgewichtige Wagen machte einen Satz und jagte an einer Kolonne überalterter Lastwagen rumänischer Herkunft vorbei, die auf dem holprigen Sträßchen wie im Halbschlaf dahinschwankten, Sandwolken aufwirbelnd, die der Luft einen bernsteingelben Schimmer verliehen. Die Fahrer quittierten ihr Manöver mit einem Konzert quäkender Dreitonhupen, aber Margot nahm keine Notiz von ihnen.
Bei der Beschwörung von Kinderskeletten, sagte sie sich, indem sie vor den ernüchterten Transsylvaniern wieder einscherte, war sie bisher zwar immer wieder gescheitert: Wie sie die Moderknochen auch mit Salben nach uralten Rezepturen bestrichen und die überlieferten Silben der Saskia in ihrem Wilhelmsbader Keller geplärrt und geschrien hatte (horkete, malnäjkiks, häj!) – der beinerne Plunder hatte sich weder geregt noch gar „wundersam belebt und mit warmem Fleisch bedeckt“, wie es sämtliche Saskia-Sagen verhießen. Aber seit jener Nacht am Grab des Polenjungen – und erst recht, nachdem sie diesen Trowal mit der wölfischen Bernsteinflöte zu Boden gepfiffen hatte –, spürte Margot, wie die Kraft der Saskia in ihr wuchs. Über kurz oder lang würde es ihr auch gelingen, zu Knochen verdorrte Kindlein in ihren Gräbern zu erwecken; und dann – –
Vor Erregung über die Bilder, die bei diesem Gedanken in ihr aufstiegen, riß Margot am Steuer, so daß ihr Spider beinahe nach rechts ausgebrochen wäre, kopfüber in die beiderseits der Straße sich dehnende Waldeinsamkeit. Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. Weit hinter ihr erklang wieder das Konzert der rumänischen Hupen, und Margot fuhr mit der rechten Hand in ihren Ausschnitt und tastete zärtlich über den Mund der Saskia.
Bereits gegen halb zehn passierte sie die nördliche Stadtgrenze von Frankfurt, fuhr durch die schläfrige Lebuser Vorstadt und bog endlich links in die Rosa-Luxemburg-Straße ein. Anstatt sich um meinen Geisteszustand zu sorgen, dachte sie, sollten die Pressefritzen sich lieber mal dafür starkmachen, daß die roten Vergangenheitsgespenster zumindest von den Straßenschildern verschwinden. Selbst die Hauptstraße von Frankfurt, auf der sie nun bis zum Brunnenplatz südwärts rollte, trug noch immer ihren schändlichen alten Namen: Karl-Marx-Straße, und die jungen Frankfurter Bürger, die in Springerstiefeln und schwarzen Bomberjacken, Schäferhunde an Ketten mit sich führend, auf den Bürgersteigen patrouillierten, machten nicht den Eindruck, als ob sie über diese Reminiszenz besonders glücklich wären.
Margot parkte am Straßenrand, gegenüber dem Brunnencafé. Sie war viel zu zeitig, dachte sie, Harding würde frühestens in einer halben Stunde erscheinen, zumal er es liebte, einen auf die Folter zu spannen – auf diese und jene Art. Sie stieg aus, warf die Tür ins Schloß und ihre Haare über die Schulter, dann schlenderte sie über die Straße, die nahezu menschenleer war – abgesehen von den jungen Männern mit den düsteren Mienen und kahlen Schädeln, die sie allesamt zu erkennen schienen. Margot bemerkte, daß sie einander durch Gesten und Blicke auf sie aufmerksam machten, aber aus irgendeinem Grund zog sie es vor, niemanden anzusehen, während sie auf die Eingangstür des Cafés zuging.
Rasch trat sie ein, durchquerte den dämmrigen Raum, der noch immer an seinem Resopal- und Häkeldecken-Muff zu würgen schien, und glitt in die hinterste Nische, wo es fast so dunkel war wie bei Nacht. Beim Anblick der jungen Männer dort draußen war etwas Merkwürdiges, ganz und gar Unerwartetes mit ihr geschehen: Mit einem Mal hatte sie die Wirklichkeit der Angst und Qualen empfunden, die der junge Pole letzte Woche erlitten hatte. So etwas war ihr nie zuvor widerfahren: Plötzlich sah sie seine Augen vor sich, nachtdunkle Augen, mit denen Karoly sie anstarrte, von unten her – vor Schreck und Schmerzen geweitete dunkle Kinderaugen in diesem entstellten Gesicht, die mit flehentlichem Ausdruck an ihr hafteten, als ob er gerade von ihr Erbarmen erwartet hätte. Karoly, dachte sie, wahrhaftig, so hatte er geheißen – vergeblich versuchte sie den Namen wieder aus ihrem Gedächtnis zu tilgen (Károly, Karó, Ka –).
Dabei hatte sie gar nicht miterlebt, wie die Horde ihn in der Unwetternacht vor acht Tagen „hergenommen“ hatte (wie ihr Vater derlei zu etikettieren pflegte), mit Messern, Fäusten, abgeschlagenen Flaschenhälsen – und dennoch spürte sie auf einmal seine Schmerzen und empfand seine Angst (irgendwo tief in ihr, auf geisterhafte Weise, und trotzdem fühlte es sich wirklicher an sogar als der Mund der Saskia), als ob sie selbst dort im dunklen Wald „hergenommen“ würde, als ob sie dort am Boden läge, nackt und verkrümmt und mit Schlamm und Blut bespritzt, und vergeblich versuchte, ihren Kopf zwischen den Armen zu schützen – – aufhören, ich bin kein Opfer – aufhören, sofort!, befahl sie sich und starrte aus weit geöffneten Augen die herbeitrottende Kellnerin an, während der Bilderstrom in ihrem Innern langsam erstarb.
Margot bestellte einen doppelten Weinbrand sowie, nach kurzem Überlegen, Omelett und Kaffee: Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt irgend etwas gegessen hatte; und wenn sie nachher mit Harding sprach, mußte sie nüchtern und bei Kräften sein.
Tatsächlich hatte sie die Horde – Martin Mühlheim, Ralf Horn (der seinen Tanz im Wolfsfell nur um wenige Tage überlebt hatte, aber davon wußte Margot nichts), Christoph Siel und die anderen – in jener Nacht nicht hinaus in den Wald begleitet: Es goss wie aus Kübeln, und ohnehin waren Mühlheim und seine Kumpanen längst zu ihren nächtlichen „Geländespielen“ aufgebrochen, als Margot spätabends in Schloß Stiegliz eingetroffen war. Also verbrachte sie einige Stunden allein im Herrenhaus, in ihrer Mansarde, wo sie (wie nahezu an jedem Abend, soweit sie zurückdenken konnte) eine Handvoll Bernsteinkügelchen verbrannte und die Amberdämpfe inhalierte (während Timo und Lisa unten in der Orangerie die halbe Nacht miteinander stritten, dann erschöpft in unruhigen Schlaf sanken; aber davon, ja selbst von Lisas Anwesenheit auf Schloß Stiegliz, wußte Margot zu diesem Zeitpunkt nichts).
Gegen Mitternacht kehrte die Horde zurück, Mühlheim und seine vier mageren Strolche, alle naß bis auf die Haut und berauscht von den Heldentaten, die sie bei Donner und Blitz dort draußen vollbracht hatten. Margot hörte, wie sie unten in der Halle grölten, wie sie mit stampfenden Schritten treppauf und treppab liefen, und da hielt es sie nicht länger in ihrer Kammer: Sie trat hinaus in den Gang, schlich auf bloßen Füßen die Treppe hinab, verbarg sich in der Halle hinter den mit Rittern bemalten Säulen und lauschte.
Gläser und Flaschen klirrten; Mühlheim und seine Knaben kreischten und johlten – Polackensaft, hörte Margot, Kadaver, verreckt und verscharrt, brüllte die Horde, einander zuprostend unter heiseren Schreien; und als Mühlheim kurz darauf bei ihrem Versteck vorüberwankte, zog sie ihn hinter die Säulen, legte einen Arm um seinen knochigen Rumpf, schob ein Knie zwischen seine Schenkel und raunte ihm ins Ohr: „Schick die Kerle ins Bett – und dann zeig mir das Grab.“
Martin Mühlheim, der Anfang Zwanzig, in Schwerin wohnhaft und von Beruf Schlosser war (diesen Beruf allerdings niemals ausgeübt hatte – unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung war er zusammen mit einigen Dutzend junger Brandenburger und Mecklenburger von Harding angeheuert worden: als „nationale Umweltschützer“, die seither den Grenzwald längs der Oder „säuberten und sauberhielten“, mehr oder weniger; aber derlei Einzelheiten interessierten Margot nicht) – der magere, flachsblonde Martin, von dessen Körper ein Geruch nach Schweiß, Bier und Gehorsam ausging, sputete sich, diesen unverhofften Befehl zu befolgen, und führte sie schon wenige Augenblicke später hinaus in die Gewitternacht und zu Karolys Grab. – –
„Nekrophile Hexe.“ Eine samtene Stimme direkt an ihrem rechten Ohr. „So haben dich die Linksschmierer doch genannt?“ Erschrocken sah Margot auf: Neben ihr stand, hochgewachsen, ein wenig vorgebeugt, so daß ihm das Engelshaar in die blasse Stirn fiel, Torbert Harding – oder auch der Affe des Alten, wie Söllners Adlatus nicht nur bei seinen Neidern hieß.
Beobachtungen und Mutmaßungen (Heft II.)
Schl. St., d. 14. IV. 38
Letzte Nacht stieg im Blechkorb eine vollkommene Wolfsflöte empor: überwältigend! Der Flötenleib honiggelb, durchscheinend; ca. 1 Elle lang u. beiläufig vom Umfange eines Knabenarms. Der Wolfs- oder Flötenkopf wie die Faust dazu u. gelbbraun, nahezu undurchsichtig – bis man ihn ins Licht reckt: dann lodern ockergelbe Flammen aus den Wolfsaugen hervor. – Ein „magisches Pfeiflein“, wie es in der Spukmär hieß?
Verfügte mich an entlegene Stätte im Park: nahe dem Ostwall, gedeckt durch Buschwerk u. Weide; hob die Wolfsflöte an die Lippen u. – – ließ sie wieder sinken, zagend: Was denn, wenn wirklich zauberischer Schall aus dem Bernsteinrohr dringt; der Wolfston, dunkle Mächte beschwörend, wahrhaftig Tod u. Verderbnis bringt?
Item: Jene Prophezeiung aus der Spukmär, das magische Pfeiflein als Gegengabe angehend, traf ja bereits ein: Man stieß sie hinab, u. nachts darauf stieg sie empor – die gewaltige Wolfsflöte, meisterlich gefertigt, der Wolfskopf stark u. grimmig: Wer wollte hier von Zufall noch schwadronieren, wo so unverkennbar, unentrinnbar Schicksal, dunkler Zauber webt?
Abermals hob ich, im Buschwerk verborgen, die Flöte zum Munde empor: Sonderbar widrig, die Lippen auf das Wolfsmaul zu drücken; doch diesmal gelang es: Blies, wenn auch zaghaft; da: die Flöte vibrierte, ein heiseres Fauchen, u. dann: nichts! – nur furchtbar die Stille danach – u. so auch in meinem Innern: bis in die Knochen fröstelnd; unsäglich matt – –
Spürte noch Stunden drauf den eisigen Hauch von Todesahnung, der durch mich hindurch gestrichen war: Die Flöte bläst das Leben aus dir heraus ...
Schl. St., d. 15. IV. 38
Seither rasender Kopfschmerz u. innerlich beängstigtes Beben, das die Seele nicht zur Ruhe kommen läßt: ruhelos; appetitlos; schlaflos. Spüre bei allem, untrüglicher als jemals: Bin einem düstern, gewaltigen, wohl auch fatalen Mirakel auf der Spur. – Muß schweigen: gegenüber jedermann; das Geheimnis noch strikter hüten: daher der Wechsel zu Code Zwo.
Schl. St., d. 20. IV. 38
Die Slavenrasse hat seit Tannenberg gewiß nichts Besseres als den Untergang verdient, u. sofern das eine oder andre Exemplar sich vorher hier noch nützlich macht: Was ist dagegen anzusagen?
Erkenne tief ergriffen, daß der magische Mechanismus alle Zeiten unbeschadet überdauert hat: Stoße sie hinein, u. du erhältst, wie in den alten Sagen angezeigt, wundersames Musiziergerät im zauberischen Gegenzuge.
Schl. St., d. 24. V. 38
Friedeberts „Romantischen Ritter Hartbert“ entdeckt: Der Schleier reißt; beginne zu begreifen: endlich!
Stein – Amber – lebend’ Fleisch u. Gebein: der magische Circulus! – Supplit, der nordische Hüne, die blonde Bestie u.s.w.; Ritter Hartbert, der seine germanische Bestimmung erkennt, sich vom weichlichen Christenthume endlich abwendet u. zum nordischen Heidentume bekennt: wahrhaftig; herrlich; tragisch!
Dagegen: der slav. „Menschenbatz“!
Schl. St., d. 27. IV. 38
Morgen neue Lieferung von G.: 4 Expl. – Lasse mir seine „Erpressung“ gefallen: nach außen grimmig mit 1 Prise Furcht; drinnen sieht’s anders aus.
Schl. St., d. 1. V. 38
Seit Stunden in Betrachtung der Laute, die letzte Nacht im Blechkorb heraufstieg. Ihre Vollkommenheit; ihre altertümliche Schönheit: Der Lautenleib von dunklem, fast rötlichem Braun; undurchsichtig, ein wenig gedrungen; nach Form u. Umfang an den Brustkorb eines Kindes gemahnend. – Ein Lautenleib aus Bernstein: Keine Menschenhand, u. sei sie noch so kunstfertig, wäre imstande, ein solches Werk zu erschaffen; auch ist das Wort Laute hier nur näherungsweise zu gebrauchen.
Schl. St., d. 7. V. 38
G.: 6 Expl.
Schl. St., d. 15. VIII. 38
Mußte diese Notizen längere Zeit vernachlässigen; finde auch jetzt kaum Zeit u. Muße: In unablässigem Strome steigen die wunderlichsten Musiziergeräte aus dem Abgrund hervor. Weit überwiegend Flöten in allen Größen u. Formen; doch dazwischen immer wieder auch bauchige Instrumente, allesamt aus feinstem Amberstein. Bespannte einige von ihnen mit Darmsaiten, wagte indessen bisher nicht, mit dem Bogen darüber zu fahren.
Schl. St., d. 18. IX. 39
Mehr als 1 Jahr seit letztem Eintrag vergangen. Bin seit langem nicht mehr jener, der ich einst gewesen; wandle einsam, traumhaft, auf dem mir bestimmten Pfad.
Krieg: Austrocknung des Slavensumpfes.
Von G. allein im August: 12 Expl.; für Sept. annonciert: gegen 20! Aber wie er sich auch abmüht: Dulde seine „Erpressung“ u. von mir erfährt er nichts.
Unablässiger Amberstrom; immer lauteres Heulen des Wolfsgottes drunten; Cr. beauftragt, ausbruchssicheren Deckel anzubringen.
Mein Sohn u. Stammhalter geboren: Timotheus; werden sehen: in einigen Jahren – –
„Was werden wir dann sehen?“ sagte Timo und überflog die unerhörte Notiz noch einmal. „Mir wird speiübel, wenn ich auch nur eine Zeile von dem Zeug noch lesen muß: Dieser Teufel!“ Schaudernd reichte er Alex die Blätter mit den entzifferten Texten zurück. „Steht noch irgend etwas drin, das uns weiterhelfen kann?“
„Ich glaube nicht“, erwiderte Alex leise, „daß dein Vater ein richtiger Teufel war. Höchstens einer von den vielen tausend kleinen Teufelchen, die sich bereitwillig verführen ließen. Und davon abgesehen, Timo: Da er einen uralten Götzenkult mit Menschenopfern wiederzubeleben versuchte, mußte ihm Görsmann wie gerufen kommen. Eure Vorfahren hatten es, wie man ja auch aus den verschiedenen Sagen ersieht, in dieser Hinsicht etwas schwerer.“
Er schüttelte sich, dann legte er Timo einen Arm um die Schultern. „Vermutlich tröstet es dich nicht sehr, aber mein Vater hat damals ... Na, das tut jetzt nichts zur Sache“, unterbrach er sich in munterem Tonfall, der ausgesprochen gekünstelt klang. „Du fragst, was sonst noch in der Kladde steht? Moment, laß es mich rasch noch mal nachsehen.“
Die Mittagszeit nahte, und noch immer hingen Wolken wie vulkanische Gesteinsbrocken am Himmel. In einiger Ferne war ab und an Donnergrollen zu hören, doch weiterhin herrschten Windstille und schier unerträgliche Schwüle.
„Bei jeder Gelegenheit verflucht dein Vater die sogenannte Slawenrasse“, sagte Alex, auf das zweite Wachsheft deutend, „vielleicht hat ihn sein Gewissen also doch ein wenig gedrückt. Im übrigen hat er bis in die vierziger Jahre hinein ziemlich planlos mit den Bernsteininstrumenten herumexperimentiert – mit Pflanzen, später auch mit Tieren und mit ... Na ja, lassen wir das. Herausgekommen ist offenbar nichts Brauchbares bei diesen Versuchen; jedenfalls beklagt er noch 1940, daß er nicht begreife, ‚nach welchen Regeln und Gesetzen der Zauber wirkt‘. Nun, da geht es ihm genauso wie heute uns; nur mit dem Unterschied ...“
Auch dieser Satz blieb unvollendet; schon blätterte Alex weiter: „Mehrfach vergleicht er den Bernsteinschatz mit dem Hort der Nibelungen. Und dann – wo haben wir’s – hier: Im Frühjahr 1941 taucht zum ersten Mal die Bemerkung auf, die er von da an in immer kürzeren Abständen wiederholt: ‚Heute die gebieterische Vision empfangen: Konzert mit Wolfsmusik in Park Stiegliz; verspreche mir die allergrößte Wirkung davon.‘“
„Das gräßliche Konzert, ja“, sagte Timo, der augenblicklich wieder die Bilder vor sich sah: der nächtliche Park von Hunderten brennender Fackeln erleuchtet; Chor und Orchester, zwei kompakte Kinderblöcke, einander entgegen schreitend; und dann die wunderlich wimmernde und heulende Musik, die sie mit Gesang, mit Flöten- und Lautenklängen anstimmten: jede Faser durchdringend, so daß man als Zuhörer selbst zum Flöten-, Lautenleib zu werden glaubte und mitzuschwingen, innerlich sich aufzulösen begann.
„Im März 1943 brechen die Aufzeichnungen deines Vaters ab“, sagte Alex. „Da ist zum Abschluß noch ein längerer Eintrag – diese Absätze schaue ich mir gleich noch genauer an –, danach nichts mehr. Kann sich dieser letzte Eintrag auf das Konzert beziehen?“
„Nein“, antwortete Timo, „das Konzert war erst kurz vor Kriegsende.“
„Und hast du eine Ahnung, was danach mit all den Instrumenten passiert ist?“
Da trat Cramsen, der anscheinend wieder gelauscht hatte, aus den Schatten zwischen den Bücherregalen hervor. „Die Flöten und Lauten mußte ich auf Befehl des Grafen damals im Park vergraben“, sagte er, „drei Dutzend Schubkarren voll, alle an der Ostmauer hinter den Weiden: Anfang 1945, kurz bevor der Russe kam.“
Wortlos starrte Timo ihn an: Wenn wir noch einen weiteren Beweis gebraucht haben, dachte er, dann haben wir ihn jetzt gefunden – aber einen Beweis wofür?
„Eines an dieser Sache war merkwürdig“, murmelte der Alte. Trotz der Schwüle trug er wieder seinen Wehrmachtsmantel und verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. „Nicht lange nach dem letzten Krieg befahl mir der Herr Graf, die Instrumente wieder auszugraben. Aber da waren sie verschwunden, und statt dessen –“
„– fanden Sie ein Massengrab voller Kinderknochen?“ schlug Alex vor.
Und noch während er auf Cramsens Antwort wartete, fielen ihm die sonderbaren Worte ein, mit denen Lisa vor wenigen Tagen Stiegliz charakterisiert hatte: „... ein Land der Schatten, dort ist alles wie bei uns, wie in der vertrauten Welt, und doch anders, verzaubert, auf grauenvolle Weise verwandelt: die Nachtseite ...“
„Du hast was?“, fragte Harding. Er hatte sich Margot gegenüber gesetzt, mit dem Rücken zum Gastraum auf einen Stuhl, der für seine hochgewachsene und breitschultrige Gestalt viel zu klein schien. Seine Stimme hatte ihren samtenen Unterton verloren. Auf einmal klang sie nackt und hart wie eine Klinge. „Nicht im Ernst, oder?“ Abrupt beugte er sich über den Tisch, packte Margots Hände und hielt sie fest – nicht wirklich schmerzhaft, aber so, daß ein Schauder über ihren Rücken lief.
„Laß das“, sagte sie leise. „Ich hab’ die Skulptur an einem sicheren Ort deponiert. Wäre ja verrückt, sie hierher mitzubringen.“
Harding lächelte – eine knauserige Grimasse, die kaum seine Mundwinkel kräuselte. „Eben.“ Er rückte die Schultern in seinem schwarzen Jackett zurecht. „Und das wär’s dann also?“ Mit einer ebenso abgemessenen Bewegung strich er eine Strähne aus seiner Stirn und wollte sich bereits wieder erheben, als die Kellnerin an ihren Tisch trat:
„Omelette, Kaffee und Weinbrand für die Dame. Und was darf’s für den Herrn sein?“
Für den Moment blieb Torbert Harding nichts anderes übrig, als Margots Hände freizugeben und sich auf seine Seite des Tischs zurückzuziehen. Nach einem Blick auf Margots Tablett bestellte er „Tafelwasser ohne Kohlensäure“ – immer noch magenleidend, wie sie ohne Häme registrierte.
Tatsächlich war Margot sogar ein wenig enttäuscht darüber, daß Harding seinen „Angriff“ schon wieder abgebrochen hatte. Einen Moment lang sah sie ihn noch erwartungsvoll an, dann zuckte sie mit den Schultern und wandte sich ihrem Omelette zu.
„Also, wo hast du die Skulptur – wenn überhaupt“, fragte er. „Wie sieht das Ding eigentlich aus?“
Was Harding selbst betraf – er war Mitte Fünfzig, und mit seinem glatten, stets bleichen Gesicht, den sehr hellen, beinahe weißlich schimmernden Haaren und der athletischen Gestalt sah er seltsam alterslos aus. Ein einziges Mal hatte Margot eine Nacht mit ihm verbracht: ein eindrucksvolles Erlebnis, wenn auch keineswegs zur Wiederholung einladend. Unglücklicherweise erinnerte Torbert Harding sie an ihren Vater, der vor zehn Jahren unter bizarren Umständen umgekommen war: Professor Norbert Wegener, Vertriebenenfunktionär und Osteuropaforscher, umstritten wegen seiner Hypothesen zur „Rolle des Deutschen Ordens im slawischen Mittelalter“, hatte sich in seinem Haus in Hanau-Wilhelmsbad Bernsteinöl intravenös injiziert, eigenartigerweise, und war kurz darauf an den Folgen einer Embolie verstorben.
Auch damals hatte anscheinend niemand ernstlich erwogen, daß die zu jenem Zeitpunkt knapp neunzehnjährige Margot Wegener, die so attraktive wie exzentrische Tochter des seit etlichen Jahren verwitweten Geschichtsforschers, in diesen ungewöhnlichen Todesfall verwickelt sein könnte.
„Du weißt so gut wie ich“, sagte sie nun zu Harding, „daß es insgesamt fünf dieser Bernsteinstatuen geben soll – den ‚Reif der Wölfe’, auch ‚Amberring’ genannt, je nachdem. Meine Statue ist die ‚Wolfsbiß’-Figur“, fuhr sie fort, indem sie gedankenverloren in ihrem Omelette stocherte, „du weißt schon – der nackte Recke, in dessen Genick sich ein Wolf verbeißt. Der Kerl hat die Arme hochgerissen, um sie hinter seinem Kopf um den Nacken des Wolfs zu schlingen ...“ Sie hob wie fragend die Augenbrauen, und ihre Stimme erstarb in einem Murmeln.
„Und was willst du für das Ding?“, fragte Harding, wobei er sein Wasserglas zwischen den Händen drehte – ein Zeichen beträchtlicher Nervosität, wenn man bedachte, daß er seinen späteren Lehrmeister bereits mit vier Jahren durch außerordentliche Selbstbeherrschung beeindruckt hatte.
Aber davon wußte Margot nichts, die in diesem Moment ohnehin kaum mehr wahrnahm, was um sie herum vorging: Sie starrte auf ihren Teller, und anstelle des bernsteinfarbenen Omelettes, das sich nahezu unangerührt zwischen Graubrot und welken Salatblättern wölbte, erblickte sie Karolys Grab in jener Gewitternacht, in der Martin Mühlheim und seine Horde ihn zu Tode gebracht hatten: Martin hatte sie an der Hand gefaßt und zog sie im weiterhin tobenden Unwetter durch den Park. Mitternacht war längst vorbei, und auch in der Orangerie brannte kein Licht mehr, als sie bei starkem Gegenwind zur Ostmauer rannten, durch glucksende Wiesen und dann weiter hinab zur Oder, auf Schlammpfaden und bis auf die Haut durchnäßt.
Es war eine warme Nacht, trotz des Sturms und der unmäßigen Regengüsse; der Wald dampfte, und Nebelschwaden wirbelten über dem Fluß umher, als sie endlich das Ufer erreichten und das frische Grab. Sie hatten den Polenjungen weiter oben im Wald eingefangen, wie Mühlbaum ihr erklärte, gegen Sturm und Donner anschreiend, und als sie mit ihm fertig waren, hatten sie die Leiche in eine Plastikfolie gewickelt und das Bündel mit Lederriemen verschnürt, um es hierher zu tragen und genau hier zu verscharren, „zwischen den Trauerweiden“ (schrie Mühlmann) – „auf höchsten Befehl“. Margot überlegte, wer diesen Befehl erteilt haben mochte, Harding oder sogar Söllner persönlich. Zugleich schlang sie einen Arm um Mühlheim, zog ihn an sich und griff ihm mit der anderen Hand in den Schritt. Nun, ein „gräflicher Buhle“, wie es in den Saskia-Sagen hieß, war dies dürftige Männlein nicht; aber was Timo Prohn betraf, durfte sie nichts überstürzen. Und für ihre Experimente, um die Kraft der Saskia zu erproben, ließ sich notfalls selbst einer wie Mühlheim hernehmen.
Kurz darauf kauerte sie auf dem Grabhügel, Hände und Knie in den Schlamm gedrückt, und Mühlheim kniete hinter ihr, wie sie es ihm befohlen hatte, mit herabgelassenen Hosen, und seine Hüften stießen rhythmisch, wenn auch mutlos gegen ihr Gesäß. Weiterhin rauschte der Regen hernieder, der Ostwind zerrte an ihren Haaren, Donnerstöße dröhnten, und immer wieder ergleißte der Wald im Gewirr der Blitze, die den Himmel für Sekundenbruchteile äderten. Daher mochte Margot ihren Sinnen anfangs kaum trauen, als sich auf einmal unter ihr die Erde rührte, gerade so, als wühlte sich dort ein großes Tier empor. „Horkete, malnäjkiks“, begann sie gleichwohl zu schreien – „aufwachen, mein Kindlein“, so atemlos wie geistesgegenwärtig, im Rhythmus der Stöße, die Mühlheim ihr von hinten versetzte – zweifellos ohne zu ahnen, daß sie nicht Worte der Wollust in die Nacht schrie, sondern die magische Formel der Saskia: „Horkete, malnäjkiks, häj!“
Während sie so sang und kreischte, kam tatsächlich zwischen ihren in den Schlamm gestemmten Händen ein nackter Fuß zum Vorschein, der weder ihr noch Mühlheim gehörte, zumal dieser Fuß ihr aus dem Innern des Grabes entgegenfuhr. Und Margot schrie und plärrte (Ich bin Saskia!), während Mühlheim ekstatisch ihre Hinterbacken knetete und der Polenjunge sich mit stummer Zähigkeit aus der Erde wühlte – mit dem freien Fuß Schlamm aufwerfend, mit Schienbein und Knie in die Lücke nachstoßend; plötzlich spürte sie eine rauhe Berührung an ihren Brüsten, die unter Mühlheims Stößen erzitterten, und fragte sich, was sich dort zu schaffen machen mochte, Martins Hand oder – –
„Also sag jetzt endlich – wieviel?“ Harding packte neuerlich nach ihrer Hand und preßte sie zusammen, diesmal so fest, daß Margot, in die Gegenwart zurückgerissen, leise aufstöhnte.
Sie sah um sich – die dämmrige Nische, handbreit vor ihr Hardings blasses Gesicht. „Ich hab’ dich nicht angerufen, um die Figur zu verkaufen“, sagte sie schleppend. „Ich wollte dich nur daran erinnern, daß ihr ohne mich nicht weiterkommt, du nicht und Söllner auch nicht.“ Sie machte ihre Hand los, hob das Glas und prostete Harding zu. „Eine weitere Figur hat übrigens dieser Timo Prohn – der Sohn des früheren Schloßbesitzers. Wenn ihr also die anderen Statuen beisammen habt – ihr wißt ja, wo ihr mich findet.“
Während Margot ihren Weinbrand kippte und das Glas auf den Tisch zurückstellte, stand Torbert Harding auf. Beide Hände vor ihr aufstützend, schob er sein Gesicht so nah an sie heran, daß seine Nase fast gegen ihre Wange stieß. „Und wir wissen“, raunte er, „wie man eine wie dich zum Reden bringt – vergiß das nicht, Lämmlein.“
Margot lächelte versonnen. Nein, das würde sie nie vergessen – Männer wie Torbert Harding (Torbi oder Norbi) wußten ohne Zweifel, wie man jemanden gründlich hernahm, und sie waren allzeit bereit, dieses Wissen anzuwenden.
Harding ging mit wiegenden Schritten zur Tür, und Margot kehrte in die Nacht des 18. Juni zurück, als der Polenjunge sich aus seinem Grab gewühlt hatte: Mit immer kühnerer Dürftigkeit stieß Mühlheim in sie hinein, und währenddessen scharrte sich Karoly beharrlich von Schlamm und Erde frei, bis er schließlich, nackt und bloß wie ein Neugeborenes, unter ihr in der Mulde lag. „Horkete, malnäjkiks.“ Margot hätte schreien mögen vor Glückseligkeit über die Saskiakraft, die in ihr lebendig geworden war, aber sie wisperte die prussischen Worte so leise, daß das „Kindlein“ unter ihr sicherlich keinen Laut hörte – zumal in diesem Moment Mühlheim irgend etwas in die Nacht schrie (es klang ungefähr wie „Ja-wo-hohl!“), ehe er „seinen Sermon in sie versprützte“, wie es in den Saskia-Legenden hieß. Daraufhin schob sich Karoly, die Beine voran und weiterhin auf dem Rücken liegend, ruckweise zwischen ihren Schenkeln hervor, bis endlich der eingeritzte Schriftzug auf seiner Brust (im Gleißen der Blitze nur unzuverlässig zu entziffern: Un–e–ch–) und zuletzt auch sein schrecklich entstelltes Gesicht zum Vorschein kam. Er richtete sich mühevoll auf und stand einen Moment lang mit dem Rücken zu ihr im überhellen Licht der Gewitterblitze – dann endlich taumelte er davon, einen, drei, fünf Schritte zum Ufer, wo der Oststurm ihn packte und in die Oder warf.
Alex hatte ihm das Blatt mit dem entschlüsselten letzten Eintrag kommentarlos zugesteckt und sich sodann in die Orangerie begeben, um endlich etwas Schlaf nachzuholen. Da er eigentlich vorhatte, die umfangreiche Notiz auf der Stelle zu lesen, war Timo allein in der Bibliothek zurückgeblieben. Nun aber faltete er das Blatt zusammen und schob es in seine Hemdtasche, von heftigem Widerwillen gegen die Teufeleien seines Vaters gepackt.
Inzwischen ging es bereits gegen eins. Timo verließ die Bibliothek und lief hinaus in den Park, den Hügel hinab, auf die „rote, tote Hand“ zu, und der Geruch der Wildwiese ließ Margots Bild in ihm auferstehen. Der Himmel war noch immer bedeckt mit schwarzen Wolken, und die Luft fühlte sich an wie dampfendheiße Tücher – der ganze Park schien dem Gewitter entgegenzulechzen, in dem sich Spannung und Schwüle endlich entladen mußten.
Neben der „roten, toten Hand“ warf sich Timo ins Gras, zwei Schritte unter dem Moosbett, wo die wilde Wilka vor siebenunddreißig Jahren seinen Bruder Kai gefunden hatte (aber davon wußte er nichts), und ebenso viele Schritte oberhalb der Grube, die Worzak gestern auf Zirfas’ Befehl ausgehoben, in der Margot sich vor ihm versteckt hatte und in die schließlich vor seinen Augen Georg geplumpst war (aber auch von alledem wußte Timo rein gar nichts: Soweit er über das „spukhafte“ Erscheinen Margots und des vermeintlichen Mahrs überhaupt noch einmal nachgedacht hatte, nahm er einfach an, daß er von seinen überreizten Nerven genarrt worden sei).
Viel zu lange habe ich in Einbildungen und Erinnerungen gelebt: mein ganzes Leben lang, dachte er, aber damit würde nun endlich Schluß sein, sehr bald schon: Lisa befreien, mit Margot auf- und davongehen, in unser neues Leben. Es war seine Zauberformel, die Hoffnung, ganz von vorne zu beginnen, eben noch rechtzeitig, ehe er sein Leben vollends vergeudet hätte. Einen Moment lang schloß er die Augen, rücklings im Gras liegend; nie zuvor hatte er ein solches Verlangen gespürt, einen anderen Menschen in seinen Armen zu spüren – Margots Haare, ihre Haut zu riechen, ihre Brüste an seiner Brust zu fühlen, sie zu küssen und zu lieben, den ganzen Tag, die ganze Nacht hindurch.
Die Sonne brach durch die Wolkenschwärze und blinzelte durch die Wipfel des riesenhaften Blutbuchen-Fünflings. Seufzend richtete sich Timo wieder auf und zog das Blatt aus seiner Brusttasche.
Schl. St., d. 20. III. 43
Die Wendung, lange erwartet, gestern nacht geschehen: Weile in der Bibliothek, vertieft in die Chronik wie allnächtlich; auf einmal steht er vor mir: alles verfinsternder Fels. Den schwarzen Mantel geschlossen bis zum Stiergenick; auf seiner rechten Schulter, einem Äffchen ähnlich, hockend der Knabe Torbert, den G. für eigne Zwecke abgezweigt.
„Bringen Sie mich runter, Graf“, sagt er ohne weiteres, in entschiedenem Ton. „Länger lass’ ich mich nicht hinhalten.“ U. ehe ich auch nur den Kopf schütteln kann: „Oder ich mach’ ein Ende!“
Er zieht seinen Revolver. Das Kind quietscht leise auf u. sucht sein Köpfchen hinter dem mächtigen Glatzkopf zu verbergen. Da packt G. den Kleinen beim Kragen, hebt ihn von seiner Schulter u. reicht ihn mir wie ein Bündel zu: „Hab’ ich uns mitgebracht, Graf.“ Zwinkert mir in plumper Vertraulichkeit zu, deutet mit dem Kinn zur Geheimtür vor meiner Studierkammer, u. ich sehe voll Entsetzen: Sie steht handbreit auf!
Derweil ist G. schon vorangegangen; ich habe, fast ohne es zu bemerken, den Kleinen tatsächlich entgegengenommen u. trotte hinter ihm her, auf die Studierkammer zu. Wie bringe ich ihn noch vom Kurs ab?, überlege ich, doch nichts Rettendes will mir in den Sinn kommen, zumal der Kleine, in schwarzem Zwergenmantel, sich winselnd in meinen Armen sträubt.
„Nu’ machense schon, Mensch!“ poltert G., bereits im Innern meiner Kammer. „Sie wecken mir ja den ganzen Laden auf!“
Von Cramsen weit u. breit nichts zu sehen – wo mag nur, denke ich, der treue Alte abgeblieben sein? Weiß mir allein nicht zu helfen: stolpere wie kopflos, das zappelnde Kindsbündel an die Brust pressend, hinter G. her, der sich drinnen schon an der Falltür zu schaffen macht.
Setze das Kind auf mein Stehpult u. überkommt mich auf einmal Ruhe: fatalistisch; Gedanken klärend. Warum hat er den kleinen Torbert mitgebracht? Doch gewiß, um das Kind dort unten hinabzulassen, an einem Seil o. dergl.: kein übler Plan; habe selbst längst Ähnliches ausgesonnen. Aber der Knabe ist noch allzu klein: Wird sich dort unten bloß bekoten vor Jammer u. nachher nichts Verständiges zu melden wissen.
Währenddessen hat G. die Strickleiter hinabgelassen u. turnt an ächzenden Seilen hinunter: überraschend geschmeidig, mit einer Hand sich haltend, in der andern noch immer den Revolver. Seine Stablampe, am Gürtel befestigt, wirft im Takt seiner Tritte Lichtschauer hinab. Ich folge ihm, in fataler Ruhe, den Kleinen wieder im Arm, der gleichfalls ganz still geworden, sich mit beiden Händchen in meine Weste krallt u. mit großen Äuglein um sich blickt.
„Machense auf da!“ Die Waffe in seiner Rechten deutet auf meinen Bauch, dann auf den Deckel am Boden; mit der Linken packt er den Knaben im Genick u. hievt ihn zurück auf seine Schulter. „Aber hoppla, Graf!“ Gibt sich jetzt ganz offen als Plebejer; seine Stieraugen funkeln mich an.
Wende mich ab, v.a. um Zeit zu gewinnen, gehe von Nische zu Nische u. zünde die Fackeln an. Überlege dabei hin und wider: Soll ich es wagen, die Sicherungsbügel schlagartig niederzudrücken, nicht gemächlich, wie es sein soll, damit der Druck entweichen kann? Hocke mich dann vor den Bodendeckel; öffne so langsam wie möglich und beobachte zugleich, wie G.s feistes Gesicht sich verzerrt: erst ungläubig, dann schon vor Wonne u. Wollust, als aus der Tiefe, mehr u. mehr anschwellend, das wölfische Heulen erschallt.
„Oha!“ macht Görsmann u. pfeift tatsächlich durch die Zähne, wie ein Kreuzberger Hinterhof-Ganove, und gleich darauf nochmals: „Oha!“ Kommt mit raschen Schritten auf das Bodenloch zu, den Revolver jetzt in der Linken, u. da erst bemerke ich, daß er sich den schwarzen Zwergenmantel, aus dem droben das Köpfchen hervorschaut, wie eine Kasperlpuppe über die rechte Hand gestülpt: So hält er den Knaben über den Abgrund u. neigt ihn nach vorn, daß das Kind lotrecht in den Schacht sieht; dann geht er langsam in die Knie, den kleinen blonden Kopf weiter auf das Loch hinabdrückend.
„Da fährste jetzt rein, Torbi“, raunt er mit rauher Zärtlichkeit, „u. nachher rapportierste dem Onkel, wie’s unten aussieht! Vastehste det, Kleener?“
Der Junge wendet den Kopf zurück u. sieht erst seinen Meister, dann mich mit großen, seeblauen Äuglein an; er schluckt einmal, zweimal, nickt endlich: ganz u. gar ernsthaft.
„Keene Sorge“, raunt der Unhold weiter in das Ohr seines blonden Engels, „der Onkel passt auf dich auf!“ U. dann zu mir, indem er sich ächzend hochstemmt: „Hamse ma’n Seil, Graf?“
Timo warf das Blatt neben sich ins Gras; sein Magen zog sich zusammen wie im Krampf. Vater, du Teufel!, dachte er wieder, fühlst dich diesem Görsmann weiß Gott wie moralisch und geistig überlegen – und bist doch von der gleichen verworfenen Art! Stillschweigend einig, die zu Tode gebrachten „Exemplare“ in den Wolfsschacht zu werfen; und sie beide, sein Vater und Görsmann, hatten jeder für sich den Plan gefaßt, ein ihrer Gewalt unterworfenes Kind in die Hölle hinabzulassen – mochten die Kleinen vor Angst auch den Verstand verlieren oder auf andere Weise dort unten zuschanden gehen. – Du Teufel!, dachte Timo wieder, ich hasse und verfluche dich! – Wie konnte ich nur jemals davon träumen, an diesen grauenvollen Ort zurückzukehren?
Er fuhr sich mit einer Hand über die Augen, in denen jedoch keine Tränen waren. In diesem Moment empfand Timo keinen Schmerz, keine Trauer, nur Abscheu und Zorn. Hatten die beiden, fragte er sich, in jener Nacht tatsächlich ihren Satansplan wahrgemacht – und den kleinen Torbert über die Rampe in den Abgrund hinabgeseilt? Von Mitleid für seinen Leidensgenossen ergriffen, aber mehr noch von der wütenden Gier, seinen Vater weiterer Ungeheuerlichkeiten überführt zu sehen (Heribert Prohn, dessen Tod – im Wald erfroren – ihm auf einmal gerecht, ja fast tröstlich schien), nahm Timo das Blatt wieder zur Hand und las:
Das Heulen unten im Wolfssaal derweil noch lauter geworden; dazu schwankende Flötenklänge u. Winseln wie von Wind, der um Felskanten streicht: mir selbst längst vertraut, doch G.s Erwartungen offenbar weit übersteigend. Wieder zwinkert er mir zu, grotesk grimassierend; ich wende mich ab, teils um Abscheu zu verbergen, teils um auf die Taurolle zu verweisen, die vor der Wand unter einer Fackelnische liegt.
Er stapft zu der bedeuteten Stelle, will sich eben zur Seilrolle hinunterbücken; da stutzt er sichtbar, mit dem Rücken zu mir. Sein Blick scheint an der Fackelnische zu haften, die doch nichts Merkwürdiges bergen kann: außer eben der Leuchte, die unter Zischen u. Knacken schmelzenden Wachses kräftig lodert.
Seine Linke fährt in die Manteltasche u. kehrt ohne Revolver zurück. Seine Rechte sinkt herab, u. der kleine Torbert rutscht bäuchlings auf das aufgerollte Seil. Görsmann aber packt die Fackel, zieht sie aus ihrer Halterung u. rammt sie mit dem unteren Ende neben dem Jungen in den Seilhaufen; dann macht er sich abermals in der Nische zu schaffen: umständlich u. so behutsam, wie seine Grobschlächtigkeit es erlaubt.
Stehe auf u. trete neben ihn, von Aufregung erfaßt: Was mag er dort entdeckt haben? Spähe an seiner Schulter vorbei, in die Nische, wo er eine kleine, 4-eckige Platte in der Wand lockert, dann vorsichtig aus ihrer Höhlung löst.
Meine Verwunderung gewiß nicht geringer als sein Erstaunen, zudem vermischt mit hellem Entsetzen, daß ausgerechnet er diesen Fund getan – eine Bernsteinstatue, aus der Rückseite der Platte ragend: spannengroß u. funkelnd wie Gold. Auf seiner flachen Hand reckt G. mir das Wunderding hin, hohnlachend: „Na, Graf? Hättense mich mal eher konsultiert!“
Starre das Zauberding an: das vollkommenste Amber-Artefakt, das meine Augen je gesehen: ein Wolf mit gefletschten Lefzen, auf dem Rücken eines Jünglings hockend, der seinerseits, nackt u. muskulös, auf allen vieren kauert, als wäre er das Reittier – und die Bestie sein Chevalier!
Im Fackelschein die Statuette wie aus Sonnenlicht gemeißelt: glosend, lodernd; die Augen des Gerittenen funkeln; das Menschentier scheint zu lachen, ekstatisch bei ihrem rasenden Ritt. All die Stunden, Nächte, denke ich, all die Wochen, Monde war dies Zauberbild hier oben, dicht bei mir – während ich, blind für das greifbar Nahe, vor dem Bodenloch hockte: dumpf begrübelnd, wie ich hinab in den Abgrund steigen kann!
Will nach der Statue greifen, aber G. lacht auf u. wirft sie dem Knäblein auf dem Tauhaufen zu. „Wer wird denn, Graf! Gucken Sie eben, daß Sie selbst fündig werden!“ Er klopft auf seinen Mantel, den der Wehrmachtsrevolver beult; wir starren einander in die Augen, dann wende ich mich ab: Fehlte noch, daß ein Graf zu St. mit einem Stallknechte handgemein wird!
Eile statt dessen zur nächsten Nische, reiße die Fackel heraus, werfe sie zu Boden – da, wahrhaftig, eine kleine Platte oben in der Höhlung, geschickt verfugt, doch selbst im ungewissen Licht zu erkennen – wenn man erst einmal weiß, wonach man sucht! Fahre mit den Nägeln in die Fugen, lockere vorsichtig die Kachel, ziehe sie heraus: auf der Kehrseite eine weitere Amber-Statuette, waagrecht in den Hohlraum hinter der Nischenwand ragend: Jüngling und Wolf am Boden, einander umschlingend in erbittertem, seltsam wollüstigem Kampf.
Absonderliches Wettrennen: Auch G. hat sich indessen an einer weiteren Nische zu schaffen gemacht; anscheinend weniger glücklich: Klaubt fluchend seine Kachel aus der Wand, doch die Rückseite ist leer! Ich dagegen habe mein Beutestück in der Weste verstaut u. mich sogleich aufs nächste Fackelloch geworfen – die Leuchte davongeschleudert, rasch die Sockelplatte ertastet – noch ehe ich sie mit bebenden Fingern herausgezogen, spüre ich, daß ich neuerlich fündig geworden: abermals der Recke, jetzt indessen vor der Bestie fliehend, die ihm nachsetzt, sich von hinten in den Nacken des Kämpfers verbeißt – –
So geht es weiter, in fliegender Hast – noch ein Zauberding erbeute ich: der immergleiche Jüngling, nur daß diesmal er auf dem Untier reitet, mit leuchtenden Augen, weit vornübergebeugt. – Eine Amber-Figur findet fatalerweise auch G. noch: der Jüngling am Boden, bäuchlings, sein Blick gebrochen – und die zottige Bestie hat seinen Rumpf aufgerissen und zerrt am hervorgequollenen Gedärm!
Die restlichen Nischen, wie wir auch hastend u. tastend suchen, allesamt leer; lassen endlich ab von Fackeln u. Wänden: G. schwitzend, mit hochrotem Schädel; während mich ein ums andre Mal Frösteln überläuft. „Geben Sie die Sachen heraus!“ sage ich u. er zwinkert mir hämisch zu:
„Da hilft kein Jammern u. Lamentieren, Graf – was ich im Sack hab’, geb’ ich nicht mehr her.“ Damit klopft er sich links u. rechts auf die Manteltaschen – und stutzt: Eines seiner Beutestücke fehlt!
Während unserer wilden Jagd auf die Amber-Statuetten hat der Kleine still auf der Taurolle gesessen; und kauert richtig immer noch dort, als G. und ich uns seiner entsinnen: hält die Figurine in den Händen, die sein Meister ihm vorhin zugeworfen – den vom Wolf gerittenen Jüngling – u. starrt unverwandt, mit verstörter Miene, glasigen Äuglein, in die Fratze des fletschenden Amberwolfs! –
G. ruft den Jungen an, rüttelt ihn, will ihm den Wolf aus den Händchen nehmen: alles vergebens! Klein-Torbert starrt versunken in die gelben Bestienaugen, anscheinend in tiefem Zauberschlafe. – So daß G. schließlich wieder abziehen muß: unverrichteterdinge; ohne sein Knäblein zuvor in die heulende, schallende Wolfs-Unterwelt hinabzuzwirnen: Selbst durch Backpfeifen u. Derberes glückt es nicht, das starre Knäblein der Umarmung Hypnos’ zu entreißen.
So sind mir also drei kostbare Figurinen heute zugewachsen; – zwei Glieder aus dem wundersamen Fünferreigen aber nahm Görsmann mit sich fort.
„Die Angelegenheit wird immer rätselhafter, Kollege. Ich muß Sie nochmals um Amtshilfe bitten: Falls eine der gesuchten Personen bei Ihnen auftaucht – –“
„Wen suchen Sie denn so alles, Siegrist“, unterbrach ihn Zirfas, wobei er den Hörer handbreit von seinem Ohr weghielt und die Zähne in Worzaks Richtung bleckte (der Wachtmeister saß ihm gegenüber am Schreibtisch, halb vermauert hinter Stapeln zerfledderter Märchen- und Sagenbücher, die er auf Geheiß seines Vorgesetzten „durcharbeitete“) – „immer noch dieses Fräulein mit den Kinderknochen, nehme ich an?“
„Die Wegener, ja, die auch!“
Der klägliche Tonfall des sonst so selbstgewissen „Designer-Schnösels“ bewies Zirfas, daß Siegrist ernstlich in der Klemme saß. Ohne ihn, den auf einmal überaus geschätzten Ost-Kollegen, würde der „dreitagebärtige Rechtsstaats-Schwätzer“ aus dieser Position auch nicht mehr herauskommen – und ich werde einen Teufel tun, dachte Zirfas, während vor seinem Fenster die backsteinrote Abendsonne über dem dito Rathaus von Frankfurt (Oder) schwebte und Siegrist in breitestem Südhessisch wehklagte:
„Rudihnemäßisch haben wir auch die beiden Männer überprüft, die nach Zeugenaussagen bei der Schießerei in Frau Wegeners Haus zugegen waren – Timo Prohn, von Beruf Werbefotograf, und den Bankmanager Alexander Gerten. Daadsäschlisch sind die beiden seit der Schießerei vom 25. Juni spurlos verschwunden, aber das ist noch lange nicht alles, Kollege.“
Zirfas wartete. Sein Blick ruhte auf Wachtmeister Worzak, der seinerseits mit bestürzter Miene in einem schlammfarben gebundenen Buch namens Der Oderwolf von Lebus las. Er nahm nicht ernstlich an, daß sie durch diese „Recherche“ wesentliche neue Erkenntnisse gewinnen würden, aber er wollte sich kein Versäumnis vorwerfen müssen. Schließlich war er Offizier und an unbedingte Präzision gewöhnt, und diesmal ging es ohne Zweifel um alles.
„Dieser Prohn ist verheiratet, keine Kinder, und nun stellen Sie sich vor, was wir im Reihenhaus der beiden vorgefunden haben.“
„Vielleicht Kinderknochen?“ schlug Zirfas vor.
„Na, Sie habbe abber werglisch’n Galge... nee: Das ganze Haus ist verwüstet, jedes einzelne Zimmer, als wäre dort irgend etwas fieberhaft gesucht worden. Und die Frau – Lisa Prohn – ist gleichfalls verschwunden. Von Beruf übrigens Zeichnerin, hat hauptsächlich für Märchenbücher – –“
„Sagten Sie Märchenbücher?“ (Zwischen den Sagenbuch-Stapeln hindurch warf Worzak ihm einen verworrenen Blick zu, aber Zirfas machte eine abwehrende Grimasse – Brauen zusammengezogen, Mundwinkel noch steiler herabhängend als sonst –, und Worzak sputete sich, in die bartsträubenden Mären vom Oderwolf zurückzutauchen.)
„Allerdings, aber ich verstehe nicht, was das – –?“
„Und Sie vermuten also, daß sich Ihr reizendes Quartett ausgerechnet im Raum Frankfurt (Oder) aufhält?“
„Ganz im Vertrauen gesagt, Kollege: Allmählich weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich in diesem Fall vermuten soll. Einige Indizien sprechen dafür, daß Frau Prohn aus ihrem Haus entführt worden sein könnte – möglicherweise von ihrem eigenen Ehemann, zumal Herr Prohn anscheinend eine romantische Liaison mit Margot Wegener hat. Aber wie paßt das wiederum zu der Schießerei in Frau Wegeners Haus in Wilhelmsbad? Und warum sollte ein erfolgreicher, vollkommen unbescholtener Bankmanager wie Alexander Gerten sich in eine dermaßen schmutzige Geschichte hineinziehen lassen: Entführung, Grabschändung, Schießerei – der Mann genießt hier in Frankfurt (unserm Frangford: Mäinhädde, haha, Sie verstehn) einen untadeligen Ruf!“
Um in deinem Frankfurt, haha, einen guten Ruf zu genießen, muß man ein Ganove und am besten auch noch Totenkopfsammler sein, dachte Zirfas, antwortete aber lediglich in neutralem Tonfall: „Zum Glück haben Sie ja noch Ihren Augenzeugen. Seine Aussage wird Sie doch weitergebracht haben?“
„Ja, von weesche!“ barmte Siegrist. „Keinen Jota hat der uns vom Fleck gebracht! Erinnerte sich anfangs nicht mal an seinen Namen und behauptet nach wie vor, überhaupt nichts mitbekommen zu haben, da er sofort in Ohnmacht gefallen sein will – wegen einem Streifschuß am Oberarm!“
Zirfas feixte zu Worzak hinüber, der trüben Blicks an ihm vorbeisah – offenbar schlugen ihm die Wolfsmärchen aufs Gemüt. „Der Zeuge ist also auch wieder auf freiem Fuß?“
„Sie sagen es, Kollege – und höchstwahrscheinlich auf dem Weg zu Ihnen. Jedenfalls ist er in Schwerin wohnhaft, und da dachte ich –“
„– da Schwerin sozusagen ein Vorort von Frankfurt ist, könnte ich mich auch um diesen Trowal gleich mal kümmern?“
„Um Himmels willen, verstehen Sie mich nicht falsch – aber mein Gefühl sagt mir, daß die Lösung des ganzen aberwitzigen Rätsels in diesem – diesem Sandschloß zu suchen ist, um das Herr Prohn mit der Gemeinde Stiegliz prozessiert. Sagen Sie also bitte Ihren Leuten, sie solle die Oischlei uffhalde – ich laß’ Ihnen gleich mal alles, was Sie brauchen, rüberfaxen – und wenn eine oder mehrere der genannten Personen bei Ihnen auftauchen sollten – Herr und Frau Prohn, Alexander Gerten, Margot Wegener und oder Robert Trowal –, seien Sie doch so freundlich, Kollege, und geben uns unverzüglich Bescheid.“
„Aber gerne, Allerwertester“, antwortete Zirfas prompt (und mit soviel gekünstelter Herzlichkeit, daß Worzak über den erdichteten Wölfen zusammenfuhr). Er knallte den Hörer auf die Gabel und befahl dem Wachtmeister, alle Streifenpolizisten anzuweisen, nach Robert Trowal Ausschau zu halten. Die anderen hockten sowieso schon sämtlich im Schloß, aber das ging diesen krausen Abschaum namens Siegrist nun wirklich nichts an.
Auf einmal war Kriminalkommissar Zirfas glänzender Laune – eine Rarität, die Worzak fast noch mehr fürchtete als die üblichen Gemütslagen seines Vorgesetzten (grimmig, finster, ohne Worte), der in aufgeräumter Stimmung zu vollends unergründlichen Scherzen neigte. Mit heiterer Miene lehnte sich Zirfas in seinem Stuhl zurück, schnippte eine Fluse von seinem Jackett und erkundigte sich, was des Wachtmeisters „Ermittlungen, den Oderwolf betreffend“ ergeben hätten.
Indem Worzak seinen Blick auf das vor ihm liegende Sagenbuch heftete, versuchte er die obskuren Botschaften der Märchen in seinem Kopf zu einer kompakten Aussage zusammenzufassen. „Die gesuchte Bestie“, formulierte er schließlich, „steht im Verdacht, Kinder und Jugendliche überwiegend männlichen Geschlechts zu vertilgen, denen sie im Wald oder auf Feldern auflauert. Übereinstimmend wird das Tier wie folgt beschrieben – –“
Doch weiter kam er nicht, da Zirfas auflachte und im selben Moment knarzend über Funk gemeldet wurde, daß ein hagerer Mann, auf den die Beschreibung der gesuchten Person passe, auf der Landstraße von Frankfurt in Richtung Lebus unterwegs sei, und zwar auf einem „mausgrauen DKW-Krad Baujahr dreiundfuffzich, wenn nicht älter“.
Das muß er sein, dachte Zirfas und befahl Worzak, seine Märchenbücher zuzuklappen und ihm zu folgen – „unterwegs erzählst du mir in Ruhe alles, was du über den Oderwolf herausgefunden hast.“
„Ich weiß, wer du bist“, sagte Lisa, „deine Name ist nicht Wilko – du bist Timos Bruder: Kai Prohn.“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals – wenn sie sich geirrt hatte, wenn er doch anders reagieren würde, als sie geglaubt hatte: wütend über seine Demaskierung; wenn er sich gar zum Narren gehalten fühlte?
Tatsächlich schien er bei ihren Worten zu erstarren. Noch regloser, zusammengesunkener als sonst hockte Kai auf seinem Schemel neben der Tür ihrer Kerkerzelle, die sich unter der Erdlinie befinden mußte – jedenfalls gab es hier kein Fenster, die Luft roch dumpfig und die roh behauenen Mauern schienen zu den mittelalterlichen Grundfesten zu gehören, auf denen, wie Timo mehr als einmal erwähnt hatte, Schloß Stiegliz errichtet worden war.
Lisa hatte längst begonnen, ihre Worte zu bereuen, als Kai sich auf einmal vorbeugte, die Ölfunzel vom Boden aufnahm und mit zwei raschen Schritten zu ihr herüberkam.
„Du hast recht – und doch nicht recht.“ Er setzte sich auf den Rand ihrer Pritsche, so dicht neben sie, daß sie zur Wand hin abzurücken versuchte, aber das ging nicht: Noch immer war sie an Händen und Füßen gefesselt (sie nahmen ihr die Riemen immer nur für wenige Minuten ab), und die Pritsche war so schmal, daß sie zwischen der Wand und Kais kaum weniger steinernem Körper wie eingepfercht lag. „Timo und ich sind Brüder, das stimmt – Halbbrüder, genauer gesagt. Aber nach dem, was damals passiert ist, konnte ich seinen Namen nicht mehr tragen.“
Sie sah ihn von unten her an, sein kantiges Profil unter den mattblonden Locken (die bei Tageslicht mit aschfarbenen Strähnen durchzogen waren); seine kräftige, breitschultrige Gestalt in verblichenen Jeans und sandfarbenem Hemd (eine Farbe, die er offenbar bevorzugte); seine Hand auf seinem linken Oberschenkel, so nah neben ihrem Gesicht, daß sie ihren Kopf anheben, mit einer raschen Bewegung seine Finger berühren könnte. Für einen winzigen Moment war sie auch versucht, genau das zu tun: seine Hand zu küssen; nicht, um ihn um Gnade zu bitten, sondern weil der Anblick dieser Hand sie zutiefst rührte – seiner langfingrigen, auf dem Rücken mit blondem Flaum bedeckten Hand, deren kleiner Finger ein Wulst aus wundrotem Fleisch war, umgittert von einem Wirrwarr blasser Narben.
„Was“, fragte Lisa, wobei sie jedes ihrer Worte wägte, „was ist denn damals überhaupt passiert?“
„Er hat nie darüber gesprochen?“ Kai fragte es ohne Erstaunen in der Stimme und ohne sie anzusehen. „Nie erwähnt, was damals passiert ist?“
Sie schüttelte nur den Kopf. Seine Stimme, die sie anfangs so sehr an Timo erinnert hatte, wurde fremder, je länger sie ihm zuhörte: die gepreßte, beinahe tonlose Stimme eines Menschen, der nur widerwillig etwas von sich preisgab.
„Und als ich ihm durch Trowal den Koffer mit der Wolfsstatue schickte – da hat er immer noch nichts gesagt?“
Sie verspürte den Drang, Timo zu rechtfertigen, die Anklage zurückzuweisen, die ständig in seinen Worten mitschwang. Timo hatte ja, wollte sie einwenden, kaum mehr Gelegenheit, irgend etwas zu erklären – eben wegen deinem verrückten Trowal, der unser Leben über Nacht in eine Katastrophe verwandelt hat! Aber aufs neue schien es ihr besser, nicht ihre Stimme zu erheben – ihn nicht zu provozieren, aufzustören, je nachdem. Also schüttelte sie nur den Kopf. Und wartete, daß er weitersprach.
„Jetzt aber, seit du bei uns bist“, fuhr Kai endlich fort, noch immer ohne ihr sein Gesicht zuzuwenden, „wird ihm nichts anderes mehr übrig bleiben: Jetzt muß er sich erinnern, und jetzt muß er all das ausgraben und ansehen, was er ein Leben lang versteckt hat und zu vergessen versucht hat.“
Wieder wartete Lisa. Ihr Herz klopfte immer ärger, und sie wagte kaum mehr, neben ihm Luft zu holen. Kai aber schwieg. In Gedanken versunken hockte er neben ihr, so reglos wie die Wand zu ihrer Rechten. Lange Zeit war nur das Heulen in der Tiefe zu hören (Wind, der durch Kanäle, Ritzen strich, vermutete Lisa – unheimlich klang es gleichwohl), und erst als sie die Hoffnung aufgegeben hatte, daß er von sich aus weiterreden würde, wagte sie die Frage auszusprechen, die ihr seit Minuten den Mund verätzte:
„Aber woran soll Timo sich denn erinnern – so dringend, daß du ihn zu zwingen versuchst?“
Schwager, so hatte sie ihn eigentlich anreden wollen, mein Schwager Kai – ein Appell an seine familiären Gefühle, an Rücksicht zumindest ihr gegenüber, seiner Schwägerin, wenn schon seine brüderlichen Gefühle durch uralten Haß verdunkelt waren. Aber dann brachte sie es doch nicht über sich, diesen Wildfremden (so grünäugig Wilden wie steinern Fremden) derart vertraulich zu benennen. Schwager, dachte sie, das paßte so gar nicht zu diesem gleichermaßen einschüchternden und anrührenden Mann, der sie auf brutale Weise aus ihrem eigenen Haus hatte verschleppen und durchs ganze Land karren lassen, um sie in dieses theatralische Kellerloch zu werfen. Schwager – die Intimität dieses Titels prallte förmlich ab von ihm, der in diesem Moment den Kopf hob, sie mit seinem sonderbar starren Blick ansah und sagte:
„Daß wir dich mit hineinziehen mußten, tut mir leid. Es war unsere letzte Möglichkeit. Und woran Timo sich erinnern soll, mit einem Wort gesagt: an seine Schuld.“
Schwer hob und senkte sich Kais Brust neben ihr. Für einen langen Moment sahen sie einander an, Schwager und Schwägerin, aber Lisa hatte nicht den Eindruck, daß er sie wirklich wahrnahm.
„Schuld“, sagte sie endlich, „was denn um alles in der Welt für eine ...?“
Sein Blick glitt ab von ihr, Kai stand auf, nahm die Lampe und kehrte zurück zu seinem Schemel. Sein fast unmerkliches Humpeln, das ihr anfangs gar nicht aufgefallen war; aber seit sie bemerkt hatte, daß seine kleinen Finger an beiden Händen verstümmelt waren, hatte sie weitere bestürzende Anzeichen gefunden – sein Humpeln, sein starrer Blick, die Versteinerung seines ganzen Körpers, seine offenkundige Scheu vor Berührung.
„Ich meine, im Krieg“, fuhr sie fort, während Kai sich vorn an der Tür mit der Funzel zu schaffen machte, „da wart Timo und du doch noch Kinder?“ Sie hatte sagen wollen, daß Timo (bei Kriegsende gerade mal sechs) in damaliges Unrecht doch gewiß nicht verstrickt sein konnte. Es schien ihr immer absurder, ihn gegen derlei Bezichtigungen zu verteidigen, dennoch fuhr sie fort: „Und als ihr beide mit euren Eltern in den Westen kamt – da wart ihr doch auch fast noch Kinder: Timo vierzehn, du dreizehn Jahre alt? Und kurz darauf sind eure Eltern gestorben, und du bist von einem Tag zum anderen verschwunden – wie könnte Timo, der doch von all den schrecklichen Ereignissen genau wie du nur hin und her geworfen worden ist, damals überhaupt etwas so Gewaltiges auf sich geladen haben wie lebenslange Schuld?“
Sie hatte auf ihn eingeredet wie auf ein uneinsichtiges Kind, und während sie ihn ansah und auf seine Antwort wartete, erschien es ihr durchaus möglich, ja wahrscheinlich, daß er aus seiner Verblendung erwachen würde („du hast ja recht – entschuldige, Lisa“), ihre Fesseln lösen und losziehen würde, um sich mit ihr und Timo „gründlich auszusprechen“, wie ihre Mutter derlei auszudrücken pflegte. Meist war Lisa auch bewußt, daß sie diese Neigung, männliche Verblendung für bloße Varianten kindlicher Verstocktheit anzusehen, von ihrer Mutter übernommen hatte, und auch diesmal, während sie erwartungsvoll ihren Kerkermeister beobachtete, dachte sie daran, aber ohne diese Möglichkeit wirklich in Betracht zu ziehen.
„Was mich betrifft“, erwiderte Kai in scharfem Ton, indem er der Ölfunzel einen Tritt versetzte und sich halbwegs aufrichtete, „ich bin nicht mit meinen Eltern in den Westen gegangen, sondern mit meinem Vater und seiner Frau. Hörst du nicht, was ich sage: Meine Mutter ist damals hier geblieben.“
Unbehaglich bewegte Lisa ihre Handgelenke und Fußknöchel in den Fesseln. Also glaubte er allen Ernstes, was die „wilde Wilka“ damals behauptet hatte: daß nicht Gesine Prohn, sondern sie selbst, das wilde Waldweib, ihn zur Welt gebracht habe? Es schien ihr wenig ratsam, ihn nochmals auf diesen Punkt anzusprechen, wie ihr überhaupt bewußt wurde, daß sie durch ihre eigene Kindheit und ihr ganzes bisheriges Leben nicht annähernd auf eine Situation wie diese hier vorbereitet worden war; ja, daß es zwischen Kai und ihr vielleicht keinerlei tiefere Berührungspunkte gab, entsprungen aus gemeinsamer oder zumindest vergleichbarer Erfahrung. Als er von Schuld gesprochen hatte, war ihr als erstes das sogenannte Schuldprinzip in den Sinn gekommen, lachhafterweise: Vor mehr als zwanzig Jahren war die Ehe ihrer Eltern zerfallen, und ihr Vater war von der Mutter „schuldhaft geschieden“ worden. Aber wenn Kai von „Schuld“ sprach, nahm dasselbe Wort eine ganz andere, weit umfassendere Bedeutung an, einen düsteren Beiklang von Verbrechen und schrecklicher Verworfenheit, der sich für sie mit keinerlei persönlicher Erfahrung verband. Ebenso spürte sie vage, daß Kai furchtbaren Schmerz erlitten haben mochte (und vielleicht immer noch durchlitt), Schmerzen an Körper und Seele, deren Anlaß und Ausmaß sie sich nicht annähernd vorzustellen vermochte. Während sie selbst als kleines Mädchen und noch als Jugendliche von ihrem Vater (der zu Jähzorn und rasender Eifersucht neigte) zwar des öfteren geprügelt worden war – „in einem Aufwasch“, wie er das brüllend benannte, nachdem er die Mutter durchgeprügelt hatte, das eigentliche Objekt seiner tobenden Affekte –, doch wie Lisa sich nun sagte, auf der Holzpritsche im Kerker von Burg Stiegliz liegend, waren die Schläge, über die sie damals Tränen vergossen, und der Schmerz, der ihr auf Hintern oder Wangen gebrannt hatte, nur wie Gischt gewesen neben den Sturzwellen, denen Kai allem Anschein nach ausgesetzt war.
Aber warum rächt er sich für all das ausgerechnet an mir?, dachte sie dann. Ihre Empörung, in die sich mehr und mehr auch wieder Angst mischte, führte sie zu der Frage zurück, von der sie vorhin abgeschweift war. „Ob ihr nun dieselbe Mutter habt oder nicht – was hat das mit Timos angeblicher Schuld zu tun?“
Von der Tür her spürte sie abermals Kais starren Blick. „Bist du sicher, daß du die Antwort hören willst?“
Sie war versucht, den Kopf zu schütteln – die Nachtseite der Wirklichkeit hatte sie seit jeher fasziniert, aber für sie war es immer nur ein künstlerisches Problem gewesen (eine geistreiche Idee, die willkommene Erweiterung ästhetischer Gestaltungsspektren) – für Timo aber, und erst recht für Kai, war sie offenkundig ein realer Alptraum. Warum wird mir das jetzt erst klar, fragte sie sich – und sagte zu Kai, der sie abwartend ansah: „Ja, trotz allem – erklär es mir.“
„Unsere ganze Kindheit hindurch“, sagte daraufhin Kai (so rasch, daß ihre Worte aneinander stießen), „hat Timo mich behandelt, wie er es bei unserem Vater gesehen hat: wie seinen Diener, wie ein halbzahmes Tier, das auf seinen Befehl springen, parieren, sich ducken mußte – wie es dem Herrn gerade gefiel! Und kaum war unser Vater tot, da hat er mich umzubringen versucht, verstehst du“ – (sein Gesicht auf einmal haßverzerrt, seine Stimme so gellend, daß Lisa sich die Ohren hätte zuhalten mögen) –, „wie seinesgleichen immer schon versucht haben, uns fertigzumachen, zu zerstampfen und auszurotten – seit siebenhundert Jahren!“
Er ist wahnsinnig, dachte sie, zu Tode erschrocken; während Kai heftig atmend von seinem Schemel neben der Tür aufsprang und, immer weiter Verwünschungen schreiend, auf sie zukam, mit humpelnden Schritten, und seine verkrüppelten Hände mit den wundroten Fingerstummeln schon nach ihr ausstreckte – anklagend, angreifend, ergreifend, wie sie trotz allem dachte, trotz seinem Geschrei und ihrer Todesangst. „Entwürdigt und gequält und abgerichtet!“, schrie Kai und wollte sich eben auf sie werfen, als hinter ihm die Tür aufflog: Im erleuchteten Rahmen erschien Georg, der mit wenigen Schritten bei seinem Vater war, ihn sachte beim Arm faßte, von Lisa weg- und unter besänftigendem Murmeln mit sich zog, zur Tür hinaus, die hinter den beiden, Vater und Sohn, wieder ins Schloß fiel.
Die halbtägige Bahnfahrt von Hanau bis Frankfurt (Oder) hatte die ohnehin mürben Nerven Trowalskys strapaziert (der 1930 im polnischen Lodz zur Welt gekommen war und unmittelbar nach Kriegsende den Namen Robert Trowal angenommen hatte). Zu allem Überfluß war er im Regionalzug von Berlin (Ostbahnhof) nach Frankfurt mit dem Fahrkartenkontrolleur zusammengestoßen und hatte kurzzeitig die Kontrolle über sich selbst verloren – für einen Moment war er eingenickt gewesen, und der Schaffner hatte ihn an seinem verletzten Arm gerüttelt, während ihre Lokomotive mit schrillem Pfiff einen Tunnel oder eine Brücke passierte. Daraufhin hatte Trowal, noch schlaftrunken, beide Arme emporgerissen, um seinen Kopf zu schützen; seine Brust hatte sich schmerzhaft zusammengezogen, und er hatte wieder diesen heiseren Winsellaut ausgestoßen, wie damals bei Tag und bei Nacht, vor Angst oder vor Schmerzen oder einfach um ihren Beschützer, wie sie ihn anreden mußten („ohne meinen Schutz hätte der Graf eure Schinken längst an den Freßgott verfüttert!“ – „jawohl, mein Beschützer, vielen Dank, mein Beschützer!“), milde zu stimmen.
(Als sich Görsmann im Herbst 1944 seiner annahm, war Trowalsky nach den sogenannten Selektionsregeln viel zu alt gewesen, und ein halbes Jahr später, als die Feuertür in der Bräuhalle unter der Schußsalve aus einer russischen Kalaschnikow aufsprang, war Trowal längst klar geworden, daß er weder nach Lodz zurück noch in Deutschland, gleich in welcher Zone, bleiben konnte, sondern für den Rest seines Lebens ins „Grenzgebiet“ verbannt war – ins gleiche, geographisch nur unvollständig fixierbare Zwischengefilde, in dem Wilka und viele andere teilweise seit Generationen hausten und in dem auch Kai Wilko später eine neue Heimat finden sollte, aber das wußte er damals noch nicht.)
Der Fahrkartenkontrolleur, ein wohlgenährter Endfünfziger, dessen Kugelbauch die blaue Uniformjacke beinahe sprengte, hatte ihn erst erschrocken und dann böse angesehen, als hätte Trowal sich einen üblen Scherz erlaubt. Dabei zitterte er immer noch am ganzen Leib, als er sein Billett aus der Brusttasche nestelte und dem Schaffner reichte. Der schmerzhafte Griff an seinen Arm und das Pfeifen der Lokomotive, dachte er nun, während er durch die enge Vorhalle des Frankfurter Bahnhofs stakste, hatten zusammen diesen Kontrollverlust ausgelöst und ihn kurzzeitig zurück in den Abgrund gestoßen, von dessen Rändern er sich im Wachzustand normalerweise fernhielt.
Er trat auf den Vorplatz, der Abend dämmerte bereits, und Trowal fühlte sich so müde, so erschöpft und ganz und gar mutlos, daß er mehrere Minuten lang einfach stehen blieb, mit hängenden Armen, leeren Händen. Fast schon gewohnheitsmäßig fragte er sich, warum er nicht endlich Schluß machte „mit diesem Knochensack voll Angst und Paranoia“, wie er sich selbst zu kennzeichnen pflegte. Niemand von ihnen, dachte er, weder Sude noch Mantot oder einer der anderen, hatte je wirklich „in die Welt zurückgefunden“. Im Geiste, in ihren Gefühlen und Träumen und sogar mit ihren Körpern, vor allem andern mit ihren Körpern waren sie noch immer in der alten Bräuhalle, hinter der Feuertür, die ihre Schreie schluckte, ihr Wimmern und selbst das Bellen der Hunde, Görsmanns gemütvolles Lachen, seine Mären vom „Freßgott unterm Herrenhaus“ und sogar das Fauchen und Pfeifen der Wolfsflöten, das ihre „Schutzübungen“ untermalte.
Nach ungefähr fünf Minuten siegte, wie bisher noch jedesmal, sein Pflichtgefühl: Er durfte Wilko nicht länger warten lassen, sagte sich Trowal, zumal es für Kai noch schwieriger sein mußte, sich weiterhin zusammenzureißen – so nah bei seinem Bruder, so kurz vor dem allerletzten Ziel. Er setzte sich in Bewegung, mit der ruckartigen, gelenksteifen Gehweise, die ihm von damals zurückgeblieben war, obwohl eine sowjetische Ärztin noch im Herbst 1945 seine zertrümmerten Knie so gut es ging wiederhergerichtet hatte. Anstatt sich auch noch in einen der überfüllten Busse zu zwängen (als Krönung der letzten Tage, in denen er gezwungen gewesen war, sich andauernd in geschlossenen Räumen aufzuhalten, bewacht oder drangsaliert von Uniformierten), würde er sich die alte DKW seines noch weit älteren Genossen Sude ausleihen, der in einer Einraumwohnung am Kiliansberg hauste, auf halber Höhe des Hügels, auf dem sich der Bahnhof über die Innenstadt erhob.
Keine Viertelstunde später knatterte Robert Trowal bereits auf der Lebuser Landstraße nordwärts – auf derselben Straße, auf der Margot gestern mit ihrem Spider in Gegenrichtung gebraust war. Doch im Unterschied zu Margot Wegener tuckerte er mit kaum sechzig Stundenkilometern dahin, die Augen zusammengekniffen gegen den leichten Ostwind, der immer wieder Wolken schimmernden Sandes von der Oder her über die Straße wehte. Sein staubgraues Jackett blähte sich auf seinen Schultern und flatterte hinter seinem Rücken wie eine Fahne, und die hüftlahmen Achsfedern der DKW beklagten jedes Schlagloch, jeden unter dem Asphalt sich hervorwölbenden Katzenkopf mit wimmerndem Wehklang. An Tagen wie diesem, dachte er, war es noch ärger als gewöhnlich: Jeder harmlose Pfeif- oder Winsellaut (Pfiffe auf Bahnsteigen, von Sportplätzen, Kinderspielplätzen her; Wind, der um Hausecken strich; Straßenbahnen in langgezogenen Kurven; selbst das Pfeifen seines eigenen Wasserkessels in seinem Schweriner Souterrainzimmer) riß ihn dann fünfzig Jahre zurück, in den „Schutzraum“ hinter der Feuertür, wo Görsmann die Wolfsflöte zum Mund hob und – –
Hinter einem mannshohen Holzstapel am Straßenrand kam plötzlich ein Hüne mit fuchsrotem Rübezahlbart zum Vorschein, in wachtmeisterlicher Uniform, eine Kelle in der Rechten, die er gebieterisch schwenkte. Nur kurz erwog Trowal, mit dem greisen Krad kurzer- wie rechterhand in den Oderwald zu tauchen (wie er das früher bedenkenlos getan hätte, vor zwanzig und noch vor zehn Jahren, als er Reisende auf verschwiegenen Pfaden westwärts gelotst hatte). Dann stoppte er das Motorrad neben dem Uniformierten, der die Kelle unter den Arm klemmte: „Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, bitte.“ –
In Worzaks Schädel summten und brummten noch immer die Wolfsmären und Stieglizer Spukgeschichten, in denen er auf Zirfas’ Geheiß den ganzen Tag lang „ermittelt“ und „nachgeforscht“ hatte. (War in alter Zeit ein Knäblein, das wollt’ seinem Mütterlein nicht hören und lief immerfort heimlich zur Oder hin. Was soll mir passieren? sprach es, wenn man’s tadelte: Fall’ ich in den Fluß, so schwimm’ ich, und will mich im Wald ein Räuber haschen, so renn’ ich ihm einfach fort. – Lief der Knabe am nächsten Tag wieder zum Fluß: Da saß im Schilf der Wolf und fraß ihn auf ...) Daher machte es ihm Mühe, sich auf den nagelneuen Führerschein und die grotesk zerfledderten Fahrzeugpapiere zu konzentrieren, die der Kradfahrer ihm mit unverkennbar zitternder Hand überlassen hatte. Wie so häufig, seit er Kriminalkommissar Zirfas zugeteilt worden war, argwöhnte Worzak, daß sein Chef ihn wieder einmal auf die Probe stellte, stille Erwartungen hegend, die er, Worzak, enttäuschen würde. Denn so bedingungslos er seinen Vorgesetzten verehrte, so wenig war er jemals aus ihm schlau geworden. Tatsächlich tappte er unablässig im dunkeln, was Zirfas’ Pläne und Beweggründe, ja sogar, was Gegenstand und Stoßrichtung ihrer gemeinsamen Ermittlungen anging, wie sich Worzak nun beunruhigt sagte, ohne zu bedenken, daß er sich gerade durch diese Fähigkeit, mit Feuereifer ständig im dunkeln zu tappen, für seine Gehilfenrolle empfohlen hatte.
Vage spürte er in seinem Rücken die Präsenz seines Chefs, der im Wagen sitzen geblieben war. Worzak zwang sich, das Paßbild methodisch mit Trowals hohlwangiger Physiognomie zu vergleichen. Dabei gestand er sich ein, daß er wieder einmal nicht die geringste Ahnung hatte, wonach sie eigentlich suchten.
„In Ordnung“, sagte er und reichte Robert Trowal seinen Führerschein zurück, um sich desto stirnrunzelnder dem Fahrzeugschein der DKW zuzuwenden. „Wohin geht die Reise?“
„Nach Polen“, antwortete Trowal – mit einer Stimme, die so gräßlich zerquetscht klang, daß in Worzaks Schädel gleich die nächste Schauermär zu summen begann. (Weilt bei jedem Leichenschmaus auch der Verblichene selber, doch nur ein einziger erwählter Trauergast kann ihn erblicken und mit ihm reden. Der nimmt das Gespenstlein dann bei der Hand, um’s abzubringen: Führt den Toten abermals zum Gottesacker, wo sich der Verewigte von neuem in die Grube legt und nun friedlich durchschläft bis zum Ende aller Zeit. Mißrät das Abbringen aber, so muß der Unselige, ohne je sein Grab zu finden, durch den Weiler geistern bis zum Jüngsten Tag.)
„Das ist doch neuerdings erlaubt, oder?“, setzte Trowal hinzu, da Worzak immer noch blätterte.
„Allerdings!“, rief Zirfas hinter des Wachtmeisters Rücken. „Der Mann kann weiterfahren.“
So blieb Worzak nichts anderes übrig, als dem höchst verdächtigen Subjekt seine Papiere wieder auszuhändigen und gute Reise zu wünschen, wobei er gewohnheitsmäßig an seine Mütze tippte. Während Trowal den Krad-Motor aufheulen ließ, wandte sich der Wachtmeister zu ihrem Streifenwagen um, wo er seinen Vorgesetzten bei einer ganz und gar unerwarteten Grimasse erwischte (weit geöffnete Augen, ermutigendes Lächeln) – vollkommen unmöglich, dachte Worzak, oder nicht?
„Dem Verdächtigen folgen?“, fragte er, indem er sich hinters Steuer zwängte und den 1500er Lada-Motor aufröhren ließ.
„Wo denkst du hin?“ Zirfas schnippte ein Stäubchen von seinem Revers. „Auf geradem Weg zurück ins Büro und dann endlich raus mit der Sprache: Was hast du über den Oderwolf in Erfahrung gebracht?“
Am frühen Nachmittag, nachdem Alex ein paar Stunden in der Orangerie geschlafen hatte (auf der narbigen Ledercouch, bei brütender Hitze zwischen den Glaswänden), beschlossen sie, noch einmal in den Schwarzen Kuppelsaal hinabzusteigen. Timo wollte unbedingt die Hohlräume in den Fackelnischen untersuchen, hinter denen sein Vater und Görsmann die fünf Statuetten entdeckten hatten. Vielleicht würden weitere Bernsteinfiguren zum Vorschein kommen – womöglich sogar eine zweite „Wolfsbiß“-Statue, mit der sie die Entführer bewegen könnten, Lisa freizugeben.
Auch Timo glaubte nicht ernstlich an eine solche Wendung, aber er war noch immer außer sich über die Notiz seines Vaters, die Alex zuletzt entschlüsselt hatte, und es drängte ihn, den Schauplatz nochmals in Augenschein zu nehmen. Wieder und wieder mußte er an das „blonde Äffchen“ auf Görsmanns Schulter denken, den kleinen Torbert, der im Herbst 1943 vier Jahre alt war, im gleichen Alter wie damals er selbst. In gewisser Weise, dachte Timo (während er zusah, wie Alex die Falltür in der gräflichen Studierkammer öffnete), wurden seine eigenen Erinnerungen dadurch wirklicher und greifbarer, daß jenem Torbert beinahe das gleiche Grauen widerfahren wäre: an einem Seil die Rampe hinunterzurutschen, dreißig Meter hinab in den Abgrund voller Leichen und Wolfsgeheul. Wie gern hätte er jetzt mit seinem „Leidensgenossen“ gesprochen, von seinen eigenen Erfahrungen erzählt und den anderen nach seinen Erlebnissen gefragt. „Torbert“, sagte er unter diesem Gedanken, „ein ungewöhnlicher Name – ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals vorher gehört zu haben.“
„Du hast damals überhaupt ziemlich wenig mitbekommen, oder?“ Alex sprach mit erhobener Stimme, um die quietschende Winde zu übertönen, deren Kurbel er mit leichter Hand drehte. „Ich meine, von den Abscheulichkeiten, die hinten bei euch im Wirtschaftshof abliefen – müßtest du nicht wenigstens ab und zu irgend etwas bemerkt haben: weinende Kinder, Schreie, Fluchtversuche – was weiß ich?“
Keine Antwort. Angespannt sahen sie beide auf die Strickleiter, die vor ihren Augen in die Tiefe tanzte.
„Mein Gott, Timo“, fuhr Alex endlich fort, „das konnten die beiden, dein Vater und Görsmann, doch unmöglich vor euch allen geheimhalten – allein schon die Toten, die offenbar Monat für Monat von der alten Bräuhalle hier herüber geschleppt und auf diese umständliche Weise“ – er deutete auf den Schacht zu ihren Füßen – „nach unten verfrachtet wurden! Auch wenn sie das nicht am hellen Tag gemacht haben werden: Hast du wirklich nie was davon bemerkt?“
„Nein, nie.“ Ehe Alex weiterfragen konnte, hatte Timo die Seile ergriffen und kletterte auf der schwankenden Leiter hinab. Auf dem zweiten oder dritten Steg kam ihm unversehens Kai in den Sinn – sein Bruder mit vier oder allenfalls fünf Jahren, wie er vor ihm stand, unten im Park, unweit der Orangerie: in weißem Hemd und kurzer Lederhose, die kleinen Fäuste geballt, die blonden Locken zerzaust wie immer, und seine Augen sprühten vor Wut, meergrüne Lichtfunken, da Timo sich weigerte, mit ihm zu gehen – aber wohin? Was wollte Kai mir damals zeigen, überlegte Timo, doch wie angestrengt er auch nachdachte, dabei Stufe um Stufe hinabsteigend, es fiel ihm einfach nicht ein. Wie überhaupt in den vielen Jahren, dachte er, seit sie alle – Vater, Mutter, Bruder – ihn über Nacht allein gelassen hatten, sich auch seine Kindheitswelt, auch Schloß Stiegliz mit seinen ungeheuer vielen Gebäuden und Zimmern und Kammern und Kellern, auch der Park und die Wälder, die zu Schloß Stiegliz gehörten, für ihn mehr und mehr entleert hatten. Tatsächlich sehe ich, dachte Timo (indem er in völliger Finsternis auf den Boden des Kuppelsaals trat), wenn ich an Schloß Stiegliz zurückdenke, wie es in meiner Kindheit war, immer nur mich selbst zwischen den vertrauten Mauern, selten meine Mutter, sehr selten den Vater, fast niemals Kai.
Er vernahm leises Ächzen über seinem Kopf und trat zur Seite: Neben ihm sprang Alex hinab, riß sogleich ein Streichholz an, beschirmte es mit der Linken und trat vor die nächste Wandnische, um eine Fackel anzuzünden.
Timo war ihm gefolgt, noch immer in Gedanken bei seinem Bruder: Was wolltest du mir damals zeigen, Kai? Er spürte eine leise Traurigkeit. Sein erster Impuls war, sie zurückzudrängen, ehe sie weiter emporkriechen konnte; aber dann blieb er einfach stehen, mitten im Schwarzen Saal, schloß die Augen und lauschte in sich hinein.
Anfangs sah er lediglich Schwärze, doch gleich darauf erschien vor seinem geistigen Auge abermals sein kleiner Bruder – Kai mit vielleicht zehn Jahren (vor dem Hintergrund der entengrün lackierten Holzbaracken am Rand von Dorf Stiegliz, in die sie Anfang 1946 umquartiert worden waren, da das Herrenhaus und die Wirtschaftsgebäude in den ersten Nachkriegsjahren als Sowjetkaserne dienten); gekleidet wie ein Bauernknecht (vielmehr wie ein LPG-Lehrling, denn mit den Herren waren auch die Knechte abgeschafft worden), in blauer Drillichhose, mit grobem Baumwollhemd und Schiebermütze, und Kai redete beschwörend, mit düsterer Miene und funkelnden Augen, auf ihn ein: „Wenn du nicht mitkommst, bist du ein Feigling – ein Muttersöhnchen – ängstlich wie Mama!“ Wohin mitkommen?, überlegte Timo, doch wie er auch in sich hineinhorchte, sein Gedächtnis gab keinen weiteren Erinnerungsfetzen preis – oder jedenfalls nur diesen: wie Kai auflachte, voller Verachtung, einen Arm hob und sich abwandte, schon davonrannte, ohne sich noch einmal zu ihm umzusehen. Aber gehörten diese beiden Erinnerungsbruchstücke zusammen – oder hatte seine Phantasie einfach zwei beliebige Fetzen zusammengewoben, nur um ein plausibel scheinendes Ende zu präsentieren?
„Was ist los, Timo – schläfst du im Stehen?“
Alex’ Stimme riß ihn in die Gegenwart zurück. Sein Freund hielt eine brennende Fackel in der Hand. Seinen freien Arm legte er um Timos Schultern und zog ihn mit sich zur Wand. „Die Kacheln, von denen dein Vater schreibt, sind tatsächlich vorhanden“, sagte er, „fragt sich nur, was sich dahinter verbirgt.“
Er klang ein wenig aufgeregt, und für einen Moment schien es auch Timo wieder möglich, daß es von jeder der fünf Statuen mehrere Exemplare gab, sie also eine zweite „Wolfsbiß“-Figur finden und den ganzen Alptraum im Handumdrehen beenden würden. Sie traten vor die erste Wandnische, und Timo hielt die Fackel hoch und sah zu, wie Alex mit der flachen Hand über die gleichmäßig schwarze Mauer strich, bis er ganz oben in der Nische zwei kleine Aussparungen ertastete. Er fuhr mit Zeige- und Mittelfinger hinein, zog behutsam daran und hielt gleich darauf ein Wandstück in Händen, quadratisch, schwarz und vielleicht zehn auf zehn Zentimeter groß. Doch auf der Rückseite dieser „Kachel“, wie Timos Vater sie genannt hatte, befand sich überhaupt nichts – kein Wolf, kein Jüngling, überhaupt keine Statuette, weder aus Bernstein noch aus Gebeinen. Auch in dem Hohlraum, der hinter der Kachel zum Vorschein gekommen war, entdeckten sie lediglich ein wenig Mörtel und reichlich Ruß.
Mit wachsender Aufregung und proportional schrumpfender Hoffnung untersuchten sie nacheinander alle acht Nischen und fanden etwa einen Meter oberhalb jeder Fackel eine solche Kachel, dahinter einen kleinen Hohlraum. Doch auf der Rückseite keiner einzigen dieser Wandplatten befand sich eine Bernsteinstatuette oder auch nur ein Hinweis, daß sie jemals als Sockel einer solchen Figur gedient haben könnte.
Nachdem sie jede Nische untersucht und alle acht Fackeln in ihren Halterungen angezündet hatten, kehrten sie in die Mitte des Raumes zurück. Alex hielt die Strickleiter in Schulterhöhe mit beiden Händen fest, wobei er sich auf eine schwankende Stufe kniete, offenbar müde und entmutigt. Und bei diesem Anblick des mit erhobenen Armen knienden Alex machte Timos Gedächtnis abermals einen Sprung und gab einen weiteren Erinnerungsfetzen frei – ein einziges Bild, eingefroren wie eine Fotografie: Kai, der vor ihm auf einer Wiese kniete, mit zehn oder elf Jahren, seine Augen zornig glühend, aber seine Hände wie flehend emporgereckt.
O mein Gott, dachte Timo, was ist das – was war das – damals nur? Langsam verblaßte das Bild, und er wurde sich bewußt, daß er in Alex’ Gesicht starrte, aber mit seinen Gedanken war er noch immer beim Anblick des flehenden Kai. Sowenig Timo sich erklären konnte, was es mit diesem Bild auf sich hatte, so untrüglich spürte er, daß seine Phantasie ihn diesmal nicht zum Narren hielt: Beim Anblick des Knienden empfand er eine tiefe Beschämung, so als hätte er selbst seinen Bruder derart gedemütigt, zu Kniefall und Flehen gezwungen. Daß er sich überhaupt nicht erinnern konnte, was es mit dieser Szene auf sich hatte, verschärfte nur noch sein Gefühl, an seinem Bruder schuldig geworden zu sein.
Ein leises Scharren, wie wenn Stein auf Stein reibt, ließ ihn zusammenfahren. Alex hatte seinen Platz an der Strickleiter aufgegeben und machte sich aufs neue an einer der Wandnischen zu schaffen. Er hatte die brennende Fackel aus ihrer Halterung gezogen und neben sich auf den Boden gelegt; nun löste er abermals die Kachel heraus und schob statt ihrer die „Wolfsritt“-Statue in das Wandloch.
„Paßt exakt“, sagte er, während Timo neben ihn trat: Tatsächlich verschloß der Sockel der Bernsteinfigur die Mauerlücke so genau, daß kaum eine sichtbare Fuge blieb.
Ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken, einfach weil es praktischer war, die Statue als Griff zu verwenden, hatte Alex den Sockel so in die Wand eingefügt, daß die Figur nicht in den Hohlraum hinter der Mauer, sondern nach außen ragte. Jetzt ließ er sie vorsichtig los, bereit, den scheinbar in der Luft schwebenden Wolf mit dem Jüngling, der weit vorgebeugt, mit lautlosem Jauchzen, auf der Bestie ritt, notfalls in seiner Hand aufzufangen. Doch der Sockel saß so sicher in der Wand wie ein Korken im Flaschenhals (oder wie der Deckel hinter ihnen auf dem Höllentrichter), und indem Alex einen Schritt zurück trat, um das Arrangement zu begutachten, wurde ihm klar, daß dies in früherer Zeit die eigentliche Aufgabe der Mauerlücken gewesen mußte: Sie hatten in erster Linie als Halterungen gedient, um die Bernsteinfiguren zu bestimmten kultischen Anlässen feierlich zu präsentieren, und nur in zweiter Linie als Verstecke.
Unter diesem Gedanken bückte sich Alex und nahm die Fackel auf, die vor der Nische am Boden lag. Er schob sie in ihre Halterung zurück – und sie beide hielten den Atem an, als vor ihren Augen die Bernsteinfigur erstrahlte: der zum Sprung gestreckte Wolfsleib golden erglühend, der Jüngling sonnenrot lodernd. Während Alex und Timo die theatralische Wirkung des Fackellichts bestaunten, das die künstlichen Gestalten zu flackerndem Leben erweckte, zogen Qualmfäden von der Leuchte empor und drangen in das Maul des Amberwolfs und in den Mund des lachenden Jünglings, und mit einem Mal begann die Wolfsflöte wie von selbst zu fauchen und zu pfeifen, so grausig und zauberisch, so künstlich und wundersam, daß Alex ein Schauer über den Rücken lief.
„Und jetzt stell dir vor“, sagte er,wobei er unwillkürlich seine Stimme dämpfte, „daß fünf dieser heiligen Flöten in den Fackelnischen funkeln und pfeifen – oder vielleicht ursprünglich sogar acht, auch wenn Görsmann und dein Vater nur noch fünf gefunden haben: Wie mag es für die Wolfsgott-Jünger geklungen haben; was mag es für sie gewesen sein, für Valtin Supplit, für Saskia oder deinen Urahn Hartbert – die Stimme ihres Gottes, die übernatürliche Botschaften verkündet?“ Er wandte sich um und erkannte, daß Timo ihn überhaupt nicht gehört hatte:
Er stand immer noch bei der Strickleiter und starrte auf die in allen Goldtönen lodernde Statuette, in die Gesichter von Wolf und Jüngling, aus deren Mündern fauchende und winselnde Töne erklangen. Und auch wenn Timo dieser Gedanke schon in wenigen Minuten (wieder im Tageslicht und über der Erdlinie) lachhaft, ja aberwitzig erscheinen sollte, empfand er in diesem Moment doch mit untrüglicher Gewißheit, daß der jauchzende Jüngling auf dem heranstürmenden Wolf niemand anderes als sein Bruder war.
Die Lösung des Rätsels ist zum Greifen nah, dachte Alex, wie immer diese Lösung letztlich aussehen mag. Während sie die Geheimtür zur gräflichen Studierkammer hinter sich verschlossen (mit hellem Sirren rotierte die Muttergottes zurück in den aufgemalten Ritterschild) und durch den düsteren, vom Gestank modernder Buchleiber erfüllten Hauptgang zur Bibliothekstür liefen, spürte er, wie seine Zuversicht wuchs: Auch wenn sie die „Wolfsbiß“-Figur immer noch nicht aufgetrieben hatten, war er sich mit einem Mal sicher, daß sie kurz vor der Aufklärung aller Geheimnisse – und damit auch der Befreiung Lisas – standen.
Unter diesen Gedanken lotste Alex seinen neuerlich in Grübelei versunkenen Freund Timo hinaus in den Park. Drei Uhr nachmittags war vorüber, und noch immer war der Himmel bedeckt mit schwarzen Wolken, die Luft von Schwüle und elektrischer Spannung erfüllt.
„Ich bin es so satt, Alex“, sagte Timo leise, während sie hügelab gingen, „warum bin ich überhaupt hierher zurückgekommen – ich verstehe mich selbst nicht mehr!“ Er blieb abrupt stehen und legte Alex eine Hand auf den Arm. „Ich will nichts wissen von den widerlichen Geheimnissen meines Vaters – nichts, gar nichts mehr, verstehst du – von den Untaten, die er und Görsmann damals begangen haben: Es ekelt mich an!“
„Aber um die Forderung der Entführer –“
„– brauchen wir einzig und allein die ‚Wolfsbiß’-Statue – und die hat Margot!“
„Und wo Margot ist, wissen wir nicht“, ergänzte Alex in ruhigem Ton. „Außerdem glaube ich weniger denn je, daß es den Entführern wirklich nur – wenn überhaupt – um diese eine Statue geht. Nein, mein Lieber, ich bin mir sogar ausgesprochen sicher, daß wir hier genau das tun, was diese Leute insgeheim von dir erwarten: Sie wollten dich zwingen, in der Vergangenheit dieses Ortes herumzustochern und den Ursprüngen der Bernstein- und Wolfsmysterien nachzuforschen, und das haben wir in den letzten Tagen, finde ich, mit beachtlichem Erfolg getan.“ Er legte Timo einen Arm um die Schultern und zog ihn weiter auf die Orangerie zu. „Mir ist klar, daß das alles hier für dich furchtbar sein muß“, fuhr er fort, „aber glaub mir: Mein Banker-Instinkt sagt mir, daß wir kurz vor dem Ziel sind. Also hör mir bitte mal ein paar Minuten zu. Meiner Ansicht nach läßt sich das ganze Geheimnis in fünf Teile auffächern – fünf Fragen, zu denen wir die Antworten mittlerweile zumindest teilweise kennen oder jedenfalls zu kennen glauben.“
Während sie weiter durch den Park gingen, vor der Orangerie nach links schwenkten und sich der Ostmauer näherten, hinter der schon der Oderwald begann, entwickelte Alex im zuversichtlichen Tonfall eines Finanzmanagers, der es gewöhnt war, auch verschachtelte Zusammenhänge unbeirrbar aufzuhellen, seine „fünf Fragen zur Lösung des Rätsels“: