»I’m falling in love with my favorite song«
Mando Diao
Leo starrte auf den Bildschirm seines Rechners. Er lauschte der Melodie in einer Endlosschleife, während seine nackten Füße froren. Es zog unter der Tür und gleichzeitig durch das geschlossene Fenster. Die letzte Renovierung des Mehrfamilienhauses war vermutlich Jahrzehnte her. Mit sechzehn war er hier eingezogen. Nachdem sein Vater ihn rausgeschmissen hatte, weil er sich geweigert hatte, ihm einen Kasten Bier zu kaufen. Er hatte versucht, seinen Vater trocken zu kriegen. Der Tag, an dem er gefeuert worden war, war vermutlich nicht der beste Zeitpunkt gewesen. Aber Leo hatte gewusst, dass sein Vater diese Krise nur nüchtern überstehen würde. Besoffen würde er keinen neuen Job finden.
Sein Vater hatte kurzerhand einen Weg gefunden, Geld zu sparen. Er hatte seinen Sohn vor die Tür gesetzt.
Für ein paar Tage war Leo bei einem Freund untergekommen. Er hatte recherchiert, dass er sich ans Jugendamt wenden konnte. Nach intensiver Prüfung durch das Amt wäre er bestimmt in einem betreuten Wohnen gelandet. Leo hatte jedoch ein ganz bestimmtes Gefühl wahrgenommen, seit sein Vater ihn rausgeworfen hatte: Befreiung. Er hatte nicht mehr die Aufgabe, seinen Vater zu retten, und er selbst wollte von niemandem gerettet werden. Betreuung bedeutete für ihn vor allem Kontrolle.
Also suchte er seine Tante Magda auf. Die Schwester seines Vaters hatte schon vor Jahren den Kontakt abgebrochen
und lebte in einer heruntergekommenen Wohnung in Neukölln. Sie war Busfahrerin und wenig begeistert über Leos spontanen Besuch. Doch Leo konnte ihr die Angst, dass er bei ihr unterkommen wollte, schnell nehmen. Alles, was er wollte, war ihre Unterschrift. Für einen Mietvertrag. Solange er offiziell bei einem Verwandten unterkam, wurde das Jugendamt nicht auf ihn aufmerksam. Das Geld für die Miete würde er selbst auftreiben, versprach er Magda. Sie unterschrieb kommentarlos und war sichtlich erleichtert, als er wieder ging.
Was genau zwischen seinem Vater und ihr schiefgelaufen war, hatte Leo nie recht begriffen. Er wusste nur, dass es in seiner Familie eine lange Tradition in Sachen Zerrüttung und Selbstzerstörung gab.
Leos Mutter war abgehauen, als er zwei Jahre alt gewesen war. Warum und wohin, darüber hatte sein Vater stets geschwiegen, und irgendwann hatte Leo aufgehört zu fragen. Schließlich wusste seine Mutter, wo Leo zu finden war, und machte von diesem Wissen keinen Gebrauch, was in Leos Augen genug über ihren Charakter und ihre Wünsche aussagte.
Ein letztes Mal besuchte er seinen Vater, um seine Sachen abzuholen. Er war sich nicht sicher, ob der Alte überhaupt etwas davon mitbekommen hatte. Offensichtlich war er zu betrunken gewesen, um das teure Equipment zu verkaufen, das Leo sich mit der Zeit zusammengekauft hatte. Zwei Computer mit Recording-Software, ein Drum-Computer, ein Keyboard und seine Gitarre.
Mit sieben hatte er bei der Nachbarin auf dem Klavier üben dürfen. Jeden Tag eine Stunde. Mit zwö
lf hatte er die Gitarre in einem Laden gesehen und dann zwei Jahre sein mageres Taschengeld gespart, um sie sich mit vierzehn kaufen zu können. Mit fünfzehn war die erste Recording-Software auf seinen Rechner geladen, und mit sechzehn hatte er seine ersten zehn Songs zusammen. Bis auf das Klavierspielen hatte er sich alles selbst beigebracht.
Dafür hatte es einen Musiklehrer gegeben. Herrn Reinhardt. Er hatte Leos Talent erkannt und den Kontakt mit seinem Vater gesucht, um bessere Unterrichtsmöglichkeiten für Leo zu suchen. Natürlich war es seinem Vater völlig egal gewesen, sodass Herr Reinhardt Leo einmal die Woche ehrenamtlich unterrichtet hatte. Er verdankte seinem Lehrer alles.
Leo stellte seine Musik online, ohne dass sie irgendjemand bemerkt hätte. Was nichts an seiner Motivation änderte. Es ging ihm um das Tun. In dem Moment, in dem er den ersten Beat hörte, die erste Melodie darüberlegte, war Frieden in ihm. Nur deshalb machte er Musik.
Um das Zimmer und sein Essen bezahlen zu können, hatte sich Leo damals auf die Straße gestellt und seine eigenen Songs mit Gitarre gespielt. Es hatte gerade so zum Überleben gereicht. An Schule war nicht zu denken. Herr Reinhardt hatte ihn mehrmals gesucht und ihm E-Mails geschrieben. Leo hatte nie darauf reagiert, denn der Lehrer hätte seiner Pflicht nachgehen und Leo beim Jugendamt melden müssen.
Die schulische Laufbahn war beendet und auch der Privatunterricht. Der Preis seiner Freiheit, wie Leo sich einredete. Er schaffte es unentdeckt bis zur Volljährigkeit. Bis dahin hatte er genug Songs zusammen,
um sich bei Labeln zu bewerben. Ein eigenes Album wurde nicht draus, aber er bekam den Job, Songs für Werbespots zu produzieren.
Für Leo ein tolles Angebot. Er hatte ein normales Leben vor sich. Geregelter Job, ohne die ständige Angst, vom Jugendamt erwischt zu werden.
Dann fing es an.
Er war mit seinem Freund Bernie in einer Kneipe gewesen. Hielt sich wie immer an seinem Wasser mit zwei Scheiben Zitrone fest, während Bernie bereits beim dritten Pils war. Leo hatte bei seinem Vater gesehen, was Alkohol bewirken konnte, und kein Interesse daran, diese Erfahrung zu teilen.
Im Gespräch mit Bernie wurde er irgendwann abgelenkt. Klänge drangen an sein Ohr, die Leo nicht zuordnen konnte und die die eigentliche Hintergrundmusik überlagerten.
Er sprach Bernie darauf an. »Hörst du das?«
»Was?«
»Die Melodie.« Leo hatte sich umgesehen und nach der Quelle der Klänge gesucht, die sich immer wieder wiederholten.
»Ich höre nix.« Bernie leerte sein Bier und ging zur Theke, um sich ein weiteres zu bestellen. Während er ging, wurden die Klänge leiser.
Leo sah sich weiter suchend um, und als Bernie zurückkam, wurde die Melodie wieder lauter.
»Hast du einen neuen Klingelton?«
Er hatte keinen neuen Klingelton. Er hatte sein Handy nicht mal dabei. Die Melodie jedoch wurde immer
lauter. Leo war irgendwann so verwirrt gewesen, dass er sein Wasser leerte und die Kneipe verließ. Regelrecht flüchtete. Kaum auf der Straße angekommen, verstummte die Melodie. Er redete sich ein, überarbeitet gewesen zu sein, und legte sich ins Bett.
Als er sich am nächsten Morgen bei Inga im Kiosk um die Ecke einen Kaffee holte, das gleiche Spiel. Während im Hintergrund das Radio lief, hörte Leo plötzlich eine Melodie. Ein paar Töne nur, die sich immer wieder wiederholten. Inga sagte etwas zu Leo, aber die Melodie war so laut, dass er sie nicht mehr verstehen konnte. Fluchtartig verließ er den Kiosk, und wieder hörte die Melodie auf.
Leo war mit seinem Kaffee den Kottbusser Damm vor bis zum Maybachufer gegangen. Er hatte auf der Brücke gestanden und ins Wasser gestarrt, verwirrt von den Vorkommnissen und mit dem Gedanken beschäftigt, ob er langsam verrückt würde, als zwei Mädchen an ihm vorbeigegangen waren. Sie hatten aufeinander eingeredet. Leo bekam nur so viel mit, dass die Blonde mit ewig langen Haaren nichts von einem Jungen wissen wollte, den ihre Freundin mit dem Kopftuch und den unfassbar dunklen Augen für den ihr bestimmten Mann hielt. Oder zumindest den Jungen, den die Blonde küssen sollte. Leo beobachtete die beiden, als sich mit einem Mal zwei Melodien in seinen Gehörgang schlichen.
Eine Melodie, die mit einem hohen Ton begann und sich in langsamer Abfolge in tiefere Tonlagen schlich. Und eine zweite, bei der es umgekehrt war. Sie begann in einer tiefen Tonlage und wurde mit jedem
Klang höher. In der Mitte begegneten sich die beiden Melodien und wurden eins. Das Lied, das die Melodien miteinander spielten, war das Schönste, was Leo bis dahin gehört hatte. Die Mädchen hatten die Brücke schon fast überquert. Das Lied wurde leiser.
Nein! Er wollte nicht, dass es aufhörte. Wollte das Lied weiterhören.
Eilig lief er den beiden nach, packte die Blonde mit der freien Hand an der Schulter. Sie erschrak sichtlich, drehte sich um und wich einen Schritt vor ihm zurück.
»Hey!«, rief die mit dem Kopftuch wütend.
Leo starrte die beiden an, die seinen Blick fragend erwiderten. Die Melodie war nun ganz klar zu hören. Schien ihn regelrecht anzuschreien.
»Was bist du denn für ein Irrer?«, fragte das Mädchen mit dem Kopftuch.
Aber die Blonde blieb ganz ruhig. Sie sah ihn an. Mit blauen Augen.
Leo ging langsam ein paar Schritte zurück. Der Kaffee glitt ihm aus der Hand. Er drehte sich um und rannte zurück in seine Wohnung, wo er die beiden Melodien aufnahm und miteinander vereinte. Beide für sich allein waren es wunderschöne Melodien. Zusammen waren sie perfekt. Stundenlang hörte er sich das Lied an. Während er der Musik lauschte, hatte er eines längst begriffen: Er konnte die Melodien der Menschen hören.
Was wie ein Geschenk begann, wandelte sich bald in einen Fluch. Seine Gabe reifte heran, und schon bald musste Leo nur das Haus verlassen und wurde von
Musik regelrecht erschlagen. Am Kottbusser Damm schoben sich Tag und Nacht unzählige Menschen aneinander vorbei, und jeder von ihnen hatte eine eigene Melodie. Manche waren leise, zurückhaltend. Manche laut und dröhnend. Manche hatten einfach denselben Ton endlose Male hintereinander.
Schon bald konnte Leo nicht mehr hören, was eine Person zu ihm sagte. Er hörte nur noch Musik. Und nicht bei allen harmonierten diese Melodien wie bei den beiden Mädchen. Im Gegenteil. Es klang wie ein riesiges Orchester, bei dem jeder sein Instrument stimmte und wild durcheinander spielte. Irgendwann brach Leo auf dem Gehweg sich die Ohren zuhaltend zusammen. Er rief verzweifelt um Ruhe. Aber die Musik hörte nicht auf. Während die Passanten ihm irritierte Blicke zuwarfen, rannte Leo ins Haus, verbarrikadierte sich in seiner Wohnung und schloss alle Fenster.
Er hatte so viel Musik in sich, dass er nicht mehr in der Lage war, sie aufzuschreiben. So verbrachte er eine Woche in seinem Zimmer, ehe Bernie mit einem Sixpack vorbeikam. Im Glauben, Leo habe sich eine Grippe eingefangen, wollte er ihn besuchen. Leo verstand nicht, was er sagte. Hörte nur seine Melodie. Pompös und forsch waren Bernies Klänge, unerschrocken, so wie sein Freund selbst. Leo griff automatisch nach einem der Biere. Er öffnete die Flasche und trank einen großen Schluck. Dann noch einen. Und starrte seinen Freund erstaunt an. Seine Melodie war leiser geworden. Leo trank die ganze Flasche leer und stellte fest, dass Bernies Melodie nur noch ein Hintergrundrauschen
war. Nach einer weiteren Flasche verstummte sie ganz. Leo wagte sich nach draußen und stellte fest, dass das Konzert der Menschen verstummt war.
Auf diese Weise war er seit drei Jahren nicht mehr nüchtern gewesen. Nur mit einem konstanten Alkoholpegel war er in der Lage, sich zwischen anderen Menschen aufzuhalten. Wurde er nüchtern, setzte das schräge Konzert sofort wieder ein, weshalb er direkt nach dem Aufstehen bereits das erste Bier trank. Er machte weiter Musik, wenig inspiriert, aber gut genug, um davon leben zu können. Er hatte eine Affäre mit Inga, deren Melodie selbst im seltenen nüchternen Zustand nichtssagend und wenig aufregend war.
Leo hätte so weitermachen können. Aber eines blieb trotz konstantem Alkoholpegel. Eine tiefe Sehnsucht.
Denn bei allen Melodien, die Leo gehört hatte, hatte er eine nie vernommen: seine eigene.
Jetzt war sie da. Seine Melodie. Er hatte sie eingespielt. Gespeichert mit seiner Recording-Software. Lauschte ihr seit zwei Tagen.
Zwei Tage, in denen er keinen Tropfen Bier getrunken hatte. Er wollte sie nicht verlieren, seine Melodie. Wollte sie nicht wegsaufen. Sondern für immer in sich tragen. Und den Frieden fühlen, der von ihr ausging.