Eigenverantwortung als Entsolidarisierung

Bei der Reformierung des Sozialstaats unter dem Stichwort Eigenverantwortung geht es vor allem darum, die Kosten des Staates im Bereich der sozialstaatlichen Fürsorge zu entlasten. Dabei gehen Befürworter davon aus, dass viele der sozialstaatlichen Errungenschaften ihre Dringlichkeit verloren hätten. Der Begriff der Solidarität wird anders interpretiert: Solidarisch handelt nicht eine Solidargemeinschaft, die für die Einzelnen aufkommt; solidarisch handelt vielmehr der, der so wenig Beistand wie möglich von Staat und Gemeinschaft in Anspruch nimmt und damit zur Entlastung der Kassen beiträgt. Bei dieser in sich etwas widersprüchlichen Argumentation, dass an die Individuen appelliert wird, sich zu Gunsten einer Gemeinschaft selbstverantwortlich zu verhalten, ist stets die Gefahr der Entsolidarisierung dieser Gemeinschaft verankert (Heitzmann 2004).

Doch das eigentliche Problem ist, dass bei den Modellen mit mehr Eigenverantwortung der soziale Rahmen und die unterschiedlichen Ausgangspositionen der Akteure, an die sich die Appelle richten, weitgehend ausgeblendet werden. »Das inflationäre Beschwören der Verantwortung richtet sich vor allem an die Motivation der Menschen und erweckt oftmals den Eindruck, als ginge es allein darum, daß die Menschen nur wollen müssten, dann könnten sie das Geforderte auch erreichen.« (Heitzmann 2004: 69). Die Kehrseite dieser >Jeder ist seines Glückes Schmied<-Argumentation ist die indirekte Schuldzuweisung an die Individuen, die -allgemeiner formuliert - erwartete Standards nicht erfüllen.

Heitzmann weist auf einen weiteren Widerspruch in den politischen Programmen hin, in denen mehr >Eigen<-Verantwortung eingefordert wird: Im Grunde genommen handelt es sich ja um eine Fremdzuschreibung von Verantwortung, »denn sie enthält die Aufforderung an einen Akteur, sich die geforderte Verantwortung selbst zuzuschreiben beziehungsweise abzuverlangen« (Heitzmann 2004: 70). Gerade diese Verbindung von Selbst- und Fremdzuschreibung erweckt den Eindruck, der Einzelne könne und müsse nur unabhängig von seiner sozialen Ausgangslage tätig werden, um die gesteckten Ziele umzusetzen. »Eigen- und Selbstverantwortungspostulate können aber jene Probleme nicht aus der Welt schaffen, die ihren Ursprung in Lebensbedingungen haben, die wiederum das Ergebnis von sozialer Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft sind. Verantwortung kann dem Einzelnen gerechterweise und erfolgreich nur dann zugeschrieben werden, wenn die Gesellschaft entsprechende Erwartungen und Ansprüche an ihre Mitglieder auch weiterhin an die sozialen Voraussetzungen bindet, die dem angesonnen Handeln zugrunde liegen.« (Heitzmann 2004: 77).

Eigenverantwortung und Gesundheitsprävention

Gerade auch im Hinblick auf gesundheitspräventive Forderungen wird die weitgehende Nichtbeachtung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bei den Forderungen nach mehr Eigenverantwortung deutlich. Ohne Unterschiede zu machen, in welchen unterschiedlichen Ausgangspunkten sich die Individuen befinden, wird als präventive Maßnahme unter dem Begriff Eigenverantwortung ein >besseres< Gesundheitsverhalten eingefordert.

Bei Gesundheitswissenschaftlern und Sozialepidemiologen ist die gesundheitliche Ungleichheit kaum umstritten. Andreas Mielck hat in seinem Buch Soziale Ungleichheit und Gesundheit aus dem Jahre 2000 eine umfangreiche Zusammenfassung von nationalen und internationalen Studien geliefert, deren überwiegender Teil einen Zusammenhang zwischen den sozialökonomischen Positionen und dem Gesundheitsrisiko der Individuen nachweist. Dabei haben, wie bereits erwähnt, untere soziale Klassen sowohl höhere Morbiditäts- als auch höhere Mortalitätsraten. Auch in dem Gesundheitsverhalten zeigen sich deutliche Unterschiede je nach sozial-ökonomischer Lage: beispielsweise wird in unteren Klassen verhältnismäßig mehr geraucht, sich schlechter ernährt und weniger Sport getrieben (Mielck 2000).

Es steht außer Frage, dass das individuelle Gesundheitsverhalten Einfluss auf das Gesundheitsrisiko hat. Doch stellt sich hier die Frage, ob und wie (gesundheitsrelevantes) Verhalten mit sozialen Strukturen im Zusammenhang steht. Eine Frage, die in verschiedenen Theorieansätzen der sozialen Ungleichheit unterschiedlich beantwortet wird. Vertreter von individualisierungstheoretischen Ansätzen gehen beispielsweise von einer doppelten Entstrukturierung aus: einerseits würden sich Klassen- und Schichtzusammenhänge zunehmend auflösen und sich Lebenslagen und Lebenswege diversifizieren und individualisieren (Beck 1983: 36), andererseits entkoppele sich der Zusammenhang von sozialer Struktur und einer daraus folgenden spezifischen Denk- und Handlungsweise (vgl. Hradil 1998: 30f).

Dem entgegen hält Bourdieu ausdrücklich an einer Theorie sozialer Klassen fest, die sich auch in Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen der Akteure ausdrücken. Der soziale Raum, dessen Positionen durch jeweils spezifische Zusammensetzungen verschiedener Kapitalsorten bestimmt werden, spiegelt sich in einem durch den Habitus vermittelten Raum der Lebensstile wider, in dem die Handlungen der Akteure immer auch distinktiver Ausdruck der Klassenlage sind. Der Habitus als ein System dauerhafter Dispositionen strukturiert dabei die Handlungen vor jeder Reflexion. In ihm drückt sich eine »allgemeine Grundhaltung, eine Disposition gegenüber der Welt« (Bourdieu 1992: 31) aus. So bildet der Habitus die Schnittstelle zwischen sozialer Struktur und individuellem Verhalten, allerdings ohne ein deterministisches Konzept sein zu wollen. Die Strukturen in Form der Existenzbedingungen erzeugen zwar spezifische Habitusformen, doch diese sind zu verstehen als »strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen, die objektiv >geregelt< sind und regelmäßig« sein können, ohne im geringsten das Resultat einer gehorsamen Erfüllung von Regeln zu sein« (Bourdieu 1976: 165). Mit der gleichzeitigen Bezugnahme auf Lebensbedingungen und Lebensstil, die Bourdieu im Sozialraummodell herstellt, verbindet sich eine eigene Handlungstheorie, die einen Erklärungsansatz für den Zusammenhang der empirischen Ergebnisse über die gesundheitliche Ungleichheit und dem Gesundheitsverhalten als einem Faktor des Gesundheitsrisikos herstellen kann.

Im Gegensatz zu anderen Theoretikern, die den Begriff des Lebensstils verwenden, bricht Bourdieu wie gesagt nicht mit dem Paradigma einer Klassengesellschaft. Seine komplexe Theorie vermittelt den in Klassen gegliederten sozialen Raum mit dem homolog in Lebensstilen differenzierten kulturellen Raum. Sein Anliegen ist es, Bezüge zwischen sozialer Ungleichheit und strukturierten alltagsästhetischen Geschmackspräferenzen, die sich in der Praxis der Akteure und somit in den Lebensstilen äußern, aufzuzeigen. Im Hinblick auf die gesundheitliche Ungleichheit lassen sich so Bezüge zwischen der gesellschaftlichen Struktur einerseits und gesundheitsrelevanten Elementen des Lebensstils (gesundheitsfördernd oder gesundheitsschädigend) herstellen.

Bourdieu demonstriert in den Feinen Unterschieden beispielsweise ausführlich, wie die Nahrungsaufnahme, die dem gesundheitsrelevanten Verhalten zuzuordnen ist, sich in der alltäglichen Lebensführung in den verschiedenen sozialen Klassen prinzipiell unterscheidet und zur distinktiven Praxis wird. Dies soll exemplarisch und etwas verkürzt im Folgenden dargestellt werden.

Während bei Bourdieu in den unteren Klassen die Nahrungsaufnahme im Zeichen der Fülle und der Freizügigkeit steht, stellt er für die oberen Klassen die besondere Bedeutung von Formvollendung und Mäßigung heraus:

[...] geregelte Abläufe, die Warten, Zögern, Zurückhaltung beinhalten: vermieden werden muss der Eindruck, als stürze man sich auf die Speisen; man wartet ab, bis auch der letzte sich aufgetan hat und zu essen beginnt; man bedient sich diskret. Gegessen wird streng nach Speiseordnung, sie schreibt vor, was zusammen auf den Tisch gestellt werden darf, was auf keinen Fall: Braten und Fisch, Käse und Dessert. Keine

Nachspeise, bevor nicht alles übrige - einschließlich des Salzstreuers - vom Tisch geräumt und die Krümel weggewischt sind. (Bourdieu 1999b: 315)

Diese Form der Nahrungsaufnahme ist Ausdruck eines besonderen Habitus der oberen Schichten, dem Ordnungsverhalten, Haltung und Zurückhaltung konstitutiv ist. In der Asthetisierung der Praxis wird die eigentliche Funktion - hier die Nahrungsaufnahme - verschleiert. Die >grob materialistische Wirklichkeit des Ess-und Trinkvorgangs< wird verleugnet, womit man sich symbolisch auch von denjenigen distanziert, die die Befriedigung ihrer Bedürfnisse unmittelbar erfüllen. Das stilvolle Essen wird in einer gesellschaftlichen Zeremonie zelebriert, >ethisches Verhalten< und >ästhetisches Raffinement< bestätigt und sogar bekräftigt. Dies alles dient letztendlich der Distinktion, also dazu, sich vom >vulgären< und ungezwungenen Lebensstil der unteren Klassen abzugrenzen. Das Verhalten der oberen Schichten ist durch den Habitus von jeher auf Disziplin und Beschränkung ausgerichtet:

Abverlangt - und eingeschärft - wird über solche das unmittelbare Verlangen restringierenden Formen und Formalismen nicht nur eine Disziplinierung des eigenen Ess-und Trinkgenusses - und dies kraft einer >Formgebung<, die zugleich sanfte, indirekte, unsichtbare Zensur (krass entgegengesetzt jeglicher Form des zwanghaften Entzugs) ist und integraler Bestandteil einer Lebensart (Bourdieu 1999b: 316).

Es ist eine bewusste Entscheidung zur Askese und Beschränkung, die sich in Sparsamkeit, Zurückhaltung und Mäßigung äußert. Da dies aber in ihrem Habitus veranlagt ist, gelingt der herrschenden Klasse das »Entspanntsein in der Anspannung« (Bourdieu 1999b: 287) bzw. findet sie »die wahre Freiheit in der selbstgewählten Askese« (Bourdieu 1999b: 321).

Es fällt auf, wie exakt die Ernährungsform der oberen Schichten dem Verhalten ähnelt, das als gesundheitsbewusste Ernährungsweise gilt. Um eine gesundheitsbewusste Verhaltensweise umzusetzen, wird häufig eine derartige Diszipliniertheit, Askese und Strenge gegenüber sich selbst eingefordert, wie es in den Habitusdispositionen der Distinktion bereits angelegt ist. Zurückhaltung und Konsumverzicht beispielsweise werden als präventive Maßnahme abverlangt, von der eine Vorbeugung oder Besserung des Gesundheitszustandes erwartet wird: Man bedenke allein die Diäten aller Art, den Verzicht auf fettige und schwere Nahrung, auf Tabak, Alkohol, Cholesterin usw.. Bourdieu zeigt aber auf, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den verschiedenen Klassen sind, derartige Disziplinierungen der Verhaltensweisen auch umzusetzen.

Die Bedeutung der verschiedenen klassenspezifischen Geschmäcker geht aber weit darüber hinaus, bloß >Geschmackssache< zu sein, die unterschiedliche Lebensstile zur Folge hat. In den verschiedenen Geschmacksformen werden die völlig verschiedenen Beziehungen der Klassen zur Welt, zu sich selbst und zum eigenen Körper deutlich. Der Geschmack als »Natur gewordene, d. h. inkorporierte Kultur,

Körper gewordene Klasse« (Bourdieu 1999b: 307) ist Anzeichen dafür, wie tief der Habitus im Subjekt verankert ist. »Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man« (Bourdieu 1999a: 135). Mittels des Geschmacks wird der Körper zum »Klassenkörper«, der als Klassifikationsprinzip auswählt, »was der Körper physiologisch und psychologisch aufnimmt, verdaut und assimiliert, woraus folgt, dass der Körper die unwiderlegbarste Objektivierung des Klassengeschmacks darstellt« (Bourdieu 1999b: 307). Dies bringt der Körper vielfältig zum Ausdruck: zunächst in seiner Form und seinen Dimensionen, also Umfang, Größe und Gewicht; aber auch in der Haltung, im Auftreten oder in Bewegungsabläufen werden diese Unterschiede deutlich.

Für Bourdieu zeigt sich hierin ein klassenspezifisch geprägtes Verhältnis zum eigenen Körper. Es ist das äußere Erscheinungsbild von den tief sitzenden Dispositionen und Einstellungen des Habitus, die die Weise bestimmen, wie mit dem Körper umgegangen wird, also wie er beispielweise ernährt und gepflegt wird (vgl. Bourdieu 1999b: 307-309).

Hier sollte mit dem Beispiel der Nahrungsaufnahme als Teil des Gesundheitsverhaltens verdeutlicht werden, vor welchen Problemen gerade der Bereich der Prävention, der auf eine Änderung des individuellen Verhaltens abzielt, steht. Durch den Habitus geprägte Unterschiede im Gesundheitsverhalten ließen sich auf ähnliche Weise auch auf andere Bereiche der gesundheitsrelevanten Praxis übertragen.

Fitness, Healthismus und Neoliberalismus

Folgt man Bourdieu in der Annahme, dass Lebensstile und soziale Strukturen nicht völlig unabhängig voneinander entstehen, kann der Ansatzpunkt besonders für präventive Maßnahmen sich nicht auf die Forderungen nach Änderungen des individuellen Gesundheitsverhaltens beschränken. Dennoch ist festzustellen, dass gerade die (individuelle) Verhaltensprävention sich zunehmend gegenüber der (sozialen) Verhältnisprävention durchsetzt, gerade auch unter dem Begriff der Eigenverantwortung (vgl. Kühn/ Rosenbrock 1994) Nirgendwo wird außerdem das Zuweisen individueller Schuld deutlicher als im Bereich der Prävention, denn die entsprechenden Programme setzen gerade einseitig am individuellen (Fehl-) Verhalten an, ohne die verschiedenen sozialen Ausgangslagen zu berücksichtigen.

Hagen Kühn stellt in seiner Untersuchung für die US-amerikanische Gesellschaft bereits für die siebziger und achtziger Jahre die zunehmende Bedeutung individualisierungstheoretischer Auffassungen in der Präventionspolitik fest. Nach Kühn hat eine »zweite Public Health Revolution« (Kühn 1993: 43-71) stattgefunden, in der sich der individualistische Zeitgeist, der von einem Menschenbild von autonom entscheidenden Individuen geprägt ist, in einem »Healthismus« (Kühn 1993: 26) niedergeschlagen hat. »Healthismus« meint »die beständige Besorgtheit um und Befassung mit der persönlichen Gesundheit als einem primären Mittel zur Erreichung persönlichen Wohlbefindens; einem Ziel, das vor allem erreicht werden kann durch die Anpassung des Lebensstils an die Gesundheitsimperative« (Kühn 1999: 205f). Der gesundheitsbewusste Lebensstil ist dabei zu einer Norm geworden, die sich allgemein als maßgebend durchgesetzt hat. Parallel zur politischen Entwicklung, in der sich besonders in der Reagan-Ära ab 1980 eine neoliberale Ideologie durchsetzte, konzentrierte sich die Präventionspolitik zunehmend auf die Beeinflussung der Lebensstile und des Verhaltens der Individuen. Kühn analysiert diese Periode, um Zusammenhänge zwischen Tendenzen der Ideologie, der Politik und der Ökonomie auf der einen und lebensstilorientierter Präventionspolitik auf der anderen Seite aufzuspüren (vgl. Kühn 1993: 21f). Er weist daraufhin, dass die >Befreiung< des Marktes auch eine starke moralpolitische Dimension hat: Je geringer der sozialstaatliche Schutz, desto stärker lastet der Druck auf den Individuen, sich auf den verschiedenen Märkten, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Dadurch bringt der Markt >Zwangslagen< hervor, an die sich die Individuen anpassen müssen. Kühn folgert daraus, dass es kein Zufall ist, dass gerade im Zuge der Marktliberalisierung der 80er Jahre ein Fitness-Ideal aufkam, dass zwar mit Gesundheit gleichgesetzt wird, eigentlich aber über den gesundheitlichen Aspekt weit hinaus geht. Fitness, im Englischen gleich bedeutend mit >passend, tauglich, geeignet, drückt das Bedürfnis und die Fähigkeit aus, sich auf den Märkten behaupten zu können und sich den Anforderungen anzupassen. Durch Fitness sollen Leistungsfähigkeit und Verwendbarkeit symbolisiert werden, um sich vor allem auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen (vgl. Kühn 1993: 27).

In den achtziger Jahren äußerte sich der Zusammenhang des politisch-ökonomischen Klimas und des gesundheitsbewussten, fitnessgeprägten Lebensstils in dem neu aufkommenden und einflussreichen >Lifestyle-Modell< der sogenannten Yuppis:

Der Healthismus ist [...] zum sozialen Identifikations- und Distinktionsmittel und zur Mode geworden. In dem Klima des marktliberalen Neokonservatismus und seinem Menschenbild des idealisierten, rational handelnden Unternehmers entwickelte sich besonders unter den jüngeren, besserverdienenden und einflussreichen Amerikanern (den >Yuppis<) ein Lebensstil zum Ideal, den Kritiker als narzisstisch bezeichnen, der aber subjektiv den Charakter einer Investition in den eigenen Aufstieg, den Gelderwerb, Statusgewinn und die Karriere hat. (Kühn 1993: 42)

Mit der Propagierung eines als gesundheitlich geltenden Lebensstils wird eine normative moralische Grundhaltung, die eigentlich innerhalb aufsteigender Mittelschichten und Oberschichten verwurzelt ist, allgemein durchgesetzt. Diesen Schichten gehören die Protagonisten des gesundheitlichen Lebensstils an, was zu ei-

Das Konzept »Eigenverantwortung«

ner Art >selbstreferentieller Bestätigung< führt (vgl. Kühn 1999: 209). Die Verfügbarkeit über disponible Zeit, Geld, einen hohen Bildungsgrad sowie die Fähigkeit, die Normen einer gesunden Lebensführung in den Alltagsgestaltungen umzusetzen, die für diese Schichten charakteristisch ist, ermöglicht die Umsetzung des vom »Healthismus« geprägten Lebensstils.

Kühn interessieren besonders die ethisch-moralischen Folgen der Präventionspolitik, die das Verhältnis der Gesellschaft zur Krankheit prägen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob dem Individuum die Schuld an seiner Krankheit gegeben werden kann, wie das in den verhaltensbezogenen Präventionskonzepten mit der Betonung der »Eigenverantwortung« indirekt getan wird, und welche Konsequenzen sich aus dieser Frage ergeben. Denn »wenn Schuld [...] die Voraussetzung eines Gesundheitskonzeptes ist, dann muss diesem Konzept ein Begriff von Gesundheit unterliegen, der diese als Norm versteht - eine Norm, die dem Einzelnen von oben auferlegt wird bzw. die, wenn sie als Wille verinnerlicht ist, die Fähigkeit der Selbstbeherrschung abverlangt« (Kühn 1993: 26).

Kühns Ansatz ähnelt hier dem Konzept der symbolischen Gewalt Bourdieus. Die Verinnerlichung als Wille setzt eine Anerkennung des gesundheitlichen Lebensstils als Norm bzw. Gesundheitsimperativ voraus, nach der man sich zu richten hat. Dass das real oft nicht eingehalten werden kann, wird dem eigenen Versagen zugesprochenen. Die eigene Schuld an einer Krankheit zu suchen heißt aber auch, die Norm eines gesundheitlichen Lebensstils, der wiederum Teil gesellschaftlicher Distinktionsbemühungen ist, zu verinnerlichen und anzuerkennen. Die doxa dessen, was gesund ist und was nicht, bleibt in der Regel unhinterfragt. Die Disziplin derer, die es verstehen, einen gesundheitlichen Lebensstil umzusetzen, sei es beispielsweise durch sportliche Betätigung oder gesunde Ernährung, wird bewundert und auf deren natürliche >Begabung< zurückgeführt. Es wird verkannt, dass es oft die verfügbaren Ressourcen sind, die den Ausschlag geben. Veränderungen des Gesundheitsverhaltens liegen nur zum Teil im Ermessensspielraum der Akteure, da die Dispositionen des Habitus hinsichtlich Veränderungen doch sehr träge sind.

Beispiel für individualisierungstheoretisch geprägte Präventionsprogramme sind die Bonus-Malus- Angebote der Krankenkassen, die auch von der Bertelsmann Stiftung befürwortet und im GMG 2004 bereits umgesetzt wurden. Bonus-Malus-Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass gutes Gesundheitsverhalten der Versicherten belohnt, schlechtes sanktioniert werden soll.

Dabei zielen die Angebote hauptsächlich auf die Risikofaktoren, die als die häufigsten Ursachen für selbstverschuldete Krankheiten gelten, da sie durch das Verhalten der Individuen erst geschaffen werden. Dass die Risikofaktoren je nach sozialer Lage ungleiche Ausprägungen haben, findet dabei in der Regel keine Berücksichti

gung. Die Deutsche BKK, ein Zusammenschluss verschiedener großer Betriebskrankenkassen, beispielsweise belohnt mit >Geld für Gesundheit<, immerhin einem Bonus von 100 Euro, diejenigen Mitglieder, die aufgrund ihres Verhaltens und ihres Normgewichts zu keiner Risikogruppe gehören:

Gesund leben wird belohnt! [...] Gesundheitsbewusste Versicherte ab dem 15. Geburtstag erhalten den Bonus, wenn sie nicht rauchen, einen Body-Mass-Index (BMI) im Normalbereich [...] haben, regelmäßig Sport treiben [...], an den vorgesehenen Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen teilnehmen, einmal jährlich die Zahnarztvorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt in Anspruch nehmen. [...] Da kann jeder etwas für seine Gesundheit tun! (Deutsche BKK 2004/ Werbeprospekt)

Es wird deutlich, wie der von Kühn für die amerikanischen Verhältnisse beschriebene »Healthismus«, d. h. die tendenzielle Reduktion von Gesundheitsprävention auf individuelle Verhaltensänderung, sich in Deutschland unter dem Deckmantel der Eigenverantwortung durchsetzt. Der alltägliche, individuelle Lebensstil soll sich den vorherrschenden Gesundheitsimperativen anpassen. Durch das Angebot der DBKK wird aber besonders der spezifische Lebensstil der mittleren und oberen Schichten zum Ideal erhoben und finanziell belohnt. Es profitieren vor allem diejenigen, die sowieso schon dem Ideal entsprechen, da ihr Lebensstil zur Norm gemacht wird. Die Selbstbeherrschung, die sich in den oberen und aufsteigenden mittleren Schichten bereits in einem asketischen Lebensstil ausdrückt, wird allgemein abverlangt, um der Norm einer gesundheitsbewussten Lebensführung zu entsprechen. Die Chancen auf den Bonus sind geringer für die unteren Schichten, die aufgrund schlechterer Lebensbedingungen oder fehlender Kompetenzen nicht in der Lage sind bzw. für die es wenig oder keinen praktischen Sinn (im Sinne Bourdieus) macht, innerhalb ihrer Lebenswelt diesen gesunden Lebensstil umzusetzen. Indirekt werden Personen aus den unteren sozialen Lebenslagen dafür bestraft, in größerem Maße einer Risikogruppe anzugehören. Ein solches Angebot, das den »drei wichtigsten Krankheitsfaktoren Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel zu Leibe« (Deutsche BKK 2004, Werbeprospekt) rücken will, ist ein Beispiel für ein Präventionsprogramm, welches gerade diejenigen, die zu einer Risikogruppe gehören, schwerlich erreichen wird. Es werden außerdem die Parallelen zu individualisierungstheoretischen Annahmen deutlich, die sich in solchen Angeboten wiederspiegeln: Jeder (kann) etwas für seine Gesundheit tum - hier wird vorausgesetzt, dass die verlangten Verhaltensänderungen einzig und allein auf autonomen Entscheidungen des Individuums beruhen. Der Grad an Gesundheit wird zurückgeführt auf dessen persönliche, alltägliche Entscheidungen. . Dadurch trägt der oder die Einzelne letztendlich auch eigenverantwortlich die Schuld an seiner Krankheit. Geht man jedoch davon aus, dass ein Großteil des Gesundheitsverhaltens Teil einer durch den Habitus vermittelten, meist unbewussten alltäglichen Praxis ist, muss bezweifelt werden, dass durch die Art der Versicherung und der Höhe der Eigenbeteiligung allein eine erwartete »Verhaltensänderung des Versicherten hin zu einem gesundheitsbewussteren, also krankheitsvorbeugenden Verhalten« (Bertelsmann 2004: 42) bewirkt werden kann.

Literatur

Bauer, Ullrich, 2006: »Die sozialen Kosten der Ökonomisierung von Gesundheit«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 8-9/2006, 17-24.

Beck, Ulrich, 1983: »Jenseits von Klasse und Stand? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten«, in: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen (Soziale Welt Sonderband 2), 35-74.

Bertelsmann Stiftung, 2004 (Hg.): Eigenverantwortung. Ein gesundheitspolitisches Experiment. Gütersloh.

Bourdieu, Pierre, 1999a: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft., 3.Aufl., Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre, 1999b: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 11. Aufl., Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre, 1992: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur I. Hamburg.

Heitzmann, Barbara, 2004: »Die neue Eigenverantwortung. Jüngste Tendenzen in Managementkonzepten, Sozial- und Rechtspolitik«, in: Kursbuch 157, Berlin, 68-77.

Hradil, Stefan, 1998: »Die Sozialstruktur postindustrieller Gesellschaften. Kaum gewonnen, schon zerronnen?«, in: Mansel, Jürgen/ Brinkhoff, Klaus-Peter (Hg,.): Armut im Jugendalter. Soziale Ungleichheit, Gettoisierung und die psychosozialen Folgen, Weinheim; München, 29-36.

Kühn, Hagen/Rosenbrock, Rolf: 1994: »Präventionspolitik und Gesundheitswissenschaften. Eine Problemskizze«, in: Rosenbrock, Rolfu. a.: Präventionspolitik. Gesellschaftliche Strategien der Gesundheitssicherung, Berlin.

Kühn, Hagen: 1993: Healthismus. Eine Analyse der Präventionspolitik und Gesundheitsförderung in den U.S.A., Berlin.

Mielck, Andreas: 2000: Soziale Ungleichheit und Gesundheit: empirische Ergebnisse, Erklärungsansätze, Interventionsmöglichkeiten, Bern.

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Hermann Werle