Ich brauchte ganz schön lange, um Papa zu erwürgen. Er war ein dünner Mann und ständig krank. Die Frauen aus dem Dorf schickten uns oft Gläser voll homöopathischer Arzneien oder irgendwelche Bündel wunderwirkender Kräuter, wann immer sie ihn sahen, wie er sich den Weg hinunter in den Wald aufmachte. Ganz eingegangen ist er dir, sagten sie zu meiner Mutter, als redeten sie über die Hortensien im Vorgarten. Isst er denn überhaupt was? Wie kommt’s, dass er so schwach geworden ist? All das sagten sie, ohne auf eine Antwort zu warten, und versuchten dabei, mit in Falten gelegter Stirn ihr Vergnügen an ihrer Besserwisserei zu verbergen. Doch Mama zuckte nur mit den Schultern.
Der Mann isst genau das Gleiche wie wir, jeden Tag zwei, drei gekochte Eier zum Frühstück. Gestern gab’s Kalbskopf, der hat’s halbe Hirn aufgegessen, mit hausgemachtem Brot. Der Kleinen hat er die Zunge gegeben.
Dann bot sie ihnen mich als Beweis an, fasste mich am Unterarm, tätschelte meinen Bauch, klopfte mir auf den Hintern und lachte ganz fremd, um nicht das Lachen der Frauen zu provozieren.
Wenn doch wenigstens die hier ein bisschen eingehen könnte, sagte sie, und hielt mein Fett als Schutzschild vor.
Doch die Frauen vom Land hatten mehr Erfahrung, da war etwas in ihm, am Herzen oder der Leber, etwas fraß ihn von innen auf. Papa ging in den Wald, ganz allein, um den Kopf frei zu kriegen. Wovon, das hat er nie erklärt.
Und wo soll ich bitte den Kopf frei kriegen?, sagte dann Mama und schaute durchs Fenster meinem Vater zu, wie er den Asphalt hinunterlief, kleiner und kleiner wurde, bis er in einem Augenblick dort, wo der Feldweg von der Straße in Richtung Wald abbog, vollkommen verschwand. Vor dem Abendessen kam er wieder und sah schlechter aus als zuvor, als ob er die ganze Zeit im Wald mit irgendeiner furchtbar anstrengenden Person gestritten hätte. All das beobachteten die Frauen aus dem Dorf und merkten es sich: seine dünnen Beine in der zerknitterten Hose, die eingefallenen Wangen und, obwohl niemand gewagt hätte, es laut auszusprechen, seine Traurigkeit. Papa war depressiv, nur dass dieses Wort damals nicht verwendet wurde. Wenn die Frauen aus dem Dorf also sagten, dass meinen Papa etwas von innen auffraß, hatte dies eine völlig wissenschaftlich begründete Bedeutung: irgendein Vitaminmangel, Schlafen in einem ungelüfteten Raum oder, im schlimmsten Fall, Hausarbeit. Der arme Mann hatte vielleicht zu viel Arbeit und führte im Geheimen dann auch noch diejenigen Aufgaben aus, die eigentlich für seine Frau bestimmt waren.
Wenn meiner zu Hause selbst bügeln müsste, sagte eine Dame im Postamt in der Reihe hinter uns, na da lass ich mich lieber beim Klauen erwischen, als dass mein Mann so daherkommt.
Eine andere fügte hinzu: Das sieht man einem Mann gleich an, was für ein Weib er daheim hat.
Meine Mama bezahlte nur wortlos die Rechnungen, fasste mich am Arm und stürzte beleidigt aus dem Postamt, als wäre es ein Bordell. Doch sie konnte Papa auch anschreien. Was wollte er denn? Alles war doch sauber und gebügelt. Frühstück, Mittagessen und Abendessen immer auf dem Tisch. Musste er denn so im Dorf herumlaufen, als lebte er allein in einer Bruchbude und nicht in einem Haushalt mit einer gesunden Frau? Doch er sagte nicht viel, winkte ab, was kümmert’s uns, was die Leute reden.
Ach dich kümmert’s nicht, rief Mama. Nur mich bringst du ins Grab damit!
Papa schwieg. Papa ging in den Wald. Ich erinnere mich nicht, wann ich begonnen hatte, ihm zu folgen. Ich wartete, bis er den Feldweg hinunter verschwunden war, sich dann dem Graben hinter dem letzten Nachbarshaus näherte und ich seine zierliche Gestalt zwischen den reglosen Baumstämmen erahnte. Manchmal wusste ich nicht, ob ich seinen Rücken oder einen Baum sah. Wenn ich mir sicher war, dass er weit genug weg war, ging auch ich in den Wald. Der Boden war voll knisternder Zweige, Laub und kleiner heimtückischer Pfützen, es war schwer, unbemerkt zu bleiben. Über unseren Köpfen kreuzten sich die nackten und feuchten Äste der hohen Bäume und durchschnitten den Himmel. Um meine Gummistiefel herum, durch den schlammigen Grund und das faulige Laubwerk hindurch, war der Puls des Lebens zu spüren. Dort versteckten sich Würmer und Maulwürfe, Blindschleichen und Raupen, Ameisen und Kakerlaken. Alles lauerte, schlängelte und duckte sich, getrieben von seinen primären Instinkten. Dieses ganze erbärmliche Leben stieg frei empor, wild, wortlos, an giftigen Pilzen und weitem, verschlungenem Wurzelwerk vorbei, und ich war reglos, wie ein Stein, in meinen chinesischen Gummistiefeln. Nach ein paar Minuten im Wald vergaß ich, dass sich nur weniger als hundert Meter von uns entfernt der Asphalt ausbreitete, einfarbig und eben, als hätte irgendeine achtlose Hand einen Spachtel voll Zement über lebendige Haut gezogen. Ich vergaß die Häuser und darin die Frauen, die Kalbsköpfe brieten, während sich auf kleinen Bildschirmen zwei Verliebte weinerliche Blicke zuwarfen. Es existierten nur Papa, der Wald und die Angst. Er könnte stehen bleiben, sich umdrehen und mich in der Ferne erblicken: meine dicken Arme und Beine, die diesen wilden Frieden störten. Doch er sah mich nicht. Es war immer das Gleiche: Er stapfte tief hinein zwischen die fernen Bäume, setzte sich auf einen großen Baumstumpf, knöpfte seine Hose auf und vergrub darin seine Hand. Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich, dass ihn etwas quälte, dass ihn von innen irgendein Schmerz oder ein Jucken oder ein Unbehagen zerriss und er damit kämpfte, es auszustoßen, hinaus auf die feuchte Erde. Später begriff ich, dass es etwas anderes war, dass Papa mit sich etwas Schmutziges machte, das, was die Lumpen und Säufer vom Land dazu brachte, sich auf die Stadtmädchen zu stürzen, wenn sie abends vom Jahrmarkt heimgingen. Ich blickte mich um in der Angst, dass jemand vorbeikommen und ihn bei dieser Schandtat erwischen könnte. Ich überlegte, wie ich ihn warnen würde, wie ich schnell genug sein und schreien würde, bevor man ihn auf frischer Tat ertappte. Aber das passierte nie.
Die alten Frauen brachten uns weiterhin frische Eier und Honig und Kräuter, um uns zu sagen, welche Schande es war, dass so ein Mann so verfiel. In ihren Worten lagen immer weniger Mitgefühl und immer mehr offene Verachtung. Sie fingen an, Mama aus dem Weg zu gehen. Das, was anfangs nur süßliches Predigen war, verwandelte sich in Angst vor der Ansteckung. Am Ende hörten sie auf, uns zu besuchen. Nur die alte Rusinka, von der wir Eier kauften, sahen wir noch.
Nimm’s mir nicht übel, mein Kind, aber mit deinem Alten geht’s bergab, sagte sie an diesem Tag in der Küche, während Mama die Eier im Kühlschrank verstaute. Im Dorf wird allerhand geredet … Das sag ich dir als die, die dir am nächsten steht.
Ach, was wird denn im Dorf geredet?, fragte Mama, in den Inhalt des Kühlschranks vertieft, als interessierte sie die Antwort gar nicht. Doch ihre Hände zitterten. Ihr Gesicht war blass wie die Eierschalen. Es sah aus, als würde sie jeden Moment platzen.
Ist er vielleicht in schlechter Gesellschaft? Weißt du da etwas?, fragte die Alte. Das würde all unsere Probleme lösen: schlechte Gesellschaft. Mama schüttelte nur den Kopf und fasste sich an die Stirn, als ob sich wieder schwere Kopfschmerzen ankündigten. Was, wenn sich auch diese Frau von uns abwendete? Wir hätten nicht einmal mehr Eier.
Vielleicht beschloss ich deshalb, wegen der Eier, etwas zu unternehmen. Alles war wie immer: Er kam von der Arbeit nach Hause und sagte, er würde losgehen, um den Kopf frei zu kriegen. Er bog auf den Feldweg ab, und ich wartete hinter dem letzten Nachbarhaus, dass er weit genug weg war, bevor ich in den Wald hineinging. Als er zum Baumstumpf gelangt war und sich die Hose aufknöpfte, blieb ich nicht stehen. Ich machte einen Schritt nach vorn, dann einen zweiten. Ich ging weiter, leise wie die Würmer rund um meine Stiefel, und suchte gleichzeitig mit meinem Blick nach einem ausreichend großen Stein. Einer war halb in der feuchten Erde eingegraben. Er blitzte auf wie ein abgeleckter Teller. Mühevoll hob ich ihn hoch. Unter dem Stein erschien eine feuchte Vertiefung, darin kleine Spinnen und Würmer, die sich überrascht von den Sonnenstrahlen und meinen großen Fingern auf eine hysterische Flucht begaben. Er hörte mich nicht, als ich auf seinen Rücken zuging, so vertieft war er in sein schmutziges Unterfangen.
Zweimal schlug ich ihm auf den Kopf, bevor er umfiel. Auf dem Stein blieb eine Spur Blut zurück, auf Papa eine Spur Erde. Er lag auf der Seite, als ob er schliefe, und sein heraushängendes Glied, schrumpelig und schmutzig wie ein toter haarloser Maulwurf, berührte den schlammigen Boden. Ich sah, dass er noch atmete. Seine Brust hob und senkte sich. Bevor ich begann, ihn zu erwürgen, knöpfte ich ihm die Hose zu und drehte ihn auf den Rücken. Es dauerte sehr lange. Einen Augenblick lang öffnete er die Augen, aber er sah mich nicht. Er sah durch mich hindurch, wie ein Wesen ohne Sprache und ohne Gedanken. Ich war erschöpft. Obwohl er nicht mehr bei Bewusstsein war, wehrte sich etwas in ihm, wollte ihn nicht loslassen, hartnäckig und blind, tief im Inneren. Und dann, auf einmal, gab es einfach auf.
Danach ging ich nach Hause und duschte, während Mama eine Serie guckte. Wir aßen gemeinsam Hühnersuppe zu Abend.
Papa ist noch immer nicht da, sagte ich und salzte meine Suppe nach.
Du iss nur, mein Kind, sagte Mama.
Sie kaute ein Stück Brot und schaute gespannt die Serie, ein Löffel voll Suppe neben ihr in der Luft. Die Hauptdarstellerin probierte ein Hochzeitskleid an. Mama schaute sie voll Bewunderung an. Nur für sie hatte die schöne Schauspielerin das Kleid angezogen, als ob sie ihr etwas sagen wollte, etwas Unaussprechliches, etwas, das nur meine Mama verstehen konnte. Und dann, als ob sie die Botschaft erhalten hätte, nickte sie zufrieden, schluckte das Stück Brot hinunter und aß weiter in Ruhe ihr Abendessen.