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Wohin die Herde zieht
Jorat, Quurisches Reich.
Zwei Tage nachdem die Dämonen auf die Welt der Lebenden losgelassen worden waren
Als Janel zu reden aufhörte, erhob sich Kihrin und ging weg.
Er konnte nicht anders. Außerdem wusste er, dass er keinen guten ersten Eindruck hinterlassen würde, wenn er vor Janel einen Wutausbruch bekam. Oder zweiten Eindruck, nachdem sie sich offensichtlich bereits begegnet waren.
Er kam am Rest der Gruppe vorbei. Was waren das für Leute? Soldaten? Söldner? Für Banditen schienen sie ein wenig zu gut organisiert. Sie waren recht still geworden und diskutierten leise miteinander. Stern saß am Ende der Theke und ignorierte Kihrin, oder besser gesagt, er unterhielt sich nach wie vor angeregt mit Dorna. Irgendwann würde Kihrin herausfinden müssen, was die beiden miteinander zu tun hatten – sie hatten es geschafft, eine ganze Flasche von einem Zeug zu leeren, das weit stärker aussah als Apfelwein.
Kihrin atmete einmal tief durch, setzte sich auf einen Hocker vor der hölzernen Theke und sagte sich, dass es ihm auch nicht weiterhelfen würde, wenn er anfing, wahllos Leuten die Kehle aufzuschlitzen.
Außerdem war die Person, die er töten wollte, gar nicht hier.
Die Schankkellnerin blickte auf, nahm das Handtuch von ihrer Schulter und wischte die Theke ab. »Was kann ich für dich tun?«
»Du bist Ninavis, richtig?«
Sie lächelte. »Ja, die bin ich, aber sag’s nicht weiter.« Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr Gesicht von Haarsträhnen bedeckt war. »Ich bin inkognito.«
Kihrin lachte. »Stimmt. Ich hätte dich niemals erkannt. Was trinken die da?« Er deutete auf Stern und Dorna.
Sie griff kichernd unter die Bar und holte eine bernsteinfarbene Flasche hervor. »Das hier.«
Kihrin roch an dem Inhalt und blinzelte die aufsteigenden Tränen weg.
»Nicht einatmen, während du trinkst. Dann musst du weniger husten«, riet sie ihm.
Er befolgte ihren Ratschlag, nahm einen Schluck und musste trotzdem husten. Das Getränk schmeckte wie ein Aschenfeuer und brannte auf dem gesamten Weg seine Kehle hinunter. Als hätte jemand einen Sasabim-Weinbrand genommen und alles Milde herausdestilliert. »Was zum Teufel ist das?«
»Aris«, antwortete sie mit unüberhörbarem Stolz.
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»Wird aus Gerste gebrannt und dann ein paar Jahre in Holzfässern gelagert, bis er mild wird.«
»Das nennt ihr mild?
Zündet ihr die Fässer an, oder was?«
»Gibt doch einen guten Geschmack, findest du nicht?«
Kihrin beschloss, etwas diplomatischer vorzugehen. »Wahrscheinlich könnte ich mich dran gewöhnen. Was schulde ich dir?«
Sie lächelte. »Nichts. Heute übernimmt ein Wohltäter die Rechnung.«
»Als ich noch klein war, nannte man jemanden so, der gerade wen ausgeraubt hatte.«
Sie grinste.
»Verstanden.« Kihrin stellte sein Glas ab. »Noch einen.«
Ninavis stützte sich auf die Ellbogen und beugte sich heran. »Du hast dich eine ganze Weile mit Janel unterhalten. Bis gerade eben sah es so aus, als würdet ihr euch miteinander anfreunden. Oder magst du lieber Hengste?«
Kihrin dachte zurück an das, was Janel ihm über das Liebesleben der Jorater erklärt hatte. Hengst oder Stute hatte nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun – außer es ging um Sex. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich Stuten bevorzuge.«
Ninavis kicherte. »Ziemlich sicher?«
»Absolut sicher«, berichtigte er. »Ich muss mich erst an euren offenen Umgang mit diesem Thema gewöhnen.«
»Ja, in dieser Hinsicht sind die Jorater eigenartig.« Sie grinste. »Mir gefällt’s. Man weiß gleich, woran man ist, und es hat selten jemand ein Problem damit, wenn man Nein sagt. Ihr ehemaliger Gottkönig Khorsal mag ein Schwachkopf gewesen sein, aber wenigstens hat er seinen Untertanen keine Prüderie eingetrichtert.«
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Ninavis füllte sein Glas auf und blickte über Kihrins Schulter. »He, Janel.«
»Hallo, Ninavis.« Janel setzte sich neben Kihrin an die Bar und wandte ihm den Kopf zu. »Habe ich was Falsches gesagt?«
Kihrin musterte sie von der Seite. »Die Sache ist kompliziert.«
Janel schnaubte und winkte Ninavis zu. »Einen Apfelwein, bitte. Und eine Tasse Kulma-Tee.«
»Sonst noch was, Eure Heiligkeit?«
Janel lächelte. »Könntest du vielleicht frischen Kaffee aufsetzen?«
Ninavis verdrehte die Augen. Einen Moment später brachte sie eine Tasse kalten Tee, den sie aus einer Karaffe eingeschenkt hatte.
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Janel legte beide Hände auf die Tasse. Sie begann zu dampfen. »Trotzdem, reden wir darüber, was dich so aus der Fassung gebracht hat. Doch nicht etwa die Tatsache, dass ich mit dem Vané angebandelt habe, oder?«
Kihrin überlegte, sein zweites Glas Aris mit einem Schluck hinunterzukippen. »Doch«, antwortete er. »Aber es war nicht das Anbandeln, sondern die Tatsache, dass das nicht irgendein Vané war. Sondern Thaenas Sohn, Teraeth, der zufällig mein bester
Freund ist.«
»Ach so. Und das ist alles?« Janel trank ihre Tasse in einem Zug leer.
»Als Teraeth mich in Kishna-Farriga kaufte …« Er verstummte kurz. »Sieht ganz so aus, als hätte ich das dir zu verdanken – danke also. Jedenfalls hat Teraeth mich gekauft, und wir wurden Freunde. Aber es gab Leute in Quur, die mich brauchten, deshalb wollte ich weg, aber er hatte etwas dagegen. Wir haben gestritten, und schließlich hat er mich zum Bleiben überredet, indem er dich ins Spiel brachte.«
»Mich?«
»Ja. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Ich habe ihn gefragt, woher er überhaupt wusste, wie du aussiehst, und dann hat er …« Kihrin lachte. »Er hat mich nicht mal belogen, sondern mich nur eine Lüge glauben lassen. Er konnte mir ja schlecht verraten, dass ihr euch gerade begegnet wart, weil er genau wusste, dass ich mich dann sofort auf die Suche nach dir machen würde.«
Er trommelte mit den Fingern auf die Theke.
Ninavis kam mit einem Becher Apfelwein und stellte ihn Janel hin. Die ehemalige Banditin
schien etwas sagen zu wollen, dann schüttelte sie den Kopf und ging zurück in die Küche.
Janel stellte ihre Tasse ab und nahm den Becher.
Im Vergleich zu vor ein paar Stunden, als alle noch gesungen und gelacht hatten, war es eigentümlich still geworden im Raum.
Kihrin wandte sich wieder Janel zu. »›Deinen Namen nicht zu kennen, schmerzt viel mehr‹?«, wiederholte er mit nach oben gezogenen Augenbrauen. »Das hast du wirklich
gesagt? Das ist die schlechteste Anmache, die ich mir vorstellen kann.«
Sie sammelte ihre Würde wie einen Schild. »Ich war im Fieberwahn und hatte Schmerzen. Halt den Mund.«
Kihrin lachte brüllend los, und nach ein paar Sekunden fiel Janel mit ein.
»Ich kann nichts dafür«, murmelte sie schließlich. »Er ist einfach so schön.«
»O ja, das ist er. Da widerspreche ich dir gar nicht. Ich würde es nur nicht fertigbringen, mit jemandem anzubandeln, während ich sterbend in seinen Armen liege – noch dazu im Nachleben.«
Sie schaute ihn bedeutungsvoll an. »Bist du dir da auch ganz sicher?«
Das gab Kihrin zu denken.
Er erwiderte ihren Blick. »Moment, was habe ich im Nachleben zu dir gesagt? Was habe ich gemacht?«
Sie kicherte. »Eine Menge, aber nichts, was ich dir verübeln würde. Es tut mir leid, es war nicht meine Absicht, dich zu ärgern.«
»Aber nein, ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte, weil er einfach aufgestanden ist.«
»Dann bin ich erleichtert. Möchtest du dich wieder zu uns setzen?«, fragte Janel.
»Ja, werde ich.«
Janel stand auf und wollte schon an ihren Tisch gehen, kam aber noch einmal zurück. »Kihrin?«
»Ja?«
»Als wir uns im Nachleben begegnet sind, habe ich gesagt, ich würde mich beleidigt fühlen …« Sie verstummte für einen Moment und suchte nach den richtigen Worten. »Was mich beleidigt hat, war Folgendes: Xaltorath ging davon aus, dass wir beide etwas miteinander anfangen würden, falls du das willst. Mein Interesse hat sie einfach vorausgesetzt.«
Kihrin fühlte sich, als hätte er eine Handvoll Steine verschluckt. »Oh.«
»Du sollst wissen, dass ich dich nicht abweisen würde, nur um Xaltorath zu ärgern. Falls ich Interesse an einer Beziehung haben sollte, lasse ich es dich wissen.« Sie schnitt eine Grimasse und hob den Finger. »Nein, das war falsch. Was ich sagen wollte, ist: Xaltorath hatte recht, ich bin
interessiert.«
Die Steine in seinem Bauch verwandelten sich in Schmetterlinge – ein weitaus angenehmeres Gefühl. Dennoch … »Was ist mit Teraeth?«
»Oh, den musst du schon selbst fragen, ob er dich attraktiv findet. Ich kann in dieser Sache nicht für ihn sprechen.« Ihre Mundwinkel zuckten schelmisch.
»Sehr komisch«, sagte Kihrin.
»Finde ich auch.« Sie lächelte. »Eine Geschichte noch, dann gibt es Abendessen.«
Kihrin nahm sein Glas und ging zurück an den Tisch. Qaun war an der Reihe.
Qauns Schilderung. In den Ruinen einer Estava, Provinz Barsine, Jorat, Quur.
Der Regen fiel und fiel.
Am zweiten Tag hörte er auf und verwandelte sich in nasskalten Schneematsch. Die überlebenden Mereiner rückten zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Bruder Qaun war froh, dass sie sich unter der Erde befanden; sie mussten sich zwar zwei Decken teilen, aber in der geräumigen Höhle waren sie wenigstens vor dem Wetter draußen geschützt.
Sie hatten keine Möglichkeit, die Uhrzeit abzuschätzen, doch als Janel die Augen öffnete, kletterte die Sonne gerade über den westlichen Horizont, wie Bruder Qaun vermutete. Sie setzte sich auf, schob ihre Decken beiseite, streckte sich und betrachtete ihre Glieder, als wäre sie überrascht, dass alle noch am Körper waren.
Dann ging sie auf der Suche nach Frühstück zu dem Lehmofen.
»Das war schlau«, sagte sie später, als Dorna, Sir Baramon und Dango gerade beim Würfelspiel beisammensaßen.
»Schlau?«, fragte Bruder Qaun in neutralem Tonfall.
»Ja. Sie wussten, dass der Rauch alle in der Stadt töten würde, dass die Dämonen ihre
Seelen verschlingen und noch weitere Menschen umbringen würden, von denen ihre Artgenossen Besitz ergreifen könnten. Dann noch die Drachin, die die gesamte Gegend mit Schneestürmen überzieht …« Janel deutete auf die steinerne Decke und den Sturm, der draußen nach wie vor tobte. »Wenn die Armee eintrifft, kommt sie wegen des Wetters umso langsamer voran.«
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»Ah, verstehe«, erwiderte Bruder Qaun und biss sich auf die Lippe. »Schlau gefällt mir nicht. Ich hätte es lieber mit Dummköpfen zu tun.«
Janel seufzte. »Ja, das wäre auch mir lieber.« Ihre Stimmung hellte sich wieder auf. »Aber es war ein Fehlschlag. Wir haben zwar schlechtes Wetter bekommen, doch es war alles umsonst. Es wird keinen Höllenmarsch geben.«
»Seid Ihr da sicher?«
Sie lächelte. »Bin ich.«
»Wir können nicht länger hierbleiben.« Ninavis kam in ihre Richtung gehumpelt. »Wir haben nicht genug Lebensmittel für all diese Leute. Sie haben bei ihrem Aufbruch nicht annähernd genug mitgenommen. Und niemand ist auf Schnee vorbereitet. Hier hat es noch nie geschneit.«
Janel lehnte sich zurück und stützte sich mit einem Arm ab. In der anderen Hand hielt sie eine Tasse starken Tee aus Dornas Vorräten. Alle anderen Rationen waren auf einen allgemeinen Beschluss hin halbiert worden. Niemand wagte eine Prognose, wann der widernatürliche Sturm aufhören würde.
»Ihr solltet nach Mereina zurückkehren, wenn das Unwetter vorbei ist«, erwiderte Janel.
»Nach Mereina?« Ninavis wirkte aufgebracht. »Wo all die Dämonen sind?«
»Wo all die Dämonen waren
«, korrigierte Janel. »Sie sind fort, und wie du weißt, wird die Armee früher oder später dort eintreffen. Du kannst Mereina nicht einfach verlassen, Ninavis. Es ist deine Heimat, wo sonst könntest du hin?«
»Du sprichst ständig von ›du‹«, sagte Ninavis. »Niemals von ›wir‹.«
Janel seufzte. »Ich bin nicht dein Baron. Sobald Kalazan zurückkehrt …«
»Falls
er zurückkehrt«, blaffte Ninavis. »Wir wissen noch nicht …«
Janels Blick sprang zu Ganar Venos, die gerade beim Kochen half (und nun nicht mehr so tun musste, als wäre sie Gan die Müllerstochter). »Bitte nicht so laut.«
Ninavis’ Miene wurde etwas sanfter. »In Ordnung. Aber du willst uns einfach verlassen?«
»Jemand muss versuchen, die anderen zu warnen. Und damit meine ich nicht nur die Armee. Jemand muss dafür sorgen, dass die Menschen erfahren, was hier passiert ist. Ich werde mit meinen Leuten nach Atrine gehen und mit Herzog Xun sprechen.«
Dorna blickte von ihren Würfeln auf. »Atrine? Ach, Fohlen, das können wir nicht! Ich weiß, du hast zu Arasgon gesagt, wir würden uns dort treffen, aber das wäre viel zu gefährlich …« Sie blickte sich nicht einmal um, als sie Sir Baramon auf die Hand schlug. »Kommt bloß nicht auf die Idee, die Würfel anzufassen. Ich schneide Euch die Finger ab.«
»So etwas würde ich nie tun!«, protestierte Sir Baramon und zog seine Hand von den Würfeln zurück. »Außerdem, was ist so gefährlich daran, nach Atrine zu gehen?«
Dango nickte. »Dasselbe wollte ich auch gerade fragen.«
Bruder Qaun musterte seine Fingernägel, während Janel und Dorna unbehaglich dreinschauten.
»Gibt es etwas, das ich wissen sollte?«, fragte Sir Baramon. »Tamin sagte etwas in der Richtung, Ihr wärt vor Eurer bevorstehenden Entmachtung geflohen. Stimmt das?«
Janel seufzte. »Es stimmt. Aber …« Sie schüttelte den Kopf. »Die Entmachtung war ungerechtfertigt. Der Leichnam meines Großvaters war noch nicht einmal kalt, als Sir Oreth mit einer kleinen Armee auf meiner Türschwelle stand.«
»Sir Oreth? Der zweitgeborene Sohn des Markreev von Stavira?«
Dorna verdrehte die Augen.
»Genau der. Unsere Eltern haben die Verlobung arrangiert, als wir noch Kinder waren, aber sie … sie hat nicht funktioniert.«
»Natürlich nicht«, stimmte Dorna mit ein. »Ihr seid eine junge, hübsche Adlige, und er ist ein Esel. In Jorat sieht man artübergreifende Beziehungen nicht gern.« Sie grinste schelmisch. »Habt Ihr ihm nicht genau das in Eurem letzten Brief geschrieben?«
Janel konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. »Das könnte sein.«
Sir Baramons Augen wurden tellergroß. »Aha, dann verstehe ich, warum er so aufgebracht
ist.«
»Nein, ich glaube, das liegt eher daran, dass er sich nach unserer Verlobung wie ein Thorra benommen hat und ich ihm eine Benimmlektion erteilt habe.« Janel runzelte die Stirn. »Er wollte, dass ich mich ihm unterwerfe, aber ich habe mich geweigert. Also hat er versucht, mich dazu zu zwingen.«
»Ach, richtig«, gluckste Dorna. Sie beugte sich an Sir Baramons Ohr heran und sagte: »Wie ich gehört habe, hat sie ihm beide Arme gebrochen und ihn an den Füßen in das Schlafzimmer seines Vaters geschleift. Ich wäre so gerne dabei gewesen.« Sie schnitt eine Grimasse. »Aber ich bin kein gern gesehener Gast in Stavira.«
»Es geht darum, dass er glaubt, ich wäre ihm Thudajé schuldig«, erläuterte Janel mit einer abschätzigen Handbewegung. »Nach dem Tod meines Großvaters stellte er mich vor die Wahl: Entweder ich heirate ihn, akzeptiere meinen Rang als Stute und erkläre ihn zum Grafen, oder … oder ich sollte die Leute auszahlen, die er bestochen hatte, damit sie mich entmachten. Das konnte ich nicht, also habe ich Tolamer verlassen.«
»Was hattet Ihr vor? So lange umherziehen, bis er die Verfolgung satt hat?« Sir Baramon musterte die junge Frau kritisch.
»Nein!« Janel überlegte. »Also gut: Ja. Aber Sir Oreth kann nicht ewig so weitermachen. Er dachte, er marschiert einfach mit seinen Soldaten ein und setzt mich so lange gefangen, bis die Entmachtung vollstreckt ist. Er hat geglaubt, dass Ganze wäre nach einer Woche erledigt. Aber je länger ich die Sache hinauszögere, desto mehr Bestechungsgelder muss Oreth zahlen, und desto ungeduldiger wird sein Vater. Markreev Aroth mag gut gefüllte Schatzkammern haben, aber das heißt noch lange nicht, dass er gerne Geld ausgibt.«
»Aroth war schon immer sehr geschäftstüchtig«, kommentierte Dorna. Sie würfelte. »Ich habe wieder gewonnen.«
»Verflucht, Stute!« Sir Baramon runzelte die Stirn.
Dango schüttelte den Kopf. »So viel Glück kann gar niemand haben.«
»Das gefällt mir einfach nicht«, erklärte Dorna. »Nach Atrine zu gehen, ist zu gefährlich. Am besten haltet Ihr Euch schön von der Hauptstadt fern.« Sie überlegte. »Schreibt doch einfach einen Brief, darin seid Ihr gut. Werter Herzog Xun, ich hoffe, Ihr seid wohlauf. Entschuldigt, dass ich nicht persönlich vorbeischauen kann. Übrigens: In Barsine gehen üble Dinge vor. Ihr solltet etwas unternehmen. In ewiger Treue, Janel.
«
Janel schüttelte den Kopf. »Einen Brief kann man ignorieren, man kann ihn verlegen, oder er kann in die falschen Hände fallen. Und wenn wir die Strecke zu Fuß zurücklegen – was wir werden tun müssen, da von unseren vierbeinigen Freunden keiner mehr hier ist –, werden wir Atrine ungefähr zu der Zeit erreichen, wenn das Große Turnier stattfindet. Alle Adligen vom Rang eines Vogts oder höher müssen
an dem Turnier teilnehmen. Selbst wenn ich Oreth aus dem Weg gehe, könnte Herzog Xun mir meinen Titel aberkennen, weil ich ihm nicht meine Aufwartung mache. Mir bleibt keine andere Wahl.«
»Das heißt aber, dass Oreth nur darauf wartet, dass Ihr zum Turnier erscheint«, beharrte Dorna.
»Die Gefahr ist nicht so groß, wie du glaubst. Selbst wenn ich Sir Oreth begegnen sollte, würde es einige Zeit dauern, bis er so viele Leute zusammen hat, wie er braucht, um mich entmachten zu lassen. Das sind viel mehr als bei Tamin, dessen Untertanen ja schon in Massen aus Barsine geflohen waren. Wenn ich mich nicht zu lange aufhalte, kann ich mich in die Stadt schleichen und mit dem Herzog sprechen, bevor Oreth mich zu fassen bekommt.«
»Da hat sie nicht unrecht«, warf Sir Baramon ein.
Dorna presste die Lippen zusammen. »Die Sache gefällt mir trotzdem nicht.«
Janel lächelte. »Zur Kenntnis genommen, werte Dorna.« Sie wandte sich an Ninavis. »Bist du nun zufrieden? Ich weiß, für dich sieht es aus, als würde ich euch im Stich lassen, aber ich tue das Gegenteil. Ich muss herausfinden, wer dieser Relos Var ist, wer Senera ist, und vor allem, was die beiden im Schilde führen. Es ist unsere beste Möglichkeit, sie aufzuhalten.«
Ninavis wirkte mürrisch und noch lange nicht besänftigt, doch sie nickte. »Gut. Geht ihr nach Atrine. Wir bleiben hier und reparieren die Schäden.« Sie hielt kurz inne. »Wird nicht leicht werden. Wir haben nicht mehr allzu viele gesunde Helfer.«
»Tu, was du tun musst«, erwiderte Janel. »Aber ich an deiner Stelle würde versuchen, die Offiziere zu überzeugen, als Vorsichtsmaßnahme einen Teil des Heeres hier zu lassen. Könnte sein, dass der einzige Zweck der Operation war, die Verteidigung in diesem Teil Jorats zu schwächen.«
Ninavis blinzelte sie an. »In diesem Teil Jorats? Wir sind mitten
in
Jorat. Genau im Zentrum. Wenn jemand einmarschiert, muss er zuerst durch ein halbes Dutzend Kantone und gut dreißig Provinzen, bis er hier ist. Barsine ist nicht gerade das Einfallstor nach Jorat.«
»Aber ein nicht verteidigter Torstein ohne Wächter würde es zu einem machen«, entgegnete Janel. »Es wäre die ideale Methode, Yorer hierher zu bringen.«
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»Wahrscheinlich, trotzdem glaube ich, dass es woanders einfacher wäre, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Ich weiß nicht …« Ninavis wedelte mit der Hand.
»Tolamer«, überlegte Sir Baramon laut. »Graf Janels Kanton wäre ideal.«
»Richtig. Tolamer«, stimmte Ninavis zu. Sie schaute Janel erwartungsvoll an.
»Ja«, bestätigte Janel. »Noch ein Grund mehr, warum ich die Angelegenheit mit Sir Oreth so schnell wie möglich geklärt haben möchte, auch wenn ich bezweifle, dass er mit den Yorern im Bunde steht.«
»Können
die Yorer überhaupt einmarschieren?«, fragte Bruder Qaun. »Ich meine, sie gehören zum Quurischen Reich. Es wäre doch etwas seltsam, wenn ein Teil Quurs versuchen würde, einen anderen zu erobern, oder nicht?«
Die drei Angesprochenen tauschten einen Blick aus. Sie schienen sich stumm über etwas zu einigen – und sich gegenseitig daran zu erinnern, dass Bruder Qaun von der anderen Seite der Drachenspitzen stammte.
»Yor wurde als letztes Herrschaftsgebiet dazuerobert«, erklärte Dorna.
»Das weiß ich«, sagte Bruder Qaun.
»Nun ja …« Dorna zuckte die Achseln. »Sie haben’s immer noch nicht verwunden. Ich meine, wir Jorater gehören seit fünfhundert Jahren oder mehr zu Quur. Uns macht das nichts aus, wir sind sogar stolz drauf. Außerdem haben wir sogar selbst bei Kaiser Kandor um Hilfe gebeten, unseren Gottkönig zu verjagen. Wir wollten
die Quurer hier haben. Aber in Yor gibt es Leute, die den Zeiten ihres Gottkönigs Chertog und seiner fiesen Gottkönigin Suless immer noch nachtrauern. Urthaenriel war damals nicht auffindbar – das Gottkönigspaar zu töten war eine langwierige, hässliche Angelegenheit. Ein richtiges Blutbad. Ein Schlachten, dem jeder mit nur ein bisschen Magie in den Adern zum Opfer gefallen ist. Bis heute dürfen echte Yorer kein bisschen
Macht haben. Sie dürfen ihre Religion nicht praktizieren, ja nicht einmal ihre ursprüngliche Sprache benutzen. Was ich damit sagen will, ist, dass sie dem Reich weit weniger treu ergeben sind als wir.«
»Trotzdem sind sie immer noch besser dran als die Marakorer«, entgegnete Ninavis. »Wenigstens dürfen sie Waffen tragen.«
»Das liegt daran, dass die Yorer nicht einen Aufstand nach dem anderen anzetteln«, blaffte Sir Baramon. Er zuckte die Achseln. »Oder sie sind einfach geduldiger. Aber wer lebt schon gerne in einem Land, das so trostlos ist wie Yor? Du vielleicht?«
Ninavis verdrehte die Augen. »Nein.«
Sir Baramon breitete die Hände aus. »Siehst du, schon haben wir haufenweise Gründe, warum die Yorer zu ihrer schneebedeckten Eishölle vielleicht noch etwas sonnigere und fruchtbarere Landstriche hinzuerobern möchten.«
»Relos Var«, flüsterte Janel.
Alle schauten sie an.
»Was ist mit ihm?«, fragte Dorna.
Sie schüttelte den Kopf. »Egal. Ich werde herausfinden, wer er ist, welche Rolle er in dem Ganzen spielt und was seine Verbindung zu dieser Hexe, Senera, ist.«
»Und dann?«, hakte Ninavis nach.
Janel neigte den Kopf. »Und dann bringe ich ihn um. Was sonst?«
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