Ayses Song
Zögernd betrat sie seine Ein-Zimmer-Wohnung. Setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Als würden die leeren Bierflaschen da immer noch liegen. Dabei hatte er sich extra den Staubsauger seines Nachbarn ausgeliehen. Er hatte behauptet, dass seiner kaputt sei. Dabei hatte er noch nie einen besessen.
Hinter ihr trat ein groß gewachsener Junge ein. Keiner der beiden, die das Mädchen gestern vor dem Haus aufgehalten hatten. Der Junge hatte kurze schwarze Haare, die glattgekämmt waren. Er trug Jeans und ein Hemd und hatte Leo, seit sie das Zimmer betreten hatten, nicht aus den Augen gelassen. Sein Blick schien zu sagen: Was hast du mit meiner Schwester vor? Genau wie seine Schwester sah er wahnsinnig gut aus, hatte dieselbe goldbraune Haut und diese krassen, dunklen Augen.
Leo starrte ihn an. Lauschte. Seltsam. Er konnte kaum etwas hören. Ganz dumpf war da ein Ton. Viel zu leise. Als hätte jemand ein Kissen auf eine Box gelegt.
»Das ist Malik.«
Leo nickte Malik zu, der sein Lächeln nicht erwiderte. Er reichte ihm die Hand, die Malik sofort ergriff und sehr fest drückte. Während Leo seine Hand wieder entzog und leicht schüttelte, schien das Mädchen sich ein Grinsen kaum verkneifen zu können.
»Übersetzt bedeutet sein Name Wächter
»Aha.« Leo konzentrierte sich auf sie. »Und dein Name?«
»Er bedeutet lebensfroh. Lebendig.«
»Ich meinte: Wie heißt du?«
»Ach so, stimmt! Habe ich dir gar nicht gesagt.«
»Nein. Hast du mir nicht gesagt.«
»Ich bin Ayse.«
Leo nickte und atmete erleichtert durch. Der Anfang war gemacht. Er deutete auf drei Gläser – das dritte gehörte ebenfalls dem Nachbarn – und eine Flasche Wasser. »Wollt ihr was trinken?«
»Klar.« Ayse setzte sich auf einen Stuhl und starrte auf den Schreibtisch. Zwei Rechner, einer davon angeschlossen an ein Keyboard. Der Drum-Computer, die alte Gitarre ... »Damit machst du Musik?« Sie wirkte enttäuscht.
»Und mit dem Klavier«, betonte er schnell.
Leo reichte den beiden je ein Glas Wasser. Malik machte keine Anstalten, sich zu setzen. Zum Glück, denn einer der Stühle hielt gerade noch so. Aber Malik starrte auf das Equipment.
Leo setzte sich neben Ayse. »Okay. Ich spiele dir jetzt deine Melodie vor. Die, die ich auf der Brücke gehört habe. Als du mit Lara unterwegs warst.«
Ayse nickte ernst. Leo klickte sich durch die gespeicherten Dateien und fand die entsprechende. Gespeichert unter Kopftuch .
»Damit bin ich in Erinnerung geblieben?«, fragte sie trocken.
»Ähm, ich ... benenne sie um.«
Sie lächelte.
»Es ist immer noch nicht das richtige Instrument. Daran arbeite ich noch.« Er stellte die Lautsprecher noch etwas lauter und klickte dann die Datei an .
Ayse starrte auf den Bildschirm. Vor ihren Augen zog sich eine Linie den Bildschirm entlang. Sie starrte auf die kleinen Ausflüge, die die Linie in Höhen und Tiefen unternahm. Der Typ war verrückt. Das war ihr gestern schon klar gewesen. Aber nicht gefährlich verrückt. Sondern anders. Er hörte etwas, das andere nicht hörten. Ayse hatte jedoch schon immer den Verdacht gehabt, dass es da etwas gab. Etwas, das sie alle miteinander verband. Warum sollte es nicht Musik sein? Etwas, das sie ohnehin schon verband? Nur zu leise, als dass es alle Menschen hören konnten?
In dem Moment, als dieser Leo von ihrer Melodie gesprochen hatte, war Ayse klar gewesen, dass sie sie hören wollte und Malik mitnehmen würde. Sie hatte keine Angst vor Leo. Brauchte keinen Aufpasser. Der Typ war harmlos. Vermutlich würde sie ihn locker zu Boden werfen können, schmächtig und tollpatschig, wie er war.
Sie hatte Malik mitgenommen, weil sie sich erinnert hatte.
Als Malik auf die Welt gekommen war, war Ayse gerade mal ein Jahr alt gewesen. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass Malik immer gesungen hatte. Die ganze Zeit. Er hatte die Leute um ihn herum angestarrt und dann leise Melodien gesummt. Begüm hatte daraus kleine, selbst gedichtete Lieder gemacht, die sämtliche Kinder in ihren Schlaf gebracht hatten. Irgendwann, mit sechs oder sieben, hatte Malik aufgehört zu singen. Ihre Mutter war davon überzeugt, dass Malik diese Melodien gehört hatte. Woher auch immer sie gekommen waren. Aber die Quelle war versiegt. Malik war ein verschlossener Junge geworden, der selten redete und definitiv soziale Schwierigkeiten hatte. Er vergötterte seine große Schwester. Dennoch hätte Ayse niemals sagen können, was in ihrem kleinen Bruder vor sich ging.
Als Leo von seinen Melodien gefaselt hatte, hatte Ayse sofort gewusst, dass sie Malik mitnehmen würde. Sie hatte ihm von einem Typen erzählt, den sie besuchen wollte. Die Musik hatte sie nicht erwähnt, sondern nur, dass er zu dem Programm der Nachbarschaftshilfe gehörte, dem sich Ayse anschließen wollte. Seine wohnlichen Zustände unterstrichen diese Behauptung. Sodass Malik bis zu diesem Moment keinen Verdacht hatte schöpfen können.
Was Ayse eigentlich wollte, war, dass Malik die Melodien hörte. Vielleicht erkannte er sie wieder? Vielleicht hatte auch er die Gabe, sie zu hören? Und vielleicht würde er dann endlich wieder lächeln.
Da kam die Melodie. Wie ein Glockenspiel, nur tiefer. Untermalt von sphärischen Klängen. Die Töne drangen langsam an Ayses Ohr. Zunächst nahm sie sie nur einzeln wahr. Jeder für sich war nichtssagend. Aber die Töne waren in einer Endlosschleife angelegt, sodass die kleine Melodie immer wieder von vorn begann. Je öfter sie ertönte, desto mehr formten sich die Töne zu einer Melodie zusammen.
Ayse setzte sich gerade auf. Sie schloss die Augen und lauschte. Und während sie lauschte, sah sie sich selbst. Im Kreis ihrer Familie. Bei einem Besuch in der Heimat ihrer Eltern, Cide. Direkt an der Küste des Schwarzen Meeres. Sie saßen um einen groß en Tisch herum, die Frauen. Schälten Erbsen aus den Hüllen. Ayse selbst war vielleicht fünf Jahre alt. Die älteren Frauen redeten und lachten, und Ayse lauschte ihnen.
Dann eine Erinnerung, als Ayse auf einer Demonstration gewesen war. Sie sah in die hasserfüllten Gesichter der Menschen, die den Bau der Moschee verhindern wollten. Und obwohl Ayse damals Ungeduld und Wut empfunden hatte, so fühlte sie jetzt nichts als Liebe für diese Menschen. Für alle Gesichter, die sie sah. Und dann sah sie Cem. Beim Abschied. Der ihre Hand vorsichtig ergriff, als könnte er etwas kaputt machen, ihr in die Augen sah und lächelte, und Ayse wusste in diesem Moment, dass sie an seiner Seite sein würde. Ihr ganzes Leben lang.
Sie öffnete die Augen und merkte, dass ihre Wangen von Tränen nass waren. Sie starrte Leo an, der sie gebannt musterte. Sie schluckte und wischte sich die Tränen weg. Dann sah sie zu Malik. Ihr Bruder war wie erstarrt.
»Und jetzt meine Melodie mit Lara, bitte?«
Leo nickte und suchte in den Dateien. Er fand eine Datei, die Mädchen auf der Brücke hieß, und klickte sie an.
Ayse schloss wieder die Augen. Sie hörte ihre eigene Melodie von gerade. Ihre Klänge, von denen sie nun bereits das Gefühl hatte, sie ihr Leben lang schon gekannt zu haben. Jetzt mischten sich andere Töne dazwischen. Tiefer als Ayses. Die Töne vermischten sich. Wieder waren sphärische Klänge darunter gelegt und die Töne so miteinander arrangiert, dass sie gemeinsam eine neue Melodie erzeugten. Eine Melodie, die Ayse den Atem raubte. Keine Worte, um sie zu beschreiben. Die Melodie schien direkt aus dem Himmel zu kommen, oder wo auch immer die Schönheit herkam. Sie ließ es in Ayses Magengegend kribbeln und gab ihr das Gefühl, verliebt zu sein. Verliebt in das Leben.
Sie sah Bilder vor sich. Lara und sie in ihrem Kinderzimmer. Ein Klatschspiel. Lara vergaß ständig die Reihenfolge. Mit Absicht. Um Ayse zum Lachen zu bringen. Dann ein Ausflug an den Wannsee. Da waren sie beide zehn gewesen. Sie flitzten in ihren Badeanzügen über das Ufer, und Lara ließ sich dauernd hinfallen, um Ayse zum Lachen zu bringen. Dann ein Abend in Laras Zimmer. Sie flochten sich gegenseitig die Haare. Lara hatte sich Ayses Kopftuch umgewickelt, und Ayse hatte ihre Haare offen getragen, wie Lara es immer tat. Sie hatten sich nebeneinander vor den Spiegel gestellt und einfach nur angesehen. Der Anblick hatte sie beide bewegt, aber keine von ihnen hatte etwas gesagt. Dann der Moment, als Lara erfahren hatte, dass sie schwanger war. Und geheult hatte. Vor Glück und Trauer um Timo gleichzeitig. Sie hatte nach Ayses Hand gegriffen.
Jemand schaltete die Musik aus. »Was ist das?«, hörte Ayse die Stimme ihres Bruders.
Sie lächelte Malik an. Er wirkte nervös. »Erkennst du die Melodien?«
Er schwieg.
Leo sah verwundert von ihrem Bruder zu ihr. »Hast du sie schon mal gehört?«
Malik zögerte noch einen Moment. Dann nickte er. »Die erste Melodie. Die kenne ich.«
Ayse lächelte glücklich. Dann sah sie Leo an. »Ich will wissen, wie ich mich jetzt anhöre.«
»Das habe ich noch nicht aufgenommen«, erklärte Leo.
»Kannst du sie auf dem Klavier spielen?«
»Es ist nicht das richtige ...«
»Instrument. Ich weiß«, unterbrach ihn Ayse. »Spiel sie trotzdem.«
Leo stand auf und setzte sich ans Klavier. Während Ayse den Tönen lauschte, die Leo nun spielte, fand sie sich in Cems Zimmer wieder. Der Moment, als sie aufgewacht war, weil Cem den Eyecode geknackt hatte. Sie erinnerte sich, dass sie ihr Handy einsteckte. Und Cem auf Return drückte. Sie erinnerte sich an das grüne Licht. Und dann an gar nichts mehr.