Die Melodie
Töne, Töne, Töne ...
Lara schwebte, getragen von Klängen, die an dünnen Saiten von allen Seiten auf sie zuflogen, dabei immer lauter wurden und teilweise durch sie hindurchgingen, als wäre sie selbst ein Ton. Dazu hatten sie alle eine unterschiedliche Farbe.
Lara schrie vor Begeisterung auf. Noch lauter als Tonka, die jedem Ton mit großen Augen entgegensah und aufschrie, sobald er durch sie hindurchging. Diese Welt hatte sie bei ihrer letzten Reise verpasst. Sie empfand nichts als Dankbarkeit, sie nun erleben zu dürfen.
Es war unglaublich. Unendlich verschiedene Töne, die aber doch zusammengehörten. Instrumente, die ihr bekannt vorkamen, dann wieder Klänge, die sie noch nie gehört hatte. Das alles vermischte sich zu einem einzigen, riesigen Konzert, und sie schwebte mittendrin. Hing fest an unsichtbaren Fäden, an denen die Töne durch die Gegend sausten.
Marc trudelte neben ihr.
»Wie ...« Lara hielt inne. Das Wort war wie Musik aus ihr herausgekommen. »Wie kommen wir hier weg?«, trällerte sie.
»Festhalten«, tönte Marc und klang wie ein tiefes Saxophon. Er legte dabei die Hände auf die dünnen Saiten.
Lara sah sich nach Tonka um, die begeistert durch die Gegend sauste. »Geh du vor«, sang Lara in Marcs Richtung. »Wir kommen.«
Er schüttelte den Kopf. Würde nicht ohne sie gehen. Lara schwebte zu Tonka und
rief ihren Namen, der wie ein Glockenspiel aus ihrem Mund purzelte. Tonka drehte sich um und strahlte sie an.
»Leg deine Hände auf die Saiten!«, rief Lara und machte es vor.
Tonka tat wie verlangt, genau wie Marc. Lara spürte das Vibrieren der Saiten und hörte, wie sich etliche Töne auf einmal näherten. Dann hielt sie inne. Es waren nicht einfach nur Töne. Sie konnte deutlich hören, wie sich eine Melodie bildete. Eine Melodie, die sie so sehr berührte, dass ihr die Tränen kamen. Regungslos verharrte sie, als würde die Musik sie für einen Moment erstarren lassen. Die Klänge konnte Lara keinem Instrument zuordnen. Aber sie bekam eine Gänsehaut und hatte die ganze Zeit Tränen in den Augen, während sie der Melodie lauschte.
Bilder tanzten in ihren Gedanken. Sie sah die Erde, die Menschen darauf, Städte und Länder. Kinder mit ihren Eltern, so viel Vertrauen in den Augen. Hände, die sich hielten. Münder, die sich küssten. Tanzende Beine, glückliche Gesichter ... Und Lara begriff: Was sie hörte, war die Melodie der Menschen. Das Schönste, was Lara je gehört hatte.
Sie sah sich in der farbenfrohen Welt der Töne um und flüsterte ein leises »Dankeschön«, das wie die Töne einer Triangel erklang und in hellen Farben von ihr wegflog. Hoffentlich würde ihr Dankeschön für immer auf dieser Welt erklingen.
Dann ballten sich die Töne zu einem unfassbaren Krach zusammen. Als hätten sie entschieden, die drei Wesen nun endlich aus ihrer Welt herauszukatapultieren, fuhren sie geschlossen durch Marc, dann durch
Lara und schließlich, so erkannte Lara gerade noch, durch Tonka hindurch.
Lara sauste noch einmal an Laniakea vorbei, ehe sie prustend im Mummelsee auftauchte.