Mutter tötet Ameisen. Sie kommen aus allen Richtungen: Sie krabbeln aus der Kommode, schlüpfen durch den Sprung an der Fensterscheibe, schlafen in den Schubladen. Das Mädchen schaut ihnen zu, während es frühstückt. Ameisen sind Krümel und eine Linie und dann wieder Krümel. Sie sind schnell und verängstigt. Sie haben eine Idee. Eine Idee von etwas, eine Idee, dass etwas. Ihr Etwas scheint wichtig zu sein. Das Mädchen will nicht, dass die Ameisen sterben. Wir müssen in den Hof, sagt Mutter, wir müssen ein Haus für sie finden. Sie trägt Kaffeesatz in einer Plastiktüte. Sie hat ihn lange und fleißig gesammelt, ihre Munition. Das Mädchen sieht jeden Morgen seinen Eltern zu, wie sie Kaffee trinken und wie die Mutter danach den Satz aus der Tasse in die Tüte kratzt. Daran ist nur diese Hexe schuld, sagt Mutter. Ich hab gesehen, wie sie im Hof Essen weggeworfen hat. So nennen sie die Nachbarin. Und das Mädchen stellt sich dann vor, wie im Haus dieser Frau Millionen Insekten leben und wie sie sie abends vor dem Schlafengehen zudecken, sie sich alle zu einer großen Ameisendecke verbinden und ihre Gebieterin beschützen. Mutter sammelt den Kaffeesatz und sagt: Hexe, Hexe; Vater trinkt Kaffee und sagt: Ja, ja. Das Mädchen beobachtet hauptsächlich und hört zu. Du warst ein stilles Kind, würden sie zu ihm sagen, wenn es groß ist.
Es beobachtet, wie der Kaffeesatz auf den Ameisenhaufen fällt. Die Ameisen bewegen sich auf den Geruch zu, erklärt ihm die Mutter, der Kaffee verwirrt sie, so dass die Jungen sterben, weil sie nicht zurückfinden. Sie sagt das fröhlich, während sie den schwarzen Schnee über das Ameisenleben rieseln lässt. Das Mädchen denkt an die Kinder, klein und erschrocken, wie sie sich zwischen den Grashalmen verirren, wie sie vergeblich nach der Baumrinde tasten, die ihnen nichts mehr sagt, wie sie müde und hungrig auf dem trockenen Boden umfallen. Dann sterben sie, und der Wind trägt sie davon.
Als die Mutter irgendwo anders ist, nimmt das Mädchen ein Glas Honig und trägt es nach draußen, zum Ameisenhaufen. Wenn es einen Weg aus Honig macht, der vom Haus zum Ameisenhaufen führt, dann würden die Jungen vielleicht überleben. Kann Honig den Kaffeesatz besiegen? Das geht, wenn genug davon da ist, denkt das Mädchen. Denn die Ameisen waren vor ihnen da. Die Ameisen haben keinen Kaffeesatz über ihrem Haus ausgeleert. Sie würde sie retten. Die verirrten Kinder würden aufwachen, wenn sie den Honigduft einatmen. Sie würden fressen und nach Hause zurückkehren. Sie würde ihre Göttin sein. Niemand würde das wissen, nicht einmal die Ameisen. Und das ist in Ordnung für das Mädchen – ein wenig Güte, über die man nicht spricht. Hauptsache, sie sterben nicht.
Dann regnet es, und der Regen verschlingt den Honig im Hof. Er verschlingt auch die Ameisenhaufen und überschwemmt die Ameisengräber. Vater sagt: Das ist Gott, der über uns Sünder weint, also streckt das Mädchen die Zunge heraus und trinkt Gottes Tränen. Sie sind nicht salzig wie ihre. Gott und ich haben nicht die gleichen Tränen, denkt sie. Seine sind kalt, süß und staubig. Seine Tränen töten Ameisen, wie der Kaffeesatz. Wenn Gottes Tränen durchs Fenster hereinkommen, ist der Parkettboden ruiniert, und dann streiten sich Mutter und Vater. Manchmal ist Gott auch wütend, und dann donnert es. Mutter erzählt ihr von der großen Sintflut, in der die Leute ertrunken sind, und dass ein Mann für sich eine Arche gebaut und sie mit Tieren beladen hat. Dem Mädchen jagt die Geschichte Angst ein. Sie denkt an alle Kinder, die in dem unendlichen Meer ertrunken sind, während von dem Schiff die Kühe muhten. Wie viele Kinder hätten anstelle einer Kuh auf die Arche gepasst? Mutter sagt, dass es nicht an ihnen ist, den Willen Gottes zu hinterfragen, sondern frei von Sünde zu leben. Das Mädchen stellt sich die Sünde wie einen Schlamm vor, der einen schmutzig macht, wenn man nicht achtgibt, und dass man besser Gummistiefel trägt, wenn Gott weint. Hatten die Kinder auf der Arche Gummistiefel? Taten ihnen die anderen Kinder leid, die ertrunken waren? Und warum war es wichtig, Mücken oder Kakerlaken zu retten? Das Mädchen hasst Mücken, es ist gegen ihre Stiche allergisch. Abends streicht Mutter ihm eine Salbe über die heißen, roten Male und möchte ein Gegrüßet seist du Maria von ihm hören. Das Mädchen betet es schnell herunter, denn es ist nicht erlaubt, sich zu kratzen, während man betet, die Mutter Gottes würde dann wütend werden. Du bist gebenedeit unter den Frauen. Warum hat dann Noah die Mücken gerettet? Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Ihn haben sie sicher nicht gestochen.
Sie fragt Vater, warum Gott die Kinder ertränkt hat, und Vater sagt zu ihr, dass alle Kinder sündig sind, bevor sie getauft werden, weil sie von sündigen Eltern geboren werden. Das Mädchen fragt ihn nach den Ameisen, nach Mutters Sünde. Dem Schlamm auf Mutters Händen. Der Vater lacht. Das sind nur Ameisen, mein Kind. Dann betet er mit ihr ein Gute-Nacht-Gebet und macht die Lampe aus, obwohl sie gebeten hat, dass er sie eingeschaltet lässt. Bald gehst du zur Schule, sagt er. Du bist kein kleines Mädchen mehr. Gut, sagt sie. Aber mach die Tür nicht ganz zu. Das Mädchen liebt den Spalt, der zwischen ihr und den Eltern eine Verbindung herstellt, selbst wenn sie schlafen. Nachts schaut sie zu, wie die Lichter von der Straße an der Decke spielen, sich über die Puppen und Ikonen bewegen, über die Augen der Mutter Gottes, die im Dunkeln furchterregender ist als die Nachbarin. Wo sind die Ameisen? Sie macht ein Kreuzzeichen und fragt Gott nach ihren kleinen Seelen, aber Gott schweigt. Gott schweigt immer. Mutter sagt, dass Er immer da ist, dass Er sie immer sieht. Dem Mädchen macht das in der Dunkelheit des Zimmers Angst, es denkt, dass Gott vielleicht dort in der Ecke neben dem Schrank oder unter dem Bett ist. Er schweigt und versteckt sich. Deshalb verspricht sie ihm immer vor dem Schlafengehen, dass sie brav sein wird, dass sie nicht stehlen, töten oder ehebrechen wird, auch wenn sie nicht versteht, was das eigentlich heißen soll. Dann stellt sie sich diesen versteckten, stillen Gott vor, wie er in der Dunkelheit von einer Strafe absieht. Vielleicht trägt er die Ameisenseelen an sich, wie einen gepunkteten Mantel. Vielleicht ist es ein Gott aus Honig.
Manchmal wacht das Mädchen mitten in der Nacht am anderen Ende des Hauses auf. Für gewöhnlich steht es an der Eingangstür, klein, in einem dünnen Nachthemd, und berührt das lackierte Holz. Wo willst du hin, meine Liebe, hört sie die Mutter. Gehen wir zurück ins Bett, sagt Papa. Am häufigsten wacht sie im Vorzimmer auf, und dann bemerkt sie, dass sie über dem Nachthemd einen Pelzmantel anhat. Einen schweren, stinkenden Pelzmantel aus Chinchilla. Man nennt das Schlafwandeln, sagen ihre Eltern. Das ist, wenn man schläft und fortgehen möchte. Sie schließen die Tür ab und legen den Schlüssel auf das oberste Regal, damit ihn das Mädchen nicht erreichen kann. Du kannst dich verletzen, sagt Mama. Du kannst dich verirren, fügt Papa hinzu. Und Gott sagt nichts, obwohl er alles sieht und sie in jedem Moment aufwecken kann.
Doch ungeachtet aller Vorsichtsmaßnahmen schafft es das Mädchen, durch das große Küchenfenster in den Hof hinauszugelangen. Sie erinnert sich nicht, wie sie das gemacht hat, sie musste auf den Stuhl, dann auf die kalte Gefriertruhe gestiegen sein, das Fenster geöffnet haben und ins Gras gesprungen sein. Sie wacht neben dem Tor auf. Sie fühlt das Stechen des Grases auf den nackten Fußsohlen. Es ist still, nur der Wind in den Zypressen und das Knarzen der Türen in der Zugluft sind zu hören. Auf einmal ist es kalt. Sie hat Angst. Sie sieht die Nachbarin, wie sie sich den Hausmantel zuknotet und durch ihren Vorgarten läuft. Liebes Kind, sagt die Nachbarin, nur das: liebes Kind. Wie furchterregend diese alte Frau aussieht, mit offenen roten Haaren, die im Mondlicht glänzen, im grünen Mantel, der genau so weit aufklafft, dass das Mädchen ein bisschen weiße Spitze sehen kann. Und dieser Hals, faltig, voller Haut. Wer hat je gesehen, dass man sich in diesem Alter schminkt, hat Mutter gesagt, wer hat je gesehen, dass man sich die Haare rot färbt, wer hat je gesehen, dass man so riesige Ringe trägt … Und das Mädchen denkt: Ich hab’s gesehen, ich hab alles gesehen!
Die Nachbarin riecht nach abgestandenem Blumenduft. Die Spitzen der roten Haare kitzeln das Gesicht des Mädchens. Gefärbte rote Haare, in diesem Alter. Sie führt es zur Eingangstür und übergibt es den verschlafenen Eltern. Danke Ihnen, danke vielmals, sie macht das manchmal … Sie wissen ja, Kinder … danke Ihnen … Und in der Brust des Mädchens hallt es wider: Hexe, Hexe! In dieser Nacht spricht sie wieder mit Gott. Er war unartig gewesen, weil er sie aus dem Haus hat steigen lassen. Du hast all das gesehen, alles hast du gesehen und nichts hast du getan! Aber Gott schweigt wieder, und das Mädchen ist böse auf ihn.
Die Eltern bringen neue Mechanismen über allen Fenstern an, so dass es unmöglich ist, sie ohne Schlüssel zu öffnen. Jetzt ist nachts alles abgeschlossen. Verriegelt. Selbst die Ameisen können nun nirgends mehr hereinkommen. Mutters Plan ist aufgegangen, sie ist alle Insekten losgeworden, und das Haus ist wieder sauber und leer, gesperrt für alles Leben, das es stören könnte. Nur eine Ameise taucht im Zimmer des Mädchens auf, und es ist für einen Moment glücklich. Die Ameisen haben sicher bemerkt, dass sie nicht ihre Feindin ist. Aber dann verschwindet die Ameise für immer. Sie flieht irgendwo unters Bett, wie Gott.
Deshalb kaufen sie ihr Schildkröten – denn das Mädchen redet ununterbrochen von den Ameisen und Noahs Arche. Vater war dagegen, dass im Haus größere Tiere gehalten werden. Aber Schildkröten sind klein, kleiner als die Handfläche des Mädchens, und wenn es sie daraufsetzt, dann kratzen sie mit ihren dünnen Beinchen und versuchen zu fliehen. Sie haben ihr Aquarium mit zwei Steinen und falschem Gras. Mutter sagt, dass sie Namen bekommen sollen. Das Mädchen fragt sich, ob die Tiere auf der Arche Namen hatten, so wie alle anderen, die ertrunken sind, aber Papa erklärt ihr, dass das etwas anderes ist. Das hier sind deine Haustiere, sagt er. Das Mädchen denkt dann daran, dass ihre Schildkröten Glück haben, bei ihr gelandet zu sein. Es sind drei. Wenn sie Noah bekommen hätte, hätte er sicherlich eine ins Meer geworfen.
Sie denkt lange darüber nach, wie sie sie nennen soll. Sie denkt sich einen Namen aus, und schon am nächsten Tag überlegt sie es sich anders. Am Ende werden sie einfach zu die Große, die Kleine und die Dritte, namenlos, genau wie die Schildkröten der Sintflut. Abends betet das Mädchen zu Gott, für Papa, Mama, die Große, die Kleine und die Dritte. Sie bittet ihn, keine neue Flut zu schicken, denn sie könnte sich nie entscheiden, welche der drei getötet werden sollte. Dann sagt sie: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, während sie ihre Schildkröten anschaut, als spräche sie mit ihnen. Endlich hört sie jemand, wenn sie betet. Und das Mädchen betet dauernd, Vater und Mutter bringen ihr das bei: ein Gebet vor dem Mittagessen, ein Gebet vor dem Abendessen, ein Gute-Nacht-Gebet, das Gegrüßet seist du Maria, das Vaterunser, sogar den Anfang des Glaubensbekenntnisses, worauf der Vater mächtig stolz ist. Überall rund um das Mädchen sind Augen, flache gemalte Augen von Heiligen, die ihr zusehen, egal was sie tut. Manchmal denkt sie, dass all diese Gebete dazu da sind, dass sich die Heiligen nicht einsam fühlen. Aber mit den Schildkröten ist es anders. Sie können wirklich hören. Das Mädchen weiß, dass die Große, die Kleine und die Dritte ein Gehör haben, weil sie immer auf die Musik reagieren, die aus dem Haus der Nachbarin kommt. Sie strecken ihre Köpfchen so weit es geht heraus, als ob sie vor ihrem Panzer davonlaufen wollten.
Eines Tages laufen sie wirklich davon. Das Mädchen wacht auf und spürt ihre Abwesenheit, noch bevor sie zum Aquarium blickt. Sie springt aus dem Bett und schaut darunter nach – dorthin, wo sich Gott versteckt. Aber die Schildkröten sind weg. Sie sind weder unter dem Bett noch unter dem Tisch oder im Schrank. Sie müssen auf den Stein gestiegen und irgendwie aus dem Aquarium ausgebüxt sein. Die Tür hatte offen gestanden, weil das Mädchen Angst hat, sie nachts zu schließen. Ihre Schuld. Alles ist ihre Schuld. Sie läuft aus dem Zimmer und durchsucht das ganze Haus. Sie hebt Teppiche hoch, öffnet Schranktüren, schaut in die Schuhe im Vorzimmer hinein, ruft nach ihnen. Große! Kleine! Dritte!
Sie kommen wieder, früher oder später, sagen die Eltern zu ihr. Nach einigen Tagen sagen sie das nicht mehr. Sie kommen wieder wird zu Vielleicht sind sie verreist. Das Mädchen kränkt das. Es ist nicht mehr so klein, um zu glauben, dass Schildkröten irgendwohin verreisen. Und wo sollten sie außerdem hin? Draußen herrscht das Chaos: Autos, Katzen … Was hat ihnen in ihrem Zimmer gefehlt?
Sie betet jeden Abend. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Danach öffnet sie die Augen, um zu überprüfen, ob sie zurückgekommen sind. Das hast du getan, sagt sie zu Gott. Schon hat er angefangen, sich wie ein unerträglicher kleiner Bruder zu benehmen, der die Eltern immer herumkriegt, egal welche Dummheit er angestellt hat. Du hast sie erschreckt, sagt sie leise und fügt am Ende hinzu: Amen.
Mutter verziert Eier vor Ostern. Sie pflückt Klee, Gänseblümchen und verschiedene Blätter. Sie kocht eine Suppe aus Zwiebelschalen in einem großen Topf, bis das Wasser braun wird, dann fügt sie Essig hinzu und legt zehn Eier hinein, in Nylonstrümpfe gewickelt und mit Blättern an die Schale gepresst. Die Schildkröten werden nicht mehr erwähnt. Das Mädchen empfindet es als tiefe persönliche Verfehlung, als Beweis, dass es sich nicht um Tiere kümmern kann, und es hat Angst, dass seine Eltern ihm nie wieder ein Haustier erlauben. Zwischen den verzierten Eiern läuft eine Ameise. Mutters großer Finger geht nieder wie ein Donnerschlag und nimmt ihr an Ort und Stelle das Leben. Herrje, diese Ameisen wird man einfach nicht los, selbst wenn man Gott wäre, lamentiert Mama. Garantiert schmeißt diese Hexe Essen zum Fenster raus. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Ameisen, Kakerlaken und Mäuse hätte … Am Ende bringt sie das Ungeziefer auch über uns.
Da dämmert es dem Mädchen – die Schildkröten sind bestimmt zur Nachbarin gegangen. Gott hat das gesehen, aber Er war ihr wie immer nicht im Geringsten eine Hilfe. Vielleicht ist Er böse, weil sie sie aus den Augen gelassen hat. Vielleicht kümmert es Ihn überhaupt nicht. Abgesehen davon, wenn die Schildkröten dorthin gegangen sind, wüsste Er das ja gar nicht, denn – wie Mutter das viele Male gesagt hat – in diesem Haus gibt es keinen Gott.
Sie traut sich nicht, noch am selben Tag zur Nachbarin hinüberzugehen. Sie beobachtet ihre Eingangstür vom Hof aus. Es ist für sie unbegreiflich, wie jemand so nahe an ihrer Familie leben kann und ein Teil eines anderen Lebens, eines von ihrem ganz unterschiedlichen, sein kann. Die Nachbarin ist auch eine erwachsene Person. Sie hat eine Küche, in der sie Mittagessen kocht. Sie wäscht Geschirr, wäscht Wäsche, wäscht ihre roten Haare. Sie schaut vielleicht etwas im Fernsehen an. Aber sie tötet keine Ameisen. Das Mädchen ist überzeugt davon, dass zwischen der Nachbarin und allen Insekten gegenseitige Achtung und Vertrauen bestehen. Die Schildkröten sind bestimmt dort.
Sie fragt die Eltern, ob sie am nächsten Tag ein paar Eier zur Nachbarin bringen dürfe. Das klingt für sie wie eine gute Ausrede, um hinüberzugehen. Mama bricht in Gelächter aus. Die Nachbarin feiert nicht Ostern, mein Herz. Sie sagt das, als wäre es offensichtlich. Wie meinst du das, feiert nicht Ostern? So, eben. Ihre Leute glauben nicht daran, dass Jesus Gott war, sagt Papa zu ihr. Ihre Leute haben Jesus getötet.
Das Mädchen ist absolut verwirrt. Sie versteht nicht, wer ihre Leute sein sollen. Sie hat nie jemanden bei der Nachbarin gesehen. Außerdem begreift sie nicht, wie jemand nicht Ostern feiern kann. Sie denkt, das sei verpflichtend für alle Menschen.
In dieser Nacht kann sie lange nicht einschlafen. Sie weiß nicht einmal mehr, wie sie beten soll. Wenn die Schildkröten bei der Nachbarin sind und Gott nicht dort ist, dann ist es sinnlos, Ihn um irgendeinen Rat zu fragen. Die Ameisen wissen wahrscheinlich besser, was vor sich geht – sie gehen in dieses Haus hinein und sehen alles. Das Mädchen schließt die Augen, presst Handfläche auf Handfläche und betet zu den Ameisen für ihre Schildkröten. Die Ameisen können ihr nicht antworten, weil sie nicht ihre Sprache sprechen.
Am Morgen liegen zwei tote Schildkröten auf der Küchentheke. Mutter hat sie auf ein Stück Küchenpapier gelegt. Es tut uns leid, aber wir wollten dich nicht anlügen, jetzt bist du schon groß, sagt Papa. Das Mädchen starrt ihre unbeweglichen Körper an, die aus dem Panzer heraushängen. Die Große und die Kleine. Sie möchte sie nicht anfassen. Die Reglosigkeit des Todes macht ihr Angst. Und die Dritte?, fragt sie. Sie kann den Blick nicht von den kleinen Leichen abwenden. Die haben wir nicht gefunden, sagt Mama. Die beiden waren beim Ameisenhaufen, nahe dem Zaun. Tut mir leid, mein Herz. Gehen wir jetzt frühstücken, es ist Ostern, du musst dir dein Ei aussuchen.
Zuerst müssen wir sie begraben, sagt das Mädchen. Damit sie ins Paradies kommen.
Tiere kommen nicht ins Paradies, sagt Papa sanft. Das überrascht sie. Und dann macht es sie wütend. Sie denkt, dass auch Papa gern Dummheiten erzählt, obwohl er ein Papa ist und aufpassen sollte, was er sagt.
Wie jetzt, sie kommen nicht ins Paradies? Wo kommen sie denn sonst hin?
Nirgendwohin, mein Liebes. Tiere haben keine Seele.
Sie blickt erneut zur Großen und zur Kleinen. Ihre Näschen wirken nun viel länger, da sie tot sind. Am schlimmsten von allem sind diese kleinen blinden Augen, offen und vertrocknet. Das Mädchen denkt an die Finsternis. Einfach nur Finsternis. Nichts anderes. Finsternis für immer. Sie beginnt zu weinen. Es scheint ihr gerechter, sie würden in der Hölle schmoren, als dass dieses große Nichts sie verschluckt. Sie weint um alle Schildkröten, die je gestorben sind. Um alle Tiere, die Noah gerettet hat, völlig umsonst.
Die Eltern bieten ihr leere Trostformeln an, damit sie sich beruhigt. Komm jetzt, sagt Mama. Putz dir die Nase. Zieh dich hübsch an, es ist Ostern. Vater liest vor dem Frühstück ein Gebet vor. Das Mädchen zerbricht sogar ein paar Ostereier, wie es üblich ist. Es ist das einzige Ostern, an das sie sich erinnern wird. Sie wird sich an die verzierten Eier erinnern, wer wo gesessen hat, welches Kleid Mama und welche Krawatte Papa getragen hat. Sie wird sich an die Schildkröten auf der Küchentheke erinnern und wie sie Papa auf dem Papier aus dem Haus getragen und irgendwo hingebracht hat, um sie wegzuwerfen. Sie haben ihr nicht gesagt, wohin. Aber vor allem wird sie sich daran erinnern, dass sie an diesem Tag das Haus ihrer Nachbarin betreten hat.
Wie jeden Sonntag halten Papa und Mama nach dem Essen ein Mittagsschläfchen. Sie wartet geduldig auf diesen Moment – sie weint nicht mehr um die Schildkröten, sie stellt keine Fragen mehr. Sie ist fleißig, wäscht mit Mama das Geschirr ab, trocknet es ab und stellt es auf seinen Platz zurück. Sie sieht zu, wie ihre Eltern genüsslich das Dessert verspeisen, wie sie sich aufs Sofa setzen und den Fernseher einschalten, wie sie immer langsamer atmen und die Augen zumachen. Das Mädchen spürt das Fehlen von Angst, als wäre sie über Nacht erwachsener geworden – alles ist irgendwie kleiner, sowohl die Räume als auch Papa und Mama. Sie verlässt das Haus und überquert den Hof. Im Gras sind keine Ameisen, es ist still, und das Tor der Nachbarin ist kaum hörbar, als das Mädchen es einen Spalt öffnet. Sie riecht Früchtetee, alte Wolle, Staub und Bücher. Sie betritt das Haus ohne Gott. Er ist dort geblieben, im anderen Hof, wo die Ameisenleichen die trockene Erde bedecken.
Das Mädchen wird sich an die Bilder an der Wand erinnern, an die Pflanzen – große und kleine – überall, manche hängen sogar aus Eimern und strecken ihre blattreichen Glieder fast bis zum Boden. Sie wird sich daran erinnern, wie die Nachbarin und sie gemeinsam nach der Dritten suchen, in den Schachteln voll mit Wolle und Strickzubehör, in den Regalen mit dicken Büchern mit abgegriffenen Rücken, unter den Tischen und Stühlen, hinter großen Vasen, und sogar noch in den Schuhen. Sie wird sich an das Teegeschirr erinnern – mit kleinen aufs Porzellan gemalten Rosen und eingedrehten Henkeln, als ob die Tasse ein Ohr hätte. Sie wird sich auch an die Platte erinnern, die sich im Grammophon dreht, und wie aus dieser Box dann Musik kommt. Sie wird sich an die Musik erinnern und daran, dass es nirgends einen Fernseher gibt, aber auch keine Ameisen. Sie wird sich an die Fotos an den Wänden erinnern, die großen Gobelins voller Details, und den Vorhang, der unten, ganz am unteren Ende, zerfranst ist. Am liebsten von allem wird sie sich an die Geschichte über das einzige Haustier erinnern, das die Nachbarin je hatte – eine kleine Maus. Sie kletterte zwischen den Metallbetten hinauf, über die dünnen und weinenden Körper, leise, erschrocken, in dem Wissen, dass sie am oberen Ende ein Mädchen mit ein paar Brotkrumen erwartete, die es für sie aufgespart hatte. Die Nachbarin erzählt ihr auch ein paar andere Geschichten, aber das Mädchen ist noch zu klein, um sie vollends zu verstehen.
Sie tritt hinaus an die trockene Frühlingsluft. Über ihrem Kopf plaudert eine Amsel mit anderen Vögeln. Außer ihnen schweigt alles andere. Das Mädchen tritt durch das Tor und geht in den Hof ihres Hauses zurück. Vorsichtig öffnet sie die Tür und geht an den Eltern vorbei, die noch schlafen, die Mutter auf dem Sofa, der Vater im Lehnstuhl, regungslos. Im Fernseher backt irgendein Mann eine Torte.
Sie geht in den ersten Stock hinauf, betritt ihr Zimmer und schließt die Tür. Sie öffnet weit das Fenster. Gott klettert unter dem Bett hervor und fliegt wortlos hinaus. Das Mädchen schließt das Fenster und legt sich aufs Bett. Endlich kann sie ruhig schlafen. Niemand beobachtet sie mehr.