31. Kapitel
Sophie
B
eim letzten Besuch hat er mich wieder Nancy genannt. Ich habe nichts dazu gesagt.
Beinahe ist es lustig, wie wenig ich von ihm weiß. Wer er ist. Wer er war. Er hat nie gern über sich oder seine Familie gesprochen oder über die Vergangenheit. Wir haben über mich geredet: Schule, meine Freunde, meine Probleme. Ich dachte, es würde zeigen, wie wichtig ich ihm war. Aber jetzt reden wir nicht mehr über mich und auch nicht über ihn. Seine Besuche sind meist kurz. Seltsam förmlich irgendwie.
Aber ich achte auf alles, nehme jedes Detail an mich. Es geht nicht darum, dass ich jetzt mehr über ihn wissen will. Aber ich nehme an, es ist der Beweis, dass er nicht alles kontrollieren kann. Fast spiele ich ein Spiel, ein einseitiges. Um das durchzustehen. Was wird ihm herausrutschen, wenn …
Als er sich auf mich legt, ist es, als wäre er woanders.
»Nancy«, flüstert er. »Nancy …«
Als er fertig ist, wende ich das Gesicht ab. Keine Ahnung, ob er sich an seine Worte erinnert.
Beinahe hätte ich ihn nicht gefragt, als er es das erste Mal tat. Ich war wohl erst einige Wochen hier, vielleicht einen Monat, und ich wollte keine Wellen schlagen. Hier zu sein sollte mich ihm näherbringen, aber manchmal fühlte es sich nicht so an. Im Gegenteil, um genau zu sein, er wirkte so weit weg.
Wir waren in Sicherheit und zusammen – alles, was ich mir immer für uns gewünscht hatte. Und dennoch fiel es mir schwerer und schwerer, das Gefühl in meinem Bauch zu ignorieren, dieses kalte Nagen in meinen Eingeweiden.
Du hast Heimweh,
sagte ich mir. Das ist normal. Du musst dich nur daran gewöhnen.
Aber er half nicht. Bald sprach er nicht mehr davon, was wir demnächst tun würden: Er sagte nur noch, ich solle mir deswegen keine Gedanken machen. All unsere Pläne, wohin wir gehen wollten, was wir erleben wollten – wir hatten sie nie so richtig festgelegt. Wir müssen auf die Situation reagieren, sagte er, bevor wir hierherkamen, erst mal müssen wir für unsere Sicherheit sorgen. Aber als ich sicher hier war, verschwand all seine Eile …
Dennoch zwang ich mich dazu, hinterher. Ich wusste, er würde entspannter sein, wie wir so in der Dunkelheit lagen.
»Wer ist Nancy?«
Ich sprach es einfach aus. Er antwortete nicht, sein Kopf lag auf dem Kissen hinter mir. Aber ich bemerkte, wie sich seine Atmung veränderte. Ich kann ihn besser einschätzen, als er glaubt.
»Was hast du gesagt?«
»Du hast mich Nancy genannt.« Ich versuchte, es locker erscheinen zu lassen, aber ich war genervt. Mehr als genervt. »Weißt du, manche Mädchen würden eifersüchtig werden …«
Das funktionierte nicht.
»Ich denke«, erwiderte er bedächtig, »dass es an der Zeit ist, einige Grenzen festzulegen.«
Dann schaltete er das Licht an, so hell in meinen Augen, ließ mich aufrecht sitzen, immer noch in die Decke gewickelt, während er mir eine Lektion erteilte. Er brauche seinen Freiraum, erklärte er. Ich könne nicht erwarten, alles von ihm zu wissen. Ich würde zu viele Fragen stellen. Ob ich wüsste, was ihm solche Fragen zeigten? Dass ich ihm immer noch nicht vertraue. Das verletze ihn.
Darauf wusste ich keine Antwort. Beinahe hätte ich gelacht, aber das verkniff ich mir. Er redete mit mir, als sei ich eine zu anhängliche Partnerin. Vielleicht war ich jung, was er immer wieder betonte, aber ich wusste, dass unsere Situation so weit davon entfernt war. Ihm schien das nicht aufzufallen.
Aber lachen durfte ich nicht. Etwas in seiner Miene sagte mir, dass das ein Fehler wäre.
Eine alte Freundin, entschied ich für mich. Er war so eifersüchtig auf meine Freunde, hatte er mir einst gesagt, dass er es nicht ertrug, von ihnen zu hören. Es gab ohnehin nur Danny.
Es zeigt, wie sehr er mich liebt, dachte ich.
Als er es ein zweites Mal tat, irgendwann im ersten Winter, war es anders. Wir lagen auf der Matratze, und ich streichelte sein Haar. Ich war wach, mein Blick auf das Rechteck nächtlichen Sternenhimmels in der Zimmerdecke gerichtet. Es war kalt – mein Atem schlug Wölkchen, obwohl wir drinnen waren.
Ich konnte nicht schlafen. Alles fühlte ich so anders an, wach und angespannt. Schon zu der Zeit schlief ich unregelmäßig, auch da hatten wir einen unterschiedlichen Rhythmus. Jetzt wollte ich nur noch, dass er ging, damit ich den Fernseher einschalten und es mir im Bett mit Teddy gemütlich machen konnte.
Vielleicht spürte er das, wie ich mich von ihm abwandte – meine Ungeduld, dass er endlich ginge. Ich weiß nicht, warum er sonst geblieben ist. Schon länger hatte er keine Nächte mehr mit mir verbracht. Er sagte, es sei das Beste, zu unserer beider Sicherheit.
Aber vielleicht gefiel ihm der Gedanke, dass ich wach war, wenn er schlief, nicht. Ich bemerkte, dass er versuchte, vor mir zu verbergen, wo er seine Schlüssel hatte; jedes Mal steckte er sie weg, bevor er die Klinke runterdrückte und hereinkam.
Natürlich mussten sie irgendwo in seinen Taschen sein – außer den Beuteln mit Essen hatte er heute nichts dabeigehabt. Vielleicht die kleine Tasche, die es in Anzügen gab; Dad hatte da immer sein Kleingeld.
Ich bewegte mich leise, überprüfte sein Gewicht hinter mir. Seit einigen Minuten hatte er sich nicht bewegt. Endlich war er doch eingeschlafen. Sein Atem ging langsam und beständig. Ganz vorsichtig glitt ich unter der Decke hervor …
»Nancy«, sagte er mit einem Mal, zu laut in dem stillen Raum. Er legte den Arm um mich. »Nancy, lass das.«
Ich erstarrte; es war ungemütlich, weil er schwer war. Das hatte ich noch nie an ihm gemocht, diese Wirklichkeit seines Leibs: die Hitze und den Schweiß. Also bewegte ich mich weiter, versuchte, seinen Arm abzuschütteln.
Bevor ich verstand, lagen seine Hände um meine Kehle.
»Nancy«, murmelte er, und dann noch andere Wörter, die ich nicht verstand. Dann laut: »Ich habe gesagt, du sollst es lassen!«
Schockiert zog ich an seinen Händen, wollte mich wegdrehen.
Dann veränderte sich etwas in ihm.
»Du Hure. Du verlogene Hure!«
Ich krabbelte unter ihn, halb von der Matratze hängend. Aber er war zu schwer, sein Atem heiß in meinem Gesicht. Mir blieb die Luft weg, noch immer wollte ich nur, dass er mich losließ. Meine bloßen Füße rutschten über den Teppich. Beide Hände rissen an seinem dicken, haarigen Unterarm. Er ist stärker, als ich dachte, viel stärker
. Blut donnerte in meinen Ohren. Der Rand meines Gesichtsfelds wurde schwarz, alles rückte weiter weg.
Ich weiß nicht, was ihn aufhielt. Vielleicht wachte er auf, oder vielleicht besann er sich. Aber sein Griff lockerte sich, nur für einen Moment, und ich drückte ihn von mir weg. Ich krabbelte von der Matratze, den Rücken an die Wand gepresst, rang ich um Atem. Ich legte die Hände um meine brennende Kehle, ließ ihn nicht aus den Augen.
Eine Zeit lang verharrten wir so, sahen uns an.
»Beruhig dich«, bat er zittrig. »Beruhig dich. Sieh mich nicht so an.«
Ich konnte nicht reden, nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.
»Du hast mich wieder Nancy genannt«, sagte ich schließlich. Meine Stimme klang ungewohnt, so rau. »Wer ist Nancy?«
Ich glaube, sogar da noch war ein Teil von mir eifersüchtig. Ich weiß, ich weiß. Es war so verrückt.
Er antwortete nicht, sondern begann nur, sorgfältig und methodisch aufzuräumen. Stellte den Tisch wieder hin, holte Küchentücher, um das Wasser aufzuwischen, das wir verschüttet hatten. Ich atmete nur ein und aus, langsam, um nicht durchzudrehen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Danach machte er uns beiden eine Tasse Tee und setzte mich auf das Sofa, bleich, aber mit kalten Augen. Er hielt meine Hand. Ich glaubte wohl, er würde um Verzeihung bitten.
Nein.
Es war meine Schuld. Ich bin in Panik geraten, ich habe ihn gestoßen. Weil ich so hysterisch war, musste er dafür sorgen, dass ich still wurde. Es war meine Schuld. Ich verspürte den Drang, ihm glauben zu wollen: Es war keine große Sache.
Aber irgendetwas in mir verhärtete sich. Als er ging, blieb ich ruhig. Er wies mich an zu schlafen.
Nein,
erkannte ich. Das ist nicht fair. Du hast unrecht. Wirklich, wirklich unrecht, irgendwas stimmt nicht mit dir. Und ich habe unsere Leben in deine Hände gelegt.