Das Ritual
Lara hatte schlecht geschlafen. Erst hatte sie ständig an Timo gedacht. Dann an Mila. Dann an die Herztöne und schließlich an Ayse, mit der sie all das so gern besprochen hätte.
Sie war froh, als es endlich hell wurde und sie sich mit dem Planen ihrer Zukunft von all ihren Gedanken ablenken konnte.
Als sie vor dem großen Schulgebäude stand, fühlte sie sich jedoch wie gelähmt. Die Schüler strömten an ihr vorbei, einige sahen sie verstohlen an. Als Lara den Blick eines Jungen ihres Alters erwiderte, poppte prompt eine Blase über seinem Kopf auf. Lara sah weg, ehe sie seinen Willen erkennen konnte. Ihre Mitschüler auf diese Weise kennenzulernen, kam ihr falsch vor.
»Sie beißen nicht«, drang eine Stimme an ihr Ohr.
Sie drehte sich um und sah Cem in die Augen. Erleichtert lächelte Lara. »Mann, bin ich froh, dich zu sehen.«
»Ich weiß nicht, ob ich mit dir reden darf. Meine Freundin hat mit dir Schluss gemacht.« Der Ton seiner Stimme verriet, dass er Ayses Aktion nicht wirklich ernst nahm. »Ich habe eine Liste. Was ich alles über dich herausfinden soll, wenn wir jetzt zusammen zur Schule gehen. Heimlich versteht sich. Damit du davon nichts mitkriegst. Aber für so eine Aktion bin ich sozial zu grobmotorisch. Also frag ich dich lieber direkt.«
Lara musste grinsen. Und vermisste Ayse noch mehr.
»Kannst du sie nicht einfach anrufen?«, bat Cem
.
»Mach ich. Aber erst muss ich das hier hinter mich bringen.«
»Welche Klasse?«
»Zehnte.«
»Bei Frau Wagner?«
Lara nickte.
»Die ist ein Drachen. Viel Spaß.«
Lara lachte und sah Cem dankbar in die Augen. Über ihm poppten zwei Willensblasen auf. Diesmal wandte Lara den Blick nicht ab. Ihre Neugier war einfach zu groß. In einer Blase sah sie Cem mit Ayse. Hand in Hand, am Tisch mit seiner Familie. In der anderen erkannte sie Cem zusammen mit ... War das Marc? Lara musste ungläubig geguckt haben, denn Cem sprach sie besorgt an.
»Bist du sicher, dass du heute schon loslegen willst?«
Sie sah noch kurz in die Blase. Doch, das war Marc. Zusammen mit Cem saß er vor dem Rechner und diskutierte. Über ihnen hing ein Poster mit Galaxien und Sternen.
Lara zwang sich, den Blick zu senken. »Zeigst du mir den Weg?«
Cem führte sie durch die Schulgänge zu ihrem neuen Klassenzimmer. Die Schule war ein altes Gebäude, die Gänge waren mit Aktionen der Schüler dekoriert. Hauptsächlich ging es um das Thema Integration. Verschiedene Religionen wurden vorgestellt, das Thema Kopftücher an Schulen
wurde in einer Collage behandelt, in einer anderen der Bürgerkrieg in Syrien. Lara konnte sich kaum auf die ausgestellten Collagen konzentrieren, denn Cem nutzte die Zeit, um sie
auszuhorchen. Über einen Typen namens Leo. Kannte sie ihn? War er ein alter Freund von Ayse und ihr? Als Lara verneinte, betonte er, dass es irgendein Musiker sei, mit dem Ayse jetzt dauernd rumhing. Es war offensichtlich, dass Cem sich Sorgen machte, da Ayse nur noch von diesem Kerl zu sprechen schien.
In Lara erwachte die Neugier. Das Schweigen zwischen Ayse und ihr musste aufhören!
Als sie die Tür zum Klassenzimmer erreichte, blieb Cem noch einmal stehen. »Hör mal ...« Er hatte sichtlich Schwierigkeiten, das Folgende anzusprechen. »Viele an der Schule haben Timo gekannt. Und echt gerngehabt. Sie haben tausend Fragen zu dir. Wenn dir einer blöd kommt, sag mir Bescheid.«
»Und dann machst du was?«, fragte Lara erstaunt.
»Ich gebe ihm Antwort«, antwortete Cem grinsend und ging.
Lara sah ihm lächelnd nach. So musste es sich anfühlen, einen großen Bruder zu haben.
Der erste Vormittag an ihrer Schule stellte sich jedoch als recht harmlos heraus. Frau Wagner hatte sie der Klasse vorgestellt und einige Schüler hatten sie in den Pausen angesprochen. Um nicht von ihren Willensblasen abgelenkt zu werden, war Lara mehr für sich geblieben. Sich wieder mit englischer Grammatik und Gedichtinterpretationen zu beschäftigen, hatte ihr erstaunlich gutgetan. Wie schon lange nicht mehr, hatte sich Lara wieder fast wie ein normales Mädchen gefühlt. Im Geschichtsunterricht hatten sie den Bürgerkrieg in Syrien durchgenommen. Die
Schüler ihrer Klasse diskutierten leidenschaftlich über die Lage dort, zwei Schüler kamen aus Syrien und berichteten von ihren Erfahrungen. Lara war erschüttert und dachte an die Welt der Krieger. Sie wusste in diesem Moment, dass sie nie wieder dorthin zurück wollte.
Der Junge und das Mädchen, die Lara schon auf dem Schulhof gesehen hatte, gingen mit ihr in dieselbe Klasse. Tamara und Jonas, zweieiige Zwillinge. Sie sahen sich nicht nur sehr ähnlich, sie hatten auch zu allem dieselbe Meinung. Sie mit einer sehr hohen, piepsigen Stimme, während Jonas immer so klang, als würde er gerade rennen. Als wäre er konstant gehetzt. Unter anderem vertraten sie die Meinung, dass die Flüchtlinge aus Syrien in ihrem eigenen Land bleiben sollten. Die Diskussion nahm dank der beiden eine zunehmend hitzige Form an, die irgendwann von der Lehrerin und der Schulglocke unterbrochen wurde.
Auf dem Nachhauseweg schrieb Lara Ayse eine SMS.
Bin zurück. Körnchen geht es gut. Kündigung der Freundschaft ungültig.
Sie fotografierte das Ultraschallbild und schickte es Ayse, als plötzlich jemand vor ihr stand.
»Hey, Mädchen aus Berlin.«
Lara sah erschrocken in Jonas’ Gesicht, der neben seiner Zwillingsschwester vor sie getreten war.
»Hey«, erwiderte Lara unsicher.
»Unser Vater sagt, dass du Timo getötet hast«, sagte nun Tamara mit ihrer hohen, unangenehmen Stimme.
Lara starrte sie verwirrt an. »Wer ist euer Vater?«
»Ihm gehört eine Firma hier. Und er kennt den Polizeichef.
«
Lara wich vor den beiden zurück. »Ich habe ihn nicht umgebracht.«
In einem kleinen Bogen lief sie um die Geschwister herum, die nichts mehr sagten, sie aber mit den Blicken verfolgten. Erst als sie einige Meter zwischen sich und die Zwillinge gebracht hatte, merkte Lara, wie sehr sie schwitzte.
Während des kurzen Austauschs hatte sie Blickkontakt mit den Zwillingen gehabt und daraufhin Einblick in deren Willensblasen erhalten.
Die beiden hatten eine große Willensblase gemeinsam, in der sie als Team zu sehen waren, weit entfernt von Mitschülern. Aber sowohl Tamara als auch Jonas hatten noch eine eigene Blase. Und in der standen sie über dem jeweils anderen. Wie in einer Kampfszene. Mit erhobener Faust. Wie innerlich zerrissen musste man sein, um zwei so unterschiedliche Willen zu haben? Und welcher davon war nun der, der sie wirklich glücklich machte? So sahen sie nämlich in keiner der Varianten aus.
Vielleicht ging es gar nicht immer darum, glücklich zu werden, wenn sich die Seelen für eine Welt entschieden. Sondern darum, Erfahrungen zu sammeln.
Lara fragte sich, ob sie sich für das Glück oder das Lernen entschieden hatte. Damals, als ihre Seele sich auf den Weg gemacht hatte.
Am späten Nachmittag stand sie mit Karin im Kräutergarten hinter dem Hexenhaus. Sie hatte ihr von der merkwürdigen Begegnung
erzählt.
»Die Bergmann-Zwillinge.« Karin nickte. »Lass dich von denen nicht verunsichern. Sie quatschen alles nach, was ihr Vater sagt. Ohne es zu hinterfragen. Dabei könnte man so ziemlich alles hinterfragen, was dieser Mann von sich gibt. Aber lass uns von was Schönerem reden. Frauenmantel zum Beispiel.«
Karins Augen leuchteten vor Begeisterung, als sie Lara das Wirkungsspektrum dieser Pflanze erklärte, als jemand zögernd ums Haus kam. Die Person, mit der Lara als Letztes gerechnet hätte.
»Hallo, Frau Heller«, begrüßte Karin Timos Mutter.
Lara musterte sie vorsichtig. Der Hass, den sie gestern noch so deutlich in ihren Augen gesehen hatte, war weg.
Karin setzte Tee auf und ließ die beiden dann allein. Eine Weile schwiegen sie. Lara wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Ich welcher Woche bist du?«, fragte Timos Mutter schließlich.
»In der siebten.« Lara konnte regelrecht sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte.
»Und es ist sicher, dass ...«
»Ja, ganz sicher.« Lara sah ihr tief in die Augen. »Frau Heller ...«
»Theresa, bitte.«
»Theresa. Ich weiß, Sie haben kein sehr positives Bild von mir. Aber ich liebe Timo. Ich weiß, er und ich haben uns nicht lange gekannt. Doch Zeit spielt in diesem Fall keine Rolle.«
Theresa stand schließlich auf. »Komm
mit.«
Sie ging die Hauptstraße des Orts hinunter, und Lara folgte ihr, ohne Fragen zu stellen. Als sie jedoch am Ende des Dorfs links abbog, ahnte Lara, wohin sie wollte.
Sie blieb stehen. »Das ist wirklich nicht nötig«, betonte sie schnell.
Theresa drehte sich um. »Ich habe dir verboten, zur Beerdigung zu kommen. Das war nicht in Ordnung.«
Sie ging so schnell weiter, dass Lara keine andere Wahl blieb, als ihr weiter zu folgen. Mit mulmigem Gefühl betrat sie den Friedhof und ging Theresa langsam hinterher. Sie passierte das Grab ihrer Eltern und blieb in einiger Entfernung stehen, als Theresa vor einem frisch ausgehobenen Grab stehen blieb. Lara stutzte, als sie erkannte, was anstelle eines Kreuzes an dem Grab lag: Timos Skateboard.
»Mein Timo war kein besonders religiöser Mensch. Wir haben uns deshalb gegen ein Kreuz entschieden. Ich glaube, wenn er mit seinem Skateboard unterwegs war, dann war er Gott am nächsten. Deshalb ...«
Langsam ging Lara näher. Auf dem Erdhügel standen Blumen, ein kleiner Baum war daneben gepflanzt. Ein gerahmtes Foto von Timo war an das Skateboard gelehnt. Sie spürte, wie ihre Knie nachgaben. Ein Schluchzen drang ihr aus der Kehle, während sie die Tränen spürte, die ihr das Gesicht hinunterliefen.
Das Grab vor Augen konnte sie sich nicht mehr vormachen, dass Timo nie gegangen war. Er war fort. Nicht einmal sein Geist war noch da. Und auch wenn sie wusste, dass die Ewigkeit auf sie wartete, so war er doch für dieses Leben nicht mehr an ihrer
Seite. Würde niemals wieder Timo sein. In seinem Körper. Auf seinem Skateboard. Würde niemals seine Tochter in den Armen halten.
Sie weinte alles aus sich heraus, fühlte erst jetzt, was sich angesammelt hatte. Als wäre sie verstopft gewesen. Ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihre Angst und Unsicherheit wegen der Zukunft, all das sauste durch ihren Kopf, während sie auf Timos Grab starrte.
Lara wusste nicht, wie lange sie geweint hatte. Als der Tränenfluss endlich nachließ, fand sie sich in Theresas Armen wieder.
»Es tut mir so leid«, wisperte die. »Ich war wütend. Und ich wollte, dass jemand Schuld hat. Jemand anderes als ich.« Theresa hockte sich einfach neben Lara auf den Boden. »Ich habe ihn allein gelassen. Lange, bevor du gekommen bist. Ich wusste, dass er Probleme hatte. Seit Sazan gestorben ist. Aber ich konnte einfach nicht mit ihm reden. Wir reden nicht so viel. Bei uns in der Familie.« Sie nahm Laras Hand. »Jetzt hat Timo ein Kind. Wenn du es erlaubst, möchte ich gerne daran teilhaben.«
Lara nickte. »Natürlich.«
Theresa lächelte sie an. Es war das erste Mal, dass Lara diese Frau lächeln sah.
»Wollten Sie eigentlich mal Goldschmiedin werden?«
Theresa musterte Lara verwundert. »Wie kommst du denn jetzt darauf?«
»Einfach so.«
Theresa starrte einen Augenblick vor sich hin und zuckte dann mit den Schultern. »Als ich sechzehn war, wollte ich eine Lehre machen. Meine Eltern waren
dagegen. Sie meinten, ich hätte kein Talent. Wäre mehr eine Frau fürs Grobe. Irgendwann habe ich es vergessen.«
»Sie sollten es machen. Jetzt«, erklärte Lara und stand mühsam auf.
Auch Theresa erhob sich. »Ähm, aha?« Sie war völlig verwirrt.
Aber Lara hatte keine Zeit mehr. Sie musste zurück. Zurück zu Mila.
Sie riss die Tür zu Milas Zimmer auf. Leer. Bestimmt war sie im Garten. Lara rannte nach unten.
Sie hatte einen Schuldigen gesucht. Genau wie Theresa. Das war ihr auf dem Friedhof klar geworden. Es war leichter gewesen, wütend als traurig zu sein. Der Schmerz war schlimmer als die Wut gewesen.
»Mila?« Sie sah in den Garten hinaus, in dem Karin Kräuter pflückte.
»Was ist?«, fragte sie. »Wo ist Theresa mit dir hin?«
»Erzähl ich dir später. Weißt du, wo Mila ist?«
»Sie wollte in den Wald.« Karin sah zu den Bäumen. »Sie war irgendwie seltsam«, sinnierte sie.
»Seltsam inwiefern?«
»Sie hat mich umarmt. Und mir gesagt, wie lieb sie mich hat. Sogar Styx ist um meine Beine gestrichen. Das hat diese Katze noch nie gemacht.«
Lara schluckte.
»Dann ist sie weggelaufen. Wieso? Was ist denn los?«
»Nichts. Ich ... Sie hat gestern was von mir gewollt. Aber da hatte ich es noch nicht. Und jetzt habe ich es, deshalb ... Ich gehe sie suchen.
«
Lara eilte in den Wald, auch wenn sie im Herzen wusste, dass sie Mila dort nicht finden würde. Sie war mit Styx fortgegangen. An den Ort, wo das Ritual stattfinden würde. Lara dachte nach, während sie Milas Namen in den Wald rief. Dieses Ritual würde an einem magischen Ort stattfinden, so viel war klar.
Sie lief zum Haus zurück, ging weiter zur Bushaltestelle und ließ sich zum Mummelsee fahren. Dort suchte sie das Ufer nach Mila ab. Nichts. Sie nahm einen weiteren Bus nach Seebach. Mittlerweile war es Abend. Sie lief den ganzen Weg zum Silbergründle. Als sie endlich die Abbiegung in den Wald erreichte, war es dunkel. Im Schein ihrer Smartphone-Taschenlampe ging sie den Weg hinauf, bis sie die schmale Höhle erreichte.
»Mila?« Ihre Stimme erklang in der Dunkelheit. Sie erhielt keine Antwort. Eilig lief Lara in die Höhle hinein, erreichte die Leiter und kletterte nach unten. Auch beim kleinen See war keine Mila. Lara schrie frustriert auf, als im selben Moment auch noch das Licht ausging. Akku leer. Na wunderbar. Noch leuchtete das weiße Licht aus dem See, doch als Lara die Leiter wieder nach oben kletterte, wurde es stockdunkel.
Während sie sich vorsichtig die Höhle entlangtastete, brach das schlechte Gewissen über sie herein. Mila hatte sich an sie gewandt, als sie Hilfe gebraucht hatte. Nicht die angehende Weltenhüterin, die nach ihren Regeln walten musste. Sondern das sechsjährige Mädchen, das sich innerlich darauf vorbereitet hatte, ihre bisherige Rolle aufzugeben. Sie würde nicht mehr Mila sein, das Kind von Jo und Karin. Diese Mila war für immer
weg.
Als würde sie sterben.
Und Lara hatte sie damit allein gelassen. Weil sie zu sehr mit sich und ihrem Kummer beschäftigt gewesen war. Weil sie ein normales Leben gewollt hatte. Aber wollte sie das wirklich? Wollte sie auf all das verzichten, was sie erlebt hatte? Auch wenn sie dabei Verlust erfahren hatte? Wollte sie die anderen Welten wirklich vergessen? Den Moment, als ihre Eltern die neue Welt erschaffen hatten?
Sie versuchte, möglichst schnell zum Ausgang zu gelangen, obwohl sie keine Ahnung hatte, wo sie jetzt suchen sollte. Vermutlich waren diese beiden Orte nicht die einzigen magischen Plätze auf dieser Welt. Außerdem hatte Mila von dem Ort berichtet, wo der Kristall war. Wenn das Ritual dort stattfand, hatte Lara keine Möglichkeit, dort hinzugelangen. Mila hatte ihr gesagt, dass dieser Ort für sie nicht erreichbar war. Was auch immer das bedeutete.
Während Lara noch überlegte, wo und vor allem wie sie Mila suchen konnte, hörte sie plötzlich ein Geräusch. Sie blieb stehen und lauschte. Schritte. Jemand näherte sich ihr.
»Hallo?« Laras Stimme klang höher als sonst.
Die Schritte stoppten abrupt. Lara hörte ihr Herz schlagen. Schnell.
»Wer ist da?«, rief sie in die Dunkelheit.
Wieder Schritte. Schneller diesmal. Sie entfernten sich von ihr und waren bald nicht mehr zu hören. Wer auch immer in der Höhle gewesen war, er oder sie war jetzt weg.
Lara eilte weiter, nur schnell raus aus der Höhle. Sie fand ihren Weg zur Straße runter. Dort sah sie
ein Auto davonfahren. Irgendjemand war mit ihr in der Höhle gewesen. Und wollte dabei definitiv nicht erwischt werden.
Außer Atem setzte sich Lara auf eine der Holzbänke, die vor der kleinen Hütte standen. Eine kurze Pause, dann würde sie nach Hause laufen. Oder in den nächsten Ort, um Marc von einer Telefonzelle aus anzurufen, dass er sie abholte. Nein. Sie hatte kein Geld dabei. Und Marcs Nummer kannte sie nicht auswendig. Nicht zum ersten Mal fragte sich Lara, wie ihre Eltern oder deren Eltern ohne Handy eigentlich überlebt hatten.
Viel wichtiger war die Frage, wie sie Mila jetzt noch erreichen konnte. Wenn sie erst einmal Weltenhüterin war, würden sie nicht mehr miteinander kommunizieren können. Aber vielleicht ...
Lara setzte sich aufrecht. Würde das funktionieren? Sie hatte von Styx eine Gabe bekommen. Sie konnte den Willen der Menschen sehen. Vielleicht – wenn sie sich ganz auf Milas Willen konzentrierte?
Lara setzte sich im Schneidersitz hin. Sie faltete die Hände, als würde sie beten. Sie wusste nicht warum, aber es schien ihr eine gute Möglichkeit, um ihre Energie zu kanalisieren.
Sie dachte an Mila. Konzentrierte sich ganz darauf, sie sehen zu wollen. Das kleine Mädchen, das ihr das erste Mal hinter dem Hexenhaus in Sasbachwalden begegnet war. Sie hatte Zwitscher vor Laras Augen wackeln lassen, was für Lara damals wie ein von Kinderhand gezeichnetes Auge ausgesehen hatte. Styx kann zwischen den Welten reise
n
, hatte sie Lara erzählt.
Lara konzentrierte sich auf jedes weitere Detail, das ihr von Mila im Gedächtnis war. Ihre glatten, blonden Haare, ihre glockenhelle Stimme, die Falte zwischen den Augen, während sie die Probleme der Menschheit zu lösen versuchte. Und dann konzentrierte sich Lara auf das, was sie für Mila empfand, nachdem sie ihre Wut hatte loslassen können. Respekt vor ihrem Mut. Liebe für ihren unermüdlichen Einsatz für die Menschen.
Da geschah es.
Lara spürte, wie ihre eigene Energie aus ihrem Körper herausschoss. Für einen Moment sauste sie unkontrolliert über sich selbst, sah ihre Gestalt auf der Bank sitzen. Auch jetzt war die silberne Linie zwischen ihrem Körper und ihrem Selbst gut zu erkennen. Lara war sich unsicher gewesen, ob sie diese ohne die Hilfe der Weltenhüter halten konnte. Sie fokussierte sich wieder auf Mila, und wie von einer fremden Kraft geleitet, flog sie davon. Weit über den Schwarzwald hinweg. Längst hatte Lara die Orientierung verloren, als ihre Energie plötzlich Richtung Boden sauste. Lara hätte geschrien, war dazu aber nicht in der Lage und flog unkontrolliert in den Boden hinein. Als reine Energie stellte dies kein Hindernis dar. Sie sah die Wurzeln der Bäume, das Erdreich, von unzähligen Tieren belebt. Sauste weiter durch die Erde, in immer dichter werdende Gesteinsschichten, um mit einem Mal in einer hell erleuchteten Höhle zu landen.
Mit einem Ruck stand ihre Energie still. Sie sah sich um. Hing fest an ihrem silbernen Faden. In einer Höhle so groß wie eine Kirche. Die Wände voll mit roten
Kristallen, zwischen denen blaue Steine wuchsen. Das Licht stammte von einem Baum, der aus einem silbern funkelnden See wuchs. An seinen Zweigen hingen glitzernde Lichter, deren Schein sich in den Kristallen brach. Ein atemberaubendes Farbspiel. Lara staunte. Die Kristalle wuchsen in unterschiedlicher Größe, und sie erkannte Schriftzeichen auf ihnen.
Dies musste der Ort auf ihrer Welt sein, an dem der magische Kristall war.
Tatsächlich. Als Lara den Blick weiterschweifen ließ, entdeckte sie zwei große geschliffene Kristalle neben dem See auf dem Boden. Ein roter und ein blauer.
Um diese Kristalle herum standen sie. Mila, Styx und Rasmus, der alte Weltenhüter. Neben ihm stand ein Mann, der an Größe alle übertraf. Seine gut zwei Meter große Gestalt steckte in einem ausgeblichenen Bademantel, auf dem Kopf trug er einen schwarzen Zylinder, an dem eine gelbe Wäscheklammer steckte. Der Mann verfolgte sie mit dem Blick und schnalzte dabei, ähnlich wie Tonka.
Sie alle starrten hoch zu Lara. Milas Augen waren vor Verwunderung weit aufgerissen, als sie das folgende Wort aussprach. »Du?«
Lara versuchte, sich Mila zu nähern. Wirklich lenken konnte sie sich in dieser ungewohnten Erscheinungsform nicht. Sie flog etwas unstet durch die Höhle, stets verbunden mit ihrem Faden, einmal dicht vorbei an Rasmus und dem riesigen Mann, der sie interessiert musterte und dabei schnalzte und pfiff. Wie sie wohl aussah
?
Schließlich blieb sie dicht vor Mila in der Luft schweben. Sie wollte ihr alles sagen. Sich entschuldigen. Ihr sagen, dass sie für Jo und Karin da sein würde, so gut sie konnte. Aber sie brachte kein Wort raus. Konnte als reine Energie nicht sprechen.
Dennoch zeichnete sich ein Lächeln in Milas Gesicht ab. Das Mädchen verneigte sich kurz. »Danke.«
Dann atmete Mila tief durch und ging auf die Kristalle zu.
Der Mann mit dem Zylinder pfiff eine kurze Melodie und schnalzte noch einmal.
»Das ist meine Cousine«, erklärte Mila auf eine offensichtlich gestellte Frage. »Sie hat Styxʼ
Gabe und wird beim Ritual dabei sein.«
Lara sah, wie Styx sie musterte. Die Katze wirkte unruhig. Doch Lara wurde bereits abgelenkt. Mila stand an den großen polierten Kristallen und sah zu Lara. Ihr Gesicht strahlte vor kindlicher Begeisterung.
»Das hier sind unsere Kristalle. Wir haben zwei! Keine Welt außer unserer hat zwei. Denn wir haben zwei Kräfte, die unsere Welt im Gleichgewicht halten.« Sie strich sanft über den roten Stein. »Und der Mann hier ist der Gedankenträger. Er heißt Gabel und kommuniziert unentwegt mit allen Menschen. Siehst du die Zeichen auf den Kristallen?«
Lara näherte sich den Kristallen an der Wand und betrachtete die Zeichen in der fremdartigen Sprache. Sie waren auf den blauen und den roten Steinen eingraviert.
»Es sind Gedanken. Wenn ein Mensch einen ganz besonders schönen, einen erhabenen
Gedanken hat ... eine Erkenntnis der Liebe, dann gelangt dieser Gedanke in Form von Klängen in diese Höhle. Der Hüter empfängt die Klänge, lässt sie in dem Stein ertönen und sendet diesen Gedanken als Botschaft durch das Erdreich zu den Menschen zurück. Auf diese Weise habt ihr Anteil an den Gedanken der anderen.«
Lara lauschte fasziniert.
»Wer auch immer empfänglich ist, kann die Töne hören. Meistens sind es Musiker. Sie empfangen eine Melodie und komponieren ein Lied daraus. Der Gedanke, der dahintersteckt, wird so für die ganze Welt hörbar. Dieses System habt ihr euch ausgedacht. Um miteinander verbunden zu sein. Um zu kommunizieren.«
Lara war sprachlos, und das lag nicht nur an ihrer körperlosen Daseinsform. Sie fühlte sich in diesem Moment tatsächlich verbunden. Mit allen Menschen, die entschieden hatten, ein Leben auf dieser Welt zu verbringen.
»Jeder Gedanke der Liebe wächst in Form eines Rubins aus der Wand. Der blaue Stein empfängt die Gedanken der Angst«, fuhr Mila fort. »Sie wachsen in dieser Höhle in Saphiren. Auch die negativen Gedanken, das Schlimmste, was ein Mensch zu denken imstande ist, wird in Form von Tönen in die Welt hinausgetragen. Du weißt, dass das Gleichgewicht von Liebe und Angst für diese Welt wichtig ist. Deshalb haben die negativen Gedanken die gleiche Daseinsberechtigung wie die positiven.«
Lara betrachtete die verschiedenen Steine. Die Rubine strahlten eine Wärme aus, während die Saphire kalt und hart wirkten. Wie musste es sein,
zwischen all diesen Gedanken zu leben? Sie betrachtete Gabel, den Mann mit dem Zylinder, der nun pfeifend und schnalzend die Hände in das silberne Wasser tauchte. Er ging zum roten Kristall, hockte sich auf den Boden und legte die Hände darauf. Er sah Mila an.
Diese sah zu Styx. Der Schwanz der Katze zuckte. Dann blickte sie zu Rasmus, der das Mädchen anlächelte. Schließlich schaute sie zu Lara, die die Angst in den Augen ihrer Cousine sah.
Es war es so weit.
Mila würde Weltenhüterin werden.
Der Ton dröhnte durch die Höhle. Gabels Hände glitten in unfassbarer Geschwindigkeit über den Rubin und brachten ihn so zum Klingen. Mila stand vor ihm, die Augen geschlossen. Fasziniert beobachtete Lara, wie der Ton ihre kleine Cousine zunehmend in Schwingung versetzte. Ihre Konturen schienen sich regelrecht aufzulösen.
Während all dies geschah, näherte sich Rasmus langsam. Er hatte die Karte mit den magischen Orten in seinen Händen, stellte sich hinter Mila und schloss ebenfalls die Augen. Gebannt beobachtete Lara, wie Milas äußere Grenzen zunehmend verschwammen. Sie schien sich in dem Ton aufzulösen. Rasmus ging es genauso. Während er langsam die Hände Richtung Milas Schultern legte, wurden ihre Konturen eins. Rasmusʼ
Gestalt löste sich auf und war bald nicht mehr zu sehen. Die Karte schien schwerelos in der Luft zu hängen, während auch Mila immer schwerer zu erkennen war. Der Ton wurde lauter und lauter, brachte die ganze Höhle zum Vibrieren, während
Milas Figur gänzlich verschwand und die Karte mit sich nahm.
Dann war sie fort.
Lara starrte auf die Stelle, an der Mila gerade noch gestanden hatte. Wo war sie hin? Unsichtbar, aber immer noch da? Lara schaute zu Styx, deren Blick auf sie gerichtet war. Sie fragte sich gerade, warum die Katze so besorgt schaute, als sie das Gefühl hatte, dass ihr jemand von hinten in den Rücken stieß.
Unkontrolliert trudelte sie durch die Höhle, hoch, runter, zur Seite. Unfähig, ihren plötzlichen Flug zu beruhigen. Einmal sauste sie an Gabel vorbei, der sie schnalzend betrachtete, dann flog sie an dem glitzernden Baum und den beiden Kristallen vorbei, während sie sich immer schneller um sich selbst drehte. Im Vorbeifliegen erkannte sie den silbernen Faden, der sie mit ihrem Körper verbunden hatte. Er hing lose in der Luft.
Ihre Verbindung zu sich selbst. Abgetrennt.
Als Lara auf den Boden zusauste, genau an die Stelle, an der Styx saß, starrte die Katze sie an. Sie sprang in die Höhe, wurde mit einem Mal unfassbar groß, das Maul weit aufgerissen. Lara versuchte instinktiv auszuweichen, als sie auch schon im Maul der Katze verschwand.
Styx hatte sie verschluckt.
Ihr Flug dauerte an. Sich um sich selbst drehend konnte Lara nicht erkennen, wo sie war. Hatte sie gerade richtig gesehen? Oder nur halluziniert? Styx konnte sie unmöglich gefressen
haben!
Als der Flug sich endlich verlangsamte, fand Lara die Kontrolle über ihre Bewegung wieder. Sie schwebte im Dunkeln. Doch je mehr sie sich an das Dunkel gewöhnte, desto besser konnte sie die kleinen Lichter erkennen, die sie umgaben. Unzählige kleine Punkte glitzerten um sie herum, in scheinbarer Unendlichkeit. Wie ein Sternenhimmel.
Staunend entdeckte Lara in der Ferne einen Nebel, der in roten und blauen Farben leuchtete. Etwas löste sich daraus. Ein riesiger Felsbrocken, der direkt auf sie zusauste! Lara wollte ausweichen, war nun aber nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Der Fels würde sie zerschmettern! Sie wollte die Augen schließen, als der Fels noch schneller wurde und durch sie hindurchglitt. Lara hatte das Gefühl, kurz in die Länge gezogen zu werden, als der Fels sich bereits von ihr entfernte.
Sie sah ihm erstaunt nach und drehte sich dann einmal im Kreis. Bis zum Horizont sah sie glitzernde Lichter, bunte Nebel und sich bewegende Felsbrocken. Nun, da sie genauer hinsah, erkannte sie, dass alles in Bewegung war. Jedes Licht, jeder Fels, bewegte sich, drehte umeinander.
Sie kannte diesen Anblick. Von all den Bildern bei Marc. Von ihrer Reise durch die Welten. Sie war mitten im Universum.
Das Innere der Katze war das Universum.
Und sie war mittendrin!
Während Lara diese Erkenntnis noch verarbeitete und sich fragte, wie es zum einen möglich war und was das zum anderen für sie bedeutete,
wurde sie von einem Sog erfasst. War das wieder ein Felsbrocken, der durch sie hindurchschoss?
Der Sog riss sie mit sich und zog sie immer schneller, sodass die unzähligen Lichter der Sterne zu leuchtenden Linien wurden. Silberne Fäden, wie die gekappte Verbindung zu sich selbst, zogen sich durch das All, ehe es dunkel wurde.
Dann landete Lara unsanft auf dem Boden.
Sie richtete sich schreiend auf und sah sich um. Neben ihr erkannte sie die Hütte am Silbergründle. Vor sich war die Straße. Lara hob die Hände und starrte auf ihre Finger, die sie nun wieder bewegen konnte. Sie blickte zu ihren Füßen, mit denen sie wackelte. Sie fühlten sich taub an, begannen zu kribbeln, als wären sie eingeschlafen. Lara tastete an ihrem Bauch. Kein Zweifel. Sie war wieder in ihrem Körper.
»Das war in letzter Sekunde«, hörte sie eine Stimme in ihrem Inneren.
Sie drehte sich zur Seite. Styx saß neben ihr auf dem Boden und leckte sich das Maul.
»Hast du ... hast du mich gefressen?«, fragte Lara atemlos.
»Ich habe dich transportiert.«
»Ich war in dir drin«, keuchte Lara.
»Das erschien mir der einzig sichere Transportweg.«
»In dir drin ist das Universum!«
Die Katze begann damit, ihre Pfoten zu putzen.
»Du hast mich ... ausgespuckt?«
»Irgendwie musstest du ja aus mir raus.«
Lara kam es vor, als würde sich alles in ihr drehen. Ihr war bewusst gewesen, dass Styx mehr war als eine
gewöhnliche Katze. Auf diesen Anblick jedoch war sie nicht vorbereitet gewesen.
»Nicht schlecht, oder?« Die Katze grinste.
Überfordert schüttelte Lara den Kopf. »Was ist mit mir passiert? Da unten in der Höhle?«
»Du warst zu lange weg. Die Verbindung zum Körper hält nicht ewig.«
Lara starrte Styx an. »Heißt das, ich hätte sterben können?«
»Nicht direkt«, erklärte Styx. »Wenn ich dich nicht verschluckt hätte, wäre deine Energie auf der Erde geblieben, hätte aber nicht zurück in deinen Körper gekonnt. Auch nicht weiter ins nächste Level. Du wärst ziellos auf der Erde herumgeirrt. Unsichtbar für die Menschen. Getrennt von deinem Körper.«
Lara atmete geschockt ein. »Wie im Koma?«
»Das ist ein ganz guter Vergleich«, ließ Styx vernehmen.
»Und das sagst du mir jetzt?«
»Wann denn sonst?«
»Zum Beispiel, bevor ich zu den Welten aufgebrochen bin. Das hätte mir auf der Suche nach Isabel doch auch passieren können.«
»Nein, hätte es nicht. Durch die Berührung mit dem Kristall warst du verbunden. Diese Verbindung konnte nicht abreißen. Die Weltenhüter hätten dich in jeder Sekunde zurückholen können. Hier bist du auf eigene Faust los. Ohne jemanden, der die Verbindung hält.«
»Was wäre mit Körnchen passiert? Wenn ich nicht zurückgekommen wäre?«
Styx schwieg
.
»Oh Gott!«, rief Lara und strich sich über den Bauch.
»Vielleicht bleibst du von jetzt an besser in dir drin«, kommentierte Styx. »Ich habe keine Lust, dich noch mal zu essen.«
»Keine Sorge!«, rief Lara, deren Herzschlag sich nur langsam beruhigte. »Dann, also ... danke, dass du mich gefressen hast.« Sie stand auf. Ihre Knie waren weich wie Watte. Sie hielt sich an dem großen Holztisch fest.
Die Katze funkelte Lara an. »Du bist nicht mehr sauer? Dass ich Timo den Weg zu dir blockiert habe?«
Langsam fand Lara Halt und atmete tief durch. »Ich hasse die Tatsache, dass er weg ist. Aber ich habe verstanden, dass du mich schützen willst.«
Die Katze machte einen Buckel. »Hat ja lange genug gedauert.«
»Wo ist Mila jetzt?«
»Auf Weltenreise.«
»Bei den Kriegern?«
»Dort beginnt es.«
»Geht es ihr gut?«
»Oh ja. Wer seiner Bestimmung folgt, dem geht es meistens gut.«
Beide schwiegen einen Moment. Dann sah Lara die Katze fragend an. »Ich sehe jetzt immer Blasen über den Menschen.«
Der Schwanz der Katze zuckte.
»Bei manchen sind es zwei. Bei manchen eine. Was bedeutet das?«
»Ein Mensch, der seiner Bestimmung bereits folgt, hat einen Willen. Im Idealfall ist die Blase dann ein Spiegel dessen, was die Person im wahren Leben tut.
Das ist die höchste Daseinsform, die ihr hier erreichen könnt. Wer zwei Blasen über sich hat, hat diese Daseinsform noch nicht erreicht. Der folgt noch nicht seinem Willen. Dann zeigt die erste Blase, was er aktuell anstrebt. Und die zweite zeigt, was ihn eigentlich glücklich machen würde.«
Lara dachte an all die Blasen, die sie bereits gesehen hatte. Die meisten hatten zwei Blasen gehabt. Nur Karin und die Frauenärztin gingen genau dem nach, was sie auch glücklich machte. Oder waren wie Eva, die Betreiberin des Cafés im Holzwurms
, auf dem Weg dahin. Würde Karin morgen immer noch glücklich sein?
»Was sage ich Jo und Karin?«, fragte Lara leise. »Wenn sie morgen aufwachen und Mila nicht da ist.«
»Gar nichts«, erwiderte Styx. »Im Normalfall hättest du von alldem nichts mitbekommen. Also weißt du von nichts.«
»Aber ich weiß alles.«
Lara spürte das Kichern der Katze in ihrem Inneren. »Nein, Lara. Du weißt nicht alles.«
»Ich kann sie nicht anlügen«, beharrte sie.
»Du kannst tun, was du willst. Aber wenn du ihnen erzählst, was wirklich geschehen ist, werden sie dir nicht glauben. Wie könnten sie? Das ist alles meilenweit von dem entfernt, was sie begreifen.« Styx starrte Lara in die Augen. »Wie lange hast du gesehen, dass das Auge auf Milas Hand gemalt ist?«
Lara schwieg.
»Du musst die Dinge erst erfahren, bevor du sie begreifen kannst. Was mit Jo und Karin geschieht, ist im
Sinne ihrer Seelen. Aber du kannst für sie da sein. Sie in ihrem neuen Leben ohne Mila begleiten.«
Lara schüttelte verzweifelt den Kopf.
»Lara, du ziehst die Verantwortung für Dinge auf dich, die nicht zu dir gehören. Auch Timos Tod wäre so oder so geschehen. Genau wie Milas Verwandlung. Du hast damit nichts zu tun«, betonte Styx noch einmal. »Und wenn du ihnen davon erzählst, riskierst du eine Reaktion, die nicht mehr zu kontrollieren ist.«
»Wie mit den Fotos? Von Isabel?«
Styx schwieg.
»Kannst du sehen, wer sie hat?«
»Oh ja.«
Die Art, wie Styx diese zwei Worte aussprach, ließ nichts Gutes erahnen. »Und doch bittest du mich nicht, zu dieser Person zu gehen und ihr die Fotos wieder wegzunehmen?«
»Das kann ich nicht«, betonte Styx.
»Du konntest mich auch hinter Isabel herscheuchen.«
»Weil ich wusste, dass ich dich damit nicht in Gefahr bringe.«
Lara sah die Katze erstaunt an. »Wer auch immer die Fotos hat, ist gefährlicher als eine Reise durch die Welten?«
»Sein Wille könnte dir gefährlich werden. Und dieses Risiko gehe ich nicht ein.« Die Katze stand auf und machte einen Buckel.
»Was wird mit den Fotos geschehen?«
»Wir werden sehen.« Langsam lief die Katze auf die dunkle Straße. »Geh jetzt nach Hause, Lara.
«
Sie stand auf. »Eine Frage noch.«
Die Katze blieb stehen und sah Lara an.
»Warum bist du ausgerechnet eine Katze?«
Styxʼ
Schwanz zuckte. »Die Katze ist das einzige Tier, das mit euch leben und doch ganz frei sein kann.«
Damit stapfte sie in die dunkle Nacht hinaus. Lara sah der dicken Gestalt nach und empfand eine tiefe Dankbarkeit, dass dieses Wesen auf ihrer Welt war.