»You touch me, I hear the sound of mandolins«
David Bowie
Der Bus hielt direkt vor dem Hotel. Vom Mummelsee nach Sand waren es nur ein paar Stationen entlang der Schwarzwaldhochstraße. Als sie ausstieg, war Timo schon da.
Er musste sie auf dem Weg hierher aufgespürt haben und musterte sie fragend. Wollte wissen, wo sie gewesen war und warum er sie nicht hatte sehen können.
Sie wollte ihm alles erzählen oder besser: schreiben. Zu Hause, in Ruhe. Jetzt musste sie noch jemand anderen besuchen. Etwas, das Timo überhaupt nicht gefiel. Er hasste es, wenn sie zu ihm ging. Das war Lara klar. Aber von allen Menschen war Marc der Einzige, bei dem sie sich nicht verstellen musste. Genau wie sie hatte er nicht vergessen, welche Reise sie hinter sich hatten. Vor ihm musste Lara nichts verheimlichen. Und viel wichtiger war, dass er ihr und Körnchen das Leben gerettet hatte. Sie war zwar aus eigener Kraft aus dem weißen Raum des Auges zurückgekehrt, aber mit gebrochenen Knochen und in der Welt ihrer Eltern.
Marc hatte Mila in der Zwischenzeit so lange bearbeitet, bis diese ihm den magischen Ausgang der Erde gezeigt hatte, damit Marc Lara zurückholen konnte. Diesen Einsatz würde Lara ihm nie vergessen.
Seit dem Abend, als sie in seinem Garten mit Ayse und Cem den Supermond bewundert hatten, war ihr Verhältnis abgekühlt. Es war der Moment gewesen, als Lara Timo das erste Mal gesehen hatte. Als Geist. Sie hatte seinen Namen gerufen. Timo war auf sie zugegangen, selbst ungläubig, dass Lara ihn sehen konnte. Vor den anderen hatte Lara sich schnell wieder gefangen und behauptet, dass sie sich getäuscht habe. Ayse und Cem hatten ihr das geglaubt und die angebliche Illusion ihrem Schock zugeordnet. Marc nicht. Nach ihrer gemeinsamen Reise war ihm klar, dass Lara Timo wirklich sehen konnte. Dass er immer noch bei ihr war. Die Nachricht der Schwangerschaft hatte Marc dann den Rest gegeben. Er zog sich von ihr zurück. Lara ließ das nicht zu. Sie konnte, ja wollte ihn nicht der Isolation überlassen. Es reichte schon, dass er das ohnehin kaum besuchte Hotel für Gäste geschlossen hatte. Er hatte es von seinem Großvater Gustav geerbt. Seiner einzigen Familie. Über dessen Tod hatte Marc kein Wort verloren.
Auf dieser Beerdigung war Lara gewesen. An einem Tag, an dem zehn Menschen beerdigt worden waren. Unter ihnen auch Lichtlein, ein Freund von Marcs Großvater.
Der ausbleibende Tod hatte bei den Menschen seine Spuren hinterlassen, besonders da immer noch keiner erklären konnte, wie das möglich gewesen war. Tatsächlich schienen die meisten Menschen froh darüber zu sein, dass alles wieder seinen geregelten Gang ging. Dass das Leben ein Ende hatte. Und nicht unter Schmerzen und Ängsten in die Länge gezogen wurde.
Marc kümmerte das alles wenig. Er saß nur noch vor seinen Rechnern und bastelte an irgendeinem Programm. Er war auf dem besten Weg, das Leben ihres Vaters zu führen. Und das würde Lara nicht zulassen. Marc hatte ihr das Leben gerettet, und sie war fest entschlossen, ihm ihrerseits zu helfen. Was natürlich wesentlich einfacher wäre, wenn Marc darauf ansatzweise Lust gehabt hätte.
Wenn jemand eine Mauer um sich herum bauen konnte, dann war er es. Dennoch setzte Lara ihre Besuche fort. Nicht nur für ihn, wie sie sich eingestehen musste. Sie mochte ihn. Als Freund. Sie hatte eine Seite an ihm kennengelernt, die er zuvor erfolgreich versteckt hatte. Marc hatte eine Leidenschaft, für die er bereit gewesen war, jedes Risiko einzugehen. Er lebte für die Sterne. Lara würde nie vergessen, wie seine Augen geleuchtet hatten, als er ihr von seiner Theorie berichtete, dass sie auf anderen Planeten unterwegs waren. Er hatte wie ein kleines Kind gewirkt.
Als Lara das heruntergekommene Hotel betrat, drehte sie sich noch einmal zu Timo um, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen geblieben war. Worte waren in diesem Moment nicht nötig. Ein Blick in sein Gesicht reichte völlig aus. Lara hatte ihm klargemacht, dass es keinen Grund für Eifersucht gab. Vergeblich. Dabei hatte Timo keinen Anlass zur Sorge.
Er ist eifersüchtig auf das Leben , schoss es ihr durch den Kopf.
Das eine, das er Lara nicht mehr geben konnte.
Sie fasste sich an die Stelle zwischen den Augen, die den ganzen Weg entlang unaufhörlich gekribbelt hatte. Styx hatte also ihr drittes Auge freigelegt. Und nun konnte sie den Willen der Menschen sehen. Aber wie? Sie hatte keine Vorstellung davon. Aber sie wusste ziemlich genau, welchem Willen sie gleich begegnen würde: dem Willen, allein zu sein.
In der Eingangshalle kam ihr Susi schwanzwedelnd entgegen. Die Labradorhündin jaulte und hechelte vor Freude über Laras Anblick. Seit Gustavs Tod war Lara vermutlich die einzige Person außer Marc, die sie zu Gesicht bekam. Lara streichelte die Hündin. Nachdem diese ihre Hand ausgiebig geleckt hatte, sah Lara sich um. Das Hotel schien förmlich auseinanderzufallen. Der Putz bröckelte von der Decke ab, die Fliesen auf dem Boden, die das Sonnensystem darstellten, waren teilweise kaputt. Jedes Mal, wenn Lara hier war, empfand sie es als schrecklich, dass Marc das riesige Hotel so verkommen ließ. Die Lage war genau richtig. Der Wald grenzte an den hinteren Bereich des Hotels an. Die Ortschaft Bühlertal war in wenigen Minuten zu erreichen, und auch nach Baden-Baden war es nicht weit. Wenn man das Haus renovieren und Werbung machen würde, wäre es bestimmt gut besucht gewesen. Auf der anderen Seite war es schwer vorstellbar, dass Marc Gäste beherbergte. Wer, außer Lara, würde freiwillig in seiner Nähe bleiben?
Gleich hinter der Empfangstheke hatte Marc sich sein Reich eingerichtet. Ein weißer Raum, gefüllt mit Rechnern und dem Bild von Laniakea an der Wand. Der große Galaxienhaufen, den sie auf ihrer Reise mit eigenen Augen gesehen hatten. Ob das Bild noch immer an der Wand war, wusste Lara allerdings nicht mit Sicherheit. Denn Marc hatte sie seit ihrer Rückkehr nicht mehr in das Zimmer gelassen .
Auch jetzt trat er aus ihm heraus und schloss die Tür hinter sich, ehe er an den Empfangstresen trat.
»Was willst du?«
Erschrocken blieb Lara stehen. Seine dunklen Locken hingen ihm fettig ins Gesicht, die Ringe unter seinen Augen waren beinahe schwarz, und sein Blick war hart.
»Du siehst übel aus.«
»Schlecht geschlafen«, murmelte er. »Ich habe keine Zeit.«
»Ich weiß.« Lara ging ruhig auf Marc zu.
Er wich ihrem Blick aus. »Warum bist du dann immer noch da?«
»Ich wollte mich verabschieden«, erklärte sie.
Jetzt sah er sie an. Seine Miene immer noch so versteinert, dass sie seine Reaktion nicht abschätzen konnte. »Gehst du doch nach Berlin? Gute Idee.«
»Ich reise noch einmal zu den anderen Welten. Und hole Isabel zurück.«
Er starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. »Du bist schwanger!«, erinnerte er sie.
»Styx sagt, dass Körnchen nichts passiert.«
»Körnchen?«
»Das ist nur der Arbeitstitel.«
»Styx hat also ... mit dir geredet?«
»Ja. Sie kann nicht nur beamen. Sie kann auch sprechen. Was einen nicht überraschen sollte. Hat es mich aber trotzdem.«
Während Lara Marcs Reaktion abwartete, kribbelte es zwischen ihren Augen mit einem Mal so heftig, dass ihr schwindlig wurde. Sie hielt sich am Tresen fest .
»Was ist?«
»Ich muss mich mal kurz setzen.« Ohne Marcs Antwort abzuwarten, ging sie um den Tresen herum und öffnete die Tür.
»Stopp!«, rief er.
»Ich brauche einen Stuhl. Und einen Schluck Wasser!« Sie betrat das Zimmer und fand gerade noch Halt an dem großen Sessel, der vor Marcs Schreibtisch stand. Sie schloss die Augen und rieb sich die Stelle zwischen den Augen. Was hatte Styx getan?
»Ich ruf einen Arzt«, hörte sie Marcs Stimme, der ihr gefolgt war.
»Nein. Das geht gleich vorbei. Nur ein Wasser, bitte.«
Er ging. Lara blinzelte. Das Kribbeln hörte auf. Ebenso der Schwindel. Sie richtete sich auf und sah sich um. Was sie sah, verschlug ihr den Atem. Die Anzahl an Rechnern hatte sich verdreifacht. Sie alle liefen um die Wette. Zahlenreihe nach Zahlenreihe sauste über die Bildschirme. An der Wand, auf der Laniakea aufgezeichnet gewesen war, hingen Din-A4-Seiten. Vorsichtig stand Lara auf und ging näher. Punkte waren auf den Blättern gezeichnet, die durch Linien miteinander verbunden waren. Manche der Punkte waren mit Zahlen und Namen versehen.
HR 5171 A
119 Tauri
UY Scuti
Das komplette Zimmer war mit diesen Zetteln zugepflastert.
Marc kam zurück. Mit einem Glas Wasser in der Hand. »Du kannst ja schon wieder stehen«, stellte er abweisend fest und drückte Lara das Glas in die Hand.
»Was treibst du hier?«, fragte sie und nahm einen großen Schluck.
»Geht dich nichts an.«
Seit er zurückgekommen war, hatte das Kribbeln zwischen ihren Augen wieder zugenommen. Sie rieb sich erneut die Stelle und ging weiter im Raum herum, um sich die Zettel anzusehen.
»Kannst du bitte einfach gehen?« Er klang bereits leicht verzweifelt.
Aber Lara war so daran gewohnt, seine Feindseligkeiten zu ignorieren, dass sie auch diesem Wunsch nicht nachkam. Sie entdeckte ein paar Zettel mit Zeichnungen, die ihr bekannt vorkamen. Da waren Gestalten gezeichnet, deren Haut aus verschiedenen Farbtönen bestand. Eine Seite voll mit Gräsern und einem Fluss. Ein anderer Zettel zeigte eine große Gestalt in einer Ritterrüstung und wieder ein anderer eine Gestalt mit einer Blase über dem Kopf. Die Träumer ...
Laras Blick wanderte erstaunt zu Marc zurück. »Du willst rausfinden, wo wir waren!«, rief sie.
Er schwieg.
»Deshalb all die Rechner. Du willst die Positionen ausrechnen.« Lara sah ihn an. »Aber du hast gesagt, dass du viel zu wenig über die Positionen weißt, um annähernd ... Au!« Ein Stich zwischen ihren Augen.
Dann sah sie es! Als würde man eine Seifenblase aufblasen, entstand über Marc eine schimmernde Kugel. Sie leuchtete silbern wie Timo.
»Lara?«
In der Kugel entstand ein Bild. Lara musste sofort an die Welt der Träumer denken, wo genau solche Blasen über die Welt flogen. Auch jetzt sah Lara ein Bild in der Blase. Sie erkannte Marc, der vor den Bildschirmen seines Rechners saß und wie besessen auf der Tastatur herumhämmerte. Dann sah Lara sich selbst, die neben ihn trat, ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn anlächelte. Plötzlich poppte eine zweite Blase auf, direkt neben der ersten. Diese zeigte Marc, der mit einem Kind vor einem Teleskop stand und nach oben in den Nachthimmel zeigte. Er sah dabei so glücklich aus.
»Lara!«
Jemand schüttelte sie. Lara zwinkerte, und die Blasen verblassten. Genau wie das schmerzhafte Kribbeln zwischen den Augen. Vor ihr stand Marc und sah sie besorgt an.
»Ich ruf jetzt doch einen Arzt«, erklärte er.
Aber sie hielt seine Hand fest. »Was war mit mir?«, fragte sie leise.
Er entzog ihr die Hand. »Eine Salzsäule. Das war mit dir. Du hast komplett starr hier rumgestanden und mich angesehen, als wäre ich ein Geist.«
»Ich habe es gesehen«, murmelte Lara.
»Was?«
»Deinen Willen.«
Marc sah sie ausdruckslos an.
»Oder zumindest ... Sachen, die du willst.« Es waren zwei Visionen gewesen. Was bedeutete das? Und was bedeutete es, dass sie Teil einer dieser Visionen gewesen war? Lara setzte sich verwirrt und trank noch einen Schluck Wasser .
Marc beugte sich zu ihr runter. »Keine Ahnung, was hier los ist. Aber du wirst nicht in die anderen Welten reisen. Du kannst ja kaum alleine stehen.«
»Ich muss gehen. Mila braucht die Karte. Sie selbst kann nicht gehen und ...«
»Du kannst doch nicht alle Planeten absuchen!«, rief Marc.
»Ich habe da eine neue Gabe.« Sie versuchte, möglichst locker zu klingen. »Ich weiß nur nicht, wie lange ich weg bin. Deshalb wollte ich dir Bescheid geben. Du bist mich für die nächsten Tage auf jeden Fall los. Freu dich.«
Sonderlich erfreut sah Marc nicht aus.
»Aber ich gehe nicht, ehe du mir eine Antwort gegeben hast«, erklärte Lara entschlossen. »Versuchst du wirklich, die Lage der Planeten zu errechnen?«
Er stand auf und starrte seine beklebten Wände an. »Ich habe eine Software erstellt. Aber meine Erinnerungen sind zu ungenau. Ich brauche mehr Daten.«
»Und was machst du, wenn du die Lage der Welten hast? Eine Mail an die NASA schreiben?«
»Vielleicht erzähle ich deinem Körnchen irgendwann, wo es gezeugt wurde.« Er klang zynisch.
Lara ignorierte seinen Kommentar und musterte ihn fragend.
»Ich will es nur für mich wissen«, murmelte er.
»Gut. Styx und Mila sind nämlich der Meinung, dass die Menschheit noch nicht reif für dieses Wissen ist.«
Einen Moment schwieg er nachdenklich, ehe er seine Sprache wiederfand. »Seit ich klein bin, wollte ich es wissen. Wo die anderen Welten sind.« Seine Augen leuchteten wieder, was Lara ein Lächeln entlockte. »Ich wusste immer, dass sie da sind. Aber sie waren unerreichbar. Jetzt war ich da und ... Ich will einfach wissen, wohin ich das Teleskop richten muss. Wie weit sie weg sind.«
»Du kennst den Ausgang. Du könntest sie wieder besuchen.«
»Und vom Oberritter und seiner komischen Harpune zermalmt werden? Nein, danke.«
Lara erinnerte sich nur zu gut an den Ritter mit seinem roten Helm. Und seiner schlechten Laune. Auf eine Begegnung mit ihm konnte sie verzichten. Aber da würde sie wohl nicht drum herumkommen.
»Ich will nicht, dass du gehst«, erklärte Marc plötzlich.
Sie atmete tief durch. »Ich muss.«
»Warum? Du musst nicht immer die ganze Welt retten.«
Lara grinste plötzlich. »Wenn ich es schaffe und Isabel samt Karte zurückhole, ist mir die Weltenhüterin zu ewigem Dank verpflichtet. Diese Chance kann ich mir nicht entgehen lassen.« Sie stellte das leere Glas ab und stand auf. »Ich versuche, mir möglichst viele Sternbilder einzuprägen.«
Lara lächelte Marc an, und für einen Moment schien es, als beginne seine harte Fassade zu bröckeln.
Bis er ihrem Blick auswich. »Glaubst du, du kriegst ein Alien?«
»Was?«
»Ihr habt auf einem anderen Planeten gevögelt. Vielleicht kriegst du keinen Menschen, sondern so ein seltsames Viech. Wie die, die auf dieser Erde rumgesprungen sind.«
Sie musterte ihn ruhig. »Warum können wir keine Freunde sein?«, fragte sie leise.
Er sah sie nicht an, als er die folgenden Worte sprach. »Du weißt doch. Ich brauche keine Freunde.«
Lara wartete noch einen Moment. Worauf, das wusste sie nicht genau. Dann ging sie. In der Empfangshalle streichelte sie Susi noch einmal, ehe sie draußen auf den nächsten Jungen stieß, dessen Laune mindestens genauso schlecht war.
Timo musterte sie finster. Seufzend ging Lara zur Haltestelle und wartete auf den nächsten Bus, der sie zum Hexenhaus zurückbrachte.
Und während sie über den Anblick des Willens nachdachte, überlegte sie gleichzeitig, wie sie Karin ihre Abwesenheit erklären sollte.
Marc sah Lara nach, als sie in den Bus stieg und davonfuhr. Noch immer spürte er ihre Hand auf seiner. Am liebsten hätte er sie zu sich gezogen und geküsst. Wie auf der Welt der Pflanzen, als sie die einzigen zwei Menschen auf einem ganzen Planeten gewesen waren. Was würde er darum geben, wenn sie dort hätten bleiben können. Wenn Lara sich nicht dafür entschieden hätte, mit Timo zusammen in den Tod zu springen.
Sie war völlig wahnsinnig. Eine andere Erklärung fiel Marc nicht ein. Bereit, ihr Leben zu opfern, um den Menschen den Tod wiederzubringen. Bereit, ihr ganzes Leben für ihr Kind auf den Kopf zu stellen .
Als Isa damals schwanger gewesen war, hatte er alles unternommen, um nichts für dieses Kind zu empfinden. Dann hatte Isabel es verloren. Und mit dem Kind hatten sie alles verloren, was zwischen ihnen gewesen war. Das war von seiner Seite aus ohnehin nicht viel gewesen. Jetzt war Isabel in anderen Welten unterwegs. Marc freute sich für sie. Wirklich. Sie hatte sich verändert. Hatte ihre Lebensfreude zurück und ihre Angst verloren. Als hätte jemand das Licht in ihr angemacht. Dieser jemand war nicht er gewesen.
Jetzt war er allein. Das hatte er gewollt. Wenn man allein war, konnte man niemanden verlieren. Warum also tauchte Lara ständig hier auf? Und erinnerte ihn daran, wie gut es mit ihr zusammen war?
Ihm war bewusst, dass sie in ihm etwas bewegt hatte. Sie hatte ihm ein Lebensgefühl zurückgegeben, an das er sich nicht mehr erinnert hatte. Hatte auch etwas in ihm angeknipst.
Aber sie würde Mutter werden. Mutter von Timos Kind. Als sie ihm das erzählt hatte, war ihm klar geworden, dass er sie gehen lassen musste. Als sie auf einer Welt ohne Timo gewesen waren, hatte er ihn ausblenden können. Hatte ihre Liebe für ihn ausblenden können. Mit diesem Körnchen an ihrer Seite würde Timo immer dabei sein. Ein Zustand, den Marc nicht ertragen konnte. Die Liebe hatte ihm nie gutgetan. Also musste sie aus seinem Leben weg. So weit, so gut. Lara ließ sich nur einfach nicht vertreiben. Kam immer wieder her. Erinnerte ihn an dieses wunderbare Gefühl, das er für sie hatte .
Verdammt!
»Susi!«, rief er ins Hotel hinein. Die Hündin kam schwanzwedelnd angelaufen. »Komm!«
Er lief aus dem Hotel in den angrenzenden Wald hinein. Er wollte so lange laufen, bis er so müde war, dass er nicht mehr an ihren Kuss denken musste.
Drei Stunden später kam er atemlos zurück. Auch Susi kam schlecht gelaunt und müde hinter ihm angetrabt. Er schnappte nach Luft, denn die Hoffnung, Lara aus seinem Kopf verdrängt zu haben, hatte sich nicht erfüllt. Ein Blick in die Sterne reichte aus, um ihn eines Besseren zu belehren. Die Sehnsucht traf ihn eiskalt. Die Sehnsucht nach dieser Welt, in der Lara nur ihm gehört hatte. Für diesen kurzen, magischen Moment.