30. Kapitel
Kate
I
ch schrecke in einem Augenblick vom Schlafen ins Wachen, kein langsames Treiben ins Bewusstsein, wie das manchmal passiert. Plötzlich sind meine Augen offen, und ich bin munter.
Ich seufze. Es lief so gut, dass ich schon lange keine Tabletten mehr genommen hatte. Gestern Abend wollte ich, weil ich so ruhelos und wütend war, aber schlussendlich habe ich mich dazu gezwungen, einfach nur einige Kapitel Stolz und Vorurteil
zu lesen, das Buch, das mir immer Trost spendet. In seine ruhigen, sicheren Gewässer ließ ich meine Gedanken fließen, bis ich beruhigt einschlafen konnte.
Aber jetzt bin ich hellwach, mitten in der Nacht. Der Raum ist so dunkel, kein helles Mondlicht heute. Und die Vögel haben noch nicht ihren Chor zum Sonnenaufgang begonnen: Es ist still zur Geisterstunde.
Im Schlaf muss ich die Decke weggetreten haben; jetzt suche ich nach ihr. Etwas muss mich immer bedecken, selbst wenn es heiß ist.
Und dann erstarre ich, mitten in der Drehung, auf einen Arm gestützt.
Ich warte. Ein Herzschlag, noch einer. Vermutlich vergehen insgesamt nicht mehr als fünfzehn Sekunden, während ich so angestrengt lausche, dass ich das Rauschen des Bluts in meinen Ohren wahrnehme. Ich fange an, mich etwas zu entspannen, merke, dass ich den Atem angehalten habe.
Da höre ich es wieder. Ein Knarren. Nur das Stöhnen von altem Holz, so leise, dass man es ignorieren könnte, oder meinen, es sei nur das alte Haus, das sich um einen setzt. Wenn man nicht weiß, was es war.
Ein langsamer Druck von Gewicht auf den Dielen, nicht so nah, aber auch nicht weit weg. Direkt vor meiner Schlafzimmertür, im Flur. Ein vertrauter Laut. Dort liegt ein langer Teppich, aber der verhindert nicht, dass diese eine Diele immer knarrt, egal, wie vorsichtig man geht.
Jetzt gleite ich aus dem Bett, meine Füße auf dem Boden, bevor mir ein weiterer Gedanke kommt: Ich gehe einen Schritt auf die geschlossene Tür zu, ganz vorsichtig. Die Dielen im Schlafzimmer sind fest, das weiß ich. Sogar Mark, der groß ist, konnte aufstehen und herumlaufen, ohne mich zu wecken.
Aber ich darf gar kein Geräusch machen. Noch ein Schritt, mit übertriebenen Bewegungen, dann Innehalten. Nur mit dem weißen Baumwollnachthemd bekleidet, wie eine Statue so still, erinnert mich an so was Unpassendes wie ein Spiel aus meiner Kindheit: Bi-Ba-Butzemann. Gehen, dann stillstehen.
Kein weiteres Geräusch dringt von draußen herein. Ein dritter Schritt, ein vierter und ich erreiche die Tür.
Meine Hand ist nur wenige Zentimeter von dem silbernen Knauf entfernt. Ich greife danach, so langsam wie in einem Traum, dann erstarre ich. Ich könnte es jetzt beenden, die Tür aufreißen und meine Ängste Lügen strafen – die wilden Vorstellungen von jemandem im Stress, der zu viel allein ist. Ich weiß, dass ich das könnte, und doch kann ich es nicht. Ich warte einfach.
Erst denke ich, es wäre nur eine optische Täuschung, das Glänzen des Metalls. Dann verstehe ich: Der Türknauf dreht sich langsam, so langsam, dass man es kaum erkennen kann. Bruchteile von Zentimetern bewegt er sich.
Für einen Herzschlag zögere ich, aber dann handle ich mit der Geschwindigkeit reinen Instinkts und drehe schnell den schweren, kalten Eisenschüssel, der im Schloss steckt. Er leistet Widerstand, ich drehe ihn sonst nie, warum sollte ich? Aber er schließt, das Metall fällt mit einem deutlichen Schlag an seine Stelle.
Der Türknauf springt zurück in seine Ausgangsposition, als hätte, wer auch immer auf der anderen Seite ist, einfach losgelassen.
Ich wappne mich für Schritte, den panischen Lauf eines Eindringlings, der überrascht wurde, schwere Schritte die Treppe hinab, zwei Stufen auf einmal, ein Ruf an jemanden unten: »Abhauen! Los, weg hier!«
Nichts. Ich lausche, seltsam ruhig, denke nicht, reagiere nur.
»Was willst du?«, frage ich.
Keine Antwort, aber ich spüre eine Präsenz; jeder Instinkt, jede Faser meines Körpers sagt mir, dass jenseits der Tür nicht nur leere Luft ist. Ich lege eine Hand auf das Holz, fast wie um mir Halt zu geben.
»Was willst du?« Meine Stimme ist schrill. »Mein Geld ist in der Handtasche in der Küche.«
Ebenso mein Handy; ich nehme es nie mit nach oben.
Ich bin auf der einen Seite der Tür. Und jemand anders ist auf der anderen.
Ich betrachte die Tür: Sie ist schwer, Massivholz, das Schloss ist altmodisch, aber robust. Dann konzentriere ich mich auf die Türangeln. Es wäre nicht schwer, die Tür herauszubrechen, nur ein paar Schritte zurück, eine Handvoll Versuche, vielleicht sogar nur einer.
Mit der Hand auf der Tür spüre ich mehr, als dass ich es höre, den verschwindend geringen Druck einer Bewegung, als verlagere sich draußen ein Gewicht.
Vollkommen unbewegt warte ich weiter. Dann höre ich es: Schritte, langsam und ohne Hast, jemand schlendert den Flur entlang, umgeht die knarrende Diele – diese Lektion ist wohl verinnerlicht – und dann die Treppe hinab, zum Absatz beim Fenster, und weiter, etwas schneller jetzt, als ob eine Entscheidung getroffen wurde.
Ich höre, wie die Haustür geöffnet und geschlossen wird, kein Bemühen mehr, leise zu sein, so beiläufig, als ginge jemand einfach nur zur Arbeit. Dann Stille.
Ich gleite die Wand hinab, meine Beine sind jetzt weich, meine Brust hebt und senkt sich, Tränen steigen mir in die Augen.
Einmal, vor Jahren, bin ich überfallen worden; ich weiß, dass es da diesen Moment gibt, wenn man hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch, sich einzureden, dass alles in Ordnung ist, und der Erkenntnis, oh, es passiert, sie folgen dir wirklich, die ganze Bande, redend, jetzt schließen sie zu dir auf: »Gib mir deine Tasche, oder ich breche dir deinen verfickten Arm.«
Erst als ich das chinesische Restaurant um die Ecke betrat, wo sie mir süßen Tee gaben und mir sanft ihr Telefon für den Anruf bei der Polizei anboten, begann ich zu weinen. Erst da, als ich schon sicher war, ließ ich diese Reaktion zu.
Deshalb kann ich jetzt nicht nachgeben, noch nicht. Ich bleibe leise, wage nicht, einen Laut von mir zu geben, auch wenn er weiß, dass ich hier bin. Was, wenn es nur ein Trick ist? Die Tür, die sich öffnet und schließt, aber niemand geht, ich komme die Treppe herunter, die Gestalt tritt aus den Schatten, wo sie nur auf mich gelauert hat. Meine Stimme bricht: »Was willst du?«
In einem Ausbruch von Aktivität wirble ich herum, schiebe die Kommode vor die Tür, klemme meinen Stuhl auch noch dazwischen. Mein Herz rast. Dann öffne ich mein Fenster so weit wie möglich. Sollte es nötig werden, werde ich nach draußen klettern; ich werde springen. Vorher werde ich Kissen und Decke rauswerfen, zur Vorbereitung.
Ich lausche, aber es ist die stille Seite des Hauses, die Straße ist auf der anderen Seite; alles, was ich sehen kann, ist ein Stück Garten und die Bäume zwischen meinem und Lilys Haus.
Soll ich schreien? Lily wird es nicht hören. Keine Autos sind unterwegs, um diese Zeit ist kaum Verkehr. Ich zittere, der Schweiß ist in der Nachtluft kalt auf meiner Haut.
Und wenn er dann zurückkommt? Ich kann nicht.
Ich muss warten.