Heute Abend wird sie sterben. Wir wissen das noch nicht. Wir sind sauber, riechen nach Merima-Kruševac-Seife und Papas Kölnisch Wasser. Wir sind gebügelt, so sagt das Mama, dabei bügelt sie nicht uns, sondern die Hemden. Wenn sie uns nebeneinander vor den Spiegel stellt, sehen wir darin aus wie Esel, die auf die Beerdigung eines vierten, hübscheren Esels gehen. Meine Männleins, sagt Mama, während sie uns die Fliege zurechtzupft und die Stirnfransen mit Spucke glatt streicht. Männleins, Männleins, und uns ist das immer irgendwie peinlich. Mama hat dieses eine gelbe Kleid angezogen, das uns auch peinlich ist. Der dunkle Fleck unterhalb ihrer Achsel ist uns peinlich. Mama riecht wie Burek mit Maiglöckchen. Burek mit Maiglöckchen gibt es nicht, aber wenn es ihn gäbe, würde er wie Mama riechen. Irgendwas zwischen Zwiebel und Blume. Das gelbe Kleid ist uns auch deshalb peinlich, weil darin Mamas Brüste eine kugelrunde Form bekommen und nach oben rausgedrückt werden. Dann beugt sich Mama über den Tisch der Großtante, um nach der Soße oder dem Salat zu greifen, und wir müssen wegschauen, etwas anderes anschauen – den Kronleuchter, die Gardinen, das Muster auf der Tischdecke, die Karotte in der Suppe – alles, um nicht Mamas Busen zu begegnen.
Männleins, meine Männleins, sagt sie zu uns, während sie ihre Unterhosen und Strumpfhosen hochzieht und sich die Taille zurechtrückt. Dann geht sie raus auf den Balkon, um ein paarmal zu furzen, und denkt, wir kriegen das nicht mit.
Papa ist währenddessen im Flur. Er rasiert sich in letzter Minute, Mama hat ihn dazu gezwungen. Du würdest ja sogar vor den Herrgott noch unrasiert hintreten! Das sagte sie immer zu ihm, wenn sie irgendwo hingingen. Also zieht sich Papa sein Oberteil aus, setzt sich auf den dreibeinigen Hocker vor dem Spiegel im Flur, stellt vor sich die Waschschüssel mit warmem Wasser hin und seift sich das Gesicht ein. Wir rasieren uns noch nicht, wir sind zu klein, aber wir schauen Papa gerne dabei zu. Das Rasiermesser ist scharf, und wir dürfen es nicht anfassen. Papas Hände sind schnell, flink und bringen langsam seine gelbliche Haut zum Vorschein. Am Ende sind wir immer überrascht über seine kleinen Lippen, die vom Bart umgeben mächtig und groß gewirkt hatten. Wir schauen das Wasser in der Schüssel an, darin schwimmt weißer Schaum voll von Papas Haaren, den Mama nachher in die Kloschüssel schüttet. Jedes Mal ist es, als schüttete sie damit auch den halben Vater weg. Der Mann, der für das Abendessen bei der Großtante bereit ist, ist immer ein wenig kleiner, ein wenig sauberer und leiser als unser Papa. Auch der ist uns peinlich, wenn auch anders als uns Mamas gelbes Kleid peinlich ist. Der Vater ist uns wegen seiner Gehorsamkeit, die nach Kölnisch Wasser riecht, peinlich. Es ist immer das Gleiche, wenn wir zum Abendessen bei der Großtante gehen: Von Mama ist plötzlich zu viel da und von Papa zu wenig, und dieses gestörte Gleichgewicht mögen wir nicht.
Heute Abend wird sie sterben, aber wir wissen das noch nicht, obwohl wir in jeder Geschichte über die Großtante auch die Geschichte über ihren Tod gehört haben. Solange wir uns erinnern können, reden Mama und Papa über den Tag, wenn die gute Frau den Löffel abgibt. Dass die Großtante sterblich ist, war uns wahrscheinlich früher bewusst, als wir überhaupt begriffen, dass Menschen sterblich sind. Wenn die den Löffel abgibt, sagt Mama, und dann reiht sie Beschreibungen des verheißenen Lands, von Zeiten der Ruhe und des Friedens, von auf Porzellantellerchen servierten Brandteigkrapfen, von Satinbettwäsche und bunten Teppichen aneinander. Andere Kinder warten auf den letzten Schultag und hoffen, dass er etwas in ihrem Leben verändert. Unser Abschluss ist der Tod der Großtante, und darauf wurden wir vorbereitet, seitdem wir Mamas Bauch verlassen haben. Wir wissen, auch eher intuitiv als auf irgendeine andere Weise, dass es eine Großtante aus Mamas Geschichten gibt und eine Großtante, zu der wir manchmal zum Abendessen gehen. Die erste ist eine alte Schreckschraube, die keinerlei Anstand hat, endlich zu sterben. Die zweite ist unseres Respekts würdig, unserer Krawatten und abgeleckten Stirnfransen, Mamas gelben Kleids und Papas Rasur. Ebenso wissen wir, dass ihr Tod irgendetwas mit unserem Besuch zum Abendessen zu tun hat und dass es von einer erfolgreichen Darbietung abhängt, wie viel Glück uns ihr Löffelabgeben bringen wird. Mama bereitet uns immer auf die gleiche Art vor: Zuerst ist sie wütend auf uns, wegen allem, was wir in der Zukunft falsch machen würden. Wenn ich euch nur höre, wie ihr die Suppe schlürft, versohl ich euch wie wild gewordene Kälber! Wehe, es fällt euch ein, der Frau ins Wort zu fallen, dann könnt ihr euch was anhören, wenn wir nach Hause kommen! Reißt euch zusammen und geht nicht wieder während des Essens scheißen wie damals, ihr werdet eine Woche nix zu essen kriegen, und dann schauen wir, wann ihr wieder scheißen könnt! Wir nicken nur und bemühen uns, uns alle Anweisungen einzuprägen, bevor wir bei der Großtante ankommen. Wir küssen Hände, vom Ältesten bis zum Jüngsten. Wir sagen: Guten Abend, liebes Tantchen. Wir setzen uns gleichzeitig zu Papas rechter Seite an den Tisch und breiten weiße Servietten über unseren Schoß. Wenn ich nur einmal eure Ellbogen auf dem Tisch sehe, werdet ihr den Tag verfluchen, an dem sie das Licht der Welt erblickt haben! Doch später, kurz vor der Abfahrt, ist sie wieder gutmütig, sieht uns an – gebügelt, gekämmt, nach Merima Kruševac duftend – und sagt mit weinerlicher Stimme immer wieder: Männleins, Mamas Männleins! Als ob wir unseren Schulabschluss gemacht hätten.
Papa schaut uns nicht lange an. Schauen ist Mamas Sache. Sie weiß am besten, wie man mit uns umgehen muss. Papa duscht, rasiert sich und legt Parfüm auf. Er holt einen kleinen schwarzen Kamm hervor, reibt ihn mit Rosenöl ein und zieht ihn langsam durchs Haar, bis er auf der rechten Seite des Kopfes über der glänzenden kahlen Stelle zum Stillstand kommt. Wir berühren ihn nicht, denn er spielt heute Abend die Hauptrolle. Tantchens Liebling, so nennt ihn Mama. Ihm geht das offensichtlich auf die Nerven, aber er antwortet nichts darauf. Leise geht er seine Vorbereitungen auf die Szene durch. Wir stehen dabei, als ob es uns gar nicht gäbe. Mehr Aufmerksamkeit widmet er der dunkelroten Satinkrawatte.
Das Ritual ist immer das gleiche, nur dass heute Abend etwas Neues und Unerwartetes passiert: Mama nimmt Papas Kölnisch Wasser, zieht den schweren gläsernen Stöpsel mit dem Gummihals aus der Flasche und sagt, wir sollen näher kommen. Sie deckt die Öffnung mit den Fingerkuppen ab, kippt die Flasche und streicht dann mit dem befeuchteten Zeigefinger über unsere Hälse. Schon wieder müssen wir uns besonders bemühen, ihre Brüste nicht anzusehen. Mmmmm, ruft sie aus. Jetzt seid ihr erst richtige, duftende Männleins!
Die Vorbereitungen beginnen ein paar Stunden früher, damit wir nicht zu spät kommen. Die Großtante hasst Zuspätkommen. Aber noch mehr als das hasst sie es, wenn wir zu früh kommen. Während wir fahren, schaut Mama auf die Uhr, und manchmal ruft sie: Himmel, wir sind zu früh! Dann parkt Papa zwei Blocks weiter und wartet. Mama klappt die Sonnenblende herunter und putzt sich Lippenstift von den Schneidezähnen. Manchmal holt sie eine Pinzette aus der Tasche, um irgendein Härchen oberhalb der Lippe oder am Kinn auszureißen. Nach ein paar Minuten schaut sie wieder auf die Uhr und sagt: Jetzt ist gut, fahren wir. Papa sagt während der Fahrt nichts, er startet nur das Auto und stellt es ab nach Anweisung, unter Mamas gelegentlichem Tantchen liebt ihn heiß, hihihi.
Pünktlich um acht Uhr fährt Papa durch das große Tor und parkt vor dem Haus. Wir drei stehen nebeneinander vor der Tür, unsere Eltern hinter uns, mit den Händen auf unseren Schultern. Danach drückt Mama den Klingelknopf, dessen Lautstärke uns immer von neuem überrascht, und dann warten wir darauf, dass sich die Tür öffnet und uns ein Schwall schweren Parfüms der Großtante erfasst.
Heute Abend wird sie sterben. Wir wissen das noch nicht, und sie weiß es auch nicht. Sie reicht uns die verschrumpelte Hand voll geweiteter Venen und Knoten, wir halten sie der Reihe nach an unsere Lippen und können es kaum erwarten, dass sie sich umdreht und wir uns am Ärmel abwischen können. Diese Hand wird in vier Stunden die kalte Hand einer Toten sein. Das Blut in ihren geweiteten Venen wird zum Stillstand kommen. Die Haut wird bläulich-weiß werden. Aber darüber denken wir nicht nach, während wir sie ganz leicht küssen und ihre trockene Haut an unseren Lippen spüren wie etwas, das die leichte Bewegung einer Gabel vom Fleisch trennen könnte. Danach küsst die Tante die Luft neben Mamas Kopf und umarmt Papa ganz fest. Ihre Handfläche ist an seinem Nacken – Mama wird ihm später heimlich die Frisur wieder zurechtmachen.
Ach, welch hübsche Gardinen Sie hier haben, liebe Tante … Jedes Mal schaue ich sie an und kann mich nicht an ihnen sattsehen, sagt Mama mit dünner Stimme, als wir das Speisezimmer betreten.
Marseille, sagt die Tante, also denken wir, dass die Gardinen etwas mit dem Mars zu tun haben, aber was genau, bleibt uns ein Rätsel. Wir finden die Gardinen hässlich. Genau wie den riesigen kristallenen Kronleuchter, der über dem Esstisch hängt wie ein schauriger Birnbaum. Hässlich finden wir auch die großen Gobelins, die an den Wänden hängen – wir verstehen nicht, warum irgendjemand ein Bild nähen wollte. All diese gestickten Äpfel, Rosen, Rehe und Bauersfrauen tragen dazu bei, dass es bei der Großtante immer irgendwie heiß und muffig ist. Während wir ihr langsam folgen (sie hinkt auf dem linken Bein, also dauert das immer unendlich lange), schauen wir uns am liebsten die Vitrinen an, in denen haufenweise Figürchen aller Art stehen – Hirten, Soldaten, Engel und Hunde –, mit denen wir nicht spielen dürfen. Das ist das Einzige, das wir aus dem Haus der Großtante wollen – diese Spielzeuge aus Keramik in allen Farben und Größen und alle Spiele, in denen diese mitspielen könnten, wenn nur die Großtante nicht die langweiligste Frau auf der Welt wäre. An diese kleinen Figuren denken wir jedes Mal, wenn Mama kann die nicht endlich mal den Löffel abgeben sagt, denn uns ist sonnenklar, dass all das – einschließlich der Gardinen, Kronleuchter und Gobelins, die uns schnurzegal sind – eines Tages uns gehören wird. Eines Tages werden wir die in den Messingschlössern schlafenden Schlüsselchen umdrehen und die Türen aller Vitrinen in diesem Haus öffnen. Eines Tages werden wir auswählen können, wer von uns welche Figur bekommen wird. Wir werden auch eine davon kaputt machen können, ohne Angst, dass die Großtante uns anschreit. Denn die Großtante wird bald sterben, und es wird ihr einerlei sein, ob wir die ganze Keramik in ihrem Haus kaputt schlagen.
Bei Tisch sitzen wir immer an denselben Plätzen – Papa an der Stirnseite, die Großtante ihm gegenüber. Mama sitzt immer allein an der Seite, flach an die Wand gedrückt, so dass sie jedes Mal, wenn sie sich zu ihrem Stuhl durchzwängt, den Bauch einziehen und aufpassen muss, nicht zufällig einen Gobelin herunterzureißen. Wir drei sitzen auf der anderen Seite gegenüber von Mama, zwischen Papa und der Großtante der Reihe nach vom Größten zum Kleinsten. Es hätte mehr Sinn, wenn einer von uns neben Mama sitzen würde, doch wann immer wir kamen, war auf ihrer Seite des Tisches nur ein Teller und ein Besteck für das Abendessen gedeckt. Sie scheint das nicht zu stören. Sie liebt es, uns alle drei so vor sich zu sehen, um uns vorwurfsvolle Blicke zuwerfen zu können, wenn wir zu laut essen oder den falschen Löffel fürs Dessert nehmen.
Das Abendessen serviert ein Mädchen, zu dem niemand irgendetwas sagt. Sie ist klein, bald würden wir über sie hinauswachsen, und sie trägt immer das gleiche blaue Kleid und einen kleinen Pferdeschwanz voll grauer Haare. Sie hat riesige Augenbrauen, die fast in der Mitte zusammenwachsen, und nur einmal haben wir sie etwas sagen hören – als sie versehentlich mit dem heißen Topf Mamas Oberarm gestreift und sich entschuldigt hat, bis sie die Großtante aus dem Speisezimmer geschickt hat. Manchmal fragen wir uns, ob wir, wenn die Großtante den Löffel abgibt, zusammen mit den Figürchen aus der Vitrine auch das Mädchen bekommen würden. Wenn es dazu kommt, werden wir sie zuerst zwingen, sich die Augenbrauen zu zupfen, die Haare zu färben und ein schöneres Kleid anzuziehen. Wenn sie nicht will, dann können wir sie davonjagen, denn dann gehört sie uns, und wir können mit ihr machen, was immer wir wollen.
Die Stille bei Tisch bricht üblicherweise Mama, um alles zu loben, was ihr so einfällt – die Suppe, die Karotte in der Suppe, das Huhn in der Suppe, den Teller, den Rand des Tellers, den Löffel, den Griff des Löffels, die Tischdecke, den Saum der Tischdecke, bis hin zum Saum des Kleids der Großtante, die so aussieht, als wäre sie in eine Bettdecke gewickelt. Heute Abend wird sie sterben, und jemand wird die länglichen Knöpfe aufknöpfen, die toten Hände durch die Ärmel ziehen und der toten Großtante das Kleid ausziehen müssen. Sie weiß nicht, dass sie heute sterben wird, sonst hätte sie vielleicht ein schöneres Kleid angezogen und schöneren Schmuck angelegt. Die Tischdecke ist gewöhnlich, die Teller sind die gewöhnlichsten, die es gibt, auf dem Tisch gibt es kein silbernes Essbesteck, außer dem Set für Salz, Pfeffer, Essig und Öl, das immer dasselbe ist. Heute Abend ist es ihr egal, weil sie nicht weiß, dass sie sterben wird. Auch wir wissen es nicht, obwohl wir uns ihrer Sterblichkeit viel bewusster sind als sie selbst.
Selten sagt die Großtante etwas während des Abendessens, ausschließlich zwischen den Speisen – nach der Vorspeise oder vor der Nachspeise. Sie wendet sich nur an unseren Vater, sogar wenn sie ihn etwas über uns drei fragt. Hast du sie impfen lassen? Sind sie gut in der Schule? Treiben sie Sport? Papa setzt immer an zu antworten, halb verwirrt auf sein Essbesteck schauend, dann springt Mama bereitwillig ein. Musterschüler! Spitzensportler! Kerngesund! Wenn Mama über uns spricht, schaut sie uns an, nicht die Großtante. Sie erzählt ihr von unseren Einsen, von denen es nicht viele gibt, aber es findet sich doch mitunter eine, über die es sich länger und lauter zu berichten lohnt als über die anderen Noten. Mama schaut uns am liebevollsten an, wenn sie mit der Großtante spricht. Dann sind wir in ihren Worten wie in ihren Augen am klügsten, am geschicktesten und am schönsten. Auch wir sind fast wie die Figürchen – herausgeputzt und poliert – einer Vitrine im Wohnzimmer würdig.
Heute Abend gibt es Schokokuchen zum Dessert, worüber wir uns besonders freuen. Manchmal ist die Großtante eine Hexe und serviert uns Quittenstücke oder, noch schlimmer, Weintrauben. Aber heute hat das Mädchen Schokokuchen mit Kirschen gebacken, und das ist ein seltener wahrer Genussmoment während des Besuchs bei der Großtante. Wir geben uns mächtig Mühe, den süßen schwammigen Teig nicht in zwei, drei Happen zu verschlingen, denn dann würden wir uns bekleckern, und Mama würde uns den ganzen Heimweg über anschreien, was für Schweine wir sind. Wir essen langsam, Stückchen für Stückchen, und beten darum, dass das Mädchen daran denkt, uns den Rest des Kuchens in Alufolie einzupacken. Wir dürfen sie nicht darum bitten, denn das wäre unhöflich. Sie muss von selbst daran denken.
Nach dem Abendessen gehen wir ins Wohnzimmer hinüber. Die Großtante nennt es Salon. Dort bringt das Mädchen dann Kaffee und Saft. Das ist der langweiligste Teil – wir müssen auf dem großen Dreiersofa sitzen, halten Holundersaft in der Hand und hören dem Gespräch der Erwachsenen zu. Mama fängt immer an, Papa schaltet sich da und dort mit einem Kommentar ein, und die Tante hört zu, schaut und zeigt hin und wieder durch die Augenbrauen, dass sie ein Teil der Konversation ist. Oft schaut sie uns und unsere Anzüge und Schuhe an. Das hier ist das einzige Haus, in dem wir uns nicht die Schuhe ausziehen – das macht man bei Reichen nicht. Das Mädchen wird sowieso hinterher alles sauber machen, und es gehört sich nicht, dass die Großtante unsere Socken sieht. Abgesehen davon, dass wir nach Papa riechen, ereignet sich heute Abend noch eine Abweichung vom Gewohnten – die Großtante trinkt den Kaffee aus, stellt die Tasse auf dem Tischchen neben ihrem Sessel ab und spricht uns direkt an. Jungs, möchtet ihr sehen, wo eure Tante schläft?
Mama beginnt daraufhin zu zappeln, sie ist aufgeregt, nie zuvor hatte die alte Frau Interesse an uns gezeigt. Selbstverständlich, antwortet sie, selbstverständlich möchten sie, kommt schon, seid ihr festgewachsen, geht mit eurer Tante mit!
Sie sind schon müde, sagt Papa leise, und Mama sieht ihn so scharf an, dass vor ihrem Blick fast die Vitrinen klirren.
Seid ihr müde?, fragt uns die Großtante. Wir schauen Mama an, sie würde uns umbringen, wenn wir diesen Augenblick kaputt machen. Dann schütteln wir den Kopf. Nein, wir sind nicht müde.
Wir steigen hinter der hinkenden alten Frau im Bettdeckenkleid die Treppe hinauf. Noch nie zuvor waren wir im ersten Stock. An der Wand neben der Treppe hängen viele schwarz-weiße Fotos. Eines dieser Gesichter ist wahrscheinlich ihres, aber wir haben keine Zeit, um stehen zu bleiben und sie genauer zu studieren. Müde nach der letzten Stufe taumelt die Tante bis ans Ende des Flurs und dreht den Schlüssel in einem großen vergoldeten Schloss. Sie öffnet die Tür einen Spaltbreit, so dass wir das Licht einer Tischlampe und ein Tischchen voll Schachteln, Cremes und Fläschchen sehen.
Hinein, sagt sie, und wir zwängen uns einer nach dem anderen zwischen ihr und dem Türstock hindurch. Dann schließt sie die Tür und humpelt mit Schweiß auf der Stirn zum Bett. Einige Augenblicke lang schauen wir uns im Zimmer um. Da gibt es nichts Spezielles – die gleichen alten Möbel wie überall im Haus, schwere grüne Gardinen, ein paar große Lampen, eine Kommode mit vielen Schubladen, von denen jede ihr eigenes Schlüsselchen hat, ein Schmink- und Frisiertischchen mit Stuhl, einen großen Spiegelschrank und schließlich ein breites Bett und sie, die immer noch leicht außer Atem auf dessen Rand sitzt.
Gefällt es euch bei der Tante?, fragt sie uns ernst. Wir nicken. Wir müssen uns alles einprägen, weil uns Mama sicher nachher nach den Details fragt.
Auch die Tante hat es gern, wenn ihr zu Besuch kommt. Kommt setzt euch zu eurer Tante, sagt sie und zeigt zu ihrer linken und rechten Seite auf das Bett. Du, der Kleinste, kannst auch auf den Schoß, fügt sie hinzu und lächelt. Es ist das erste Mal, dass wir die Großtante lächeln sehen. Ihre Zähne sind weiß, weißer als die von Mama und Papa, aber irgendwie groß, zu breit für ihren kleinen Mund.
Gehorsam gehen wir zur Tante und setzen uns so hin, wie sie es uns gesagt hat. Sie streichelt unsere Köpfe und streicht unser Haar hinter die Ohren.
Wie hübsch ihr seid, meine Lieben. Und so schön duften tut ihr. Auch euer Papa war ein wundervoller Junge, müsst ihr wissen, sagt die Tante, während sie die länglichen Knöpfe durch die kleinen Löcher am Kleid fädelt. Wir haben noch nie so viele Wörter von ihr gehört, wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Dann holt sie die Brüste aus dem BH, der ihr fast bis zum Bauch reicht.
Meine braven Jungs, eure Tante hat euch sehr lieb, sagt sie flüsternd, und dann nimmt sie unsere Hände, eine, die zweite, die dritte, und legt sie auf ihre haarigen, grauen Brustwarzen. Unter der Handfläche spüren wir die vertrocknete Haut und eine längliche Ausbuchtung.
Schaut mal, sagt sie, all das hier wird eines Tages euch gehören. Dann schließt sie die Augen und zieht uns noch näher an sich, unsere Hände immer noch an ihren Brüsten. Alles hier wird eines Tages euch gehören, weil ihr sehr, sehr brav seid. Sie wiederholt das unendlich oft, als ob sie uns damit sagen wollte, dass uns auch ihre Brüste einmal gehören würden, wenn sie stirbt.
Uns wird das langsam unangenehm. Wir wussten nicht, dass uns die Großtante so sehr lieb hat. Mama würde sich sicher freuen, wenn sie das erfährt, aber wir schämen uns, vor Mama das Wort Brüste auszusprechen. Dann sind auf einmal von irgendwo unten Türgeräusche zu hören – das Mädchen muss die Terrassentür etwas fester zugemacht haben –, und die Großtante zuckt zusammen und stößt uns von sich. Sie sieht uns an, als sähe sie uns zum ersten Mal, versteckt die Brüste wieder im BH und fädelt die Knöpfe durch die kleinen Löcher, bis sie wieder ganz zugeknöpft ist.
Also gut, jetzt habt ihr das Zimmer gesehen, sagt sie fast verärgert. Sie steht unter Anstrengung auf, wir müssen sie stützen. Dann streicht sie uns die Haare glatt, einem und dem Zweiten und dem Dritten, und zeigt auf den Gobelin über dem Bett. Darauf ist ein junger Hirte mit einer Flöte.
Und auch dieser Gobelin. Der ist von meinem Vater. Mein lieber, armer Papa … Auch der wird euch gehören. Alles wird euch gehören.
Sie winkt mit einem Arm durch den ganzen Raum und geht dann zurück zur Tür.
Heute Abend wird sie sterben. Ihr Herz wird stehenbleiben, während sie die Gesichtscreme aufträgt. Das Mädchen wird kurz nach Mitternacht Papa anrufen, um ihm all das zu erzählen. Papa wird den Hörer auflegen und sich aufs Sofa setzen, im Dunkeln, zu Boden starrend. Lange wird er nichts sagen. Immer noch wird in seinem Haar das Rosenöl glänzen.
Aber all das wird später passieren, einige Stunden danach. Jetzt ist sie immer noch am Leben. Sie schleppt sich vor uns die Treppe hinunter, zurück Richtung Wohnzimmer. Diesmal schauen wir nicht die Fotos an, sondern folgen ihr wortlos, gebremst durch ihr Humpeln. Wir betreten den Salon, dort sind unsere Eltern. Mama sieht uns aufgeregt an, voller Erwartungen. Nie war sie stolzer auf uns. Papa aber betrachtet uns stumpf, sein Ausdruck ist fast keramisch. Einen Moment lang sieht er aus wie eine der kleinen Figuren in der Vitrine.
Die Großtante geht zu ihrem Sessel zurück und schafft es mühevoll, sich hinzusetzen. Und so schauen wir uns alle eine Weile lang an und schweigen. Dann kommt das Mädchen mit einem kleinen Paket in den Händen herein. Sie hat uns Schokokuchen zum Mitnehmen eingepackt.