Wie sich gezeigt hat, sind für die Umformung des klassischen Bibliothekspersonals zu flexiblen Dienstleistern diverse Strukturreformen notwendig, denn immer noch stehen viele rechtliche Rahmenbedingungen einer breiten Reorganisierung im Angestellten- und Beamtenbereich im Wege. Die Reformierung des Personals zu flexiblen Dienstleistern, und die Besoldung des Beamten nach Leistung, dass also den »faulen Säcken« (Altkanzler G. Schröder) - auch wenn es diesmal nicht die Lehrer sind - endlich Feuer unterm Hintern gemacht wird, kommt dem Gerechtigkeitsempfinden der Stammtische zunehmend entgegen. Die mediale Begleitmusik von Springer, Burda & Co. die den Groll der sog. Unterschichten auf die Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes virtuos bedient, zeigt Wirkung. So ist nicht von der Hand zu weisen, dass mittlerweile auch einige Bundesbehörden des BKM daran denken, zukunftsweisende Pilotprojekte zur flexiblen Zurichtung ihres Personals anzustoßen. Mit Einsprüchen der fragmentierten Betroffenen (in der D-NB hauptsächlich verbeamtete bzw. angestellte Frauen) ist außerdem kaum zu rechnen. Über ein Scheitern dieser Reorganisierung durch widerspenstige Mitarbeiter und/oder deren Personalräte muss man sich nicht sorgen, denn das anpassungswillige Bibliothekspersonal und ihre gewählten Interessenvertreter werden die Kröten der damit verbundenen Entsicherung und Deklassierung schlucken.
Die einstige »Strahlkraft« (2007: 34) des neoliberalen Aufbruches scheint nachzulassen. Spätestens nach Abwicklung der DDR, dem Krieg gegen Rest-Jugoslawien, dem Zusammenbruch der new economy und dem Abtritt der Schröder-Fischer-Combo ist die kapitalistische Reproduktion etwas außer Form geraten (vgl. Altvater 2005: 139).
Auch Albert Bilo und Petra Klug (beide Mitarbeiter der B-S) klagen Mitte 2005 darüber, dass die Neustrukturierung der Bibliotheken ihren Niederschlag »lediglich in der Literatur« findet, und fragen (Bilo/Klug 2005: 451): »Ein Zeichen der Agonie?« Gründe dafür sind, so die Meinung des Bertelsmann-Kopflangers Hasiewicz (von 2004-2006 Leiter des 2007er-Projektes), die fehlenden tragfähigen Perspektiven und Ziele, und das Versäumnis »feste Wegmarken« für die effiziente Bibliothekszukunft (Hasiewicz: 105) einzuschlagen. Wie sich zeigte, ist die Bibliothekselite den »Megatrends« (G. Kissel) hinterher gestolpert und hat, so scheint es, versäumt, sich die entsprechenden (und beim Personal stetig abgemahnten) Fachkompetenzen anzueignen, die eine ökonomisch randständige Bibliothekselite braucht, um in der »informationstechnologiebasierten Wissensdienstleistungsgesellschaft«1 (H. Rust) bestehen zu können. So kann sich zwar die DDB/D-NB auch offiziell auf dem internationalen Parkett mit ihrer neuen nationalen corporate identity von ihren Mitkonkurrenten in Berlin und Bayern abheben, steht dafür aber beim Schultern des durch den »Bundestag geprügelten« (FAS 29.10.2006) und nun gesetzlich fixierten multimedialen Sammelauftrages2 mit »instabilen Zufallskonstrukten« (E. Steinhauer), d. h. ohne technische und organisatorische Konzepte, dafür aber mit einem überforderten Behörden-Management und teilweise demotiviertem Personal im Sog der zum Imperativ gewordenen Digitalisierung.
Auch wenn man die passenden Produzenten oder Firmen ausfindig machen wird, um »alle Darstellungen in öffentlichen Netzen« zu sammeln und auf »Dauer zu sichern« (§§ 2 u. 3 des DNBG), an dem Brocken3 des erweiterten Sammelauftrages wird die runderneuerte Nationalbibliothek zu schlucken haben: Damit beim sog. crawlen oder harvesten im Internet mehr herauskommt als uneffektiver Budenzauber, werden langfristig nur einige Unternehmen aus der Dokument- und ECM-Branche (enterprice content management) die wahren Nutznießer (z. B. Filenet Corp.) sein, deren group- und Software aufgrund fehlender eigener Informationstechnologien (vgl. BöB 26/2006) gebraucht wird, um relevante Publikationen im Internet abgreifen und erschließen zu können.
Die Digitalisierung der klassischen Archivbestände sowie die Archivierung der neuen Medien hat stetig steigende Kosten in Millionenhöhe4 zur Folge: »Da ein durchschnittliches Buch, dessen Beschreibung in einem online-Katalog weniger als eine Seite Text in Anspruch nimmt, ungefähr zweihundert Seiten umfasst, erfordert die rundum digitale Bibliothek einen lebendigen Datenmorast, der ungefähr zweihundert Mal so umfangreich ist wie ihr online-Katalog. Und das gilt [...] nicht für einen, der das Erscheinungsbild der gesetzten Originalseiten erfasst. [...] [Gescannte Exemplare bedürfen der ständigen Auffrischung, und die Kosten für das Upgrating der Software sowie für neue Geräte können zwar nicht beziffert werden, sind aber hoch.« (Baker 2005: 313) Die unkalkulierbaren Kosten belasten vorrangig jedoch die Steuerzahler.5
Die Etablierung eines »Transformationssystem[s] über einen Markt« (Ratzek 2005: 135) läuft nicht so flott, wie es sich die Bibliothekseliten herbeiwünschen: Das parlamentarische Ränkespiel der Leitung der Ex-DDB - der bis 2005 der Name Deutsche Nationalbibliothek (vgl. BöB 20/2005) verwehrt blieb - macht dies beispielhaft deutlich: Denn die den Bundesrat dominierenden Länder und einige Verleger hätten das Adjektiv >national< gerne wieder aus dem Gesetzentwurf herausstreichen lassen. Auch die »Wortwitzeleien« (FR 11.1.2006) und Widerworte, die die Generaldirektorin im politischen Streit um ihren bibliothekarischen Etikettenschwindel (vgl. Saur/Niggemann: 20; FAZ 19.1.2006; DW 21.1.2006) zu hören bekam, lässt vermuten, dass die angepeilten Geschäfte mit dem digitalen content und den Nutzungsrechten von gebrannten und/oder online-Produkten nicht so reibungslos einzufädeln sein werden, wie von der Leitung der Nationalbibliothek und anderer Bibliotheken erhofft.
Die Flurbereinigungen durch die sog. Föderalismusreform (vgl. ausführlich Reul 2006: 6) dienen i. d. R. dazu, die obsolet gewordene »Kleinstaaterei« (Ex-Bundesinnenminister O. Schily) zu demontieren und durch eine zentralistische Steuerung zu ersetzen. Im sog. Strategiekonzept wird sie als »bundesweite Koordinierung« (2007: 15) bezeichnet. Ähnlich sieht es, laut Christof Eichert, mit dem von BID und 2007er-Projekt geforderten »Bildungs- und Informationsgesetz« auf Bundesebene aus, das wegen der föderalen Struktur in der Bundesrepublik, im Gegensatz zu Skandinavien »keine Tradition« hat (Eichert 2005). Die Bibliothekslobbyisten sind der Meinung, dass es ihnen aufgrund vieler »hemmender« Strukturen (ebd.) und aufgrund von mangelndem »Vertrauen der Politik in die Jahrtausende alte Institution, der man offenbar nicht zutraut, den neuen Anforderungen der Informationsgesellschaft« (Seefeldt 2005: 14) gerecht zu werden, bisher nicht gelungen ist, die »Schlüsselrolle der Bibliotheken in der Bildungslandschaft« (2007: 10) »glaubhaft und nachhaltig in den Köpfen der Entscheidungsträger zu verankern.« (Seefeldt 2005: 14) Dabei vergessen Beger, Mittler, Wätjen & Co., dass die neuen Strukturen den sog. Rückbau der staatlichen Aufgaben auf ehemals klassisch-liberale Kernfunktionen ideologisch und ökonomisch präferieren. Öffentliche Institutionen und Aufgaben, darunter gehören auch das Bildungs- und Bibliothekswesen, sollen nach Möglichkeit den befreiten Marktkräften überlassen, d. h. privatisiert werden.
Vor diesen kapitalistischen Abgründen klingt die Aussage der Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek in Berlin, Prof. Claudia Lux, die eine »Einbettung der Bibliotheken in die aktuelle Diskussion im Land« wünscht, um die Kompetenzen der Bibliotheken in Deutschland zu fördern, eher resignierend statt fordernd. Es ist also noch Lobbyarbeit zu leisten, bevor die Nachfolgerin des BID-Sprechers Ruppelt ihre insolenten Visionen anschieben kann: Denn »die Politik muss davon überzeugt werden, dass wir Leistungen erbringen, die zu ihren Zielen passen, nicht nur dass wir Leistungen insgesamt erbringen, sondern dass deren Ziele und unsere Leistungen ausgesprochen konform sein können.« (Lison 2006: 6) Auch Dr. Eichert (Mitglied des 2007er-Projektes und seit kurzem leitender Angestellter in der B-S) scheint heute die Lust am Aufbau von sog. Wissens- und Kompetenzzentren verloren zu haben, denn er meint im Gegensatz zu 2004 (vgl. 2007: 8), dass erstens die »Debatte um die Frage, wer in Deutschland der [...] Bessere unter den Schlechten« ist, Ausdruck »dieser verunglückten Wettbewerbsidee« sei, und zweitens, der »vielbemühte Wettbewerb« der »Bildungssysteme längst dort stattfindet, wo auch die Wirtschaft konkurriert: auf dem globalen Spielfeld der Nationen.« (Eichert 2006: 473)
Ob es angesichts der »ungeheuren« Herausforderung, die in der Ambivalenz der Erfindung des webs und der digitalen Medien liegt, gelingen wird, die »Passivität« auf europäischer Ebene »zu erschüttern und wachzurütteln« (Jeanneney 2006: 36), ist nicht sicher. Dass man hier eher auf der Stelle tritt, zeigen die Aussagen des Leiters der BNF: »Die Europäer müssen gemeinsam an einer Alternative arbeiten, bei der das gesamte Wissen nach wohldurchdachten und nachvollziehbaren Regeln geordnet und die Zuverlässigkeit der dargebotenen Informationen gewährleistet ist.« (ebd.: 13)
Ohne EU-Verfassung, mit bibliothekarischer Regellosigkeit, vielsprachigem Kompetenzgerangel, nationalen Vorurteilen, ökonomischen Heterogenitäten und fehlenden Strategien ist es kein Wunder, dass die Bibliothekselite bezüglich Europas zu diesem Thema außer der üblichen »Sammlung von Worthülsen« (F. Böckelmann) keine Antworten auf die »Schlüsselfragen der Zukunft« (K.-D. Lehmann) hat.
Obwohl der BNF-Chef in seinem Anti-Google-Buch, dass Klagen und »Jammern den mürrischen und rückwärtsgewandten Zeitgenossen« überlassen will (ebd.: 27), stößt er einige Seiten später angesichts der vielen potentiellen Spielverderber ins EU-Horn: »Anderenfalls - machen wir uns nichts vor - wäre nicht nur das öffentliche Interesse bedroht. Im kulturellen Bereich, aber auch in allen anderen Bereichen würde das Ungleichgewicht der Welt zunehmen, und eine dominante Kultur [gemeint sind die USA; T. R.] würde den Status einer Hypermacht bekommen.« (ebd.: 47) Jeanneneys Rufe sind zum Teil erhört worden: Das kommerzielle Quaero-Projekt startet demnächst (diesmal aus Steuermitteln gut gefüttert), um angeblich den dominierenden Google-Konzern in die Schranken zu weisen.
Dass gerade hier die von der Bibliothekselite umworbene B-S ihren Fuß noch weiter in deren Institutionen (Archive und Bibliotheken) und anderen Bildungseinrichtungen (Schulen und Universitäten) schieben kann und so dem Medienkonzern (z. B. mit dem Tausendsassa Arvato) der Weg für neue lukrative Geschäfte geebnet wird, ist gewünscht, denn für sie hat sich die Stiftung als »Identifikationspunkt der Reformarbeit« (H. Meffert) bewährt.
Noch läuft der »Laden wie von selbst«, schrieb Klaus Kreimeier im Frühjahr 2005 in einer Tageszeitung. Für »bedenklich« hält er allerdings, dass es dem Neoliberalismus an Theorien, Zielen und Perspektiven mangele und es nicht gelinge, »gesellschaftliche Kollektive über Einzel- und Gruppenegoismen hinaus zu gewinnen.« (TAZ 19.1.2005) Ob und wann also die Elite des Stiftungsprojektes und deren »Hand- und Kopflanger« (G. Fülberth) mit ihren Kompetenzzentren zu einem funktionierenden Bestandteil der kapitalistischen Wertschöpfungskette Deutschlands werden, ist noch nicht ausgemacht. Dies hängt unter anderem davon ab, ob sich die neuen Hüter unserer Kulturgüter, wie im sog. Strategiekonzept erträumt (vgl. 2007: 34f), staatlich abgesichert, als Teil der »Produktivkraftnutzung und Mehrwertschöpfung auf einer qualitativ neuen Stufe des bestehenden ökonomischen Systems« (Bernhard 2003: 928) etablieren können - oder im Wettstreit mit anderen Institutionen ausscheiden.
Viele im 2007er-Projekt angemahnte Reformen und Innovationen durch eine Bildungsinnovationsagentur sind papierene Visionen geblieben. Ebenso klaffen, wie sich aktuell zeigt, auch in der runderneuerten Nationalbibliothek Wunsch und
Wirklichkeit weit auseinander. Denn auch dort ist, salopp ausgedrückt, >ziemlich viel noch nicht fertig.< Obwohl das Gesetz (DNBG) zur Archivierung des deutschsprachigen Internets seit 2006 in Kraft ist, wird in der D-NB abgewiegelt und der erteilte gesetzliche Auftrag »als noch zu erreichendes Ziel« umdeklariert (FAS 29.10.2006). Am Main scheint man sogar den Kopf in den Sand zu stecken: Mit dem Konvertieren (scanning) von Beständen, in anderen Bibliotheken voll im Trend, will man sich nicht befassen. Worauf wartet die Generaldirektion? Fehlt hier das entscheidende Quäntchen Courage, das gebraucht wird, um die angeblich »hemmende Inflexibilität öffentlich-rechtlicher Verwaltungsstrukturen« zu überwinden, die Schuld daran sein sollen, dass die neuen »Kernlegitimationen« (G. Kissel) nicht umgesetzt werden können.
Oder hat man mittlerweile (so wie Dr. C. Eichert) eingesehen, dass die insolenten Halluzinationen des sog. Strategiekonzeptes (2007: 35) untauglich sind, die Chancen zu erhöhen, irgendwann Teil der »Wertschöpfungskette der Wissensgesellschaft« (2007: 9) zu werden? Oder zeigt sich hier, dass auch die Mitglieder der Bibliothekselite einem ranking unterliegen? So scheint die Direktion der D-NB bisher keinen Bertelsmannschen >Ritterschlag< bekommen zu haben, denn von einer »wohlwollende[n] Berichterstattung« (Böckelmann/Fischler: 231) kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Die spöttelnden und/oder kritischen Presseartikel (FR 11.1.2006; FAZ 19.1.2006; SZ 14.9.2006; ct 19/2006) wollen nicht verstummen. Die Redakteure haben sich außerdem nicht damit zufrieden gegeben, die PR-Vorgaben der Deutschen Nationalbibliothek zu übernehmen, sondern selbst recherchiert. Die dilettantische Öffentlichkeitsarbeit der Nationalbibliothek trägt zusätzlich dazu bei, dass sich die Zahl der unkörperlichen Fettnäpfchen stetig vergrößert (vgl. SZ 14.9.2006; HAZ 20.9.2006). Dass nicht nur der Autor, sondern auch die Presse hinter den schlecht versteckten Internet-Hokuspokus der D-NB gekommen ist, kann in den ausführlichen Beiträgen des Herbstes 2006 (FR 14.10.2006; FAS
29.10.2006 usw.) nachgelesen werden.
Hat sich also deshalb die Hüterin der traditionellen Medienwerke in eine zögerliche Archivarin des flüchtigen Augenblicks verwandelt? Dass die Massendigitalisierung ein lukratives Geschäft zu werden verspricht, hat man sicher auch schon bei Arvato erkannt. Warum bemüht man sich nicht bei einer Bertelsmann-Tochter um joint venture-Projekte, oder sind die Netzwerke zum Konzern nicht für alle Mitglieder des 2007er-Projektes gleich durchlässig?
Durch die fortschreitenden Privatisierungsprozesse hat sich das Leben nicht nur zwischen Westerland auf Sylt und Waldshut-Tiengen im Südschwarzwald tief greifend verändert. Die Reorganisation des deutschen Bildungswesens über den Warenmarkt hat auf das gesamte Angebot von Information durch Bibliotheken Auswirkungen. Von dieser Gesellschaftsstrategie der Privatisierung werden langfristig Konzerne wie Bertelsmann sowie andere dominierende Wirtschaftszweige und vielleicht eine kleine Minderheit betuchter (Lern-)Bürger profitieren.
In den letzten Jahren der neoliberalen Dominanz sind viele - früher nur marginal erkennbare - Widersprüche zunehmend deutlicher geworden. Im großflächig initiierten Umbau der Gesellschaft (vgl. ausführlich Altvater 2005: 193ff) haben im freien Spiel der entgrenzten (National-)Ökonomisierung die retardierenden Kräfte zugenommen. Die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und Güter spaltet die Gesellschaft in Marktbürger, die sich - mit »monetärer Kaufkraft« (E. Altvater) ausgestattet - nahezu alles leisten können (Waldorfschulen, biodynamische Kost, Druckerpatronen, Putzhilfen, Kaviar, Korruption, Kultwein, Weib und Gesang), und Normalbürger, die sich mit einem reduzierten Angebot öffentlicher Dienste (Stichwon Bildungssparmodell) zufrieden geben bzw. darauf verzichten müssen. Auch die soziale Teilnahme wird unterminiert - insbesondere da, wo moderne Sozialmythologen (Schröder, Clement usw.) und neoliberale Grüne (Cohn-Bendit, Fischer, Kuhn usw.) die politische Landschaft mitgestaltet haben (vgl. Böckelmann/Fischler: 247ff), werden den unteren Gesellschaftsgruppen die Kultur- und Bildungshähne zugedreht. Mit der sukzessiven Pauperisierung diverser kleinbürgerlicher Schichten, sowie dem weiteren Auseinanderklaffen der Einkommensschere zwischen Reich und Arm - Hartz IV-Familien und andere Prekarisierte (vgl. Fülberth 2006: 23) wurden schon vom neoliberal geprägten Kapitalismus ausgesondert - werden diese gesellschaftlichen Risse offensichtlicher.
Hat eine wallonische »Heuschrecke« (Vizekanzler F. Müntefering) den Expansionsbestrebungen des Konzerns vorläufig Grenzen gesetzt? Aufgrund des im Frühjahr 2006 erzeugten Drucks durch Albert Frere bzw. durch die Groupe Bruxelles Lambert (GBL) war der Mohn-Clan gezwungen, den Rückkauf der Anteile von GBL zu finanzieren (4,5 Mrd. Euro), um einem verhassten Börsengang aus dem Wege zu gehen (vgl. DW 30.5.2006). Dies fuhrt dazu, dass man in Gütersloh die eine oder andere projektierte Vision6 vorerst ad acta legen muss.
Trotzdem sollte man es nicht mit klammheimlicher Freude bewenden lassen, denn es ist schon länger an der Zeit - auch im Bibliothekswesen - sich »von den unwägbaren Folgen dieser sanften Mitregentschaft« durch Bertelsmann zu befreien (Böckelmann/Fischler 2004: 319). Ebenso notwendig ist es »Ansätze einer alternativen solidarischen Ökonomie« zu entwickeln, die sich »gegen die dominanten Tendenzen der Unterwerfung der Gesellschaften unter die Gesetze des globalen Marktes« wenden (Altvater 2005: 188)!
Um zu verhindern, dass der Neoliberalismus weiterhin unsere Köpfe und die unserer Kinder mit dem Müll seines visionären Geschwätzes füllt - damit »die >Erhöhung des Ausbeutungsgrades< [...] [als Ziel und] als der am tiefsten zu versteckende Inhalt aller >Reformpolitik<« nicht erkannt wird (Rügemer 2006: 79) ist es unbedingt notwendig, aktiv und vehement Widerstand gegen den schleichenden Prozess der Ökonomisierung von Bildung und Wissensaneignung zu leisten! Denn die heute noch zu den öffentlichen Gütern gehörenden bibliothekarischen Bildungsvektoren müssen nicht nur bewahrt werden sondern allen zugänglich bleiben. Diese Zugänglichkeit und andere Aspekte des menschlichen Handelns bilden eine Basis, die unbedingt an die kommenden Generationen zur kritischen, autonomen und insbesondere emanzipatorischen Nutzung weitergereicht werden sollten.
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BrDr: Deutscher Bundesrat, Drucksache 396/05 (8.7.2005)
BtDr: Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode (WP), Drucksache 14/8277 (20.2.2002), 16. WR Drucks. 16/322 (23.12.2005), 16. WR Drucks. 16/2492 (1.9.2006)
Wilhelm Ruehl, Arno Klönne
über die Beliebig- und Leerformelhaftigkeit diverser aktueller Metaphern vgl. ausführlich Kübler 2005: 16ff, 89ff
vgl. Fußnote 22 u. 42. Die Umwandlung (Konversion), Migration (Überführung von Objekten von einer Hard-/Softwareumgebung in eine andere bzw. neue.) und Emulation, (Das sog. Aufsetzen einer Software auf eine neue Hard- und Betriebssystemumgebung, die die Systemvergangenheit nachahmt.). Die Manipulierbarkeit digitaler Medienwerke (Texterkennungssysteme usw.), die sog. Produktvergreisung der Software, die Alterungsbeständigkeit und die Systemlebensdauer sind völlig ungelöste Probleme. Das permanente Wachstum des Internets ist ebenfalls unkalkulierbar »und es besteht nicht die geringste Hoffnung, all diese unübersehbare und wandelbare Information jemals zu konservieren.« (DZ47/1999)
vgl. ausführlich unter: http://www.blk-bonn.de/papers/heft84.pdf. Zugriff am 30.11.2006; Auch die D-NB hat sich der Frage zu stellen: »Wozu die übervollständige Anhäufung des Mittelmäßigen und Schlechten« (Jacob Grimm zitiert in FR 14.10.2006).
vgl. FAZ 15.3.2005; Frühauf: 4f; http://www.blk-bonn.de/papers/heft84.pdf. Zugriff am 30.11.2006.
Da die Deutsche Nationalbibliothek die Veröffentlichung von Kostenabschätzungen (auch nicht in der Hausöffentlichkeit) unterbindet, hat der Autor selbst recherchiert, Berechnungen anderer Bibliotheken hinzugezogen und einige Schätzungen angestellt: Danach wird sie im Jahre 2007ff allein für die Archivierung von off- und online-Publikationen und nichtkommerziellen de.-websites (jährlich ansteigend) weit über 1 Mio. Euro (Hierin sind noch keine Langzeitarchivierungs-, Personal- und andere sog. Softkosten enthalten.) benötigen. Der Etat der D-NB betrug 2006 ca. 38 Mio. Euro, unterteilt in ca. 20 % Sach- und 80 % Personalkosten (vgl. Jockel/Niggemann 2004: 4ff). 10 Jahre später werden vermutlich mehr als 4 Mio. oder sogar des D-NB-Sachhaushalts für die Archivierung digitaler Kulturgüter verplant werden müssen.
»Wir wollen in der Weltliga der Medienkonzerne mitspielen.« (zitiert in FAS 21.5.2006)