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Der König von Tavania

Der böse Magier beugte sich vor und klatschte mit seinen knochigen Händen. Unter seiner dunklen Kapuze verzog sich sein blasses Gesicht zu einem Grinsen.

„Was für eine schöne Überraschung“, sagte Malvel.

„Nein …“, keuchte Tom. „Das kann nicht sein … Wir haben dich besiegt …“

Malvel beachtete Tom nicht. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete Marc. „Du trägst einen Zaubererumhang, Junge!“

„Ich bin nur ein Lehrling“, sagte Marc.

Malvel stand auf. „Dann muss es deine Zauberkraft gewesen sein, die das Chaos über Tavania gebracht hat.“ Er schaute zu den Wachen hinüber, um zu sehen, wie sie reagierten. Der eine Wachmann flüsterte dem anderen etwas zu.

„Es ist die Schuld des Jungen!“

„Tavania?“, wunderte Tom sich.

„Was für ein Chaos?“, fragte Freya.

Sie schnellte nach vorn und packte Malvels dünnen Arm. Er zischte vor Wut und versuchte, sich zu befreien, aber schon hatte sie ihre andere Hand fest um seinen Hals geschlossen. Mit hervorquellenden Augen schrie er nach seinen Soldaten.

„Schafft mir das Weib vom Hals!“ Seine Stimme klang dünn und hoch. Blitzschnell waren die Soldaten bei Freya, bogen ihre Finger auf und verdrehten ihr die Arme schmerzhaft auf den Rücken. Sie schnitt eine Grimasse, machte aber keinen Mucks. Tom trat vor, um ihr zu helfen, aber ein Wachmann wandte sich zu ihm um und richtete seine Schwertspitze auf Toms Kehle. Tom schluckte seine Wut herunter und trat langsam zurück.

Malvel schnaubte und rieb sich den Hals. „Ihr wisst es also nicht?“, fragte er schließlich. „Habt ihr die Tränen am Himmel nicht gesehen?“

Er deutete zum Fenster und Tom rannte hinüber. Der Himmel ähnelte dem in seiner Heimat tatsächlich nicht. Wegen der vielen Wolken hatte er es zuvor nicht bemerkt, aber es sah so aus, als wäre das ganze Königreich unter einer riesigen Glaskuppel versteckt. Seltsame Schatten huschten über den Himmel. Stellenweise öffneten sich dunkle Flecken wie klaffende Münder, dann schnappten sie wieder zu. „Wir sind weit weg von Avantia“, begriff Tom.

Er drehte sich zu dem bösen Magier um. „Wohin hast du uns gebracht?“

Ein Wachmann trat Tom in die Kniekehlen und er fiel stöhnend zu Boden. Tom blickte verzweifelt zu Freya.

„Lasst ihn in Ruhe!“, rief Elenna.

„Niemand spricht in diesem Ton mit dem König!“, rief der Wachmann, der Tom umgetreten hatte. Dann wandte er sich an Malvel. „Sie haben behauptet, sie wären durch ein Portal gekommen, Majestät.“

„Wie ich vermutet habe“, sagte Malvel. Er stand auf und umkreiste Tom wie ein Raubtier seine Beute. „Es muss ihre Schuld sein. Sie sind für das, was mit den Biestern passiert ist, verantwortlich.“

„Biester?“, fragten Tom und seine Mutter gleichzeitig.

Ein fieses Grinsen erschien auf Malvels Gesicht. „Ihr habt den Fluch über uns gebracht.“

„Welchen Fluch?“, fragte Marc.

Malvel nickte zum Fenster. „Der Fluch, der die Biester aus ihrer natürlichen Umgebung reißt, und sie dorthin schickt, wo sie nicht hingehören. Der Fluch, der sie unvorstellbar wütend macht und Chaos über mein ganzes Königreich bringt.“

Freya hatte sich aus dem Griff des Wachmanns gelöst und half Tom, aufzustehen.

„In diesem Land muss es einen guten Zauberer geben“, sagte Marc. „Was habt Ihr mit ihm gemacht?“

Malvels Augen wurden eiskalt. Er reckte einen Arm in die Luft. In seiner Handfläche bildete sich ein rotes Glühen, wie ein Stück brennende Kohle. Tom bemerkte, dass die Soldaten vor Marc zurückwichen, als hätten sie Angst.

„In Tavania gibt es nur Platz für einen einzigen Zauberer!“, schrie Malvel.

Er schwang seine Hand nach vorn und schleuderte einen roten Lichtstrahl nach Marc, der diesen heftig in die Brust traf. Toms Freund gab keinen Ton von sich, aber seine Augen weiteten sich und er fiel auf die Knie. Sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Elenna schrie vor Panik.

„Malvel, was hast du getan?“, rief Tom entsetzt.

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Er rannte auf Marc zu, aber nun bildete sich ein roter Lichtkreis um den Körper des Zauberlehrlings. Tom prallte von ihm ab und fiel zu Boden. „Es ist eine Art Schild“, dachte er.

Verzweifelt sah er zu Malvel, der bösartig grinste. Aus den Fingern des Magiers kam ein roter Lichtstrahl, der sich mit der Blase, die den Zauberlehrling umgab, verband. Plötzlich lösten sich weiße Nebelstreifen aus Marcs Körper. Sie wanderten entlang des roten Strahls direkt zu Malvels Arm. Toms Freund zitterte, als würde ihm das Leben ausgesaugt werden.

„Malvel stiehlt seine Zauberkraft“, begriff Tom. Er stand auf und warf sich erneut gegen den roten Zauberschild, aber es half nichts. Der Lichtkreis war hart wie eine Steinmauer.

Malvel ballte die Fäuste und das Glühen verschwand. In der Luft hing der Geruch nach Kohle und Rauch. Marc taumelte einen Moment auf den Knien, dann fiel er leblos nach vorn. Elenna eilte zu ihm. Sie fühlte an seinem Hals nach dem Puls. Sie sah zu Tom und schüttelte den Kopf.

„Er ist tot“, flüsterte sie ungläubig.

Als Tom begriff, was gerade geschehen war, erfüllten ihn Wut und Schmerz. Er wollte sich auf Malvel stürzen, aber zwei starke Arme ergriffen ihn von hinten und plötzlich lag ein Schwert an seiner Kehle.

Er versuchte, seine Gefühle zu unterdrücken und mit ruhiger Stimme zu sprechen.

„Solange Blut in meinen Adern fließt, werde ich …“, sagte er an den bösen Magier gerichtet.

„Ja, ja“, unterbrach Malvel ihn und winkte herablassend. „Das hast du schon in Avantia zu mir gesagt. Aber nun ist es Zeit für dich zu gehen! Auf Wiedersehen, alter Freund!“

Der böse Zauberer klatschte in die Hände. Tom dachte, Malvel würde noch mehr Soldaten rufen, doch stattdessen verschwamm der Raum um ihn herum. Malvel war plötzlich doppelt zu sehen, dann vierfach. Er schwebte bedrohlich vor dem Thron in der Luft. Tom wurde schlecht und schwindelig. Er spürte keinen Boden mehr unter den Füßen. Eisige Luft strich über seine Haut. Dann fiel er …

Er stürzte hart zu Boden und verdrehte sich dabei den Knöchel. Er hörte Elenna und Freya vor Schmerz keuchen, als sie neben ihm landeten. Tom lag mit dem Gesicht zum Boden, auf dem überall Stroh verteilt war. Es roch feucht und modrig. Im Dämmerlicht erkannte er Eisenstangen.

Sie waren gefangen!