Du hast mir von ihm erzählt. Geschichten, die ich so viele Male gehört habe, dass ich sie nicht mehr angehört habe, um zu erfahren, was passiert, sondern um dein Gesicht zu beobachten, während du sie wiederholtest. Ich wollte einen Unterschied im Erzählen einfangen. Du liebtest es, eure gemeinsame Geschichte nachzuerzählen, wann immer er nicht da war. Papa fuhr oft auf Geschäftsreisen, so oft, dass du ihm gern sagtest: Dein Kind wächst ohne Vater im Haus auf! Immer mit Betonung auf Vater und immer dein Kind, in der Hoffnung, zumindest in diesem Satz uns einander näherzubringen, beziehungsweise euch. Ich war sein Kind und bin ohne Vater aufgewachsen. Aber das war Teil des Spiels – ein falscher Zug, Stille, der erste Satz, die Entwicklung des Dramas, bis hin zum Höhepunkt, der immer gleich war – ich, sein Kind, im Haus ohne Vater. Du gestandst ihm deine Schuld ein, er akzeptierte das, und nach Geschrei und Gepolter folgte die kathartische Reue. Die letzte Szene war immer die gleiche – du verziehst ihm sein Verhalten als Beweis, dass du eine großherzige Frau warst, die ihr Opfer stoisch akzeptierte, du gabst zu, dass er die Brötchen verdiente, dass du wusstest, wie schwer er es hatte, und da ereignete sich die große Versöhnung mit mir als Umarmungsrequisite. Doch ich hatte nicht das Gefühl, ohne Vater im Haus aufzuwachsen. Am meisten war er anwesend, wenn er nicht da war, weil dann deine Geschichten anfingen.
Du erzähltest mir von eurer Hochzeit. Am liebsten mochtest du es, die Komplimente zu zitieren, die du an diesem Tag bekommen hast. Du nahmst ganz die Gestalt der Person an, die dir das Kompliment gab – du legtest die Stirn in Falten, verzogst das Lächeln, verändertest die Stimme – verdammt, Mieze, siehst du gut aus –, dann lachtest du wie eine Diva, die scheinbar nicht verstand, woher all diese Komplimente kamen, obwohl es völlig logisch war, sie zu erhalten. Schon da begriff ich, wie wichtig es dir war, mir die mündlichen Evangelien über deine Schönheit zu erzählen, deiner Nachkommin, der Zeugin, die dich überdauern würde. Mich interessierten die Details – was Opa anhatte, was für eine Torte es gab, was der Standesbeamte gesagt hat, ob sich jemand betrunken hat – aber du winktest nur verächtlich ab. Es konnte nicht einfach irgendeine Geschichte über irgendeine Hochzeit sein. Nein, es war eine Liebesgeschichte, und in Liebesgeschichten gibt es nicht zu viele Details.
Papa reiste ab, die Geschichten fingen an, und du ließt dich ganz und gar gehen. Deine Augenbrauen wuchsen, dein Oberlippenbart wuchs, die Haare auf deinen Beinen und unter den Achseln, und sogar manche an deinem Kinn wuchsen. Ich sah zu, wie dein Körper weich, wollig wurde, wie seine versteckte Wahrheit langsam aus deinen Poren trat und dich still zudeckte. Dein Teint war anders, weil du kein Puder auflegtest. Deine Haare waren glatt, weil du sie nicht auf Wickler drehtest. Der Nagellack schälte sich ab, bis nur noch ein einziges Fleckchen in der Mitte jedes Nagels übrig war. Du verbrachtest die Tage im Pyjama, der nach Schlaf, Schweiß und Speichel roch. Morgens holtest du eine Dose Coca-Cola aus dem Kühlschrank und trankst sie bei einer Zigarette aus, während du Teleshopping gucktest. Im Fernsehen waren die Leute zuerst schwarz-weiß, sie litten, hatten Schnittwunden, Kopfschmerzen, Depressionen und Haushaltsgeräte, die auseinanderfielen, wenn man sie ein wenig fester anfasste. Danach war der Bildschirm farbig, und die Teleshopping-Menschen waren auf einmal glücklich. Das tröstete dich – ein magischer Staubsauger oder ein Schinkenmesser, und die Welt war wieder farbenfroh. Glückliche Familien und eine große Telefonnummer über ihrem Lächeln.
Am liebsten erzähltest du von dem Tag, an dem ihr euch kennengelernt habt. Auch diese Geschichte klang wie eine Teleshopping-Werbung in Farbe, nachdem man das richtige Produkt gekauft hatte. Immer verwandtest du am meisten Zeit darauf, dich selbst zu beschreiben – dein Kleid, die Knöpfe am Kleid, die Stickerei am Kleid, die Farbe des Kleids, die du Himmelblau nanntest, danach die Frisur, den Schmuck, das Make-up (immer mit einem Weißt du, das hat man damals so getragen), die Schuhe, das Riemchen am Schuh, die Tasche, die du dir von deiner Mitbewohnerin ausgeborgt hattest, immer dieses Detail, dass die Tasche nicht dir gehörte und dass eigentlich gar nichts darin war, aber wichtig war, dass die Tasche zu dem himmelblauen Kleid passte. Dann die Geschichte von den Platanen, von der Anzahl der Platanen, von der Farbe der Platanen, vom Wind, der weder zu stark noch zu schwach war, sondern gerade richtig, das war dein liebster Ausdruck, auch die Sonne war gerade richtig, und der Frühling war gerade richtig, und ich habe nie verstanden, wofür genau all das gerade richtig war. Bevor du in der Geschichte überhaupt zu Papa kamst, musstest du dich selbst erschaffen – dich anziehen, schminken, dir eine Frisur machen, alles immer wieder, so dass er dich neben den Platanen erblicken konnte, so dass auch ich dich erblicken konnte und so dass die ganze gerade richtige Welt stehenblieb und deine Erscheinung bewunderte. Während du erzähltest, schaute ich den paar Härchen an deinem Kinn zu, wie sie sich auf und ab bewegten, und dem Oberlippenbärtchen, das beim Lächeln hopste, während sich der Geruch deiner Achseln säuerlich im Wohnzimmer ausbreitete. Dann erblickte er mich neben den Platanen. Nie beschriebst du ihn, nicht im Detail. Er war einfach gut aussehend. Aber erst später habe ich begriffen, dass Papa als solcher in der Geschichte keine andere Funktion hatte als die, dich zu erblicken. Papa war da, um dich in Szene zu setzen, um dich zu bezeugen. Jemand musste dich sehen.
Dann reiste Papa ab, und du bliebst ohne Kamera zurück. Es war dir nicht wichtig, was ich sah. Du hast dich nicht einmal selbst angeschaut. Die Spiegel blieben leer – in ihnen reflektierten der Raum und die langsam vergehende Zeit. Du hast nur geredet und geredet, Cola getrunken, das Telefon angeschaut. Manchmal warst du stolz – du spieltest die Braut, die darauf wartete, dass ihr Liebster von der Armee zurückkehrte. Manchmal warst du wütend – ach weißt du, wie diese Kolleginnen von ihm sind, die warten doch nur auf eine Gelegenheit. Manchmal umarmtest du mich unter tiefem Seufzen – du warst die alleinerziehende Mutter und wir armen beiden allein im Haus. Wenn seit dem letzten Anruf zu viel Zeit vergangen war, lagst du zusammengekauert auf dem Sofa, starrtest den Gummibaum in der Ecke an oder durch ihn hindurch und sagtest gedehnt: Komm, spiel uns was vor. Ich stellte den Fernseher ab und setzte mich ans Klavier. Darauf waren für gewöhnlich Noten, die ich immer weniger übte. Ich erinnere mich an die Illustration eines wütenden Beethoven. Es war mein letztes Jahr in der Musikschule, bevor ich mich abmeldete. Ich war zwölf Jahre alt und bereitete mich auf meinen letzten Vorspielabend vor, obwohl ich da noch nicht wusste, dass es mein letzter sein würde.
Ich hasste die Musikschule. Ich hasste den dumpfen Gestank von Desinfektionsmittel im Flur, der zu meinem Unterrichtsraum führte. Ich hasste den Klang der Skalen, die auf verschiedenen Instrumenten heruntergespielt wurden, und die Stimme der Gesangslehrerin, die jede Musik mit ihrem verärgerten TA TA TA TA übertönte. Ich hasste die vergilbten Komponistenfotos an den Wänden und die Wärme, die der Hintern der vorigen Schülerin auf dem Bänkchen hinterlassen hatte. Aber am meisten von allem hasste ich meine Klavierlehrerin, die im Prinzip in ihrem Job gar nicht schlecht war und mir auch nicht wie ein schlechter Mensch vorkam, aber sie gab es so schnell mit mir auf, dass sich die Stunden in eine wiederkehrende sinnlose Qual für uns beide verwandelten. Auch sie hasste mich offensichtlich. Vielleicht, weil ich sie an die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit erinnerte. Eine Klavierlehrerin in einer kleinen Provinzstadt, in der mit ein wenig Glück alle hundert Jahre ein wahres Talent hervorgebracht wurde, und das, allem Anschein nach, nicht zu ihrer Zeit.
Ich war nicht faul, am Anfang übte ich jeden Tag. Papa und Mama kamen zu den Vorspielabenden in die Schule. Es war augenscheinlich, dass ich keine Virtuosin war, ich spielte korrekt und nicht mehr als das, doch die Lehrerin bemühte sich damals noch, aus mir das herauszuholen, was sie mein Maximum nannte. Mir schien, als wäre dieses mein Maximum eine schwere Last, die ich durch meine Finger gebären sollte und die ich lieber begraben lassen hätte. Ich übte täglich einige Stunden lang und kannte alle Stücke auswendig. Das Problem lag nicht in der Technik – ich traf die richtigen Töne zur richtigen Zeit und widersetzte mich nie dem Metronom. Gut, sagte dann die Lehrerin, jetzt haben wir das Skelett. Lass uns ihm jetzt ein wenig Leben einhauchen! Und ich spielte dieselben Töne im selben Rhythmus und begriff nicht, was diese Frau von mir wollte und über welches Leben sie sprach. Außerdem jagte mir diese Geschichte über das Skelett und das Leben Angst ein. Für mich waren die Klavierstunden einfach ein Tauschgeschäft – ich wollte eine Eins bekommen, weil ich das spielte, was auf dem Papier stand, und nach Hause gehen. Aber sie bestand immer noch auf diesem Maximum, von dem ich lange vor ihr begriffen hatte, dass es nicht existierte. Schau dir diesen Teil hier an, sagte sie, das ist eine Phrase, sie hat ihren Anfang und ihr Ende, wie ein Satz, wie Poesie, das musst du fühlen, aber du haust drauf herum, als würdest du ein Schnitzel klopfen! Ich schaute die Noten an und suchte darin Anweisungen für Gefühle. Für mich waren das Pünktchen und Striche, ordentlich auf fünf parallelen Linien verteilt. Sie hatten ihre Bedeutung, die ich in Klaviertasten übersetzte. Sie hatten ihren Platz und ihre Dauer. Mir gefiel die straffe Ordnung eines Taktes und die Zahlen, die seine Länge bestimmten. Aber all das genügte nicht. Die Lehrerin setzte sich neben mich ans Klavier und spielte dasselbe Stück, nur anders. Sie schnitt Grimassen beim Spielen, wiegte sich vor und zurück, rollte mit den Augen, atmete so laut ein und aus, dass das alles zusammen sehr schmerzhaft für sie zu sein schien, und ich dachte, dass ich so was nie im Leben selbst durchmachen möchte. Mehr als alles andere schämte ich mich, ihr zuzusehen. Sie spielte mit dem ganzen Körper, die Musik drang in sie ein und quälte sie, und ich hatte das Gefühl, irgendwo zu sein, wo ich nicht sein sollte. Dann kam sie endlich zum Ende, hielt mit geschlossenen Augen inne und atmete langsam aus, die Hände über den Tasten schwebend. Mit den Händen fächelte sie sich die Musik zu und schnupperte daran, als hätte sie gerade Eintopf gekocht und nicht eine Sonate gespielt. Leben, seufzte sie, Emotion! Das will ich hören!
Aber es war alles umsonst. Nach ihrem Seufzen und Wiegen spielte ich noch härter und kälter als zuvor. Mit diesem beschämenden Spektakel wollte ich nichts zu tun haben. Ich war sicher, dass zwischen mir und Beethoven, mir und Bach, mir und allen anderen toten Männern, die all diese Noten aufgeschrieben hatten, ein stilles Einverständnis darüber bestand, uns nicht zum Affen zu machen.
Du hattest keine Ahnung von klassischer Musik oder von Skeletten und Leben beim Spielen. Wenn du von den Geschichten müde wurdest, batst du mich vorzuspielen. Irgendetwas. Ich hob den Deckel an, legte den dunkelroten Stoff beiseite, der die Tasten vor Staub schützte, und brachte die Hände in die richtige Position. Ich spielte aus dem Gedächtnis, was immer in diesem Monat auf dem Programm stand. Ich schaltete das Gehirn aus und ließ die Finger auf Autopilot laufen. Es gefiel mir, wie die Finger ihr eigenes Gedächtnis hatten, wie sich der Körper Bewegung merkte, ohne zu viel Nachdenken. In dem Moment, wenn ich ein Stück auswendig gelernt hatte, verschwanden die Noten aus dem Kopf, die Musik trennte sich von ihrer Niederschrift. Es existierten nur Bewegung und Klang. Die gefühllose Trägheit der Finger. Ich wusste, dass das alles schlecht war, dass mein Spielen schmerzhaft durchschnittlich war und mich die Lehrerin wieder anschreien würde, wenn sie mich hörte. Aber dir gefiel es. Mein Geklimper breitete sich in unserer Wohnung aus, die Töne drangen in die Schubladen ein, verzogen sich hinter die Vorhänge, streichelten die Lehne von Papas Armsessel, füllten alle leeren Gläser in der Küche, verdichteten die Luft um dich herum. Ich erzeugte etwas. Nicht die Geschichte oder die Gefühle waren wichtig, worauf die Lehrerin immerfort beharrte. Es mussten Vibrationen produziert, Klangmaterial erschaffen werden, das den leeren Raum ausfüllte. Etwas, um dich zu berühren.
In diesem Jahr richtetest du mir ein blaues Kleid für den Vorspielabend her. Du gingst langsam von Zimmer zu Zimmer, von der Küche ins Bad, mit dem zerknitterten Kleid in Händen, als versuchtest du, dich zu erinnern, warum du es überhaupt herumtrugst. Du bügeltest es langsam. Ich fragte dich, ob ich die Haare zusammenbinden oder offen lassen sollte.
Ich mach dir einen französischen Zopf, sagtest du ernst.
Immer noch trugst du Jogginghosen. Auf dem Sofa lag ein langes graues Kleid mit gelben Blumen. Ich hatte es für dich herausgesucht, doch du nicktest desinteressiert in seine Richtung, als ob dich das Kleid etwas gefragt hätte. In zwei Stunden mussten wir in der Musikschule sein. Ich rechnete mir aus, dass noch Zeit blieb. Du würdest es schaffen, duschen zu gehen, die Haare zu waschen und zu föhnen, das Kleid mit den gelben Blumen anzuziehen. Ich wollte dir Nagellackentferner bringen, damit du den abgenutzten Lack abmachen konntest, aber ich hatte Angst, du würdest denken, dass ich dir etwas vorschreibe. Du warst auf mein Kleid fokussiert. Als du es gebügelt hattest, hängtest du es an der Tür auf. Der Wind, der durch das Küchenfenster hereinkam, bewegte den Saum des Kleides, und für einen Moment schien es mir, als würde es eine Art Leben erfüllen, als sollte es vielleicht allein zum Vorspielabend gehen und Beethoven spielen. Aus einer Schublade zogst du einige große Kragen und fragtest mich, welchen ich möchte. Ich wollte keinen Kragen über dem Kleid tragen, aber ich wusste, dass du das mochtest, also wählte ich den einfachsten aus – den mit einem kleinen rosa Knopf hinter dem Hals. Ich wollte auch keinen französischen Zopf, davon tat mir immer der Kopf weh, aber es war schön, neben dir auf dem Sofa zu sitzen, während du mir die Haare flochtst. Du risst an meinen Haaren, während du die Strähnen trenntest und sie einmal zur einen, einmal zur anderen Seite legtest. Ich spürte ein Spannen am Scheitel, aber ich überließ mich ihm. Ich fragte dich, was für eine Frisur du dir machen würdest, hoffend dass du dich daran erinnertest, dass deine Haare schmutzig waren.
Weiß nicht, ich binde einen Pferdeschwanz, antwortetest du und flochtst weiter bis zur Mitte meines Rückens.
Ich hatte auch lange Haare, als ich jünger war, sagtest du. Oft bis zu den Hüften. Dein Vater sagte immer, am meisten liebte er meine Haare. Habe ich dir das erzählt?
Mhm.
Als du fertig warst, stand ich auf und ging zum Kleid. Ich konnte den Kleiderbügel nicht erreichen. Mama?
Du standst auf und nahmst das Kleid von der Tür. Hieltst es an mich ran.
Blau steht dir gut. Es unterstreicht deine Augen. Vor allem, wenn du die Haare aus dem Gesicht streichst. Jetzt müssen wir nur noch eine Tasche finden.
Ich brauche keine Tasche.
Natürlich brauchst du eine Tasche, sagtest du und gingst ins Zimmer. Während ich das Kleid überzog, hörte ich, wie du die Schränke und Schubladen durchwühltest. Du kamst mit einer kleinen gelben Tasche zurück. Sie hatte eine blaue Schließe in Muschelform.
Die hier ist perfekt.
Und was soll ich in die Tasche reintun?
Nicht wichtig. Taschentücher, die Noten.
Die Noten passen hier nicht rein, sagte ich.
Dann trag die Noten in der Hand.
Ich nahm das Täschchen, während du mir den Kragen hinter dem Hals zuknöpftest.
Dieser rosa Knopf hier passt überhaupt nicht zur Tasche, aber unter dem Zopf sieht man es nicht, sagtest du.
Ja, macht nichts … Nimmst du den Fotoapparat mit?
Willst du, dass ich ein Foto von dir mache?
Ich glaube, dass die anderen auch Fotos machen. Die Eltern und Lehrer. Aber du kannst ihn auch mitnehmen.
Gut. Stell dich gerade hin. Ist alles umsonst, wenn deine Haltung schlecht ist.
Ich stellte mich gerade hin. Du gingst in die Küche. Ich hörte, wie du eine Dose Coca-Cola öffnetest. Vielleicht musst du die Haare nicht waschen. Vielleicht, wenn du sie sorgfältig kämmst und zusammenbindest … Aber du solltest dich duschen. Immer noch hatten wir Zeit. Die Musikschule war ungefähr zehn Minuten zu Fuß von unserem Haus entfernt. Draußen war es warm, selbst wenn du mit nassen Haaren rausgehen würdest, wäre es nicht schlimm.
Willst du die Sonate noch einmal durchspielen?, riefst du aus der Küche.
Die Lehrerin hat gesagt, es ist nicht gut, am Vorspieltag zu üben. Mit gerunzelter Stirn kamst du wieder und verdrehtest die Augen. Was für ein Quatsch, sagtest du. Ich spürte einen Pakt zwischen uns beiden, gegen die Klavierlehrerin, und das heiterte mich auf. Ja, stimmt, dachte ich. Was für ein Quatsch. Diese Frau steckt voller Unsinn.
Ich ging zum Klavier, im blauen Kleid mit dem Kragen, mit einem Zopf, die Tasche in der Hand, und setzte mich auf das Bänkchen. Es machte mich froh, die Regel der Klavierlehrerin zu brechen.
Nein, warte, sagtest du. Du hast die Schuhe vergessen. Du musst in den Schuhen proben.
Aus dem Vorzimmer brachtest du meine schwarzen Lackballerinas. Von denen tat mir immer der kleine Zeh weh, aber ich wusste, dass sie am besten zum Kleid passten. Ich zog sie an und ging zurück zum Instrument. Ich wusste nicht, was ich mit der Tasche tun sollte, also stellte ich sie auf den Boden.
Wie schön wäre es, wenn dich Papa jetzt sehen könnte, sagtest du und faltetest die Hände, als würdest du beten.
Ich atmete ein und begann zu spielen. Es war ein wenig schneller als das angegebene Tempo, aber ich war zufrieden – ich spürte, dass ich wusste, was ich tue, dass ich alle nötigen Informationen in den Händen hatte, und dass ich an diesem Abend großartig sein würde. Als ich zum schweren Schlussteil kam, atmete ich übertrieben ein und aus, wiegte die Arme über den Tasten, scheinbar als würde ich leiden, obwohl ich diese Takte längst beherrschte. Ich schauspielte für dich, es machte mir Spaß, die Lehrerin zu imitieren, und ich wusste, dass du das schätzen würdest. Am Ende schmetterte ich den Schlussakkord, einmal kräftig, dann leiser, und am Ende ganz leise. Ich stieß einen schweren Atemzug aus und öffnete die Augen.
Bravo!, riefst du und klatschtest in die Hände. Bravo, maestro! Ich lachte, obwohl mein Kopf bereits begonnen hatte, vom Zopf zu schmerzen.
Also, jetzt habe ich das Konzert auch gesehen, sagtest du und zeigtest auf mich und das Klavier. Die anderen Schüler interessieren mich ehrlich gesagt eh nicht.
Wir haben weniger als eine Stunde, sagte ich.
Ist gut, du bist ja fertig.
Willst du dich nicht fertig machen?
Du kamst von hinten auf mich zu, immer noch saß ich am Klavier. Du streicheltest mir über den Kopf und legtest die Hände auf meine Schultern. Du gabst mir einen Kuss auf den Scheitel. Ich spürte die Wärme deines Atems in meinem Haar.
Ist dir das sehr wichtig?, fragtest du flüsternd. Wenn dir das wirklich sehr wichtig ist, dass ich dorthin gehe, dann sag’s, aber es wird noch Vorspielabende geben … Ich meine, ich mache mich fertig, wenn es dir etwas bedeutet, aber wenn es dir nicht wirklich viel bedeutet, würde Mama heute Abend lieber zu Hause bleiben. Ich bin nicht ganz in meinem Element. Und wenn Papa anruft, ist es besser, wenn ich da bin.
Ja, natürlich … Ich meine, es ist nur ein Vorspielabend, du verpasst nichts.
Und deins hab ich schon tausendmal gehört.
Tausendunddreimal, sagte ich, und wir lächelten beide.
Ich werde Papa sagen, wie wundervoll du gespielt hast. Warte, ich mach ein Foto von dir, hier am Klavier.
Du standst auf und liefst aufgeregt ins Zimmer zurück. Du kamst mit dem Fotoapparat wieder. Du spultest den Film weiter und sagtest, ich solle mich gerade hinsetzen.
Wie soll ich sitzen?
So, aber dreh dich leicht zu mir her. Nimm die Tasche vom Boden, stell eine Tasche nie auf den Boden. Stell sie neben dich. So. Hände aufs Klavier, als würdest du spielen. Und lächle, wir sind nicht bei einer Beerdigung. Drei, zwei, eins …
Ich ging zur Musikschule und spürte, wie die schwarzen Ballerinas in meine Zehen schnitten. In einer Hand hielt ich die kleine gelbe Tasche, in der anderen den zusammengerollten Beethoven. Es war mir immer ein besonderer Genuss, seine wütende Fratze zu einer Tüte zusammenzurollen. Vor der Schule waren einige Leute, alle waren hübsch angezogen, mit Fotoapparaten in der Hand. Ich ging hinein und zum kleinen Konzertsaal. Die Lehrerin hatte sich besonders hübsch gemacht, sie trug ein leuchtend rotes Kostüm und eine weiße Blüte im Haar.
Ihr seid dann alle im hinteren Klassenzimmer und kommt nach der Liste, die an der Tür hängt, heraus, sagte sie aufgeregt. Sie roch nach starkem blumigem Parfüm. Ein wenig Lippenstift klebte an ihren Zähnen.
Und wo sind deine Eltern?
Die können nicht kommen.
Auch das noch … Na gut, komm, geh dorthin zu den anderen und sag ihnen, dass sie still sein sollen. Bald kommt das Publikum herein.
Ich ging los Richtung Tür, doch sie hielt mich mit ihren lackierten Fingern am Oberarm fest.
Und vergiss nicht, was wir gesagt haben – ein bisschen Leben. Okay? Heute Abend spielst du für Leute, wir klopfen keine Schnitzel heute Abend, okay?
Sie sagte das zärtlich, lächelnd, also lächelte ich auch und nickte.
Bald darauf begann das Konzert. Zuerst kamen der Reihe nach die quietschenden und kratzenden Erstklässler auf ihren Harmonikas, Violinen und Flöten. Ich hörte Applaus und Zurufe aus dem Publikum. Bald kamen wir zu meinem Jahrgang. Ein Junge spielte Violoncello. Hinter der angelehnten Tür sah ich Leute aufstehen und begeistert klatschen. Irgendein Mann überreichte ihm einen Blumenstrauß. Der Junge kehrte zurück ins Zimmer, rot im Gesicht, außer Atem, mit dem schweren Instrument in der einen und dem Strauß in der anderen Hand. Ich glaube, jetzt bist du dran, sagte er.
Ich zitterte vor Lampenfieber. Die Lehrerin deutete mir mit der Hand abzuwarten. Immer noch dauerte der Applaus für den Cellisten an. Er ging noch einmal mit leeren Händen hinaus und verbeugte sich bis zum Boden. Als er wieder zurückkam, sagte die Lehrerin, ich solle hinausgehen.
Gib mir die Tasche, eine Tasche hat beim Konzert nichts verloren.
Ich gab ihr die Tasche, und sie stellte sie neben das Violoncello auf den Boden.
Ich spürte, wie meine Hände schwitzten. Ich wischte sie an den Haaren ab und spürte den perfekten französischen Zopf unter meinen Fingern. Schade, dass man mit dem Profil zum Publikum spielt und nicht mit dem Rücken, dachte ich. Dann könnten sie wenigstens meine Frisur sehen.
Ich trat auf die Bühne hinaus. Jemand flüsterte: Ach, wie süß ist denn die …
Ich setzte mich auf das Bänkchen und sah die Tasten an. Meine Hände zitterten. Das hier ist nicht wichtig, dachte ich. Ich wartete, dass sich meine Hände beruhigten. Aus dem Augenwinkel sah ich unbekannte Gesichter im Publikum. Das hier ist nicht wichtig. Ich spürte, wie meine Finger langsam zur Ruhe kamen. Das hier ist nicht wichtig. Das hier ist überhaupt nicht wichtig.
Ich atmete ein.
Dann begann ich zu spielen.