Bertelsmanns Putztruppen in behördlichen Schmuddelecken

Informationen darüber, wie kontraproduktiv die Management- und Softwaresysteme in staatlichen Institutionen arbeiten, gelangen kaum an die Öffentlichkeit. Die Hartz IV-Software des A2LL (vgl. FAS 17.10.2004; DS 36/2005), das Integrierte Zeitmanagementprogramm (IZEMA) der Hessischen Polizei (vgl. FR 8.2.2006) oder das IT-Desaster1 in der ehemaligen Deutschen Bibliothek, sind drei Beispiele.

Aufgrund solcher kontraproduktiver Verwaltungsmethoden sieht z. B. Arvato für sich eine profitable Marktlücke: Mit einem unternehmerischen Projekt sollen die jeweiligen morastigen Stellen - zunächst im kommunalen Bereich - trockengelegt werden. Doch das projektierte Wirkungsfeld von Arvato ist auf einer höheren Stufe angesiedelt als bisher üblich: Bertelsmann wartet nun nicht mehr ab, wie das staats-bedienstete Management mit den digitalen Spielzeugen umgeht, sondern übernimmt die öffentliche Kommunalverwaltung plus Mitarbeiter und führt sie in Eigenregie mit privatwirtschaftlichen Methoden weiter.

Nur wenigen ist bekannt, dass »the one world's biggest network media Services provider«23 seit Mitte 2005 einen Großteil der öffentlichen Verwaltungsarbeit in einem Teil einer britischen Grafschaft (Council) erledigt. Die Arvato AG übernimmt für mindestens acht Jahre die Verwaltung von der Unitary Authority East Riding of Yorkshire im Nordosten Englands mit rund 350.000 Einwohnern. Damit werden durch ein deutsches Unternehmen kommunale Verwaltungsaufgaben, die bisher dem britischen Staat oblagen, abgewickelt (vgl. KSA 23.2.2005; Fußnote 23).

Der Dienstleistungsvertrag soll für die Firma Arvato eine Art Vitrine für kommunale oder nationale Interessengruppen werden. Dieses Projekt sieht man (wie auch die Stiftungsprojekte) als Wettbewerbsmodell, das seine »überlegene Leistungsfähigkeit« beweisen soll (Göttert 2001: 128), um später marktfähig gemacht zu werden. Das Management behauptet zwar, dass es im Yorkshire-Projekt nur darum gehe, Prozesse qualitativ zu verbessern, doch letztlich dient das neue Tätigkeitsfeld dazu, die europäische Verwaltungselite zunehmend mit den Verlockungen der Privatisierung bekannt zu machen (vgl. Ristow: 13). Und was zurzeit auf kommunaler Ebene in Nordengland erprobt wird, kann später im Finanz- oder Verwaltungsbereich deutscher Behörden (vgl. Böckelmann/Fischler: 285) oder Bibliotheken und Büchereien perfektioniert werden. Mit dem sog. Yorkshire-Modell sollen Bedürfnisse geweckt und neue Märkte (vgl. TAZ 24.2.2005) geöffnet werden, da

schließung, Ausleihe u. a.) integriert werden und bei Nutzern sowie Personal für Transparenz sorgen. Die Funktion des Systems scheint jedoch auch in der D-NB unakzeptabel: Wenn man liest: »Aufgabenkritik und die Überprüfung von Rationalisierungspotenzialen stehen an« (Jockel/Niggemann 2004: 8), ist zu vermuten, dass seither viele Arbeitsstunden kontraproduktiv vergeudet werden. Wer 2006 in die D-NB in Sachsen, Hessen und Berlin kommt, muss feststellen, dass bisher kein RFID- oder wenigstens ein EDV-gestütztes Ausleihverbuchungssystem (in vielen Bibliotheken schon längst alltäglich) existiert. Warum es dieses nicht gibt, lässt sich leicht erahnen. Durch den außerdem noch hinzugekommenen, erweiterten Sammelauftrag werden die Probleme (vgl. ausführlich Fußnote 39 u. 42) in vielerlei Hinsicht zunehmen. Die ehemalige Selbstverpflichtung: »eine effektive, fachgerechte und benutzerorientierte Aufgabenerfüllung zu gewährleisten« (Jockel/Niggemann 2004: 11), wird die Direktion bis auf weiteres zurückstellen müssen.

23 East Riding: http://www.eastriding.gov.uk/homenews/archives/080205.html. Zugriff am 30.11.2006

mit - wenn diese Rechnung aufgeht - auch vom Kunden Staat möglichst viele flüssige Mittel über die Bertelsmann-Tochter Arvato in die Kassen des Gütersloher Mutterhauses gespült werden. Servicemanager Rolf Buch vermutet allein in Großbritannien ein »schlummerndes Marktvolumen [von] über acht Milliarden Euro.« (Ristow: 13)

Dass die Verwaltungs-Privatisierung schneller Realität werden kann als angenommen, zeigt sich in der Gründung eines entsprechenden Produktbereiches bei Arvato Direct Services. Auch die erwartungsvolle Rede der Staatsministerin im Bundeskanzleramt, Hildegard Müller (CDU), im April 2006 auf einem Verwaltungskongress (Thema: Effizienter Staat) und die Verleihung des Innovationspreises public private partnership (PPP) als einer der Höhepunkte des Kongresses, deutet die zunehmende (Bes-)Offenheit staatlicher Entscheidungsträger bezüglich PPP an: Den Sonderpreis verlieh die Jury in diesem Jahr nicht zufällig der Arvato Government Services Ltd. für ihr Yorkshire-Projekt (vgl. BS 5/2006). Laut Handelsblatt vom 29.3.2006 führt Arvato in »drei deutschen Mittelstädten« Gespräche mit deren Kämmerern über das Auszahlen von Beihilfen oder das Eintreiben bestimmter Steuern - Nordengland lässt grüssen.

Vom input zum output

Durch das willige Mitschwadronieren der 2007er-Projektgruppe bei der Debatte über eine »nationale bildungspolitische Initiative«, die im »Kontext der Globalisierung und des Wettbewerbs zwischen Nationen« steht (2007: 15), wird auch im Bibliothekswesen einem »Paradigmenwechsel« (G. Ruppelt) das Wort geredet.

Im Zentrum steht jetzt weniger das Sammeln und das Zugänglichmachen der jeweiligen Publikationen, sondern die Ausrichtung auf einen zukünftigen Nut-zer-/Kundenkreis: »Denn das Interessante ist ja der output, das ist immer wichtig was hinten rauskommt und weniger, was vorne reinkommt«, so die agile BID-Sprecherin und Chefin der Bremer Stadtbibliotheken (Lison 2006: 1).

Man sieht sich nun nicht mehr als traditioneller Verwalter und Bewahrer der Bestände, sondern schwingt sich zu Managern bzw. »Informations-Technologen« (Niggemann) des »multifunktional verfügbaren Wissens« (E. Mittler) auf. Das Motto lautet jetzt: vom Bestands- und Ergebnis- zum Wissens-Management. Frei nach dem synergetischen Credo »Informationen sind kein Wissen, und Bücher bestehen aus mehr als nur der Summe ihrer Teile« (DZ 32/2005), soll die erste Stufe dieser bibliothekarischen Metamorphose erklommen werden.

Für die Projektmitglieder ist, wie sich zeigen wird, die Kundenorientierung oberstes Ziel der Bibliotheken, bei dem insbesondere der »unternehmerische Gedanke mehr im Vordergrund« stehen soll als bisher. (Seefeldt 2005: 14) Wichtig ist nun eine »gute Erreichbarkeit von Bibliotheken: Zum Beispiel in Singapur werden zentrale Lagen in hoch frequentierten Einkaufszentren als Bibliothekstandort erschlossen. Durch sog. innovative Selbstbedienungskonzepte und über Internetportale werden die Zugangsmöglichkeiten noch gesteigert.«2 Auch die neu ernannte Honorarprofessorin Lux gibt schon länger originelle Lösungsansätze aus der internationalen Szene zum Besten. Sie ist der Meinung, man solle der Phantasie freien Lauf lassen: Dies reicht vom Fleischverkauf an der Biblio-Theke über das Aufstellen von Billardtischen bis zur Bestechung von Politikern. Zumindest im Event-Bereich scheint Wunsch und Realität näher zu liegen als anderswo: Wie wäre es zum Beispiel mit einer sog. After-Bib-Party, ein DJ-moderiertes Event, mit der die Universitätsbibliothek Mannheim erstmals 2004 Aufsehen erregte (vgl. ausführlich Beck 2006: 88ff). Man darf gespannt sein, was noch so kommt, schließlich wird auch im sog. Strategiekonzept gefordert, dass innovative Veränderungen nicht vor den eigenen Organisationsstrukturen »Halt machen« dürfen (2007: 23).

Bei dem zuvor angedeuteten Paradigmenwechsel geht es nicht mehr um das Archivieren von Beständen, das früher zentraler Bestandteil für jede Bibliothek war, es dreht sich jetzt alles um die output- bzw. Ergebnissteuerung. Bibliotheken sollen so zu wichtigen Dienstleistern »für Forschung und Lehre, für den örtlichen Handel, für Industrie und Wirtschaft und den Einzelnen« werden (Ruppelt 2005). Die zuerst von Seefeldt formulierte Entwicklung, dass sich die Bibliotheken in die »Vermarktung und Kommerzialisierung der Medien hineinziehen zu lassen« (Seefeldt 2005: 14), sind implizit von Lux, Mewes, Ruppelt & Co. gewünscht. Dass durch diese sog. content-Vernetzung die traditionellen Aufgaben der Bibliotheken zur Nebensache werden, weil die in dieser Phase des knowlegement beteiligten Unternehmen weniger an einer Imageverbesserung, sondern primär nur noch an der Steigerung der Profite interessiert sind, wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, denn in der knowledgesociety des informationellen Kapitalismus richtet sich der Blick nur noch auf den Unternehmensbereich (government-to-customer, government-to-business). Für die neuen biblionautischen (Sub-)Unternehmer steht nun nicht mehr der input (B. Lison: »was vorne reinkommt«) sondern nur noch der output (»was hinten rauskommt«), das outcomt, das content- und knowledge management, d. h. die

Lieferung gewünschter Materialien und Produkte (Essenzen, Metadaten usw.) oder andere Dienstleistungen im Mittelpunkt.

Bildungsferne und sozial schwache Habenichtse

Nimmt man die herrschende Begrifflichkeit ernst, wird deutlich, dass eine so geartete bibliothekarische Ausrichtung betriebswirtschaftliche Strukturen vermehrt inhalieren und implizit gesellschaftliche Gruppen ausgrenzen wird. Mit der Hinwendung zum content und outcome wird offen formuliert werden, was heute nur verklausuliert benannt wird: Die letzten noch vorhandenen bürgerlichen Ansprüche sollen ad acta gelegt werden, um sich ungestört auf marktökonomischer Ebene versuchen zu können. Lison, Flemming, Bilo & Co. können dann auch aufhören, gebetsmühlenartig über den selbst bestimmten und informierten Bürger oder über die vorgeblichen freiheitlichen Zugangsrechte auf vorhandene Bibliotheksbestände (vgl. 2007: 11f; kritisch Demirovic 2004: 497ff) zu räsonieren.

Wer in der Zukunft wichtige »Bildungsaufgaben« übernehmen und »den Menschen vom Kindergarten- bis ins Seniorenalter intensiv« begleiten will (Seefeldt 2005: 18; vgl. 2007: 35), muss einsehen, dass bald kein Interesse mehr daran besteht, dass sich die »bildungsfernen und sozial schwachen« Habenichtse »frei und eigenständig in einer selbst erschaffenen Informationswelt« (Seefeldt 2005: 14) bewegen können. Schließlich ist man teilweise schon heute »Frequenzbringer« im urbanen Raum (2007: 12), und morgen eventuell auch noch dem »harten Wettbewerb im Freizeitsektor und dem freien Spiel der Marktkräfte ausgeliefert.« (Seefeldt 2005: 18) Da außerdem »Informationen langfristig auch online nicht mehr kostenfrei verfügbar« sein werden, gibt es keinen triftigen Grund mehr, verbesserte Infrastrukturen für »alle Bevölkerungsgruppen« (ebd.: 12) zu fordern. Schließlich kann in einer »aktiven Gesellschaft« nicht auf alle Bedürfnisse eingegangen werden. Außerdem ist das sog. »lebenslange Lernen« (C. Eichert; B. Lison, G. Kissel u. a. m.) nicht mit einem autonomen Informationsverhalten zu verwechseln, denn dieser Gedanke postuliert, so die Meinung des Leiters der Landesbüchereistelle in Koblenz, »eine bislang weder für zweckmäßig noch für realisierbar gehaltenen Frühform von intellektueller Mündigkeit.« (ebd.: 14)

weiterung (vgl. ausführlich Maurer: 26ff; Ratzek 2005: 132ff, 173 ff; Becker: 181; B.I.T. Online 4/2005).

Vom output zum knowledge management

Die in »Kompetenzzentren«27 (E. Niggemann) umjustierten Bibliotheken werden nur noch am Rande ihren Beitrag zur »leistungsorientierten Bildungsinfrastruktur« (2007: 12) leisten. Sie werden sich an anderen Nutzer- bzw. Kundenkreisen orientieren und sich »künftig nach institutionsfremder didaktischer und ökonomischer Logik vermarkten« (Gaus 2005: 282). Das Augenmerk liegt nun auf» übergreifende Kooperationen« (2007: 10). Gemeint sind hier: Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Netzwerke (vgl. ebd.: 31), »Special Interest Groups« (Ratzek 2006: 631), communities oder think thanks.

Damit die Bibliotheken ihre Dienste direkt oder über die BEA als Logistikzentrale anbieten können, wird primär nur noch das bearbeitet und archiviert, was für den Kunden/Käufer wirtschaftlich interessant ist. Das beginnt damit, gesammelte oder verfilmte Primärquellen (Bücher, Zeitschriften usw.) der Vorstufe körperlich (gedruckt) oder unkörperlich (digitalisiert) zur Verfügung zu stellen und endet nicht damit, für die neuen Kundenkreise globale bibliothekarische Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten bereitzustellen (vgl. Seefeldt 2005: 11). Die sich daraus ergebende Umstrukturierung in operative Stiftungen, GmbHs oder sog. Eigenbetriebe (Stichwort Bremer Stadtbibliotheken) wird dazu führen, dass die neuen »Mediatheken« (B. Lison) verstärkt bestrebt sein werden, sich als sog. cross-mediale-Partner (vgl. Becker 2003: 185) in verschiedenen Marktsegmenten (Medien, Presse, Forschung, Beratung, Verlage, Judikative, Dokumentation usw.) zu prostituieren. Als sog. Wissens-Dienstleister wird man sich den marktwirtschaftlichen Wünschen der neuen Kundschaft anpassen und/oder später das zuvor archivierte und angepasste Wissen auf den neuen Märkten anbieten.

Hier treten die Neusprech-Akronyme »Hybridbibliothek« (G. Ruppelt) und »Knowledge-Management« (T. Becker) auf den Plan. Das klingt zwar abstrakt und abgehoben, doch, wenn man bedenkt, dass viele Konzerne und Unternehmen schon länger dabei sind, ihre Archive und Dokumentationszentren auszugründen (outsourcing) oder dass sie den Überblick über die internen aber unstrukturierten Informationsressourcen28 verloren bzw. versäumt haben, diese ziel- und sachgerecht zu dokumentieren, liegt es auf der Hand, die hier entstehenden Lücken mit

27 Das in der Politik und in Bibliotheksprojekten inflationär genutzte Wort Kompetenz fußt auf dem globalisierten Markt: »Kompetenz ist, was der Arbeitsmarkt braucht« (Gaus 2005: 275).

28 Deshalb stieß z. B. das FILERO-Integrationssystem für unstrukturierte Daten der LIB-IT GmbH auf der CeBIT 2006 auf so großes Interesse. Auch in der D-NB hat man ähnliche Träume: Ihr IT-Chef sieht das Kopal-Projekt (vgl. Fußnote 36) langfristig als »Betriebsmodell für die Industrie, [...] [das] Geld in die knappen Bibliothekskassen« bringen soll (c’t 22/2005).

Produkten bzw. content-Dienstleistungen nach globalen (d. h. angloamerikanischen) Tools und Standards3 durch marktschnittige Bibliotheken zu füllen.

Die Dokumentation und Nutzung des Wissens setzt jedoch leistungsfähige Systeme, versierte Informations-Technologen, genaue Kenntnisse und Analysen über die technischen und virtuellen Ressourcen sowie Erfahrungen in globalen Recherchestrategien (vgl. ausführlich Wiesenmüller 2005: 198ff) voraus. Diese Vorarbeiten haben die kameralistisch geprägten, d. h. inkompetenten Bibliothekseliten nicht leisten können, denn für das anvisierte take off ist keine personelle, geschweige denn technische Basis vorhanden. Dies wussten auch die aufstrebenden Bibliothekare des digitalen Augenblicks, trotzdem hat Ruppelt in ihrem Namen der Enquete-Kommission erfolgreich weisgemacht, dass man u. a. in der Lage sei, »durch Umverteilung von Ressourcen [...] gesicherte Information aus dem Datenmüll herauszufiltern [...] [und] bei der Auswahl, der Bewertung und Einordnung von Wissensquellen« behilflich zu sein (Ruppelt 2005).

Obwohl auch im Jahre 2006 noch völlig unklar ist, mit welchen »Bordmitteln« (ebd.) diese zusätzlich entstehenden Belastungen bezüglich Technik und Humankapital aufgebracht bzw. wie sie umverteilt werden sollen, gehen die Verfasser des sog. Strategiekonzeptes davon aus, dass es sogar »Erlöse« geben werde, die wiederum die Bibliotheken befähigen sollen, »innovative Projekte« zu finanzieren (2007: 23): Vermutlich denkt man im 2007er-Projekt gerade über ein customer relationship management, corporate branding, win win-Lösungen, proaktive Wissensvermittlung oder andere Tools aus dem unerschöpflichen Fundus der Betriebswirtschaft nach.

Diverse Gewinne und Imageverbesserungen

Offen bleibt, ob die obigen Aktionen auf naiver Fortschrittsgläubigkeit fußen oder bewusst auf die Ahnungslosigkeit anderer, z. B. der Mitglieder der Enquete-Kommission spekulieren? Denn im gleichen Jahr, als Projektmitglied Ruppelt vor besagter Kommission stand, schrieb Wolfgang Ratzek, dass man bezüglich der Grundgesamtheit und dem Nachweis relevanter und vollständiger Dokumente im Internet »große Erklärungsprobleme« bekommen werde (Ratzek 2005: 218), denn auch die D-NB, mit ihrer gesetzlichen Lizenz zum Sammeln von Internet-Medien, weiß selbst Ende 2006 noch nicht, wie sie objektbezogen vorgehen will, und mit welchen technischen Mitteln sie die unstrukturierten Daten aus dem Internet fischen (vgl. SZ 14.9.2006; FAS 29.10.2006) soll. Auch die daraus resultierenden Datenmengen und die entstehenden Kosten für Servernutzung und -Speicherung, Lizenzgebühren, Konvertierung, Langzeitarchivierung usw. sind kaum kalkulierbar.

Ähnliche Probleme hat auch Dr. Niggemanns Kollege Jeanneney in Paris, Präsident der Bibliotheque nationale de France (BNF), der in seinem Google-Buch viele Seiten lang über diverse zentrale Fragen von Bild- und Textmodi, über Suchmaschinen und -kriterien, Metadaten bis zur »Haltbarkeit digitaler Archive« (Jeanneney: 80) palavert, aber zu keinem Ergebnis kommt. Das kann er auch nicht, denn der globale Kapitalismus hat anderes im Sinn, als sich mit trendigen aber wenig profitträchtigen Sammel-Flausen einiger Nationalbibliotheken zu beschäftigen. Außerdem hat das ökonomische System die Erhaltung von Originalen oder Druckerzeugnissen schon immer öffentlichen Institutionen (z. B. Stadt- oder Bundesarchiven) und staatlichen Haushalten überlassen, denn mit der »Produktvergreisung« (W. F. Haug), gerade in der Informationstechnologie, ist für Microsoft und Konsorten mehr Profit zu hecken als mit einer Langzeitpflege ihrer Systeme. Weil aus diesen Gründen den Bibliotheken keine digitalen Werkzeuge (Tools) zur Verfügung stehen, wird von J.-N. Jeanneney die EU angerufen, damit passende »Hilfsmittel entwickelt werden (können), die den langfristigen Erhalt gewährleisten.« (ebd.: 81) Dass Steuergelder natürlich nicht reichen oder nur zum Anfüttern von Unternehmen dienen, ist auch an der Seine und am Main bekannt: Denn es sollen »private Investoren für das Projekt gewonnen werden [...]. Dass die beteiligten Firmen im Gegenzug Gewinne in Form einer Imageverbesserung oder sogar Steigerung der Verkaufszahlen erwarten, beunruhigt und verärgert« niemand weiter (ebd.: 88) -Hauptsache der böse amerikanische Google-Kapitalist bleibt draußen und gute europäische Firmen kommen zum Zuge: Zum Beispiel bei der Entwicklung einer multimedialen und -lingualen Suchmaschine Quaero - auf französischer Seite durch Thomson-Brandt (ebd.: 13) und in Deutschland u. a. durch die Empolis GmbH (vgl. DZ 32/2005; FAZ 15.3.2006; BtDr. 16/2492), ein Ableger der Bertelsmann-Tochter Arvato. In Frankfurts Chefetage sieht man es nicht ganz so eng wie in Paris: Solange die public private partnerships (PPP) dafür sorgen, dass auch europäische Werke ins Netz kommen, scheint es Dr. Niggemann egal, mit wem sie kooperiert (HB 7.12.2005).

Niemand macht ein Hehl daraus, dass das Quaero-Projekt kommerziell ausgerichtet ist: Laut Heise-online news vom 5.9.2006 und 23.11.2006 geht es den beteiligten Firmen von »vornherein« um eine wirtschaftliche Nutzung. Da sich allein die deutschen Industriepartner an diesem 400-Millionen-Projekt angeblich mit rund 140 Mio. Euro beteiligen wollen (vgl. BtDr. 16/2492), wird deutlich, dass es hier nicht

um Werbefinanzierungen, sondern u. a. um das »beflügeln« neuer Märkte (z. B. durch Lizenzen) geht.

Andere Stimmen machen deutlich, dass Quaero teilweise schon gescheitert sei, weil insbesondere Empolis, das sich bisher mit open-source-Projekten über Wasser hält, überfordert ist, die gewünschte »Basistechnologie (»Core Technology Cluster«)« (BtDr. 16/2492) zu entwickeln. Hier stellen sich dem Autor zwei Fragen: Bahnt sich hier ein weiteres (vgl. z. B. Toll-Collect und Fußnote 22) IT-Desaster an? Oder geht es bei den »Business Cases« (H. Schauerte) letztlich nur darum, dass SAP, Siemens & Co. einen Großteil der eingesetzten Steuermillionen (sog. FuE-Zuschüsse), parlamentarisch abgesichert, d. h. risikolos abgreifen können? Stimmt Letzteres, ist zu wünschen, dass die Konzerne wenigstens für die daran beteiligten mittelständischen Unternehmen (man beachte deren Namen: morsophy, ontoprice, m2any, Pilot usw.) noch ein paar Euro-Krümel übrig lassen.

»Wissensquellen [sollen] - ob diese nun in gedruckter oder elektronischer Form bereitstehen - [...] aktuelles Wissen auf der Grundlage definierter Profite [...] laufend aktiv zugänglich machen.« Man wird folglich den »Aufbau von kooperativen Bibliotheksstrukturen« (Hobohm 1997: 298) und somit die Kommerzialisierung des Bibliothekswesens, je nach politischer Lage, aggressiv oder verdeckt vorantreiben. Passende Partner (Rechenzentren, Dokumentations- und Recherchedienstleister, Provider usw.) lassen sich unter den rund 250 Unternehmen des Allroundversorgers Arvato finden: Diese Konzern-Töchter, die das Miles-&-More-Programm für die Lufthansa AG entwickelt haben, die Logistik des Buchversenders Zweitausendeins GmbH steuern oder Service-Provider des FC Liverpool sind, scheinen prädestiniert, als zukünftiger joint venture-Partner an marktschnittigen Hybridbibliotheken anzudocken. So bietet sich z. B. die im sog. knowledge management tätige Nionex GmbH an. Nionex hat auch das web-Portal Wissen.de entwickelt: Die Wissen.de GmbH hat ein joint venture mit der Deutschen Internetbibliothek, die wiederum ist aus einem Gemeinschaftsprojekt zwischen der B-S und des DBV (Vorstandsvorsitzende: Claudia Lux)30 entstanden.

»Inflationäre Werteverluste« durch die »Zersplitterung des Wissens«

Dass die Bibliotheken schon länger »Werteverluste« (G. Kissel) erleiden, wurde anfangs schon erwähnt, dass sie wegen der »Zersplitterung des Wissens« (J.-N. Jeanneney), bedingt durch die Verbreitungs- und Recherchemöglichkeiten im Internet, weitere Statusverluste erlitten haben und nicht mehr als »Horte des Welt

30 vgl. ausführlich www.internetbibliothek.de; Fußnote 4 u. 5

wissens« (J. Seefeldt) gelten, zeigen die sozialökonomischen Turbulenzen im Sektor der Informationsanbieter und im Internet auf: Mit der erneut angelaufenen Digitalisierungsoffensive bemüht sich Google (Print, Book Search bzw. Buchsuche) darum, gemeinfreie (sog. urheberrechtsfreie) Bücher oder Teile davon in großem Umfang über das web verfügbar zu machen (vgl. FAZ 24.10.2005; BöB 43/2005; BöB 7/2006). Nach Schätzungen sollen etwa eine Million Titel im Internet zur Verfügung stehen. Von den urheberrechtlich geschützten Werken werden angeblich - auf besondere Vereinbarungen mit den Verlagen (vgl. StZ 30.3.2005) hin - nur die Inhaltsverzeichnisse und die ersten Seiten ins Netz gestellt. Im Gegensatz zum BNF-Präsidenten, scheint der »äußerst kompetenten Generaldirektorin« (Jeanneney 2006: 13) der Deutschen Nationalbibliothek die Aussicht verlockend, »mit Hilfe und auf Kosten eines Privatunternehmens immer größere Teile der Bibliothek öffentlich per Computer erreichbar zu machen.« (DW 29.6.2005; vgl. DZ 32/2005; FAZ 9.3.2006)

Google will es nicht bei englischsprachigen Publikationen belassen. Und obwohl Urs Hölzle, Mitverantwortlicher der helvetischen Niederlassung, in einem Interview meinte, es würden alle profitieren und es werde nur »Gewinner« geben (NZZ 11.11.2005), geht den Deutschen das Scannen der umfangreichen Bibliotheksbestände von Stanford, Michigan, Oxford oder Harvard gegen den Strich. Seit Mitte 2005 versucht BKM (vgl. Fußnote 3) alle nationalen Digitalisierungsaktivitäten zu kanalisieren. Damit mit dem »Urheberrecht kein Unsinn« getrieben werden kann (FTD 17.10.2005) und um Google oder Yahoo entgegenzutreten, wollen Jeanneney & Co. in der EU im Rahmen des schon mehrfach genannten Quaero-Projekts sog. Wissensschätze in Bibliotheken Zentral-Europas mit EU-Unterstützung selbst scannen. Daraus ergeben sich jedoch wiederum einige Fallstricke für die Elite-Bibliotheken: Es wird geschätzt, dass allein in Europa viele Milliarden Publikationen vorhanden seien (vgl. NZZ 11.11.2005). Wer so viele Worthülsen absondern muss wie die deutsch-französische Bibliothekselite, kann sich allerdings nicht auch noch um Inhalte kümmern, und so passiert es, dass viele Detailfragen offen bleiben: Zum Beispiel kämen bezüglich der Verarbeitung dieser ungeheuren Medien-Mengen - selbst wenn man nur Europas Bibliotheksbestände fachgerecht scannen würde - zwangsläufig Fragen zur Bewertung, Selektierung (vgl. Jeanneney 2006: 20, 71 ff) und Wirtschaftlichkeit zu digitalisierender Objekte (sog. Digitalisate) auf. Ebenso sind die »Kosten, die die Digitalisierung als teuerste Variante der Konversion (Datenumwandlung; T. R.) eines gedruckten Textes« mit sich bringt, nicht abzusehen (Seefeldt 2005: 16). Um überhaupt mit Yahoo und anderen Profit-Digitalisierern mithalten zu können, braucht man sehr viele Steuergelder: Die läppischen Summen, die angeblich von der Europäischen Union (EU) hierfür zur Verfügung gestellt werden sollen (vgl. NZZ 11.11.2005), sind lächerlich gering, nicht nur im Vergleich zu den Budgets von Google und anderen, sondern auch bezüglich der anstehenden Kosten für die Digitalisierung nationaler Kulturgüter. Und auch die zwangsläufig steigenden Folgekosten für die Sicherung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Information werden »nicht zum Nulltarif« zu haben (H. Weber) sein.4

Außerdem ist die Ausgestaltung eines neuen Urheberrechts sowie die Sammel-und Abgabepflicht bezüglich digitalisierter Produkte noch offen. Wie das Copyright-Gesetz angepasst werden soll, ist auch 2006 noch ungeklärt. Innerhalb der Bibliotheks-Elite gibt es außerdem konträre Ansichten über die Ausrichtung des Urheberschutzes im Spektrum der Verlags- und Medienbranche.5

Im angloamerikanischen Raum, der für Google der Einstieg in den zukunftsträchtigen Internet-Markt war, scannt Google schon aktiv urheberrechtsfreie Werke. Es ist auch zu erwarten, dass sich Google mit den Verlegern arrangieren wird. Obwohl einige US-amerikanische Verleger in »Googles Umgang mit dem Copyright« und im Hinblick auf den Autorenschutz Konfliktpotenziale sehen (Roesler-Graichen 2005: 55), halten Deutschlands Verleger, laut einer Umfrage des Börsenblattes, die Zusammenarbeit mit Google eher für verlockend - verlockender als mit Deutschlands Bibliotheken (BöB 4/2005; BöB 13/2006).

Da laut Beger bezüglich der deutschen Bibliotheken »objektive Interessenskonflikte« existieren (Beger 2002: 203), sollten die Medienkonzerne und Verlage nicht voreilig verprellt werden, schließlich will man nicht nur ihre online-Publikationen und/oder urheberrechtsgeschützten offline-Produkte archivieren, sondern diese auch noch möglichst aktiv, in sog. hellen Archiven, d. h. mit Zugriffmöglichkeiten für den Nutzer/Kunden/Käufer sammeln - dies ist eine notwenige Voraussetzung, wenn man das verdeckt anvisierte content und knowledge management im Bibliothekswesen erfolgreich etablieren will.

Auch hier ist die Nationalbibliothek mit ihrem Pflichtexemplarrecht (legal deposit) federführend, denn im neuen Gesetz (vgl. BrDr; BtDr. 16/322) ist das schon von Dr. Niggemanns Vorgänger geforderte Sammeln von web-Medien vorgesehen (Lehmann 1996: 214). Die D-NB bereitet zwar aktiv den Weg vor, vorhandene Bestände zu digitalisieren (konvertieren) bzw. primär nur noch Informationen und Werke zu akzeptieren, die digital gespeichert sind. Doch nach der parlamentarischen Absegnung »Medienwerke in unkörperlicher Form« ernten zu dürfen (BgBl), scheint sich Ratlosigkeit in den Steuerungs- und Stabsstellen der D-NB breit zu machen. Für ein objektbezogenes Vorgehen bezüglich ihres Sammelauftrages mangelt es an festen Regeln. Über die daraus resultierenden Volumina und diversen Zusatzkosten hat man entweder keinen Überblick mehr oder verschweigt sie dezent.6 Fest steht dagegen heute schon, es werden explizit die Beschäftigten (Arbeitsverdichtung durch Automation und Digitalisierung) oder andere staatliche Einrichtungen aus dem Bereich Kultur und Medien sowie die traditionellen Nutzer (Gebühren u. a. m.), letztlich also die Steuerzahler unter dieser gesetzlich aufgeblähten digitalen Sammelwut zu leiden haben.

Die BKM und der Traum von der Erschließung deutscher Wissensschätze

In Anbetracht der oben genannten medial-ökonomischen Entwicklungen ist die Aussage von Generaldirektorin Dr. Niggemann, man werde sich, sollten einmal die ökonomischen Interessen von Google »zu Lasten einer objektiven Aufarbeitung der Bücher gehen, (...) mit anderen europäischen Nationalbibliotheken um ein eigenes vergleichbares Projekt« bemühen (DW 29.6.2005), Augenwischerei, wurde man doch kurz vorher von einer ihrer Untergebenen (die es wissen muss) im Deutschlandradio (Kultur Fazit, vom 13.5.2005) darüber belehrt, dass es bereits ein »Riesenfortschritt« wäre, wenn die im »Digitalbereich bestehenden Normen, Protokolle, Standards vereinheitlicht würden, um zu ermöglichen, dass alle Bibliotheken Zugang zu den bestehenden digitalisierten Wissensbeständen haben.« Fakt ist auch: Es gibt zurzeit kein funktionierendes »Kampfbündnis« (DW 30.6.2006), denn erst im Frühjahr 2006 hat sich die deutsche Quaero-Programmgruppe laut Pressemitteilung des BMWi (16.3.2006) über den weiteren Fahrplan verständigt. Auch Prof. Lehmann, Vorgänger7 von Dr. Niggemann und heutiger Leiter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), hält es für »mehr als vermessen«, von einer »nationalen Digitalisierungsstrategie zu sprechen« (Jeanneney 2006: 105). Denn der Digitalisierungs-Zug ist schon längst abgefahren und für Europas Bibliotheken geht es heute nur noch darum, hinter den Unternehmen herzuhecheln, die aus »handfesten kommerziellen Gründen« (E. Niggemann) den Weg vorgeben.

Man darf gespannt sein, ob alternativ die windige Initiative des Berliner Verlegers Hans-Jörg Heinrich und seiner Gesellschaft für digitale Dokumentation (Ge-diDo) wieder zu neuem Leben erweckt wird. Heinrich hatte Anfang 2005 behauptet, angeblich in enger Absprache mit BKM und der damaligen Kulturstaatsministerin Weiss, Kulturgüter mit Hilfe von 20.000 (sic!) Ein-Euro-Jobs in kurzer Zeit digitalisieren zu können. Der Geschäftführer des Kulturrates murrte zwar kurz auf, weil er u. a. der Ansicht war, dass man innerhalb von zwei Jahren keine korrekt digitalisierten Werke herstellen könne (BZ 4.1.2005; ND 6.1.2005; BZ 8.1.2005). Doch schon im Deutschlandfunk (Kultur heute, vom 4.1.2005) wies Heinrich in einem Interview darauf hin, dass es »reichlich Einrichtungen« gebe (z. B. SPK, Museen), die »das gerne mit uns zusammen machen« würden.

Mittlerweile stellt sich vielleicht auch BKM wieder die anstehende Finanzierungsfrage, die Heinrich damals so beantwortete: Es liege im Ermessen der Kultureinrichtungen, »ob sie für die Verwertung der Rechte Geld haben wollen oder ob sie meinen, dass sie es sich auch leisten können, das umsonst zu machen«. In Frankreich scheint man Letzteres zu favorisieren, denn was hat sonst folgende Aussage vom Patron de la BNF zu bedeuten: »der Traum von der Erschließung aller Wissensschätze, die wir im Verlauf der Jahrhunderte angesammelt haben und die nun der Allgemeinheit zu Verfügung stehen sollten, und zwar in erster Linie jenen, die aufgrund ihrer familiären, gesellschaftlichen oder geografischen Herkunft vom unmittelbaren Zugang zum kulturellen und geistigen Erbe der Menschheit ausgeschlossen sind.« (Jeanneney 2006: 20) Oder hat er hier die effektive Fütterung des zukünftigen Wissens-Proletariats mit Literaturmodulen für Schulen oder Turbo-Studiengänge (Bachelor) im Auge? Die Ausgemusterten der modernen Bürgergesellschaft, nur ein paar Metro-Stationen von seinen Büchertürmen entfernt, in den Banlieues oder anderen Ghettos Frankreichs sind ganz sicher nicht gemeint!

Dass man so sukzessive in eine von Jürgen Seefeldt vorhergesehene »Situation« gerät, nämlich die, dass »die Bibliotheken in ihrer zukünftigen Entwicklung irgendeiner Medienkonkurrenz vorarbeiten [...] [und] sich in die Vermarktung und Kommerzialisierung der Medien hineinziehen« (Seefeldt 2005: 14) lassen, ist nicht

ins politische Zentrum der Republik, an die Spree. Lehmann ist außerdem Kuratoriumsmitglied der B-S.

mehr von der Hand zu weisen. Und kaum hatte sich die Aufregung um Google etwas gelegt, gab es neue Turbulenzen, denn nun ist auch Yahoo der Open Content Alliance beigetreten: Ziel der Allianz, in der sich Archive, Universitäten und Unternehmen wie Microsoft, Adobe, Hewlett-Packard usw. tummeln, ist ebenfalls der Aufbau einer online-Bibliothek (vgl. BöB 5/2006).

Dass es auch Stimmen gibt, die vor überzogenen Erwartungen8 warnen, weil Bücher-Datenbanken zu teuer und überflüssig seien und weil sie den Irrglauben voraussetzen, dass die elektronische Kommunikation alle früheren Formen ersetzen könnte (vgl. DW 14.1.2005; DZ 32/2005), tangiert die Projektmitglieder wenig, die Suchmaschinen-Kapitalisten nur dann, wenn die erhofften Profite in der Folgezeit ausbleiben.

Die »surfenden Biblionauten« (Rheinz 1997: 88) und die Mitglieder des 2007er-Projektes haben es eilig, möglichst bald ein vom unternehmerischen Gedanken getragenes »unverzichtbares Glied in der Wertschöpfungskette der Wissensgesellschaft« zu werden (2007.: 9). Auf dem »Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft« (ebd.: 35) wird das Bibliothekswesen jedoch auch noch einige Klippen umfahren müssen. Deshalb wird die Metamorphose von einer bestandswahrenden Institution zu einer sog. Wohlfühl- oder Kompetenzbibliothek - trotz exotisch klingender Projekte wie z. B. XOPAC oder Kopal96 - kein leichtes Unterfangen sein, sind doch die gesellschaftlichen Entscheidungsträger schon seit langem dabei, die Bildung und andere traditionelle Kettenglieder (zu denen auch das Bibliothekswesen gehört) des Auslaufmodells Wohlfahrtsstaat als angeblich nicht mehr tragbaren »Sozialklimbim« (Ex-Kanzler H. Kohl) im coatroom der Geschichte entsorgen.

Um hier gegenzusteuern ist sog. lobbying gefragt. Außerdem sollten die neuen Eliteeinheiten des sog. Wissens-Managements nicht nur ihr jeweiliges »Orchideenministerium«10 sondern auch ihre sog. usergroups bzw. businessgroups im Auge behalten. Außerdem müssen die Nutzer- bzw. Kundenströme so gesteuert werden, dass man im ranking der Besucherzahlen mit anderen Bibliotheken möglichst geringe Einbrüche erleidet; oder mit den oben angesprochenen modifizierten Dienstleistungen erfolgreich corporate-Mimikry betreiben kann. Ebenso sollte mit sog. corporate wording, naming, medial relations, public affairs usw. gearbeitet werden, damit den »regierenden Verantwortungsträgern« (Fülberth 2006: 23) stets suggeriert werden kann, dass man ein verlässlicher und »zentraler Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb« (2007: 11) sei.

1

   Auch hier wird nur interpretiert (E. Niggemann [FR 14.10.2006]: »Widerspruch [ist] ausdrücklich willkommen.«) was allgemein bekannt ist: Das Lokale Betriebssystem (LBS) wurde vom bibliothekarischen (non profit-)Subunternehmen OCLC-PICA B.V. in Leiden (Niederlande) konzipiert und vermarktet. Mit ihm sollten viele Tätigkeitsfelder einer Bibliothek (Titelaufnahme, Sacher

2

   Hasiewicz, C.: »Strategiekonzept Bibliothek 2007. Häufig gestellte Fragen (FAQ)«, unter: http://www.bibliotheksverband.de/bibo2007/Bibliothek2007FAQ.pdf. Zugriff am 30.11.2006

3

Um dies realisieren zu können, müssen die Bibliotheken dafür sorgen, dass Faktenwissen schnell auffindbar und verwendbar wird. Die Strukturierung von Wissen wird also verstärkt nach globalen, d. h. hier nach angloamerikanischen Richtlinien (DDC, AACR [Anglo-American Cataloguing Rules]) standardisiert werden. Für die Nutzung der sog. Dewey Dezimalklassifikation (DDC) sind Gebühren zu zahlen, die Lizenz liegt bei der OCLC-PICA B.V. (zu OCLC-PICA siehe Fußnote 22)

4

   http://www.uni-münster.de/Forum-Bestandserhaltung/forum/2006-03.html.    Zugriff am

30.11.2006; vgl. FAZ 15.3.2005 / Prof. Weber veranschlagt allein für die Erhaltung der vorhandenen Archivbestände von Bund, Ländern und Kommunen ca. 11 Mrd. Euro (Für die Mikroverfilmung eines Buches ist z. B. mit 50-100 Euro zu rechnen.). Doch dass sind nur Peanuts im Vergleich zu den anstehende digitalen Langzeitarchivierungskosten.

5

   vgl. RNZ 18.1.2005; BöB 21/2006; http://www.blk-bonn.de/papers/heft84.pdf. Zugriff am 30.11.2006.

6

   vgl. Fußnote 42; HAZ20.9.2006; http://lib.consortium.ch/external_files/KB-DIAS-swiss.pdf. Zugriff am 30.11.2006    ,

7

   Die Ex-DDB (jetzt D-NB) ist ein Kind der sog. Wiedervereinigung, gezeugt vom sog. Wendekanzler Kohl und seinem findigen Adlatus Prof. Klaus-Dieter Lehmann (dem Leiter der damaligen Deutschen Bibliothek in Frankfurt). Nachdem Lehmann während der Kohl-Ära sein Vereinigungswerk Anfang der 1990er Jahre durchziehen konnte, einen Teil der Deutschen Bücherei (Ex-Nationalbibliothek der DDR) in Leipzig abwickelte (über 150 abgebaute Arbeitsplätze) und eine farblose Nachfolgerin installierte, entschwebte er kurz vor dem Jahrtausendwechsel als neuer Leiter der SPK

8

   Seefeldt befürchtet sogar, dass die freie Verfügung digitalisierter Texte zu einem schrankenlosen Individualismus mit »erheblicher gesellschaftspolitischer Brisanz« führen kann (2005: 14).

9

   Kopal (sog. Kooperatives Langzeitarchiv für digitale Daten): Obwohl das BMBF (seit 2004) in KOPAL insgesamt 4 Mio. Euro buttert, ist der Satz von Dobratz und Tappenbeck auch 2006 immer noch gültig: »Für die Langzeitarchivierung digitaler Dokumente existiert aktuell kein optimales technisches Konzept.« (Dobratz/Tappenbeck: 260) Viel mehr als ein Informationsportal mit newsletter (www.langzeitarchvierung.de) ist bisher nicht herausgekommen. XOPAC ist ein Akronym für Extendable Online Public Access Catalog. Neben CrissCross und Nestor ist insbesondere das Projekt KIM (Kompetenzzentrum für Interoperable Metadaten) interessant, bei dem es u. a. um die »Etablierung von Consulting-Diensten« geht (http://www.d-nb.de/standardisierung/afs/newsletter2006_03.htm. Zugriff am 30.11.2006).

10

   Mit dem Orchideenministerium ist hier speziell die für die D-NB zuständige BKM gemeint (FAS 21.8.2005); vgl. Fußnote 3.