Scherbenhaufen
»Nein!« Ayse starrte auf das Chaos zu ihren Füßen. Der Joghurt lag zwischen etlichen Scherben auf dem Gehweg. Die drei Gläser, die Ayse für ihre Mutter besorgt hatte, waren durch die nasse Papiertüte auf den Boden gerutscht. Genau in dem Moment, als Ayse Laras Nachricht gelesen hatte.
Bin für ein paar Tage weg. Mach dir keine Sorgen. Melde mich, sobald ich zurück bin.
»Geht’s noch?«, rief Ayse sauer.
Einige Passanten sahen sich nach ihr um.
Ayse steckte das Handy ein, das vom leichten Regen bereits nass wurde. Sie hockte sich auf den Boden und begann, die Scherben einzusammeln. Es war schon nach neun Uhr abends gewesen, als ihrer Mutter eingefallen war, was sie alles für das morgige Wieder-Zuhause-Essen kochen wollte. Also hatte sie Ayse noch einmal zum Supermarkt geschickt. Es war das erste Essen im Kreis der ganzen Familie. Ihre Brüder und ihr Vater hatten sie mit Fragen überschüttet, als sie nach Hause gekommen war. Fragen, auf die sie keine Antwort geben konnte. Oder wollte.
»Wo bist du gewesen?«
»Erinnerst du dich wirklich an gar nichts mehr?«
»Wer ist dieser Cem?«
Neben ihrem Aufenthaltsort nahm Cem das Hauptinteresse ihres Vaters und ihrer Brüder ein. Ihr Vater schielte jedes Mal auf ihr Handy, wenn dieses den Eingang einer Nachricht verkündete. Leugnen war zwecklos. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, sobald sie Cems Namen auf dem Display sah. Für ihre Familie war sie ein offenes Buch. Ein verliebtes offenes Buch. Sie war gerade mal einen Tag von Cem getrennt und vermisste ihn wie verrückt.
Ayse hatte jahrelang über das verzehrende Gefühl der Liebe geschrieben, ohne es jemals selbst empfunden zu haben. Sie hatte sich ausgemalt, wie es sein würde. Kurzgeschichten über Intrigen, Missverständnisse und Happy Ends fabuliert. Geschichten ohne Happy End oder – noch schlimmer – mit offenem Ende waren gar nichts für sie. Sie hasste diese Autoren, die ihre Bücher im spannendsten Moment beendeten und den nächsten Band erst ein Jahr später herausbrachten. So etwas würde sie ihren Lesern niemals antun!
Es machte sie verrückt, nicht zu wissen, wie eine Liebesgeschichte ausging. Im wahren Leben ging es ihr da genauso. Lara hatte sie deshalb immer Kontrolletti genannt. Aber Ayse konnte ihr Gedankenkarussell nicht stoppen. Was würde aus Cem und ihr werden? Sie hatten etwas erlebt, an das sie sich beide nicht erinnern konnten. Sie fühlten sich einander nah. Eine Art der Verbundenheit, die Ayse nicht einmal mit Lara teilte. Nun, da es sie voll erwischt hatte, musste Ayse sich eingestehen, dass alle Geschichten nicht mal annähernd an die Realität herankamen. Liebe war überhaupt nicht toll. Sie tat weh, machte unaufmerksam und unfähig, das alte Leben weiterzuführen.
Keine Kontrolle, das war Liebe.
Nicht nur ihre Gefühle entzogen sich neuerdings ihrer Kontrolle. Auch Lara hatte sich verändert. Vor ihrer Abreise in den Schwarzwald waren Lara und Ayse jeden Tag zusammen gewesen, waren alles füreinander gewesen. Jetzt hatte Lara ein völlig neues Leben. Sie hatte eine neue Familie und würde Mutter werden. Und das alles 800 Kilometer von Ayse entfernt. Welche Rolle würde sie noch für Lara spielen? Wie oft würden sie sich wirklich sehen können, wenn bei Lara erst einmal die schlaflosen Nächte begannen und sie parallel dazu noch eine Ausbildung machen musste? In der Schule würde sie neue Freunde finden, danach irgendwelche Mütter aus der Krabbelgruppe. Und Ayse? Lara würde sie nicht mehr brauchen.
Was war sie jetzt noch wert?
Die letzte Nachricht bestätigte Ayses Befürchtungen. Lara würde schon wieder gehen. Was Ayse eines ganz klar machte: Lara wusste nicht nur, wo sie gewesen waren, sie wusste auch, wie man wieder dorthin gelangte.
Warum ersparte sie Ayse die Qualen nicht und sagte ihr die Wahrheit? Seit wann verheimlichten sie sich etwas? Wurde Lara dazu gezwungen? Wurde sie erpresst? War sie in Gefahr?
Ayse zog ihr Handy heraus, um Lara eine Antwort zu schreiben, als ihr der Junge auffiel. Er stand einige Meter von ihr entfernt vor dem Schaufenster eines Kiosks. Kopfhörer über den Ohren, ausgebleichte Jeans, ein an mehreren Stellen zerfetztes Hemd, löchrige Schuhe. Die Haare vom Regen nass. Sie kannte ihn von irgendwoher.
Ayse erwiderte seinen Blick, der ihr zunehmend unangenehm wurde. »Was?«, rief sie gereizt.
Der Junge nahm die Kopfhörer ab und starrte sie weiter an. Dann ging er auf sie zu. Ayse behielt eine der Scherben in der Hand und stand auf .
Der Junge blieb vor ihr stehen. Aus der Nähe sah er gar nicht mehr so jung aus. Seine grünen Augen wirkten, als hätten sie schon eine Menge gesehen.
»Deine Melodie«, sagte er. »Sie hat sich verändert.«
Ayses Handy klingelte. Der kurze Blick aufs Display zeigte Cems Namen. Ayse ließ die Scherbe fallen, nahm ab und ging eilig davon. Während sie Cem die Nachricht überbrachte, dass Lara schon wieder einen Ausflug machte, drehte sie sich um und starrte zu dem Jungen zurück. Er sah ihr nach, während er sich die Kopfhörer wieder aufsetzte.
Da erinnerte sie sich, wann sie ihm das erste Mal begegnet war.