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Vertauschtes Königreich

Um sie herum schimmerte das Portal und tauchte alles in grelles blaues Licht. Wind blies durch Toms Kleider, als sie sich seinem Heimatland Avantia näherten. Er drehte sich um und entdeckte seine Mutter Freya. Ihr langes Haar wehte ihr ins Gesicht. Elenna grinste Tom mit verschränkten Armen an. Marcs Umhang flatterte um seine dünnen Beine. Silver wedelte mit dem Schwanz, Storm schüttelte seine Mähne und peitschte mit seinem Schweif.

„Nun wird alles gut“, dachte Tom.

Während sie durch den magischen Tunnel liefen, war das Schloss von König Hugo immer wieder kurz zu sehen. Auf dem Festungswall flatterte eine schwarze Fahne. Eine Fahne, die Tom nicht kannte.

„Was ist passiert, seit ich weggegangen bin?“, fragte sich Tom und schauderte.

Doch er verdrängte seine Sorgen. Kayonia lag hinter ihnen und Velmal war besiegt. Bald waren sie zu Hause. Sein Vater Taladon wartete auf sie. Endlich würde seine Familie nach langer Zeit wieder vereint sein!

Das blaue Licht verschwand und vor ihnen tauchte eine Wiese auf. Tom fiel zu Boden. Er ging in die Knie, um die harte Landung abzufedern, und rollte sich ab. Elenna purzelte neben ihm ins Gras.

Tom streckte die Beine aus und versicherte sich, dass nichts gebrochen war, dann stand er auf. Elenna zupfte Grashalme von ihrer Kleidung. Sie lachte über Silver, der fröhlich bellte und in die Luft sprang.

„Stimmt genau“, sagte sie zu ihrem Wolf. „Wir sind zu Hause!“

Marc erhob sich und strich seinen Umhang glatt. Er sah sich mit weit aufgerissenen Augen um. Sie standen auf einer Wiese voller bunter Blumen. Storm neigte glücklich den Kopf und fraß von dem frischen, saftigen Gras.

Freya lächelte. „Es ist so lange her, dass ich in diesem Königreich gewesen bin“, sagte sie.

„Wir sind nicht weit von König Hugos Schloss entfernt“, stellte Tom fest. „Es muss hinter diesem Hügel dort liegen.“

„Gehen wir!“, sagte Elenna.

Sie marschierten los. Von der Hügelkuppe aus war das Schloss gut zu sehen. Während seiner letzten Mission hatte Tom sich oft gefragt, ob er es jemals wiedersehen würde. Trotz der schwarzen Fahne hüpfte sein Herz vor Freude.

Doch als sie näher kamen, bemerkte Tom noch weitere Veränderungen. Mehr Soldaten als sonst standen mit gezückten Waffen auf den Mauern. Er spürte, dass durch die Schießscharten Hunderte Pfeile jede ihrer Bewegungen verfolgten. Angst kroch in ihm hoch.

„Sie scheinen in Alarmbereitschaft zu sein“, meinte Freya.

Elennas Blick huschte von Fenster zu Fenster. Sie sah besorgt aus. „Befindet sich das Königreich im Krieg?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Tom und wechselte einen sorgenvollen Blick mit Marc. Der Zauberlehrling hielt seinen Stab fest mit beiden Händen umschlossen. Sein Gesichtsausdruck schien Toms Gedanken widerzuspiegeln: Irgendetwas ist in Avantia ganz und gar nicht in Ordnung.

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Die Zugbrücke wurde hochgezogen. Langsam wie die Kiefer eines Riesen öffnete sie sich. Das Wasser im Burggraben, das immer kristallklar gewesen war, war nun dunkel und schlammig.

„Ich hoffe, Taladon geht es gut“, sagte Tom.

Drei Wachmänner mit Speeren kamen auf sie zu. Sie trugen schwarze Uniformen mit Goldverzierung und silberne Helme. Durch die schmalen Sehschlitze waren ihre Augen kaum zu erkennen.

„Wer wagt es, das Land des Königs zu betreten?“, brüllte der Anführer der beiden Wachen. „Sprecht schnell oder schweigt für immer!“

Tom hob beide Hände, um zu zeigen, dass sie in Frieden kamen.

„Wir sind Freunde von Avantia“, sagte er. „Wir sind durch ein Portal aus einem anderen Land gekommen.“

Die Soldaten sahen sich misstrauisch an.

„Alle Reisenden müssen dem König Bericht erstatten“, erklärte der Wachmann weiter.

Tom straffte die Schultern. „Bitte, sagt dem König, dass Tom und Elenna hier sind“, erklärte er. „Wir sind aus Kayonia zurückgekehrt und wünschen ihn zu sprechen.“

Der Anführer senkte seinen Speer.

„Gebt uns zuerst eure Waffen!“, befahl er.

Tom gefiel das ganz und gar nicht, aber er begann, den Schild von seiner Schulter zu schnallen. Elenna sah ihn alarmiert an und schüttelte leicht den Kopf.

„Wir müssen tun, was sie sagen“, flüsterte er ihr zu.

Tom band sein Schwert vom Gürtel los. Er trennte sich nur ungern von seinem Schwert, aber seinen Schild zu verlieren war noch schlimmer, denn darin steckten die sechs magischen Gegenstände, die er auf seiner allerersten Mission von den guten Biestern von Avantia bekommen hatte und die ihm besondere Kräfte verliehen. Elenna reichte den Wachen Pfeil und Bogen und ermahnte sie, ja gut auf sie aufzupassen. Freya gab ihnen ihr glänzendes Bronzeschwert mit dem gravierten Griff. Marc hob die Hände und zeigte ihnen, dass er nur den Stab und keine Waffe bei sich hatte.

Der Anführer nickte grimmig. „Gut, folgt mir.“

Mit einem Wachmann auf jeder Seite wurden sie ins Schloss geleitet. So hatte sich Tom seine Rückkehr nicht vorgestellt.

Drinnen war es kalt und feucht. Auf den Mauern hatte sich überall Moos ausgebreitet. Die Kette der Zugbrücke war rostig.

„So sah es nicht aus, als ich das letzte Mal hier war“, sagte Freya.

„Nein“, stimmte ihr Tom zu. Je schneller er Taladon und König Hugo fand, umso besser.

An jeder Tür und in jedem Durchgang standen Soldaten. Ihre Augen folgten ihnen misstrauisch.

Sie ließen Storm und Silver bei einem Knecht zurück und stiegen den Turm zum Thronzimmer hinauf.

Tom bemerkte, dass die Bilder von König Hugos Verwandten nicht mehr an den Wänden hingen. „Vielleicht werden sie gesäubert oder repariert“, dachte Tom.

Die große Tür zum Königszimmer war geschlossen.

„Seltsam“, wunderte sich Tom. „Früher stand sie immer offen.“

Der Soldat klopfte mit seinem Speer dreimal auf den Boden.

„Herein!“, rief eine ungeduldige Stimme durch die Tür.

Die Türflügel öffneten sich knarrend. Im Kamin brannte ein großes Feuer. Der Schein der Flammen tauchte den Raum in schummeriges Licht und überall zuckten Schatten.

König Hugos Thron stand am anderen Ende des Raumes. Darauf saß eine gebeugte Gestalt.

„Das ist nicht König Hugo“, dachte Tom.

„Wer wagt es, meine Ruhe zu stören?“, fragte die Gestalt.

Sie gingen ein paar Schritte in den Raum hinein, bis sie im flackernden Licht das Gesicht des Mannes erkennen konnten.

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Elenna keuchte. „Das kann nicht sein …“

Tom schienen die Worte im Hals stecken zu bleiben. Es gelang ihm nur, ein einziges zu flüstern: „Malvel!“