image

Spur der Zerstörung

Tom griff nach Storms Zügel und versuchte, seinen aufgebrachten Hengst zu beruhigen.

„Ich brauche dich“, sagte er. Dann schwang er sich in den Sattel und drückte mit den Fersen zu. Storm raste los und stürmte am Ufer entlang.

Elennas Arme fuchtelten Hilfe suchend durch die Luft. Die Strömung zerrte stark an ihr. Weiter vorne entdeckte Tom plötzlich scharfe Felsen, die gefährlich aus dem Wasser ragten.

Endlich holten sie Elenna ein und Tom löste mit einer Hand den Schild auf seinem Rücken. Er richtete sich in den Steigbügeln auf. Elennas Kopf erschien über der Wasseroberfläche und sie schnappte keuchend nach Luft.

„Elenna!“, rief er, so laut er konnte. „Fang!“

Sie drehte sich zu ihm um und Tom warf ihr den Schild zu. Er drehte sich in der Luft und landete in den tosenden Wellen direkt vor Elenna. Sie streckte den Arm aus und ihre Finger umklammerten das Holz.

image

Hustend und spuckend paddelte Elenna mit den Füßen. Mithilfe des Schilds gelang es ihr, ans Ufer zu schwimmen. Sie steuerte auf Tom und Storm zu.

„Danke!“, rief sie.

Tom ritt noch ein Stück näher, dann stieg er ab und legte sich flach auf den Bauch ans Ufer. Silver tauchte neben ihm auf.

„Hierher!“, rief Tom und streckte die Hände nach seiner Freundin aus.

Als Elenna nah genug war, griff er nach ihren Fingern und zog. Doch das wirbelnde Wasser folgte ihr und hielt sie fest. Ihre Lippen waren schon blau vor Kälte. Tom zog, so fest er konnte, aber die Magie, die sie gefangen hielt, war zu stark. Silver versuchte zu helfen und zog mit den Zähnen an Elennas Ärmel. Schließlich gelang es Tom und dem Wolf, sie mit einem gewaltigen Ruck ans Ufer zu hieven.

Schwach und zitternd vor Kälte kroch sie vom Wasser weg. Tom sank neben ihr zu Boden.

„Das war knapp“, keuchte sie. Ihre Zähne klapperten und sie schlang die Arme um sich. Nervös sah sie zum Fluss. „Was war das? Der Fluss war wie lebendig.“

„Das war Malvel“, sagte Tom grimmig. „Seine Magie ist schuld daran, dass sich das Land gegen uns wendet.“

Sie mussten von nun an sehr wachsam sein. In Tavania gab es nicht nur Biester, die ihnen gefährlich werden konnten.

image

Tom sah zum Himmel hoch. Vor ihm ausgebreitet lag die goldene Karte. Die Nacht brach schon herein, aber er wollte noch nicht rasten.

„Wir sollten weiterreiten“, sagte er. „Wenn wir die Purpurwüste noch vor Sonnenaufgang erreichen, können wir vielleicht noch gegen das Biest kämpfen, solange es kühl ist.“

Elenna nickte. Sie wrangen das Wasser aus ihren Kleidern und benutzten ihre Decken, um sich abzutrocknen. Silver schüttelte sich und Wassertropfen flogen aus seinem dicken Fell in alle Richtungen.

Tom faltete die Karte zusammen und sie stiegen in den Sattel. „Je schneller wir von diesem Fluss fortkommen, desto besser“, sagte Elenna schaudernd.

Sie ritten durch die Dunkelheit über leere Felder, bis sie eine warme Brise aus südlicher Richtung spürten. Feine Sandkörner flogen durch die Luft.

„Wir müssen ganz in der Nähe der Wüste sein“, dachte Tom.

Sterne waren nicht zu sehen, aber das Mondlicht erhellte die Landschaft. Mühsam suchte Storm sich einen Weg zwischen dem langen Gras und den Dünen. Für Silver war das Gehen leichter.

Sie begegneten niemandem. Die Gegend war vollkommen verlassen.

„Sieh mal!“, rief Elenna plötzlich.

Tom lenkte Storm in die Richtung, in die sie deutete, und entdeckte einen Kaktus, dessen Kopf abgerissen war. Vier tiefe Furchen durchzogen seinen Körper, die nur von Klauen stammen konnten.

„Das Biest ist hier gewesen“, murmelte Tom. Convol musste dicke Haut haben, wenn ihm die langen Kaktusstacheln nichts ausmachten. Tom gab seinem Hengst die Sporen und sie ritten weiter durch die Wüste.

Plötzlich stießen sie auf einen Pferdekadaver. Sein Bauch war vorne aufgerissen und überall surrten Fliegen herum. Tom zog angewidert seine Tunika über die Nase, um sich vor dem Gestank zu schützen.

image

„Ich glaube, das ist ein Maultier“, sagte Elenna und hielt ihre Nase ebenfalls zu.

Tom wurde übel. Auf dem Hals des toten Tieres waren die gleichen Krallenspuren zu sehen, wie zuvor auf dem Kaktus, nur dass diese hier blutverschmiert waren. Er lenkte Storm weg. „Wir müssen Convol finden, bevor er noch mehr Tiere verletzt – oder Menschen“, sagte er.

Bald darauf entdeckte er in der Ferne etwas, das aussah wie Strohhütten. Er ließ Storm im Schritt weitergehen. Als sie näher kamen, erkannte Tom Dutzende kuppelartige, einstöckige Gebäude, die um einen zentralen Platz angeordnet waren.

„Es ist eine Siedlung“, stellte Elenna fest.

Tom nickte. „Vielleicht können uns die Leute hier sagen, wo wir Convol finden.“

Doch als sie das Dorf betraten, fanden sie auch hier eine Spur der Verwüstung vor. Tom sah zwei umgeworfene Marktkarren zwischen den Häusern. Die Planen waren zerrissen.

„Convol ist hier gewesen“, sagte Elenna.

Tom schluckte. Hieß das, dass alle Bewohner das gleiche Schicksal ereilt hatte, wie das Maultier?

Hinter ihm ertönte ein Geräusch und ein faustgroßer Stein landete vor ihm auf dem Boden. Ein zweiter Stein flog durch die Luft und traf Storm in die Seite. Der Hengst schnaubte verärgert und buckelte. Tom und Elenna wurden aus dem Sattel geschleudert.

Tom landete hart auf dem Boden, doch er kam schnell wieder auf die Füße. Er drehte sich um und spähte durch die Lücken zwischen den Häusern. Elenna stellte sich mit gezückter Armbrust breitbeinig hin.

Im dunklen Türeingang eines Hauses entdeckte Tom das Glitzern eines Augenpaares. Jemand – oder etwas – beobachtete sie.

Tom zog sein Schwert und richtete die Spitze auf den Fremden.

„Zeig dich!“, rief er herausfordernd.