Du bist vierzehn Jahre alt. Du magst diese Hose nicht, aber jemand hat einmal zu dir gesagt, dass du darin Bombe aussiehst, und das genügt, dass du sie heute anziehst, damit im Spiegel zumindest eine Idee, wenn nicht eine ganze Person existiert. Als du klein warst, hast du Fose gesagt, und alle haben über dich gelacht, doch dieses Lachen war zärtlich, denn es trug die Gewissheit in sich, dass der Fehler auf jeden Fall verschwinden würde, wenn du größer wirst. Jetzt bist du vierzehn und stehst da in der Bomben-Hose und betrachtest deinen unförmigen Körper im Spiegel. Der Spiegel ist klein, seine Ränder schneiden dir die Beine oberhalb des Knies und eine Schulter ab. Im Rahmen ist ein missgestalteter Körper, und in diesem Körper bist du. Die Widersprüchlichkeit deines Spiegelbilds ist schmerzhafter als die zu enge Hose. Dein zu kleiner Körper scheidet heißes, dickflüssiges Blut aus. Zwischen den plumpen Beinen eines unbeholfenen Mädchens trägst du einen struppigen Wald, den noch niemand gesehen hat. Selbst Mama nicht, selbst der Arzt nicht. Dein Wald macht dir Angst, denn du bist überzeugt davon, dass ihn andere Mädchen nicht haben. Sie sind sicher glatt da unten, etwas muss mit dir nicht in Ordnung sein. Alle sind größer als du, und fast alle haben Brüste. Ihre Finger sind nicht mehr die Finger kleiner Mädchen, sie halten Bleistifte wie Zigaretten, wiegen sich in ihrem Gang, wissen, wie man sich die Augenbrauen zupft. Du hast einmal versucht, deine zu zupfen, aber du hast es übertrieben, und Papa ist wütend geworden. Er hat dich gefragt, ob du eine Hure sein willst, wenn du erwachsen bist. Du hast den Kopf geschüttelt. Du hast deinen Teller angestarrt, Mama und der Bruder haben geschwiegen, das Restaurant war voll junger Mädchen mit perfekten Augenbrauen. Die werden keine Huren, hast du gedacht. Sie haben keinen Wald da unten und in sich, innen drin. Sie sind glatt. Aber Augenbrauen wachsen nach, und jetzt sind sie wieder üppig im Spiegel. Du versuchst, sie mit den Fingern glatt zu streichen, und dann siehst du deine Nägel, sie sind bis zum Fleisch kurz geschnitten, denn du spielst Gitarre und darfst keine Nägel haben. Einmal hast du sie lackiert, und Papa ist wütend geworden. Er hat zu dir gesagt, dass er Lebenserfahrung habe und dass ein Mädchen, das sich mit vierzehn die Nägel lackiert, mit sechzehn schwanger wird. Deshalb sind deine Nägel farblos und so kurz geschnitten, dass du sie dauernd im Bewusstsein hast. Dieser Schmerz ist ein Schmerz der Grenze, dort wo das Fleisch aufhört und das Blut anfängt. Diesen Schmerz trägst du immer in deinen Fingern, egal was du berührst. Du hast deine Lippen berührt, sie sind rau und schälen sich ab. Mama hat dir einen Balsam gegeben und gesagt, dass du ihn immer bei dir tragen sollst, denn abgenagte Lippen sind nicht schön. Das kommt daher, weil du darauf herumbeißt und sie aufeinanderpresst, sobald dich jemand ansieht. Und es sieht dich immer jemand an: Lehrer, Freundinnen, Jungs, ältere Jungs, die Nachbarin, Mama, Papa. Immer kannst du mit fremden Augen rechnen, wo auch immer du dich befindest, darum wirst du immer an deinen Lippen beißen. Das ist leichter, als zu reden. Wenn die Hausfrau weniger spricht, dann verbrennt das Essen nicht, hat deine Oma einmal zu dir gesagt, als ihr zusammen Kekse gebacken habt. Oma hat auch aufgeplatzte Lippen, sie redet auch nicht viel, aber ihre Brüste über dem festen Knoten an der ausgebleichten Schürze sind riesig. Du könntest sie nicht tragen, du bist überzeugt davon, dass sie dir das Rückgrat brechen würden. Omas Brüste machen dir Angst, genau wie diese paar schwarzen Haare an ihrem kleinen, vorgewölbten Kinn. Zum Plaudern bleibt auch keine Zeit, solang das Essen nicht bereit, sagt sie fröhlich, während sie das Türchen des Küchenofens öffnet. Ihre Brüste reichen fast bis in dessen Schlund. Als du klein warst, dachtest du, dass der Ofen die Großmutter und ihre großen Brüste verschlucken würde. Du denkst auch jetzt daran, während du dein enges Sweatshirt mit einer Aufschrift, die du nicht verstehst, ansiehst. Cool, hat das hübscheste Mädchen der Klasse gesagt, als du letzte Woche in dem Sweatshirt zur Schule gekommen bist. Nein, sie ist kein Mädchen, sondern eine junge Frau. Sie ist bereits eine junge Frau. Du wünschtest, du hättest ihre Haare: lang und gerade, ohne nervigen Wirbel über der Stirn. Als ihr beim Fotografen wart, hat Mama ihre Finger abgeleckt und deinen Wirbel so kräftig nach hinten gezogen, dass du Kopfschmerzen bekommen hast. Das war fürs Familienfoto, dieser Schmerz an deinem Schädel. Jetzt spürst du ihn jedes Mal, wenn du das Bild ansiehst. Du meinst, du siehst auch Mamas Spucke in deinem Haar. Einmal hast du deine Haare mit etwas gewaschen, das sich Color-Shampoo nennt, und dann hast du in der großen Pause die Sonne gesucht, damit alle die roten Funken in deinem Haar sehen könnten. Du wolltest ihnen etwas von dir zeigen, das nicht gewöhnlich und langweilig war. Aber das hat nicht lange gedauert, denn du hattest Angst, dass es Papa auffallen würde. Jeden Morgen wuschst du die Haare mit heißem Wasser, um die rote Farbe abzutöten, bevor er sie sah. Die Hitze brannte auf deinem Scheitel, und du hieltst das aus, denn auch der schwächste Sonnenstrahl hätte genügt, um noch ein Familienessen zu ruinieren. Jetzt bist du da, im Spiegel, wieder gewöhnlich, wieder brünett wie vertrocknete Kastanien, mit zu großen Augenbrauen und einem Wirbel im Haar und aufgeplatzten Lippen. Deine Bomben-Hose und dein cooles Sweatshirt sind unauffällig genug, damit du dich aus dem kleinen Zimmer stehlen kannst. Du gehst an Mama in der Küche vorbei und an Papa auf dem Sofa und gehst nach draußen. Denn heute ist Samstag, und du musst Brot kaufen. Es ist nur ein paar Minuten Fußweg eure Straße entlang, doch du weißt, dass deine Stadt ein Bienenstock voll Augen ist und du in deine Lippen beißen wirst und in deine Zunge und in deine Wangen, wenn dich heute jemand anschaut und nicht genau dieses Du sieht, das im Rahmen des Spiegels gut genug war, gut genug, dass es Papa nicht aufgehalten hat, bevor es die Tür erreicht hat, gut genug, dass die hübscheste junge Frau in der Klasse sagt, dass es cool ist. Es ist egal, dass es nur die Besorgung eines Laibs Brot ist. Du hast den Einkauf erledigt und gehst nun stolz mit der heißen Plastiktüte in der Hand, die Gehsteige sind leer, die Sonne scheint so kräftig, dass du überzeugt bist, sie bringt noch den letzten Hauch roten Color-Shampoos in deinem Haar zum Vorschein. Die Straße ist leer, und du spürst, du kannst alles sein, was du willst. Du fragst dich, ob sich so richtige Frauen fühlen, große Frauen, Frauen mit Brüsten, wenn sie Brot kaufen gehen. Und dann spürst du eine schwere Hand auf der Schulter und eine zweite an deinem Ellbogen. Du kennst sie nicht, sie müssen aus der Nachbarschaft sein, sie stinken nach Schweiß und Alkohol. Die Nähe ist wie dein gestutzter Nagel, es tut fast weh, das Blut ist gleich da, hinterm Rand. Zuerst verstehst du nicht, warum sie so nah bei dir stehen, doch dann fangen sie an zu sprechen, dir in die Ohren zu hauchen, und da begreifst du. Ihr geht deine Straße hinunter, die auf einmal leerer ist als zuvor, obwohl du gerade noch allein warst, und jetzt seid ihr zu dritt. Spitze Härchen kratzen an deiner Wange. Sie sagen dir, dass du einen guten Arsch hast, denselben, den du vorhin im Spiegel gesehen hast, in der Bomben-Fose, nein, Hose, den Arsch eines vierzehnjährigen Mädchens, das seinen Wald verschweigt. Aber jetzt willst du alle Wälder in dir anzünden und dich wie eine Schachtel zusammenfalten in eine einfache Ebene. Du möchtest dich auf zwei Dimensionen reduzieren, nur damit diese Worte in deinem Ohr und dieser Bart an deiner Wange und diese Hände an deinem Ellbogen und dieser beißende Atem in deinen Nasenlöchern verschwinden. Deine Straße ist noch leerer, die Häuser sind wie Schachteln, wie du, hinter ihren Fenstern sind keine Augen mehr, die Mütter sind in der Küche, die Väter schauen Nachrichten. Da musst du allein durch. Er macht weiter. Jetzt sagt er dir, was er mit dir machen würde, er und sein Freund würden das mit dir machen, und du willst nicht weinen, denn dann bist du wieder ein kleines Mädchen, das das Wort Hose nicht aussprechen kann, und dann wäre alles das, was hier passiert, noch schlimmer. Du musst es aushalten, wie das heiße Wasser, das die Röte in deinen Haaren tötet, du musst es aushalten, bis du zum Tor gelangst, das fast da ist, ganz nah. Du musst aufhören: in den Füßen, den Beinen, im Bauch, den Ellbogen, den Lungen, den Haaren; das Du muss als Ganzes aufhören. Und du hast es geschafft, jetzt bist du nur noch ein Abbild, das die Straße hinuntergeht, dieser Körper aus dem Spiegel, aber ohne dich darin. Ein Körper, der gesehen, berührt, besprochen, beschimpft, ausgelacht, überfallen wird. Ein Körper, der diese Hose, dieses Sweatshirt trägt, auf dessen Schulter seine schwere Hand liegt. Dieser Körper nähert sich dem Tor und öffnet es, während die beiden ihren Weg mit ein paar letzten Bemerkungen fortsetzen: über den Mund dieses Körpers und den Hals dieses Körpers und was sie alles in diesen Körper hineinstecken wollen. Der Körper trägt die Tüte mit dem warmen Brot, der Körper schmerzt, weil heute daraus Blut fließt, der Körper steigt die Treppe hinauf und beginnt, in seinen zwei Dimensionen zu zittern wie ein verknitterter Geldschein im Wind. Der Körper betritt das Haus des Vaters, und jetzt ist er schon wilder, blutig, verschwitzt, in Tränen aufgelöst, und der Vater nimmt ihn in seinen Arm und fragt ihn, was passiert sei. Der Körper sagt dem Vater nicht, was genau passiert ist, denn es sind nur Worte passiert, die der Körper nicht wiederholen möchte, denn der Körper schämt sich für sich selbst in diesen Worten. Der Körper spürt, dass der Körper schuld ist, er ist aus dem Rahmen des Spiegels und auf die Straße hinausgetreten, um in der Bomben-Hose Brot zu kaufen. Er hätte drinbleiben sollen, ohne Beine und eine Schulter. Doch der Vater hält den Körper, der Vater liebt und beschützt ihn. Er beschützt ihn vor der Straße, beschützt ihn vor dem Wald. Der Vater streichelt seine Haare und sagt leise: Wer ist mein Mädchen? Mein kleines Mädchen. Und der Körper schrumpft, bis er klein genug ist, um in Vaters Arme und Vaters Fragen zu passen. Die Wälder im Körper verwelken, und das Blut kehrt in das abgestorbene Gewebe zurück, und die Nägel sind wieder weich wie die eines Neugeborenen. Der Körper erstirbt in den Armen des Vaters, während die Mutter in der Küche das warme Brot aufschneidet. Denn heute ist Samstag, und es ist Zeit fürs Mittagessen.