Schmerz
»Mila!«
Bestimmt zum hundertsten Mal schrie Jo den Namen seiner Tochter. Erst im Haus, dann war er in den Wald gerannt. Jetzt kam er zurück.
Lara stand in der Küche und sah in den Kräutergarten. Sie las die Sorge in Jos Gesicht. Zwei Nächte ohne Mila bedeuteten zwei Nächte ohne Schlaf.
Am ersten Morgen waren Jo und Karin noch nicht sonderlich beunruhigt gewesen. Mila war schon oft vor ihnen aufgestanden und in den Wald marschiert. Zum Frühstück war sie jedoch immer zurückgekommen. Die beiden hatten die Apotheke geöffnet, Lara war in die Schule gegangen, hatte aber Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren. Wenn sie nach Hause kommen würde, wäre Mila nicht da. Unter dem Vorwand einer schwangerschaftsbedingten Übelkeit verließ Lara die Schule eine Stunde früher. Frau Wagner kündigte noch an, mit Lara und ihren Erziehungsberechtigten über die Schwangerschaft reden zu wollen.
Zu Hause angekommen wusste Lara, dass sie dieses Thema heute nicht ansprechen würde. Karin stand allein in der Apotheke. Jo hatte den Wald nach Mila abgesucht. Vergeblich. Jetzt kam er zurück.
»Ich gehe zur Polizei«, verkündete er.
Lara nickte nur. »Soll ich mit?«
»Bleib hier. Falls sie zurückkommt, meldest du dich sofort bei uns. Und falls Kunden kommen, vertröste sie auf morgen.«
Die beiden fuhren davon. Lara blieb allein zurück. Bizarrerweise gab es tatsächlich einen Teil von ihr, der hoffte, die Tür werde aufgehen und Mila eintreten. Alles als ein großes Missverständnis aufklären und Lara sagen, dass sie natürlich keine Weltenhüterin sei und schon gar nicht unsichtbar.
Nichts davon geschah. Es war unfassbar still an diesem Nachmittag. Um sich abzulenken, ging Lara in den hinteren Bereich der Apotheke und sah sich Karins Arbeitstisch an. Es wirkte völlig chaotisch, auch wenn Lara wusste, dass Karin ein genaues System hatte. Verschiedene Kräuter lagen auf dem Tisch, manche getrocknet, andere frisch. Ein Tiegel mit Wollwachs stand neben einer Fantaschale. Lara betrachtete die Blüten, die danebenlagen. Ringelblume, dachte sie. Für eine Salbe.
Sie nahm sich ein völlig zerfleddertes Buch über Kräuterkunde und wollte die Wirkung von Ringelblume nachschlagen, als sie die kleine Glocke über der Tür hörte.
»Hallo?« Sie ging mit dem Buch in der Hand in den Verkaufsraum. Die ältere Dame, die die Apotheke betreten hatte, kam ihr bekannt vor.
»Lara, richtig?«, fragte diese.
Sie nickte und ergriff die dargebotene Hand.
»Ich bin Mathilda, Schätzchen.«
Lara war unsicher, ob die Dame mit Schätzchen sich selbst oder Lara meinte.
»Ich war eine Freundin von Marcs Großvater.«
»Genau. Sie haben auf Susi aufgepasst«, erinnerte sich Lara.
»Jetzt will ich ein Rezept einlösen.«
Sie hielt Lara das Rezept vor die Nase, als Lara einen Schritt zurückging. Wow! Die Willensblasen dieser Dame waren enorm. Genau wie ihr Auftreten. In der ersten sah Lara, wie Mathilda sich im Pflegeheim um zahlreiche ältere Menschen kümmerte. In der zweiten jedoch sah sie Mathilda neben einem Pferd. Sie strich dem Pferd über den Rücken und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Hallo? Mädchen aus Berlin?«
Lara bemerkte, dass ihr das Buch heruntergefallen war. »Entschuldigung«, sagte sie. »Ich kann das Rezept nicht einlösen. Ich gehe noch zur Schule.«
»Ach, das bemerkt hier doch keiner.«
»Die Apotheke ist eigentlich gar nicht auf. Jo und Karin mussten dringend weg.«
»Wohin denn schon wieder?«
Lara suchte nach irgendeiner Erklärung, die für Mathilda aber unwesentlich schien.
»Egal. Ich brauche die Tabletten. Sofia ist seit Gustavs Tod nicht mehr sie selbst. Total deprimiert. Karin hatte versprochen, dass sie uns ein Johanniskrautöl macht. Das hat sie bestimmt fertig?« Mathilda ging einfach um die Theke herum und marschierte in den Arbeitsraum.
»Ähm, stopp!«, rief Lara und eilte hinterher. »Sie können hier nicht einfach rein.«
»Das ist kein Problem, Schätzchen. Karin hat das Öl hier irgendwo.«
Schon griff Mathilda nach einer der Flaschen, die geschützt im Dunkel eines Schranks standen.
»Das können Sie nicht mitnehmen!«, erklärte Lara und nahm der Dame die Flasche wieder weg.
»Aber das sind die Blüten da drin. Diese Gelben.«
»Das Öl ist noch nicht fertig. Man muss es noch zweimal filtern.«
»Ach, das wirkt auch so. Geht ja mehr um den Placebo-Effekt.«
Mathilda griff schon wieder nach der Flasche, als Lara von ihren Willensblasen fast erschlagen wurde. »Sie sollten aufhören, sich dauernd um andere zu kümmern«, platzte es aus Lara heraus.
Baff sah Mathilda sie an. Zum ersten Mal sprachlos. Doch nicht ganz. »Wie bitte?«
»Sie sollten sich besser um Pferde kümmern. Das ist das, was Sie eigentlich wollen. Und jetzt gehen Sie!« Lara schob die völlig überrumpelte Frau aus dem Arbeitsraum, durch den Verkaufsraum und aus der Tür hinaus. Hinter ihr schloss sie die Tür.
Mathilda sah Lara noch einmal durch die verglaste Tür an. In ihrem Gesicht die reinste Verwunderung. Dann ging sie. Lara atmete erschöpft durch.
Sie nutzte die Zeit und versuchte, die bereitliegenden Kräuter zu identifizieren und ihre Wirkung zu studieren. Aber all das konnte nicht die Unruhe vertreiben. Jo und Karin waren immer noch nicht zurück. Doch wenn sie zurückkamen, dann mit der Hoffnung, dass Mila mittlerweile aufgetaucht sein würde.
Sie kamen in Begleitung der Polizei. Ein Beamter befragte Lara, wann und wo sie Mila das letzte Mal gesehen hatte .
In einer Höhle. Sie hat sich in Luft aufgelöst. Dann wurde ich von Milas Katze gegessen. Verrückt, oder? 
Lara behauptete, dass es bei dem Streit in ihrem Zimmer gewesen sei, was Karin bestätigen konnte. Der Wald und die nähere Umgebung wurden abgesucht. Die Beamten durchsuchten Milas Zimmer, konnten aber nichts Verdächtiges finden. Die zahlreichen Bilder von Augen und Katzen schrieben sie der typischen Fantasie eines kleinen Mädchens zu.
Lara hielt es kaum aus. Die Beamten konnte sie ignorieren. Nicht aber Jo und Karin, die in ihrer Sorge völlig unterschiedlich reagierten. Jo war ruhelos und brach immer wieder auf, um selbst nach Mila zu suchen. Karin jedoch war seltsam ruhig. Sie saß in der Küche und starrte nach draußen. Während die Beamten ihre Suche im Haus nach Hinweisen aufgaben, setzte sich Lara zu ihr.
»Ich habe so oft nach ihr gesucht«, erklärte Karin leise. Dann hob sie den Blick und sah Lara an. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Immer habe ich gewusst, dass ich sie finde. Dass sie zurückkommt. Aber jetzt fühle ich es ganz genau. Meine Mila kommt nicht zurück.«
Lara erwiderte Karins Blick. Unfähig, ihr diesen Gedanken auszureden. Karin starrte wieder nach draußen. Schweigend.
Als Jo zurückgepoltert kam, war er kreideweiß. »Ich habe etwas gefunden.«
Karin schoss sofort in die Höhe, und in Lara erwachte für einen Augenblick die naive Hoffnung, dass er Mila im Schlepptau hatte. Als wäre die Realität noch nicht bei ihr angekommen. Aber Jo hielt nur ein Stück Stoff in der zitternden Hand. Eine von Milas Blusen. Total zerfetzt. Ein roter Fleck war darauf zu erkennen.
»Irgendwas ist unserem Kind passiert«, rief Jo, die Augen nun rot vor Anspannung. »Irgendwas ist Mila passiert!«
Karin griff mit zitternder Hand nach der Bluse, als Jo einen Schrei von sich gab, der Lara bis ins Mark erschütterte. Sie vergaß zu atmen, während Jo außer sich vor Sorge die Arbeitsplatte der Küche leerfegte. Geschirr fiel klirrend zu Boden. Er rannte wieder nach draußen. Kopflos und unschlüssig, wohin er jetzt sollte. Karin wiederum konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sackte mit dem Stoff in der Hand vor Lara in die Knie.
Lara verstand nicht, was passierte. Was sollte das mit der blutigen Bluse? Mila war nicht verletzt gewesen, das hätte sie bemerkt. Die einzige Erklärung war, dass jemand die Bluse absichtlich drapiert hatte, um Milas Eltern auf eine falsche Fährte zu locken.
War das möglich? Konnten sie so grausam sein?
Lara trat zu Karin und nahm sie fest an den Schultern. »Das ist bestimmt nur Farbe. Sie hat doch dauernd irgendwas angemalt.«
»Es ist Blut«, stammelte Karin. Dann schnappte sie aufgeregt nach Luft und schien kurz davor, zu hyperventilieren.
Lara ertrug den Anblick nicht. »Hör zu«, begann sie, ohne nachzudenken. »Mila geht es gut. Sie ist nicht tot.«
Karin schnappte weiter nach Luft .
»Deine Tochter war immer besonders, das weißt du. Das Auge in ihrer Hand ... Du hast gewusst, dass es nicht aufgemalt war. Richtig? Es war echt. Es hatte sogar einen Namen. Zwitscher. Mila konnte damit in andere Welten schauen. Welten, die ich besucht habe. Es gibt sie wirklich. Und jede dieser Welten hat einen Weltenhüter. Eine Seele, die auf die anderen aufpasst. Die darauf achtet, dass niemand in die falsche Richtung läuft. Deine Tochter ist unsere Weltenhüterin. Vor zwei Tagen gab es ein Ritual. Ich war dabei. Ich habe es gesehen. Mila ist nicht tot. Es geht ihr gut. Sie ist jetzt ... verändert.«
Karin atmete ruhiger. Wenn Lara es genau betrachtete, atmete sie gar nicht mehr. Ihr Blick sah auf und suchte Laras Augen. Diese Frau verdiente die Wahrheit. Und nicht den Glauben, dass ihr eigenes Kind ermordet worden war.
»Aber du hast recht. Sie kommt nicht zurück«, fuhr Lara leise fort.
»Was redest du da?!«
Lara spürte, wie sie jemand an den Schultern packte und nach oben zog.
»Was hast du mit Mila gemacht?« Jo packte sie fest an den Oberarmen.
»Lass mich los!«
»Von welchem Ritual redest du? Was hast du mit meiner Tochter gemacht?«
»Ich habe gar nichts gemacht!«
»Ich habe es doch gehört!«, donnerte Jos Stimme. »Ein Ritual. Vor zwei Tagen. Du warst dabei! Du hast es gesehen. «
»Ja, aber ...«
»Wo ist mein Kind?!«
»Jo, wenn du dich in Ruhe hinsetzt, dann kann ich dir alles erklären.«
Er wich vor ihr zurück und starrte sie an. Als würde er sie mit anderen Augen ansehen. »Sie hatten recht.«
Verwirrt schaute Lara von Jo zu Karin, die sich langsam erhob und an die Seite ihres Mannes stellte.
»Sie haben gesagt, dass du was mit dem Verschwinden der Kids zu tun hast. Ich habe dich immer verteidigt.«
»Nein, so ist es nicht.«
»Du bist hergekommen. Dann bist du mit Timo verschwunden. Ihr kommt zurück und könnt euch an nichts erinnern. Dann verschwinden noch mehr. Ayse, Cem, Marc, Isabel ... und jetzt Mila!« Jo ging langsam auf Lara zu. »Du bist es. Du lässt sie verschwinden.«
»Nein!«
»Was hast du mit meiner Tochter gemacht?«, schrie er. »Mit wem arbeitest du zusammen? Was geht hier vor?« Seine Stimme und sein ganzes Wesen waren völlig außer Kontrolle. Die Willensblasen über seinem Kopf waren verzerrt. Die Bilder darin unscharf. »Rede endlich!« Doch er wartete keine Erklärung ab, sondern riss Lara am Arm mit sich nach draußen zur Polizei. Er teilte den Beamten seinen Verdacht mit, dass Lara etwas mit Milas Verschwinden zu tun hatte.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als alles zu leugnen. Als Jo Karin dazuholte, um seine Aussage zu untermauern, war diese in einer Schockstarre und konnte keine Fragen beantworten .
Die Beamten machten Lara klar, dass sie der Sache nachgehen würden. Als sie gingen, stürmte Jo ins Haus.
Lara wandte sich an Karin. »Bitte! Du musst mit ihm reden. Du weißt, dass Mila speziell war. Du weißt, dass ich die Wahrheit sage!«
Karin starrte sie einfach nur an. Aus dem Haus war Poltern zu hören.
»Sie ist unsere Weltenhüterin. Jetzt in diesem Moment ist sie in den anderen Welten. Und lernt diese kennen. Ich weiß, wie das klingt, und wenn du es mir erzählt hättest ... ich hätte dir kein Wort geglaubt. Aber du musst mir glauben!«
Keine Reaktion. Dafür kam Jo mit einer gepackten Tasche nach draußen gelaufen. Er knallte Lara die Tasche vor die Füße. »Hau ab!«, schrie er.
Lara sah ihren Onkel an.
»Du bist hier nicht mehr willkommen.«
Sie flehte ihn an: »Jo, tu das nicht.«
Aber er baute sich vor ihr auf. Seine Stimme, seine Seele eiskalt. »Ich finde raus, was du getan hast!« Er ging zu Karin und legte schützend den Arm um sie.
Etwas in Lara zerbrach, als sie sich bückte und ihre Tasche nahm. Sie drehte sich um und ging davon.