5. Kapitel
S
onntag ist reine Wartezeit. Trotz der schlechten Nacht bin ich voller nervöser Energie. Halbherzig räume ich die Küche auf, dann sehe ich in den Kühlschrank. Der ist peinlich leer. Man gewöhnt sich daran, Familienpackungen Saft und Pasta in den Einkaufswagen zu packen, aber es ist beängstigend, wie schnell man damit endet, sich nur noch von Rührei und welkendem Salat zu ernähren. Mit einem Mal ärgere ich mich über mich selbst – was ist, wenn sie zurückkommt, was würde sie von alldem halten? –, also hole ich meinen Autoschlüssel.
Auf dem Weg ins Dorf rufe ich Dad über die Freisprechanlage an.
»Ich habe Neuigkeiten, über Sophie …«
»Haben Sie sie gefunden?«
Die Leichtigkeit seiner Stimme lässt mich zusammenzucken.
»Nein, das nicht. Aber ich habe gestern bei der Hotline einen Anruf entgegengenommen. Sie war es, da bin ich sicher.«
Schnell erzähle ich ihm das Wesentliche.
Wie immer ist er vorsichtig und genau, fragt mich, wie lange der Anruf gedauert hat, um wie viel Uhr er kam, was die Polizei dazu sagt.
»Und die Leitung … gab es da eine Verzögerung?«
»Ich bin nicht sicher«, erwidere ich. »Es war eine schreckliche Verbindung. Lauter Rauschen und Knacken.«
Er zögert.
»Aber das ist doch gut, nicht wahr? Du sagst, Menschen rufen bei der Hotline an … dafür gibt es sie. Sie suchen Kontakt. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.«
»Ja«, antworte ich. »Es ist nur … ich mache mir Sorgen. Sie klang … gar nicht wie sie selbst.«
Ich will nicht erzählen, was sie wohl am Ende über das Abbrechen des Kontakts gesagt hat, wie der Anruf sowohl meine Hoffnung neu entflammt hat, aber auch Ängste geweckt. Ich vergesse, wie alt er ist. Aber auf das, was dann kommt, bin ich nicht vorbereitet.
»Katie, dieser Anruf … ich verstehe, dass du aufgeregt bist …«
»Aufgeregt würde ich das nicht nennen, Dad.«
Das bringt ihn nicht aus dem Konzept.
»Aber was, wenn … wenn es nicht das ist, was du denkst?«
»Du glaubst, ich irre mich? Dass Sophie nicht angerufen hat?«
Er bleibt ruhig.
»Nein, nein, das denke ich nicht. Aber was, wenn … vielleicht hast du sie falsch verstanden? Du hast selbst gesagt, die Verbindung war schlecht. Kannst du dir wirklich sicher sein – Hand aufs Herz! –, dass es Sophie war? Dass es nicht ein anderes junges Mädchen war, das wegen seiner Eltern angerufen hat? Und weil du dir so sehr gewünscht hast, von ihr zu hören …«
Ich kann es nicht fassen.
»Ich bilde mir das nicht ein. Sie hat meinen Namen gesagt, und Marks. Das hat sie, sie hat meinen Namen gesagt.«
Meine Stimme wird höher, ich weiß, wie das klingt.
»Okay.« Er hört sich traurig an. »Aber selbst dann. Ich möchte nur nicht, dass du … dass du dich verrennst, selbst wenn es Sophie war. Es ist schon eine lange Zeit ohne Sophie, und jetzt ist auch Mark weg. Du bist ganz allein in dem großen Haus. Ich weiß nicht, ob du dich genug um dich selbst kümmerst.«
Mir gefällt es nicht, wenn er so ist. Es ist besser, wenn er mir erzählt, was er aus dem Baumarkt geholt hat oder ein wenig Tratsch aus dem Bridge-Klub. Seit Mum gestorben ist, hat Dad sich gut gefangen, dabei war er durch den Verlust seiner lachenden, überschwänglichen Frau plötzlich ruderlos. Wegen der vorsichtigen Erwähnungen seiner »neuen Freundin Trish« im Klub nehme ich an, dass er jetzt einen weiteren Schritt vorwärts getan hat, und ich bin froh, dass er sich ein neues Leben aufbaut. Das einzige Problem ist, dass er sich von mir das Gleiche wünscht.
»Und was macht Clive so, gibt es Neuigkeiten aus dem Klub?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.
»Er ist damit beschäftigt, mit seinem neuen Auto anzugeben. Walnussholz im Armaturenbrett, sehr chic.«
Clive mit dem ziemlich orange gefärbten Haar ist wohl in den Fängen einer Nach-Midlife-Crisis und genießt jeden Moment.
Aber Dad lässt sich nicht ablenken.
»Nun, bitte sorg dich nicht so sehr, wenn du das schaffst. Es klingt gut, wirklich. Sag mir Bescheid, sobald du was von der Polizei hörst.« Eine Pause. »Hast du mit deiner Schwester gesprochen?«
Ich versuche, meine Stimme locker klingen zu lassen: »Nein, ich habe sie noch nicht erreicht.«
»Ich werde am Sonntag wieder zum Mittagessen hingehen. Natürlich wärst du uns willkommen, das weißt du. Die Jungs würden sich so freuen, dich wiederzusehen, sie sind schon so erwachsen.«
»Bitte mach mir keine Schuldgefühle wegen meiner Neffen, Dad, nicht ausgerechnet jetzt.«
»Ruf sie einfach an. Wenn es passt.«
»Ich versuche es. Aber du kannst ihr ja von Sophies Anruf berichten, wenn du sie siehst. Ich muss jetzt los.« Noch eine Lüge. »Bis bald.«
»Tschüss, Sweetie.«
Verrenn dich nicht.
Die Gedanken wirbeln durch meinen Kopf, während ich über den Parkplatz gehe. Der heiße Asphalt riecht auf seine ganz eigene Art – Sophie hat das geliebt. Wenn Dad nur wüsste, wohin sich mein Geist treiben lassen konnte. Ich weiß, was mit Mädchen passiert, die auf der Straße leben, ich kenne die Geschichten nur zu gut. Drogen, Männer, falsche Entscheidungen. Und dann werden diese Entscheidungen immer schlimmer, für Geld, um zu überleben.
Aber nicht meine Sophie. Darüber werde ich nicht nachdenken, denn ich habe mir angewöhnt, nicht in diesen dunklen Abgrund der Möglichkeiten zu stürzen. Solange sie redet, verständlich, und anruft, könnte es schlimmer sein, versuche ich mich selbst zu überzeugen. Viel schlimmer.
Sie lebt. Sie hat mich angerufen. Sie versucht, in Kontakt zu kommen. Über mehr muss ich nicht nachdenken.
Heute werde ich Hühnchen kaufen und mir einen ordentlichen Braten machen. Früher habe ich leckere, sorgfältig gekochte Mahlzeiten für uns drei zubereitet, die Rezepte aus den oft benutzten Kochbüchern von Jamie Oliver und Nigella Lawson.
Aber ich habe es noch nicht mal zur Hälfte durch die Gemüseabteilung geschafft, da sehe ich das gesträhnte Haar. Darum habe ich aufgehört, hier am Wochenende einzukaufen. Sofort drehe ich mich um und gehe Richtung Ausgang.
»Kate! Kate! Bist du das?«
Zu spät. Ich hebe die Augenbrauen, setze ein Lächeln auf und wende mich ihr zu.
»Ellen, hi. Wie geht es dir?«
Ich hoffe, meine Betonung kann als Enthusiasmus ausgelegt werden.
»Ach, du weißt schon, beschäftigt wie immer. Ich habe dich ja seit einer Ewigkeit
nicht gesehen. Wie geht es dir?«
»Gut, danke. Wie geht es deiner Familie, und …«, ich zermartere mein Gehirn nach den Namen, »… den Jungs?«
»Denen geht es super. Neil hatte gerade Prüfungen, und wir warten hoffnungsfroh auf die Ergebnisse, aber er hat so viel gearbeitet. Es hat ihm so Spaß gemacht.«
Lächelnd nicke ich. Vor meinem geistigen Auge erscheint kein Bild von ihm. Sie legt den Kopf unsicher auf die Seite.
»Und du?«
»Alles ist in Ordnung, danke. Ich beschäftige mich schon.«
Ich wünschte, ich hätte Make-up aufgetragen und mein Haar nicht nur zum üblichen Pferdeschwanz zusammengebunden.
»Oh, wirklich?«
»Mhm, ich bin immer noch bei der gemeinnützigen Organisation. Ich arbeite bei der Hotline.«
Es ist keine richtige Lüge. Ich behaupte ja nicht, Vollzeit dort zu sein. Oder bezahlt zu werden.
»Weißt du«, erwidert sie vorsichtig, »ich engagiere mich viel im Tennisklub, so die soziale Seite mit ein wenig Spendensammeln. Du solltest mal mitkommen. Wie wäre es mit Donnerstagabend?«
Ich kenne die Leute, und ich hatte in den Monaten danach mehr als genug von denen.
»Vielen Dank«, erwidere ich fröhlich. »Ich muss mal in den Kalender schauen.«
Nicht fröhlich genug. Ellens Mund wird zu einer schmalen Linie.
»Mach das.«
Damit schiebt sie ihren Einkaufswagen an, mehr um eine Show abzuziehen, als um irgendwohin zu gehen.
»Ich will dir nur helfen. Es ist nur … du da draußen, in dem großen Haus. Lindsey macht sich große Sorgen, weißt du?«, fügt sie hinzu, wobei sie den Kopf senkt und mich von unten bedeutungsschwanger ansieht.
Ein Lachen bricht aus mir heraus.
»Lindsey? Aber sicher doch.«
Ich erinnere mich an Lindsey Brookland, mit ihren gebleichten Zähnen und der engen, grellen Sportkleidung, in den Wochen, als ich noch versuchte, so weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Sie hatte mich auf der Post gestellt.
»Und du hast wirklich keine Ahnung,
wohin sie gegangen sein könnte? Es gab keine Anzeichen, dass sie unglücklich
war?«
Der Funkeln des Jagdinstinkts in ihren Augen verriet ihre Gedanken: So was passiert Leuten wie uns nicht. Nicht, wenn man es richtig macht. Schon vorher konnte ich Lindsey nicht leiden.
Und dann, eines Tages, hatte ich es verstanden, als wir auf ein Sommergetränk zum Klub gegangen waren, weil Mark meinte, es würde uns guttun. Ich ging nach draußen, einfach nur, um all den Fragen zu entkommen, dem Gewicht der Neugier und Besorgnis anderer Menschen zu entfliehen. Als ich wieder reinkam, sah ich sie in der Ecke des Zimmers. Etwas in der Art, wie sie beieinanderstanden, die Köpfe nah zusammen.
Und so wusste ich jetzt: Sie war es.
Ich hatte nie genau gefragt, bei wem er in der Nacht von Sophies Verschwinden gewesen war. Weil ich dann etwas deswegen hätte unternehmen müssen, und mir mangelte es noch an Energie. Vermutlich hatte ich angenommen, es wäre irgendeine junge, beeindruckte Frau aus dem Büro. Passierte nicht genau das, wenn ein Ehemann so viel arbeitete? Aber nein, er hatte sich die Zeit für die geschiedene Blondine aus dem Tennisklub genommen. Was für ein Klischee!
»Natürlich macht sie sich Sorgen«, reißt Ellen mich zurück in die Gegenwart. »Würdest du das nicht erwarten?«
Ellen, mit ihrem Gespür für soziales Geflecht, kreist immer um die lokale Bienenkönigin. Mir fällt dazu nichts ein.
»Eigentlich nicht.«
Daraufhin öffnet Ellen den Mund und schließt ihn wieder.
»Nun, ich muss los«, erklärt sie schnell. »Heute kommt Besuch zum Abendessen, und es ist so voll hier drin, nicht wahr? Warum ich das auf den letzten Drücker mache, weiß ich auch nicht!« Ihr Hals verfärbt sich rosa. »Genug geredet. Aber denk über Donnerstag nach …«
Sie ist nervös, versucht, ihren Einkaufswagen wegzuschieben.
»Ellen«, sage ich und lege die Hand auf ihren Wagen. »Warum soll ich erwarten, dass Lindsey sich Sorgen um mich macht?«
Schon bevor sie es ausspricht, weiß ich, was sie sagen wird. Aber ich zwinge sie dennoch.
Ihre Schultern sinken ab, sie hebt die Hand zum Mund. Schon immer hatte sie eine Schwäche für das Dramatische.
»Oh, Katie«, erwidert sie. »Ich dachte wirklich, du wüsstest es. Sie und Mark … nun, ihr beide seid jetzt getrennt, schon eine ganze Weile.« Sie wirft mir einen schüchternen Blick durch ihre Wimpern zu. »Es ist doch ganz normal, dass er … er zu ihr zieht.«