Samantha
Ich kenne ihn
Shannon und ich hatten den Tag mit ihrer Mutter in Los Angeles verbracht und kamen spät am Abend zurück, nachdem wir geshoppt, zu Abend gegessen und einen Film angeschaut hatten. Es schien alles in Ordnung zu sein, bis ich durch die Tür zu meinem Haus trat und meine Mutter auf mich zukam wie eine Kugel aus einer Pistole.
„Oh, mein Gott.“ Ich zuckte zurück und schlug gegen die Wand hinter mir. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Warum war ich nicht auf der Hut gewesen? Normalerweise öffnete ich die Tür einen Spalt und spähte zuerst hinein, doch mein Tag war so leicht und locker gewesen, dass ich die geladene Waffe in meinem Haus vergessen hatte.
„Wo bist du gewesen?“, kreischte sie und kam direkt auf mich zu.
Ich wich ihr aus, an diesen Tagen erlaubte ich meiner Mutter nicht, die Oberhand zu gewinnen. Sie schien zu verstehen, dass ich stärker war als je zuvor und dass die Tage der körperlichen Tyrannei vorbei waren. Sie konnte mich mit ihren Worten angreifen, doch ihre Fäuste würden mich nie wieder
berühren.
„Ich habe dir gesagt, dass ich mit Shannon ausgehen würde. Das hast du gewusst.“
Der Fernseher dröhnte im Wohnzimmer und ich sah in ihr besorgtes Gesicht. „Tja, ich habe mir gedacht, du würdest unter diesen Umständen früher nach Hause kommen.“
„Unter diesen Umständen?“, fragte ich. „Wovon redest du?“
Da klingelte mein Handy. Ich sah nach – es war Shannon. Ich hatte sie gerade noch gesehen. Was konnte sie nur drei Minuten später von mir wollen? Ich ignorierte ihren Anruf. Es klingelte erneut.
„Hast du eine Ahnung, was da draußen los ist? Da läuft ein Verrückter frei herum! Und was hat meine Tochter getan – ist herumgelatscht wie eine Hure?“
Wenn sie es nur wüsste.
Soweit meine Mutter wusste, war ich so rein wie an dem Tag, an dem ich geboren wurde, also waren diese Beleidigungen als Rufmord gedacht und nichts weiter.
„Warte. Wovon redest du da, ein Verrückter?“
Mein Handy klingelte erneut. Shannon. Jetzt machte ich mir ein wenig Sorgen, aber ich wusste, dass meine Mutter ausrasten würde, wenn ich unsere kleine Schrei-Session für einen persönlichen Anruf unterbrechen würde. Erneut ignorierte ich es.
„Der Kidnapper?“ Ihre Stimme erreichte das höchste Crescendo. „Wie kannst du das nicht wissen? Ehrlich gesagt, Samantha, bin ich überrascht, dass du nicht selbst irgendwo in einem Graben liegst.“
Sie war zu freundlich. Meine Mutter hatte schon immer einen bestimmten Umgang mit Worten. Aber ich war zu sehr an den Details dieses Verrückten interessiert, um auf sie loszugehen. „Welcher Kidnapper? Wovon redest du?“
„Der Junge, Samantha, der vor ein paar Stunden hier in unserer Kleinstadt von der Straße weggeschnappt wurde. Es
ist überall in den Nachrichten.“
Im Wohnzimmer sah ich, dass im Fernsehen eine Pressekonferenz stattfand, und ich überging die Berichterstattung meiner Mutter, um mir ein genaueres Bild von den Profis zu machen. Eine Reihe von Reportern feuerte Fragen an den verantwortlichen Kommissar ab.
Da sie nicht wollte, dass meine Informationen von irgendjemandem außer ihr kamen, trat meine Mutter vor den Fernseher und erzählte hastig die Details. „Es ist direkt die Straße runter passiert, in diesem Gewerbegebiet bei Jenkins. Dreizehn Jahre alt. Er war mit seinem Bruder auf dem Skateboard unterwegs und irgendein Typ hat ihn einfach geschnappt. Ich bin mir sicher, dass er inzwischen tot ist.“
Ich bekämpfte den Drang, meine Mutter für ihre Gefühllosigkeit zu beschimpfen, als ein Bild auf dem Bildschirm aufblitzte und ich einen Schritt zurücktrat. Der entführte Junge … er sah aus wie Keith, aber er war es nicht. Ich blinzelte entsetzt.
„Was … wie heißt er?“
„Wer?“
„Der gekidnappte Junge! Sein Name?“ Ich erhob meine Stimme über ein akzeptables Maß hinaus und machte mich auf ihren Zorn gefasst, doch meine Mutter schien zu fassungslos über meinen Ausbruch zu sein, um aufs Stichwort zu kontern.
„Jake McKallister.“
Das Gewicht einer Monsterwelle haute mich um und ich stolperte rückwärts und konnte mich gerade noch davor bewahren, über den Couchtisch zu kippen. Mein Handy klingelte erneut. Shannon. Das war der Grund, warum sie angerufen hatte. Sie wusste bereits, was passiert war. Tränen sammelten sich in meinen Wimpern und bereiteten sich darauf vor, mein Gesicht hinunterzulaufen. Keith
.
„Samantha!“ Die schrille Stimme meiner Mutter platzte in meine Gedanken. „Was um alles in der Welt ist los mit dir? Du
siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
„Bist du sicher?“, flüsterte ich, als schwarze Punkte durch meine Sicht wirbelten und drohten, mich zu Fall zu bringen. „Der Name. Bist du dir sicher mit dem Namen?“
„Ja. Wie ich schon gesagt habe, es steht überall in den Nachrichten. Was ist in dich gefahren?“
„Ich … ich kenne ihn.“
„Du kennst den entführten Jungen?“, fragte sie, schockiert von der Wendung der Ereignisse. „Woher?“
„Ich meine, nicht ihn. Ich kenne seinen Bruder. Aus der Schule.“
Doch in gewisser Weise kannte ich Jake, weil Keith ständig von ihm sprach. Ich wusste von seinen musikalischen Talenten. Keith schwor, dass er eines Tages ein Rockstar werden würde. Ich wusste, dass er der Bruder war, der Keith am nächsten stand und dass er sich manchmal seiner Hingabe unwürdig fühlte. Ich wusste diese Dinge, denn es gab Momente auf diesen Brettern, wenn wir auf dem Meer dümpelten, in denen wir Wahrheiten austauschten. Wenn das, was meine Mutter sagte, der Wahrheit entsprach, hatte Keith gerade seinen Sullivan verloren.
Mein erster Anruf ging an Shannon, um das zu bestätigen, wovon ich hoffte, dass es falsch war. Der zweite ging an Keith. Als er unbeantwortet blieb, stützte ich meine zitternden Hände auf den Küchentisch und schluckte die Angst hinunter – für Jake und für Keith. Dies war vor mehreren Stunden passiert, aber er hatte sich nicht bei mir gemeldet. Nicht ein einziges Mal. Wir redeten den ganzen Tag, jeden Tag, manchmal sogar bis spät in die Nacht. Wenn Keith mich deswegen nicht kontaktierte, war er entweder körperlich nicht in der Lage oder, schlimmer noch, er hatte sich geistig bereits
abgemeldet. Ich musste zu ihm gelangen.
Trotz der Tatsache, dass es bereits nach meiner Sperrstunde war, schnappte ich mir meine Autoschlüssel und sprintete zur Tür. Ich ließ die inbrünstigen Proteste meiner Mutter hinter mir zurück und konzentrierte mich nur noch darauf, zu Keith zu gelangen, bevor er etwas tat, was er nicht mehr rückgängig machen konnte. Ich betete, dass meine Angst unangebracht war, doch Keith hatte mehr pharmazeutische Leichen im Keller, als andere wussten. In jenen Wochen vor seiner Entscheidung, dieses ganze Leben hinter sich zu lassen, hatte Keith nicht nur Gras geraucht, sondern auch Pillen geschluckt und geschnupft. Wäre er nicht zum rechten Zeitpunkt ausgestiegen, hätten die Dinge sehr weit außer Kontrolle geraten können.
Doch jetzt, nur wenige Monate nachdem er diesem Leben entkommen war, wurde seine Nüchternheit auf die schlimmste Art und Weise getestet und ich war mir nicht sicher, ob er die Disziplin besaß, um nicht durchzudrehen.
Ich war nur noch einen Block von Keiths Haus entfernt, als mir klar wurde, dass ich nicht mit dem Auto dorthin kommen würde. Zwei Polizeiautos blockierten die Einfahrt zu seiner Straße, was mich dazu zwang, zu parken und das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Was ich sah, als ich ankam, ließ mich zusammenzucken. Eine Reihe von dunklen, unmarkierten Fahrzeugen, gemischt mit Streifenwagen. Reporter. Lichter. Und Geschrei – so viel Geschrei.
Ein paar Häuser weiter kam ich zum Stehen, als ein Schwall aus Eis meine Adern gefrieren ließ. Eine Frau, von der ich nur annehmen konnte, dass sie Keiths Mutter war, heulte irgendwo in seinem Haus. Ich war mit diesem Laut vertraut. Ich hatte in der Nacht, in der ich von Sullivan erfahren hatte, den gleichen Refrain geschluchzt. Ich erinnerte mich daran, als wäre es gestern gewesen: dieser schrecklich persönliche Moment, in dem die Wahrheit mit einem ekelerregenden Knall
durchgesickert war.
Hatte die Traurigkeit bereits Keiths Herz umklammert? Würde mein süßer, alberner Surferboy jemals wieder derselbe sein, nachdem er die schrecklichen Folgen einer Tragödie erlitten hatte? Keith war in diesem Haus und er brauchte mich. Ich drängte mich durch die Menge nach vorne.
„Miss, ich muss Sie bitten, zurückzutreten“, sagte ein junger Beamter und trieb mich weg. Er war kaum ein paar Jahre älter als ich und sah aus, als würde er die Uniform seines Vaters tragen. „Niemand kommt hier durch, wenn Sie keinen Wohnsitznachweis haben.“
„Nein. Ich wohne hier nicht. Ich bin nur … der Vermisste ist der Bruder von meinem Freund.“
Mir entging nicht das Zusammenzucken, das ihn überkam. Vielleicht würde er mit mehr Jahren im Job sein Pokerface entwickeln, doch im Moment sah der Beamte genauso entsetzt aus, wie ich mich fühlte.
Wusste er etwas, was ich nicht wusste? War es das, was er so unauffällig zu verbergen versuchte? Ein Keuchen entkam meiner Kehle. „Oh Gott, Jake ist doch nicht tot, oder?“
Der Beamte wandte seine Aufmerksamkeit dem Haus zu, bevor er den Kopf wieder zu mir drehte. „Ich weiß es nicht, Miss, aber er wünscht sich wahrscheinlich, er wäre es.“