image

Der gute Zauberer

Dalaton rannte keuchend über den Hof. Er kam an zwei Wachmännern vorbei, die neben einem Ständer mit gefährlich aussehenden Speeren standen.

„Sieht so aus, als ob Dalaton der Flinke es eilig hätte“, flüsterte der eine.

„Er ist so schnell wie ein Hase, der vor einem Fuchs flüchtet!“, rief der andere laut und lachte.

Dalaton lief hastig an den Männern vorbei, ohne sie zu beachten. Er wünschte, er wäre nicht so dick, aber er war die Sticheleien seiner Kameraden bereits gewohnt. Manche behaupteten, selbst eine dreibeinige Schildkröte könnte ihn bei einem Wettrennen besiegen.

Er sah über seine Schulter. Die Wachen widmeten sich wieder ihren Aufgaben und beachteten ihn nicht mehr. Schnell schlüpfte er in einen dunklen Gang, der in das dumpfe Licht einer Fackel getaucht war. Hier war er vor den neugierigen Blicken der anderen sicher.

„Ich sollte das nicht tun. Ich sollte mich lieber um meine eigenen Angelegenheiten kümmern“, dachte Dalaton. Aber er lief weiter.

Am Ende des Ganges drückte er sich gegen die Wand. Er versuchte, zu Atem zu kommen, und lauschte. Doch außer dem entfernten Wiehern eines Pferdes im Stall war nichts zu hören.

„Wenn ich erwischt werde, lässt mich der König in Ketten legen. Oder Schlimmeres“, dachte er ängstlich.

Dalaton schauderte. Jetzt gab es keinen Weg zurück. Er spähte um die Ecke zur Treppe, die ins Verlies hinunterführte. Irgendwo dort unten wurde der gute Zauberer Oradu gefangen gehalten und Dalaton wollte ihm helfen.

„Aber wie?“, überlegte er. „Was soll ich tun?“

Vorsichtig schlich er die Treppe hinab. Ein leises Stöhnen klang herauf und das Echo von Wassertropfen, die auf Stein fielen. Vielleicht war es schon zu spät. Die anderen Wachen hatten erzählt, dass der König versuchte, Oradus Kräfte zu stehlen. Sein Zauberbuch, seinen Kessel und seinen Falken hatte man ihm schon weggenommen.

Dalatons Haut prickelte vor Angst, als er die Treppe weiter hinunterstieg. Seine innere Stimme ermahnte ihn umzukehren, aber eine stärkere Kraft trieb ihn vorwärts. Wenn er dort unten eingesperrt wäre, würde er auch wollen, dass jemand kam, um ihm zu helfen.

Ein schwaches Licht flackerte im Dunkeln. Dalaton sah um die Ecke und erstarrte vor Schreck. Oradus Handgelenke, Knöchel und sein Hals waren mit Eisenketten gefesselt. Das Ende der Kette war an der Mauer befestigt.

Dalaton war dabei gewesen, als der stolze Zauberer gestern von den Wachen in die Burg gebracht worden war. Sie hatten ihm den spitzen Hut abgenommen. Nun war sein graues, verschwitztes Haar zu sehen. Seine Kleider waren verschmutzt und sein Kopf hing erschöpft herab.

image

Zwei Wachmänner standen vor ihm. Einer von ihnen hielt den Zauberstab in der Hand. „Ohne den bist du nicht so mächtig, was?“, spottete er.

Oradu antwortete nicht. „Der arme Mann ist am Ende“, dachte Dalaton.

„Jetzt fehlt nur noch der Umhang“, sagte der andere Wachmann. Er riss dem Gefangenen seinen Umhang herunter und der Zauberer begann vor Kälte zu zittern.

Dalaton schüttelte traurig den Kopf. „Es ist zu spät. Ich kann ihm nicht helfen!“

Nun zog der Wachmann eine Papierrolle aus seinem Gürtel und rollte sie auf. Dalaton sah, wie der Zauberer sich langsam aufrichtete. In seinen Augen schimmerte es. Der Wachmann begann zu lesen: „Im Namen des Königs beschlagnahmen wir hiermit all deine Magie …“

Wusch!

Kalter Wind blies durch den Raum und fegte die Papierrolle zu Boden. Blendende Lichtstrahlen blitzten auf. Dalaton schützte seine Augen mit der Hand. Die beiden Wachmänner schrien erschrocken auf.

So plötzlich wie es gekommen war, verschwand das Licht wieder.

„Wo ist er hin?“, rief einer der Wachmänner überrascht und sah sich ungläubig um.

Auch Dalaton traute seinen Augen nicht. Die Ketten, die Oradu gefangen gehalten hatten, baumelten lose herab. Die Wachen standen sprachlos da. Oradu war entkommen!

„Der König wird toben“, sagte der eine Wächter ängstlich. „Was sollen wir tun?“

Dalaton wartete nicht länger. Auf Zehenspitzen schlich er die Treppe hoch. In seinem Magen bildete sich ein schmerzhafter Klumpen. Nun, da der gute Zauberer sie verlassen hatte, würde nichts und niemand den König aufhalten können.

Bis ein neuer Held gefunden war, würde das Königreich im Dunkeln versinken.