image

Ein Akt der Gnade

Convol blinzelte benommen und sah zu Tom hoch. Die Wut in seinem Blick war verschwunden, der Hass war weg. Durch die Kraft des roten Juwels an seinem Gürtel – den er nach dem Sieg über Torgor, den Minotaurus, bekommen hatte – spürte Tom die Angst des Biests.

Und er wusste, dass er Convol nicht töten konnte.

Tom senkte sein Schwert und trat zurück. Elenna stand mit vor Staunen aufgerissenem Mund da, doch sie sah nicht zu Tom. Ihre Augen waren zum Himmel auf das magische Portal gerichtet. Tom sah ebenfalls nach oben.

Das Portal wurde immer größer und verschlang bald einen Großteil des Himmels. Tom bekam Panik. Hatte er etwas falsch gemacht? Würde Tavania jetzt zerstört werden? Die Ränder des Portals leuchteten blau, dann rot und schließlich orange.

Convol brüllte und Tom stolperte rückwärts. Plötzlich kam ein stürmischer Wind auf. Er erfasste den schweren Körper des Biests und ließ ihn langsam nach oben schweben. Tom starrte dem Biest hinterher, während es in Richtung des Portals gezogen wurde.

Doch Convol schien keine Angst zu haben. Er flog höher und höher und wurde schließlich mit einem lauten Wusch! in das Portal gesaugt. Einen Herzschlag nachdem das Biest verschwunden war, schloss sich das Portal wie eine blitzschnell heilende Wunde.

Plötzlich wurde der Himmel schwarz und alles wurde in Dunkelheit getaucht. Es war, als wäre die Sonne ausgeknipst worden. Dann blinkte sie grell leuchtend wieder auf. Das Portal war verschwunden.

„Er ist nach Hause zurückgekehrt“, sagte Tom staunend.

Elenna stieg von Storms Rücken und rannte zu ihm, dicht gefolgt von Silver.

„Wir haben es geschafft!“, jubelte sie. „Und du musstest das Biest gar nicht töten!“

„Ich bin so froh“, sagte Tom erleichtert. Da bemerkte er plötzlich etwas in der Luft. Es flog direkt auf sie zu, er konnte jedoch nicht erkennen, was es war.

„Ist das ein Vogel?“, fragte Elenna und kniff die Augen zusammen.

„Ich glaube nicht“, erwiderte Tom. „Dafür ist es zu groß.“

Das Ding kam näher und Tom erkannte nun, dass es aus rotem Stoff mit goldenem Muster bestand.

„Es ist der Umhang des Zauberers!“, rief Elenna.

Der Stoff flatterte zu Boden. Doch statt auf dem Sand zu landen, schwebte der Umhang weiterhin in der Luft. Es sah aus, als ob ein unsichtbarer Mann ihn tragen würde.

Im hellen Wüstenlicht konnte Tom nun den Umriss einer Gestalt erkennen.

„Oradu!“, rief Elenna.

„Seid gegrüßt, Freunde aus Avantia“, sagte der Zauberer. „Ich sehe, das Königreich Tavania ist in guten Händen.“

„Aber … Ihr seid hier? Wie ist das möglich?“, fragte Tom verwundert.

„Ich bin hier und bin es doch nicht“, erklärte Oradu. „Im Moment bin ich nur ein Schatten. Doch jedes Mal, wenn du ein Biest zurück nach Hause schickst, wird meine Aura stärker werden.“

„Aura?“, fragte Elenna.

„Malvel hat mir meine Zauberkraft gestohlen“, sagte Oradu traurig. „Doch mit jedem erlösten Biest kehrt sie wieder ein Stück zurück.“

„Und wenn wir alle sechs Biester nach Hause gebracht haben, wirst du deine Kräfte vollständig zurückbekommen?“, fragte Tom.

„Das ist richtig, Tom“, antwortete der Zauberer. „Erst dann werde ich genug Kraft haben, um den bösen Magier zu besiegen.“

„Dann werden wir nicht ruhen, bis wir die Mission beendet haben“, sagte Tom entschlossen. „Malvel darf nicht auf dem Thron bleiben.“

Oradu nickte. „Ihr werdet mehr brauchen als nur Kampfgeist, junge Freunde. Weitere fünf Biester warten auf eure Hilfe. Das nächste Biest ist ein Wesen aus Feuer und Wut. Seid ihr bereit?“

Tom wechselte einen Blick mit Elenna. Sie straffte die Schultern und nickte.

„Wir sind immer bereit“, sagte Tom.

Oradu lächelte. „Dann wünsche ich euch gutes Gelingen.“

Mit diesen Worten verschwand der Umriss und der rote Umhang fiel zu Boden. Dann faltete er sich zusammen und flog wie ein Schmetterling auf Storm zu, dessen Satteltasche sich wie von Zauberhand öffnete. Der Umhang verschwand darin.

„Sieht so aus, als ob Oradu uns auf unserem Weg begleiten wird“, sagte Tom lächelnd.

„Schau mal, Tom!“, rief Elenna plötzlich.

Tom drehte sich um und bemerkte, dass sie nicht mehr allein waren. Eine Reihe Gesichter beobachtete sie über die Düne hinweg. Frauen und Männer in langen Umhängen. Ganz vorne stand der Junge aus dem Dorf. Er winkte ihnen zu und Jubelrufe ertönten.

„Kommt her!“, rief Tom den Leuten zu. „Die Oase ist wieder sicher!“

Die Männer und Frauen liefen fröhlich auf das Wasser zu. Tom begriff, wie wichtig die Mission war. Egal wie hart es auch werden würde, er würde seine Aufgabe erfüllen.

„Komm“, sagte er zu Elenna und wandte sich der Wüste zu. „Wir haben gerade erst angefangen.“

image