Die Sonne ist stark, und ich werde mich an sie immer als Tyrannen erinnern. Sie hat sich mit dem Sportlehrer verschworen. Ich stehe da in roten Shorts, die meine schiefen Beine verspotten. Die Sonne ist gemein, denn sie bringt die Wunden der ersten Rasur ans Licht. Dieses Jahr habe ich Hüften bekommen, unförmige Schwellungen unter den Beckenknochen, obwohl der Rest von mir noch immer der Körper eines kleinen Mädchens ist. Schau mal, wie süüüß die ist, hat das größte Mädchen in der Schule gesagt. Sie sieht aus wie ein Hund, wie ein süßer kleiner Terrier!

Sie sprach über mich in der dritten Person, als wäre ich tatsächlich ein Tier. Jetzt brutzle ich in den roten Shorts in der Sonne, der dumme Terrier, der nicht wusste, wie er auf die Provokation antworten sollte, sondern einfach so dort stand – töricht und bedeutungslos, wie er ist. Die Sonne schmerzt. Sie ist

Es ist heiß, und bald laufen wir los. Eine Laufbahn gibt es nicht, wir müssen um die Schule herumlaufen, durch den Hof, dann durch die Öffnung am Drahtzaun hindurch, anschließend die Straße neben den Autos entlang, weil der Gehsteig voller Löcher ist. Am Kiosk biegen wir links ab, und dann geht es zurück auf den Schulhof. Er nennt das einen Kreis, der Tyrann im blauen Trainingsanzug, obwohl das mit einem Kreis herzlich wenig zu tun hat. Es handelt sich im besten Fall um ein geknicktes Rechteck, dessen eine Seite durch ein Loch im Zaun führt und sich bis neben einen Kiosk mit belegten Brötchen erstreckt. Der Kreis existiert nur, weil er ihn so nennt. Bestimmt steht irgendwo in seinem Lehrplan, dass die Kinder im Kreis laufen müssen. Die Schule ist der Mittelpunkt seines viereckigen Kreises, und die Stelle, an der er sich mit seiner Trillerpfeife hingepflanzt hat, ist der Anfang des Universums. Sein ganzer Sinn besteht darin, in diese verdammte Trillerpfeife zu pusten. Als hätte er alles andere im Leben verloren und könnte nur noch über Kinderbeine herrschen. Ich hasse ihn. Davor habe ich niemanden

Zunächst hält er uns einen Vortrag darüber, wie wir laufen sollen. Er bringt seinen aufgeblähten Körper in verschiedene Haltungen, die die Position von Armen und Beinen veranschaulichen sollen. Er wiederholt Phrasen wie besonders wichtig, also oder von großer Bedeutung, wie ein General, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass er von Kindern in kurzen Hosen umringt ist. Danach zeigt er uns die anderen – falschen – Haltungen, wie das die tollpatschigen Schüler machen: Sie keuchen und springen wie aufgescheuchte Hühner. Alle lachen, außer mir.

Überall um uns sind Häuser. Die meisten davon sind leer, weil die Kinder in der Schule und die Erwachsenen bei der Arbeit sind. Das bedeutet, begreife ich plötzlich, dass darin vor allem Pensionisten sind. Sie sehen uns zu. Sie sehen mir zu. Sie sehen mir zu, wie ich laufe und wie ich wieder einmal ausnahmslos als Letzte ins Ziel komme, nachdem sich die anderen Mädchen bereits wieder abgekühlt haben. Mit Pensionisten habe ich im Allgemeinen kein Glück. Immer findet sich irgendeine alte Frau aus der Nachbarschaft, um mich zurechtzuzupfen, geradezurücken, festzuziehen. Ist mir denn nicht kalt darin? Ist mir denn nicht heiß darin? Was für ein süßes Mädchen, ach schau mal, wie sie die Beine eindreht beim Laufen. Beiß nur die Nägel, später wird’s dir leidtun. Du machst dir noch die Augen kaputt. Du machst dir noch das Rückgrat kaputt. Du machst dir noch die Nieren kaputt. Immer mache ich mir etwas

 

Wieder hat er mir zugeblinzelt. Und er hat ja recht. Ich will keinen Spagat machen. Mir fällt keine sinnlosere Körperhaltung ein. Sollte ich vielleicht jemals zwei Dinge an gegenüberliegenden Enden eines Raums erreichen müssen und sie mit den Beinen greifen wollen, als wäre ich ein Affe? Ich kann gehen, sitzen und liegen, hochsteigen, hocken, springen und, zumindest zwei Minuten lang, laufen. Als menschliches Wesen habe ich nichts weiter nötig.

 

Das Geräusch der Trillerpfeife schneidet die Luft in ein Davor und ein Danach und erfüllt mich mit reiner Wut. Ich bin gelähmt. Die anderen Kinder sind schon losgelaufen, als hätte sie das Geräusch versengt, und ich stehe nur da und schaue ihnen zu, wie sie kleiner werden. Ich denke an unsere fernen Urahnen in irgendwelchen Steppen und Savannen. Warum sind sie gelaufen? Damals gab es kein Laufen, nur die Flucht. Flucht vor dem Löwen, vor dem

Hallo, Mathematikerin! Jetzt lauf auf der Stelle los, sonst fällst du in Sport durch. Hast du mich gehört?

Ich falle in Sport durch. Ständig falle ich durch oder hinunter oder um, wie bei der Treppe, oder vor dem Bock. Er muss stolz darauf sein, dass man für die schlechteste Note das Wort fallen verwendete, ein Körperverb. Niemand würde zu einem sagen, dass man aufgestanden ist, wenn man eine Eins bekommt.

Du kriegst eine schlechte Verhaltensnote, wenn du nicht auf der Stelle losläufst!

Verhaltensnote. Er ist der, der in diesem Moment bestimmt, wie sich mein Körper verhält. Auf seiner Stelle. Auf dem Beton des Schulhofes neben einem Ball und einer Packung Mentholbonbons liegt das Klassenbuch. Ich spüre die Sonne wie eine Bestrafung, ich spüre die offenen Fenster aller alten Frauen, und schon höre ich den Aufprall von Turnschuhen – die ersten Jungs kommen ins Ziel.

Ich laufe los. Ich weiß nicht, warum. Es gibt kein Warum, das hier ist ein Lauf um die Schule herum auf einer rechteckigen Bahn, eine Banalität, die sich

Ich laufe bis zur Öffnung am Zaun, und in dem Wunsch, so schnell wie möglich durchzuschlüpfen, bleibe ich mit der Schulter am abgeschnittenen Ende des Drahts hängen und schürfe mich auf. Als wäre der gesamte Raum nur da, um mich zu bestrafen. Alles hat sich mit dem Lehrer verschworen. Er, seine Trillerpfeife, der Zaundraht, die Löcher im Gehsteig – alles ist da, um mir zu beweisen, dass ich nur ein Körper bin und nichts mehr als das. Dieser Körper schmerzt jetzt – die Schürfwunde brennt, die Beule ist erwacht und pulsiert, die Adern an meinem Hals wollen explodieren, meine Lungen schrumpfen, und von der Seite spüre ich einen Stich, als ob mich eine der alten Frauen mit einem Pfeil getroffen hätte. Ich laufe. Das Laufen fällt mir schwer. Die

Einmal hat mir das Laufen Spaß gemacht – im Frühling, auf der Wiese hinter dem Haus meines Großvaters. Mein Bruder und ich haben darum gewettet, wer länger mit geschlossenen Augen laufen kann. Es war nicht wichtig, mit welcher Geschwindigkeit, solange man nicht erschrak und die Augen öffnete. Der Raum war verschwunden, ich lief in der Dunkelheit meines Kopfes und rannte ins Unbekannte. Am Ende habe ich doch die Augen geöffnet, ich fürchtete mich davor, dass sich aus dem Nichts ein Abgrund auftun würde, dass ich hineinfallen und verschwinden würde.

Jetzt darf ich die Augen nicht schließen. Ich bin auf der Straße, es könnten mich Autos anfahren, und auch der Gehsteig ist zerklüftet. Ich laufe. Das Laufen fällt mir schwer. Ich wünschte, ich wäre eine Murmel. Dann würde ich in irgendein Loch hineinrollen, und der Sportlehrer würde gekündigt, weil er mich verloren hat. Ich wünschte, ich könnte zumindest verstehen, warum ich laufe, wovor ich flüchte, und wohin. Ich wünschte, all das hier wäre nicht so

Ich laufe. Das Laufen fällt mir schwer. Der viereckige Kreis dehnt sich aus. Die anderen sind schon fertig. Der Lehrer notiert ihre Zeiten in ein kleines kariertes Heft. So sagt er das, Zeiten. Jedes Kind hat seine Zeit, jedes von uns ist eine Zahl in den Kästchen seines Hefts. Atemlos und überhitzt komme ich ins Ziel. Ich setze mich auf den Boden und ringe nach Luft. Er hebt den Blick vom Heft. Er runzelt die Stirn. Die Schulglocke läutet.

Drei Kreise, Mathematikerin.

Die anderen Kinder gehen in die Umkleide und sind schon mit etwas anderem beschäftigt. Die Schule ist für sie wieder eine Schule und nicht der Mittelpunkt des Kreises.

Aber ich komme zu spät zur nächsten Stunde.

Dlei … Kleise, wiederholt er durch das Bonbon. Die Stoppuhr in seiner Hand läuft noch immer.

Noch einmal laufe ich los. Ich spüre, dass ich zu heulen beginne, wenn ich weiter da unter dieser Sonne und seinem Blick bleibe. Diesmal bin ich ein bisschen schneller. Ich bin geschickt durch den Zaun geschlüpft und weiß, welchen Löchern im Gehsteig ich ausweichen muss. Wieder sticht es mich in der Seite, dabei habe ich noch nicht mal den Kiosk erreicht. Es ist erst der zweite Kreis, ein Drittel des zweiten Kreises. Ich bleibe stehen, um Luft zu schnappen, die Tränen laufen bereits. Mit dem Ärmel wische

Nach dem Kiosk nehme ich Anlauf und laufe, so schnell ich kann, in den Schulhof. Nur noch ein Kreis und ich bin frei. Das hier ist erniedrigend, aber es hat ein Ende. Da fällt mir etwas Seltsames auf, eine Abweichung vom Protokoll. Als ob auf einem Bild, das ich zahllose Male gesehen habe, jetzt eine neue Figur erschiene. Der Sportlehrer ist auf alle viere niedergegangen, hustet und schlägt sich mit der Hand gegen die Brust. Ich werde langsamer. Der Anblick allein ist so unnatürlich, dass ich spüre, wie ich stehen bleiben und zusehen muss. Der Mann ist am Boden. Er erstickt. Das Mentholbonbon? Seine Augen sind rot, weit aufgerissen, die Zunge hängt ihm aus dem Mund, und die Luft weigert sich, in seinen Körper einzudringen. Dieser Kampf ist hörbar.

Da sieht er mich an. Wir sind die einzigen Menschen auf dem Schulhof. Und der Hof ist groß. Der Lehrer kommt auf mich zu, auf allen vieren, wie ein gequältes Tier. Neben ihm auf dem Beton tickt die Stoppuhr immer noch die Zeit ab. Meine Zeit. Sie ist jetzt auch seine Zeit – das Intervall, in dem seine Lungen und sein Gehirn keinen Sauerstoff bekommen. Wie lange erstickt er schon?

Ich stehe da und schaue seinen Körper an. Die Trillerpfeife hängt um seinen Hals und schleift über den Beton. Der Lehrer schlägt sich mit der Faust auf die Brust und den Bauch. Er signalisiert mir etwas, zu kommen, etwas zu unternehmen, aber ich kann mich immer noch nicht bewegen. Meine Schürfwunde juckt. Er wirkte immer beherrscht und stolz in den hässlichen raschelnden Trainingsanzügen. Jetzt ist die Würde verschwunden. Der Kreis ist kein Laufkreis mehr. Er dehnt sich ins Unendliche aus, um uns herum, weit weg von anderen Menschen und ihren kräftigen Fäusten. In der Mitte der viereckigen Arena sind nur er, ich und der Sauerstoff. Der Lehrer hat bereits ein anderes Gesicht, eine andere Hautfarbe und Augenfarbe. Etwas werde ich tun. Ich

Ich weiß, was ich tun muss. Wir haben das im Erste-Hilfe-Kurs geübt. Ich muss hinter ihm stehen, meine Fäuste unterhalb seines Brustkorbs positionieren und kräftig zudrücken. »Hinein und nach oben«, sagte die Krankenpflegerin während der Demonstration an der Puppe. Die Puppe haben wir Milivoje genannt, und es war uns egal, ob sie überlebt. Aber das hier ist nicht Milivoje. Das hier ist der Sportlehrer, und die einzigen Fäuste in seiner Nähe sind die Fäuste der tollpatschigen kleinen Mathematikerin. Die Dinge weiß. Bestimmte Tatsachen. Wie zum Beispiel, dass das Gehirn irgendwann zwischen vier und sechs Minuten ohne Sauerstoff stirbt.

Ihr habt nicht viel Zeit, hat uns die Krankenpflegerin erklärt, ihr müsst schnell reagieren, denn das Gehirn ist sehr, sehr empfindlich.

Ich habe mir alles gemerkt, was sie gesagt hat. Ich habe ein gutes Gedächtnis. An diesem Tag habe ich eine Zwei bekommen. Eine Zwei würde wahrscheinlich genügen, um ihn zu retten. Obwohl – überlege