Mutter tötet Ameisen. Sie kommen aus allen Richtungen: Sie krabbeln aus der Kommode, schlüpfen durch den Sprung an der Fensterscheibe, schlafen in den Schubladen. Das Mädchen schaut ihnen zu, während es frühstückt. Ameisen sind Krümel und eine Linie und dann wieder Krümel. Sie sind schnell und verängstigt. Sie haben eine Idee. Eine Idee von etwas, eine Idee, dass etwas. Ihr Etwas scheint wichtig zu sein. Das Mädchen will nicht, dass die Ameisen sterben. Wir müssen in den Hof, sagt Mutter, wir müssen ein Haus für sie finden. Sie trägt Kaffeesatz in einer Plastiktüte. Sie hat ihn lange und fleißig gesammelt, ihre Munition. Das Mädchen sieht jeden Morgen seinen Eltern zu, wie sie Kaffee trinken und wie die Mutter danach den Satz aus der Tasse in die Tüte kratzt. Daran ist nur diese Hexe schuld, sagt Mutter. Ich hab gesehen, wie sie im Hof Essen

 

Es beobachtet, wie der Kaffeesatz auf den Ameisenhaufen fällt. Die Ameisen bewegen sich auf den Geruch zu, erklärt ihm die Mutter, der Kaffee verwirrt sie, so dass die Jungen sterben, weil sie nicht zurückfinden. Sie sagt das fröhlich, während sie den schwarzen Schnee über das Ameisenleben rieseln lässt. Das Mädchen denkt an die Kinder, klein und erschrocken, wie sie sich zwischen den Grashalmen verirren, wie sie vergeblich nach der Baumrinde tasten, die ihnen nichts mehr sagt, wie sie müde und hungrig auf dem trockenen Boden umfallen. Dann sterben sie, und der Wind trägt sie davon.

Als die Mutter irgendwo anders ist, nimmt das Mädchen ein Glas Honig und trägt es nach draußen, zum Ameisenhaufen. Wenn es einen Weg aus Honig

Dann regnet es, und der Regen verschlingt den Honig im Hof. Er verschlingt auch die Ameisenhaufen und überschwemmt die Ameisengräber. Vater sagt: Das ist Gott, der über uns Sünder weint, also streckt das Mädchen die Zunge heraus und trinkt Gottes Tränen. Sie sind nicht salzig wie ihre. Gott und ich haben nicht die gleichen Tränen, denkt sie. Seine sind kalt, süß und staubig. Seine Tränen töten Ameisen, wie der Kaffeesatz. Wenn Gottes Tränen durchs Fenster hereinkommen, ist der Parkettboden ruiniert, und dann streiten sich Mutter und Vater. Manchmal ist Gott auch wütend, und dann donnert es. Mutter erzählt ihr von der großen Sintflut, in der

Manchmal wacht das Mädchen mitten in der Nacht am anderen Ende des Hauses auf. Für gewöhnlich steht es an der Eingangstür, klein, in einem dünnen Nachthemd, und berührt das lackierte Holz. Wo willst du hin, meine Liebe, hört sie die Mutter. Gehen wir zurück ins Bett, sagt Papa. Am häufigsten wacht sie im Vorzimmer auf, und dann bemerkt sie, dass sie über dem Nachthemd einen Pelzmantel anhat. Einen schweren, stinkenden Pelzmantel aus Chinchilla. Man nennt das Schlafwandeln, sagen ihre Eltern. Das ist, wenn man schläft und fortgehen möchte. Sie schließen die Tür ab und legen den Schlüssel auf das oberste Regal, damit ihn das Mädchen nicht erreichen kann. Du kannst dich verletzen, sagt Mama. Du kannst dich verirren, fügt Papa hinzu. Und Gott sagt nichts, obwohl er alles sieht und sie in jedem Moment aufwecken kann.

Doch ungeachtet aller Vorsichtsmaßnahmen schafft es das Mädchen, durch das große Küchenfenster in

Die Nachbarin riecht nach abgestandenem Blumenduft. Die Spitzen der roten Haare kitzeln das Gesicht des Mädchens. Gefärbte rote Haare, in diesem Alter. Sie führt es zur Eingangstür und übergibt

Die Eltern bringen neue Mechanismen über allen Fenstern an, so dass es unmöglich ist, sie ohne Schlüssel zu öffnen. Jetzt ist nachts alles abgeschlossen. Verriegelt. Selbst die Ameisen können nun nirgends mehr hereinkommen. Mutters Plan ist aufgegangen, sie ist alle Insekten losgeworden, und das Haus ist wieder sauber und leer, gesperrt für alles Leben, das es stören könnte. Nur eine Ameise taucht im Zimmer des Mädchens auf, und es ist für einen Moment glücklich. Die Ameisen haben sicher bemerkt, dass sie nicht ihre Feindin ist. Aber dann verschwindet die Ameise für immer. Sie flieht irgendwo unters Bett, wie Gott.

 

Deshalb kaufen sie ihr Schildkröten – denn das Mädchen redet ununterbrochen von den Ameisen und Noahs Arche. Vater war dagegen, dass im Haus

Sie denkt lange darüber nach, wie sie sie nennen soll. Sie denkt sich einen Namen aus, und schon am nächsten Tag überlegt sie es sich anders. Am Ende werden sie einfach zu die Große, die Kleine und die Dritte, namenlos, genau wie die Schildkröten der Sintflut. Abends betet das Mädchen zu Gott, für Papa, Mama, die Große, die Kleine und die Dritte. Sie bittet ihn, keine neue Flut zu schicken, denn sie könnte sich nie entscheiden, welche der drei getötet werden sollte. Dann sagt sie: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, während sie ihre Schildkröten anschaut, als spräche sie mit ihnen.

Eines Tages laufen sie wirklich davon. Das Mädchen wacht auf und spürt ihre Abwesenheit, noch bevor sie zum Aquarium blickt. Sie springt aus dem Bett und schaut darunter nach – dorthin, wo sich Gott versteckt. Aber die Schildkröten sind weg. Sie sind weder unter dem Bett noch unter dem Tisch oder im Schrank. Sie müssen auf den Stein gestiegen und irgendwie aus dem Aquarium ausgebüxt sein. Die Tür hatte offen gestanden, weil das Mädchen

Sie kommen wieder, früher oder später, sagen die Eltern zu ihr. Nach einigen Tagen sagen sie das nicht mehr. Sie kommen wieder wird zu Vielleicht sind sie verreist. Das Mädchen kränkt das. Es ist nicht mehr so klein, um zu glauben, dass Schildkröten irgendwohin verreisen. Und wo sollten sie außerdem hin? Draußen herrscht das Chaos: Autos, Katzen … Was hat ihnen in ihrem Zimmer gefehlt?

Sie betet jeden Abend. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Danach öffnet sie die Augen, um zu überprüfen, ob sie zurückgekommen sind. Das hast du getan, sagt sie zu Gott. Schon hat er angefangen, sich wie ein unerträglicher kleiner Bruder zu benehmen, der die Eltern immer herumkriegt, egal welche Dummheit er angestellt hat. Du hast sie erschreckt, sagt sie leise und fügt am Ende hinzu: Amen.

 

Mutter verziert Eier vor Ostern. Sie pflückt Klee, Gänseblümchen und verschiedene Blätter. Sie kocht eine Suppe aus Zwiebelschalen in einem großen

Da dämmert es dem Mädchen – die Schildkröten sind bestimmt zur Nachbarin gegangen. Gott hat das gesehen, aber Er war ihr wie immer nicht im Geringsten eine Hilfe. Vielleicht ist Er böse, weil sie sie aus den Augen gelassen hat. Vielleicht kümmert es Ihn überhaupt nicht. Abgesehen davon, wenn die Schildkröten dorthin gegangen sind, wüsste Er das ja gar nicht, denn – wie Mutter das viele Male gesagt hat – in diesem Haus gibt es keinen Gott.

Sie fragt die Eltern, ob sie am nächsten Tag ein paar Eier zur Nachbarin bringen dürfe. Das klingt für sie wie eine gute Ausrede, um hinüberzugehen. Mama bricht in Gelächter aus. Die Nachbarin feiert nicht Ostern, mein Herz. Sie sagt das, als wäre es offensichtlich. Wie meinst du das, feiert nicht Ostern? So, eben. Ihre Leute glauben nicht daran, dass Jesus Gott war, sagt Papa zu ihr. Ihre Leute haben Jesus getötet.

Das Mädchen ist absolut verwirrt. Sie versteht nicht, wer ihre Leute sein sollen. Sie hat nie jemanden bei der Nachbarin gesehen. Außerdem begreift sie

In dieser Nacht kann sie lange nicht einschlafen. Sie weiß nicht einmal mehr, wie sie beten soll. Wenn die Schildkröten bei der Nachbarin sind und Gott nicht dort ist, dann ist es sinnlos, Ihn um irgendeinen Rat zu fragen. Die Ameisen wissen wahrscheinlich besser, was vor sich geht – sie gehen in dieses Haus hinein und sehen alles. Das Mädchen schließt die Augen, presst Handfläche auf Handfläche und betet zu den Ameisen für ihre Schildkröten. Die Ameisen können ihr nicht antworten, weil sie nicht ihre Sprache sprechen.

 

Am Morgen liegen zwei tote Schildkröten auf der Küchentheke. Mutter hat sie auf ein Stück Küchenpapier gelegt. Es tut uns leid, aber wir wollten dich nicht anlügen, jetzt bist du schon groß, sagt Papa. Das Mädchen starrt ihre unbeweglichen Körper an, die aus dem Panzer heraushängen. Die Große und die Kleine. Sie möchte sie nicht anfassen. Die Reglosigkeit des Todes macht ihr Angst. Und die Dritte?, fragt sie. Sie kann den Blick nicht von den kleinen Leichen abwenden. Die haben wir nicht gefunden, sagt Mama. Die beiden waren beim Ameisenhaufen, nahe dem Zaun. Tut mir leid, mein Herz. Gehen wir

Zuerst müssen wir sie begraben, sagt das Mädchen. Damit sie ins Paradies kommen.

Tiere kommen nicht ins Paradies, sagt Papa sanft. Das überrascht sie. Und dann macht es sie wütend. Sie denkt, dass auch Papa gern Dummheiten erzählt, obwohl er ein Papa ist und aufpassen sollte, was er sagt.

Wie jetzt, sie kommen nicht ins Paradies? Wo kommen sie denn sonst hin?

Nirgendwohin, mein Liebes. Tiere haben keine Seele.

Sie blickt erneut zur Großen und zur Kleinen. Ihre Näschen wirken nun viel länger, da sie tot sind. Am schlimmsten von allem sind diese kleinen blinden Augen, offen und vertrocknet. Das Mädchen denkt an die Finsternis. Einfach nur Finsternis. Nichts anderes. Finsternis für immer. Sie beginnt zu weinen. Es scheint ihr gerechter, sie würden in der Hölle schmoren, als dass dieses große Nichts sie verschluckt. Sie weint um alle Schildkröten, die je gestorben sind. Um alle Tiere, die Noah gerettet hat, völlig umsonst.

Die Eltern bieten ihr leere Trostformeln an, damit sie sich beruhigt. Komm jetzt, sagt Mama. Putz dir

 

Wie jeden Sonntag halten Papa und Mama nach dem Essen ein Mittagsschläfchen. Sie wartet geduldig auf diesen Moment – sie weint nicht mehr um die Schildkröten, sie stellt keine Fragen mehr. Sie ist fleißig, wäscht mit Mama das Geschirr ab, trocknet es ab und stellt es auf seinen Platz zurück. Sie sieht zu, wie ihre Eltern genüsslich das Dessert verspeisen, wie sie sich aufs Sofa setzen und den Fernseher einschalten, wie sie immer langsamer atmen und die Augen zumachen. Das Mädchen spürt das Fehlen von Angst, als wäre sie über Nacht erwachsener geworden – alles ist irgendwie kleiner, sowohl die Räume als

Das Mädchen wird sich an die Bilder an der Wand erinnern, an die Pflanzen – große und kleine – überall, manche hängen sogar aus Eimern und strecken ihre blattreichen Glieder fast bis zum Boden. Sie wird sich daran erinnern, wie die Nachbarin und sie gemeinsam nach der Dritten suchen, in den Schachteln voll mit Wolle und Strickzubehör, in den Regalen mit dicken Büchern mit abgegriffenen Rücken, unter den Tischen und Stühlen, hinter großen Vasen, und sogar noch in den Schuhen. Sie wird sich an das Teegeschirr erinnern – mit kleinen aufs Porzellan gemalten Rosen und eingedrehten Henkeln, als ob die Tasse ein Ohr hätte. Sie wird sich auch an die Platte erinnern, die sich im Grammophon dreht, und wie aus dieser Box dann Musik kommt. Sie wird sich an die Musik erinnern und daran, dass es nirgends einen Fernseher gibt, aber auch keine Ameisen. Sie wird sich an die Fotos an den Wänden erinnern, die

Sie tritt hinaus an die trockene Frühlingsluft. Über ihrem Kopf plaudert eine Amsel mit anderen Vögeln. Außer ihnen schweigt alles andere. Das Mädchen tritt durch das Tor und geht in den Hof ihres Hauses zurück. Vorsichtig öffnet sie die Tür und geht an den Eltern vorbei, die noch schlafen, die Mutter auf dem Sofa, der Vater im Lehnstuhl, regungslos. Im Fernseher backt irgendein Mann eine Torte.

Sie geht in den ersten Stock hinauf, betritt ihr Zimmer und schließt die Tür. Sie öffnet weit das Fenster. Gott klettert unter dem Bett hervor und fliegt wortlos hinaus. Das Mädchen schließt das Fenster und legt sich aufs Bett. Endlich kann sie ruhig schlafen. Niemand beobachtet sie mehr.