Kleine, glitschige Fische mit kalten Körpern. Ich holte sie aus dem Aquarium und legte sie auf den Tisch. Der Reihe nach vom Kleinsten zum Größten. Sie verkrampften sich, klatschten mit der Schwanzflosse und fielen zu Boden. Das Spiel war einfach – der Fisch, der am längsten auf dem Tisch blieb, war der Sieger. Aber da war noch etwas anderes – die Macht, die du spürst, wenn du deine Hand ins schlierige Wasser eintauchst und die Finger den winzigen Unglücklichen umschließen. Am Ende sterben alle, auch der Sieger auf dem Tisch. Am Ende hören die Krämpfe immer auf, und das kleine Auge starrt fassungslos nach oben. Als warte es auf die nächste Hand.
Im Frühherbst bringt mich meine Mutter zur Aufnahmeprüfung in die Musikschule. Ich bin zu alt, aber das ist nicht wichtig. Ich müsse keine Virtuosin sein, nur damit ich irgendein Hobby habe, sagt sie zu mir, während sie auf dem Behindertenparkplatz einparkt, obwohl wir beide mobil und, zumindest scheinbar, gesund sind. In einem kleinen Zimmer sitzt ein alter, nach Tabak stinkender Mann am Klavier und fragt mich, warum gerade Violoncello. Ich zucke mit den Schultern, aber dann sehe ich Mamas Stirnrunzeln und räume ein: Es gefällt mir. Er spielt ein paar Töne und bittet mich, sie zu wiederholen. Danach klopft er mit dem Bleistift auf das Klaviergehäuse. Jetzt du, im gleichen Rhythmus.
Am Ende möchte er, dass ich ihm etwas vorsinge. Ich sage, dass ich kein einziges Lied kenne. Mama runzelt wieder die Stirn. Mein Gott, das verrückte Kind … Was heißt, du kennst keines? La Le Lu …
Dann lächelt sie dem stinkenden alten Mann zu. Und ich singe und hasse sie. Im Kopf wandle ich die Worte ab, so dass nur ich ihre wahre Natur kenne. La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die kleinen Babys sterben. Und die beiden wissen nichts davon. Sie wissen gar nichts.
Zweimal pro Woche sitzt im Wohnzimmer eine Psychologin. Mama hat sie beim ersten Mal als den Psychologen vorgestellt, aber die Psychologin hat sie verbessert. Ich habe mich für sie beide geschämt. Die Psychologin ist sehr groß, sie trinkt Pfefferminztee und blinzelt fast nie. Am Anfang bringt sie Spielsachen mit, die nach anderen Kindern stinken. Sie will, dass ich vor ihr damit spiele, sie würde zusehen. Ich kenne alle Regeln, ich spiele, wie es sich gehört. Ken und Barbie heiraten und küssen sich. Sie kriegen ein Kind. Fahren ans Meer. Ich arbeite all diese kleinen Leben mit den Bewegungen einer bürokratischen Beamtin ab. Die Psychologin tunkt den Teebeutel ins heiße Wasser, ihr Handgelenk geht auf und ab, auf und ab. Sie bemerkt, dass ich sie beobachte. Es ist nicht gut, wenn man ihn im Wasser lässt, erklärt sie mir.
Später hat sie es mit den Spielsachen aufgegeben und bittet mich, etwas für sie zu zeichnen. In einer Tasche hat sie eine Tüte mit Ölkreiden mitgebracht. Ich sage ihr, dass ich lieber mit einem Stift zeichnen würde, der ist präziser.
Präziser, was für ein erwachsenes Wort, sagt sie. Ich denke, was für ein Idiot muss man sein, um zu denken, dass Wörter in welche für Kinder und welche für Erwachsene eingeteilt werden. Sie will mir ihre Füllfeder nicht geben, obwohl ich ihr die Spielregeln erklärt habe – entweder die Füllfeder oder es wird nicht gezeichnet. Dann schreibt sie etwas in ihr Notizbuch. Sie blinzelt nicht.
Kannst du wenigstens einmal etwas für mich machen?, fragt Mama mit weinerlicher Stimme, nachdem die Psychologin gegangen ist. Also gut – Ölkreiden. Ich setze mich auf den Boden und zeichne unpräzise, ölige Porträts. Das mache ich nur für Mama.
Manche Kinder sind allergisch gegen Ölkreiden, sage ich bei der nächsten Sitzung.
Bist du denn allergisch gegen Ölkreiden?, frage mich die Psychologin.
Nein. Aber manche Kinder sind es. Es ist nicht gut, dass Sie welche mit sich herumtragen. Sie könnten jemanden umbringen.
Vor Wintereinbruch sitzen Mama und Großvater vor dem Wochenendhäuschen und bereiten Schnecken fürs Mittagessen vor. Ich bin am Bach und beobachte die kleinen Kaulquappen. Die Zeichenlehrerin hat einmal kleine Frösche gesagt, aber ich habe ihr erklärt, dass das nicht stimmt. Es sind Kaulquappen. Wenn das Wort Kaulquappe schon existiert, dann sollten wir es verwenden. Alles hat sein Wort. Und in Großvaters Bach schwimmen sowohl kleine Frösche als auch Kaulquappen. Das Wasser ist kälter als im Aquarium. Und reiner. Wenn man eine Kaulquappe zwischen Daumen und Zeigefinger zusammendrückt, platzt ihr Körper, und etwas Schleimiges tritt aus. Danach umringen andere Kaulquappen die tote, als wollten sie sie fertigmachen. Ich schnappte mir eine nach der anderen, es war leicht. Sie zerbarsten zwischen den Fingern. Wie wenn Mama etwas Zerbrechliches bestellt und es in so einer Plastikfolie voller Luftbläschen ankommt. Wenn sie gut gelaunt ist, darf ich sie knallen lassen. So war das auch mit den Kaulquappen. Am Ende trieb eine Handvoll ihrer Körper an der Wasseroberfläche. Mama gefiel das nicht. Sie sagte zu Großvater, er solle mich in den Wald bringen. Sie könne mich nicht mehr sehen. Als wäre sie blind.
Das Violoncello ist schwer in dem Rollkoffer. Ich ziehe ihn die Allee entlang, denn große Mädchen gehen allein in die Musikschule. Es ist umständlich, weil ich den Kastanien auf dem Gehsteig ausweichen muss. Ein Auto fährt an mir vorbei, daraus schaut mich eine Frau an. Sie lacht, obwohl nichts komisch ist. Violoncelli sind groß und Kinder klein. Dafür kann ich nichts. Ich schleppe mich bis ans Ende der Allee. Später sitze ich allein in einem kleinen Zimmer mit der Lehrerin, die eine rote Brille trägt und ein schwarzes Haar am Kinn hat. Die Saiten sind dick und schneiden in meine Fingerkuppen. Ich bringe keinen einzigen sauberen Ton hervor. Sie reißt meine Hand vom Hals des übergroßen Instruments, schaut sie kurz an, dann wirft sie sie verächtlich weg, als hätte sie aus Versehen eine tote Maus angefasst.
Schneid dir die Nägel, sagt sie angewidert. Ganz kurz!
Die Psychologin sagt mir, dass wir heute Bauklötze legen. Sie hat eine Plastikbox voll großer Klötze für Babys mitgebracht. Sie sagt, ich kann mir irgendwelche aussuchen, in irgendwelchen Farben, und daraus bauen, was immer ich möchte.
Bin ich denn nicht ein bisschen zu groß für dieses Spiel?
Denkst du, du bist zu groß für dieses Spiel?
Wieso antworten Sie nie, wenn ich Sie etwas frage? Wissen Sie die Antwort nicht?
Doch sie bemüht sich zu lächeln, während sie den Pfefferminztee schlürft. Mama würde später das Geschirr abspülen und über den Lippenstift an der Tasse schimpfen. Ich staple rote Klötze übereinander. Der Turm reicht mir fast bis ans Kinn. Als mir die roten ausgehen, sage ich, dass ich fertig bin. Sie notiert sich wieder etwas, wahrscheinlich irgendeinen Quatsch über die rote Farbe oder weiß Gott was. Danach lasse ich sie die Klötze allein abbauen und sie in die Plastikbox zurückräumen.
Der Wald ist kalt und still. Großvater geht voran und schaut zu Boden. Ich möchte ihn etwas fragen, aber das Erste, was mir einfällt, ist: Gibt es hier Wölfe?
Es gibt keine Wölfe. Das weißt du ganz genau.
Theoretisch, sage ich hoffend, dass ihm auffällt, wie ich seine Worte benutze und sich seine Laune ein bisschen bessert. Theoretisch, wenn der Wolf das Rotkäppchen und danach die Großmutter auffrisst, und wenn danach der Jäger kommt und dem Wolf den Bauch aufschneidet … Ich meine, theoretisch … Können das Rotkäppchen und die Großmutter wirklich überleben?
Der Großvater setzt sich auf einen Baumstumpf und mustert einen kleinen Pilz neben seinem Schuh. Er kratzt sich am Kopf. Theoretisch nicht, antwortet er.
Warum nicht?
Weil da Säure ist. Im Bauch.
Danach schweigen wir eine Zeitlang. Ich sammle Steinchen und glatte Zweige. Er mustert immer noch den Pilz. Dann fragt er mich: Warum gehst du deiner Mutter auf die Nerven? Warum lässt du sie nicht ein wenig in Frieden?
Ich tu ihr doch gar nichts!, sage ich zu ihm scheinbar überrascht. Doch ich weiß, dass er an die Kaulquappen denkt. Und diese exotischen Fische von ihr. Aber er verdreht nur die Augen und sagt, ich solle mich vor solchen Pilzen hüten, die seien giftig. Ich setze mich neben ihn auf den Baumstumpf und betrachte die weißliche, mehlig riechende Pflanze. Sie fühlt sich weich an, wie eine kleine Wolke.
Aber theoretisch, sage ich zu ihm, um das Thema zu wechseln.
Theoretisch?, geht er darauf ein.
War ich in Mamas Bauch, und die Säure hat mich nicht zerfressen. Daraufhin lacht er und sagt: Bist du sicher?
Zu Hause übe ich die Tonleiter auf dem Violoncello. Mama hat eine Ibuprofen genommen und Kopfhörer in die Ohren gesteckt, um meine schiefen Töne nicht zu hören. Meine Nägel habe ich so kurz geschnitten, dass mir alle Finger weh tun. So fest ich die Saite auch nach unten drücke, der Ton ist immer noch unsauber. Das Instrument jault, als hätte ich ein verprügeltes Hündchen in den Schoß genommen. Und dann beginne ich, aus Langeweile, an den Wirbeln zu drehen. Die Saiten dehnen sich und verändern den Ton. Ich drehe und drehe und höre dem quietschenden Auf und Ab zu. Die dünnste Saite reißt und schlägt mir mitten ins Gesicht. Der Schmerz ist stechend, und ich blute. Ihr Geschmack ist metallisch, wie der Geschmack der Finger nach dem Spielen. Ich habe auch einen Schnitt, präzise und lang, als hätte ihn jemand mit der Füllfeder gezogen.
Die Ambulanz ist kalt und still. Mama weint und fasst sich an den Kopf. Ich weiß, woran sie denkt – an Papas zerschnittenes Gesicht, als wir ihn gefunden haben. Ich denke auch daran. Aber die Ärztin weiß das nicht. Die Ärztin ist jung, müde und versucht, sie zu beruhigen. Das ist alles völlig normal in diesem Alter, sagt sie. Mama glaubt ihr nicht. Mama mag keine Frauen, die jünger sind als sie und ihr sagen, was sie tun soll.
Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihr wird keine große Narbe bleiben, sagt die Ärztin. Als ob das irgendeine Rolle spielen würde.
Anschließend fahren wir in Stille nach Hause. Das Radio erzählt uns, dass in der Türkei irgendwelche Leute ums Leben gekommen sind. Mama macht es mit einer einzigen Bewegung aus, als könnte sie so die Nachrichten ändern – solange ich nichts davon gehört habe, ist es nicht passiert. Das letzte Mal, als wir beim Arzt waren, lud sie mich nach der Untersuchung zu einem Eis ein. Sie hatte sich schuldig gefühlt, weil sie mir aus Versehen die Hand gebrochen hatte. Jetzt ist Winter, wir können kein Eis essen gehen. Sie weiß nicht, wie sie das Schuldgefühl loswerden soll. Ich sage ihr nicht, dass ich so lange an dem einen Wirbel gedreht habe, bis die Saite gerissen ist. Ich lasse sie schuldig sein und uns nach Hause bringen.
Die Psychologin möchte, dass ich ihr vom Violoncello erzähle. Sie hat den stinkenden Tee nur deshalb ausgetrunken, weil ihn diesmal ich zubereitet habe. Das ist gut, hat sie zu meiner Mama gesagt. Das bedeutet, dass ich mich langsam an sie gewöhne, dass ich sie akzeptiere. Jetzt kann sie mich über das Violoncello befragen. Und über Papa. Aber nicht über die gebrochene Hand. Mama hat gesagt, dass ich darüber nicht reden darf.
Nichts ist passiert, sage ich zu ihr, die Saite ist gerissen und hat mich an der Wange getroffen.
Sie notiert das in ihr Heft, als wäre es die klügste Sache, die sie je gehört hat. Und dann beginnt es, nach einer halben Stunde dummer Fragen. Ihr Gesicht ist anders, verwirrt und in einem Halbsatz stehen geblieben. Sie sieht mich dumpf an, wie die Fische auf dem Tisch. Erst da begreift sie, was geschieht. Sie blickt ihre Tasse an, dann mich. Sie läuft ins Badezimmer, um sich zu übergeben. Kauert auf unseren Fliesen und kotzt in die Kloschüssel. Es wird ihr nichts passieren, in dem Tee war nicht mal eine Messerspitze von dem Pilz drin. Sie würde sich ein wenig übergeben oder Durchfall bekommen, und dann würde sie mich in Ruhe lassen.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt ihre Füllfeder. Ihr poliertes Metall glänzt. Ich greife danach und nehme die Kappe ab. Ihre Spitze ist perfekt. Sie ist präzise und verliert keine Tinte.