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Der Wüstendämon

Ein kleiner Junge kam heraus. Seine Beine und Arme waren sehr dünn und seine Wangen eingefallen. Tom war sofort klar, dass er hungerte. Seine Lippen waren trocken und rissig.

„Tut mir leid wegen deinem Pferd“, sagte der Junge nervös. Seine Augen fielen auf Toms Schwert. „Bist du ein Ritter oder so etwas? Bist du hier, um gegen das Monster zu kämpfen?“

Monster? Das konnte nur eines bedeuten.

Tom senkte seine Waffe und Elenna tat es ihm gleich.

„Erzähl uns, was du gesehen hast. Wie hat das Monster ausgesehen?“

Der Junge blinzelte angstvoll in die Dunkelheit. „Das Monster sah aus wie eine Echse. Die größte Echse, die ich je gesehen habe. Sie war bestimmt dreißig Schritte lang und hatte Zähne so groß wie deine Hand. Die Riesenechse hat unser Dorf angegriffen.“

„Und wo sind die anderen Dorfbewohner?“, fragte Elenna.

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Tränen stiegen dem Jungen in die Augen, die im Mondlicht silbern schimmerten. „Wir brauchen Wasser“, sagte er. „Aber das gibt es nur in der Oase, die das Monster bewacht. Die anderen sind losgezogen, um nach einer anderen Wasserquelle zu suchen.“ Er machte eine Pause und wischte sich die Tränen weg. „Ich weiß nicht, ob sie wiederkommen werden.“

Tom legte den Arm um die Schultern des Jungen. „Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Wir sind jetzt da.“

„Werdet ihr das Monster verjagen?“, fragte der Junge und schniefte.

„Ich werde mein Bestes geben“, versprach Tom. „In welcher Richtung liegt die Oase?“

Der Junge deutete hinter die Häuser. Tom konnte im Dunkeln nichts erkennen. „Es gibt drei große Dünen, die wie Pyramiden aussehen. Die Oase liegt hinter der mittleren.“

„Dann gehen wir dorthin“, sagte Tom entschlossen.

Das Gesicht des Jungen leuchtete auf. „Wartet!“, sagte er und rannte ins Haus.

Tom ging ein paar Schritte näher an das Gebäude heran. Im kleinen Vorgarten wuchsen Pflanzen, doch sie waren verdörrt und braun. Die Erde war aufgewühlt, als ob eine Rinderherde hindurchgetrampelt wäre.

„Wir müssen das Biest unbedingt aufhalten“, flüsterte er Elenna zu.

Der Junge kam mit zwei Umhängen aus dem Haus geeilt. „In der Wüste wird es sehr heiß“, sagte er. „Die hier werden euch vor der Sonne schützen.“

Tom spürte eine Welle der Dankbarkeit in sich aufsteigen. Auch wenn sie in einem seltsamen neuen Königreich waren, bedeutete das nicht, dass die Menschen hier ihre Feinde waren. Unsicher betrachtete der Junge Elenna, als sie den Umhang umlegte. „Wirst du auch gegen das Monster kämpfen? Du bist doch ein Mädchen.“

Elenna runzelte die Stirn und verschränkte empört die Arme, aber Tom lächelte. „Sie ist das mutigste Mädchen, das ich kenne“, sagte er.

„Viel Glück“, wünschte der Junge ihm. „Du wirst ihren Mut brauchen.“

Sie gaben dem Jungen eine ihrer Wasserflaschen und verließen, eingewickelt in ihre Umhänge, das Dorf. Über den Horizont krochen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Weit vor ihnen erstreckte sich die Wüste. Als die Sonne am Himmel emporstieg, wurde es immer wärmer und der Horizont verschwamm in der Hitze zu einer flirrenden Linie. Tom kniff die Augen zusammen und schützte sie mit der Hand, um etwas sehen zu können. Elenna deutete durch den Hitzedunst auf drei nebeneinanderliegende Dünen.

„Das muss die Stelle sein, die der Junge beschrieben hat“, sagte sie.

Sie ritten auf die mittlere Düne zu. Der Hengst hatte Mühe, die Düne zu erklimmen, da der Sand unter seinen Hufen nachgab. Auch Silver hechelte vor Anstrengung. Tom und Elenna teilten sich die letzten Tropfen aus ihrer Wasserflasche.

„Wir brauchen schnell neues Wasser“, sagte Tom. „Sonst werden wir verdursten.“

Sie erreichten die Spitze der Düne und spähten in die Ferne. Die Wüste erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Die Oase lag nicht weit entfernt. Sie war eine grüne Insel inmitten des goldenen Sandes.

Das geöffnete Portal schwebte über ihr wie ein wütend aufgerissener Mund.

„Aber wo ist das Biest?“, dachte Tom. „Es muss sich in der Oase verstecken.“

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Tom lenkte Storm im Zickzack die Düne hinunter und auf die Oase zu. Er konnte das Wasser sehen und Storm begann zu traben, so sehr freute er sich auf das Trinken.

Sie kamen an das Ufer des Wüstensees und Storm senkte sofort den Kopf. Silver trank neben ihm. Die Wasseroberfläche war glatt wie ein Spiegel.

„Was, wenn Malvel auch hier das Wasser verzaubert hat?“, fragte Elenna.

Tom sah sich aufmerksam um, ob Convol über den Sand herangejagt kam, doch er konnte nichts entdecken.

„Lass uns die Flasche auffüllen und einen Platz finden, um zu warten“, sagte er.

Als er sich über das Wasser beugte, traf ihn die Hitze wie ein Schlag. Er fragte sich, wie lange sie es hier aushalten würden.

Plötzlich bemerkte Tom, dass sich das Wasser bewegte. Eine kleine Welle schwappte über das Ufer.

Tom hob misstrauisch den Kopf. Doch er konnte im See nichts entdecken. Aber irgendetwas musste die Welle verursacht haben.

„Elenna …“, sagte er.

Ein Schwanz, gespickt mit scharfen Stacheln, durchbrach die Wasseroberfläche, gefolgt von einem grünbraunen Körper mit dicker, warzenbesetzter Haut. Tom lenkte Storm schnell fort vom Ufer. Nun tauchte auch der Kopf des Biests aus dem Wasser auf.

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Tom griff nach dem Schild, aber gegen solch einen riesigen Gegner würde er ihm wohl wenig nützen. Das riesige Monster öffnete seine lange Schnauze und brüllte so laut, dass sogar die Pflanzen um sie herum erbebten.

Das erste Biest von Tavania war da!