Jo
Jo gab gerade die neuen Bestellungen im Laptop ein, als Karin, beladen mit getrockneten Kräutern, an ihm vorbeistapfte und den hinteren Raum der Apotheke in Beschlag nahm. Seit er sie kannte, roch Karin nach irgendwelchen Kräutern. Pfefferminz, Salbei, Thymian ...
Als er sie das erste Mal in der Schule gesehen hatte, aß sie ein Pausenbrot, das hauptsächlich aus Kräutern bestand. Er hatte sie darauf angesprochen und sich während ihres darauffolgenden Monologs über die Wirkung der Kräuter in sie verliebt. Deshalb hatte er einen Kräutergarten angelegt. Das Projekt eines Sommers. Peter half ihm damals dabei. Und Maja, der sehr daran gelegen war, dass Jo Karin für sich gewann. Peter fand den Umweg über einen Kräutergarten umständlich und fragte sich, was an der Einladung für die Sommerparty in der Schule auszusetzen war. Maja fand es romantisch.
Als Jo Karin dann zu sich eingeladen und ihr den Kräutergarten gezeigt hatte, belehrte sie ihn sofort, welche Kräuter er an die falsche Stelle gesetzt hatte. Thymian brauche sandigere Erde, die Minze mehr Sonne ... Wenn Jo geglaubt hatte, dass ihm diese Aktion zumindest einen Kuss einbringen würde, hatte er sich getäuscht. Karin betrachtete ihn noch zwei weitere Monate genau, ehe sie endlich ihre Hand in seine legte.
Doch das Gefühl, dieser Frau nie das geben zu können, was sie wirklich glücklich machte, blieb erhalten. Sie wollte in die Stadt, er erbte die Waldapotheke und
konnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Sie wollten Kinder, er konnte ihr lange keines schenken. Sie wollte für Lara da sein, als Maja starb. Er konnte seinen Bruder nicht überzeugen, bei ihnen zu bleiben. Das Muster setzte sich fort, und Jo fühlte sich, als würde er immer noch die Minze an der falschen Stelle pflanzen. Er wünschte sich so sehr, dass Karin wieder so lachte wie früher. Aber die Erlebnisse mit Lara und Mila hatten ihr Spuren hinterlassen.
Seine Tochter betrat in diesem Moment die Apotheke. Und hatte sichtlich schlechte Laune. Wie gern würde er sie fragen, was oder wer sie heute in der Schule so geärgert hatte. Mila hatte sich angewöhnt, alle seine Fragen mit »War ganz okay« zu beantworten. Wenn er jetzt schon die Kontrolle über sie verlor, wie würde es erst in ihrer Pubertät werden? Würde Mila dann immer noch mit ihrem Auge in der Hand reden? Und in ständiger Begleitung von Styx sein, die in dieser Sekunde vor der Apotheke in der Sonne lag und ihren dicken Bauch in den Himmel streckte?
Diese Katze sollte Lara durch die Gegend beamen? Er glaubte kein Wort davon. Und war wütend, dass Lara ihnen solche Lügen auftischte und Karin das auch noch hinnahm.
Oder hatte der Verlust ihres Vaters und Timos und die Schwangerschaft Laras Gehirn vernebelt? Bildete sie sich das alles ein? Trauer machte alles Mögliche mit den Menschen. Genau wie Schwangerschaftshormone. Aber brachten sie einen dazu, zu halluzinieren? Wohl kaum.
Der Gedanke, dass der Tod ausgesetzt hatte, drängte sich in Jos Bewusstsein. Wenn das mö
glich war, warum sollten Katzen dann nicht auch beamen können? Blödsinn
, dachte er. Dass der Tod wochenlang seinen Dienst verweigert hatte, war das eine. Dafür gab es bestimmt schon bald eine medizinische Erklärung, die die Wissenschaftler noch finden würden. Das bedeutete noch lange nicht, dass Laras Ausreden der Wirklichkeit entsprachen.
Mila räusperte sich. »Was gibt es denn zu essen?«
»Suppe«, erklärte Karin, als sie aus dem Hinterraum trat. Sie nahm Mila an der Hand und ging mit ihr aus der Apotheke.
Jo sah den beiden nach. Würde er sich immer als stiller Begleiter fühlen, der eine andere Sprache sprach?
Für einen Moment beobachtete er Styx, die sich aufsetzte und Mila etwas sagte, als diese an der Hand ihrer Mutter vorbeiging.
Moment.
Styx hatte Mila etwas gesagt?
Es hatte so ausgesehen. Aber das musste Jo sich eingebildet haben. Jetzt war die Katze weg.
Er blinzelte und ging zur Tür. Als er sie öffnete, war Styx nicht mehr zu sehen. Er sah Richtung Wald. Auch da keine Spur von der dicken, trägen Gestalt. Von einer Sekunde auf die andere war sie einfach verschwunden.
Na und? Katzen hatten nun mal diese Eigenschaft. In der einen Sekunde waren sie noch da, in der nächsten waren sie weg. Alles völlig normal.
Er ging zurück in den Laden und wollte noch schnell die Bestellungen fertig machen, als er die Nachricht entdeckte. Markus hatte ihm einen Link zu einem YouTube-Video geschickt. Sein Kommentar: Das wäre was
für unsere Jamsession.
Seit Jahren veranstaltete Jo einmal im Monat eine Jamsession bei sich zu Hause. Ein Haufen Hobbymusiker trafen sich bei ihm, brachten ihre Instrumente mit und spielten die ganze Nacht. Er klickte das Video an. Kein Hinweis auf den Komponisten oder woher das Video kam. Als Hintergrund war nur das Bild eines Sonnenuntergangs zu sehen.
Die Melodie ließ Jo erstarren. Sofort stellten sich die Haare auf seinen Unterarmen hoch. Eine Melodie, wie er sie noch nie gehört hatte. Neuartig und doch bekannt. Sie zu hören, ließ seinen Magen kribbeln. Als wäre er verliebt.
Regungslos verharrte er, bis das Lied nach fünf Minuten zu Ende war. Erst da bemerkte er, dass er geweint hatte.