Kinder des Wassermanns
von Poul Anderson

1.

Dem Bischof von Viborg wurde Magnus Gregerson als neuer Erzdiakon zugeteilt. Dieser Erzpriester hatte lange Jahre in Paris studiert und war ein aufrechter und frommer Mann. Aber das einfache Volk hielt ihn für zu streng und sah seine hagere Gestalt mit dem finsteren Asketengesicht lieber gehen als kommen. Doch der Bischof war der Ansicht, daß gerade ein Geistlicher wie er hier gebraucht wurde, denn in den Jahren der Not in Dänemark, die dem Tod König Eriks folgten, waren die Menschen in ihrem Christenglauben ein wenig gleichgültig geworden.

Entlang der Ostküste Jütlands kam Magnus als bischöflicher Probst auch nach Als – nicht auf die Insel, sondern in ein kleines Dorf des gleichen Namens. Es war eine arme und einsame Gemeinde, die dem Süden und Westen zu durch tiefe Wälder vom Rest der Welt abgeschnitten war, durch die nur zwei Straßen führten, im Norden durch die Kongersley Marschen und im Osten am Kattegat. Jeden September und Oktober schlossen die einheimischen Fischer sich den Tausenden anderen an, die während der großen Heringswanderung im Sund ihren Fang machten, sonst kamen sie wenig mit der Außenwelt in Berührung. Sie warfen ihre Netze entlang der Küste aus und bestellten ihre wenig ertragreichen Felder, bis die schwere Arbeit und die Zeit ihren Herzschlag anhielt und sie hinter der kleinen hölzernen Kirche ihre letzte Ruhe fanden. In Orten wie diesem lebten noch viele der alten Bräuche. Magnus verfluchte sie als heidnisch und bedauerte, daß es keine einfache Möglichkeit gab, sie auszurotten.

Sein religiöser Eifer wuchs um so mehr, als er gewisse Gerüchte über Als hörte. Doch keiner der Einwohner dort gab sein Wissen über die Geschehnisse zu, seit jenem Tag vor vierzehn Jahren, als Agnete aus der See zurückkam. Magnus nahm sich den Pfarrer vor und verlangte ohne Umschweife die Wahrheit. Vater Knud war ein sanfter Mann, der selbst in einer der armseligen Katen das Licht der Welt erblickt hatte. Schon seit langem verschloß er seine Augen vor dem, was er für unbedeutende Sünden hielt, und das seinen Schäfchen ein wenig Frohsinn in ihr karges Dasein brachte. Aber er war jetzt alt und schwächlich, und schon bald gelang es Magnus, die ganze Geschichte aus ihm herauszuholen.

Der Probst kehrte mit einem heiligen Feuer in den Augen nach Viborg zurück. Er trat vor seinen Bischof und sagte: „Euer Eminenz, auf meinem Weg durch Eure Diözese fand ich bedauerlich viele Anzeichen von Teufelstreiben. Doch erwartete ich nicht, auf Satan selbst zu stoßen – besser gesagt, auf ein ganzes Nest seiner verderbtesten, gefährlichsten Anbeter. Unglücklicherweise war dem so in dem Küstendorf Als.“

„Was wollt Ihr damit sagen?“ erkundigte sich der Bischof scharf, denn auch er fürchtete eine Wiederkehr der alten Heidengötter.

„Ich will damit sagen, daß sich unweit der Küste eine ganze Stadt des Meervolks befindet.“

Der Bischof atmete erleichtert auf. „Wie interessant“, murmelte er. „Ich wußte nicht, daß es noch welche in dänischen Gewässern gibt. Sie sind keine Teufel, mein guter Magnus. Sie haben nur ähnlich den Tieren keine Seele. Doch gefährden sie das Heil unserer Schäfchen nicht, wie von den Bewohnern der Elfenhügel zu befürchten wäre. Auch legen sie keinen Wert darauf, mit den Söhnen Adams etwas zu schaffen zu haben.“

„Diese sind anders“, eiferte der Probst. „Vernehmt, was ich erfahren habe. Vor zweiundzwanzig Jahren lebte in Als eine Jungfer namens Agnete Einarsdatter. Ihr Vater war ein Freibauer, wohlhabend im Vergleich zu seinen Nachbarn. Und sie war von großer Schönheit. Es wäre demnach nicht schwer gewesen, sie gut zu verheiraten. Doch eines Abends spazierte sie allein am Strand. Da kam ein Wassermann aus dem Meer und machte ihr den Hof. Er lockte sie in die See, wo sie acht Jahre in Sünde und Gottlosigkeit verbrachte.

Eines Abends tauchte sie mit ihrem jüngsten Kind zu einer Sandbank empor, damit der Säugling ein wenig vom Sonnenschein kosten möge. Das Riff befand sich in Hörweite der Kirchenglocken, die zu läuten begannen, während sie das Kleine in den Armen wiegte. Heimweh, wenn nicht Reue, erwachte in ihr. Sie begab sich zu dem Wassermann und bat ihn, die Kirche besuchen zu dürfen, um das Wort Gottes zu hören. Er gestattete es, wenn auch ungern. Doch zuvor mußte sie schwören, drei Dinge nicht zu tun: ihr aufgestecktes Haar lang zu tragen, als sei sie noch unverheiratet; mit ihrer Mutter in der Kirchenbank zu sprechen und sich niederzuknien, wenn der Priester das Allerheiligste hob. Aber sie tat alle drei Dinge: das erste aus Stolz, das zweite aus Liebe und das dritte aus Ehrfurcht. Da wischte die göttliche Gnade die Schuppen von ihren Augen, und sie blieb an Land.

Später kam der Wassermann sie suchen. Wieder war es ein Feiertag, und er fand sie in der Messe. Als er die Kirche betrat, drehten die Statuen und Heiligenbilder ihre Gesichter zur Wand. Keiner der Andächtigen wagte es, die Hand gegen ihn zu erheben, denn er war groß und stark und so schwer, daß er eine Spur hinter sich zurückließ, obgleich es Sommer und die Straße trocken war. Er flehte Agnete an, mit ihm zu kommen. Er erinnerte sie an ihre Kinder, die nach ihr weinten. Und wie leicht hätte es ihm gelingen können, sie wieder zu verlocken wie beim erstenmal. Denn dieses Meervolk ist keine Rasse von Ungeheuern mit Fischschwänzen. Außer daß sie breite Füße mit Schwimmhäuten haben und große schräge Augen, und daß die Männer bartlos sind und manche von ihnen grünes oder blaues Haar ihr eigen nennen, sehen sie im großen ganzen doch wie ein schöner Menschenschlag aus. Seine Locken waren so golden wie ihre. Und er beschimpfte oder bedrohte sie nicht. Er sprach in einem Ton voll Liebe und Sorge.

Doch Gott gab Agnete Kraft. Sie weigerte sich, mit ihm zu kommen, und er kehrte auf den Grund der See zurück.

Ihr Vater war klug und auch reich genug, sie ins Inland zu verheiraten. Man sagt, man sah sie nie mehr froh, und bald schon starb sie.“

„Wenn es ein christlicher Tod war“, warf der Bischof ein, „kann ich mir nicht vorstellen, daß jemand Schaden nahm.“

„Aber das Meervolk lebte noch dort, Euer Eminenz!“ rief der Erzpriester. „Oft sehen die Fischer die Wassermänner und ihre Gespielinnen sich lachend in den Wellen tummeln. Macht das einen notleidenden Landmann, der mit einer häßlichen Frau in einer armseligen Hütte haust, nicht unzufrieden oder läßt ihn gar an der Gerechtigkeit Gottes zweifeln? Und wer weiß, ob nicht schon bald ein anderer Wassermann ein Mädchen entführt – und diesmal für immer? Diese Gefahr ist jetzt größer als je, denn Agnetes und ihres Liebhabers Kinder sind nun erwachsen. Sie kommen oft an Land und schließen Freundschaft mit einigen der Burschen und jungen Männer – und schlimmer noch, auch mit Mädchen.

Euer Eminenz, das ist des Satans Werk! Wie wollen wir uns beim Jüngsten Gericht rechtfertigen, wenn wir uns anvertraute Seelen verlieren?“

Der Bischof runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn, „Ihr habt recht. Doch was können wir tun? Wenn die Bürger von Als sich nicht um Verbote kümmern, wird auch ein Bann sie nicht schrecken. Ich kenne diese dickköpfigen Küstenfischer. Und wenn wir den König um Soldaten bitten, was vermögen sie unter dem Wasser schon auszurichten?“

Magnus hob die Hand. „Euer Eminenz!“ rief er triumphierend. „Ich habe mich mit Dingen dieser Art befaßt, und ich weiß ein Mittel. Diese Wassermänner mögen vielleicht keine Dämonen sein, aber die Seelenlosen müssen fliehen, wo immer Gottes Wort richtig angewandt wird. Habe ich Eure Erlaubnis, einen Exorzismus vorzunehmen?“

„Die habt Ihr“, murmelte der Bischof betroffen. „Und mit ihr meinen Segen.“

Und so kam es, daß Magnus nach Als zurückkehrte. Mehr Bewaffnete als gewöhnlich begleiteten ihn vorsorglich, falls die Dorfbewohner Schwierigkeiten machen sollten. Doch diese sahen ihm nur zu, manche bereut über die Abwechslung, andere mürrisch, wieder andere weinend, als der Probst sich auf die See hinausrudern ließ zu jener Stelle, unter der die Stadt des Meervolks lag. Und dort, mit Glocke, Buch und Kerze, verfluchte er ihre Bewohner und befahl ihnen im Namen des allmächtigen Gottes, sich für immer von hinnen zu begeben.

2.

Tauno, der älteste Sohn der schönen Agnete und des Königs der Liri, zählte gerade seinen einundzwanzigsten Winter. Ihm zu Ehren wurde ein großes Freudenfest abgehalten mit köstlichen Speisen und Getränken, mit Musik und Tänzen, deren Figuren nach Norden, Osten, Westen, Süden, hoch, tief und rundum zwischen den Muscheln und Spiegeln und goldenen Tellern führten, in denen das Seefeuer sich widerspiegelte, das den königlichen Ballsaal erhellte. Auf den Tischen häuften sich die kunstvoll gefertigten Geschenke, nicht nur aus Gold und Bernstein und dem Bein des Narwals, sondern auch aus Perlen und rosigen Korallen, die Delphinkarawanen von weither gebracht hatten. Auch gab es Wettspiele im Schwimmen, Ringen, Harpunenwerfen, in Musik und Runenkunst. In dämmrigen Gemächern, die keine Dächer hatten, denn es waren ja keine erforderlich, und in den wogenden Gärten mit ihren grünen und braunen Seepflanzen, in denen die zahmen Fische sich tummelten, vergnügten sich die Liebespaare.

Nach dem Fest machte Tauno sich zu einer längeren Jagd auf. Obgleich das Meervolk von dem lebte, was die See ihm zu bieten hatte, liebte er doch diesen Sport auf dem Lande, vor allem aber drängte es ihn danach, die norwegischen Fjorde in all ihrer Schönheit wieder einmal zu besuchen. Zu ihrer und seiner Unterhaltung nahm er die beiden Mädchen Rinna und Raxi mit. Sie hatten eine wundervolle Reise, was vor allem Tauno sehr viel bedeutete, denn er war nur zu oft der nüchterne, ernste unter dem fröhlichen Meervolk.

Sie befanden sich auf dem Weg nach Hause. Liri war bereits in Sicht, als das Unglück seinen Lauf nahm.

„Gleich sind wir daheim!“ rief Rinna vergnügt. Sie schoß voraus. Die grünen Zöpfe hüpften auf ihrem schlanken weißen Rücken. Raxi blieb bei Tauno. Sie umkreiste ihn lachend. Wenn immer sie unter ihm hinwegtauchte, streichelte sie sein Gesicht oder seine kräftigen Schenkel. Er haschte genauso verspielt nach ihr, aber sie war jedesmal ein wenig schneller. „Niahh!“ gurrte sie schelmisch und pustete ihm einen Kuß zu. Er grinste und schwamm mit gleichmäßigen Zügen weiter. Da sie die Fußform ihrer Mutter geerbt hatten, waren die Halblinge weniger flink und beweglich im Wasser als die Rasse ihres Vaters. Trotzdem hätte ein Landbewohner staunend die Augen über ihre Behendigkeit aufgerissen. Und sie kamen dafür an Land viel besser voran als ihre Vettern, und sie waren von Geburt auf in der Lage, unter Wasser zu leben, ohne die Zauberkünste, die ihre Mutter vor dem Ertrinken, dem hohen Salzgehalt der See und der Kälte bewahrt hatten. Die kühlblütigen Wassermenschen fanden auch Gefallen daran, die wärmeren Körper der Halblinge zu berühren.

Über Tauno rauschten die Wogen dahin und bildeten ein Dach aus flimmernden Wellen, deren Schatten über den weißen Sand unter ihm huschten. Das Wasser, das nirgends gleich war – hier kalt, dort mild, hier sprudelnd, dort still – schimmerte in den verschiedensten Tönen, von Smaragdgrün bis amethystfarben, und in der Ferne in einem fahlen Grau.

Nun lag Liri in all seiner Pracht vor ihm. Häuser, die schmucken Lauben glichen, aus mit Seepflanzen überwuchertem Elfenbein und Walrippen, herrlich verziert mit schillernden Muscheln. Dazwischen die phantastischen Gärten mit ihren Algen und Seeanemonen. Und im Zentrum dieser Stadt der Palast seines Vaters, des Königs. Er war ein altes kunstvolles Bauwerk aus Stein und Korallen, mit Reliefs, die Tiere des Meeres darstellten. In der Mitte hob sich eine Kuppel aus Kristall mit einem Luftschacht bis an die Oberfläche. Sie hatte der König für Agnete errichten lassen, damit sie im Trocknen zu sitzen vermochte, wenn sie Lust dazu verspürte, Luft atmen und sich an einem wärmenden Feuer neben duftenden Rosen ausruhen und sich an vielem anderem ergötzen konnte, das die Liebe des Königs ihr vom Land herbeibrachte.

Die Meerleute flitzten durch das Wasser – Gärtner, Handwerker, ein Jäger, der eine Meute junger Seehunde dressierte, ein Walhirt, der sich einen Dreizack an einem Verkaufsstand aussuchte, ein Junge, der Hand in Hand mit einem Mädchen zu einer sanftbeleuchteten Höhle spazierte. Bronzene Glocken, die von einem uralten Wrack stammten, läuteten, und ihr Klang war im Wasser klarer als je in der Luft.

„Harroo!“ brüllte Tauno und setzte vergnügt zum Endspurt an. Rinna und Raxi schwammen nun neben ihm, und gemeinsam sangen sie das Lied, das er für sie ersonnen hatte.

Plötzlich begannen die beiden Mädchen zu schreien. Sie preßten die Hände gegen die Ohren und drückten die Augen zu. Blindlings stießen sie mit den Beinen um sich, daß das Wasser auf schäumte.

Verwirrt sah Tauno, wie alle Bewohner Liris sich ähnlich benahmen. „Was habt ihr denn?“ rief er voll Entsetzen.

Rinna schrie laut vor Schmerz. Sie konnte Tauno weder sehen noch hören. Er packte sie. Sie versuchte sich loszureißen, da hielt er sie nur noch fester. „Rinna, Rinna!“ stammelte er direkt in ihr Ohr. „Ich bin es, Tauno. Ich bin doch dein Freund. Ich möchte dir helfen.“

„Dann laß mich los!“ kreischte sie vor Qual und Angst. „Dieses Dröhnen – es rüttelt mich wie einen Hai. Meine Knochen bersten. Und dieses Licht – dieses grausame blendende, versengende Licht. Es verzehrt mich! Laß mich gehen, sonst muß ich sterben!“

Immer noch völlig verwirrt gab Tauno sie frei. Er stieß ein paar Meter in die Höhe und sah den zitternden Schatten eines Fischerboots, und hörte eine Glocke. War auch auf dem Kahn ein Feuer ausgebrochen? Und war das nicht eine Stimme, die in einer ihm unbekannten Zunge etwas in einem Singsangton dahinleierte?

Die Häuser Liris schwankten wie bei einem unterirdischen Beben. Die Kristallkuppel auf dem Palast war zersprungen. Die mächtigen Steine wankten und begannen, sich voneinander zu lösen.

Grauen erfüllte Tauno. Dumpf sah er seinen Vater auf dem Schwertwal anreiten, für den er eigens einen Stall mit Luftzufuhr geschaffen hatte. Er hielt nur den Dreizack in den Händen, ansonsten trug er nichts weiter als seine königliche Würde. Irgendwie hörten die anderen seinen Ruf: „Folgt mir. Schnell, ehe wir sterben müssen! Laßt die Schätze! Rettet die Kinder! Kommt – wenn ihr überleben wollt!“

Tauno schüttelte Rinna und Raxi, bis sie wieder ein wenig zu Sinnen kamen, und brachte sie zu den anderen. Sein Vater, der inmitten des verängstigten Meervolks ritt, sagte grimmig zu ihm: „Du Halbling spürst es nicht mehr als mein Reittier. Aber für uns sind diese Gewässer hier für immer verloren. Für uns wird das Licht glühen, die Glocke dröhnen und die Worte uns verdammen bis zum Ende aller Tage. Wir müssen fliehen, solange wir noch die Kraft dazu haben, und uns eine neue Heimat weit weg von hier schaffen.“

„Wo sind meine Geschwister?“ fragte Tauno.

„Sie machten einen Ausflug“, antwortete der König. Die Stimme, die zuvor sein Volk aufgerüttelt hatte, klang nun resigniert. „Wir können nicht auf sie warten.“

„Ich kann es!“

Der König umklammerte beide Schultern seines Ältesten. „Das macht mir den Abschied leichter. Eyjan und Yria brauchen jemanden mehr noch als Kennin. Ich weiß nicht, wohin wir ziehen werden. Vielleicht vermagst du uns später zu finden. Vielleicht …“ Er schüttelte seine sonnengoldene Mähne. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske unerträglicher Qual. „Fort!“ schrie er.

Halbbetäubt, geschlagen, nackt, mit kaum einem Werkzeug oder einer Waffe, folgte das Meervolk seinem Herrscher. Die Nägel in seine Harpune gekrallt, starrte Tauno ihnen nach, bis sie außer Sicht waren. Die letzten Steine des Palastes stürzten ein. Liri war nur noch eine Ruine.

3.

In den acht Jahren, da die schöne Agnete im Meer lebte, hatte sie sieben Kindern das Leben geschenkt. Das war weniger, als eine Meerfrau ihrem Gefährten gebar. Vielleicht trieb die unausgesprochene Verachtung jener Frauen sie nicht weniger an Land, als die Glocken der kleinen Kirche sie anzogen.

Obgleich das Meervolk genau wie die Elfen kein Altern kannten (als wolle ER, dessen Namen sie nicht nannten, sie für das Fehlen einer unsterblichen Seele entschädigen), war ihr Leben vielen Gefahren ausgesetzt. Haie, Schwert- und Pottwale, Rochen, Seeschlangen und ein Dutzend Arten von Raubfischen machten Jagd auf sie. Die Kreaturen, die sie ihrerseits jagten, waren oft gefährlich. Stürme und Strudel konnten tödlich sein. Giftzähne, Kälte, Krankheiten und Hunger beendeten so manches Leben. Am gefährdetsten waren die Kinder. Die Eltern mußten damit rechnen, die meisten zu verlieren. Der König hatte Glück gehabt. Hinter dem Palast lagen nur drei kleine Gräber, auf denen Seeanemonen nie welkten.

Die vier Kinder, die ihm geblieben waren, trafen sich in den Ruinen Liris, wo der große Ballsaal des Palasts gewesen war. Sie waren unbekleidet, wie es, außer zu Festlichkeiten, unter der See üblich war. Doch hatten sie sich mit Dolchen, Harpunen, Dreizacken und Äxten aus Stein und Knochen bewaffnet, um die Raubfische abzuwehren, die sie in immer näheren Kreisen umschwammen. Keiner der Halblinge glich völlig dem Meervolk. Doch die drei älteren hatten dieselben hohen Backenknochen und die schrägen Augen ihres Vaters, auch waren die beiden Jungen so bartlos wie er. Obgleich ihre Mutter sie Dänisch gelehrt und sie in dänischen Sitten und Gebräuchen unterwiesen hatte, redeten sie nun in der Zunge des Meervolks.

Tauno, der älteste, ergriff das Wort. „Wir müssen uns entscheiden, wohin wir uns begeben wollen. Es war schwierig genug, dem Tod Einhalt zu gebieten, solange noch alle hier lebten. Allein vermögen wir es nicht sehr lange.“

Tauno war auch der größte. Er war hochgewachsen, breitschultrig, und vom lebenslangen Schwimmen hatte er ungemein kräftige Muskeln. Ein Stirnband hielt sein schulterlanges gelbes, schwach grün getöntes Haar aus dem Gesicht. Seine Augen über der etwas stumpfen Nase waren bernsteinfarbig, sein Mund und Kinn zeugten von Energie. Da er viel Zeit außerhalb des Wassers verbrachte, war sein Gesicht sonnengebräunt.

„Warum folgen wir nicht unserem Vater und dem Stamm?“ fragte Eyjan.

Sie war neunzehn Winter und fast zu groß für eine Frau. Ihre Kraft lag unter den vollen Brüsten, Hüften und Schenkeln verborgen, bis sie einen Liebhaber umarmte oder ein Walroß mit einem Speer erlegte. Sie hatte die hellste Haut, ihr Haar war rot und wippte im Wasser wie die Schwingen eines jungen Habichts.

„Wir wissen nicht, wohin sie gezogen sind“, erinnerte Tauno sie. „Bestimmt sehr weit, denn hier sind die letzten guten Fischplätze, die unserem Volk um Dänemark geblieben waren. Zwar werden ihnen zweifellos die Meervölker entlang der norwegischen Küste und in der Ostsee weiterhelfen, doch sie auf zunehmen, dazu sind die Liris zu zahlreich. Die Meere sind weit, wenn man etwas darin suchen will, meine teure Schwester.“

„Aber wir können doch fragen“, meinte Kennin ungeduldig. „Ganz sicher hinterlassen sie irgendwo Nachricht, nachdem sie eine Entscheidung getroffen haben.“ Seine Augen funkelten und ließen sie noch blauer als ohnehin erscheinen. „Hah, welche Gelegenheit für Streifzüge!“

Er zählte erst sechzehn Winter, und ihm waren noch die Ungeduld und der Eifer der frühen Jugend zu zeigen. Es dürfte noch eine Weile dauern, ehe er seine volle Größe erreicht hatte, aber er würde nie übermäßig hochgewachsen noch breitschultrig werden. Dafür war er jedoch fast so agil wie ein vollblütiger Wassermann. Grünlich braunes Haar umrahmte sein rundes sommersprossiges Gesicht. Sein Körper war in grellsten Mustern bemalt, die die Seebewohner kannten. Die anderen trugen nur ihre normale Hautfarbe zur Schau. Tauno, weil er in einer zu düsteren Stimmung war, Eyjan war die Bemalung schon immer zu umständlich, und Yria wollte nicht auffallen, sie war zu scheu.

„Wie kannst du so – so reden“, flüsterte sie, „wenn alles – alles zerstört ist!“

Ihre Geschwister schwammen näher an sie heran. Für sie war sie immer noch das Baby in der Wiege, das von einer Mutter verlassen worden war, der sie immer ähnlicher wurde. Sie war klein, mager, ihr Busen noch kaum entwickelt, und ihr Haar golden. Ihre Augen waren die eines Kindes in einem Jungmädchengesicht Sie hatte sich, so gut es eben für eine Königstochter möglich war, von allen Lustbarkeiten ferngehalten. Sie war nie allein mit einem Jungen ausgewesen. Viele Stunden am Tag hatte sie sich mit Handarbeiten und fraulichen Betätigungen beschäftigt, die ihre Schwester Eyjan verachtete. Und häufig verträumte sie die Zeit in Agnetes Kristallkuppel, wo sie die Schätze ihrer Mutter bewunderte. Oft ließ sie sich auch auf den Wellen treiben und starrte hinaus auf die grünen Hügel und die Häuser an der Küste, und lauschte den Glocken, die die Christen zur Kirche riefen. In letzter Zeit war sie mehrmals mit dem einen oder anderen ihrer Geschwister an Land geschwommen und über den Strand gelaufen, oder hatte sich hinter den knorrigen Bäumen versteckt und alles um sich mit großen Augen bestaunt.

Eyjan schloß sie zärtlich in die Arme. „Du hast zuviel des Blutes unserer Mutter in dir.“

Tauno runzelte die Stirn. „Das ist leider nur allzu wahr“, brummte er. „Yria ist nicht sehr kräftig. Sie kann nicht schnell schwimmen, und ohne sich häufig auszuruhen und sich zu stärken, auch nicht weit. Was ist, wenn wir von Raubfischen angefallen werden? Oder wenn der Winter uns fern der warmen Untiefen überrascht? Oder wenn die Flüchtlinge aus Liri bis nach Grönland gezogen sind? Ich weiß nicht, wie wir sie auf eine so lange Reise ohne Gefahr für sie mitnehmen könnten.“

„Können wir sie nicht bei Pflegeeltern zurücklassen?“ fragte Kennin.

Yria legte zitternd den Kopf gegen Eyjans Schulter und umklammerte sie. „Bitte nicht“, wimmerte sie kaum hörbar.

Kennin hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Tauno und Eyjan warfen sich einen besorgten Blick zu. Kaum einer des Meervolks würde einen Schwächling bei sich aufnehmen, wenn schon die Starken alles daransetzen mußten, am Leben zu bleiben. Hin und wieder kam es natürlich vor, doch dann nur auf eigenen Wunsch der Pflegeeltern. Sie hatten keine Hoffnung, einen Wassermann zu finden, der dieses Kind begehren würde wir ihr Vater die Menschenfrau. Es wäre auch nicht zum Besten der kleinen Yria.

Tauno schluckte heftig, ehe er die Lippen öffnete. „Ich glaube, es ist das beste, wenn wir Yria zum Volk ihrer Mutter bringen.“

4.

Ein Klopfen an der Haustür weckte den alten Pfarrer Knud. Er hüllte sich fröstelnd in seinen Morgenmantel und schlurfte über den Lehmboden. Er fragte sich, wer wohl im Sterben lag. So viele seiner alten Freunde hatten ihn bereits verlassen.

Der Vollmond war aufgegangen. Er warf eine Silberbrücke über das Kattegat und ließ den Rauhreif des Vorfrühlings an den Hütten gespenstisch glitzern. Kein Bellen brach die schier unnatürliche Stille; es war, als hätten die Hunde Angst. Doch da war ein Geräusch – wie scharrende Hufe? Graste das Höllenroß zwischen den Gräbern?

Vier standen in einer Wolke ihres eigenen Atems. Vater Knud holte erschrocken Luft und bekreuzigte sich. Er hatte nie Wassermenschen gesehen, außer jenem, der in seine Kirche gekommen war. Oder doch vielleicht früher, in seiner langvergangenen Kindheit? Aber was konnten die vier sonst sein? Die Gesichter der beiden Großen, des Mannes und der Frau, wirkten fremdartig. Das des Knaben weniger, und das des ganz jungen Mädchens fast überhaupt nicht. Aber auch von ihr tropfte das Wasser, auch sie trug eine Tunika aus Fischhaut wie die anderen.

„Ihr – ihr solltet doch nicht mehr hier sein“, stammelte der greise Priester.

„Wir sind Agnetes Kinder“, erklärte ihm der hochgewachsene junge Mann. Er sprach Dänisch mit einem Akzent, der eigenartig klang, dachte Knud. „Der Zauber vermochte uns nichts anzuhaben.“

„Kein Zauber – heiliger Exorzismus …“ Knud rief seinen Gott an und straffte die schmalen Schultern. „Ich beschwöre euch, sucht nicht Vergeltung bei den Dorfbewohnern dafür. Es war nicht ihr Tun, noch ihr Wunsch.“

„Das wissen wir. Wir haben es von einem – einem Freund erfahren. Habt keine Angst. Auch wir werden bald von hier wegziehen. Doch zuerst möchten wir Euch bitten, Euch Yrias anzunehmen.“

Der Priester verlor ein wenig seine Furcht, als er dies vernahm und auch, als er bemerkte, daß die Füße seiner Besucher menschliche Form hatten und keine Spuren eines unnatürlichen Gewichts hinterließen.

Er bat die vier ins Haus. Sie rümpften die Nase vor dem Gestank und Schmutz in dem einzimmrigen Pfarrhaus. Er warf ein paar Scheite ins glimmende Feuer, setzte ihnen Brot, Salz und Bier vor und ließ sich auf einem Hocker nieder, da ihm auf der Bank kein Platz blieb.

Sie unterhielten sich sehr lange. Er versprach schließlich, sein Bestes für das Mädchen zu tun. Ihre drei Geschwister würden sich noch eine Weile im heimischen Gewässer aufhalten, bis sie sicher sein konnten, daß es der Kleinen auch wirklich gutging. Sie sollte jeden Abend zum Strand kommen, wo sie sich treffen würden.

Vater Knud bemühte sich, sie zu überreden, an Land zu bleiben und sich taufen zu lassen, aber das wollten sie nicht. Sie küßten ihre Schwester und verabschiedeten sich. Yria weinte lautlos und ohne Hoffnung, bis sie einschlummerte. Der Priester deckte sie zu und versuchte, auf der Bank noch ein wenig Schlaf zu finden.

Am nächsten Tag und erst recht in den folgenden Tagen stieg Yrias Stimmung. Schließlich wurde sie sogar recht frohgemut. Agnetes Verwandte gingen ihr aus dem Weg, sie hatten Angst, zuzugeben, daß sie ihres Blutes war, aber Vater Knud war gütig zu ihr und versorgte sie, soweit es seine beschränkten Mittel gestatteten. Es half, daß sie Fische und Austern aus der See brachte. Für sie war das Land so neu und wundervoll, wie sie es für die Kinder und Halbwüchsigen des Dorfes war. Bald war sie der Mittelpunkt einer fröhlichen Schar. Sie verstand nichts von der Arbeit der Menschen, aber sie war gern bereit, zu lernen. Maren Pedersdatter unterwies sie am Webstuhl und sagte, daß sie sich ungewöhnlich geschickt anstellte.

Inzwischen hatte der Pfarrer einen Burschen nach Viborg entsandt, der sich erkundigen sollte, was mit dem Mädchen zu geschehen hätte. Konnte ein Halbling getauft werden? Knud betete, das es möglich wäre, denn sonst wüßte er nicht, was aus dem armen Ding werden würde. Der Bote blieb mehrere Wochen aus. Vermutlich mußte der Bischof erst seine Bücher studieren. Schließlich kam er zurück, per Pferd sogar, begleitet von Wachen, einem geistlichen Schreiber und dem Probst.

Knud hatte das Mädchen, das mit großen Augen und schweigend lauschte, im christlichen Glauben unterrichtet. Nun sah Magnus sie im Pfarrhaus. „Glaubst du wahrlich an Gott“, donnerte er, „den Vater, den Sohn, der unser Herr und Erlöser Jesus Christus ist, und den Heiligen Geist?“

Sie schreckte vor seiner Strenge zurück. „Ja“, wisperte sie. „Ich verstehe es nicht sehr gut, aber ich glaube wirklich an sie, guter Herr.“

Nachdem Magnus Vater Knud noch über sie ausgefragt hatte, bestimmte er schließlich: „Ich wüßte nichts dagegen einzuwenden, sie zu taufen. Sie ist kein geistloses Tier, auch wenn sie noch viel über unseren Glauben zu lernen hat, ehe sie gefirmt werden kann. Sollte sie ein Lockvogel des Leibhaftigen sein, so wird Weihwasser sie vertreiben. Ist ihr nicht bestimmt, eine Seele zu haben, wird Gott es uns wissen lassen.“

Die Taufe war für den kommenden Sonntag nach der heiligen Messe vorgesehen. Der Dechant gab Yria ein weißes Kleid und wählte den Namen einer Heiligen für sie aus. Sie verlor allmählich ihre Angst vor ihm und erklärte sich einverstanden, die Nacht zum Sonntag im Gebet zu verbringen. Freitag nach Sonnenuntergang bat sie voll Aufregung ihre Geschwister, zur Messe zu kommen; sie war sicher, der Probst und Vater Knud würden nichts dagegen haben, allein schon der Hoffnung wegen, sie ebenfalls zu bekehren. Als sie ihre Bitte abschlugen, weinte sie bitterlich.

Es kam der Sonntag. Vater Knud hatte Paten für sie ausgewählt und nahm die Taufzeremonie selbst vor. Schließlich machte er das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Stirn und sagte mit freudig erregter Stimme: „Ich taufe dich Margarete, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Sie schrie gellend auf und brach vor dem Altar zusammen. In seiner Hast vergaß der Pfarrer den Schmerz in seinen alten Knochen. Er beugte sich über sie und half ihr auf. „Yria!“ rief er mit zitternder Stimme. „Was ist mit dir?“ Sie starrte ihn an, als hätte sie ihn nie gesehen. Ihre Brust hob sich heftig. „Ich – bin – Margarete“, sagte sie. „Wer seid Ihr?“ Dann blickte sie den Probst an. „Und Ihr?“

Knud hob die tränenschweren Augen zu Magnus auf. „Ist sie – ist wahrhaftig – ohne Seele?“ stöhnte er.

Magnus deutete auf den Altar. „Margarete.“

Selbst die Gläubigen auf den Kirchenbänken schreckten vor seinem strengen Ton zurück. „Margarete, sieh dort. Wer ist das?“

Ihr Blick folgte seinem knochigen Finger. Sie löste sich aus Vater Knuds besorgtem Griff und kniete sich nieder. Dann machte sie das Kreuzzeichen. „Das ist unser Herr und Erlöser Jesus Christus“, antwortete sie mit leiser, aber fester Stimme.

Magnus hob beide Arme. Nun standen auch in seinen Augen Tränen, doch aus Freude und Triumph. „Ein Wunder!“ rief er. „Ich danke dir, allmächtiger Gott, daß du mich dieses Zeugnis deiner unendlichen Gnade und Barmherzigkeit erleben ließest. Er drehte sich den Andächtigen zu. „Kniet nieder! Preiset Gott, den Herrn!“

Später, als er mit Knud allein war, gestand er ihm, daß der Bischof und er etwas Ähnliches erwartet hatten, vor allem, da die Heiligenstatuen und -bilder sich nicht von Yria abgewandt hatten. „Halblinge haben in der Tat keine Seele“, erklärte er. „Doch Gott in seiner Güte ist bereit, auch sie aufzunehmen. Bei der Taufe gab er dem Mädchen wie einem Neugeborenen eine Seele. Nun ist sie völlig menschlich geworden – sterblich im Fleisch, doch unsterblich im Geist.“

„Warum kann sie sich nicht an vorher erinnern?“ fragte Knud.

„Sie ist wiedergeboren. Die dänische Sprache und alle menschlichen Fähigkeiten blieben ihr, aber von allem anderen, das mit ihrem früheren Leben zusammenhängt, wurde sie gereinigt. Das ist die Gnade des Himmels, um ihr zu helfen, wollte Satan sie mit Heimweh aus den Armen der Kirche locken.“

Der alte Pfarrer schien eher beunruhigt als erfreut.

„Ihre Geschwister werden erzürnt darüber sein.“

„Ich weiß alles über sie“, beruhigte ihn Magnus. „Seht zu, daß das Mädchen sie am Strand vor jenen sieben knorrigen Eichen trifft. Meine Männer werden sich in den dichten Zweigen verstecken und die Armbrüste bereit haben …“

„Nein! Das lasse ich nicht zu!“ Knud schluckte schwer, er wußte nur zu gut, wie wenig er zu sagen hatte. Doch schließlich gelang es ihm, Magnus zu überreden, den Halblingen nichts anzutun. Sie würden ohnehin bald aufbrechen. Und welchen Eindruck hinterließe es auf Margaretes neuer Seele, wenn das erste, dessen sie sich erinnerte, eine Bluttat wäre?

Magnus wies daraufhin seine Männer an, nur zu schießen, wenn er es befahl. Sie hatten sich in der kalten Düsternis hinter den Bäumen verborgen. Margaretes weißes Kleid flatterten vor ihnen im Wind. Verwirrt, aber gehorsam, wartete sie, die Hände über einem Rosenkranz gefaltet.

Aus den Schaumkronen der wogenden Wellen schoben sich der hochgewachsene junge Mann, die kaum kleinere Frau und der Halbwüchsige und wateten an Land. „Schamloses, unzüchtiges Pack!“ zischte der Probst.

Der junge Mann sagte etwas in einer unbekannten Sprache.

„Wer seid Ihr?“ fragte Margarete auf Dänisch und tat ängstlich ein paar Schritte rückwärts. „Ich verstehe Euch nicht. Was wollt Ihr?“

„Yria …“ Die Frau streckte ihre nassen Arme nach dem Mädchen aus. „Yria!“ rief sie gequält auf Dänisch. „Was haben sie mit dir gemacht?“

„Ich bin Margarete“, erwiderte die Kleine. „Sie sagten mir, ich – ich müsse tapfer sein … Wer seid Ihr? Was seid Ihr?“

Der Junge knurrte und sprang auf sie zu. Sie hob das Kreuz. „Im Namen Jesus, bleib mir vom Leib!“ gellte sie voll Grauen in der Stimme. Er gehorchte nicht und hielt erst an, als sein Bruder die Hand auf seine Schulter legte.

Margarete wirbelte herum und floh über die Dünen zurück zum Dorf. Ihre Geschwister blickten ihr noch eine Weile verwirrt und mit tiefem Schmerz in den Augen nach. Dann kehrten sie in die See zurück.

5.

Ingeborg Hjalmarsdatter aus Als zählte dreißig Sommer. Sie war schon früh zur Waise geworden, und man hatte sie, kaum daß sie dem Kindesalter entwachsen war, mit dem erstbesten jüngeren Sohn, der sie haben wollte, verheiratet. Als sich herausstellte, daß sie keine Söhne oder Töchter zu haben vermochte, und ihr Mann, ohne ihr Reichtümer zu hinterlassen, mit seinem Kahn unterging, fand sich keiner, der sie zur Frau begehrte. Die Pfarrei sorgte für ihre Armen, indem sie sie ein Jahr an jene verpflichtete, die sich bereit erklären, sie aufzunehmen. Solche Familien wußten nur zu gut, wie man sie ausnutzen konnte, ohne allzuviel an Essen und Kleidung in sie hineinstecken zu müssen. Diesem Schicksal wollte Ingeborg entgehen. Sie überredete den Roten Jens, sie auf seinem Schiff zum Heringsfang mitzunehmen. Sie gab sich den Fischern hin und kam mit ein paar Schillingen zurück. Danach machte sie diese Reise jedes Jahr. In der Zwischenzeit blieb sie zu Hause, außer wenn sie an den Markttagen auf der Waldstraße nach Hadsund stiefelte.

Vater Knud beschwor sie, ihr Leben zu ändern. „Könnt Ihr mir bessere Arbeit als diese verschaffen?“ fragte sie ihn lachend. Es blieb ihm nichts übrig, als sie von der heiligen Kommunion auszuschließen, doch wenigstens nicht von der Messe. Doch selten besuchte sie letztere, da die Frauen auf der Straße sie mit bösen Blicken oder gar mit Fischköpfen und faulen Tomaten bedachten. Die Männer, im großen ganzen verständnisvoller, stimmten jedoch ebenfalls darin überein, daß man sie nicht mehr im Dorf wohnen lassen dürfte, und sei es nur, um ihren Frauen das Maul zu stopfen.

Also ließ sie sich eine Hütte am Strand, etwa eine Meile nördlich von Als, bauen. Nun besuchten sie die meisten der unverheirateten jungen Männer, auch die Mannschaften der Schiffe, die in der Nähe vor Anker gingen, genau wie der wandernde Händler, der hin und wieder in die Gegend kam. Nicht selten ließen sich nach Einbruch der Dunkelheit auch die treuen Ehemänner bei ihr sehen. Hatten sie keine Münzen, so nahm sie, was sie für ihren Unterhalt brauchen konnte, weshalb man sie Fisch-Ingeborg nannte. Wenn sie Zeit zwischen den Kunden fand, ging sie am Strand spazieren oder in den Wald. Sie hatte keine Angst vor Landstreichern – sie würden sie kaum töten, und was spielte sonst schon eine Rolle? – und keine sehr große vor Trollen.

An einem Winterabend vor etwa fünf Jahren, als Tauno gerade anfing, übers Land zu streifen, klopfte er an ihrer Tür. Nachdem sie ihn eingelassen hatte, gestand er ihr, wer er war. Aus der Ferne hatte er oft Männer in ihre Hütte schleichen und später davonstolzieren sehen. Er wollte gern die Sitten des Volkes seiner verlorenen Mutter lernen, meinte er. Und würde sie vielleicht so nett sein, ihm zu erklären, worum es hier ging? Es endete damit, daß er die Nacht bei ihr blieb. Seither besuchte er sie oft. Sie war anders als die Lirimädchen – ihr Herz war irgendwie wärmer, und natürlich erst recht ihr Körper. Ihr Gewerbe störte ihn nicht. Wieso auch? Das Meervolk kannte das Sakrament der Ehe genausowenig wie die anderen Sakramente. Er konnte von ihr lernen und ihr auch viel erzählen, wenn sie aneinandergeschmiegt unter der Decke lagen. Er mochte sie ihrer Güte, ihrer inneren Kraft und auch ihres Frohsinns und trockenen Humors wegen.

Von ihm nahm sie keine Bezahlung, und Geschenke nur hin und wieder und zögernd. „Ich denke von den meisten Männern nicht schlecht“ sagte sie einmal. „Doch manche sind es wohl, wie dieser hartherzige Geizhals Kristoffer, dem ich ausgeliefert gewesen wäre, hätte ich nicht diesen Weg gewählt. Mir läuft es kalt den Rücken hinab, wenn er angekrochen kommt.“ Sie spuckte auf den Lehmboden, dann seufzte sie. „Aber er hat Geld … Nein, die meisten dieser Rauhbärte sind nicht schlecht. Und manchmal schenkt mir einer der Burschen auch ein wenig Glück.“ Sie strich ihm zärtlich über das Haar. „Du machst mich immer glücklich, Tauno. Verstehst du, daß es deshalb nicht richtig wäre, wenn du mich bezahltest?“

„Nein, das verstehe ich nicht“, sagte er mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Ich habe so vieles, das, wie du sagst, die Menschen für wertvoll halten – Bernstein, Perlen, Gold. Wenn sie dir helfen könnten, weshalb willst du sie dann nicht annehmen?“

„Nun“, meinte sie, „es gibt mehrere Gründe. Einer davon ist, es würde sich in Hadsund bald herumsprechen, daß Fisch-Ingeborg solche Dinge besitzt. Die Büttel würden wissen wollen, woher ich sie habe. Ich möchte nicht gern, daß mein letzter Mann sein Gesicht unter einer schwarzen Kapuze verbirgt und mir den Strick schenkt. Sie küßte Tauno. „Weißt du, deine Geschichten über das Wunderland unter der See geben mir außerdem viel mehr als jede klingende Münze.“

Als Magnus das Meervolk exorzierte, weigerte Ingeborg sich eine Woche lang, jemanden zu sehen. Noch eine ganze Weile danach waren ihre Augen rot-verweint.

So stand es, als Tauno sie wieder besuchte. Er kam aus dem Meer, nackt, wenn man von seinem Stirnband absah und dem scharfen Steindolch, den er an einem Gürtel trug. In seiner Rechten hielt er einen Dreizack. Kaltes Zwielicht hüllte den Strand ein. Nebel stieg auf, bis die brandenden Wogen sich hinter einem Schleier versteckten und die Sterne am Himmel unter einer undurchdringlichen Decke verschwanden. Es roch nach Seetang und Fisch, und weiter Binnenwerts nach feuchter Erde und grünendem Laub. Der Sand knirschte unter seinen Sohlen, und das Dünengras kitzelte seine Waden.

Zwei Burschen mit einer Öllaterne schritten auf die Hütte zu. Taunos Meervolkaugen sahen im Dunkeln besser als jene der Menschen. Trotz der ins Gesicht gezogenen Kapuzen erkannte er sie. Er stellte sich ihnen in den Weg. „Nein“, sagte er. „Nicht heute Nacht.“

„Aber Tauno“, stammelte einer und grinste ein wenig verlegen. „Du wirst doch deinen Freunden ein bißchen Vergnügen gönnen, und ihr die riesige Flunder? Wir bleiben nicht lange, wenn du es so eilig hast.“

„Geht nach Hause. Bleibt dort.“

„Tauno, du kennst mich doch. Wir haben miteinander Ball gespielt, geklönt, und du bist zu mir in den Kahn geklettert, wenn ich allein draußen fischte. Ich bin Stig …“

„Muß ich euch töten?“ fragte Tauno, ohne die Stimme zu erheben.

Sie starrten ihn an. Er war größer und kräftiger als sie. Sie machten eilig kehrt. Durch den Nebel drang Stigs verärgerte Stimme: „Es stimmt, was sie über dich sagen, du seelenloses, verdammtes Ding …“

Tauno pochte an die Tür. Ingeborg ließ ihn ein und legte den Riegel vor. Eine flackernde Lampe stand auf dem Tisch, und sie hatte Feuer gemacht, um die klamme Kälte zu vertreiben. Gespenstische Schatten huschten über ihre doppeltbreite Liegestatt, die beiden Hocker, die paar Töpfe und den Kessel, die Nähsachen, die Kommode, und auch über die Würste und die Stockfische, die über dem Kamin hingen, nicht zu vergessen über die aufgespießten Brotlaibe unter den Dachbalken.

Taunos Lungen brannten immer eine Weile, nachdem er an Land gekommen und sie, wie beim Meervolk üblich, ausgeleert hatte. Die Luft war so dünn, so trocken (und die vielen Geräusche betäubten ihn schier – allerdings sah er dafür besser), und hier war sie noch viel schlimmer. Er mußte erst husten, ehe er zu sprechen vermochte.

Ingeborg legte wortlos die Arme um ihn. Sie war klein, untersetzt, hatte Sommersprossen, ein Stupsnäschen und sanfte Lippen. Ihr Haar und die Augen waren von einem dunklen Braun, und ihre Stimme klang hell und weich. Er mochte den Geruch von altem Schweiß in ihrem Gewand ebenso wenig wie den Gestank der Menschen. Aber darunter spürte er den Duft einer warmherzigen Frau.

„So sehr hatte ich gehofft!“ brachte sie endlich hervor. „So sehr …“

Er schob ihre Arme beiseite, stieß den Dreizack in den Boden und starrte sie finster an. „Wo ist meine Schwester?“ knurrte er.

„Oh. Ihr geht es – gut, Tauno. Niemand wird ihr ein Leid antun. Niemand würde es wagen!“ Ingeborg versuchte, ihn von der Tür wegzuziehen. „Komm, mein unglücklicher Liebling, setz dich doch, trink einen Schluck. Beruhige dich!“

„Erst raubten sie ihr alles, was ihr Leben bedeutete …“

Tauno mußte erneut heftig husten, und Ingeborg benutzte es, um schnell einzuwerfen: „Es mußte sein. Christenmenschen würden sie nicht ungetauft in ihrer Mitte leben lassen. Du darfst sie nicht verurteilen, Tauno. Auch nicht die Priester. Eine höhere Macht als ihre hat hier eingegriffen. Sie zuckte die Schultern und lächelte ein wenig gezwungen. „Für den Preis ihrer Vergangenheit und dafür, daß sie alt und häßlich werden und in weniger als hundert Jahren tot sein wird, gewinnt sie ewiges Glück im Paradies. Du magst vielleicht eine lange Zeit leben, doch wenn du stirbst, bist du für immer tot. Ich dagegen werde meinen Körper zwar überleben, aber vermutlich für ewig in der Hölle schmoren. Wer von uns dreien, glaubst du wohl, ist am besten dran?“

Zwar noch mit finsterem Gesicht, aber doch schon ein wenig ruhiger, zog Tauno den Dreizack aus dem Boden und setzte sich auf das Bett. Das Stroh raschelte unter ihm, und das Torffeuer spuckte kleine blaue und gelbe Flammen aus. Sein Rauch wäre angenehm gewesen, hätte es nicht so gequalmt. Schatten kauerten in den Ecken und unter dem Dach und krochen wie mißgestalte Gnomen über die Wände. Die feuchte Kälte störte ihn nicht, obgleich er unbekleidet war.

Er starrte sie durch Düsternis und Qualm an. „Es lebt ein junger Bursche im Dorf, der Priester werden soll und soviel davon versteht, daß er meiner Schwester Eyjan ein wenig erzählen konnte.“ Plötzlich grinste er. „Sie sagte, es machte Spaß, mit ihm zu liegen, aber die frische Luft brachte ihn ständig zum Niesen.“ Dann wieder ernst: „Wenn die Dinge so stehen, wie er sagt, dann können wir wohl nichts tun. Trotzdem suchten Kennin und ich gestern nach Yria, um uns zu versichern, daß sie auch gut behandelt wird. Puh, der Schmutz in den Gossen, die ihr Straßen nennt! Wir gingen zu jedem Haus, selbst zur Kirche und zum Friedhof. Wir hatten sie schon ein paar Tage nicht mehr gesehen. Und wir hätten es gewußt, wenn sie irgendwo im Innern gewesen wäre, sei es in Hütte oder Sarg. Mag sie jetzt auch sterblich sein, unsere kleine Yria, aber ihr Körper ist immer noch halb vom Fleisch ihres Vaters. Sie hat den Geruch nach sonnengeküßten Wellen nicht verloren, das stellten wir an jenem letzten Abend auf dem Strand fest.“

Heftig schlug er mit der Faust auf das Knie. „Kennin und Eyjan tobten und wollten am hellen Tag durch das Dorf stürmen und sich mit Waffengewalt Gewißheit verschaffen. Ich hielt sie zurück, denn wir würden nur unser Leben aufs Spiel setzen – und wie könnten Tote unserer Yria helfen? Es fiel mir nicht leicht, bis zum Abend zu warten, Ingeborg.“

Sie setzte sich neben ihn, legte einen Arm um seine Mitte, eine Hand auf seinen Schenkel und drückte die Wange gegen seine Schulter. „Ich weiß es“, sagte sie leise.

Immer noch grimmig, fragte er: „Nun? Was also ist geschehen?“

„Der Probst nahm sie mit sich nach Viborg – warte doch! Er meint es gut mit ihr. Außerdem würde niemand einer Novizin ein Leid zufügen“, murmelte Ingeborg tonlos, doch dann wurde ihre Stimme wild. „Du bist zur richtigen Stelle gekommen, Tauno. Der Probst hatte einen Schreiber bei sich, einen jungen Geistlichen. Er besuchte mich, und da fragte ich, wie sie gedächten, für den Unterhalt unseres Wunders zu sorgen. Die Leute in Als haben ein warmes Herz, sagte ich, aber ihr Beutel ist mager. Das Mädchen bekommt nun keine Garne mehr von unter der See, die sie spinnen könnte. Und wer will schon ein halbes Kind zu sich nehmen, dem erst noch alles wie einem Neugeborenen beigebracht werden muß? Oder wer kann sich eine Pflegetochter leisten, für die er Mitgift beschaffen muß? O sicher, man könnte sie für einen Hungerlohn als Magd verdingen, aber sie an einen Habenichts von Fischer oder Seemann verheiraten. Oder sie könnte mein Gewerbe betreiben. Aber wäre das recht für ein Wunder? Der junge Geistliche sagte, nein, das wäre es nicht, aber das hätten sie auch nicht mit ihr vor. Sie würden sie mit sich nehmen und in das Kloster Asmild in Viborg bringen.“

„Was ist das?“

Ingeborg tat ihr Bestes, es ihm zu erklären. Schließlich vermochte sie nur noch zu murmeln: „Sie wird ein Dach über dem Kopf haben, und man wird sie dort unterrichten. Wenn sie das vorgeschriebene Alter erreicht hat, wird sie den Schleier nehmen und ein Leben in Reinheit führen, hochgeachtet, bis sie stirbt – und eines, dem der Geruch der Heiligkeit anhaftet.“

„Das ist ja entsetzlich!“ rief Tauno erschüttert.

„Meinst du? Viele würden es als großes Glück betrachten.“

Seine Augen schienen sie zu durchbohren. „Du, vielleicht?“

„Nun … Nein, ich nicht.“

„Ihr Leben lang hinter trostlosen Ziegelmauern eingesperrt, geschoren, grob gekleidet, schlechtes Essen, während sie die ganze Zeit Gebete vor sich hin leiert und das verkümmern läßt, was Gott ihr zwischen den Beinen gegeben hat. Nie wird sie erfahren, was Liebe ist, nie wird sie eigene Kinder, ein eigenes Heim und eine Familie haben. Ja, nicht einmal das Glück wird sie kennen, unter blühenden Apfelbäumen zu spazieren …“

„Tauno, es ist der Weg zum ewigen Glück.“

„Ich ziehe mein Glück jetzt vor und die Dunkelheit danach. Sei ehrlich, Ingeborg, du doch auch, ob du es nun auf dem Totenbett bereust oder nicht. Euer christlicher Himmel scheint mir nicht gerade der Ort, wo man eine ganze Ewigkeit verbringen möchte.“

„Vielleicht denkt Margarete anders darüber.“

„Mar… Oh, Yria.“ Er brütete eine Weile mit dem Kinn auf die Fäuste gestützt, die Lippen zusammengepreßt, und er atmete schwer in dem dichten Rauch. „Wenn es tatsächlich das ist, was sie will, dann soll es so sein. Doch wie wollen wir das wissen? Wie kann sie es wissen? Wird sie denn überhaupt erfahren, hinter ihren düsteren Klostermauern, wie das Leben wirklich ist? Ich möchte nicht, daß meine kleine Schwester um ihr wahres Glück betrogen wird, Ingeborg.“

„Ihr habt sie an Land gebracht, weil ihr nicht wolltet, daß sie von den Aalen gefressen wird. Welche Wahl bleibt denn noch?“

„Keine?“

Die Verzweiflung des Mannes, den sie immer nur als stark gekannt hatte, durchschnitt sie wie ein Messer. „Mein Liebling, mein Liebling.“ Sie drückte ihn an sich. Aber statt Tränen drängte die alte Härte der Fischer sich an die Oberfläche.

„Etwas öffnet bei uns Menschen jede Tür, außer jener zum Himmel“, brummte sie. „Was nicht bedeutet, daß letztere deshalb verschlossen bleiben muß. Geld!“

Ein Wort in der Lirisprache kam über seine Lippen.

„Sprich weiter“, drängte er dann auf Dänisch und umklammerte ihren Arm.

„Wenn sie ein Vermögen ihr eigen nennte, könnte sie leben wie und wo sie wollte – selbst am Hof des Königs, wenn ihr Reichtum groß genug wäre, oder in einem anderen Land. Sie könnte Diener und Wachen zu ihrem Schutz haben. Wenn sie dann noch zu den Nonnen zurückverlangte, wäre es ihr eigener freier Entschluß.“

„Mein Vater besaß Gold! Wir könnten es aus den Ruinen graben.“

„Wieviel?“

Er versuchte es abzuschätzen. Das Meervolk wäre nie auf den Gedanken gekommen, etwas zu wiegen, das für sie nichts weiter als Metall war und noch dazu für die meisten Zwecke zu weich, so schön und nichtrostend es auch sein mochte.

Am Ende schüttelte Ingeborg den Kopf. „Es ist zuwenig, fürchte ich“, seufzte sie. „Unter normalen Umständen wäre es natürlich eine Menge. Doch in unserem Fall … Durch Margarete sind das Kloster Asmild und der Dom von Viborg zu einem lebenden Wunder gekommen. Sie wird Pilger von überallher anziehen. Die Kirche ist nun dem Gesetz nach ihr Vormund und überläßt sie nicht für ein paar goldene Tassen und Teller irgend jemandem.“

„Wieviel, meinst du, werden wir dann brauchen?“

„Eine riesige Summe. Tausende von Mark. Weißt du, einige müssen bestochen werden. Andere, die unbestechlich sind, müssen wir auf unsere Seite gewinnen, indem wir der Kirche großartige Geschenke machen. Und dann muß noch genügend übrigbleiben, damit Margarete zeit ihres Lebens aus dem Vollen schöpfen kann.“

„Wieviel ist Tausende von Mark?“ Tauno schrie es fast und fluchte leise in seiner Vatersprache. „Welches Gewicht?“

„Ich – ich – wie soll eine arme Fischerswaise, die nie auch nur eine Goldmark in der Hand gehalten hat, das wissen? Eine Bootsladung vielleicht? Ja, ich denke, eine Bootsladung würde genügen.“

„Eine Bootsladung!“ Tauno starrte blicklos auf den Boden. „Wir haben ja nicht einmal ein Boot.“

Ingeborg lächelte traurig und streichelte seinen Arm. „Man kann nicht alles haben, auch ein Wassermann nicht. Du hast getan, was du konntest. Laß deine Schwester fünf Dutzend Jahre ihren Körper verleugnen und danach ihre Seele für alle Ewigkeit entkalten. Vielleicht erinnert sie sich an uns, wenn du längst Staub bist und ich in der Hölle brenne.“

Tauno schüttelte den Kopf. „Nein, in ihren Adern fließt das gleiche Blut wie in meinen. Es ist ein unruhiges Blut. Sie ist scheu und sanft, aber sie wurde für die Freiheit der weiten Meere geboren. Wenn während eines langen Lebens zwischen unbefriedigten alten Weibern die Frömmigkeit wie Milch in ihr zu stocken beginnt, wie sind dann ihre Chancen für die ewige Seligkeit?“

„Ich weiß es nicht, Tauno.“

„Sie braucht zumindest die Freiheit, eine eigene Entscheidung zu treffen. Und um sich diese zu sichern, eine Bootsladung voll Gold. Ein paar erbärmliche Tonnen Gold, um Yrias Leben zu kaufen!“

„Tonnen! Aber – ich habe nicht … Sicher weniger, Tauno. Ein paar hundert Pfund dürften reichen. Ingeborgs Stimme klang aufgeregt. „Meinst du, du könntest soviel finden?“

„Hm – wart. Wart. Laß mich überlegen …“ Plötzlich setzte Tauno sich kerzengerade auf. „Ja!“ schrie er. „Jetzt weiß ich, wo!“

„Wo? Wie?“

Mit der seiner Rasse eigenen Flinkheit begann der Halbling einen Plan auszuarbeiten. „Vor langer Zeit gab es eine Menschenstadt auf einer Insel westlich dieser Gewässer. Es war eine prunkvolle Stadt, reich an Gold und Edelsteinen. Ihr Gott war ein Krake. Die Opfer, die sie ihm darbrachten, beschwerten sie mit Gold. Aus den Schätzen machte er sich nichts, wohl aber aus den Ochsen, Pferden, Jungfrauen und allen Gesetzesbrechern, die sie fanden, denn von denen konnte er sich ernähren. Er brauchte sich selbst nichts weiter zu fangen als hin und wieder einmal einen Wal – oder ein Schiff, dessen Besatzung er verschlang. Im Lauf der Jahrhunderte hatten er und seine Priester Zeichen vereinbart, die ihm bedeuteten, wenn dieses oder jenes Schiff in Averorn unerwünscht war … Der Krake wurde träge und ließ sich Generationen lang nicht sehen. Es war auch nicht nötig, denn die Angst vor ihm lebte außerhalb Averorns weiter und die Überzeugung, daß es nur den eigenen Untergang herbeiführen würde, die Stadt des Krakengotts anzugreifen.

Mit der Zeit zweifelten die Averorner an seiner Existenz und hielten ihn für nichts weiter als eine Fabel. Inzwischen war ein neues Volk im Süden erstanden. Ihre Händler kamen nach Norden und brachten nicht nur Waren, sondern auch Götter, die keine aufwendigen Opfer verlangten. Die Bürger von Averorn strömten zu diesen neuen Göttern. Der Tempel des Kraken stand leer, seine Feuer erloschen, seine Priester starben. Schließlich bot der König der Stadt den Riten zu Sommer- und Wintersonnwend Einhalt.

Nach einem Jahr erhob der Krake sich vom Meeresboden und war schrecklich in seinem Hunger. Er versenkte die Schiffe im Hafen, und seine Arme griffen weit in die Stadt, stürzten Türme und holten sich die Opfer, die ihm nicht mehr gebracht wurden. Ihm folgten haushohe Wellen, die Averorn überfluteten, bis es versank und schließlich von allen, außer dem Meervolk, vergessen wurde.“

„Aber das ist ja wundervoll!“ Ingeborg klatschte in die Hände. Sie dachte in ihrer Begeisterung nicht an die vielen kleinen Kinder, die mit der Stadt untergegangen waren. „Oh, ich bin so froh!“

„So wundervoll ist es gerade auch nicht“, dämpfte Tauno ihre Freude. „Das Meervolk erinnert sich der Stadt nur, weil der Krake immer noch dort haust. Wir machen einen großen Bogen um sie herum.“

„Oh – ich verstehe. Aber offenbar hast du doch zumindest einen Funken Hoffnung, wenn du …“

„Ja. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Hör mir zu, Ingeborg. Die Menschen können sich nicht in die Tiefe der See begeben, und das Meervolk hat weder Schiffe noch Werkzeug, das nicht schnell verrosten würde. Nie haben die beiden Rassen Hand in Hand gearbeitet. Täten sie es, vielleicht …“

Ingeborg schwieg eine lange Weile, ehe sie kaum vernehmbar flüsterte: „Du würdest dabei vielleicht sterben.“

„Na und? Alle sind allein schon durch die Geburt zum Tode verurteilt. Das Meervolk hält fest zusammen – das muß es –, aber ein Leben wird bei uns nicht überschätzt. Wie könnte ich zum Ende der Welt ziehen mit dem Bewußtsein, daß ich nicht alles, was ich hätte tun können, für meine kleine Schwester Yria getan habe, die unserer Mutter so sehr ähnlich sieht?“ Tauno kaute an seiner Lippe. „Doch das Schiff und eine Mannschaft. Wie kommen wir zu einem Schiff?“

Sie redeten hin und her. Sie versuchte, ihn von seiner Idee abzubringen, doch er versteifte sich immer mehr darauf. Schließlich gab sie nach. „Vielleicht kann ich dir etwas zeigen.“

„Was?“

„Du kannst dir sicher denken, daß die Fischerboote von Als zu leicht für das sind, was du dir vorstellst. Doch könntest du auch kein Schiff von einem achtbaren Eigner heuern, da du doch seelenlos bist und dein Abenteuer mehr oder weniger verrückt ist. Ich kenne eine Kogge, nicht sonderlich groß, aber doch eine richtige Kogge; sie ankert manchmal bei Hadsund. Ich gehe an den Markttagen immer in die Stadt, dort habe ich ihre Mannschaft kennengelernt. Sie ist ein Frachtkahn und war schon oft bis Island. Unterwegs hat ihre Besatzung auch vor Piraterie nicht zurückgeschreckt, wenn sie glaubte, keine Gefahr einzugehen. Die Männer sind alle Halunken, und ihr Kapitän, der auch der Eigner ist, ist der schlimmste. Er stammt aus einer guten Familie in der Nähe von Herning, aber sein Vater stellte sich auf die falsche Seite in der Auseinandersetzung der Königssöhne. Und so besitzt Herr Ranild Espensen nichts weiter als sein Schiff. Er haßt die Hanse. Ihre Schiffe nahmen ihm das ganze Geschäft weg, von dem er vorher lebte. Er könnte verzweifelt genug sein, sich mit dir zusammenzutun.“

Tauno überlegte. „Vielleicht“, murmelte er. „Bei uns gibt es das nicht, daß wir andere unserer eigenen Rasse verraten oder töten, wie die Menschen mit Seelen es tun. Ich kann kämpfen. Ich fürchte mich vor keinem, ob mit oder ohne Waffe. Aber zum Feilschen habe ich kein Talent. Ich glaube auch, daß es meinen Geschwistern und mir schwerfallen wird, ständig auf der Hut vor unseren Mitreisenden sein zu müssen.“

„Ich weiß.“ Ingeborg nickte verständnisvoll. „Das beste wird sein, du überläßt mir das Aushandeln. Ich werde auch mitkommen und die Augen für dich offenhalten.“

Seine Überraschung war unübersehbar. „Das würdest du wirklich tun?“ Und nach einem Augenblick: „Du sollst einen vollen Anteil unserer Beute haben. Dann bist auch du frei.“

„Wenn wir am Leben bleiben. Wenn nicht, was macht es schon? Aber Tauno, glaub bitte nicht, daß ich es aus Geldgier tue …“

„Ich muß mich natürlich erst noch mit Eyjan und Kennin besprechen – wir müssen planen – wir müssen auch mit dir noch weiter darüber reden – trotzdem …“

„Sicher, Tauno, sicher. Morgen, übermorgen, jederzeit. Doch heute nacht bitte ich dich nur eines: streif deine Sorgen ab und laß uns nur Tauno und Ingeborg sein.“

6.

Als die schwere Kogge Herning den Mariager Fjord hinter sich hatte, blähte der Wind ihr Segel und trieb sie mit guter Geschwindigkeit voran. Auf Deck streiften Tauno, Eyjan und Kennin die menschliche Kleidung ab – scheußliche beengende Fetzen! –, mit denen sie sich während der Tage des Feilschens mit Ranild Espensen getarnt hatten. Sechs der acht Mann Besatzung stießen einen Pfiff aus, und lüsterne Augen hingen an Eyjan, deren weißen Körper die viel zu kurzen rotgoldenen Zöpfe nicht verbergen konnten. Sie waren eine heruntergekommene, verlauste Meute, diese narbengesichtigen Männer in ihren ledernen Wämsern über den Wollflanellhemden und den Kniehosen, die vor Schmutz starrten.

Der siebente war ein Bursche von siebzehn Sommern, Nils Jonsen. Er war erst vor kurzem nach Hadsund gekommen, um Arbeit zu finden, damit er für seine verwitwete Mutter und seine jüngeren Geschwister sorgen konnte. Er hatte nichts gefunden als eine Heuer auf dieser verdreckten Kogge. Er war ein gutaussehender Junge, schlank, flachshaarig mit einem frischen Gesicht. Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Wie wunderschön sie ist“, flüsterte er ergriffen.

Der achte war der Kapitän. Er runzelte die Stirn und kam vom Achterkastell herunter, das dem Mann am Stevenruder ein Dach bot. Auch über dem Bug gab es ein Kastell, durch das der Bugspriet ragte. Darunter und zwischen diesen beiden befand sich das Deck mit dem Mast, den beiden Ladeluken, der Ankerwinde, dem Takelwerk, dem Kochherd und was an Fracht oben verstaut war. Zu letzterem gehörte ein roter Granitblock, etwa einen Meter im Durchmesser und gut eine Tonne schwer, außerdem ein Dutzend Anker und mehrere Rollen Kabel.

Ranild schritt auf die Halblinge zu, wo sie an Backbord mit Ingeborg standen und zu den langsam verschwindenden Hügeln Jütlands hinüberblickten. Es war ein klarer Tag. Die Sonne warf ihre Strahlen über die Schaumkronen, die der Wind in ständiger Bewegung hielt. Die Möwen begleiteten sie schreiend und flügelflatternd. Und ein Geruch von Salz und Teer hing in der Luft.

„Heh, ihr!“ donnerte Ranild. „Was bildet ihr euch eigentlich ein? Es ist nicht schicklich, nackt herumzulaufen.“

Kennin warf ihm einen abfälligen Blick zu. Es waren schwere Stunden des Feilschens in einem Hinterzimmer einer Spelunke gewesen. Das Meervolk war eine Zunge wie Ranilds, rauher noch als die eines Luchs und listiger als die eines Fuchs, nicht gewohnt. „Wer bist du, daß du von Schicklichkeit sprichst?“ knurrte Kennin.

„Halte dich da heraus“, murmelte Tauno. Er betrachtete den Kapitän mit keiner größeren Freundlichkeit, wohl aber mit kühlerem Kopf. Ranild war zwar nicht groß, aber breit, mit gewaltigen Armen und Beinen. Schwarzes Haar, lange nicht gewaschen und schon recht spärlich über der Stirn, rahmte ein grobes Gesicht mit gebrochener Nase und blaßblauen Augen ein. Zahnstummel lugten hinter einem Bart hervor, der bis fast zu seinem Bierbauch herunterhing. Gekleidet war er wie die Mannschaft, nur trug er zusätzlich ein kurzes Schwert, einen Dolch und Stiefel, während die Besatzung barfüßig war oder in alten Schuhen herumschlurfte.

„Was willst du?“ fragte Tauno. „Dir mag es vielleicht Spaß machen, Ranild, deine Kleider anzulassen, bis sie dir vom Leib faulen. Uns nicht.“

Herr Ranild, Wassermann!“ Der Kapitän legte die Hand um den Schwertgriff. „Meine Vorfahren waren Junker, als deine noch unter den Flundern hausten – ich bin auch jetzt noch von Adel. Der Teufel soll mich holen! Das ist mein Schiff! Ich habe das Geld für diese Reise auf den Tisch gelegt. Bei Gott, ihr werdet tun, was ich euch sage, oder ihr baumelt vom Rahnock!“

Eyjans Dolch glitzerte vor seinem Wanst. „Wenn wir dich nicht vorher an deinem verlausten Schnurrbart aufhängen“, sagte sie kalt.

Die Matrosen griffen nach ihren Messern. Ingeborg schob sich zwischen Eyjan und Ranild. „Seid ihr verrückt?“ fauchte sie. „Denkt daran, daß ihr einander braucht. Ihr kommt nicht zu dem Gold, Herr Ranild, ohne das Meervolk, und sie ohne Eure Hilfe genausowenig. Beherrscht euch!“

Beide Parteien zogen sich ein wenig zurück, wenn auch immer noch kochend vor Wut. Ingeborg fuhr ruhig fort. „Ich glaube, ich weiß, woran es liegt, Herr Ranild. Diese Kinder der reinen See haben die Nerven verloren, durch die für sie schrecklichen Tage in der Stadt, wo die Säue sich auf der Straße wälzen und sie des Nachts in einer stinkigen Kammer voll Ungeziefer eingeengt waren. Trotzdem, Tauno, Eyjan und Kennin, ihr solltet auf einen Rat hören, der wohlgemeint ist, wenn auch vielleicht etwas grob gesprochen.“

„Wie meinst du das?“ fragte Tauno.

Ingeborg errötete. Sie senkte die Augen und spielte nervös mit den Fingern. „Erinnert euch an unsere Vereinbarung“, murmelte sie. „Herr Ranild wollte, daß du, Eyjan, für ihn und seine Männer nach unten gehst. Du wolltest nicht. Ich sagte, ich – ich würde es tun, und so kamen wir schließlich zu der Abmachung. Du bist ein sehr schönes Mädchen, Eyjan, schöner als eine Sterbliche sein kann. Es ist nicht recht, daß du deinen Körper jenen so offen zeigst, die ihn nicht haben dürfen. Unsere Reise führt in tödliche Gefahr. Wir dürfen es nicht auch an Bord zu Unfrieden kommen lassen.“

Die junge Meerfrau biß sich auf die Lippen. „Daran hatte ich nicht gedacht“, gab sie zu. Doch dann brauste sie auf. „Aber ehe ich solche grobe Fetzen trage, wenn es nicht mehr nötig ist, uns zu verkleiden, bringe ich die ganze Besatzung um, und wir vier bemannen das Schiff selbst.“

Ranild öffnete wütend die Lippen. Tauno kam ihm zuvor. „Weshalb die Aufregung, Schwesterherz. Wir werden die gräßlichen Lumpen noch erdulden, bis wir an Als vorbeikommen. Dann tauchen wir hinunter nach Liri und holen uns anständige Kleidung – und waschen unterwegs den Schmutz von diesen ab.“

So wurde wieder Frieden geschlossen. Die Mannschaft betrachtete Eyjan weiterhin mit lüsternen Augen, denn die regenbogenfarbige Tunika aus dreifacher Fischhaut, die sie nun trug, offenbarte mehr, als sie verbarg und reichte kaum über die Hüften. Aber sie hatten Ingeborg, die sie mit nach unten nehmen konnten.

Es war auch Ingeborg gewesen, die Ranild dazu gebracht hatte, die drei Geschwister an der Küste des Mariager Fjords zu treffen, und dann mit ihm gefeilscht hatte. Nachdem das Geschäft mit einem Handschlag besiegelt war, mußte er seine Männer erst überreden, mitzumachen. Der hagere Maat Oluv Ovesen hatte nicht gezögert, die Habgier war größer in ihm als jedes Bedenken. Torben und Lave sagten, sie fürchteten weder Eisen noch Stahl und auch nicht den Tod am Galgen, weshalb sollten sie dann bei einem Kraken Bedenken haben? Palle, Tyge und Sivard ließen sich nach langem Hin und Her überzeugen. Aber Aage weigerte sich, deshalb wurde der junge Nils Jonsen an Bord genommen.

Niemand fragte Ranild, was aus dem Mann geworden war. Äußerste Verschwiegenheit war unbedingt erforderlich, damit ja kein Pfaffe die Reise verbot oder irgendein Edelmann ihnen in die Quere kommen konnte. Aage wurde ganz einfach nicht mehr gesehen.

Am ersten Tag passierte die Herning das Skagerrak und stach in die Nordsee. Sie mußte Schottland umsegeln, dann südwest drehen, etwa hundert Meilen unterhalb Irland. Auch wenn sie ein schneller Segler war, brauchte sie einen steten Wind, um es in zwei Wochen zu schaffen – so lange dauerte es dann auch schließlich.

Da sie keine eigentliche Fracht führte, war unter Deck genügend Platz. Die Mannschaft schlief dort. Die Halblinge rümpften die Nase vor dieser düsteren, verdreckten, ratten- und wanzenverseuchten Höhle, und blieben an Deck. Wenn das Schiff langsam dahinsegelte, sprangen sie auch über Bord, tauchten in die Tiefe oder vergnügten sich damit, um die Kogge herumzuschwimmen.

Ingeborg erwähnte einmal, daß sie gern mit ihnen oben geblieben wäre, aber Ranild hatte ihr befohlen, die Nächte im Frachtraum zu verbringen, damit sie immer da sei, wenn jemand sie wollte. Tauno schüttelte den Kopf, als sie es ihm erzählte. „Die Menschen sind schlimmer als Bestien“, knurrte er.

„Deine Schwester ist menschlich geworden“, erinnerte sie ihn. „Und hast du deine Mutter vergessen? Und Vater Knud? Und eure Freunde in Als?“

„N-nein. Genausowenig wie dich, Ingeborg. Wenn wir wieder zu Hause sind – aber nein, das geht nicht, ich werde Dänemark ja verlassen.“

„Ja.“ Sie wandte das Gesicht ab. „Wir haben auch an Bord einen guten Menschen. Den Jungen Nils.“

Er war der einzige der Besatzung, der sie nicht benutzte und der immer freundlich und höflich zu ihr war. (Tauno und Kennin blieben ihrer Liegestatt im Frachtraum ebenfalls fern. Jene, die sie nun teilten, waren keine ehrlichen Bauern und Fischer. Und sie hatten ja die Wellen, in denen sie sich tummeln konnten, und Seehunde und Delphine zum Herumtoben im klaren Grün.) Nils hatte nur Augen für Eyjan, der er wie ein Hündchen folgte, wenn er nicht auf Wache war.

Der Rest der Besatzung wollte nicht mehr mit den Halblingen zu tun haben, als unbedingt sein mußte. Sie aßen die frischen Fische, die diese an Bord brachten, aber sie sprachen nicht mit ihnen. Ingeborg gegenüber brummten sie: „Die verdammten heidnischen, hochnäsigen Ungeheuer. Daß sie reden können, macht sie nicht besser …“ – „Sie sind schlimmer als die Juden …“ – „Uns würde so manche Sünde vergeben, wenn wir ihnen die Kehle durchschnitten …“ – „Ehe ich jedoch das Messer in die halbnackte Frau stieße, würde ich zuerst …“ Und dergleichen mehr. Ranhild ließ die drei nun auch allein, nachdem mehrere Versuche, sich mit ihnen anzubiedern, fehlgeschlagen waren. Tauno hatte sich bemüht, nett zu ihm zu sein, aber wenn das dumme Geschwätz des Kapitäns ihn schon nicht ergrimmte, langweilte es ihn zumindest – und er hatte nie gelernt, seine Gefühle zu verbergen.

Aber er mochte Nils, auch wenn er sich selten mit ihm unterhielt, denn Tauno war recht wortkarg – außer wenn er dichtete. Abgesehen davon war Nils eher in Kennins Alter. Die beiden verstanden sich prächtig. Mehrere Stunden am Tag mußte an einem Netz geflochten werden, für das sie die vielen Rollen Kabel mitgebracht hatten. Nils und Kennin saßen dann immer nebeneinander und kümmerten sich nicht um die anderen, die finster und unwillig ihre Arbeit taten, sondern erzählten sich alle möglichen Geschichten, die sie selbst erlebt oder auch erfunden hatten, und sie lachten viel.

Manchmal schloß dann Eyjan sich ihnen an. Sie hatte sich nie so benommen, wie es sich für eine Frau geziemte, nicht einmal in dem geringen, beim Meervolk üblichen Maß. Sie schnitt sich die roten Locken in Schulterhöhe ab, trug keine Geschmeide oder goldene Gewänder, außer zu Festlichkeiten, wenn ihr Vater darauf bestand. Sie jagte lieber Wale und tauchte durch die gefährliche Brandung an den Klippen, statt brav zu Hause zu sitzen und Handarbeiten zu machen oder sich dem süßen Nichtstun hinzugeben. Sie verachtete die Menschen (obgleich ihr auch das Land gefiel mit seinen herrlichen Wäldern, den Blüten und Blumen, den Vögeln, den Rehen, den Eichhörnchen. Und im Winter begeisterten sie der Schnee und die Eiszapfen, die in der Sonne glitzerten.) Doch einige mochte sie, Nils unter anderen. Auch schlief sie nicht mit ihren Brüdern – das war eines der christlichen Gebote, die Agnete ihren Kindern eingeprägt hatte –, und die Wassermänner waren zu einem unbekannten Ort gezogen, und die Burschen von Als weit weg.

Die Herning pflügte stetig durch die ruhige See, bis sie die südlichen Orkneyinseln erreichte. Das war gegen Abend, das Wetter war mild, eine leichte Brise wehte, und der Vollmond würde bald auf gehen. Warum sollten sie nicht auch nach Sonnenuntergang noch durch die Meerenge segeln, noch dazu, da die Halblingsbrüder sich anboten, als Lotsen vorauszuschwimmen. Eyjan wollte mit ihnen kommen, aber Tauno hielt es für besser, wenn einer zurückblieb und die Augen offenhielt – wie leicht könnten beispielsweise Haie von hinten auftauchen. Sie zogen Hölzchen, und ihres war das kurze. Sie fluchte eine Viertelstunde, ehe sie sich beruhigte.

So kam es, daß sie allein auf dem Deck in der Nähe des Vorderkastells stand. Der Ausguck war durch das geblähte Segel ihrem Blick verborgen, genau wie der Rudergänger im Schatten des Achterkastells. Der Rest der Besatzung, die sich daran gewöhnt hatte, den Halblingen zu trauen, zumindest, was sichere Führung durch das Meer anbelangte, schnarchte unter Deck.

Alle außer Nils, der Eyjans Gesellschaft suchte. Das Mondlicht spielte auf ihrer Tunika, ließ ihr Gesicht aufleuchten und verlor sich in ihrem Haar. Es verzauberte das schmutzige Deck und baute eine schwankende Brücke vom Horizont zu den kräuselnden Wellen. Sie schlugen sanft gegen die leicht krängende Schiffshülle, diese Wellen, und der barfüßige Nils spürte das Zittern. Das Segel, des Tags stumpfbraun durch die ledernen Reffbändsel, schien nun von schneeiger Weiße. Die Takelung knarrte, der Wind seufzte, und die See murmelte. Es war fast warm. Hoch über ihnen in einem verträumten Halbdunkel funkelten die Sterne.

„Guten Abend“, grüßte er ein wenig verlegen.

Sie lächelte den großen scheuen Jungen an. „Willkommen.“

„Habt Ihr – ich meine, darf ich – darf ich Euch Gesellschaft leisten?“

„Ich würde mich freuen.“ Eyjan deutete auf die mondverzauberten Wellen, die das Schiff hinter sich zurückließ. „Wie gerne würde ich mich von ihnen wiegen lassen. Hilf mir, an etwas anderes zu denken, Nils.“

„Ihr liebt Eure See, nicht wahr?“

„Es gibt nichts Schöneres für mich. Tauno schrieb einmal ein Loblied darüber. Ich weiß nicht, ob ich auf Dänisch die richtigen Worte finde, aber laß mich versuchen:

Oben tanzt sie, gehüllt in Sonne, in Mondschein, in Regen, in Wind, und sie schickt ihre weißen schäumenden Küsse mit den Möwen. Unten ist sie grün und gold und sanft, und sie liebkost ihre Kinder, denen sie Leben und Schutz schenkt. Doch ganz in der Tiefe, zu der sie keinem Lichtstrahl Zutritt gewährt, bewahrt sie ihre Geheimnis, den Schoß, der sie gebar. Jungfrau, Mutter und Trägerin des ewig Unerforschlichen, umarme am Ende meine müden Gebeine …“

Eyjan schüttelte den Kopf. „Nein, so klingt es nicht richtig. Es verliert durch die Übersetzung den Zauber. Aber vielleicht, wenn du dir deine Erde vorstellst, und jene – jene Maria? – die einen Mantel aus dem Blau des Himmels trägt, vielleicht könntest du dann … Ach, ich weiß selbst nicht, was ich zu sagen versuche.“

„Ich kann es nicht glauben, daß Ihr keine Seele habt!“ rief Nils.

Eyjan zuckte die Schultern. Ihre Stimmung hatte sich bereits wieder geändert. „Man sagt, das Meervolk war einst gut Freund mit den alten Göttern und mit den Göttern von diesen. Doch nie haben wir ihnen je Opfer gebracht oder sie angebetet. Ich habe viel über euren und den Glauben an Götter überhaupt nachgedacht, aber es gelingt mir nicht, ihn zu verstehen.

Braucht ein Gott denn Fleisch oder Gold? Ist es für ihn wichtig, wie ihr lebt? Berührt es ihn, wenn ihr vor ihm zu Boden kriecht und euch demütigt? Bedeutet es ihm etwas, wenn ihr ihn liebt?“

„Oh, ich kann es nicht ertragen, daran zu denken, daß Ihr eines Tages zu Nichts werdet. Ich flehe Euch an, laßt Euch taufen.“

„Eher würdest du mir unter das Wasser folgen. Nicht, daß ich dich mit mir nehmen könnte. Nur mein Vater kennt den Zauberspruch, der dich dort am Leben hielte, nicht wir Geschwister.“ Sie legte ihre Hand auf seine, die mit weißen Knöcheln die Reling umklammerte. „Doch wie gern möchte ich, daß du mich begleitest, Nils“, sagte sie leise. „Nur für eine Weile, damit ich dir alles zeigen kann, was mir so viel bedeutet.“

„Ihr – Ihr seid sehr freundlich.“ Er wandte sich zum Gehen. Sie hielt ihn zurück.

„Komm.“ Sie lächelte. „Unter dem Vorderkastell ist mein Bett – und es ist angenehm dunkel dort.“

Tauno und Kennins Lotsendienst war nicht vergeblich. Sie warten vor einem Riff und später vor einem treibenden Boot, das sich wahrscheinlich von einem Schiff losgerissen hatte. Die Route wurde zu dieser Jahreszeit viel befahren. Ranild empfing die Brüder mit ehrlicher Dankbarkeit, als sie gegen Morgengrauen an Bord zurückkamen.

„Bei Gott!“ rief er und legte eine Hand auf Kennins Schulter. „Euresgleichen könnte sich einen schönen Batzen in der königlichen Flotte oder der Hanse verdienen.“

Der Junge entzog sich seiner Hand. „Ich fürchte, der Batzen müßte schöner sein, als sie es sich leisten können“, lachte er, „ehe ich mich dem Gestank eines Schiff es wie eurem aussetze.“

Ranild boxte nach ihm. Tauno stellte sich schnell dazwischen. „Das genügt. Wir wissen, welche Arbeit getan und wie der Gewinn verteilt werden muß. Es ist für euch und uns besser, wenn wir uns daran halten.“

Ranild stapfte fluchend davon. Seine Männer brummten.

Bald danach fand Nils sich von den vieren der Freiwache auf dem Achterdeck umringt. Sie knufften und pufften ihn, und als er ihnen nicht Rede stehen wollte, zogen sie ihre Messer und drohten, ihn in kleine Stücke zu schneiden, bis er seinen Mund auftun würde. Später behaupteten sie dann, sie hätten es nicht so gemeint. Jedenfalls kam es nicht dazu, weil es Nils gelang, auszubrechen, die Leiter hinunterzuspringen und sich zu den Geschwistern zu retten.

Die Halblinge lagen schlafend unter dem Vorderkastell. Es war ein Morgen mit blauem Himmel und einer angenehmen Brise. Ein paar Segel zeichneten sich am Horizont ab, und das Kreischen der Möwen verriet die Nähe der Küste.

Die Kinder des Wassermanns erwachten mit der ihnen eigenen Plötzlichkeit. „Was ist passiert?“ fragte Eyjan. Sie sprang auf und stellte sich neben den Jungen. Sie zog den Dolch mit der Stahlklinge, den Ingeborg für sie und die Brüder für ein wenig Lirigold besorgt hatte. Tauno und Kennin bauten sich schützend, mit Harpunen in den Händen, neben ihnen auf.

„Sie – oh – sie …“ Nils Gesicht überzog sich mit tiefer Röte. Er vermochte kein Wort mehr über die Lippen zu bringen.

Oluv Ovesen stapfte vor Torben, Palle und Tyge daher. Ranild und Ingeborg schliefen unter Deck; Lave stand am Ruder, und Sivard spähte vom Krähennest herab (die beiden letzteren spornten ihre Kameraden mit Zurufen an). Der Maat blinzelte mit den farblosen Wimpern und zeigte sein Pferdegebiß. „Na, Meermaid, wer ist der nächste?“

Eyjans Augen wurden eisig. „Was willst du damit sagen – wenn ein jaulender Hund überhaupt etwas sagen kann?“

Oluv blieb zwei Ellenlängen vor den drohenden Harpunen stehen. Aufgebracht stieß er aus: „Tyge stand an der Pinne vergangene Nacht, und Torben im Mastkorb. Sie sahen dich mit diesem grünen Jungen unter dem Vorderkastell verschwinden. Sie hörten euch zwei flüstern und dann keuchen.“

„Und was hat meine Schwester mit euch zu schaffen?“ fragte Kennin mit funkelnden Augen.

„Wir hielten die Abmachung ein und ließen sie in Ruhe. Aber wenn sie die Beine für einen spreizt, muß sie es für alle tun.“

„Weshalb?“

„Weshalb? Weil wir alle gemeinsam in dieser Sache stecken. Und überhaupt, was gibt einer Seekuh wie ihr das Recht, die Nase hochzutragen und wählerisch zu sein?“ Oluv kicherte. „Ich bin als nächster dran, Eyjan. Du wirst mehr Spaß mit einem echten Mann haben, das verspreche ich dir.“

„Verschwindet!“ keuchte das Mädchen bebend vor Wut.

„Sie sind nur drei“, wandte Oluv sich an seine Mannen. „Den kleinen Nils kann man noch nicht zählen. Lave, binde das Ruder fest. Ahoi, Sivard, komm herunter!“

„Was habt ihr vor?“ erkundigte sich Tauno mit ruhiger Stimme.

Oluv stocherte mit dem Fingernagel zwischen den Zähnen. „Oh, nicht viel, Fischmann. Ich denke, wir binden dich und deinen Bruder für eine Weile fest. Nichts weiter, wenn ihr euch zu benehmen wißt. Eure Schwester wird uns bald danken.“

Eyjan fauchte wie eine Katze. Kennin knurrte. „Eher werdet ihr in eurem eigenen Blut schwimmen!“ Nils strömten die Tränen über die Wangen. Mit einer Hand zog er sein Messer, die andere streckte er nach Eyjan aus. Tauno winkte ihnen beruhigend zu. Sein Gesicht war unbewegt.

„Ist das eure unumstößliche Absicht?“ fragte er tonlos.

„Das ist die?“ erwidert Oluv.

„Ich verstehe.“

„Sie – ihr seid nichts weiter als seelenlose, zweibeinige Tiere. Tiere haben keine Rechte.“

„O doch, das haben sie. Geschmeiß wie ihr dagegen nicht. Viel Spaß, Oluv.“ Tauno schleuderte seine Harpune.

Der Maat brüllte, als die Widerhaken sich in seine Eingeweide verbissen. Er stürzte zu Boden und bäumte sich schreiend auf, während das Blut wie eine Fontäne in die Höhe schoß.

Tauno sprang, um sich den Harpunenschaft zu holen. Ihn wie eine Sense schwingend, schritt er auf die Mannschaft zu. Seine Geschwister und Nils folgten ihm. „Tötet sie nicht!“ warnte er. „Wir brauchen sie noch.“

Nils kam nicht zum Kämpfen. Seine Gefährten waren zu flink. Kennin stieß seine eisenharten Finger in Torbens Leib, dann wirbelte er herum und hieb das Knie in Palles. Taunos Schaft streckte Tyge nieder. Eyjan schoß auf Lave zu, der vom Heck herbeigerannt kam. Sie blieb stehen, als sie einander fast erreicht hatten, und fing sein Gewicht an ihrer Hüfte ab, ehe sie ihn kopfvoraus gegen die Leiter zum Vorderkastell schleuderte. Sivard kletterte eiligst wieder zum Ausguck zurück.

Ranild kam fluchend aus dem Laderaum. Von drei Halblingen und einem kräftigen jungen Burschen konfrontiert, blieb ihm nichts übrig, als brummend zuzugeben, daß Oluv Ovesen sein Geschick selbst heraufbeschworen hatte. Ingeborg half, indem sie alle darauf aufmerksam machte, daß nun die Beute um einen weniger aufgeteilt werden mußte.

Eine Art Waffenstillstand wurde geschlossen und Oluvs Leiche über Bord gehievt – nicht ohne einen schweren Stein vom Ballast, den man an seine Beine band, damit er nicht mehr aufsteigen und seinen Kameraden Unglück bringen konnte.

Danach sprachen Ranild und seine Leute kein unnötiges Wort mehr zu des Wassermanns Kindern – und auch nicht zu Nils, der nun bei den Geschwistern schlief, um nicht mit einem Messer im Leib aufzuwachen.

In dieser Enge konnte der Junge jedoch nichts weiter tun als Eyjan anzuhimmeln, was sie mit einem Lächeln erwiderte, etwas abwesend allerdings, denn ihre Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt.

Ingeborg suchte Tauno am Vorderdeck auf und warnte ihn, daß die Mannschaft sie nicht lange am Leben zu lassen gedachte, wenn das Gold erst einmal an Bord war. Sie hatte das herausgefunden, indem sie vortäuschte, die Meermenschen zu verabscheuen und sich mit ihnen nur angefreundet zu haben, um zu ihrem Gold zu kommen.

„Deine Worte kommen nicht unerwartet“, erklärte ihr Tauno. „Wir werden den ganzen Rückweg Wache halten und auf Posten sein.“ Er blickte sie forschend an. „Wie schmal du geworden bist!“

„Unter den Fischern war es einfacher für mich“, seufzte sie.

Er nahm ihr Kinn in seine Hand. „Wenn wir zurück sind, falls wir überhaupt zurückkommen“, sagte er, „wirst du reich und für immer frei sein. Wenn wir es nicht schaffen, wirst du zumindest deinen ewigen Frieden finden.“

„Oder das Fegefeuer“, murmelte sie müde. „Ich kam weder der Freiheit noch des Friedens wegen mit. Doch ist es besser, ich gehe dir nun aus dem Weg, Tauno, damit sie nicht denken, ich halte zu euch.“

Die Suche nach dem versunkenen Averorn beschäftigte die Geschwister. Das Meervolk wußte immer, wo es sich befand, aber die Halblinge hatten keine Ahnung, wo genau – in einem Gebiet von etwa zwei- oder auch dreihundert Meilen – ihr Ziel zu finden war. Sie schwammen durch die See, um vorüberziehende Delphine zu befragen, nicht in Worten, denn Tiere haben keine Sprache wie die Menschen. Dennoch verfügte das Meervolk über Mittel, sich mit jenen Wesen zu verständigen, mit denen es sich verwandt fühlte.

Und tatsächlich bekamen sie immer genauere Hinweise, je mehr das Schiff sich dem Ort des Untergangs näherte.

„Ja“, sagte ein Tümmler, „ein gefährlicher Ort, ein Krakennest – bleibt ihm fern …“

„Es stimmt, daß Kraken wie andere Kaltblüter lange ohne Nahrung leben können. Doch dieser muß wahnsinnig vor Hunger sein, nach Jahrhunderten, während derer er sich nur von verirrten Walen ernähren konnte …“

„Er bleibt immer dort“, erklärte ein Grindwal, „weil er Averorn als sein Eigentum betrachtet. Er wacht über die versunkenen Schätze und Türme und die gebleichten Knochen, deren Besitzer ihn einst anbeteten. Er ist gewachsen, habe ich gehört. Seine Tentakel reichen nun von einem Ende des weiten Stadtplatzes bis zum anderen …“

„Um unserer alten Freundschaft willen“, sagte ein greiser Delphin, „werden wir euch den Weg weisen, nun da der Mond abnimmt – das ist die Zeit, da der Krake schläft. Aber er erwacht nur allzu leicht …“

„Nein, mehr als den Weg weisen können wir euch nicht, wir müssen an unsere Familien denken …“

Und so erreichte die Herning schließlich die Stelle, unter der tief im Meer das versunkene Averorn ruhte.

7.

Die Delphine verabschiedeten sich hastig. Die Morgensonne glitzerte auf den Schaumkronen, die ihre Flossen aufwirbelten, und spiegelte sich in allen Farben des Regenbogens auf ihren grauen Rücken. Tauno war überzeugt, daß sie sich nicht weiter zurückziehen würden, als sie für ihre Sicherheit erforderlich sahen, denn die Delphine waren eine neugierige Gesellschaft, die sich ein solches Ereignis bestimmt nicht entgehen lassen würden.

Er hatte es so berechnet, daß die Kogge am frühen Morgen hier ankam, damit sie das Tageslicht in vollem Maße ausnutzen konnten.

Nur war das Segel aufgegeit, und der dickbauchige Schiffsrumpf bewegte sich kaum, denn es war ein ruhiger Tag mit nur einer ganz geringen Brise und einem fast wolkenlosen Himmel über der friedlichen See.

Tauno streckte sich und genoß die wärmende Sonne und die frische Salzluft. Er hatte kein Frühstück zu sich genommen, denn ein voller Magen war hinderlich beim Kampf, aber er empfand kein Hungergefühl.

„Nun“, rief er, „je schneller wir beginnen, desto eher haben wir es hinter uns.“

Die Besatzung starrte ihn an. Die Männer hatten sich mit Speeren bewaffnet, die sie nun umklammerten, als müßten sie sich damit über Wasser halten. Unter ihrem Sonnenbraun, dem Schmutz und den Bärten verbarg panische Angst sich auf fünf der Gesichter. Adamsäpfel hüpften. Ranild stand scheinbar unberührt, eine Armbrust auf seinen linken Arm gestützt. Nils war zwar blaß, aber er brannte und zitterte in der Erregung eines Knaben, der zu jung ist, zu verstehen, daß auch junge Burschen sterben können.

„Worauf wartet ihr noch, ihr Helden“, höhnte Kennin. „Uns bleibt die gefährliche Arbeit. Wollt ihr nicht endlich das Spill bedienen?“

„Ich gebe die Befehle hier, Junge“, erklärte Ranild mit ungewohnter Ruhe. „Aber er hat recht. Macht euch an die Arbeit.“

Sivard benetzte die Lippen. „Käpt’n“, sagte er heiser. „Ich – ich denke, es ist besser, wir drehen um.“

„Nachdem wir so weit gekommen sind?“ Ranild grinste. „Hätte ich geahnt, daß ihr Weiber seid, hätte ich wenigstens meinen Spaß mit euch gehabt.“

„Was nutzt Gold einem Toten? Kameraden, überlegt es euch. Der Krake kann uns unter Wasser ziehen. Wir …“

Ranild brachte ihn mit einem heftigen Schlag ins Gesicht zum Schweigen. „An die Winde, ihr Hurensöhne!“ donnerte er. „Oder der Teufel soll mich holen, wenn ich euch nicht höchstpersönlich zum Kraken schicke.“

Ohne weiteren Widerspruch gehorchten sie nun. „Es fehlt ihm nicht an Mut“, murmelte Eyjan in der Meersprache.

„Noeh fehlt es ihm an Heimtücke“, warnte Tauno. „Dreht nie einem dieses Packs den Rücken zu.“

„Außer Nils und Ingeborg“, warf Eyjan ein.

„Oh, du würdest Nils gewiß nicht den Rücken zuwenden wollen, genausowenig wie Tauno oder ich Ingeborg.“ Kennin lachte. Auch er empfand keine Angst. Im Gegenteil, er konnte es kaum noch erwarten, endlich aufzubrechen.

Mit einem Kran, den sie auf dem Schiff zusammenbauten, hoben sie ihr unterwegs fertiggestelltes Werk. Ein langes Eisenstück war tief in den Granitblock geschlagen worden, bis er unverrückbar darin festsaß. Danach hatten sie die herausragende Hälfte zu einer Speerspitze mit Widerhaken bearbeitet. Rings um den Block waren Ringe befestigt und an diesen wiederum der innere Teil des riesigen Netzes. Am äußeren Netzrand hingen die zwölf Anker. Das alles zusammen war nun auf einem Floß vertäut, dessen richtige Größe sie erst nach mehrmaligen Versuchen gefunden hatten. Es baumelte steuerbord am Kranausleger und brachte mit seinem Gewicht die Kogge ein wenig zum Krängen.

„Es wird Zeit“, meinte Tauno. Auch er war frei von Angst, obgleich er sich der Gefahr und der Möglichkeit durchaus bewußt war, daß es ihrer aller Ende bedeuten mochte.

Die Geschwister schlüpften aus ihren Kleidern. Sie behielten nur ihre Stirnbänder und Gürtel mit den Dolchen um. Jeder schlang sich eine Harpune auf den Rücken. Einen Augenblick blieben sie an der Reling stehen, ihre geliebte See im Sonnenschein funkelnd hinter ihnen.

Nils kam auf sie zu. Er schüttelte ihre Hände, küßte das Mädchen und weinte, weil er nicht mit ihnen kommen konnte. Inzwischen hielt Ingeborg Taunos Hände und seinen Blick. Sie hatte ihre Haare zu Zöpfen geflochten, aber eine widerspenstige braune Locke schob sich über ihre Stirn. Ihr Gesicht war von einem ernsten Liebreiz verzaubert, wie Tauno ihn noch nie, auch nicht beim Meervolk, erlebt hatte.

„Wie leicht mag es sein, daß ich dich nie wiedersehe, Tauno“, murmelte sie so leise, daß nur er sie verstehen konnte. „Und sicher ist, daß ich dir nicht sagen kann noch darf, was mein Herz empfindet. Doch werde ich beten, daß Gott dir – wenn du, um deiner Schwester zu helfen, den Tod finden solltest – in deinem letzten Atemzug die reine Seele einhaucht, die du verdienst.“

„Ich – ich danke dir. Aber ich habe durchaus die Absicht, zurückzukommen.“

„Ich holte mir noch vor Morgengrauen einen Eimer Wasser aus dem Meer, um mich rein zu waschen“, flüsterte sie. „Wirst du mir einen Abschiedskuß geben?“

Er tat es. „Über Bord!“ rief er und tauchte.

Die See empfing ihn. Er spürte, wie das Leben ihn durchpulste. Er genoß eine Minute lang den Geruch und die Kühle, ehe er wieder hochschoß und befahl: „Laßt es jetzt herab!“

Die Seeleute kurbelten das schwerbeladene Floß langsam herunter, bis es auf dem Wasser schwamm. Tauno löste den Kranhaken. Die Menschen lehnten sich über die Reling. Die Halblinge winkten – nicht ihnen, sondern dem Wind und der Sonne – und tauchten unter.

Der erste Atemzug unter Wasser war immer leichter als jener in der Luft. Die Halblinge brauchten nur die Luft auszustoßen und Mund und Lungen weit zu öffnen. Das Wasser drang ein und sprudelte durch Mund, Nase, Kehle, Lunge, Magen, Därme, Blut, bis zum letzten Haar und Fingernagel. Dieser angenehme Schock verwandelte sie wieder ganz in Meermenschen. Ihre Körpersäfte holten jene Stoffe aus dem Wasser, die sie für die Erhaltung ihres Lebens benötigten, Salz wurde aus den Geweben gesiebt und innere Heizquellen begannen zu arbeiten und schützten sie vor der Kälte.

Das Meervolk brauchte viel mehr Nahrung als die Menschen auf dem Land. Das war auch der Grund, weshalb ihre Rasse zahlenmäßig so gering war. Ein schlechter Fang oder eine Muräne unter den Walen mochten zum Hungertod für einen ganzen Stamm führen. Die See gibt, die See nimmt.

Agnetes Kinder zerrten an dem beladenen Floß und schwammen in die Tiefe.

Zuerst schien das Licht wie neues Grün und alter Bernstein. Bald wurde es düster, und nicht lange danach fraß die Dunkelheit, was davon geblieben war. Trotz ihrer Natur fühlten die Geschwister die Kälte. Schweigen umgab sie. Sie tauchten in Tiefen weit unterhalb jener des Kattegats oder der Ostsee. Dies war der Ozean.

„Halt“, sagte Tauno in der Meersprache, die sie im Wasser besser benutzen konnten. Es war eine Sprache mit vielen Summ- und Zisch- und Klicklauten. „Liegt das Floß richtig? Könnt ihr es halten?“

„Ja“, erwiderten Eyjan und Kennin.

„Gut. Dann wartet hier.“

Die beiden protestierten nicht. Sie hatten den Plan sorgfältig ausgearbeitet und hielten sich nun daran. Tauno, der kräftigste, sollte als Kundschafter vorausschwimmen.

Jeder von ihnen hatte sich mit einem Riemen eine Laterne aus Liri um das linke Handgelenk gebunden. Es handelte sich bei diesen Lampen um hohle Kristallkugeln, deren eine Hälfte mit Silber überzogen, während die andere zu Linsen geschliffen war. Gefüllt waren sie mit dem lebenden Seefeuer, mit dem das Meervolk seine Heime beleuchtete. Ein Loch, das mit feinem Drahtgewebe verschlossen und zu dicht war, die winzigen Wassertiere entschlüpfen zu lassen, gestattete deren Fütterung und sorgte für ständige Wassererneuerung. Die Kugel lag in einem Behälter aus geschnitzten Knochen, der vorne vergittert war. Keine der Laternen war bisher geöffnet worden.

„Viel Glück“, murmelte Eyjan. Die drei umarmten sich in der Finsternis. Tauno tauchte.

Immer tiefer schwamm er, immer tiefer. Er hätte nie gedacht, daß die Welt noch schwärzer, noch trostloser, noch stiller werden könnte, doch sie wurde es. Häufiger und häufiger betätigte er Brust- und Bauchmuskeln, um den Innen- dem Außendruck anzupassen. Trotzdem schien es ihm, als laste mit jedem Meter mehr Gewicht auf ihm.

Schließlich spürte er, wie ein Merisch in der Nacht eine Wand vor sich fühlt, daß er sich dem Meeresgrund näherte. Er nahm auch bereits den Geruch von fauligem Fleisch auf. Und die stete Bewegung der Kiemen des Kraken pulsierte durch das Wasser.

Er holte nun die Laterne aus ihrem Behälter. Ihr Schein war bleich und nicht sehr weitreichend, aber er genügte seinen Meermenschenaugen. Ein ehrfürchtiger Schauder rann über seinen Rücken.

Unter ihm erstreckten sich meilenweit Ruinen. Averorn war eine gewaltige Stadt gewesen, vollkommen aus Stein erbaut. Ihre Häuser waren eingestürzt, und die Steine hatten sich im Schlamm verteilt oder formlose Haufen gebildet. Doch hier stand noch ein Turm wie der letzte Zahn hinter den Lippen eines Greises. Dort befand sich ein nur zum Teil eingefallener Tempel. Schlanke Säulen umringten einen Gott, der auf seinem Altar thronte und mit blinden Juwelenaugen in die Ewigkeit starrte. Unweit davon erhoben sich die Ruinen einer ehemals trutzigen Burg. Gespenstisch schillernde Fische schwammen wie eine Patrouille über ihre Brustwehr. Weit in entgegengesetzter Richtung zeichnete sich der ehemalige Hafen mit den gewaltigen Steinquadern seiner Piers ab und den vereinzelten Galeonen, die verwüstet aus dem Schlamm ragten. Ganz in der Nähe kauerte ein abgedecktes Haus, in dem das Skelett eines Mannes für alle Zeit die Gerippe seiner Frau und seines Kindes zu beschützen suchte. Und überall waren klaffende Lagerhäuser und Schatzgewölbe – und das Schimmern und Funkeln von Gold und Diamanten auf dem Meeresgrund.

In der Mitte aber ruhte der Krake. Acht seiner dunkelglänzenden Tentakel streckten sich in die Ecken des achteckigen Platzes aus, dessen Boden in kunstvoller Mosaikarbeit sein Ebenbild zeigte. Die beiden restlichen Tentakel, der gewaltigste von gut doppelter Länge der Herning, waren um eine Säule gewunden, die die Triskelionscheibe jenes Gottes trug, dem seine ehemaligen Anhänger sich zugewandt hatten. Sein mächtiger Schädel ruhte müde auf diesen Tentakeln. Tauno vermochte nicht viel mehr als einen Hakenschnabel und ein dunkles, lidloses Auge zu erkennen.

Schnell schob der Halbling die Laterne in den Behälter zurück und tauchte im Dunkeln hoch. Ein heftiges Pulsieren ließ das Meer und seine Knochen erzittern. Es war, als bebe die Erde. Tauno leuchtete kurz nach unten. Der Krake begann sich zu rühren. Er hatte ihn aufgeweckt.

Der Halbling biß die Zähne zusammen und bemühte sich, der eisigen Kälte und der Schmerzen nicht zu achten, die durch die zu schnelle Druckabnahme verursacht wurden. Unter ihm donnerte es dumpf. Der Krake hatte sich ausgestreckt und dabei einen Säulengang zerschmettert.

Wo das Tageslicht unter die See zu dringen begann, hielt Tauno an und schwenkte die Laterne. Er mußte hier anhalten und dafür sorgen, daß der Krake an dieser Stelle blieb, bis Kennin und Eyjan kamen.

In der Mitte des sich wie ein Sturm hebenden Körpers sah er unheilvoll leuchtende Augen. Der Schnabel klappte auf und zu. Ein Tentakel schnellte zu ihm vor. Er hatte Saugnäpfe, die ihm das Fleisch von den Knochen reißen konnten. Es gelang Tauno gerade noch, ihm auszuweichen, doch schon glitt er wieder näher.

Tauno stieß seinen Dolch bis ans Heft hinein. Das Blut, das sich aus der Wunde verteilte, als er die Klinge zurückzog, roch wie Essig. Da traf ihn der Tentakel. Der Halbling überschlug sich endlos, während der Schmerz ihm schier die Sinne raubte.

Noch ein Tentakel und noch einer näherten sich ihm. Er vermochte kaum noch klar zu denken. Wer war er denn, daß er sich erdreistete, gegen einen Gott zu kämpfen? Irgendwie gelang es ihm, seine Harpune aus ihrer Halterung am Rücken zu zerren. Ehe die Tentakel ihn erfaßten, tauchte er mit voller Geschwindigkeit in die Tiefe. Vielleicht konnte er dem Ungeheuer die Waffe in den gähnenden Schlund stoßen.

Ein betäubender Schrei raubte ihm das Bewußtsein.

Eine Minute später kam er wieder zu sich. Sein Kopf dröhnte. Es war ihm, als sei sein Trommelfell geplatzt. Um ihn tobte das Meer. Eyjan und Kennin hielten ihn aufrecht. Mit verschleierten Augen betrachtete er die tintige Flüssigkeit unter sich. Der Krake heulte und schlug mit allen Saugarmen um sich, während er immer tiefer sank.

„Seht doch!“ jubelte Kennin. Er deutete mit seiner Laterne. Durch Blut, Tinte und das aufgewühlte Wasser traf der schwache Schein den sich vor Schmerzen windenden Kraken.

Bruder und Schwester hatten das Floß geschoben, bis es sich unmittelbar über dem Kraken befand. Danach hatten sie die Waffe losgeschnitten. Der widerhakige Speer mit dem Tonnengewicht des Granitblocks hinter sich, hatte den Körper des Ungeheuers aufgespießt.

„Bist du verletzt?“ fragte Eyjan Tauno. Ihre Stimme zitterte durch den Aufruhr. „Kannst du dich bewegen?“

„Ich glaube schon.“ Er schüttelte den Kopf, um ihn klarzubekommen.

Der Krake sank zurück in die Stadt, die er gemordet hatte. Die Speerwunde, wenn sie auch schmerzhaft war, hatte sein kaltes Leben nicht ausgelöscht, noch war das Gewicht des Felsbrocken mehr, als er zu tragen vermochte. Doch rund um ihn befand sich nun das riesige Netz.

Die Kinder des Wassermanns ergriffen die Anker am Netzrand und befestigten sie in den Ruinen Averorns.

Das war keine leichte Arbeit, denn der gewaltige Körper bäumte sich auf wie ein bockendes Pferd, und die langen kräftigen Tentakel schlugen um sich und versuchten sich festzuklammern. Der aufgewirbelte Schlamm, das Blut und die Tinte nahmen ihnen die Sicht, fraßen sich in ihre Lungen. Vereinzelte Netzstränge rissen und verhedderten sich. Mauern stürzten unter den wilden Stößen ein und schickten das donnernde Echo, genau wie das grauenhafte Heulen des Kraken, mit betäubender Gewalt durch das Wasser, daß die Schädel der Geschwister zu bersten drohten. Ihr eigenes Blut, wo die Saugnäpfe ihre Haut in Fetzen rissen, vermischte sich mit dem des Ungeheuers.

Doch schließlich war das Netz befestigt. Die Halblinge schwammen zu der Stelle, wo der titanische Schädel tobte, wo der Hakenschnabel nach den Netzsträngen schnappte. Durch die Düsternis blickten sie in die riesigen wachen Augen. Der Krake hatte nun aufgehört zu heulen und zu brüllen. Sie vernahmen nur noch die heftige Bewegung seiner Kiemen. Er starrte sie an.

„Du warst sehr tapfer“, lobte Tauno. „Ein wahres Geschöpf der See. Deshalb sollst du auch wissen, daß wir dich nicht aus Habgier töten.“

Er nahm sich das rechte, Kennin das linke Auge vor. Sie stießen ihre Harpunen bis zum Ende ihrer Schäfte hinein. Als der Krake immer noch weiter um sich schlug, benutzten sie auch noch ihre zweiten Harpunen und die beiden von Eyjan. Die Pein und das Blut des Kraken trieb sie zurück.

Nach einer Weile war alles vorbei. Eine oder mehrere ihrer Waffen mußten bis ins Gehirn gedrungen sein und das Ende herbeigeführt haben.

Die Geschwister flohen von Averorn in den Sonnenschein. Sie schossen ins Freie und sahen die Kogge in den stürmischen Wellen schaukeln, die ihr Kampf mit dem Kraken verursacht hatte. Tauno und Eyjan nahmen sich nicht die Mühe, ihre Lungen zu leeren, obgleich Luftatmen sie leichter als das Wasser gemacht hätte. Paddelbewegungen hielten sie an der Oberfläche. Das Wasser badete sanft ihre Wunden und linderte die Schmerzen, und sie nahmen in tiefen Zügen das lebenspendende Naß in sich auf.

Es war Kennin, der zu jenen hinaufrief, die sich mit weißen Gesichtern über die Reling beugten. „Wir haben es geschafft! Der Krake ist tot! Der Schatz ist unser!“

Nils krähte vor Erleichterung und Begeisterung wie ein Hahn. Ingeborg brach in Tränen aus. Die Seeleute gaben ihrer Freude überraschend kurz Ausdruck und hielten von nun ab ihre Augen hauptsächlich auf Ranild gerichtet.

Mehr als drei Dutzend Delphine hüpften durch die Wellen, um alles genau zu erfahren.

Doch es gab noch viel Arbeit. Ranild warf den Schwimmern ein langes beschwertes Tau mit einem Haken und einem Sack am Ende zu. Sie tauchten damit unter.

Die Leuchtfische, die zu flink für den Kraken gewesen waren, hatten bereits begonnen, an ihm zu knabbern. „Sehen wir zu, daß wir es schnell hinter uns bringen“, brummte Tauno. Seine Geschwister pflichteten ihm bei. Es gefiel auch ihnen nicht, in einer Gruft herumstöbern zu müssen.

Aber für Margarete, die ihre Yria gewesen war, taten sie es. Immer und immer aufs neue füllten sie den Sack mit Münzen, Ringen, Diademen und anderem Geschmeide und auch mit Goldbarren. Mehrmals hingen sie Goldtruhen und wertvolle Statuen an den Haken. Den Seeleuten oben ein Zeichen zu geben, war aus dieser Tiefe unmöglich, deshalb hatten sie ausgemacht, daß diese das Tau jede halbe Stunde hochziehen würden. Tauno befestigte nun auch seine Laterne am Seil, denn er hatte festgestellt, daß die Herning trotz der ruhigen See umhertrieb und das Tau nie an der gleichen Stelle zurückkam. In der Zwischenzeit suchten die Kinder des Wassermanns nach weiteren Schätzen, ruhten sich aus oder stärkten sich mit dem Käse und Stockfisch, den Ingeborg für sie in den Sack gepackt hatte.

Schließlich meinte Tauno: „Man sagte uns, mehrere hundert Pfund würden genügen. Ich bin sicher, wir haben schon eine Tonne oder so hochgeschickt. Wir sollten nicht übertreiben.“

„Du hast recht“, stieß Eyjan erfreut aus und spähte durch die Düsternis außerhalb des schwachen Laternenscheins. Sie schauderte und schmiegte sich eng an ihren älteren Bruder. So kannte er sie gar nicht.

Kennin dagegen war bester Laune. „Ich beginne zu verstehen, weshalb das Landvolk soviel Spaß am Plündern hat.“ Er grinste.

Tauno schüttelte nur abfällig den Kopf. „Du wirst auch noch erwachsen“, brummte er.

Sie packten die Laternen mit der letzten Beute in den Sack, der schneller als sie oben sein würde. Tauno schickte dem nun unsichtbaren Averorn einen letzten Gruß. „Schlaft wohl, ihr alle!“ rief er aus. „Mag euer Schlummer ungestört sein bis zum Jüngsten Tag.“

Aus der Kälte, der Dunkelheit und dem Tod kehrten sie zurück ins Licht und dann an die Luft. Die Sonne sandte im Westen ihre letzten Strahlen herab, während im Osten bereits der Abendstern am Himmel leuchtete. Weißer Schaum krönte die nun purpurfarbigen und schwarzen Wellen, deren leises Rauschen das einzige Geräusch war, wenn man von den aufgeregt auf sie einplappernden Delphinen absah, die alles genau wissen wollten. Aber die Geschwister waren zu müde. Sie versprachen, ihnen am nächsten Morgen ausführlich zu berichten.

Die drei Halblinge husteten das Wasser aus ihren Lungen und machten sich zur Kogge auf. Außer Ranild wartete niemand an der Reling auf sie. Eine Strickleiter hing mittschiffs herab.

Tauno kletterte als erster an Bord. Er stand triefend und ein wenig fröstelnd an Deck und blickte sich um. Ranild hielt die Armbrust umspannt. Seine Männer in Mastnähe umklammerten ihre Speere. Der Krake war tot! Weshalb dann diese verschlossenen Gesichter? Wo waren Ingeborg und Nils?

„Ahemm“, räusperte sich Ranild. „Seid ihr zufrieden?“

„Wir haben ausreichend für unsere Schwester und um euch reich zu machen“, erwiderte Tauno. Seine Muskeln waren schwer, sein Körper schien ein einziger Schmerz, und er war völlig erschöpft. Er sollte nun eigentlich jubeln, sich freuen, doch dazu war er viel zu müde – morgen, wenn er ausgeschlafen hatte, würde er es nachholen.

Eyjan stieg über die Reling. „Nils?“ rief sie.

Ein Blick auf die sechs, die sie nur anstarrten, ließ sie eilig den Dolch aus der Scheide ziehen. „Verrat – so bald?“

„Tötet sie!“ brüllte Ranild.

Kennin stand noch auf der letzten Leitersprosse. Als die Seeleute mit ausgestreckten Speeren vorwärts stürmten, schrie er und sprang über die Reling. Keiner der plumpen Spieße war schnell genug, ihn aufzuhalten. Er stürzte sich mit der Klinge auf Ranild.

Der Kapitän nahm die Armbrust und schoß. Kennin sank mit dem Pfeil, der durch das Brustbein und Herz gedrungen war und am Rücken herausstand, zu Boden. Sein Blut schoß in hohem Schwall auf das Deck.

Es rüttelte Tauno aus seiner Erschöpfung. Ingeborg hatte vor Verrat gewarnt, aber Ranild war selbst für sie zu gerissen. Er mußte heimlich jeden einzelnen der Männer auf seine Seite gewonnen haben. Als die Halblinge dann nach dem Schatz tauchten, gab er den Befehl, die Frau und Nils gefangenzusetzen. Und zu töten? Nein, das könnte Spuren hinterlassen. Bestimmt hatte er sie fesseln, knebeln und unter Deck bringen lassen, bis die ahnungslosen Geschwister zurückkehrten.

Eyjans schnelle Einschätzung der Situation und Kennins sofortiger Angriff hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ihr Ansturm kam ein wenig verspätet. Eyjan und Tauno gelang es, über Bord zu tauchen.

Ein paar Speere zischten, ohne Schaden anzurichten, an ihnen vorbei. Ranild beugte sich über die Reling. „Vielleicht könnt ihr euch damit die Haie vom Leib halten!“ höhnte er und warf Kennins Leiche ins Meer.

8.

Die Delphine versammelten sich.

Nach Meervolkart überließen Tauno und Eyjan ihnen den Bruder. Sie hatten ihm die Augen zugedrückt, seine Hände über die Brust gekreuzt und den Dolch abgenommen, um noch etwas von ihm zu besitzen – ein Andenken, das noch Nutzen bringen konnte. Nun war es nur recht, daß das letzte Geschenk, das er zu geben vermochte, nicht an die gefräßigen Meeraale ging, sondern an jene, die seine Freunde gewesen waren.

Die Halblinge zogen sich ein Stück zurück. Und während die Delphine Kennin still umringten, sangen sie das Abschiedslied des Meervolks.

Eyjan strömten die Tränen über die Wangen. „Er war noch so jung“, weinte sie.

Ihr Bruder drückte sie tröstend an sich. Die niedrigen Wellen wiegten sie sanft. „Die Nornen wollten es so“, murmelte er. „Sein Tod war nicht umsonst.“

Ein Delphin kam auf sie zugeschwommen und fragte auf Delphinart, wie sie ihnen helfen könnten. Es würde ihnen nicht schwerfallen, das Schiff hier festzuhalten, sie brauchten nur das Ruder zu zerschmettern. Der Durst würde dann den Rest tun.

Tauno starrte zur Kogge, die mit aufgegeitem Segel ruhig im Wasser lag. „Nein“, wehrte er freundlich ab. „Sie haben Geiseln an Bord. Aber irgend etwas muß getan werden.“

„Ich werde Ranilds Bauch aufschlitzen“, fauchte Eyjan, „und ihn an seinen Gedärmen am Mast aufhängen.“

„Er ist soviel Mühe nicht wert“, brummte Tauno. „Doch wir dürfen nicht vergessen, wie gefährlich er ist. Es wäre nicht schwierig, das Schiff mit Hilfe der Delphine anzugreifen oder von unten Planke um Planke herauszureißen. Es dagegen in unsere Hand zu bekommen, dürfte unmöglich sein. Und doch müssen wir es versuchen, für Yria, Ingeborg und Nils. Komm, wir wollen etwas essen – und uns dann ausschlafen. Wir müssen erst wieder zu Kräften kommen.“

Etwas nach Mitternacht erwachte er erfrischt. Seine Trauer um Kennin war nicht geringer geworden, aber der Gedanke, das Schiff zurückzugewinnen, die Geiseln zu befreien und Rache zu nehmen, erfüllte ihn nun fast völlig.

Eyjan schlief weiter. Wie unschuldig, ja geradezu kindlich ihr von einer Haarwolke umrahmtes Gesicht nun aussah. Ihre Lippen waren halb geöffnet und ihre langen Wimpern ruhten auf den Wangenknochen. Die Delphine hielten um sie herum Wache. Tauno küßte sie auf die Stirn, ohne sie aufzuwecken, und schwamm leise hinweg.

Es war eine helle Nordsommernacht. Winzige Sterne glänzten im sanften Zwielicht des Firmaments. Das friedliche Plätschern der kleinen Wellen wurde in der Ferne vom Marsch der Gezeiten übertönt. Die Luft war kühl und feucht.

Tauno erreichte die Herning. Niemand schien Wache am Ruder zu halten, aber je ein Mann stand, den Speer in der Hand, back- und steuerbord an der Reling, und ein dritter im Mastkorb. Das Fahrtlicht war nicht angezündet, vermutlich um zu verhindern, daß es sie blendete. Das bedeutete, drei unter Deck. Sie lösten sich vermutlich in regelmäßigen Zeitabständen ab. Ranild ging kein Risiko ein.

Oder doch? Die Reling mittschiffs befand sich kaum zwei Meter über dem Wasser. Es müßte eine Möglichkeit geben, hinaufzuklettern …

Und vielleicht einen oder zwei töten, ehe der Krach alle anderen herbeirief? Nein, das wäre unüberlegt. Gewiß, die Kinder des Wassermanns hatten schon einmal die gesamte Besatzung erfolgreich bekämpft, aber das war, als keiner der Männer mehr als ein Messer getragen und nicht wirklich mit einer Auseinandersetzung gerechnet hatte. Außerdem, als Oluv aus dem Weg geschafft war, war es kein Kampf um Leben und Tod mehr gewesen.

Und nun fehlte auch Kennin.

Mit dem Gesicht über Wasser wartete Tauno ab.

Nach einer Weile vernahm er Schritte, und der Mann im Ausguck rief: „Na, du hast doch nicht gar schon Sehnsucht nach uns.“

„Vergiß nicht, du bist auf Wache.“ Ingeborgs Stimme klang leer und schleppend. „Ich würde dich verführen, wenn die Chance bestünde, daß der Käpt’n dich dann hängen läßt, weil du deinen Posten verlassen hast. Aber das wäre wohl zuviel erhofft. Nein, ich habe den Gestank drunten im Laderaum satt und kam hoch, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Nur hatte ich vergessen, daß es auch hier stinkt!“

„Halt deine Zunge im Zaum, Schlampe. Zwar wollen wir es ohnehin nicht riskieren, dich als Zeugin am Leben zu lassen, aber es gibt verschiedene Arten zu sterben.“

„Und wenn dein Mundwerk zu bissig wird, mag es leicht sein, daß wir dich gar nicht bis zur letzten Nacht auf See leben lassen“, warf der Mann auf der Backbordseite ein. „Für mein Gold bekomme ich mehr Huren, als ich flachlegen kann. Weshalb sollte ich mich da noch mit der Fisch-Ingeborg abgeben?“

„Ja, der Teufel soll sie holen“, rief der Mann im Krähennest wieder und spuckte auf sie herunter. Ingeborg flüchtete, verfolgt von höhnischem Gelächter, unter das Achterkastell.

Tauno tauchte unter die Kogge und arbeitete sich an das Ruder heran. Der Seetang, der daran klebte, fühlte sich glitschig an. Der Halbling kletterte mit noch größerer Vorsicht empor, als er bei seinem Spähausflug in die Nähe des Kraken hatte walten lassen. Schließlich vermochte er die Finger um die Achterreling zu klammern und sich an Bord zu ziehen.

„Was war das?“ schrie ein Seemann aus dem Zwielicht Mittschiffs.

Tauno wartete. Das Wasser, das von ihm herabträufelte, war nicht lauter als das Plätschern der Wellen gegen die Hülle. Er fröstelte.

„Ein verdammter Delphin vermutlich“, rief ein anderer. „Beim Barte Christi, werde ich froh sein, wenn wir dieses verhexte Gewässer hinter uns gelassen haben.“

„Was wirst du tun, wenn du erst wieder an Land bist?“ Die drei Seeleute unterhielten sich nun laut miteinander und schmiedeten Zukunftspläne. Tauno erreichte Ingeborg. Sie hielt die Luft an, als sie ihn entdeckte. Kein Ton kam über ihre Lippen, aber ihr Herz hämmerte laut.

Er schloß sie in der Dunkelheit unter dem Achterkastell in die Arme. Er spürte ihre vollen Rundungen, ihren warmen Duft und das Haar, das seine an ihre Ohren gedrückten Lippen kitzelte. Aber er flüsterte nur: „Wie steht es an Bord? Lebt Nils noch?“

„Bis morgen.“ Sie vermochte vielleicht nicht mit derselben Festigkeit zu antworten, wie Eyjan es tun würde, aber sie war sehr tapfer. „Sie fesselten und knebelten uns beide. Mich wollen sie noch eine Weile am Leben lassen – du hast es vielleicht mitangehört. So verderbt sind sie nicht, daß Nils ihnen etwas geben könnte. Er ist natürlich noch gefesselt. Sie debattieren darüber, was sie mit ihm tun sollten, während er zuhören mußte. Schließlich beschlossen sie, ihn morgen vom Rahnock baumeln zu lassen.“ Ihre Nägel gruben sich in seinen Arm. „Wäre ich keine Christin, wie gut täte es, über Bord in deine See zu springen.“

„Tu es nicht. Ich könnte dir nicht helfen. Wenn nicht schon zuvor von etwas anderem, würdest du an der Kälte sterben. Laß mich lieber nachdenken – laß mich überlegen … Ah!“

„Was?“ Er hörte aus ihrem Ton, wie sehr sie sich bemühte, keine trügerische Hoffnung aufkommen zu lassen.

„Kannst du Nils etwas ausrichten?“

„Vielleicht, wenn sie ihn morgen heraufbringen. Sie werden mich bestimmt zwingen, zuzusehen.“

„Wenn es dir möglich ist, ohne daß jemand anderer es hört, dann sage ihm, er soll den Mut nicht verlieren, sondern für einen Kampf bereit sein.“ Tauno überlegte eine Minute. „Wir müssen dafür sorgen, daß sie nicht auf das Meer achten. Wenn sie soweit sind, das Seil um Nils Hals zu schlingen, dann soll er sich wehren, so gut er kann. Und du greifst ein. Kratz, beiß, stoß mit den Füßen und schrei!“

„Denkst du – glaubst du – wirklich … Ich tue alles. Gott ist gnädig, daß er … Er läßt mich kämpfend an deiner Seite sterben, Tauno.“

„Nein, nein. Du darfst dein Leben nicht in Gefahr bringen. Wenn man ein Messer gegen dich zückt, dann gib sofort nach und flehe darum, daß man dich verschont. Zieh dich zurück, wenn der Kampf beginnt. Ich brauche nicht deine Leiche, Ingeborg. Ich brauche dich lebend!“

„Tauno, Tauno!“ Ihre Lippen suchten seine.

„Ich muß weg“, flüsterte er in ihr Ohr. „Bis morgen also.“

Er kehrte so vorsichtig ins Wasser zurück, wie er gekommen war. Weil seine Umarmung sie ziemlich durchnäßt hatte, hielt Ingeborg es für besser, einstweilen unter dem Achterkastell auszuharren, bis sie wieder trocken war. Sie würde ohnehin nicht zu schlafen vermögen. Sie fiel auf die Knie und begann zu beten. „Lob sei Gott in der Höhe“, stammelte sie. Und „gepriesen seist du Maria, voller Gnaden – oh, du bist eine Frau, du wirst mich verstehen – der Herr ist mit dir …“

„Heh, du dort!“ brüllte ein Seemann. „Hör mit dem Unsinn auf! Bildest du dir vielleicht ein, du bist eine Nonne?“

„Was hältst du von mir als deinem himmlischen Bräutigam?“ rief der Ausguck herunter.

Ingeborgs Stimme schwieg, doch nicht ihre Seele. Und bald beschäftigte die Wachen etwas anderes. Delphine begannen das Schiff zu umkreisen. Dutzende, und immer weiter schwammen sie rund herum. Hinter ihnen, in der hellen Nacht, schäumten fast lautlos die Wellen auf. Ihre Rückenflossen hoben sich wie scharfe Klingen aus dem Wasser. Ihre Münder schienen zu einem höhnischen Lachen verzerrt, und ihre Augen rollten vor boshaftem Vergnügen.

Die Männer weckten Ranild. Er runzelte die Stirn und zupfte an seinem Bart. „Das gefällt mir nicht“, murmelte er und betrachtete die kreisende Schar. „Hätten wir nur auch noch die letzten beiden des Fischvolks aufgespießt. Sie haben etwas Übles vor, dessen können wir sicher sein … Nun, ich zweifle, daß sie die Kogge versenken werden, denn wie sollten sie dann das Gold an Land bringen? Von ihrer Freundin, der Schlampe, nicht zu sprechen.“

„Sollten wir vielleicht auch Nils einstweilen noch am Leben lassen?“ fragte Sivard.

„Hmmm … Nein. Wir müssen diesem Pack zeigen, daß wir es ernst meinen. Brüllt laut genug auf das Wasser hinaus, daß Fisch-Ingeborg mit Schlimmerem als Hängen zu rechnen hat, wenn sie uns weiter belästigen.“ Ranild feuchtete einen Finger an und hob ihn in die Luft. „Ich spüre eine Brise“, erklärte er. „Wir können gegen Morgen aufbrechen, wenn Nils das Rahnock hinter sich hat.“ Er zog sein Kurzschwert und winkte damit drohend zu den Delphinen. „Hört ihr mich? Verschwindet in eure Meereshöhlen, ihr seelenlosen Bestien! Wir Christen kehren nach Hause zurück!“

Die Nacht zog sich dahin. Die Delphine taten nichts weiter, als stetig um das Schiff zu patrouillieren. Schließlich kam Ranild zur Überzeugung, daß sie nichts anderes tun konnten. Daß die Halblinge sie nur geschickt hatten, in der Hoffnung, etwas auszukundschaften, oder auch nur, um ihnen vielleicht Angst einzujagen.

Der Wind wurde frischer. Die Wellen wuchsen und schlugen lauter gegen die zu schaukeln beginnende Schiffshülle. Eine Schar schwarzer Schwäne zog über den Himmel.

Mit dem frühen sommerlichen Morgengrauen erloschen die Sterne. Im Osten färbte der Horizont sich weiß, im Westen behielt er noch sein silbernes Blau, aus dem der Mond sich fahl abhob.

, Mit den Speerspitzen trieben die Männer Nils vom Laderaum an Deck. Seine Hände waren am Rücken gefesselt, deshalb hatte er beim Emporklettern Schwierigkeiten. Zweimal stolperte er zur hämischen Freude der anderen. Seine Kleidung war verdreckt und blutbesudelt, aber sein wehendes Haar und der Bartflaum fingen den Glanz der aufgehenden Sonne ein. Weit spreizte er die Beine, um auf dem schaukelnden Schiff das Gleichgewicht zu halten, und in tiefen Zügen sog er die frische Luft ein.

Torben und Palle hatten back- und steuerbords Posten bezogen, Sivard im Krähennest. Lave und Tyge bewachten den Gefangenen. Ingeborg stand etwas seitwärts, ihr Gesicht eine unbewegte Maske, doch ihre Augen glühte. Nils zuckte mit keiner Wimper, während seine Augen auf Ranild gerichtet waren, der die Schlinge des am Rahnock befestigten Taus in der Hand hielt.

„Da wir keinen Priester an Bord haben, gestattet Ihr, daß ich ein letztes Vaterunser spreche?“ fragte der Junge.

„Warum?“ brummte der Kapitän.

Ingeborg schlurfte näher. „Vielleicht kann ich dir die Absolution erteilen, wenn du gebeichtet hast“, meinte sie.

„Heh, was soll das?“ brauste Ranild auf, doch dann grinste er, und seine Männer brachen in schallendes Gelächter aus.

„Tu es!“ gestattete er schließlich.

Er winkte Lave und Tyge zu sich und zog sich mit ihnen zum Bug zurück. „Na, macht schon!“ schrie er durch den Wind und das Rauschen der Wellen. „Bietet uns etwas. Solange du einen guten Schauspieler abgibst, Nils, bleibst du am Leben.“

„Nein!“ protestierte der Junge. „Ingeborg, wie kannst du nur …“

Trotz seiner Gegenwehr zog sie seinen Kopf an einer Locke zu sich herab und flüsterte etwas. Sie sahen, wie seine Schultern sich strafften und seine Augen auf leuchteten.

„Was hast du ihm gesagt?“ erkundigte Ranild sich.

„Erhaltet mich am Leben, dann verrat ich es euch vielleicht“, erwiderte Ingeborg spöttisch. Sie und Nils spielten das letzte Sakrament, so gut sie es vermochten, während die Seeleute sich vor Lachen bogen.

Pax vobiscum“, sagte sie, die viele Priester gekannt hatte, endlich. „Dominus vobiscum.“ Sie segnete den knienden Jungen. Es gab ihr die Gelegenheit, ihm zuzumurmeln: „Möge Gott uns dieses Spiel vergeben. Nils, wenn wir uns nicht mehr sehen werden, sei Gott deiner Seele gnädig.“

„Und deiner, Ingeborg.“ Er erhob sich. „Ich bin bereit“, rief er.

Verwirrt und ein wenig beunruhigt kam Ranild mit der Schlinge heran.

Und plötzlich begann Ingeborg zu kreischen. „Ha-a-a-a-ah!“ Ihre Nägel stießen nach Laves Augen. Er wich zur Seite. „Was, zum Teufel …“, keuchte er. Ingeborg hängte sich kratzend, beißend und schreiend an ihn. Tyge schoß herbei. Nils senkte den Kopf und rammte ihn Ranhild in den Leib. Der Kapitän plumpste auf seinen Hintern. Nils stieß ihm den Fuß in die Rippen. Torben und Palle kamen angerannt, um den Jungen zu packen. Sivard starrte mit offenem Mund vom Mastkorb herunter.

Die Delphine hatten das Schiff schon so viele Stunden umkreist, daß die Mannschaft sie nun für harmlos hielt und sie kaum noch beachtete. Zu spät gab der Ausguck Alarm.

Von unter dem Achterkastell stürmte Eyjan herbei. Der Dolch funkelte in ihrer Hand.

Und Tauno tauchte aus dem Wasser. Er hatte seine Lunge geleert, während er sich am Kiel unter dem Bug festgehalten hatte. Nun hob ein Delphin sich unter ihm. Mit Fingern und Zehen hielt der Halbling sich an seiner Rückenflosse fest, bis der Sprung des Fisches ihn fast zur Reling brachte. Mit einem Satz war Tauno an Deck.

Palle drehte sich um. Der Halbling griff mit der Linken nach dem Speerschaft. Seine Rechte stieß den Dolch in Palles Herz, dann rammte er den Speergriff in Torbens Bauch. Der Seemann taumelte zurück.

Tauno durchschnitt Nils’ Handfesseln. Dann steckte er ihm Kennins Dolch zu. Nils stieß einen kurzen Freudenschrei aus und stürzte sich auf Torben.

Lave hatte noch seine Schwierigkeiten mit Inge borg, als Eyjan ihm ihren Dolch in den Nacken stieß. Ehe sie die Klinge zurückreißen konnte, holte Tyge mit dem Speer nach ihr aus. Mit einer verächtlichen Bewegung wich sie ihm aus und sprang ihren Angreifer an. Was dann geschah, bleibt besser unbeschrieben. Das Meervolk kannte keine Kriege, aber wenn es überfallen wurde, wußte es sehr wohl, wie man einen Feind erledigte.

Im Mastkorb winselte Sivard um Gnade.

Obgleich Torben halbbetäubt war, gelang es Nils doch nicht, ihm sofort den Rest zu geben. Doch schließlich fand die Klinge sein Herz. Aber selbst dann starb er nicht gleich. Blutend und mit Armen und Beinen um sich schlagend, brüllte er vor Pein, bis Eyjan herbeieilte und ihm die Kehle durchschnitt.

Nils mußte sich übergeben.

Inzwischen war Ranild wieder auf die Füße gekommen. Sein Schwert fuhr mit kaltem Funkeln aus der Scheide. Er und Tauno umtänzelten einander, um einen Angriffspunkt zu finden.

„Was immer du auch tust“, warnte ihn Tauno, „mit dem Leben kommst du nicht davon.“

„Wenn mein Körper stirbt“, höhnte Ranild, „wird meine Seele in alle Ewigkeit weiterleben, während von dir nichts als Dreck bleibt.“

Der Halbling blieb kurz stehen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich verstehe es nicht“, sagte er. „Vielleicht aber braucht deinesgleichen eine Ewigkeit, um sich zu läutern?“

Ranild glaubte, seine Chance zu sehen. Er stürmte auf Tauno zu und fiel so auf dessen Finte herein. Er stieß zu. Der Halbling wich aus und schlug mit der linken Handkante auf Ranilds rechtes Handgelenk. Das Schwert fiel klirrend auf das Deck. Taunos Klinge traf ihr Ziel. Ranild stürzte zu Boden. Die Sonne stieg höher, und alles Blut leuchtete in einem unvorstellbar kräftigen Rot.

Ranilds Wunde war nicht tödlich. Er starrte zu Tauno über ihm empor und keuchte: „Laß mich – zu Gott beichten … Gib mich nicht der – Verdammnis preis …“

„Weshalb sollte ich?“ konterte Tauno. „Ich habe keine Seele.“ Er warf den Kapitän über Bord für die Haie. Eyjan kletterte zum Mastkorb hoch und machte Sivards Gewinsel ein Ende.

9.

Der Sommer verging, und der Herbst kam mit seinen leuchtenden Farben. Die Wildgänse zogen über den Himmel, und der erste Nachtfrost kleidete Bäume und Sträucher in Rauhreif.

Aus Jütland schnitt ein Schiff durch die Wellen des Kattegats, durch den Sund mit seinen silbernen Heringsschwärmen und den Fischkuttern, die sie in Netzen an Bord zogen; dann weiter in die Ostsee, bis es Bornholm erreichte. Es legte bei Sandvig am nördlichen Ende an, wo die Insel sich in hohen Klippen zu jenem Bollwerk hob, das man Hammerhaus nannte. Hier bekam die Mannschaft ihren Landurlaub. Die Eigner mieteten sich Pferde und ritten zu einer bestimmten Höhle.

Graue Schaumkronen wogten unter einem bleichen bewegten Himmel. Als sie losritten, knirschte der Kies unter den Hufen. Die Möwen flatterten schreiend über das Wasser. Am Strand häufte sich brauner Tang, der nach der Tiefe des Meeres roch. Jenseits der Dünen und dem rauhen Gras erstreckten sich ein Moor und blühende Heide, und in der Ferne ragte ein Bautastein empor, den ein langvergessenes Volk dort aufgerichtet hatte.

Die Kinder des Wassermanns wateten an Land, um ihre Besucher zu begrüßen. Sie trugen nichts weiter als Gürtel, in denen ihre Obsidiandolche steckten, und die Wassertropfen, die auf ihrer Haut glitzerten. In den Händen hielten sie Harpunen aus Knochen und Treibholz. Taunos nasse Locken schimmerten grünlich golden, Eyjans bronzefarbig, beide mit einem schwachen Algenton.

Nils Jonsen und Ingeborg Hjalmarsdatter umarmten die beiden. „Wie lange ist es her, wie schrecklich lange, daß wir uns zuletzt sahen“, rief Ingeborg bewegt.

„Auch für uns war die Zeit nicht kürzer, während wir auf euch warteten“, erwiderte Tauno. Seine Ruhe war nur eine dünne Maske. „Sprecht schon“, drängte er schließlich, „Wie stehen die Dinge?“

„Gut“, versicherte ihm Ingeborg rasch. „Es war nicht leicht – es ist besser, wir denken nicht mehr daran, wie nahe wir der Hanfschlinge kamen, als die Junker das Gold rochen – doch gelang es uns, alles nach eurem Wunsch zu tun. Margarete lebt frei, im Schoß der Familie ihrer Mutter.“ Sie vermochte ein spöttisches Lachen nicht zu unterdrücken. „Wie liebevoll besorgt sie um die arme verwaiste Verwandte waren, als wir ihnen ein paar Beutel aus des Kraken Hort zeigten. Doch habt keine Angst, wir sorgten dafür und kümmern uns auch weiterhin darum, daß der größte Teil des Schatzes für ihre Aussteuer bleibt.“

Eyjan küßte Nils so heftig wie die stürmische Ostsee die Insel Bornholm. „Nie kann ich dir genug danken.“

„Dank nicht mir“, wehrte er verlegen ab. „Ingeborg tat all die Arbeit. Ich war nicht mehr als ihr Leibwächter.“

„Ohne dich“, versicherte ihm Eyjan, „wäre es uns kaum geglückt, die Herning zu einem Hafen zu bringen.“

Tauno ließ seine Harpune fallen und faßte Ingeborg bei beiden Händen. Nie zuvor hatte sie so viel Angst aus seiner Stimme gehört wie jetzt: „Abgesehen davon, daß sie nun reich ist, wie geht es unserer kleinen Schwester?“

„Sehr gut“, versicherte sie ihm hastig, um ihm die Sorge zu nehmen. „Wir haben uns eingehend und oft mit ihr unterhalten.“ Sie senkte die Augen. „Sie – sie ist nicht undankbar … Doch frömmer als die meisten. Du mußt verstehen. Sie ist glücklich, aber es ist besser, wenn ihr sie nicht selbst auf sucht.“

Tauno nickte. „Wir hatten es nicht mehr anders erwar