Manchmal denke ich darüber nach, aber nicht oft. Es ist besser, manche Türen geschlossen zu halten. Doch heute habe ich Zitronen gekauft. Ich dachte daran, wie perfekt sie in der Handfläche liegen, feinnarbig. Dann rief mich meine Schwägerin an, um mir zu erzählen, dass mein Bruder sie geschlagen hat. Eine der Zitronen fiel auf den Gehsteig und platzte auf. Sie sind nicht so stark, wie es aussieht. Und so kehrte es zurück. Dieses schwache Prickeln, das sich über meiner linken Wange ausbreitet wie ein zerbrechlicher Fächer, nur die Idee einer Hand, die Handfläche eines Kindes. Die Finger meines Bruders. Momente sind trügerisch, wenn sie sich in Erinnerungen kleiden.
Mein Bruder hat mich einmal geschlagen. Einmal und nie wieder. Nur war es ein Kind, das mich geschlagen hat, und kein erwachsener Mann. Im Lauf der Jahre hat sich die Erinnerung an diese Ohrfeige verändert. Als ich heute Morgen daran dachte, konnte ich nicht umhin, mein jetziges Ich zu sehen, das vor einem achtjährigen Jungen steht. Jedes Mal, wenn ich an die Ohrfeige denke, wächst das Mädchen aus der Erinnerung und dehnt sich aus, die zehnjährigen Glieder reichen an die heutigen heran. Doch ihr Bruder bleibt da unten, der Achtjährige, der sich auf die Zehenspitzen stellt, um seine riesenhafte Schwester zu erreichen und ihr diese wohlverdiente Ohrfeige zu geben, seine kleine Hand auf grausame Weise der Aufgabe nicht gewachsen. Mancher Schmerz ist gut. Er ist da, um einen zu erinnern, dass Schmerz existiert. Ich war zehn Jahre alt und hatte den Schmerz noch nicht kennengelernt. Der Bruder hat ihn mir beigebracht.
Und so beginnt es: seine Hand und meine Wange. Hunde, die mir nachlaufen. Zehen. Danach kommt immer das geblümte Kleid meiner Mutter, eine verformte Dahlie auf ihrer Brust bewegt sich auf und ab, ihre Augen sind voll Wasser. Oder stand ihr vielleicht Schweiß auf der Stirn? Ihr ganzes Wesen in diesen großen, schnellen Händen, immer auf der Jagd nach etwas Handfestem. Und dann ist da auch kein Kleid, nein – an dem Tag trug sie eine Jogginghose – eine schmutzige Schürze, unter der Brust straff gebunden. Mutter, die schreit: Fass das Messer nicht an! Mutter, die schreit: Guter Gott, alles vermassle ich! Mutter, die schreit: Seid ihr denn nicht glücklich, dass euer Papa kommt? Mutter, die zittert. Das zitternde Messer in der Hand, schneidet sie das Hühnerfleisch. Du kannst das nicht vermasseln. Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit haben … Ranka, die Nachbarin von oben, hat mit Mutter eine Abmachung. Einige Zeitlang legten sie Geld zur Seite, um von Frau Popović ein lebendes Huhn kaufen zu können. Der Frau, die am Hügel wohnte. Eine blassviolette Villa mit glänzend grünen Balkongittern guckte durch die immergrünen Bäume durch, die unsere hühnerlose Nachbarschaft von jener der Popović trennten. Und dieser Garten und die Tiere und der unendliche Vorrat an Kinderüberraschungseiern. Sogar ein Zitronenbaum, gleich hinter dem großen Haus, den aber niemand jemals mit eigenen Augen gesehen hatte.
Mutter sagte über Frau Popović, sie sei eine alte Fotze, die in einer Beleidigung von einem Haus wohne, das mit blutigem Geld gekauft worden sei. Mutter sagte auch, dass Zitronen keine verdammten Äpfel seien. Was würden wir verdammt nochmal mit Zitronen anfangen? Glaubten wir denn, unsere Männer würden da draußen umkommen, damit wir hier Zitronen auspressen? Der erste Gedanke an einen toten Papa. Sein kräftiger Körper verwickelt in lange, feuchte Grashalme; ein lächelnder Papa, ein guter Papa, der aus irgendeinem Grund nach Zitrone riecht. Noch nie hatte ich einen Toten gesehen noch dieses Obst probiert. Als dann beides geschehen war, war ich vom Resultat enttäuscht. Die Zitrone war sauer, es war Tee nötig, um sie hinunterzuschlucken. Die Leiche war einfach nur ein regungsloser Mensch.
Als die Zeit für Mutter und Ranka kam, loszugehen und das Huhn zu holen, hatte sich Frau Popović plötzlich verändert. Eine hart arbeitende, fleißige Frau. All diese Schweine und Hühner und zwei Kühe, die mussten alle ernährt werden, und nicht jeder war für so eine Arbeit geeignet. Ranka war nicht einmal halb so groß wie meine Mutter, aber sie besaß einen fein klingenden Belgrader Akzent, während man bei meiner Mutter den für das Bosnische typischen Mangel an Selbstlauten hörte, was für die violette Villa jedenfalls unangemessen war. Deshalb war es nur plausibel, dass unsere Nachbarin das Huhn holen sollte.
Wir mussten es den ganzen Tag in unserer Wohnung halten, weil es keinen Strom gab, um es in der Kühltruhe zu lagern, nachdem wir es erwürgt hatten. Frau Popović hatte sich angeboten, das Huhn selbst zu erwürgen, aber meine Mutter hatte zu Ranka gesagt, dass sie der Hexe nicht eine verdammte Mark mehr bezahlen würde. Mein Bruder wollte, dass wir ihm einen Namen gaben, aber ich war klüger. Wir werden es morgen essen, sagte ich. Es wird dir leidtun, wenn du ihm einen Namen gibst.
Also nannten wir es Brathuhn, zum Spaß, und schluckten unsere Tränen hinunter, als Ranka mit einer schnellen Bewegung des Handgelenks seinen Hals knacken ließ. Die rostroten Federn drangen zwischen ihren manikürten Fingern hindurch, der kaum sichtbare Ehering glänzte im Schweiß. Wir wussten, dass dieses Opfer gebracht werden musste, deshalb wurde die Angst von Stolz abgelöst, schneller, als man Hühnchen sagen konnte. In diesen Tagen bestand unser Essen nur aus dem, was nicht in den Kühlschrank musste, und was sich in den halbleeren Regalen des kalten Supermarkts finden ließ. Aber es gab auch gute Tage, Tage mit Spinatstrudel und Rankas entsprechendem Klopfen an der Tür, jedes Mal, wenn wir die Ofentür aufmachten. Ihr orangefarbener Lippenstift machte Flecken auf unsere besten Gläser. Weit ausschweifend sprach sie über Andrić oder Crnjanski, so dass Mutter nichts anderes übrigblieb, als ihr ein unverhältnismäßig großes Stück Strudel abzugeben, um sich freizukaufen, weil sie diese großen Serben nicht gelesen hatte.
Außer dem Spinatstrudel war das einzige verbindende Element dieser sporadischen Zusammenkünfte das Geschichtenerzählen über ihre Männer. Diese Helden waren uns so fern, dass uns nur die von Mutter ab und zu ausgesprochenen Worte ihr Vater, um Ranka deutlich zu machen, dass wir tatsächlich mit diesem Menschen verwandt waren, daran erinnerten, von wem die Rede war.
Du hast schiefe Zehen, wie dein Vater, wiederholte Mutter jeden Samstag, während sie uns die Nägel schnitt und Salbe auf die glühenden Mückenstiche schmierte.
Die Füße sind ganz die seinen, schau mal, das ist Vaters großer Zeh hier, sagte sie zu mir, und ich ging stolz ins Bett und tastete unter dem Laken meine Zehen ab, noch lange, nachdem mein Bruder eingeschlafen war. Ich drückte die große Zehe nieder und sah zu, wie sie blass wurde, so lange, bis mir schien, sie würde absterben und abfallen, dann ließ ich sie wieder los und erlaubte dem Blut, erneut in sie zu fließen. Genau wie bei Papa.
Papa haben wir durch seine Abwesenheit kennengelernt, wir formten seine Hände nach den Lederhandschuhen, die er hinterlassen hat, seine Zähne nach der abgenutzten Bürste, die sich niemand aus dem Glas im Badezimmer zu entfernen traute, seine Kraft nach den Möbeln um uns herum: dem Tisch und den Sesseln, die er selbst gezimmert hatte. Es gab einen leeren Raum, den unsere Mutter hingebungsvoll verehrte, einen Raum, den nur Papas Hände und Worte richtig ausfüllen konnten. Unsere kleinen Füße und dummen Witze passten nicht in die feinen Zwischenräume und Ecken seiner Leere.
Die Abende vergingen in alles verschlingender Dunkelheit. Wir schauten durch das Küchenfenster und versuchten zu erraten, welches wessen Haus war. Ein muslimisches. Unseres. Ein muslimisches. Unseres. Selbst in dieser Zeit der tiefen, uniformen Dunkelheit wussten wir, sie zu unterscheiden, was uns ein Gefühl von Macht gab. Zuerst schienen alle Häuser gleich zu sein, doch wenn sich die Augen einmal an die Finsternis gewöhnt hatten, kroch die Sprache unter die Dächer, fielen Nachnamen von unseren Lippen, ein Haufen Buchstaben reckte sich durch die Nacht, bis wir jeden Haushalt identifizieren konnten.
Während der wenigen Stunden pro Woche, in denen es Strom gab, sprangen die Frauen auf, steckten Kabel in jede freie Steckdose und rannten wie kopflose Hühner zum Geräusch von Waschmaschinen und über das Parkett der Nachbarn tobenden Staubsaugern herum. Wir schauten fern. Unsere Liebe zum Fernseher wurde nur traurig erwidert – wir saßen stumm vor den ewigen Wiederholungen der Zeichentrickfilme über Bruder und Schwester, die sich hungrig und arm im Traumland voller Eiscreme und Kuchen wiederfanden. Dieser hier war unser Lieblingsfilm, einfach weil uns die serbische Synchronisation zum Lachen brachte. Die animierte Mutter zeterte, sie hatte nichts, was sie als Mittagessen servieren konnte, und die beiden Kinder machten den Mund auf und quiekten, völlig misstönend: Mama, Mama, wir machen nur Spaß, wir sind nicht hungrig! Die Stimmen Erwachsener, die so tun, als wären sie Kinder. Das liebten wir.
Diesen Zeichentrickfilm schauten wir auch eines Nachmittags im Dezember, als uns gesagt wurde, dass der Krieg zu Ende ist. Einfach so. Wir glaubten das nicht, denn im Fernsehen liefen immer noch die Abendnachrichten. Die Ankündigung von Papas Ankunft erreichte meinen Bruder und mich als Liste von Dingen, die wir um keinen Preis kaputt machen durften. Mutter drohte uns von dem Moment an, in dem sie das Haus betrat und vom Zeichentrickfilm auf den Nachrichtenkanal wechselte: Wehe, wenn wir auf die Idee kämen, sagte sie zum Nachrichtensprecher, uns eine Hand zu verrenken, einen Zahn auszuschlagen, einen blauen Fleck zuzuziehen oder uns auf irgendeine Art und Weise zuzurichten, bevor Papa ankommt. Wir würden Neujahr zusammen feiern, sagte sie, und danach auch Weihnachten. Vielleicht könnte sie etwas Fleisch im Voraus bestellen, wir würden wie eine richtige Familie das Brot brechen, wie es zu Weihnachten Tradition ist. So sagte sie das – eine richtige Familie –, als ob wir drei bis jetzt keine richtigen Menschen gewesen wären. Als ob wir die ganze Zeit über gewartet hätten, dass er, der Vierte, der Richtige, erscheinen und uns Leben einhauchen würde.
Unsere Knie müssen perfekt sein, drohte sie uns, die Haare gekämmt, die Haut rein und ebenmäßig, wie Glasur auf der Torte. Ohne auf unsere unausgesprochenen Fragen zu achten, sagte sie ihre Liste auf und fuhr mit ihrem gekrümmten Finger über jedes Regal, jeden Schrank und jeden Tisch, um zu prüfen, ob darauf Staub war. Sie tastete alle Oberflächen ab, um nicht irgendeine Ritze, einen Spalt, eine Unebenheit zu entdecken. Es war, als ob ihre Finger endlich ihren eigentlichen Sinn und Zweck gefunden hätten – die Wohnung für Papas Ankunft vorzubereiten. Die staubige Spitze ihres erhobenen Zeigefingers tanzte um uns herum wie ein Ausrufezeichen. Am Ende hielten wir es nicht mehr aus, mein Bruder oder ich, ich weiß es nicht mehr genau. Die Frage purzelte uns aus dem Mund: Papa kommt heim?
Etwas muss sie abgelenkt haben, Rankas Klopfen oder der Nachrichtensprecher. Die Antwort haben wir nie gehört.
Papa kommt, flüsterte mein Bruder, oder ich, wir warteten nicht mehr auf Mutter, um uns zu bestätigen, was offensichtlich war. Wir schauten einander an und lächelten uns verängstigt zu. Mutter war schon mit Ranka in die Küche gegangen, um alles rund um das Hühnchen zu planen, während mein Bruder und ich mit nackten, am Parkett klebenden Füßen immer noch dastanden, wie zwei nackte Pflanzen, voller Angst, dass uns irgendeine Bewegung aus dem wundervollen Wissen um Papas Ankunft herausreißen würde.
Ich hatte Angst hinzufallen. Ich hatte Angst, über etwas zu stolpern und mir den Knöchel zu verdrehen, mein Knie anzustoßen, mir den Arm zu brechen, bevor Papa zurückkam. Ich hatte Angst vor den Autos, die auf dem Weg zum Laden knapp an mir vorbeirasten. Ich hatte Angst, dass mir ein verirrter Fußball die Nase brechen würde. Ich hatte Angst vor losen Ziegeln, unvorsichtigen Kindern, giftigen Mücken, steilen Treppenstufen und den bösartigen Dobermännern aus Frau Popovićs Garten, die mich fassen und mein Gesicht zerfleischen könnten. Wie würde mich Papa ohne mein Gesicht wiedererkennen?
Wohin auch immer ich ging, der Tod lauerte hinter jeder Ecke und rechnete mit meiner Unbeholfenheit. Wir mussten brav, ordentlich, unverändert sein. Wir fingen an, vor dem Schlafengehen mit geschlossenen Augen Gebete aufzusagen. Wenn wir sie auswendig lernten, würde Papa sehen, dass wir trotz aller Gegenbeweise im Grunde brave Kinder waren. Und doch hatte sich alles um uns herum verschworen, ihn in Schrecken zu versetzen, jede kleine Unvollkommenheit, Dinge, die uns sonst gar nicht auffallen würden, waren jetzt vergrößert durch unsere Angst, ihn zu enttäuschen. Unser Stockbett quietschte irgendwie mehr als sonst, also holten wir etwas Öl aus der Küche und schmierten die vielen Verbindungsstellen so lange ein, bis das Quietschen aufhörte. Für unseren wackeligen Tisch machten wir einen Haufen kleiner Papierkügelchen, so lange, bis wir die eine perfekte fanden, die unter das kürzere Bein passte und das Schaukeln behob. In die Schuhe streuten wir Backnatron, damit sie nicht nach Füßen rochen. Ich sammelte meine geköpften Puppen ein und stellte das Zimmer auf den Kopf, bis ich alle zerstreuten Gliedmaßen und Köpfe wiedergefunden hatte. Meine zerlumpten Prinzessinnen waren wieder ganz; ich war erleichtert, dass es nur Puppen waren und keine richtigen Kinder, denen man den Kopf nicht wieder auf die Schultern zurückstecken konnte, wenn man ihn einmal abgetrennt hatte. Mein ungeschickter Bruder schaffte es, sich in den Finger zu schneiden, also musste ich ihn verarzten, nachdem ich ihn ordentlich angebrüllt hatte. Ich fand Alkohol und ein Pflaster und kontrollierte jeden Abend seine Wunde, bis sie zu einer kaum sichtbaren bleichen Linie zusammengeschrumpft war. Wir beschlossen, dass er die andere Hand benutzen sollte, wenn er Papa sein Schulzeugnis zeigen würde.
In dieser Woche trugen wir unsere schlechteste Kleidung, so dass die bessere für Papas Ankunft sauber und faltenfrei blieb. Wir übten, mit geschlossenem Mund zu kauen. Wir waren sauber und gekämmt. Wir benutzten Zahnseide, aßen Erbsen und sprachen ein Gegrüßet seist du Maria vor dem Schlafengehen. Manchmal fanden wir neue Gebete in der Tageszeitung. Dann setzten wir uns mit der Glas über den Schoß gebreitet aufs Sofa. Ich las das Gebet Zeile für Zeile vor, und mein Bruder wiederholte jedes Wort mit feierlicher Stimme. Wenn wir es geschafft hatten, das ganze Gebet ohne nachzuschauen aufzusagen, las ich ihm auch den Teil über die blutrünstigen Mudschahedin vor.
Bevor Papa kam, hatte Mutter zehn Deutsche Mark in einer Metalldose auf dem Nachttisch gespart und uns versprochen, mit uns zu Dijana zu gehen, einem Laden im Zentrum, dessen Inhaber jeden Monat nach Österreich fuhr und unter anderem Kinderüberraschungseier, Weichspüler und Seife in der Dose importierte. Zwei Wochen zuvor hatte Mutter eine Schachtel Raffaello und Filterzigaretten bestellt. Als wir hinkamen, um die Bestellung abzuholen, glänzten die Überraschungseier in einer überwältigenden, auf dem Ladentisch aufgebauten Pyramide, ihre Aluminiumoberfläche war perfekt glatt unter den Fingern. Allerdings mochte Papa lieber Raffaello, und die meisten dieser Eier waren sowieso verbeult und wahrscheinlich auch schon abgelaufen.
Auf dem Nachhauseweg blieben wir auch bei einem Kleidergeschäft stehen, aber Mutter warf nur einen Blick in die Geldbörse und sagte, dass die Chinesen keine Ahnung hätten, wie man Röcke umsäumt. Deshalb zog sie am Tag seiner Ankunft ihr altes geblümtes Kleid an, und von ihrem stark geschminkten Gesicht stieg parfümierter Staub auf. Sie roch nach Ranka. Sie hatte einen kleinen Ölfleck an der Brust, aber wir trauten uns nicht, irgendetwas zu ihr zu sagen. Mein Bruder entschied, seine Baseballjacke anzuziehen, die, die in einem holländischen Hilfspaket angekommen war. Ich zog meinen marineblauen Rock und die gestärkte weiße Bluse mit dem weiten Spitzenkragen an, der von einer Schulter zur anderen reichte. Ich war bereit und ein wenig nervös, ich versuchte, meine Haare glatt hinters Ohr zu streichen, als es endlich an der Tür klopfte.
Als Erstes kam der vermischte Geruch von Schweiß und Erde herein. Der Gestank stürzte vor Papa ins Haus. Er brach auseinander und verstreute sich über unsere geschrubbte, saubere Haut und die gebügelten, nach österreichischem Weichspüler duftenden Kleider. Mein Bruder zog eine Grimasse und hielt sich die Nase zu, aber ich schaffte es, ihm die Hand vom Gesicht wegzuziehen, bevor es jemand sehen konnte.
Der Vater war dünn, zierlicher als Mutter, und als er die Armeetasche auf den Boden stellte, waren die Venen an seinen Armen violett und angeschwollen, als wollte das Blut sie verlassen. Seine ganze Gestalt verschwand in Mutters fülliger Umarmung, als würde sie nach einem langen Tag am Strand die Luft aus der Matratze drücken. Er hatte einen kurzen Bart und Augen wie zwei verängstigte Tiere, die aus dunklen Höhlen starrten. Seine Hose flatterte wild in der Zugluft, die seine Ankunft verursacht hatte, als wäre gar nichts darin.
Wie groß du bist, sagte er, als er mich sah. Ich erblickte gelbliche Flecken an seinen schiefen Zähnen.
Wie groß du nur bist, wiederholte er dasselbe auch an meinen Bruder gerichtet. Er musste sich daran erinnert haben, dass es etwas Gutes war, das über Kinder zu sagen. Dass sie groß sind. Sie sollten nicht für immer gleich groß sein.
Gib mir das, setz dich hin, ruh dich aus, sagte die Mutter mit flötender Stimme und brachte seine Tasche in die Waschküche.
Auf dem Bett liegt saubere Kleidung, wenn du dich duschen willst!, rief sie ihm zu. Unser Vater stand für eine ganze unerträglich langgezogene Minute an der Eingangstür, nahm den Raum in sich auf, als brauchte er Zeit, um sich zu erinnern, was für ein Verhalten an solchen Orten angemessen war.
Das Bad ist dort, sagte mein dummer Bruder und zeigte zur weißen Tür. Vater sagte, dass er noch wisse, wo das Bad ist, und obwohl er dabei lächelte, fehlte es ihm offensichtlich an Erfahrung in der Art, wie er mit uns sprach. Es hätte uns nicht überrascht, wenn er in diesem Moment nachgefragt hätte, wie wir heißen.
Wie kannst du nur so was Dummes sagen?, sagte ich zu meinem Bruder, als wir uns in unser Zimmer zurückgezogen hatten. Natürlich weiß er, wo das Bad ist! Das hier ist seine Wohnung!
Er stinkt wirklich sehr, flüsterte mein Bruder.
Er war im Krieg, sagte ich zu ihm, und fügte dann leiser hinzu: Mit den Muslimen!
Während der Vater duschte, hörten wir unsere Mutter, wie sie aus der Waschküche rannte und die Tür hinter sich zuschlug. Wir eilten aus dem Zimmer und fanden sie dort mit dem Rücken an die Wand geheftet, die auseinandergezogene Dahlie auf ihrem Busen sprang auf und ab, gemeinsam mit dem Ölfleck.
Etwas war dort, hinter ihr, in diesem geschlossenen Raum, etwas, wovor sie geflohen ist. Unsere Mutter, die Arsch sagte, und scheiße, und Fotze, und nicht einmal mit der Wimper zuckte, als Ranka das Huhn tötete. Sie wandte sich zu meinem Bruder und flüsterte: Eine riesengroße Kakerlake, riesengroß.
In der Waschküche?, fragte ich.
Sie nickte.
Ist sie von Papa?, fragte mein blöder Bruder.
Natürlich ist sie nicht von Papa, sagte ich, obwohl die Kakerlake aus Vaters Armeetasche herausgekrochen sein musste, als Mutter sie geöffnet hatte, um die Wäsche einzusammeln. In unserem Haus gab es nie irgendwelche Insekten, weil Mutter es blitzblank putzte. Das letzte Mal hatte ich eine Kakerlake im Krankenhaus gesehen, als Opa am Zucker starb.
Pssst! Nicht dass er dich hört!, sagte Mutter. Geh rein und zertritt sie! Schnell!
Immer noch standen wir dort, unsicher, was wir tun sollten.
Was, wenn sie an meinem Bein hochklettert?, fragte ich.
Nicht du, Dummchen. Dein Bruder.
Aus irgendeinem Grund fand er das kein bisschen seltsam. Er – in seiner kleinen Baseballjacke und den Superman-Pantoffeln, er, der immer noch in der Nase bohrte und seinen Rotz inspizierte, wenn er dachte, dass ich nicht hinschaute, er, der das Gegrüßet seist du Maria immer noch nicht auswendig konnte, das leichteste Gebet im Schulbuch. Er fand es ganz normal, dass sie ihn ausgewählt hatte. Einen Kopf kleiner als ich.
Die Tür verschluckte ihn, noch bevor ich meine Empörung ausdrücken konnte. Ein Schrei war zu hören und, wie ich es erwartet hatte, war er nach zwei Sekunden wieder draußen.
Was ist passiert?, fragte Mutter.
Sie ist riesengroß, sagte mein Bruder leise und zeigte uns das unsichtbare Insekt zwischen Daumen und Zeigefinger. Wieso bringt er sie nicht um?, fragte er und zeigte zur Badezimmertür.
Ich lachte und hänselte ihn: Ach, hast du dich vielleicht erschrocken? Frisst dir der kleine Käfer die Finger weg?
Und bevor ich begreifen konnte, was geschah, gab er mir mit aller Kraft eine Ohrfeige, so, dass meine Wange brannte. Der Schlag war so unglaublich, dass ich zuerst dachte, die Mutter hätte mich geohrfeigt, und nicht er. Die Augen meines Bruders eilten zwischen mir und Mutter hin und her; die Angst vor der Kakerlake vermischte sich jetzt mit der Erwartung einer Strafe. Und obwohl mir durch den Kopf ging, ihn noch einmal doppelt so fest zu schlagen wie er mich, konnte ich es nicht. Ich hatte ihn im Stich gelassen. Ich hatte ihn vorbereitet, seine Schnittwunde verarztet, ihm Gebete beigebracht und aus ihm einen überaus beispielhaften Sohn gemacht, und doch hatte ich es nicht geschafft, ihn auf das vorzubereiten, was er in der Waschküche vorgefunden hatte. Er besaß ein neues Wissen, eine für mich unerreichbare Wahrheit. Für unsere Mutter war diese Ohrfeige offensichtlich nicht weiter der Rede wert. Stattdessen hockte sie sich hin, um ihrem Sohn in die Augen zu schauen, und sagte: Papa war an einem fürchterlichen Ort. Er ist todmüde. Und hungrig. Und so glücklich ist er, wieder hier bei uns zu sein. Wir lassen uns das von niemandem kaputt machen, nicht wahr?
Mein Bruder sah mich zum letzten Mal an, entsetzt oder wütend, ich wusste es nicht, und schlüpfte dann zurück in die Finsternis, weit weg von meinen nutzlosen Worten und großen Händen.
Er war lange dadrin. Ich schätze, er tat mir leid, und gleichzeitig hoffte ich, dass er erneut herauslaufen würde, klein und erschrocken. Stattdessen kam nach schmerzhaft langer Zeit eine Autorität aus der Waschküche und befahl Mutter, etwas Küchenpapier zu bringen. Immer noch hatte er Superman-Pantoffeln an den Füßen. Die zertretene Kakerlake musste an seiner Sohle kleben. Der Vater würde weder jemals diesen Käfer sehen noch erfahren, wie Ranka einem armen Huhn den Hals gebrochen hat, oder wie mir mein Bruder eine Ohrfeige gegeben und danach eine große Kakerlake zerquetscht hat. Er musste über eine Stunde lang im Badezimmer verbracht haben, nichts ahnend von der Gewalt, die seine Ankunft umgab.
Er aß nicht viel von dem Hühnchen. Wir warteten darauf, dass er eine zweite Portion ablehnte, damit uns Mutter erlaubte, den Rest aufzuessen. Später gab es Brot und Marmelade, aber er fingerte nur ein wenig daran herum und hinterließ eine unübersehbare Schicht Krümel rund um seinen Teller. Er wirkte ausgehungert und starrte den bescheidenen Gabentisch vor sich an, aber er wollte sich nicht dem Appetit überlassen. Das Essen war wie eine Sprache, die er nicht verstand. Die alten Kleider hingen ihm in großen, unpassenden Schichten von den Armen.
Wir redeten nicht viel. Mutter stellte uns hartnäckig Fragen, auf die sie die Antworten bereits kannte. Wie es in der Schule war. Wer unsere Freunde waren. Solche Dinge. Mein Bruder stellte sich am Tisch nicht blöd an und zappelte nicht auf dem Stuhl herum. Er hielt die Ellbogen, wie es sich gehörte, und gab präzise, erwachsene Antworten auf die dummen Fragen. Er war derjenige, der die Kakerlake erledigt hatte, bevor sie der Vater zu Gesicht bekommen konnte. Er hatte etwas Gutes getan und ich nichts. Ich kaute laut. Mein Kragen war verrutscht. Ich ließ meine Gabel hinunterfallen, und während ich mich unter den Tisch beugte, um sie wieder aufzuheben, erblickte ich die kleinen Füße meines Bruders, wie sie in anderen Pantoffeln über dem Boden schwebten. Diese Pantoffeln kannte ich nicht.
Nachdem die Mutter beschämend schnell den Tisch abgeräumt hatte, schickte sie uns ins Bett und bestimmte: Papa wird euch gute Nacht sagen. Alle drei fügten wir uns wortlos. Der stille Mann warf einen enttäuschend kurzen Blick auf unser Zimmer und stand dann einfach da, groß und unbeholfen, und wartete, dass wir in unsere Pyjamas schlüpften. Obwohl er sauber war, konnte ich nicht aufhören mir vorzustellen, wie die Insekten aus seinen übergroßen Ärmeln in mein Bett und unter meine Decke, bis hin zu meinen Füßen krochen. Zum Glück gab er mir keinen Kuss. Stattdessen tätschelte er nur meinen Kopf und sagte: Dein Papa ist kein schlechter Mensch. Vielleicht sagte er Vater statt Papa oder Person statt Mensch, so in der Art. Ich weiß es nicht mehr genau. Es klang für mich, als hätte er meinen richtigen Papa dort bei der Armee kennengelernt. Als wollte er, dass ich dieser offensichtlichen Wahrheit zustimmte, ich sah keinen Grund, daran zu zweifeln. Er war ein guter Mensch. Er tätschelte auch meinen Bruder im oberen Bett, und dann verließ er unser Zimmer. Es waren keine Insekten da, um ihn hinauszubegleiten.
In dieser Nacht drangen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern fremde Stimmen, die den ihren nur oberflächlich ähnelten. In einem Moment kam es mir vor, als verschmölzen sie gänzlich mit den unverständlichen Vibrationen des Fernsehers. Ich hörte, wie sie das Zimmer verließen und wieder betraten, vielleicht beide, vielleicht nur er. Das Geräusch eines Wasserstrahls gegen die Badewanne. Ein Schluchzen oder vielleicht Kichern. Und dann Schlafen, viel Schlafen. Ganze Tage lang, unbedeutende und lange Tage. Und Neujahr, das wir auch irgendwie gefeiert haben mussten, wahrscheinlich haben wir Geschenke bekommen. Und danach Weihnachten und Mutters Hände, wie sie die Raffaello-Schachtel öffnen. Sie hatte die Verzierungen auf dem Weihnachtsbrot ungerecht verteilt, so dass Vater den Teil mit der eingebackenen Münze erhielt. Wie glücklich wir doch sind, sagte sie, dass Papa die Münze bekommen hat. Irgendwo hatte sie gelesen, dass das Wohlstand und Glück für uns alle bedeutete. Doch er aß nur sein Brot auf und vergaß dann die Deutsche Mark auf dem Tischtuch. Es war uns nicht erlaubt, sie zu nehmen, denn sie gehörte nicht uns. Unser Stück Brot war leer.
Wir mussten wieder in die Schule gegangen sein und sie zur Arbeit, wir mussten viele Aufgaben gehabt haben und sie viel zu tun, und es gab wieder mehr Hühnchen, mehr Schokolade, mehr Spinatstrudel, mehr Fernsehen. Und er musste manche Dinge zu uns gesagt haben, Dinge, die man zu Kindern sagt, wie groß wir waren, wie groß wir nur waren. Vielleicht umarmte er uns auch und hörte sich unsere ordentlich aufgesagten Gebete an. Und ich musste an diesem Tag früher aus der Schule gekommen sein, vielleicht war eine Stunde ausgefallen oder die Mutter hatte mir etwas aufgetragen, denn ich ging direkt in die Waschküche. Die Luft war stickig, und der Kühlschrank surrte durch unsere Wohnung.
Seine Füße waren in der Luft. Ich dachte daran, dass sicher auch die Zitronen so in Frau Popovićs Garten hingen, ruhig, wie mein Vater in der Waschküche. Es herrschte vollkommene Regungslosigkeit in dem Raum, neben dem Geräusch von Urin, der von seiner großen Zehe in eine kleine singende Pfütze am Parkettboden tropfte. Seine große Zehe war schief und haarig. Darin eingedrückt saß regungslos ein nasser, viereckiger Nagel.
Nein, dachte ich. Unsere Füße sind nicht so ähnlich. Die gleiche Form vielleicht, die gleiche Krümmung. Aber nicht so sehr. Nicht die gleichen.