Die gezähmte Wildkatze
Sie liefen seit einiger Zeit in der Welt der Träumer herum. Warteten darauf, dass der Weltenhüter sie finden würde.
Während Lara und Marc ruhig den Anblick der träumenden Seelen genossen, die einen seltsamen Frieden ausstrahlten, war Tonka kaum zu bändigen. Sie rannte von einer Seele zur nächsten und starrte in die Blasen, in denen die anderen Welten zu erkennen waren. Immer wieder schrie sie vor Freude auf, besonders, wenn sie ihre eigene Welt entdeckte.
Lara hatte ihr erklärt, dass sich die Seelen auf diese Weise aussuchten, wohin sie als Nächstes wollten. Tonka hatte zwar davon gehört, es jetzt aber mit eigenen Augen zu sehen, brachte sie sichtlich aus der Fassung.
»Sie erinnert mich an Susi«, betonte Marc trocken, als Tonka einer neuen Seele hinterhereilte.
Lara musste lachen. Der Vergleich war berechtigt.
Sie war erleichtert gewesen, dass Marc ihr gegenüber wieder milder gestimmt war, seit der Weltenhüter ihn als Sandförmchen benutzt hatte. Dieses Erlebnis hatte seine Mauer für einen Moment zum Einsturz gebracht.
Sie wollte gerade auf ihre Ohrfeige und eine mögliche Entschuldigung hinarbeiten, als sie stehen blieb. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand mit einem Stock gegen die Brust geschlagen. Nervös atmete sie ein und aus.
Marc drehte sich zu ihr um. »Was ist?«, fragte er. »Brauchst du eine Pause?
«
»Irgendwas stimmt nicht«, erklärte Lara von einer plötzlichen Unruhe getrieben.
»Was stimmt nicht?« Marc musterte sie besorgt.
Sie atmete noch einmal tief ein. »Timo. Irgendwas ist mit Timo.«
Er verdrehte die Augen. »Er ist tot. Was soll mit ihm sein?«
Lara schüttelte nur den Kopf. Sie konnte es nicht erklären. Sie wusste es einfach. Timo war durcheinander. Irgendetwas war geschehen.
»Da! Eure Welt!«, rief Tonka plötzlich. Sie war vor einer Seele stehen geblieben, in deren Blase Bilder der Erde zu erkennen waren. Tonka starrte hinein. »Nur noch zwei Welten. Dann sind wir da.«
»Wenn wir den Weltenhüter jemals treffen«, seufzte Lara.
Damals war ihnen einfach nur der magische Ausgang entgegengekommen. Eine Blase, in die sie hatten hineinspringen können. Wie konnten sie hier mit dem Weltenhüter kommunizieren? Wo war der magische Stein auf dieser Welt?
Sie gingen eine Weile nebeneinander her. Lara versuchte, das Gefühl für Timo einzuordnen. Mehr denn je verspürte sie den Drang, nach Hause zu gehen, um ihn wiederzusehen. Allein Tonkas stetig wachsende Begeisterung konnte sie von ihren Gedanken ablenken.
»Was mache ich mit ihr? Auf der Erde?«
»Deine Sorge kommt etwas spät«, fand Marc.
»Sie müsste an einen Ort, an den kein Mensch kommt. Wo sie sicher ist. Bis wir sie zum Ausgang bringen können.« Lara wartete einen Moment
ab.
Marc reagierte nicht.
»Sie müsste bei jemandem bleiben, der sie kennt und weiß, was sie braucht.«
Jetzt sah Marc sie an. »Nein.«
»Es ist perfekt.«
»Ich habe nein gesagt.«
»Marc, kein Mensch traut sich in dein Hotel, weil alle wissen, wie unfreundlich du bist. Du hast etliche freie Zimmer. Sie kann ein paar Tage bei dir bleiben.«
»Ich nehme kein Alien bei mir auf!«
»Stell dir mal vor, wie Susi und Tonka aufeinandertreffen. Willst du das nicht erleben?«
»Zottel!«
Lara horchte auf. Eine ihr sehr vertraute und schwer vermisste Stimme war das gewesen.
»Huhu!«
Da! Schon wieder! Lara sah sich um. Das hörte sich genauso an, wie ... aber nein. Das konnte nicht sein. Das Auge, mit dem sie eine unterhaltsame Reise im Totenreich gehabt hatte, war Sonne und Mond der Welt ihrer Eltern geworden. Es konnte nicht hier sein.
»Hier drüben!«
Lara sah sich wieder nach der Stimme um. Da! In der Blase einer der träumenden Seelen! Das Auge! Es blinzelte Lara vergnügt an.
»Auge!«, rief sie erfreut und rannte zu der Seele, die nun in der Luft schweben blieb.
Marc und Tonka folgten ihr zögernd.
»Wieso bist du wieder das Auge?«
Das Auge kniff sich etwas zusammen. »Ich bin immer das Auge.
«
»Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du Sonne und Mond.«
»Willst du diese Diskussion wirklich wieder starten?«
Lara unterdrückte ein genervtes Seufzen. »Schön, dich zu sehen«, gestand sie ein.
Das Auge zwinkerte. »Ihr könnt euch die träumenden Seelen sparen. Isabel ist nicht mehr dort.«
»Du weißt, dass wir sie suchen?«
»Natürlich weiß ich das«, betonte das Auge würdevoll. »Und ich habe sie gesehen.«
»Also weißt du, wo sie ist?«
»Wenn du mir nur einmal zuhören würdest«, seufzte das Auge.
»Das ist ja niedlich!«, rief Tonka nun, die hinter Lara getreten war. Sie starrte das Auge begeistert an.
Zu Laras Überraschung entdeckte sie sogar ein Lächeln in Marcs Gesicht. Nur das Auge schien nicht sonderlich erfreut.
»Ich bin nicht niedlich!«
»Doch. Total süß«, sagte Tonka kichernd.
Das Auge blickte von Tonka zu Lara und fuhr dann mit leicht vorwurfsvoller Stimme fort. »Es war falsch, sie mitzunehmen. Aber das weißt du ja.«
»Lara kann nichts dafür«, rief Tonka schnell. »Ich wäre sowieso gegangen. Ich wusste ja jetzt, wo der Ausgang ist.«
»Außerdem geht dich das gar nichts an«, fand Lara, die sich schon wieder vom Auge kritisiert fühlte.
»Wie auch immer. Ihr könnt direkt zu uns kommen. Luxus erwartet euch.« Das Auge wurde etwas kleiner, zog sich zurü
ck.
»Halt! Moment! Wo ist der magische Ausgang? Ich habe die Karte nicht und kann ihm deshalb nicht folgen.«
Das Auge verdrehte sich selbst nach oben und seufzte hörbar in Laras Innerem. »Hüpft hier rein. In die Blase. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen.« Das Auge zog sich ganz zurück, und Lara begriff.
Auf dieser Welt brauchten sie keinen magischen Ausgang. Sie konnten in die Welt springen, die gerade angezeigt wurde.
»Wehe, du schaltest in Tonkas Welt um, wenn sie springt!«, mahnte Lara.
Als das Auge nicht reagierte, nahm Lara Tonka vorsichtshalber an der Hand. »Wir bleiben zusammen.«
Tonka lächelte, und mit einem Satz hüpften sie in die Blase hinein. Marc folgte ihnen.
Sie sprangen ohne den Umweg über Laniakea in die Welt ihrer Eltern und fanden sich mitten im Dschungel wieder. Die Geräusche der Tiere taten Lara in den Ohren weh. Pfeifen, Kreischen, Fauchen, es klang, als wären überall um sie herum Lebewesen in allen Größen unterwegs. Ein roter, buschiger Körper huschte gerade zwischen zwei Blättern vorbei. Ein Augenpaar starrte sie aus einem Baumwipfel an und zog sich dann rasch zurück. Während Tonka bereits schnalzend und pfeifend die Pflanzen erkundete, ging auch Lara einen Schritt zur Seite. Gerade rechtzeitig, denn da landete Marc an derselben Stelle.
»Na also, geht doch«, hörte Lara die Stimme des
Auges in sich.
Sie sah zum Himmel. Zwischen den Pflanzen glitten Sonnenstrahlen bis zu ihnen am Boden. Das Auge strahlte hell am Himmel.
»Und das ist also die Welt deiner Eltern?«, fragte Tonka nun, die neben Lara trat und dabei die Blüte einer Kletterpflanze berührte.
»Das ist die Welt, die sie erschaffen haben.«
Tonka entdeckte ein flauschiges Tier von der Größe eines Eichhörnchens auf einem Stein. Es war Hellorange und hatte schwarze Streifen. Tonka ging langsam näher. Das Tier musterte sie, und seine Schnauze rümpfte sich.
»Und sind sie jetzt auch hier? Deine Eltern?«
»Sie sind Teil dieser Welt geworden. In der Gestalt meiner Eltern gibt es sie nicht mehr.«
Tonka wollte das Tier berühren, aber es hüpfte davon.
»Sieh mal an«, mischte sich Marc ein. »Du kannst akzeptieren, dass sie tot sind.«
Lara sah ihn wütend an. »Timo ist der Abholer. Genau wie Luxus es gewesen ist. Und Luxus ist immer noch hier.«
»Allerdings.«
Lara drehte sich um. Hinter ihr war Luxus durch das dichte Blattwerk getreten. Er sah immer noch umwerfend gut aus, mit seinem durchtrainierten Körper und seinen strahlend blauen Augen. Lächelnd ging sie auf ihn zu und umarmte ihn.
»Glückwunsch«, hörte sie seine Stimme an ihrem Ohr.
Sie schälte sich aus der Umarmung und sah
ihn fragend an.
»Du erwartest ein Kind.«
»Woher weißt du davon?«, fragte Lara irritiert.
»Na ja.« Er grinste. »Ich kriege alles mit, was auf meiner Welt passiert.«
Lara spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
»Oh, keine Sorge. Ich habe natürlich weggesehen.«
Das machte es nicht besser.
»Aber ich habe mitbekommen, wie eine Seele hier gelandet ist. Bei dir.« Luxus sah sie nun ernst an. »Das mit Timo tut mir leid.«
Sie nickte. »Mir auch.«
»Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass ich dich noch einmal sehe. Wie hast du überlebt? Ich habe nur mitgekriegt, dass du zurück in deinen Körper gekommen bist. Und dass er dich abgeholt hat.« Dabei sah er zu Marc, der nun seinerseits genervt die Augen verdrehte.
»Ist Isabel hier oder nicht? Wenn du alles siehst, was auf deiner Welt passiert, müsstest du das doch wissen?«
Luxus schwieg einen Moment. Dann fuhr er fort: »Folgt mir. Ihr braucht etwas zu essen und zu trinken. Dabei erzähle ich euch alles.«
Mittlerweile war es Nacht. Sie hatten sich mit Luxus auf dieselbe Lichtung gesetzt, auf der sie schon beim letzten Besuch gewesen waren. Luxus reichte ihnen Früchte und Wasser, und Lara konnte gar nicht genug davon bekommen. Tonka war zu abgelenkt, um zu essen. Etliche Tiere hatten sich um die kleine Gemeinschaft versammelt, die Tonkas ganze Aufmerksamkeit verlangten. Einige von den gestreiften Eichhö
rnchen sprangen um sie herum. Ein riesiges Geschöpf, dessen Kopf vom Baumwipfel heruntersah und dessen Beine gute fünf Meter unterhalb zwischen den Blättern hervorblitzten, glotzte mit riesigen, dunklen Augen zu Lara.
Dann erkannte sie das eine Wesen wieder, das ihr damals auf dem Baum begegnet war. Mit seinen großen Pfoten voller Saugnäpfen. Das graue Fell stand zu allen Seiten hin ab, und Lara konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Niedlicheres gesehen zu haben. Um Luxus hatten sich drei löwenähnliche Geschöpfe versammelt. Das Fell rot und gold leuchtend, die Gestalt würdevoll und die goldenen Augen wachsam auf Tonka gerichtet, die versuchte, jedes der Tierchen anzufassen. Hinter den beiden kauerte eine schwarze, katzenähnliche Gestalt im Dickicht und beobachtete die kleine Versammlung.
»Ich habe Isabel gesehen, als sie hierherkam«, erklärte Luxus nun, da alle satt waren. »Sie war schon ziemlich mitgenommen von den anderen Welten. War kaum dazu gekommen, Fotos zu machen, da die Weltenhüter sie sofort verscheucht haben.«
»Du hast sie nicht aufgehalten?«, fragte Lara.
»Nein. Ich habe sie Fotos machen lassen.« Luxus stand nun auf und holte etwas aus dem Dickicht hervor.
Lara staunte, als er ihr die Kamera und die Karte der magischen Orte reichte. »Du ... hast ihre Sachen?«
»Ich habe sie heute gefunden.«
Er reichte Lara die Gegenstände.
»Aber ... wo ist dann Isabel?«
»Sie war tagelang hier«, erklärte Luxus. »Hat Fotos gemacht. Die Welt erkundet. Wir haben
Zeit miteinander verbracht«, erklärte er. »Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war ich schon fasziniert. Und ihr schien es andersherum genauso zu gehen.«
Lara staunte. Eine Liebe zwischen einem abtrünnigen Erdling und einem Weltenhüter? »Der Riese«, erinnerte sich Lara. »Er hat geglaubt, dass jemand Isa versteckt. Warst du das?«
Luxus zögerte. »Ich war es. Ich wollte Zeit mit ihr verbringen. Ein paar Tage, ehe sie zurück nach Hause gehen würde. Ich weiß jetzt, dass das ein Fehler war.«
»Aber wie hast du sie versteckt?«
Er starrte sie an. Nichts als Reue im Blick. »Ich habe sie verwandelt.«
»Verwandelt in was?«, fragte Marc.
»In eines der Tiere.«
»Wie ist das möglich?«, fragte Tonka ehrfürchtig.
»Ich kann erschaffen. Gepaart mit Isabels eigenem Willen konnten wir die Verwandlung erzeugen. Ich habe aus ihr ein Geschöpf dieser Welt gemacht.«
Einen Moment schwiegen alle, dann stand Luxus angespannt auf. »Wir konnten uns weiter unterhalten. Uns austauschen. In Gedanken. Sie ist jemand Besonderes. Zumindest ... war sie das.«
»Und dann?«, fragte Lara atemlos.
»Sie reagierte immer weniger auf mich. Lag die meiste Zeit des Tages nur noch da. Selbst als ich ihr die Kamera vorlegte, kam keine Reaktion. Sie konnte nichts mehr damit anfangen. Hatte vergessen, dass die Kamera ihr gehört hat.«
Lara wurde kalt, als sie begriff. »Sie hat ihren Willen
verloren.«
Luxus nickte. »Durch die Verwandlung in ein Geschöpf dieser Welt hat sie sich selbst verloren. Deshalb hat Styx sie nicht sehen können. Du würdest ihren Willen hier nicht mehr finden. Obwohl sie immer noch da ist.«
Marc stand so plötzlich auf, dass alle Tiere erschrocken in den Dschungel sprangen. »Das ist doch Schwachsinn!«, rief er.
Luxus musterte ihn ruhig. »Es tut mir so leid.«
»Isabel ist kein Tier! Du tischst uns den Quatsch auf, damit wir weiterziehen. Und Isabel hierbleibt. Damit ihr für die Ewigkeit Tarzan und Jane spielen könnt!«
Ein Teil von Lara wünschte sich, dass das die Wahrheit war.
Luxus drehte sich um und sah ins Dickicht. »Du kannst kommen.«
Gebannt starrte Lara auf das dichte Blattwerk. Gleich würde sie heraustreten. Mit ihrem modelgleichen Körper und ihrem überlegenen Lächeln.
»Komm schon. Dir wird nichts passieren«, ermunterte Luxus sie.
Die Blätter wurden zur Seite gedrückt und heraus trat ein Wesen, so schön und elegant, dass es Lara die Sprache verschlug. Das kurze Fell schwarz und glänzend, die Beine so lang wie die eines Löwen, große Ohren und ein runder Kopf, aus denen zwei dunkelgrüne Augen blitzten.
Lara starrte das pantherähnliche Tier an, das ihr unter normalen Umständen auf dieser Welt nicht aufgefallen wäre. Aber ein Blick in diese Augen, und es war ganz klar. In diesem Körper
steckte Isabel.
Sie hörte Marc neben sich aufschreien. »Nein!«
Das Tier ging langsam auf ihn zu. Sah ihm tief in die Augen. Er starrte zurück. Und sank mit einem Stöhnen auf die Knie. Er hielt den Kopf gesenkt, sein Körper bebte. Das Tier kam näher und stieß ihn sanft mit dem Kopf an.
Lara, Tonka und Luxus beobachteten die Szene, die so innig, so vertraut und doch so entsetzlich war.
Das Tier schleckte nun Marcs Hand, während Lara sich an Luxus wandte. »Wir nehmen sie mit. Mila wird wissen, was zu tun ist.«
Marc sah hoffnungsvoll auf, aber Luxus wirkte zögerlich. »Keine Ahnung, ob das funktioniert.«
»Warum nicht? Sie kann nicht hierbleiben! Als Panther oder was auch immer das für ein Tier sein soll.«
»Es ist meine Schuld«, gestand Luxus heiser. »Ich weiß nicht, ob man die Verwandlung rückgängig machen kann.«
»Du Arsch!«, schrie Marc und ging mit erhobener Faust auf ihn los. Doch ehe er ihn treffen konnte, sprang der Panther dazwischen. Das Tier stellte sich vor Luxus und fauchte Marc an. Der blieb mit erhobener Faust stehen. Sein Blick wirkte hilflos und verwirrt. Das Tier fletschte die Zähne und ging nah an Luxusʼ
Beine heran.
»Sie ist bereits eins mit dieser Welt. Sie versteht nicht, dass sie woanders hingehört.« Luxus war anzusehen, wie sehr er litt.
Marc ging auf den Panther zu. »Isabel! Du gehörst zu uns! Komm mit uns!«
Aber das Tier sprang ins Dickicht und
verschwand.
Lara nahm Marc an der Hand. »Lass uns gehen. Wenn wir zu Hause sind, reden wir mit Mila.«
Oder würde Mila am Ende froh über Isabels Verwandlung sein? Immerhin konnte sie nun mit ihren Fotos keinen Schaden mehr anrichten. Ihr Wille, die Existenz der anderen Welten zu veröffentlichen, hatte sich in Luft aufgelöst.
Nein
, dachte Lara. Isabel war immer noch ein Geschöpf der Erde und gehörte dort hin. Das musste Mila als baldige Weltenhüterin genauso empfinden.
Langsam gingen sie durch den dichten Wald, als Lara plötzlich stehen blieb. »Vielleicht wäre es auch so passiert.«
Luxus blieb ebenfalls stehen und musterte sie fragend.
»Die Verwandlung. Du weißt doch, als ich auf diese Welt gesprungen bin, habe ich mich auch verwandelt. Vielleicht muss man einfach nur lange genug hier sein ... oder den Willen haben, hierzubleiben ... und verwandelt sich dann.«
»Das ist wahrscheinlich«, gestand Luxus. »Aber selbst dann hätte ich sie rechtzeitig weiterschicken können.«
»Vielleicht wäre sie nicht gegangen.« Lara ging auf Luxus zu. »Ich glaube nicht, dass es deine Schuld ist.«
Marc schnaubte.
»Isabel hatte immer einen eigenen Kopf. Sie hat sich durchgesetzt und den Preis dafür gezahlt«, betonte Lara.
»Aber ich hätte sie aufhalten können«, fand Luxus. »Es wäre meine Aufgabe gewesen. Ich war
egoistisch. Habe nur an mich gedacht. An mein Begehren. Und nicht an das, was Isabel wirklich gebraucht hätte.«
Als sie weitergingen, trat Marc an Laras Seite. »Erinnert dich das an irgendwen?«
Sie starrte ihn an.
»Timo ist auch so drauf. Pass nur auf, dass er dich nicht in eine Tote verwandelt.«
Seine Worte jagten ihr einen kalten Schauer über den Rücken.
Nach einer Weile erreichten sie den Baum, der den magischen Ausgang aus dieser Welt darstellte. Lara sah zum Himmel, wo der Mond hell am Himmel leuchtete. »Tschüss, Auge«, murmelte sie.
»Pass auf dich auf, Zottel!«, hörte sie seine Stimme.
Sie versicherte sich, dass sie Isabels Kamera und die Karte der magischen Orte in Marcs wasserdichtem Rucksack hatte, und nahm Tonka an die Hand, die den restlichen Weg sehr schweigsam gewesen war.
Jetzt sah sie Lara an. »Kann mir das auch passieren? Auf eurer Welt? Diese Verwandlung?«
»Du bist schnell genug in deiner Welt zurück«, beruhigte Lara sie. »Wir passen auf dich auf.«
Tonkas Haut flackerte in hellen Farben.
Lara sah zu Marc. Nach seinem letzten Spruch hätte sie ihn am liebsten hiergelassen. Als bärähnlichen Eremiten, oder was auch immer er für ein Tier geworden wäre.
Dennoch konnte sie nicht einmal mehr vor sich selbst verleugnen, dass seine Worte sie berührt hatten.