„Wo sind wir?“, wisperte Elenna.
„Wir sind in einem Verlies“, stellte Tom fest. Er stand vorsichtig auf, um seinen Knöchel nicht zu sehr zu belasten. Es tat weh, aber es würde schon gehen. Freya half Elenna beim Aufstehen.
Durch die Eisenstäbe drang schwaches Licht herein. Tom konnte Tränen auf Elennas Wangen sehen und musste schlucken.
„Wir müssen stark bleiben“, sagte er. „Marc würde nicht wollen, dass wir aufgeben.“
Sie nickte. Tom hörte ein Wiehern. Das war Storm!
Er sprang auf und rannte zum Fenster. Durch die dicken Gitterstäbe konnte er einen Stall erkennen. Über eine halb geöffnete Boxentür ragte Storms Kopf. Silver war mit einem Strick an einem Pfosten festgebunden.
„Macht euch keine Sorgen!“, rief Tom und seine Stimme hallte von den feuchten Wänden wider. „Wir kommen hier raus – irgendwie.“
Storm wieherte, als er Toms Stimme hörte.
„Was ist hier los?“, fragte eine heisere Stimme.
Tom wich vom Fenster zurück. Ein dicker Gefängniswärter kam die Steintreppe ins Verlies hinunter. Er hielt eine brennende Fackel in der Hand und um seinen Bauch war ein Gürtel mit vielen Schlüsseln gebunden. Freya beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen und legte den Kopf schief.
Der Wächter streckte seine Nase zwischen den Gitterstäben hindurch. Sein Bauch drückte dabei gegen die Eisenstangen.
„Wir haben nichts Unrechtes getan“, sagte Elenna. „Lass uns raus. Malvel hat unseren Freund getötet und uns in dieses Verlies gesperrt. Wir gehören nicht hierher.“
Der Mann hob entschuldigend beide Hände. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass Malvel ein strenger König ist“, flüsterte er. „Aber wenn ich euch freilasse, kostet mich das meinen Kopf.“ Tom sah, dass dem Mann die Hände zitterten. „Wer seid ihr eigentlich?“
„Ich heiße Tom“, antwortete er. „Und das sind Freya und Elenna.“ Er deutete auf seine Mutter und seine Freundin, die jetzt wütend auf und ab lief. Freya betrachtete den Wächter immer noch misstrauisch.
„Ich heiße Dalaton“, sagte der Wachmann. „Wenn ihr mir keinen Ärger macht, dann mache ich euch auch keinen. Also kein Geschrei mehr, verstanden?“
Er watschelte langsam die Treppe hoch.
„Wo sind wir?“, fragte Elenna. „Das Land ähnelt Avantia sehr, aber alles ist irgendwie verändert und verdreht. Wo ist König Hugo? Und was ist mit Aduro?“
„Ich glaube, sie sind nicht hier“, sagte Tom. „Du hast doch gesehen, wie verwirrt die Wachen waren. Sie haben noch nie von ihnen gehört.“
„Ich wusste, dass es gefährlich ist, durch Portale zu reisen“, sagte Freya. „Wenn zu viele gleichzeitig geöffnet sind, kann die Harmonie der Welten gestört werden und es geschehen seltsame Dinge …“
„Und Avantia heißt jetzt Tavania!“, grübelte Elenna.
„Das ist es ja“, sagte Tom. „Ich glaube nicht, dass das hier Avantia ist. Das ist eine ganz andere Welt.“
Schuld und Wut rumorten in Toms Bauch und ihm wurde übel. „Bin ich schuld an all dem Chaos?“, überlegte er. „Ich bin durch ein Portal von Gwildor nach Kayonia gelangt und dann von Kayonia hierher …“
Tom warf sich gegen die Eisenstäbe und versuchte, sie auseinanderzubiegen. Er zog so fest an ihnen, bis er das Gefühl hatte, seine Sehnen würden reißen. Aber es half nichts. Freya legte eine Hand auf Toms Schulter und er trat schwitzend zurück.
„Sorge dich nicht, mein Sohn“, beruhigte sie ihn. Ihre Rüstung schimmerte schwach im dumpfen Licht. Auch wenn sie hier eingesperrt waren, war Freya immer noch die Herrin der Biester. War Tom so mutig und edel wie sie? „Es kommt wieder alles in Ordnung“, fuhr sie fort.
„Aber wie?“, fragte Tom entmutigt.
„Jedes Königreich braucht einen Helden“, sagte sie. „Auch Tavania.“
Freya hatte recht. Er durfte nicht aufgeben.
„Zuallererst müssen wir hier raus!“, sagte Elenna.
Das Stroh, das zu ihren Füßen lag, wirbelte plötzlich auf, als wäre ein starker Luftstoß in das Verlies geströmt. Eine große, verschwommene Gestalt erschien.
Tom sah sich nach einer Waffe um, aber es gab nichts, womit er sich verteidigen konnte.
Die Gestalt wurde nun klarer. Es war ein Mann, der einen Fingerbreit über dem Boden schwebte. Der lange, weiße Bart erinnerte Tom an Aduro, aber er trug keinen spitzen Zauberhut und auch keinen Umhang, sondern eine Tunika. Seine Kleidung war sehr einfach und verschmutzt. Seine Füße waren nackt und dreckig.
„Wer bist du?“, fragte Tom.
„Ich bin Oradu“, antwortete der Mann. „Der gute Zauberer von Tavania und Ratgeber von König Henri.“
Der Zauberer durchschritt den Raum. Es sah aus, als würde er gegen die Eisenstangen laufen, doch er glitt einfach durch sie hindurch.
„Du bist nicht wirklich hier“, stellte Tom fest. Er musste an das denken, was Malvel gesagt hatte: „In Tavania ist nur Platz für einen einzigen Zauberer!“
Oradu nickte grimmig und sah schnell über seine Schulter. „Ich habe nicht viel Zeit.“
„Wo sind deine richtigen Kleider?“, fragte Elenna.
„Malvel hat mir meine Kräfte geraubt“, erzählte Oradu. „Zusammen mit meiner Zauberkleidung. Solange die Portale geöffnet sind, kann sich Malvel an der dunklen Magie bedienen. Wenn sie nicht geschlossen werden, können weder ich noch der König nach Tavania zurückkehren.“
Tom dachte an Marc, dem ebenfalls die Zauberkraft ausgesaugt worden war. Das Gleiche musste auch Oradu passiert sein, aber wenigstens war er mit dem Leben davongekommen.
„Was können wir tun?“, fragte er.
„Ihr seid durch ein magisches Portal hierhergekommen“, sagte Oradu. „Dadurch wurde das Gleichgewicht des Königreichs gestört. Sechs Biester wurden an Orte verfrachtet, an die sie nicht gehören. Sie sind verwirrt und sehr, sehr gefährlich.“
Tom sah zu Elenna. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte seine eigene Traurigkeit wider. Er wandte sich an Oradu. „Es tut mir leid, dass wir so viele Probleme verursacht haben.“
Oradu lächelte. „Ein echter Held grämt sich nicht wegen seiner Fehler, sondern tut alles dafür, sie zu beheben. Nur du kannst die Biester zurück in ihre Heimat schicken und das Chaos in Tavania beseitigen.“
„Und wenn ich es nicht schaffe?“, fragte Tom.
Oradu blickte ihn niedergeschlagen an. „Dann werden die Portale Tavania auseinanderreißen … wenn die Biester es nicht zuerst tun.“
Tom straffte die Schultern und sah zu Elenna und seiner Mutter.
„Das werde ich nicht zulassen“, sagte er. „Ich habe Malvel aus meinem eigenen Königreich gejagt. Ich werde ihn auch dieses hier nicht zerstören lassen.“
Oradus Gestalt begann zu flimmern, er lächelte. „Ich sehe, dass du ein starkes Herz hast. Ich werde dir helfen, so gut ich kann. Mit jedem Biest, das du rettest, werde ich einen meiner sechs magischen Gegenstände zurückbekommen. Wenn ich alle sechs zurückhabe, werde ich wieder bei vollen Kräften sein. Dann können wir Malvel besie–“
Tom keuchte erschrocken auf, als er schlurfende Schritte näher kommen hörte.
„Was ist das für ein Geplapper da unten?“, rief eine zornige Stimme.
Dalaton kam die Treppe heruntergetrampelt. In einer Hand hielt er ein halb abgekautes Hühnerbein. Elenna eilte zum Gitter, um ihm die Sicht zu versperren.
Doch als sich Tom umdrehte, war Oradu verschwunden.
„Ich hatte euch befohlen, euch ruhig zu verhalten“, sagte Dalaton verärgert. Er biss von seinem Hühnchen ab und kaute geräuschvoll.
Elenna lehnte sich gegen die Gitterstäbe und lächelte ihn strahlend an. „Entschuldigung“, sagte sie mit süßer Stimme. „Wir haben nur versucht, uns ein wenig die Zeit zu vertreiben.“
„Was hat sie vor?“, wunderte sich Tom. „Oradu ist weg. Sie muss den Wärter nicht mehr ablenken.“
Dalaton wischte sich den Mund mit einem schmutzigen Tuch ab und watschelte wieder die Treppe hoch. Elenna drehte sich immer noch lächelnd zu den anderen um. Hinter ihrem Rücken zog sie einen Schlüsselbund hervor und klapperte damit.
„Dalaton ist wirklich kein guter Gefängniswärter. Ich habe ihm heimlich die Schlüssel von seinem Gürtel gestohlen.“
„Elenna!“, rief Tom überrascht. „Du bist genial.“
„Ich wusste gar nicht, dass du eine Meisterdiebin bist“, sagte Freya grinsend.
Elenna steckte den größten Schlüssel ins Schloss. Es machte ein klickendes Geräusch, als sie ihn umdrehte und die Tür öffnete.
Tom fasste neuen Mut und erschauderte vor Aufregung. Eine neue Mission hatte begonnen!