„Und wohin jetzt?“, fragte Elenna, während sie die Steintreppen hochstiegen.
Tom blieb am Treppenabsatz stehen und sah vorsichtig um die Ecke. Dalaton saß zusammengesunken auf einem Stuhl. Er schnarchte. Neben ihm lehnten an der Wand ein Schwert und ein Schild. Der Schild hatte einen abgewetzten Lederbezug und das Schwert war etwas rostig. Im Kampf mit einem Biest würden sie wahrscheinlich nicht lange standhalten, aber vorerst mussten sie genügen.
Tom legte den Finger auf die Lippen und sie schlichen an dem Wärter vorbei. Dalaton schmatzte im Schlaf und murmelte etwas. Tom blieb stehen und wartete, bis der Mann wieder zu schnarchen anfing. Dann griff er nach den Waffen. Freya betrachtete den Wachmann und lächelte.
Silver stand geräuschlos auf, als er sie näher kommen sah. Elenna befreite ihn von dem Strick um seinen Hals und Tom öffnete die Stalltür. Storm schnaubte dankbar.
„Jetzt müssen wir nur noch aus dem Schloss raus“, dachte Tom.
Ein Weg führte vom Stall zur Zugbrücke, aber dort standen Soldaten. Sie mussten sie ablenken. Über dem Wachposten befand sich die rostige Zugkette. Tom deutete darauf.
„Wenn wir die Kette lösen, wird die Brücke aufgehen“, sagte er zu Elenna. „Du und Freya, ihr steigt auf Storm und macht euch bereit, loszureiten – ich übernehme den Rest.“
„Wo ist Freya?“, fragte Elenna.
Tom sah sich um. Seine Mutter war hinter ihnen zurückgeblieben. Er lief zu ihr.
„Wir müssen weg hier“, zischte er ihr zu.
Aber sie schüttelte den Kopf. „Nein. Du und Elenna, ihr müsst allein gehen.“
„Was?“, wisperte Tom. „Ich lasse dich nicht zurück.“
Freya sah Tom sehr ernst an.
„Deine Mission ist es, Tavanias Biestern zu helfen, nach Hause zu finden“, erklärte sie. „Ich muss dem Königreich auf andere Art dienen.“
„Aber …“ Tom war so verwirrt, dass er kaum sprechen konnte. „Ich …“
„Tavania befindet sich in einem schrecklichen Chaos“, sagte sie und drehte sich zu dem schnarchenden Wachmann um. „Es braucht einen eigenen Herrn der Biester.“
Tom folgte ihrem Blick zu dem dicken Mann. „Er?“, fragte er. „Er ist kein Herr der Biester. Er ist nur ein fauler, dicker Wachmann.“
Freya schüttelte den Kopf. „Mein Instinkt sagt mir, dass er Tavanias Held sein könnte. Bisher hat er nur einfach nicht die Chance bekommen, ein Held zu sein.“ Freya wandte sich wieder Tom zu und legte eine Hand auf seine Schulter. „Tom, ich bleibe hier und helfe Dalaton dabei, der Held zu werden, den Tavania verdient hat.“
„Aber … ich habe dich gerade erst gefunden“, sagte Tom.
„Ich weiß, mein Sohn. Aber ich warte hier auf dich, bis du deine Mission erfüllt hast. Versprochen.“
„Ich komme wieder“, sagte Tom leise. Sein Hals wurde plötzlich eng.
Dalaton bewegte sich im Schlaf und Tom hielt die Luft an. Aber der Mann kratzte sich nur an der Nase, ohne die Augen zu öffnen.
„Ich weiß, dass du es schaffen wirst“, sagte Freya. „Viel Glück, mein Sohn!“
Tom ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
An der Stallwand lehnte ein Hammer, den er sich auf die Schulter hievte. Er brauchte etwas, um die Zugbrücke herunterzulassen.
„Bereit?“, fragte er Elenna, die auf Storms Rücken saß.
„Kommt Freya nicht mit?“, fragte sie.
Tom schüttelte den Kopf. „Sie hat ihre eigene Mission“, erwiderte er. „Warte hier.“
Tom stieg eine schmale Treppe auf die Verteidigungsmauer oberhalb der Brücke empor. Von hier aus konnten die Soldaten über den Burggraben blicken.
Tom stellte sich oberhalb der Kettenwinde in Position. Die Kette, die um sie gewickelt war, war so dick wie sein Handgelenk. Er hob den Hammer über den Kopf. „Wenn das nicht funktioniert, sind wir in großen Schwierigkeiten“, dachte er.
Mit aller Kraft schlug er mit dem Hammer auf die Winde. Sie brach krachend auseinander und die Kette wickelte sich ab. Mit lautem Quietschen öffnete sich die Brücke. Die Soldaten erschraken.
„Was ist los?“, schrie einer.
„Eindringlinge auf der Zugbrücke!“, schrie ein anderer.
Über den Lärm ihrer Stimmen hinweg hörte Tom das Donnern von Hufen. Seine Freunde stürmten herbei. Silver lief vorneweg, Elenna galoppierte auf Storm hinter ihm durch das Tor. Als der Hengst auf die Brücke raste, rannten die Soldaten mit gezückten Armbrüsten hinterher.
„Halt! Stehen bleiben!“, brüllten sie.
Tom sprang von der Mauer und landete direkt auf den Soldaten, die zu Boden gingen. Er schnappte sich eine Armbrust und schleuderte die andere in den Burggraben. Dann rannte er hinter seinen Freunden her. Er holte Storm ein, der etwas langsamer wurde, damit Tom hinter Elenna in den Sattel springen konnte.
„Lauf!“, rief er.
Elenna drückte ihre Fersen in Storms Seiten und der Hengst raste über die Felder. Tom warf einen letzten Blick zurück auf die Burgtürme. War es richtig gewesen, Freya dort zu lassen?
„Wenn ich zurückkomme“, versprach er sich selbst, „dann wird Tavania von Malvel befreit sein.“