Beben
Timo beobachtete Ayse, Leo und Malik, die ihr seltsames Projekt durchführten. Diese Idee konnte nur von Ayse stammen, das war Timo klar. Ohne sie wäre Leo in seiner Wohnung geblieben, und vermutlich hätte niemand von seiner Begabung erfahren. Irgendwann hätten sie ihn vielleicht eingewiesen. Oder er hätte sich zu Tode gesoffen.
Er musste lachen, als Ayse zu einem ersten Beat von Leo seltsam anmutende Tanzbewegungen machte und ihren Bruder zum Lachen brachte.
Lebendig . Das war das Wort, das Timo mit Ayse in Verbindung brachte. Sogar im Streit mit Lara war Ayse noch voller Energie.
Als er an Lara dachte, schien es für einen Moment, als würde der Boden unter ihm beben. Irgendwas hatte die Welt um ihn herum erschüttert. Mit einem Blick zu Ayse und Leo erkannte er, dass es nur seine Welt gewesen war. Von der Erschütterung, die wie ein kleines Erdbeben gewesen war, hatte sonst niemand etwas bemerkt.
Lara. Irgendwas war mit Lara.
Die aufkommende Unruhe war unerträglich. Er musste zu ihr! Unbedingt!
»Nein. Das musst du nicht.«
Natürlich. Da hockte sie. Dick und erhaben. Styx. 
»Was ist passiert?«
»Lara hat sich für die Wahrheit entschieden. Die kommt bei den wenigsten gut an.«
»Was heißt das?«
»Das heißt, sie hat sich gegen meinen Rat entschieden. Und ist sich selbst treu geblieben.«
»Ich wusste nicht, dass es eine Option ist, sich gegen deinen Rat zu entscheiden.«
»Natürlich. Deshalb heißt es ja Rat. Und nicht Befehl.«
»Dann entscheide ich mich auch gegen deinen Rat. Ich will zu ihr.«
»Oh, das war jetzt ein Missverständnis. In deinem Fall ist es kein Rat, sondern ein Befehl.« Das rechte Ohr der Katze wackelte. Als hätte sie gute Laune.
»Ich muss wissen, dass es ihr gut geht.«
»Das tust du. Ihr habt weiterhin eine Verbindung. Du kannst fühlen, was sie fühlt.«
»Das ist nicht genug!«
»Doch. Für den Moment ist es das.« Styx betrachtete Ayse und Leo. »Du bist bei ihnen. Das freut mich.«
Timo schwieg. Er konnte Styx gegenüber einfach nicht zugeben, wie zufrieden ihn seine Aufgabe machte. Als es ihm gelungen war, Ayses Wunsch zu folgen und Leo den Vertrag wegzunehmen, hatte sich das verdammt gut angefühlt. Je länger er Ayse begleitete, desto mehr sah er ihren Weg vor sich. Wie ein Film, der vor seinen Augen ablief. Ihre Gedanken und Wünsche wurden zu seinen eigenen. Als würde ein Teil von ihm zu Ayse werden. Es passierte ganz automatisch. Einfach dadurch, dass er Zeit mit ihr verbrachte. Auf diese Weise seine Sechs kennenzulernen und sie zu begleiten, fühlte sich tatsächlich ziemlich gut an. Was Timo beschäftigte, war jedoch, was er sehen würde, wenn er jemals wieder an Laras Seite sein durfte. Würde er damit klarkommen, dass sie einen Weg ohne ihn vor sich hatte? Vielleicht sogar mit einem anderen Mann? Wie konnte er das unterstützen? Wie konnte er ihr dabei helfen wollen? Wie hatte diese Form der Folter einmal seine eigene Idee sein können?
»Du bist für alle Sechs zuständig.« Wie immer schien Styx jeden seiner Gedanken zu kennen.
»Ich weiß.«
»Auch für ihn.«
Timo schnaubte. »Er kommt wunderbar alleine klar. Das war schon immer so.«
»Im Moment nicht«, konterte Styx.
»Ich werde ihm nicht helfen.«
»Es wäre eine Möglichkeit, sie zu sehen«, betonte Styx noch, ehe sie sich streckte und einen Buckel machte.
Timo horchte auf. »Sie ist bei ihm?«
»Vielleicht?«
Die Katze beobachtete Timo genau, der von einer Welle der Eifersucht überflutet wurde.
»Dann hat er doch endlich, was er wollte.« Er atmete tief durch.
Durch die Trennung von Lara war ihm bewusst geworden, wie egoistisch sein Verhalten gewesen war. Nach dieser einen Nacht und der darauffolgenden Schwangerschaft hatte er nicht mehr klar denken können. Aber jetzt? Natürlich musste sie ihr Leben ohne ihn aufbauen. Konnte keine Beziehung zu einem Geist führen. Lara sollte glücklich sein. Das war das Wichtigste.
Er sah zu Styx. »Lass mich so schnell nicht zu ihr«, bat er. »Nicht, solange ich nur diese Eifersucht fühle. «
»Eifersucht auf ihn?«, hakte Styx nach.
»Eifersucht auf das Leben.«
Sty Schwanz zuckte. »So sei es.«