Für den Kleinen einen Zitronensaft mit Wasser. Für mich einen Verlängerten mit warmer Milch und eine Cola.
Zitrone? Eis?
Wie bitte?
Wollen Sie Zitrone und Eis in die Cola?
Habe ich Zitrone und Eis gesagt?
Nein, aber wenn Sie …
Na also, wenn ich es nicht gesagt habe, dann werde ich es wohl auch nicht wollen.
In Ordnung, mein Herr.
Der Kellner tauscht den Aschenbecher aus. Der Junge sieht zu, wie sich ein sauberer Gegenstand perfekt auf den schmutzigen legt. Der Kellner stellt beide Aschenbecher auf das Tablett und dann den sauberen zurück auf den Tisch. So werden die Aschenbecher in Cafés und Restaurants immer getauscht, und der Junge findet darin für einen Augenblick einen kleinen Trost. Die Dinge gehen so weiter, wie sie begonnen haben. Der Kellner tut ihm leid. Aber dann sieht ihn der Kellner an, lächelt und zwinkert ihm zu, während Papa in die Zeitung schaut. Der Junge erkennt diese Geste. Es ist dieses Lächeln, das kein glückliches Lächeln ist, kein Lächeln wie das, wenn dir jemand einen Witz erzählt, sondern nur hochgezogene Lippen, geschlossen und hochgezogen, und sie bedeuten – armes Kind. Dem Kellner tut der Junge leid, und plötzlich tut dem Jungen der Kellner nicht mehr leid. Er fühlt, dass etwas geplatzt ist, etwas hat die Blase zum Platzen gebracht, die seine Familie geschützt hat, und ist eingedrungen. In sie hinein. Das ist für ihn unerträglich. Blöder Kellner.
Auf dem Stuhl daneben trocknet sein Handtuch. Auf dem Handtuch ist Spiderman. Der Junge wollte ein Spiderman-Handtuch, weil alle ein Spiderman-Handtuch wollen. Es ist das, was man gerade will. In der Schule gab es zu Halloween sechs Spidermans. Der dicke Spiderman, der geweint hat, als ihm die Lehrerin in Mathe eine Drei gab, obwohl allen klar war, dass er eine Fünf verdient hat. Der zweite dicke Spiderman, der seine Popel isst und während der Stunde gern seinen Schniedel aus der Unterhose holt. Der dritte und der vierte sind zwei Spiderman-Brüder, beide tragen eine Brille und können den Buchstaben R nicht aussprechen. Der fünfte Spiderman war der beste Freund auf der Welt, der in der Klasse am weitesten spucken kann. Der sechste Spiderman war er, der jetzt mit Papa im Café neben dem Schwimmbad sitzt und auf den Zitronensaft wartet, den er nicht ausstehen kann.
Wie sitzt du denn da, schau dich mal an … Setz dich ordentlich hin, sagt Papa, und der Junge richtet sich auf.
Der Kellner bringt Kaffee, Cola und Zitronensaft. Er stellt sie in dieser Reihenfolge auf den Tisch und geht. Auf der Kaffeeuntertasse liegt ein kleiner Zimtkeks. Papa legt die Zeitung beiseite und reißt die Plastikverpackung auf. Er tunkt den Keks in den Kaffee.
Was schaust du mich jetzt so an? Willst du den Keks?
Der Junge lächelt und nickt.
Das geht nicht, du bist schon dick wie ein Schwein, sagt Papa. Trink den Zitronensaft.
Papa bestellt ihm immer Zitronensaft mit Wasser, wenn sie zusammen sind. Und zwar deshalb, weil Zitronensaft gesund ist und der Junge aufpassen muss, dass er sich nicht bald in einen kleinen Dickwanst verwandelt. Er ist an der Grenze. So sagt es Papa. Mama sagt – er ist ein Kind, er wächst da noch raus. Papa sagt – er ist an der Grenze. Für den Jungen klingt das eine wie das andere danach, als würde er sterben. Dann haben sich Papa und Mama scheiden lassen, und Papa hat den Jungen zum Schwimmen angemeldet. Zweimal pro Woche sitzt Papa im Café neben dem Schwimmbad, während der Junge schwimmt. Danach trinken sie Kaffee, Cola und Zitronensaft mit Wasser. Papa liest Zeitung und isst den Zimtkeks. Das nennt man gemeinsam verbrachte Zeit.
Bist du zufrieden mit deinem Schwimmen heute?, fragt ihn Papa, nachdem er den Keks runtergeschluckt und die Krümel mit der Handfläche von seinem grünen Hemd geputzt hat.
Der Junge tut sich schwer mit dem Schwimmen. Oft bekommt er keine Luft mehr und glaubt, dass er ersticken wird, wenn er weiterschwimmt. Er hat kein Gefühl für die Richtung, und dann schwimmt er nach links, links, links, wenn er denkt, dass er geradeaus schwimmt. Er verheddert sich in der schwimmenden Trennleine. Einmal ist er sogar mit einem anderen Jungen zusammengestoßen. Jedes Mal, wenn ihm etwas Beschämendes passiert, taucht er schnell auf, nimmt die Brille ab und schaut Richtung Papa, um zu überprüfen, ob er ihn gesehen hat. Und Papa sieht jedes Mal alles. Von dort aus dem Wasser ist Papa immer trüb und weit weg, aber der Junge erkennt seinen Gesichtsausdruck, und manchmal wünscht er sich, dass die Schwimmstunde länger dauert. Lange genug, dass zumindest etwas Gutes passiert und Papa vergessen würde, dass sich der Junge lächerlich gemacht hat.
Ich bin zufrieden, sagt er endlich.
Du bist zufrieden?
Der Junge nickt noch einmal. In seinem Mund ist es sauer vom Zitronensaft. Auf der Zunge fühlen sich die Zitronenstückchen wie kleine Schnecken an. Sein Bauch tut weh. Er hat das starke Bedürfnis zu furzen, aber das darf er nicht vor Papa.
Ach komm schon, mein Sohn … Wenn das für dich genug ist, um zufrieden zu sein, können wir dich vom Schwimmen gleich wieder abmelden. Fahren wir zu Olympia, verdammt. Du musst gar nichts mehr lernen. Wir sagen deiner Trainerin, dass die Sache erledigt ist. Wir haben einen zukünftigen Olympioniken unter uns. Ist es nicht so?
Nein, sagt der Junge leise.
Wie bitte? Hör auf zu murmeln und sprich wie ein Mann.
Nein habe ich gesagt.
Ach nein? Was du nicht sagst. Also bist du nicht zufrieden?
Nein.
Das versteh ich jetzt nicht, zuerst bist du zufrieden, dann wieder unzufrieden … Hast du überhaupt eine eigene Meinung?
Ich bin nicht zufrieden.
Ahhh! Der Herr ist nicht zufrieden. Und womit genau ist der Herr nicht zufrieden, wenn man fragen darf?
Der Junge schweigt. Er zuckt die Achseln und starrt den Zitronensaft an. Er ist trüb und voller Stückchen. Der Strohhalm kreist im Glas, und dann drehen sich die Stückchen im Kreis. Wenn er darin schwimmen würde, würden ihm die Augen brennen. Der Zitronensaft würde an seinem Körper beißen. Er würde in dem Strudel ersticken, den der weiße Strohhalm erzeugt.
Wenn du nicht weißt, womit du unzufrieden bist, dann hast du nichts gelernt. Wozu in aller Welt zahle ich dir Trainings, wenn du nichts dabei lernst?
Ich hab nicht gut geatmet, sagt der Junge. Er darf Papa nicht anschauen. Es war wirklich eines der schlimmeren Trainings. Er ist müde zum Schwimmbad gekommen. Irgendwas stimmt mit seinem Bauch nicht. Er konnte sich nicht aufs Atmen konzentrieren, auf die richtige Ausführung der Züge … Wieder ist er nach links abgedriftet. Jetzt begreift er, dass Papa all das gesehen hat. Die Trainerin hat fünfzigmal dasselbe wiederholt. Und Papa schämt sich dafür. Papa gefällt die Trainerin. Papa gefallen alle Frauen. Manchmal, wenn er besser gelaunt ist, sagt Papa zu ihm schau mal die, als ob sie beide erwachsene Männer wären und es zwischen ihnen irgendeine stille Abmachung gäbe. Der Junge lächelt in diesen Momenten immer kennerisch, obwohl er lieber kotzen würde.
Und warum hast du nicht gut geatmet? Hörst du dieser Kleinen zu, wenn sie dir sagt, was du tun sollst? Oder glotzt du ihr auf die Brüste?
Ich hör zu.
Und? Wo ist dann das Problem? Bist du dumm?
Er spürt, wie sein Kinn zittert. Alles an ihm ist nass – die Flipflops an seinen Füßen sind nass, seine Finger sind verschrumpelt, seine blaue Speedo ist nass, sein Nabel immer noch voll Wasser, das Wasser rinnt von den Haaren hinter seine Ohren und die Schultern hinunter. Auch der Spiderman auf dem Handtuch, das auf dem Stuhl trocknet, ist nass. Der Junge spürt, dass er auch von innen nass ist – es ist nass in seinem Hals, nass und sauer, etwas wird größer und möchte durch seine Augen und die Nase hindurch explodieren.
Was ist denn jetzt? Heulst du jetzt wie ein verwöhntes Gör? Der Papa zahlt ihm Schwimmtraining, der Arme, er hat’s wirklich schwer im Leben …
Ich muss aufs Klo.
Was hätte ich gegeben, wenn für mich jemand Trainings bezahlt hätte, als ich klein war. Ich hätte nicht hier rumgeheult wie ein Rotzbengel.
Ich muss echt dringend aufs Klo.
Papa lächelt, blickt sich um, so als könnte er nicht glauben, was ihm gerade passiert, und sieht dann wieder den Jungen an.
Na komm jetzt, was willst du, dass ich dich hinbringe?
Der Junge steht auf und watschelt langsam in den nassen Flipflops zur Toilette. Er spürt, dass Papa ihm zuschaut. Er spürt seinen aufgeblähten Bauch über dem Badehosenrand und die Brüste, die bei jedem Schritt beben. Er spürt kalten Schweiß, der durch die bereits nasse Haut dringt. Der Weg zur Toilette ist lang. Rund um das Schwimmbecken sind Kinder mit Eltern, hauptsächlich mit Müttern, sich fotografierende Jungen und Mädchen, und seine Trainerin hat jetzt Pause. Sie plaudert mit einem blonden Rettungsschwimmer, der gepiercte Brustwarzen und ein Tattoo eines Skeletts am Oberarm hat. Durch das Skelett schlängelt sich eine Rose.
Auf der Toilette ist zum Glück niemand. Der Junge öffnet die Kabinentür und verspürt auf einmal einen so großen Drang zu scheißen, dass er es nicht schafft, Papier auf die Klobrille zu legen. Schnell zieht er die Speedo hinunter und schlägt mit vollem Gewicht mit dem Hinterteil auf die nackte Klobrille. Etwas in ihm gibt nach. Seine Därme leeren sich in schmerzhaften Wellen. Gestank steigt auf und zieht unter und über der Kabinentür hindurch. Die Geräusche aufzuhalten ist ebenfalls unmöglich. Aber das ist ihm nicht wichtig. Nur, dass es vorbeigeht. Nur, dass er sich entleert und zum Tisch zurückgeht. Den Zitronensaft wird er nicht mehr trinken. Papa wird ihn noch ein wenig kritisieren, der Junge wird ihn nicht provozieren, er wird sich alles anhören, was anzuhören ist, und dann wird er sich anziehen, und Papa wird ihn nach Hause bringen. Mama wird wissen, was zu tun ist.
Nach einigen Minuten scheint es, als wäre alles, was möglich war, aus ihm herausgekommen. Er spürt in sich den Frieden der Leere und einen schwachen Schmerz, der langsam abklingt. Er ist völlig nass, der Schweiß hat das Wasser besiegt. Als er überzeugt ist, dass der Sturm vorbei ist, greift er nach dem Papier. Von der Rolle hängt lediglich ein einziges dünnes Blättchen. Ihm scheint, als hätte er das gesehen, noch bevor er sich auf die Kloschüssel gesetzt hat, doch er hatte nicht die Kraft, den Durchfall aufzuhalten und nach Papier zu suchen. Jetzt hat er ein Problem. Das Blatt, das ihm zur Verfügung steht, ist so armselig und dünn, dass es genauso effizient wäre, sich den Hintern mit der Hand abzuwischen. Wenn er die Speedo hochzieht und hinausgeht, um Papier zu holen, würde die Badehose schmutzig und stinken. Was, wenn Papa den Gestank riecht? Oder die anderen Kinder im Schwimmbad? Sollte er noch einmal unter die Dusche gehen? Er hat sich schon geduscht, Papa wird wütend werden, wenn er sich vor der Abfahrt noch einmal nass macht. Je länger er in der stinkenden Kabine sitzt, desto deutlicher wird ihm der Ernst der Lage.
In diesem Augenblick klopft jemand an die Tür. Der Junge ist zuerst verwirrt und sagt nichts. Dann ist wieder ein Klopfen zu hören.
Es ist besetzt, sagt er.
Ich weiß. Geht es dir gut, fragt ihn eine männliche Stimme.
Ja … ein bisschen schlecht ist mir.
Hast du Bauchschmerzen?
Jetzt nicht mehr so schlimm.
Durchfall?
Der Junge ist völlig verloren. Er sitzt mit verschissenem Hintern und der Badehose zwischen den Füßen auf der Kloschüssel und spricht mit einem völlig Fremden über seinen Durchfall. Er weiß, dass wer auch immer auf der anderen Seite der Tür steht, auf jeden Fall seine Scheiße riechen kann. Der Stimme nach kann er folgern, dass der Mann jünger als sein Vater ist. Ist es der Rettungsschwimmer mit dem Skelett-Rosen-Tattoo? Schließt seine Arbeit auch so etwas mit ein?
Ich glaube, ich hab etwas Schlechtes gegessen, sagt er endlich.
Hast du Papier dadrinnen?
Nein, sagt der Junge schnell. Nur ein kleines Stück … Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Unter der Tür erscheint ein roter Handschuh mit einer Rolle Klopapier. Der Junge ist viel zu glücklich wegen des Papiers, um sich um den Handschuh zu kümmern. Er beugt sich vor und nimmt die Rolle. Es ist keine ganze, aber genug, um das Problem in den Griff zu kriegen.
Vielen Dank, sagt er, während er sich abwischt. Er säubert sich gründlich den Hintern und steht schließlich auf. In der Kloschüssel ist ein totales Desaster.
Schließ den Deckel, bevor du die Spülung drückst, sagt der junge Mann auf der anderen Seite der Tür.
Stimmt, das ist eine gute Idee, denkt der Junge und klappt den Klodeckel zu. Dann betätigt er die Spülung, wartet, bis der Spülkasten wieder aufgefüllt ist und betätigt sie noch einmal, für alle Fälle. Endlich kann er aufatmen. Er macht sich nur Sorgen, weil er schon so lange wegbleibt. Papa wird das bemerken. Schnell öffnet er die Tür, bereit, der Person zu begegnen, die Zeuge seines Durchfalls geworden ist. Aber da ist niemand. Er schaut nach links, er schaut nach rechts, er überprüft die Kabinen – alles ist leer. Es tut ihm fast leid, dass er keine Gelegenheit hatte, sich bei dem Mann zu bedanken. Gleichzeitig spürt der Junge Erleichterung darüber, dass der Fremde nicht wissen wird, welches Gesicht hinter dem stinkenden Durchfall steht.
Er will gerade die Toilette verlassen, da hält ihn ein Geräusch auf, das von der Decke kommt.
Hey. Ks! Kss!
Der Junge hebt den Kopf und beginnt fast zu schreien. Da oben, in der Ecke zwischen Wand und Decke, hängt Spiderman. Der Spinnenmann in seinem rot-blauen Anzug hängt von der Decke in der Toilette des Schwimmbads. Er ist kleiner, als er ihn sich vorgestellt hat, schlanker, aber dennoch ist er es und niemand anderer. Jeder könnte sich so einen Anzug besorgen, aber nur er – der echte Spiderman – kann von der Decke und den Wänden hängen. Und zwar wegen des Spinnennetzes, das er ausscheidet. Der Junge sieht, wie sich das Spinnenzeichen auf der Brust des jungen Mannes aufbläht und senkt. Dieser Spiderman atmet. Er lebt. Er hängt von der Decke. Spiderman.
Schrei nicht. Ich werde dir nicht weh tun.
Du bist …
Ja, ich bin es. Geht es dir jetzt besser?
Ist es jetzt besser? Oh Gott, das war er … Spiderman hat ihm die Klopapierrolle gereicht. Spiderman war der Zeuge seines Durchfalls. Der Junge blickt zum Ausgang. Vielleicht kommt jemand. Er spürt, dass er ohnmächtig wird. Ein paarmal ohrfeigt er sich kräftig im Gesicht.
Was machst du da? Hör auf, dich zu schlagen.
Das ist ein Traum … Das ist ein Traum …, wiederholt der Junge. Niemand wird ihm je glauben. Sie werden denken, dass er ein Irrer ist, ein Lügner. Papa wird ihn bestrafen. Er wird zu ihm sagen, dass er ein kleiner Rotzbengel ist, der versessen auf Superhelden ist. Lügner. Lügner!
Das ist kein Traum. Riechst du den Gestank?, fragt ihn Spiderman.
Tatsächlich, die ganze Toilette stinkt immer noch nach Durchfall. Er schämt sich dafür. Er möchte sich bei Spiderman entschuldigen, aber er ist nicht fähig, das Wort Durchfall vor seinem Helden zu sagen. Er schaut erneut zur Kabine, aus der er herausgekommen ist. Obwohl er zweimal hinuntergespült hat, ist die Kloschüssel immer noch schmutzig.
Er möchte Spiderman sagen, dass es ihm leidtut, er wollte sich nicht so anscheißen. Er schaut zur Decke, doch da ist niemand. Der Junge hat nichts gehört, er hat buchstäblich für wenige Sekunden den Blick abgewandt, und Spiderman ist verschwunden. Alle Kabinen stehen offen und sind leer. Wieder ohrfeigt er sich ein paarmal, doch dann erinnert er sich, dass er sich nach dem Kacken nicht die Hände gewaschen hat. Schnell dreht er den Wasserhahn auf und seift sich die Hände ein. Gründlich wäscht er jeden Finger, die Handgelenke und das Gesicht. Die Kälte des Wassers hilft ihm, zu sich zu kommen. Das ist nicht möglich, denkt er, Spiderman gibt es nicht. Der Junge ist acht Jahre alt, er ist kein Baby mehr. Er versteht, dass es viele Dinge nicht gibt. Noch in der ersten Klasse hat er erfahren, dass auch der Weihnachtsmann nicht echt ist. Sein bester Freund hat ihm das erklärt. Und nach dem Weihnachtsmann sind schnell alle anderen aufgeflogen – Batman, Aquaman … Das sind diese Dinge, die man in dem Moment, in dem man von ihnen erfährt, irgendwie immer schon gewusst hat. Und auch er, der Liebste von allen, der Spinnenmann. Er war nicht echt. Aber der Junge hat ihn gesehen, so wie er seine Hände sieht. Er hat da oben gehangen, von der Decke, im rot-blauen Anzug. Er hatte eine Stimme, die gleichzeitig sanft und stark war. Außerdem hat ihm jemand die Klopapierrolle geben müssen. Das hat er sich nicht eingebildet.
Nachdem er seine Hände getrocknet hat, verlässt er die Toilette. Er geht am Schwimmbecken vorbei, wo die Trainerin eine neue Stunde hält. Irgendein Mädchen schwimmt hervorragend, kräftig und flink, auf einer geraden Linie. Auch er wird das eines Tages können. Er muss sich nur bemühen. Er muss auf die Trainerin hören. Er kommt zu Papa zurück und setzt sich an den Tisch.
Wo steckst du denn so lange?
Ich hatte Durchfall, sagt der Junge und schaut sein Handtuch an. Plötzlich findet er es seltsam, das Bild irgendeines Mannes auf dem Handtuch zu haben. Eines Mannes, der von der Decke hängt.
Wenn du nur Scheiße isst … Deine Mutter füttert dich mit Scheiße ab. Hast du dir die Hände gewaschen?
Ja.
Gründlich?
Ja, hab ich.
Komm, trink den Zitronensaft aus, und wir gehen. Wir können bei der Apotheke vorbeifahren.
Zwei Mädchen in Badeanzügen gehen am Tisch vorbei. Sie lachen. Eine hat ein Pflaster am Bein, oberhalb des Knies. Die Zweite trägt eine Zahnspange, und der Junge sieht, wie die Klammern blitzen, wenn sie auflacht. Sie gehen auf die Toilette zu. Er ist erleichtert, dass die Damen- und Herrentoiletten voneinander getrennt sind. Er würde nicht wollen, dass diese Mädchen seinen Gestank riechen.
Schau mal, Sohn, schau … Bisschen alt ist das für dich. Aber für Papa gerade richtig, hehe!, sagt Papa mit einem schiefen Lächeln und schaut ihn verschwörerisch an. Sein Gesicht ist irgendwie deformiert. Während ihn der Junge beobachtet, wird Papas Lächeln noch breiter. Er entblößt seine Eckzähne. Seine Augenbrauen sind spitze Bögen und die Falten irgendwie tiefer als sonst. Auf seinem grünen Hemd sind keine Krümel, es ist strahlend und gebügelt, und die grüne Farbe scheint sich auszubreiten und auch auf Papas Hals und Gesicht und Haare überzugehen. Er kommt nicht darauf, an wen Papa ihn erinnert, aber er weiß, dass er dieses Gesicht schon einmal gesehen hat.
Der Junge hebt den Rucksack vom Boden auf und holt trockene Kleidung heraus. Es ist Zeit, die Kabine aufzusuchen und sich umzuziehen. Es ist Zeit, nach Hause zu fahren. Er schaut noch einmal zum Schwimmbecken, an die Wände und zur Absperrung, zu den Toiletten. Er ist nicht da.
Wo willst du jetzt hin?, fragt ihn Papa.
Ich gehe mich umziehen.
Trink den Saft aus.
Ich mag nicht.
Wie bitte?
Ich sagte, ich mag den Saft nicht. Ich gehe mich umziehen, sagt er und steht auf.
Wie sprichst du da mit deinem …, hört der Junge den bekannten Satz an seinen Nacken prallen. Es ist der Satz, mit dem Papa das Spiel beendet. Der unfaire Spielstein, der alle anderen besiegt. Wie sprichst du da mit deinem Vater. Für gewöhnlich würde der Junge verstummen. Zu Boden blicken. Aufhören, mit seinem Vater zu sprechen. Aber dieses Mal geht er einfach weiter Richtung Umkleidekabine.
Er sieht Papa nicht mehr, aber er fühlt ihn. Er fühlt seinen Blick. Papa ist der strahlende grüne Punkt, der hinter dem Rücken des Jungen immer kleiner wird.