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Ein versteckter Feind

Als das Schloss bereits außer Sichtweite war, ließ Elenna Storm anhalten und sie stiegen ab. Am Himmel über ihnen funkelten Tausende Sterne. Die Sternbilder sahen genauso aus wie in Avantia. Tom erzählte Elenna von Freyas Entscheidung, zurückzubleiben.

„Du wirst sie bestimmt vermissen“, sagte sie sanft.

Tom nickte. „Aber ihre Aufgabe ist es, Dalaton auf den richtigen Weg zu bringen. Sie ist sich ihrer Sache absolut sicher.“

„Aber wo sollen wir jetzt hin?“, fragte Elenna und schnallte sich die Armbrust um, die Tom den Wachmännern gestohlen hatte. „Wir wissen doch gar nicht, welches das erste Biest ist.“

„Wir werden es schon herausfinden“, erwiderte Tom. „Das tun wir doch immer. Lass uns …“

Er verstummte, als er spürte, dass Elenna sich im Sattel kerzengerade aufrichtete. Beide hörten ein merkwürdiges, tiefes Brummen hinter ihnen. Toms Hand wanderte zu seinem neuen Schwert, das er im Verlies gefunden hatte – waren sie in Gefahr?

Als er sich umdrehte, sah er einen seltsamen, goldenen Schimmer, der aus Storms Satteltasche drang. Tom lehnte sich zur Seite, öffnete die Tasche und griff hinein. Seine Hand schloss sich um etwas, das sich wie ein kleines Buch anfühlte. Allerdings war es so kalt wie Metall. Er zog es vorsichtig heraus und keuchte auf. Es war eine goldene Tafel! Sie war etwa so groß wie seine Handfläche und hatte eine Schließklappe auf der Vorderseite. Er schob die Klappe zurück und mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tafel. Da bemerkte Tom, dass sie sich weiter aufklappen ließ. Er faltete die Tafel immer weiter auf, bis er beide Hände brauchte, um sie zu halten. In die Oberfläche war eine Landkarte eingraviert.

„Es ist eine Karte“, sagte Elenna mit großen Augen.

Tom lächelte. „Oradu muss seine letzte verbliebene Magie benutzt haben, um sie uns zu geben“, überlegte er.

Das Land auf der Karte sah genauso aus wie Avantia. Im Norden lagen Berge und Eisfelder, im Süden ein Fluss und im Osten ein Vulkan. Auch der Palast war eingezeichnet und an der Stelle, wo sonst sein Heimatdorf Errinel lag, war ebenfalls ein Dorf. Doch die Namen waren vollkommen anders. Tom richtete seinen Blick auf den unteren Rand der Karte, wo eines der Portale markiert war. Es wirbelte wie ein Tornado in der Luft. Statt der Roten Wüste, die er aus Avantia kannte, gab es hier eine Purpurwüste. Neben dem Portal erschien ein Name in goldenen Buchstaben: Convol.

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„Malvel hat gesagt, dass die Biester durch die Portale gefallen sind“, meinte Elenna. „Convol muss der Erste sein, dem wir uns stellen müssen. Ich frage mich, was für ein Biest er ist.“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, erwiderte Tom und sah über die Schulter zurück zum Schloss, aus dem sie geflohen waren. „Lass uns weiterreiten, bevor Malvel seine Soldaten nach uns schickt.“

Tom trieb Storm an und sie ritten in einem weiten Bogen um das Schloss herum. Er staunte, wie sehr ihn alles an Avantia erinnerte. Doch auch wenn sich die Landschaft ähnelte, ein Blick nach oben zeigte ihm, dass dieser Ort nicht seine Heimat war. Die Glaskuppel über ihnen verbreitete ein unheimliches Licht und die Wolken spiegelten sich darin.

Als sie ans Ufer des Südflusses kamen, war weit und breit keine Brücke zu sehen. Tom suchte nach einer seichten Stelle und fand schließlich eine schmale Furt.

„Wir sollten haltmachen und etwas trinken“, sagte er. „In der Wüste wird es sicher heiß und knochentrocken werden.“

Silver begann zu trinken und Storm senkte den Kopf ebenfalls ins Wasser. Tom wusch sich den Schmutz aus dem Gesicht.

„Ein heißes Bad wäre jetzt traumhaft“, sagte Elenna und spritzte mit Wasser nach ihm.

„Ja, stimmt“, erwiderte Tom.

Er hielt seinen Kopf dicht über das Wasser und versuchte, den gröbsten Dreck aus seinen Haaren zu waschen. Er schrubbte sich gerade hinter den Ohren, als Storm plötzlich wieherte. Tom sah, dass der Hengst vom Ufer zurückwich.

„Was ist los?“, fragte Tom alarmiert.

Elenna keuchte. „Tom, der Fluss …“

Er drehte sich um und sah das Wasser blubbern, als würde es kochen. Wie aus dem Nichts schossen zwei Wasserarme heraus und wanden sich um Toms Brust.

Immer mehr Wassertentakel erhoben sich aus dem Fluss. Einer von ihnen wickelte sich um Toms Hals und drückte zu. Ein anderer Tentakel wand sich mit saugendem Griff um seinen Knöchel.

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„Hilf mir!“, rief er mit erstickter Stimme.

Elenna eilte zu ihm und versuchte, den Wassertentakel von seinem Hals zu lösen, aber ihre Finger glitten einfach durch das Wasser hindurch. Eine neue Wassersäule schoss aus dem Fluss und wickelte sich um ihre Hüfte. Sie schrie auf und Tom musste hilflos zusehen, wie seine Freundin ins Wasser gezogen wurde. Ihre Stimme verstummte gluckernd. Silver rannte zum Flussufer und heulte laut. Storm wich zurück, als schäumende Wellen zu ihm hochwogten. Das Wasser rauschte und Elenna wurde von der schnellen Strömung fortgerissen.

„Nein!“, schrie Tom. Er streckte eine Hand aus, doch Elenna war schon zu weit flussabwärts getrieben.

Tom wurde plötzlich schwarz vor Augen und er spürte, dass er bald ohnmächtig werden würde. Er hörte auf, gegen das Wasser anzukämpfen, und zog stattdessen sein neues Schwert. Er holte aus und hieb nach einem der Wassertentakel. Der Arm zog sich zurück und Tom fiel auf die Knie. Es gelang ihm gerade noch, nicht kopfüber in das wirbelnde Wasser zu fallen. Doch dann bildete sich in den Wellen eine riesige Faust, die nach ihm ausholte. Tom rollte sich blitzschnell zur Seite und die Faust donnerte gegen das Ufer. Das war Malvels Werk!

Elenna ruderte panisch mit den Armen, während sie weiter flussabwärts getrieben wurde. Silver folgte ihr heulend am Ufer entlang.

„Wenn ich sie nicht bald erreiche, wird sie ertrinken“, dachte Tom.