»Hitlers bester Lieferant!«

Das Vordringen des Bertelsmann-Konzerns auf den us-arnerikanischen Buchmarkt 1998 war mit ein Anlass, die von Bertelsmann verbreitete Legende von der Distanz des Verlages zum Nationalsozialismus zum Platzen zu bringen. Hermann Werle legt dies detailliert dar.

Zur braunen Geschichte des Bertelsmann-Verlags ist es eigentlich ausreichend, die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu zitieren. Unwidersprochen wurde Bertelsmann von einer der größten überregionalen Tageszeitungen als »Hitlers bester Lieferant« bezeichnet. Hintergrund dieser Schlagzeile vom 18. Januar 2000 war die Veröffentlichung eines Zwischenberichts einer historischen Untersuchungskommission um den Historiker Saul Friedländer, Professor an der Universität Tel Aviv und an der University of California.

Die Bezeichnung »Hitlers bester Lieferant« könnte treffender nicht sein, angesichts der Verlagsgeschichte vor und während der Zeit des deutschen Faschismus.

Wie Daimler-Benz, die Deutsche Bank, BAYER und andere Großkonzerne, so war auch Bertelsmann stets emsig bemüht, das Image der weißen Weste nicht durch die Thematisierung seiner Geschäfte während und mit der nationalsozialistischen Diktatur beschmutzen zu lassen. Die Ergebnisse des Zwischenberichts rückten die Unternehmensgeschichte von Bertelsmann für eine breitere Öffentlichkeit in ein neues Licht. »Sie sind ein Desaster für die bisherige Selbstdarstellung des Konzerns«, so die FAZ.

Image in Gefahr

Die Vorgeschichte der Unabhängigen Historischen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich (UHK) begann 1998. Im Frühjahr 1998 hatte Bertelsmann den Verlag Random House übernommen und war damit zum größten Verlagshaus im englischsprachigen Raum aufgestiegen. US-amerikanische Medienexperten und Autorenverbände standen dieser Übernahme sehr kritisch gegenüber, da nach ihrer Auffassung Bertelsmann damit rund 30 Prozent des amerikanischen Buchmarkts kontrolliere. Bertelsmann selber rechnete diese Zahl auf 12 Prozent herunter. Dem deutschen Verlagsgiganten kam es in dieser Zeit gut gelegen, dass Thomas Middelhoff, seinerzeit designierter Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, am 10. Juni 1998 der Vernon A. Walters Award des American Jewish Committee in New York verliehen wurde. In seiner Dankesrede zur Preisverleihung bemühte Middelhoff die Legende des widerständigen Verlags aus Gütersloh, der wegen der Verbreitung subversiver Schriften 1944 geschlossen worden wäre. »Ich schätze mich glücklich« so Middelhoff, »Für ein Unternehmen zu arbeiten, das sich schon immer für die Freiheit der Religionen und Rassen eingesetzt hat. Während des zweiten Weltkriegs haben wir Bücher publiziert, die vom Dritten Reich als >subversiv< verboten wurden. Das Weiterbestehen von Bertelsmann war eine Bedrohung für die Nazis bei ihrem Versuch, die Meinungsfreiheit unter ihre Kontrolle zu bringen« (zit. nach Böckelmann/Fischler 2004: 71).

Eine Darstellung, die infamer kaum erlogen sein konnte und diesseits und jenseits des Atlantiks auf massive öffentliche Kritik stieß, die insbesondere auf den Recherchen des Publizisten Hersch Fischler beruhte. Erst dieser - das positive Image der Bertelsmänner gefährdende - öffentliche Druck führte dazu, dass die Bertelsmann-Führung Ende 1998 den Historiker Saul Friedländer damit beauftragte, die Geschichte des Verlagshauses zu untersuchen.

Die von Friedländer geleitete Historische Kommission hielt unmißverständlich fest, dass »die ungewöhnlich hohe Zahl von 19 Millionen Wehrmachtsexemplaren, die die Gewinne explodieren ließ und C. Bertelsmann den ersten Platz in den Produktionsstatistiken sicherte - weit vor dem Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf. -« sich mehreren Gründen verdankte. Dazu gehörten die Leistungsfähigkeit der Bertelsmann-Druckerei, die geschickte Papierbevorratung sowie die »Vergabe von Aufträgen an Druckereien im besetzten Holland und hinter der Ostfront«. Aber vor allem und »entgegen dem Eindruck, den die Unternehmensführung nach Kriegsende erweckte, verlief die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen der Wehrmacht und des Propagandaministeriums weitgehend komplikationslos« (Friedländer 2002: 555). Vor dem Hintergrund der skrupellosen

Anpassungsfähigkeit der Bertelsmann-Führung ist dies nicht verwunderlich!

Provinznutten der Literatur

Dienten die gleichgeschaltete Tagespresse und der Rundfunk der unmittelbaren Beeinflussung des >Volkswillens<, so produzierte die Literatur - und zwar schon weit vor 1933 - den antisemitischen, völkisch-chauvinistischen und revisionistischen Grundtenor in Teilen der deutschen Bevölkerung.

Die Bücherverbrennungen, die am 10. Mai 1933 im ganzen Deutschen Reich und vor allem in den Universitätsstädten stattfanden, waren der symbolische Akt des kulturellen Umsturzes in der Wissenschaft, Kultur und in der Literatur. Als die sogenannte >undeutsche Literatur auf Scheiterhaufen verbrannt wurde, dürfte sich nicht ein Titel aus dem Hause Bertelsmann darunter befunden haben. Bertelsmann hatte sein Verlagsprogramm schon frühzeitig auf den sich ausbreitenden völkischen und antisemitischen Geist abgestimmt und entsprechende Autoren unter Vertrag genommen. Eine hervorragende Bedeutung hatten dabei Will Vesper und Hans Grimm, zu denen die Historische Kommission schreibt: »Vesper war überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, beharrte zugleich aber hartnäckig auf seinem protestantischen, deutschen Christentum. Grimm war schon vor der >Machtergreifung< öffentlich für die NSDAP eingetreten, wahrte danach aber stets, nicht zuletzt als Organisator der Lippoldsberger Dichtertage, eine gewisse nationalkonservative Distanz zum Regime. In ihrer Mischung aus emphatischer Affirmation, gewundener Anpassung und eigenwilliger Abweichung von den offiziellen Vorgaben waren Vesper und Grimm repräsentativ für die weltanschaulich relevanten Teile des belletristischen Programms von C. Bertelsmann« (Friedländer: 170f).

Neben seiner Autorentätigkeit war Vesper Herausgeber der Neue Literatur, einer der Zeitschriften, »die schon vor 1933 die linke und die >jüdische< Literatur bekämpften, wobei sie häufig die linke (>bolschewistische<) Literatur mit der jüdischen identifizierte« (Berglund 1980: 1). Als Mitglied der Deutschen Akademie der Dichtung war Vesper aktiv an der Vorbereitung der Bücherverbrennungen beteiligt und der Hauptredner bei der Verbrennung des >undeutschen Schrifttums< in Dresden. In der von Alfred Rosenberg herausgegebenen Publikation Nationalsozialistische Monatshefte vom Januar 1936 schrieb Vesper unter dem Titel »Was Will Vesper Deutschland wünscht«: »Daß es weiterhin geschlossen und ohne Zaudern dem einen Führer folgt, der die Deutschen endlich zu einem Volke macht! Und diesem deutschen Volke wünsche ich, daß die anderen Völker Europas ihm endlich mit offener Ehrlichkeit und mit Verständnis begegnen, zum Heil Europas, das nur durch die geschlossene Solidarität aller seiner Völker den großen Weltprozeß gewinnen kann, der gegen die weiße Rasse und gegen Europa heraufzieht« (zit. n. Berglund).

Andere Autoren des Bertelsmann-Verlags hatten zwar nicht die Bedeutung eines Will Vesper, wendeten sich aber ebenso vehement gegen das >Berliner Literatentums welches als Inbegriff der jüdischen Intellektuellen galt. Diese Autorenschaft stand in einer Tradition des Klein- und Bildungsbürgertums, das schon Ende des 19. Jahrhunderts in aggressiver Weise »auf die als krisenhaft und bedrohlich empfundene Moderne« (Friedländer: 170) reagiert hatte. Die Gegnerschaft zur Moderne äußerte sich in einer »Gemengelage aus Antisemitismus, Antikapitalismus wie auch Antisozialismus und Antiurbanismus« (a. a. O.).

Auf genau diese Schriftsteller sowie deren Tradition und Herkunft zielte die bissige Kommentierung Kurt Tucholskys, die er wenige Tage nach den Bücherverbrennungen seinem Freund Walter Hasenclever zukommen ließ: »Da kommen sie nun aus allen Löchern gekrochen die kleinen Provinznutten der Literatur, nun endlich, endlich ist die jüdische Konkurrenz weg - jetzt aber! Will Vesper in seiner >Neuen Literatur; immer feste<; (Tucholsky 1983: 308).

Mit diesen als »Provinznutten« beschimpften Autoren machte der Bertelsmann-Verlag gewaltige Umsätze und profitierte auf diese Weise vom Faschismus. Im Gegenzug wurde aus Gütersloh der geistige Nährboden der nationalsozialistischen Ideologie geliefert.

Mit Kriegserlebnisbüchern entwickelte der Verlag ein stark expandierendes Geschäftsfeld, welches sich stark an Jugendliche wandte und mit dem es Bertelsmann gelang, reichsweit eine Leserschaft zu erreichen, wodurch die »Beschränkung auf das protestantische Familienpublikum in der Provinz« (Friedländer: 554) durchbrochen wurde. Einen ganz besonderen Erfolg konnte Bertelsmann im Herbst 1934 mit dem Titel Flieger am Feind feiern. Das Buch wurde zum »Weihnachtsbuch der Hitlerjugend« gekürt und verkaufte sich in mehreren Auflagen 124.000mal (vgl. Böckelmann/Fischler: 83).

Bertelsmann war also weit mehr als irgendein mittelständisches Unternehmen, der Familienbetrieb lieferte zwar keine Waffen, aber dafür >aufbauende< und Kriegsliteratur, die Kriegsbereitschaft schuf und später die Moral an der Front und an der Heimatfront aufrecht erhalten sollte.

Arsendosen

»Worte können sein wie winzige Arsendosen«, schrieb Victor Klemperer in seinem Werk LTI (Lingua Tertii Imperii), zur Sprache des Dritten Reiches: Diese Arsendosen, so Klemperer »werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Wirkung doch da« (Klemperer 2002: 27).

Bertelsmann verfütterte literarische Giftmischungen in Millionen-Auflagen und legte mit den erzielten Profiten den Grundstein für den nach dem Krieg entstehenden Medien-Weltkonzern. Die heute von Bertelsmann gestreuten Giftmischungen haben durch die weltweite Expansion des Konzerns und das Wirken der Stiftung sowie der Universitätsinstitute eine erheblich erhöhte Reichweite und wirken an verschiedensten Stellen. Und nicht zuletzt wird auch weiterhin die eigene

Geschichte umgedichtet - trotz des unzweideutigen Berichtes der Historischen Kommission.

Schaut man auf die Homepage des Random Verlagshauses, der 100-prozentigen Bertelsmann-Tochtergesellschaft in den USA, so liest man dort, dass »nach dem Druckverbot religiöser Schriften zu Kriegsbeginn« der Bertelsmann Verlag, »jetzt der Wehrmacht unterstellt«, gewesen sei und »sogenannte Feldpostausgaben, teils mit harmlosem Inhalt, teils mit Verklärung der Kriegswirklichkeit« gedruckt hätte. Und weiter ist zu lesen: »Im Herbst 1944 erfolgt die Schließung des Verlags und ein halbes Jahr später die Zerstörung der Verlagsgebäude während eines britischen Luftangriffs.« (http://www.randomhouse.de/cbertelsmann/about.jsp?men=139).

Zu dieser verkürzten und damit verfälschenden Selbstdarstellung, die darin gipfelt, den Verlag auch noch als schuldloses Opfer britischer Luftangriffe darzustellen, ist festzuhalten:

1.    Bertelsmann war zu keinem Zeitpunkt der Wehrmacht unterstellt, sondern kooperierte mit den zuständigen Stellen der Wehrmacht und des Propagandaministeriums wie es die Untersuchungskommission ausführlich darlegt;

2.    der Verlag kann auch nicht ansatzweise auf irgendeine Art und Weise für sich in Anspruch nehmen, dem Widerstand zugerechnet zu werden und gehört drittens auch in keinster Weise zu den Opfern des Faschismus, sondern stand auf der Seite der faschistischen Täter und hat davon mächtig profitieren können.

Wie wenig der Bertelsmann-Verlag seit jeher bereit war, die eigene Geschichte und Verantwortung aufzuarbeiten, zeigte sich schon unmittelbar nach Kriegsende. Der damalige Verlags-Chef, Heinrich Mohn, verschwieg in seinem persönlichen Entnazifizierungsbogen seine finanzielle Unterstützung verschiedener NSDAP-Gliede-rungen und seine Mitgliedschaft im Förderkreis der SS, und bemühte sich mit seiner Führungsriege im Sommer 1945 die schwer belasteten Nazi-Autoren Hans Grimm und Will Vesper wieder an den Bertelsmann-Verlag zu binden.

Trotz dieses Geschäftsgebahrens konnte Mohn unter den wohlwollenden Augen der britischen Besatzungsmacht schon zum Jahreswechsel 1946/47 seiner Belegschaft vermelden, dass die »Produktion wieder auf einen rentablen Stand« (Friedländer: 525) gebracht worden war.

Die Wurzeln der Machtfülle des heutigen Bertelsmann Konzerns, reichen bis in die Zeit des aufkommenden Faschismus, beruhen auf den damals mit antisemitischer und völkischer Literatur erzielten Profiten und sind zudem dem Umstand geschuldet, dass es in Westdeutschland nie eine Stunde Null der historischen Aufarbeitung sowie des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus gegeben hat und auch nicht geben sollte.

Weiterführende Literatur:

Berglund, Gisela, 1980: Der Kampf um den Leser im Dritten Reich. Die Literaturpolitik der >Neuen Literatur (Will Vesper) und der Nationalsozialistischen Monatshefte< Worms

Böckelmann, Frank/Fischler, Hersch, 2004: Bertelsmann - Hinter der Fassade des Medienimperiums, Frankfurt am Main

Friedländer, Saul 2002: Bertelsmann im Dritten Reich, München

Klemperer, Victor 2002: LTL, Leipzig

Tucholsky, Kurt 1983: Briefe - Auswahl 1913 bis 1935, Berlin

Thomas Barth