Sie müsste jeden Augenblick da sein. Sie ist in Pantoffeln und Morgenmantel hinausgegangen. Ich habe ihr gesagt, dass sie einen Lockenwickler in den Stirnfransen hat, und sie hat ihn wie eine Spinne aus dem Haar gerissen. Der Lockenwickler ist auf den Teppich gefallen und hat sich in dessen langen Fransen verheddert. Dabei ist der Teppich bei uns wie ein schwarzes Loch – was auch immer jemals daraufgefallen ist, ist auch dort geblieben. Asche und Zigarettenstummel, Kaffee, Krümel von billigem Teegebäck, das sie in rauen Mengen einkaufte und Frühstück nannte. Einmal versuchte sie, mit einem Stück Küchenpapier Erbrochenes wegzuputzen, aber es wurde ihr schwindlig dabei, also legte sie sich auf die Couch und vergaß den Teppich. Ich nahm das feuchte Stück Papier aus ihren Händen und warf es weg. Die Teile des Erbrochenen, in denen in Wodka getränktes Obst und dieses Teegebäck drin waren, kämmte ich mit einem Plastikkamm aus dem Teppich heraus. Der Fleck trocknete und blieb bei unserer Couch wie eine Art Haustier. Jeder Fleck hatte seine Geschichte, der Teppich war ein Katalog ruinierter Abende. Ich war nur für den Kakaofleck ganz in der Mitte verantwortlich. An dem Tag, an dem ich den Kakao verschüttete, fing ich zu weinen an. Es war meine Aufgabe, diesen Teppich zu schützen, ihn zu putzen und zu kämmen, und nun hatte ich ihn im Stich gelassen, weil ich tollpatschig war. Mama brüllte. Was für ein Saustall hier, du könntest auch mal irgendwann den Hintern bewegen, denkst du denn, ich hab es leicht so alleine? Und all das wegen dem Kakao. Danach trank sie eine Flasche Gin aus, und es tat ihr leid, dass sie mich angeschrien hatte. Sie saß auf der Couch und zog mich so fest an sich, dass meine Rippen schmerzten. Ihre Achseln rissen an meinen Haaren. Uns fehlt ja doch nichts, nicht wahr, mein Däumelinchen? Wir beide sind auf dem Gipfel der Welt, sagte sie, während sie mich umarmte, so dass mir schien, als wäre die Couch der Berg, und die Welt der kratzige Teppich mit Flecken wie ausgetrocknete Sümpfe. Ich dachte damals, dass es keinem normalen Menschen in den Sinn kommen würde, unseren Weltenteppich zu überqueren und auf den Berg zu steigen. Jetzt stehe ich barfuß auf seinen verkrusteten Fransen und warte darauf, dass sie zurückkommt. Gleich kommt sie zurück, jeden Augenblick. Wenn sie zum kleinen Laden an der Ecke gegangen ist, müsste sie schon alles eingekauft haben. Vielleicht ist viel los. Vielleicht wartet sie in der Schlange. Macht nichts, alle in diesem Laden kennen sie, sie sind daran gewöhnt, sie in Pantoffeln und Morgenmantel zu sehen. Es sei denn, ihr ist eingefallen, dass wir noch etwas brauchen, und sie ist in den großen Supermarkt zwei Blocks weiter gegangen. Draußen ist es nicht mehr kalt, aber es ist trotzdem merkwürdig, wenn jemand zwei Blocks in Pantoffeln zu Fuß läuft. Wobei, nichts ist unmöglich. Einmal hat sie die Tante im Pyjama vom anderen Ende der Stadt zurückgebracht. Aber was kümmert es die Leute überhaupt, wenn jemand draußen Pantoffeln trägt, man ist ja nicht barfuß. Pantoffeln sind nur weichere Sandalen. Es gibt auch Leute, die im Haus Straßenschuhe tragen, das finde ich viel schlimmer. Na ja, egal, selbst wenn sie in den großen Supermarkt gegangen ist und die Einkaufstasche vollgefüllt hat, hat sie bis jetzt sicherlich bezahlt und ist auf dem Weg nach Hause. Obwohl ich ja bezweifle, dass sie genug Geld hat, um die Tasche vollzufüllen. Sie wird kaufen, was wir brauchen, noch irgendeine Flasche, und das war’s. Wenn ich Glück habe, bringt sie auch Milch und eine Packung Čokolino mit. Es nervt sie, dass ich Čokolino esse, sie sagt, dass ich aus dem Brei-Alter raus sei, dass das Scheiße voll Zucker sei, gemacht, um Babys zu mästen, ob ich denn ein fettes Mädchen werden wolle? Trotzdem wäre es schön, heute eine Schale Čokolino zu essen oder zumindest eine kleine Tasse warmen Kakao zu trinken. Aber ich bin ja selber schuld, wenn ich es ihr nicht gesagt habe … Sie hat sich über all das hier so aufgeregt, ich glaube, es nervte sie so, dass sie das Haus verlassen musste, dass ich nicht mehr dran gedacht habe, sie um noch etwas zu bitten. Es war wichtig, sich auf die Aufgabe zu fokussieren. Ich weiß, dass es ihr oft schwerfällt, sich auf etwas zu konzentrieren, und dann ist es das Beste für mich zu schweigen, denn wenn ich etwas sage, schrickt sie auf und vergisst, was sie tun wollte. Wie an dem einen Tag. Da hast du’s, wegen deiner verdammten Hausaufgabe habe ich das Hühnchen vergessen! Mein Gott, wie schwarz dieses arme Hühnchen war, wie es qualmte und stank, und Mama schimpfte auf mich und die Hausaufgaben und die Schule durchs weit geöffnete Fenster hinaus. Nachdem sie das Hühnchen in den Müll geschmissen hatte, ging sie in ihr Zimmer und schlug die Tür zu. Zu Abend aß ich eine Banane, die schwarz war wie das Hühnchen, aber Mama hatte mir irgendwann vor langem einmal gesagt, dass Bananen so am gesündesten sind. Ich hasste mich selbst und meine Hausaufgabe den ganzen Abend, die ganze Nacht und den ganzen folgenden Morgen lang. Dieses Hühnchen war für Mama wichtig gewesen, sie hätte ein Hühnchen und Kartoffeln gebraten, etwas, was sie sonst nie macht. Sie hätte den Backofen verwendet. Wir hätten zusammen gegessen, am Tisch. Und dann hat meine dumme Hausaufgabe alles zerstört. Aber das hier jetzt ist anders, das ist nicht meine Schuld. Wahrscheinlich. Ich weiß nur, dass ich ihre Aufmerksamkeit nicht ablenken darf, ich darf sie nicht aus der Konzentration bringen, es ist wichtig, schnell zu agieren. Selbst hat sie ja auch gesagt, sie würde zum Laden rübersausen, mit diesen Worten, was bedeutet, dass sie nicht zum großen Supermarkt gegangen ist. Ihre Hände haben gezittert, hoffentlich hat sie genügend Geld mitgenommen. Vielleicht hat sie unterwegs jemanden getroffen, wobei sie hier eigentlich nicht viele Bekannte hat. Eine Zeitlang war öfter ein Buchhalter da, der ungebügelte Hemden und Krawatte trug. Immer wenn er kam, schloss mich Mama mit Teegebäck und einem Glas Wasser ins Zimmer ein und sagte, ich solle spielen. Der Onkel ist da. Ich mochte ihn nie, denn er stank und hatte einen dicken Hals, als hätte ihm jemand Würstchen zwischen Kopf und Rücken gelegt. Als er gegangen war, waren in der Küche immer neue Flaschen. Dann kam der Buchhalter eine Woche nicht. Auch nicht in der nächsten. Mama sagte, er sei ein verfickter Säufer und solle zur Hölle fahren, verdammte Scheiße. Weißt du, ich glaube er hat uns beklaut. Ich verstand nicht ganz, wie er mich beklauen konnte – ich hatte nichts außer ein paar Büchern aus der Bücherei und eine Barbie mit zerzaustem Haar. Vielleicht, wenn wir Omas Kettchen mit dem Medaillon nicht verkauft hätten, das, das ich zum siebten Geburtstag vor dem ersten Schultag bekommen hatte, vielleicht hätte ich dann etwas zum Beklautwerden. Ich weinte so sehr um dieses Medaillon, so lange, bis Mama die Nerven verlor und mich fragte, ob ich denn Luft essen möchte. Das Fräulein möchte gern Gold tragen, ach, bitte schön, und wir haben nicht mal eine Tüte Mehl im Haus. Ich begriff diese Aufteilung in Fräulein und Wir nicht, mir war nicht klar, was Wir bedeutete, wenn ich nicht dazugehörte, aber ich fühlte mich schuldig, weil unser Kühlschrank leer war. Dieses Halskettchen trägst du doch sowieso nie, sagte sie zu mir. Danach kaufte sie mir Schokolade und umarmte mich lange. Das Medaillon ist nicht weg, sagte sie, es ist immer noch irgendwo, wo du nicht bist, aber das heißt nicht, dass es verloren ist, Dinge sind nie verloren, sie sind nur an einem anderen Ort. Jedenfalls war ich froh, dass ich dieses Halskettchen nicht hatte, als uns der Buchhalter beklaute. Ich hätte es nicht ertragen, wenn er es genommen hätte. Aber nein, ihn konnte sie nicht zwischen Haus und Laden zufällig getroffen haben, er kam immer mit dem Auto, weil er am anderen Ende der Stadt wohnte. Wenn sie zufällig eine der Nachbarinnen getroffen hat, dann ist es vielleicht auch möglich, dass sie gerade jetzt auf der Straße steht, in Pantoffeln und Morgenmantel, und streitet. Die wissen alle am besten, wie und was sie an meiner Stelle tun würden, sagte Mama, alle sind sie verdammte Experten für mein Leben. Ich mochte die grauhaarige Dame, die allein im Erdgeschoss wohnte. Sie hatte zwei Katzen, und einmal erlaubte sie mir, sie zu füttern und zu streicheln. Kratzen die mich? Nein, die kratzen nicht, sagte die Nachbarin, die beiden haben so lange allein und gequält auf der Straße verbracht, dass sie sich über jede Zärtlichkeit freuen. Was sie sagte, machte mich traurig, also füllte ich ihren Napf bis obenhin voll und streichelte ihr seidiges graues Fell ganz, ganz lange, bis sie aufgefressen hatten. Aber Mama mochte die Nachbarin aus dem Erdgeschoss nicht, sie sagte, sie hätte einen Besen im Arsch, und es wäre ja leicht, eine Frisur und eine aufgeräumte Wohnung zu haben, wenn man keine Kinder habe, immer findet sich irgendein Weibsbild ohne Kinder, um alleinerziehenden Müttern Ratschläge zu geben. Ich verstand nicht, was Mamas Frisur mit mir zu tun hatte. Manchmal machte sie sich zurecht, manchmal nicht. Heute hat sie zum Beispiel einen Lockenwickler in ihre Stirnfransen getan. Vielleicht ist sie deshalb wütend geworden, vielleicht wollte sie sich heute schön machen, und ich habe ihren Plan durchkreuzt. Am schönsten machte sie sich für den Direktor, ihn nannte sie mein Bärchen. Wenn er zu uns kam, trug sie Kleider und große Holzperlen um den Hals. Lange schminkte sie sich die Lippen und Augen und machte dabei die merkwürdigsten Gesichtsausdrücke, als befände sie sich tief unter Wasser. Der Direktor kam immer spät und hatte oft schlechte Laune. Los, Kleine, ab ins Zimmer mit dir, Onkel muss mit Mama über ernste Dinge reden. Dann klatschte er ihr auf den Hintern, worauf sie wie verrückt lachte und mir mit der Hand deutete, ich solle verschwinden. Stimmt, zu dieser Zeit war sie hübsch zurechtgemacht, aber sie weinte oft und stritt übers Telefon, so dass ihre Schminke sich verflüssigte und vom Kinn auf unseren leidgeprüften Teppich tropfte. Sie war auch an dem Tag hübsch zurechtgemacht, als er sie verprügelte, weil ihr der Nachbar geholfen hatte, die Waschmaschine in die Wohnung zu bringen. Ich schloss mich im Zimmer ein und hörte zu, wie sie der Direktor ohrfeigte, nur den Geräuschen nach konnte ich erraten, ob sie auf die Couch, den Tisch oder den Boden gefallen war. Er sagte zu ihr, sie sei eine schmutzige Schlampe und fragte sie, ob ihr der Nachbar denn die Waschmaschine gekauft hätte. Nein, du warst das, mein Bärchen, sagte Mama, und ich schaute mich im Zimmer bei meinen Sachen um und überlegte, womit ich ihn verhauen könnte. Ich hatte nur dünne Bücher für die Schullektüre, denn damals lasen wir immer noch keine Romane. Noch lange, nachdem er gegangen war, blieb ich mit meinen nutzlosen Büchlein auf dem Boden sitzen. Ich fürchtete mich davor, das Zimmer zu verlassen und Mama zu sehen, ich wusste, dass sie sich dann nur noch schlimmer fühlen würde. Es beruhigte mich zu hören, wie sie duschen und ins Bett ging. Am folgenden Morgen lächelte sie, machte mir ein Omelett für die Schule und sagte, dass sich manche Leute manchmal so sehr lieben, dass es zu viel Liebe gibt und es dann explodiert. Sie trug reichlich Schminke und hatte gelockte Haare, aber ihr linkes Auge war sichtbar dunkler, genau wie eine Ecke des Unterkiefers, und ich dachte, wenn das Liebe ist, dann gefällt mir das überhaupt nicht. Der Direktor kam noch ein paarmal, danach nicht mehr, und Mama weinte lange durch das Telefon, fluchte und hörte am Ende auf, sich zu schminken. Da begriff ich, dass Menschen doch verlorengehen können, im Unterschied zu meinem Medaillon, das nur irgendwo anders war. Irgendwo, wo ich nicht war. Dann, eines Tages, weinte sie nicht mehr, aber sie ging immer seltener aus dem Haus. Sie sagte zu mir, sie würde nicht zur Arbeit gehen, weil sie krank sei, aber ich solle mir keine Sorgen machen, es würde bald wieder gut sein. Auch dein Papa könnte vielleicht mal dran denken und uns was schicken, verdammter Mistkerl. Ich wusste, dass Papa manchmal ein bisschen Geld schickte, aber ich hatte auch gehört, dass er eine neue Tochter in einer anderen Stadt bekommen hatte, und nahm an, dass ich ihn nicht mehr interessierte. Deshalb wunderte es mich nicht, dass er uns nicht mehr wie früher Geld schickte. Es war, wie wenn man eine Arbeit hat – man ist das Kind von jemandem –, und dann wird man eines Tages gekündigt, weil jemand Besseres gefunden wurde, um einen zu ersetzen. Aber Mama sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen, der Lohn würde auch bezahlt, wenn man krankgeschrieben sei, und sie habe in diesem Möbelhaus über zehn Jahre gearbeitet. Sie sind meine Familie, sagte sie. Das erschreckte mich, all diese Familien, Papa hatte eine Familie, Mama hatte eine Familie, und ich hatte von all diesen Leuten niemals jemanden gesehen. Das bedeutet, dass mein Job sicher ist, erklärte sie mir, dort lieben sie mich. Mir machte dieses Wort Angst, denn es erinnerte mich an den Direktor. Mama, fragte ich sie, aber was ist deine Krankheit, wenn du krankgeschrieben bist? Mama ist nur sehr, sehr müde, sagte sie. Immer sagte sie Mama ist statt Ich bin, wenn sie mir nicht die Wahrheit sagen wollte. Mama ist nur müde. Mama geht nur Kaffee trinken mit einem Freund. Mama ist nur ein wenig angeheitert. Mama macht nur fünf Minuten die Augen zu. Darum glaubte ich ihr nicht, dass sie nur müde war, sie schlief ganze Tage lang. Ich ging zur Schule, und sie war immer noch im Bett. Manchmal fand ich sie dort auch noch, wenn ich nach Hause kam. Los, mein Liebes, geh zum Laden, Mama ist sehr müde. Dann wurde sie wütend, weil mir die Verkäuferin die Flasche Wodka nicht verkaufen wollte. Sie fluchte und schlug die Türen zu. Alles gesetzestreue Bürger, rief sie, während sie sich den Morgenmantel über den Pyjama zog, Hauptsache, alles nach dem Gesetz, und dann zocken sie die Leute ab nach Strich und Faden. Ich verstand nicht, wie die Verkäuferin die Leute abzocken sollte, aber ich schämte mich sehr, als ich im Laden die Flasche aus dem Einkaufskorb zog und ein Mann neben mir zu lachen anfing. Die Verkäuferin nahm den Wodka und stellte ihn unter die Kasse. Sie runzelte die Stirn und fragte mich, für wen ich die denn kaufen würde, aber ich begriff sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, und antwortete: Für Papa. An diesem Tag kehrte Mama mit Lichtgeschwindigkeit aus dem Laden zurück, immer noch wütend, mit zwei Flaschen und einer Schachtel Zigaretten. Hauptsache, ich, krank wie ich bin, muss in den Laden, weil die Dame Prin-zi-pi-en und Vor-schrif-ten hat, ach, ich bitte dich, schrie sie in der Küche herum, während sie sich ein Getränk einschenkte. Seither ging sie sehr selten in den Laden, aber sie kam mit vielen Flaschen zurück, so dass sie nicht mehrmals gehen musste. Mich schickte sie wegen allem anderen hin, und manchmal ging ich auch von allein, wenn ich sah, dass wir etwas brauchten. Darum ging ihr das heute auf die Nerven. Es war kein Getränk, ich hätte allein gehen können.
Wie viel früher noch, verfluchte Scheiße, mit neun Jahren …, sagte sie und wühlte in den Badezimmerschränken. Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich eigentlich zehn war, mein Geburtstag war vor zwei Monaten gewesen, vielleicht hatte sie sich noch immer nicht daran gewöhnt. Ich wusste, dass ich sie nicht vom Thema ablenken durfte. Danach durchwühlte sie ihre Tasche, daraus fielen Rechnungen, leere Zigarettenschachteln, Korken und zerknüllte Schokoriegelverpackungen. Ach, verdammt nochmal, ich hab nur einen Tampon … Sie zeigte ihn mir, er war riesig, und ich verstand überhaupt nicht, was ich damit machen sollte. In die Unterhose legen, oder wie? Außerdem machte ihn allein die Tatsache, dass er aus ihrer Tasche kam, abstoßend. Hier hast du Geld, sagte sie, geh dir im Laden Binden kaufen.
Ich kann nicht, das läuft mir alles da runter, ich habe zwei Unterhosen übereinander angezogen, aber umsonst.
Geh und stopf dir Klopapier rein.
Ich wollte nicht hysterisch sein, ich wusste ganz genau, was mit mir geschah. Die Lehrerin hatte uns schon davon erzählt, und es gab auch eine Zeitschrift für Mädchen, in der einem das alles schön erklärt wurde. Ich wollte, dass Mama sieht, dass alles in Ordnung ist, dass es keinen Grund zur Aufregung gab. Ich bin groß, und das hier würde uns kein neues Problem bereiten. Aber gleich, als ich ins Badezimmer kam, wurde mir klar, dass wir kein Klopapier mehr hatten.
Mama, es gibt kein Klopapier!
Ach, verdammte Scheiße nochmal, warum hast du denn keins gekauft, sollen wir uns vielleicht mit der Hand abwischen?
Ich ging ins Wohnzimmer zurück und spürte, wie noch mehr Blut durch mich durchrann und meine Unterhose tränkte. Mein Bauch tat fürchterlich weh.
Stopf irgendeine Socke rein und geh in den Laden, das hab ich schon hundertmal so gemacht, sagte sie und legte sich zurück auf die Couch.
Mama, es tut weh.
Sie verdrehte die Augen und stand wieder auf. Sie rieb sich die Augen so kräftig, dass ich dachte, sie würde sie sich unabsichtlich auskratzen. Ihre knochigen Finger zitterten pausenlos, als ob jemand Strom hindurchjagen würde. Sie nahm ein Glas vom Tisch, aber es war schon leer. Sie schimpfte lauthals und schnappte die Tasche von der Couch.
Dann sause ich rüber, brauchen wir noch was?
Klopapier, sagte ich. Und Zahnpasta.
Klopapier … und Zahnpasta …, wiederholte sie nachdenklich, als könnte sie sich nicht erinnern, was diese Wörter bedeuteten.
Bin in einer Sekunde wieder da. Na, siehst du, was für eine Mama du hast, ha? Mich hat meine verprügelt, als ich die erste Regel bekommen habe. Siehst du, was für ein Glück du hast? Welche Binden soll ich dir kaufen?
Ich sah sie beschämt an. Ich wusste nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte.
Ich weiß nicht … Welche für Mädchen?
Na ja, hast du’s stark?
Wieder wusste ich nicht, was ich sagen sollte, wie viel stark war und wie viel nicht.
Ich weiß nicht, es rinnt ständig.
Sie zog den Schlüssel aus dem Schloss.
Du brauchst keinen Schlüssel, sagte ich zu ihr. Sie versuchte, ihn zurück hineinzustecken, aber ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Schlüsselloch nicht traf. Am Ende legte sie ihn einfach auf die Kommode neben der Tür. Bin in einer Sekunde wieder da, sagte sie. Und ging.
Draußen wird es schon dunkel. Sie müsste längst wieder da sein. Ich habe Angst, mich wegzubewegen, beide Unterhosen sind schon völlig von Blut durchtränkt. Ich spüre, wie es mir am Bein hinunterläuft. Einen Tropfen sammle ich mit dem Rock auf, aber schon kommt ein zweiter. Und ein dritter. Vielleicht sollte ich schnell ins Bad laufen, ein Handtuch nehmen … Haben wir überhaupt saubere Handtücher? Ich spüre, dass mein Körper eine neue Ladung ausgepumpt hat, dieses Mal eine noch größere, und dass das alles aus mir auf den Teppich ausbrechen würde, wenn ich mich bewege. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wo bleibt sie nur? Sie wird kommen, sie müsste kommen. Auf dem Tisch steht ein leeres Glas. Ich nehme es und stecke es zwischen meine Beine. Ich sehe mein Blut, wie es fällt und sich mit ein paar Tropfen Wodka vermischt. Der Geruch meines Bluts übertüncht den Gestank des Alkohols. Mir ist übel. Wenn ich nur irgendwie ins Badezimmer käme. Der Schmerz wird unerträglich, mit einer Hand halte ich mich am Couchtisch fest, mit der anderen halte ich immer noch das Glas. Wo bleibt sie? Ist das normal, dass es so weh tut? Zwischen meinen Beinen ist ein großer Kreis aus Kakao. Darauf ein Tropfen von meinem Blut. Mama wird den Fleck sehen. Sie wird auch das Blut in ihrem Glas sehen. Sie wird ausflippen. Aber das macht nichts, Hauptsache, sie kommt. Gleich kommt sie. Sie müsste jeden Augenblick da sein.