19.

Dem Navi zufolge lag das Therapiezentrum einige Kilometer südlich von Charlottenberg, unweit der norwegischen Grenze. John bog von der Landstraße ab und kroch mit dem Seat über kurvige Wege bis nach Björkbacken.

Das Anwesen war von einer hohen Steinmauer umgeben, und John musste sich an einer Gegensprechanlage neben zwei schwarzen Eisentoren anmelden. Das Hauptgebäude war schön gelegen, auf einer Anhöhe mit Ausblick auf den See, einem eigenen Sandstrand und einem Badesteg. Er nahm an, dass es sich um einen ehemaligen Gutshof handelte, der inzwischen als Zufluchtsort für schwierige Töchter reicher Eltern diente. Die Fassade war in einem Gelbton gestrichen und hatte weiße Ecken, Fensterrahmen und Balken aus geschnitztem Holz. Zu beiden Seiten des Hauses befanden sich kleinere Wirtschaftsgebäude, in denen wahrscheinlich die Patientinnen untergebracht waren. Oder die Gäste. John wusste nicht, welcher Begriff die Beziehung der eingewiesenen Mädchen zu Björkbacken treffender beschrieb.

Er parkte auf dem Vorplatz neben einer breiten Veranda mit gekuppelten Fenstern. Als er hineinging, nickte er zwei Mädchen zu, die auf der Steintreppe saßen und Backgammon spielten. In der Eingangshalle wurde er von einem etwa fünfzigjährigen Mann empfangen. Das musste der Leiter der Einrichtung sein.

»Fredrik Adamsson, Polizei«, sagte John und streckte die Hand aus.

Der Mann gab ihm die rechte Hand, während er sich mit der linken an den Hals fasste. »Willkommen, ich bin Torsten Andreasson, ich leite diese Institution«, sagte eine künstliche, roboterartige Stimme.

John begriff, dass der Mann keine Stimmbänder hatte und einen Stimmengenerator benutzte, um sprechen zu können.

»Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«

Der Leiter nickte und bat John, ihm ins Büro zu folgen.

»Schön ist es hier«, sagte John, als sie sich einander gegenüber an den Schreibtisch gesetzt hatten.

»Das Anwesen gehört seit vier Generationen meiner Familie. Als die Landwirtschaft nicht mehr rentabel war, habe ich einen Teil des Landes verkauft und Björkbacken aufgebaut. Es ist eine gute Umgebung für die Mädchen. Die Gartenarbeit ist ein ebenso wichtiger Bestandteil der Behandlung wie die Gesprächstherapie.«

Obwohl er das Ding im Hals brauchte, um Worte hervorzubringen, schien ihm das Reden keine Mühe zu bereiten. Es dauerte nur ein wenig länger.

»Ich arbeite an einem alten Fall und versuche, eine Verbindung zwischen zwei Mädchen zu finden. Meine Vermutung ist, dass beide hier in Behandlung waren«, sagte John.

Der Leiter führte erneut die Hand an den Hals. »Warum glauben Sie das?«

»Von dem einem Mädchen weiß ich mit Sicherheit, dass es hier untergebracht war, und das andere wäre mit seinem Hintergrund auch eine geeignete Kandidatin für Björkbacken.«

Als John die vollständigen Namen der Mädchen erwähnte – Emelie Bjurwall und Kirsten Winckler – blickte der Mann auf. »Das ist doch die AckWe-Tochter, oder?«

»Ja, das stimmt.«

»Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie die Ermittlungen wieder aufgenommen haben. Das muss ja mindestens sieben oder acht Jahre her sein.«

»Zehn Jahre sogar«, sagte John. »Wir rollen den Fall noch einmal unvoreingenommen auf. Ich nehme an, Sie führen eine Kartei mit allen, die hier behandelt worden sind.«

Der Leiter sah unsicher aus. »Ich weiß nicht«, sagte er.

»Sie wissen nicht, ob Sie eine Kartei haben?«

»Doch, natürlich haben wir eine. Aber ich weiß nicht, ob ich die Informationen an Sie weitergeben darf. Wir unterstehen der Schweigepflicht. Die Familien wollen nicht an die große Glocke hängen, dass ihre Töchter sich hier aufgehalten haben.«

John stellte fest, dass der Pflegeapparat hier genauso auskunftsfreudig war wie in den USA. Es war nicht das erste Mal, dass jemand ihm gegenüber mit der Geheimhaltungspflicht argumentierte.

»Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es sich um ein sehr schweres Verbrechen handelt«, sagte er und warf dem Mann mit der Roboterstimme einen strengen Blick zu. »Eine junge Frau wurde entführt und höchstwahrscheinlich vergewaltigt und getötet.«

»Ich verstehe das. Aber ich muss trotzdem juristischen Rat einholen, bevor ich sensible Daten herausgebe.«

John stand auf und ging zu der Bücherwand an der einen Seite des Raumes. Sie war voll mit dicken Wälzern über Psychologie und Soziologie. Auf einer Ablage war es jedoch anders. Dort stand eine Sammlung weißer Bücher mit simplen Jahreszahlen auf den Rücken. John ging davon aus, dass es sich um Jahresbücher mit Berichten über die Aktivitäten in Björkbacken handelte, und zog das von 2007 heraus – jenem Jahr, in dem Emelie Bjurwall in das Therapiezentrum eingewiesen worden war.

»Warten Sie mal, Sie haben kein Recht, sich das anzusehen«, sagte der Leiter.

Vermutlich vermisste er in solchen Situationen seine normale Stimme. Die künstliche Hilfe in seinem Hals hatte ihre Grenzen, was die Lautstärke betraf.

»Die Polizei an der Ausführung ihrer Arbeit zu hindern ist keine gute Strategie. Das kann zu etlichen Problemen führen«, sagte John und vertraute darauf, dass sich Torsten Andreasson den Rest selbst zusammenreimte. Eine Einrichtung wie diese hier sollte darauf bedacht sein, gute Beziehungen zur Polizei und zu anderen Behörden zu pflegen.

Der Leiter stand auf und stellte sich neben ihn vor die Bücherwand, wagte es aber nicht, seinem Besucher das Buch aus der Hand zu nehmen. John blätterte darin. Es enthielt lauter Bilder von jungen Frauen, die im Garten arbeiteten, auf dem See paddelten und gemeinsam kochten. Die Texte waren allgemein formuliert und enthielten keine Namen. Trotzdem hatte John keine Probleme, Emelie Bjurwall zu erkennen. Sie tauchte gleich mehrmals auf und schien aktiv am Alltag in Björkbacken teilgenommen zu haben. Auf einem der Fotos sah man sie auf einer Waldlichtung, umgeben von zwei anderen Mädchen im selben Alter. Der Text darunter lautete: Unser Trio weiß, wie man ein Zelt aufstellt.

»Wer sind die drei?«, fragte er und deutete auf die Mädchen.

Der Leiter wirkte müde. Er kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich wieder auf den Sessel sinken. John ging ihm nach und legte ihm das aufgeschlagene Buch vor die Nase.

»Ist eines der Mädchen Kirsten Winckler? Es würde uns viel Mühe ersparen, wenn Sie einfach auf meine Fragen antworten.«

Der Mann beugte sich vor und nickte dann langsam.

»Das ist sie, nicht wahr?«, sagte John und deutete auf das Mädchen rechts von Emelie. Er glaubte es von den Obduktionsfotos wiederzuerkennen.

Ein weiteres Kopfnicken des Mannes.

»Und das andere Mädchen, wer ist das?«

Der Leiter führte die Hand zum Hals. »Ich erinnere mich nicht.«

John musterte ihn schweigend. Kleine Schweißperlen standen auf der Stirn des Mannes, und sein Blick flackerte. Ganz offenkundig versuchte Torsten Andreasson aus irgendeinem Grund, etwas zu verschleiern.

»Sie erinnern sich an Kirsten Winckler, aber nicht an das andere Mädchen?«, sagte John.

»Genau.«

»Warum lügen Sie mich an?«

»Ich lüge nicht. Im Laufe der Jahre waren hier so viele Mädchen. Es ist unmöglich, alle Namen …«

Weiter kam er nicht. John schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »So ein Quatsch! Sie wissen haargenau, wer das Mädchen ist, und wenn Sie es mir nicht sofort sagen, haben Sie bald eine Klage wegen Behinderung der Polizeiarbeit am Hals. Verstehen Sie, was ich meine?«

Der Leiter saß wie festgefroren und mit weit aufgerissenen Augen da. Doch schließlich nickte er kaum merklich und schluckte angestrengt.

John tippte mit dem Zeigefinger auf das Foto und senkte die Stimme. »Dann frage ich noch einmal – wer ist sie?«

»Sie heißt Matilda«, krächzte die metallische Stimme.

»Matilda und wie weiter?«, sagte John.

»Jacoby. Sie heißt Matilda Jacoby. Die drei Mädchen waren ständig zusammen unterwegs. Wenn man nach der einen suchte, fand man immer alle drei.«

»Das Trio«, sagte John und stellte fest, dass sich der Mann viel besser an den Aufenthalt der Mädchen erinnerte, als er vorgab. »Hatte Emelie während ihrer Zeit hier noch mit jemand anderem Kontakt?«

»Natürlich. Alle, die für einen längeren Zeitraum hier sind, werden irgendwie zu Freundinnen. Zu lernen, wie man zusammenarbeitet und in einer Gruppe funktioniert, ist ein wichtiger Teil der Behandlung.«

»Verstehe«, sagte John. »Aber ich meine eine besondere Verbindung, die so eng war, dass sie danach vielleicht noch weiterging.«

»Außer mit Kirsten und Matilda?«

»Ja, genau.«

Torsten Andreasson schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht.«

»Gab es niemanden mit dem Namen Maja?«, fragte John und dachte an das Mädchen von Magnus Aglins Party.

»Nicht dass ich wüsste. Ich glaube, wir hatten noch nie ein Mädchen mit diesem Namen hier.«

Es klopfte an der Tür, und eine Frau schaute herein. Sie erinnerte den Leiter daran, dass er ein Treffen mit den Eltern einer Patientin hatte und die Besucher auf der Terrasse warteten. Torsten Andreasson blickte zu John und breitete die Arme aus, als wolle er sagen, dass er nicht mehr für ihn tun könne.

»Nur noch eine letzte Frage«, sagte John. »Wissen Sie, wie ich Matilda Jacoby erreichen kann?«

Der Mann griff wieder an den Stimmengenerator. »Leider nicht, die Mädchen wurden alle drei gleichzeitig entlassen, und ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.«

»Okay«, sagte John. Ohne um Erlaubnis zu bitten, riss er das Foto aus dem Buch. Dann stand er auf und ging zur Tür.

Als er auf die Terrasse trat, steckte er das Foto in die Tasche und nickte dem Paar zu, das auf den Leiter wartete. Er nahm an, dass ihnen der Wagen gehörte – das neueste Modell eines Mercedes Benz SUV –, der vor seinem Seat auf dem Hof parkte. Im direkten Vergleich sahen sie aus wie eine Luxusjacht und eine Optimistenjolle. Er hoffte, niemand würde mitbekommen, dass er den Seat fuhr. Doch als er den Schlüssel umdrehte und die Handbremse löste, hallte plötzlich ein lautes Quietschen zwischen den Gebäuden wider. Es dauerte eine Millisekunde, bis John klar wurde, dass das Geräusch von seinem Getriebe verursacht wurde, weil er versucht hatte, den Gang einzulegen, ohne die Kupplung durchzudrücken. Das Paar auf der Terrasse blickte erschrocken auf, und der Mann ging besorgt ein paar Schritte in Johns Richtung. Die beiden Mädchen mit dem Backgammonbrett, die John auf dem Hinweg gesehen hatte, schauten sich an und lachten.

»Was ist daran verdammt noch mal lustig?«, hörte er sich selbst fluchen.

Er versuchte erneut, den Rückwärtsgang einzulegen, und ließ die Kupplung kommen. Der Schleifpunkt kam schneller, als er gedacht hatte. Das Auto machte einen Satz rückwärts und wäre um ein Haar in die Veranda gekracht.

Die Mädchen schlugen die Hände vor den Mund und lachten noch lauter.

John drückte das Gaspedal durch und fuhr so schnell davon, dass der Kies hinter ihm in alle Richtungen spritzte.

Auf dem Weg zurück nach Karlstad wünschte John, der Leiter hätte ihm einen Kaffee angeboten, aber vielleicht war er zu barsch gewesen, um solche Höflichkeiten verdient zu haben. Er hielt an einem Kiosk, um sich selbst einen Becher zu besorgen. XXL. Gegen die Motorhaube gelehnt genoss er das Gefühl, wie sich das Koffein in seinem Körper ausbreitete.

Der Abstecher nach Björkbacken hatte sich definitiv gelohnt. Er hatte nicht nur die Bestätigung bekommen, dass Emelie Bjurwall und Kirsten Winckler sich kannten, sondern auch erfahren, dass ein weiteres Mädchen in ihrer Gruppe gewesen war. John wollte Matilda Jacoby so schnell wie möglich finden. Vielleicht konnte sie etwas über Emelie erzählen, das ein neues Licht auf ihr Verschwinden werfen würde. Falls sie noch lebte. Zwei Mitglieder des Trios waren auf tragische Weise gestorben, und John befürchtete, dass dem dritten Mädchen etwas Ähnliches widerfahren war. In was für eine Geschichte war er da hineingeraten? Hatte Kirsten Winckler vielleicht doch nicht Selbstmord begangen? Ging dieser Fall weit über Emelie Bjurwalls Verschwinden hinaus, oder hatte John nur eine zu lebhafte Fantasie?

Er öffnete die hintere Wagentür und holte den Laptop heraus. An den polizeilichen Server mit den Ermittlungen kam er von hier nicht heran, aber er konnte im Einwohnerregister nachsehen, dafür brauchte er nur eine Internetverbindung. Bereits in Baltimore hatte er sich mit einigen öffentlichen Datenbanken vertraut gemacht, die in Schweden für jedermann zugänglich waren.

Er verband den Computer per Hotspot mit seinem Handy. Kurz darauf war er im System und konnte nach Matilda Jacoby suchen. Er war froh, dass der Name so ungewöhnlich war. Die Trefferanzahl dürfte begrenzt sein.

Er wartete, während sich der Mauspfeil in eine Sanduhr verwandelte und die Suche fortschritt. Nach ein paar Sekunden tauchte die Liste mit Treffern auf dem Bildschirm auf. Es gab drei Matilda Jacobys in Schweden, aber nur eine, die in den Achtzigern geboren war. Die beiden anderen waren schon lange in Rente und ganz sicher nicht in Björkbacken gewesen.

Er klickte auf den richtigen Namen und erhielt sämtliche Adressen, unter denen die junge Frau jemals gemeldet gewesen war. Die erste war eine Wohnung in Hallonbergen am Rande von Stockholm. Den Jahreszahlen nach zu urteilen war sie dort aufgewachsen. Dann gab es zwei kurze Zeiträume in anderen Wohnungen in Vororten von Stockholm, bevor sie sich 2008 mit einer Adresse in Charlottenberg gemeldet hatte.

John schaute noch einmal hin.

Ja, er hatte richtig gelesen.

Matilda Jacoby war in Charlottenberg als Einwohnerin gemeldet.

Sein Kaffee war kalt geworden. Er kippte den letzten Rest hinunter und suchte auf Google nach der Adresse. Sie lag nur wenige Kilometer von dem Therapiezentrum entfernt.

Mit wachsendem Interesse prüfte er, ob es öffentliche Register über Grundstückseigentümer in Schweden gab, und sein Heimatland enttäuschte ihn nicht. In einem langen Beitrag auf einer Seite namens Flashback schrieb ein Mann, der sich Watchdog73 nannte, wie man am besten eine Exfreundin ausspionierte. Es gab einen Link zum Eigentümerregister und nützliche Hinweise darüber, welche Informationen verfügbar waren und wie man danach suchte.

John bedankte sich insgeheim bei dem Knallkopf und klickte weiter. Er gab die Adresse ein und wartete. Offenbar war diese Datenbank noch mit einer älteren Technik erstellt worden. Die Sanduhr drehte sich eine gefühlte Ewigkeit, bis der Computer das Ergebnis ausspuckte. Aber als es endlich kam, zog er die Augenbrauen hoch.

Torsten Andreasson.

Der Wohnsitz, an dem Matilda Jacoby gemeldet war, gehörte dem Leiter von Björkbacken. Jenem Mann, der ihm vorhin ins Gesicht gelogen hatte, dass er nicht wisse, was aus dem Mädchen nach dem Aufenthalt im Therapiezentrum geworden war.

John warf den leeren Kaffeebecher weg, stieg in den Wagen und raste zurück nach Charlottenberg. Am liebsten hätte er die schwarzen Torbögen durchbrochen, den stimmbandlosen Heini gegen die Wand gepresst und ihn gefragt, warum er einen Polizisten angelogen hatte. Aber nachdem er sich beruhigt und ein wenig nachgedacht hatte, entschied er, zuerst zu der Adresse aus dem Melderegister zu fahren. Falls Matilda Jacoby sich dort befand, wollte er dem Leiter keine Chance lassen, mit ihr zu reden, bevor er es selbst getan hatte.

Das Haus, das er suchte, lag in einem Gehölz hinter einer scharfen Kurve an der Straße, die nach Björkbacken führte. John war heute schon zweimal daran vorbeigefahren. Er bremste hart und musste ein paar Meter rückwärts fahren, um auf den Schotterweg biegen zu können, der zu dem Gebäude führte.

Dies war das genau Gegenteil vom eleganten und gepflegten Björkbacken. Mehrere Dachziegel waren heruntergestürzt und lagen zerbrochen im hohen Gras. Zwei der Fenster, die zur Straße zeigten, waren mit Spanplatten vernagelt, deren ursprüngliche Farbe nur schwer zu erkennen war.

Er stellte den Motor ab und ging zur Eingangstür. Es dämmerte, und die Bäume mit den dichten Wipfeln an der Grundstücksgrenze blockierten die letzten Sonnenstrahlen. Dass hier jemand wohnte, hielt er für unwahrscheinlich. Trotzdem klopfte er ein paarmal, bevor er die Klinke herunterdrückte. Die Tür war abgeschlossen, aber in einem so schlechten Zustand, dass ein kräftiger Ruck ausreichen würde, um sie zu öffnen. Er zog fest daran und wäre beinahe nach hinten umgefallen, als das Schloss und das Blech nachgaben, mit dem es an dem morschen Rahmen befestigt war.

Nachdem er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, blickte er sich um. Er befand sich in einer Diele mit einem Teppich auf dem Boden und einer nackten Glühlampe an der Decke. Unter der Hutablage lag etwas, das wie Rattenkot aussah, und an einem einsamen Kleiderhaken hing eine blaue Strickjacke.

Er trat ein und zog die Tür so gut es ging hinter sich zu. Rechts ging es in eine geräumige Küche mit einem Klapptisch und vier verschiedenen Stühlen. Entlang der Wand verlief eine niedrige Arbeitsplatte, in die eine Spüle, ein Herd und eine Kühl- und Gefrierkombination eingebaut waren. Er kniete sich hin, um einen Blick darunter zu werfen, und sah, dass die Geräte nicht angeschlossen waren.

Hinter der Küche lag das einstige Dienstmädchenzimmer. Es war mit einem Feldbett, einem Hocker, der als Nachttisch diente, und einem großen Schrank aus unbehandeltem Holz ausgestattet.

John ging wieder in die Küche, blieb aber wie angewurzelt stehen, als er eine Gestalt im Garten entdeckte. Unter einem der Bäume stand jemand und blickte zum Haus. Erst als der Mann aus dem Laubwerk hervortrat, konnte John sein Gesicht erkennen. Es war der Leiter von Björkbacken.

Die beiden Männer ließen sich am Klapptisch in der Küche nieder.

Torsten Andreasson griff sich an den Hals und aktivierte den Stimmengenerator. »Ich dachte mir schon, dass Sie hier sein würden.«

»Warum dachten Sie das?«

»Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Es war dumm von mir, Sie anzulügen.«

»Dumm, weil es herausgekommen ist, oder dumm, weil sie eine polizeiliche Ermittlung behindert haben?« John blickte den Leiter so lange an, bis der die Augen niederschlug.

»Sowohl als auch«, sagte er. »Ich mag Matilda und wollte ihr helfen. Sie hatte keinen Ort, wohin sie gehen konnte, als die anderen Mädchen nach Hause gefahren sind. Deshalb durfte sie hier wohnen, das Haus stand ohnehin leer.«

»Warum haben Sie mir das nicht erzählt?«

»Den Patienten privat zu helfen, verstößt gegen die Vorschriften. Als Therapeut muss man eine gewisse Distanz wahren. Wenn herauskäme, dass ich ein Mädchen von Björkbacken in einem Haus wohnen ließ, das mir gehört, wäre das schlecht für meinen Ruf und auch für den der Einrichtung.«

»Hatte sie keine Eltern, die sie unterstützen konnten?«, fragte John.

»Nein. Die meisten jungen Frauen bei uns stammen aus Familien mit viel Geld. Ihnen wurde immer alles auf dem Silbertablett serviert, trotzdem schneiden sie sich die Pulsadern auf und landen in der Notaufnahme. Bei Matilda war es anders.«

»Inwiefern anders?«

»Sie konnte sich Björkbacken eigentlich nicht leisten. Ich habe einen Freund, der Sozialarbeiter in Stockholm ist. Er rief mich an und fragte, ob ich ein Mädchen zum einfachen kommunalen Tagessatz aufnehmen könne. Das mache ich manchmal bei Härtefällen. Außerdem finde ich, dass es den Prinzessinnen hier draußen guttut, Gleichaltrige mit anderen Erfahrungen kennenzulernen.«

Der Leiter nahm die Hand vom Hals und schien eine Weile durchatmen zu wollen. Vielleicht war das Sprechen doch anstrengender für ihn, als John anfangs gedacht hatte.

»Und Matilda hatte andere Erfahrungen?«, fragte er, um den Mann zu ermuntern weiterzuerzählen.

»Ja, das kann man wohl laut sagen. Ihre Mutter war eine alleinerziehende Alkoholikerin aus einem Vorort von Stockholm. Schon früh polizeibekannt, weil sie in Läden klaute, später kamen Drogenbesitz und Einbrüche hinzu. In einem normalen Therapiezentrum ist so eine Geschichte alltäglich, hier ganz und gar nicht, und vielleicht brachte sie die eine oder andere junge Frau dazu, das zu schätzen, was sie im Leben hat. Verstehen Sie mich nicht falsch, es kann einem auch schlecht gehen, wenn man reich ist, und ich habe großes Mitgefühl mit all unseren Patientinnen. Aber es schadet nicht zu begreifen, dass die Welt ganz anders aussehen kann.«

»Wie lange war sie hier?«

Der Leiter wirkte auf einmal bekümmert. »Nach ihrer Entlassung blieb sie nur ein paar Wochen, dann wurde ihr das Leben im Wald zu langweilig. Irgendwann waren ihre Koffer weg und das Haus leer. Mir war klar, dass sie nach Stockholm zurückgegangen war und wieder abrutschen würde.«

»Und sie kam nie mehr zurück?«, fragte John.

»Doch, nach einem halben Jahr ungefähr. Eines Abends sah ich Licht in einem der Fenster und klopfte. Sie war in einem erbärmlichen Zustand und fragte mich, ob sie während ihres Entzugs hierbleiben könnte. Ich erlaubte es ihr. Sie wollte ein neues Leben anfangen, weit weg von ihren Freunden in Stockholm.«

»Haben Sie ihr das abgenommen?«

»In dem Moment hat sie es sicher ernst gemeint. Aber ich habe zu oft gesehen, wie Drogen wirken. Manche Mädchen kommen nie davon los, und Matilda gehört leider auch dazu.«

»Also ist sie wieder abgehauen?«

»Ja, und ein paar Monate später kam sie erneut zurück. Und so geht das seit zehn Jahren. Sie hat ihren eigenen Schlüssel und kommt und geht, wie sie will. Ein- oder zweimal im Jahr ist sie da. Sie benimmt sich immer gut, wenn sie hier wohnt, und ich fülle den Kühlschrank, damit sie sich sattessen kann.«

»Wann war sie das letzte Mal hier?«

Der Leiter dachte nach. »Irgendwann im letzten Herbst. Wir hatten Björkbacken noch nicht für Weihnachten geschmückt, aber es wurde abends trotzdem schon sehr früh dunkel. Vielleicht im Oktober. Oder im November.«

John zögerte vor der nächsten Frage, die jedes Mal gestellt werden musste, wenn sich ein Mann mittleren Alters fürsorglich um eine junge Frau kümmerte. »Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Matilda beschreiben?«

Der Leiter fuhr mit der Hand an den Stimmengenerator. »Verstehen Sie jetzt, warum ich Ihnen vorhin nichts gesagt habe? Matilda war eine Patientin, und ich wollte ihr helfen, mehr nicht.«

John fand, dass sein Engagement echt wirkte, aber er hatte gelernt, sich nicht ausschließlich auf seine Intuition zu verlassen. Er würde sofort nach seiner Rückkehr im Polizeirevier überprüfen, ob Torsten Andreasson im Zusammenhang mit sexueller Belästigung im Register auftauchte.

»Wissen Sie, wo sie sich jetzt aufhält? Ich muss Kontakt zu ihr aufnehmen.«

Der Leiter blickte aus dem Fenster. »Das wird nicht leicht. Ihre Mutter ist inzwischen gestorben, und Matilda will mir nicht sagen, wo sie in Stockholm wohnt. Ich weiß nicht einmal, ob sie einen festen Wohnsitz hat, sie ist ja immer noch hier gemeldet. So haben Sie auch hergefunden, stimmt’s?«

John nickte. »Was ist mit der Post?«, fragte er. »Wenn sie hier gemeldet ist, muss sie ja manchmal Briefe bekommen. Von Behörden und so, meine ich.«

»Ja, nicht oft, aber ab und zu landet etwas im Briefkasten. Ich habe alles aufgehoben. Ich gebe es ihr jedes Mal, wenn sie kommt – und wenn sie wieder fährt, lässt sie den Stapel auf dem Küchentisch liegen.« Andreasson lächelte über die Tragikomik des Rituals.

»Ich würde gerne einen Blick darauf werfen«, sagte John. »Vielleicht ist etwas dabei, was uns hilft, sie zu finden.«

»Ich dachte mir, dass es Sie interessieren würde«, antwortete der Leiter und ging nach draußen zu seinem Fahrrad. Als er zurückkam, hielt er eine Plastiktüte in der Hand und reichte sie John. »Das ist alles – in Plastikheftern sortiert, einer für jedes Jahr.«

John stellte fest, dass er es diesmal mit einem viel kooperationswilligeren Torsten Andreasson zu tun hatte. Vielleicht waren die Briefe eine Wiedergutmachung für das Lügen und Zurückhalten wichtiger Informationen.

»Sollte Matilda auftauchen, rufen Sie mich bitte umgehend an«, sagte er und nahm die Tüte.

Der Leiter versprach es, und John beschloss, ihm zu vertrauen. Der Mann wirkte nicht, als würde er sich trauen, ihn noch einmal hinters Licht zu führen.