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Kriegsforschung
Jorat, Quurisches Reich.
Drei Tage nachdem Thurvishar enthüllt hatte, dass er in Wahrheit gar nicht Gadrith D’Lorus’ Sohn war
»Wie ist es herausgekommen?«, fragte Kihrin.
Janel tauschte einen Blick mit Ninavis aus und winkte ab. »Nein, nein, damit würden wir fast ans Ende der Geschichte springen. Vorher müssen noch ein paar Dinge erzählt werden, sonst ergibt es keinen Sinn.«
Qaun blätterte zu einem neuen Abschnitt seines Tagebuchs vor. »Wir sind ohnehin fast fertig.«
Qauns Schilderung. Im Eispalast, Yor.
Bruder Qaun saß in der Bibliothek und arbeitete gerade an seinen Aufzeichnungen, als Janel eintrat und sich neben ihn setzte. Sie fing an, sichtlich nervös mit dem Fuß zu wippen, und schien bereit, jeden Moment loszurennen. Qaun musste bei ihrem Anblick an Pferde denken und verzog das Gesicht.
Sie waren schon sehr lange nicht mehr geritten. Zu seiner Überraschung vermisste er Wolke. Er hoffte, dass sein neuer Eigentümer, wer immer er war, den süßen kleinen Wallach gut behandelte.
»Braucht Ihr etwas von mir?«, fragte Qaun, als sich das Schweigen unangenehm in die Länge zog. Er hatte Janel in letzter Zeit längst nicht so häufig zu Gesicht bekommen, wie ihm lieb gewesen wäre. Es missfiel ihm, dass er nicht genau wusste, was sie in der Zwischenzeit getan hatte.
Botengänge für den Herzog. Kampfübungen mit den Verschmähten. Ziemlich sicher hatte Janel Botschaften und Geheimnisse an die joratischen Rebellen gesandt. Er erwartete nicht, dass sie ihm von Letzterem erzählte, aber es machte ihn traurig, dass sie sich kaum noch miteinander unterhielten.
Janel sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »Du hast mir eine Nachricht geschickt, erinnerst du dich?« Ihr rechtes Bein zuckte immer noch nervös auf und ab.
»Oh.« Er zeigte auf Janels Knie. »Hört bitte auf damit.«
Sie hielt das Bein ruhig. »Entschuldigung. Also, warum willst du mich sehen?«
»Ach ja. Moment.« Bruder Qaun stand auf. Er holte ein Notizbuch und entfernte den Zauber, der die Aufzeichnungen darin wie ein langweiliges Traktat über Feuerblüter-Stammbäume im südlichen Koenis erscheinen ließ. »Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber es war eine komplizierte Recherche. Würde ich noch träumen, hätten mir die Nachforschungen über quurische Kriegsmagie bislang nichts als Albträume eingebracht, aber jetzt bin ich endlich einen Schritt weitergekommen.«
Janel setzte sich auf. »Es ist Jahre her, dass ich dich gebeten habe, dir das anzusehen.«
Qaun zögerte. War all seine Mühe umsonst gewesen? »Habt Ihr mittlerweile selbst etwas herausgefunden?«
Sie presste die Lippen aufeinander. »Nein.«
Er nickte. »Ehrlich gesagt überrascht mich das nicht. Ich ahne, weshalb Ihr über die Kriegsflüche Bescheid wissen wolltet …« Er hielt inne und bedachte Janel mit einem vielsagenden Blick. Sie wollte die Gunst des Herzogs gewinnen, indem sie die Quellhöhlen wieder benutzbar machte. Zumindest nahm Qaun das an.
Janel bedeutete ihm fortzufahren.
»… und daher glaube ich, dass Ihr herausfinden möchtet, wie Ihr Euch gegen das Erz namens Razarras schützen könnt. Ihr wisst bereits, wie Ihr Euch mit dem Luft-Symbol gegen lysianisches Gas – das ist der blaue Rauch – wappnen könnt, aber mit Razarras verhält es sich anders. Diesen Schrecken haben die Quurer entfesselt, ohne ein Gegenmittel dafür zu haben. Es war ihnen schlicht egal. Da sie wissen, wie man Gewebeschäden heilt, wird auf quurischer Seite jeder, der versehentlich mit Razarras in Berührung kommt, entweder kuriert oder als hinnehmbarer Verlust betrachtet.«
»Sag mir bitte, dass das die schlechten Nachrichten sind und du jetzt gleich zu den guten kommst.«
»Ich habe mehrere Methoden entdeckt, wie Ihr Euch gegen die Wirkung des Metalls immun machen könnt. In mehreren Berichten heißt es, dass man die Gefahren, die von Razarras ausgehen, mit
anderen Metallen eindämmen kann. Dichte Metalle wie Gold oder Blei sind am wirkungsvollsten, aber das Gift wird auch von Felsgestein blockiert. Ansonsten wäre das gesamte Schloss kontaminiert. Allerdings bereitet mir unsere Wasserversorgung Sorgen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Gift in die Wasserreservoirs sickert …«
»Qaun«, sagte Janel und legte eine Hand auf die seine. »Gibt es eine Möglichkeit, das Erz zu entfernen?«
»Ja, aber nur durch Transmutation, und das ist ein sehr schwieriger Zauber. Die meisten Magier, selbst die genialen, lernen ihn nie. Irgendwer müsste den Zauber rückgängig machen, mit dem Quur das Metall ursprünglich erschaffen hat. Und das Gleiche sollten wir auch mit dem Hexenrauch machen. Ansonsten bleibt uns nur, der gesamten yorischen Bevölkerung das Symbol dauerhaft einzutätowieren.« Er hielt inne und sah Janel beschämt an. »Ich, ähm … diese Transmutation übersteigt meine Fähigkeiten. Außerdem würde ich mich dabei selbst vergiften, da sie nur langsam vonstattengeht. Ich kann besser mit Fleisch und Blut umgehen …«
»Schon gut«, sagte sie. »Ich erwarte gar nicht, dass du es tust. Ich mache das.«
Qaun starrte sie an. »Was? So eine gute Magierin seid Ihr nicht, Janel.«
Sie hob eine Augenbraue. »Woher willst du das wissen?«
»Ich glaube nur nicht, dass Thurvishar mit Eurem Unterricht schon so weit ist. Das ist alles.« Er räusperte sich verlegen.
Einen Moment lang wirkte Janel leicht unbehaglich. Dann wechselte sie das Thema. »Verstehe ich dich richtig? Wenn ich mich vor dem Abstieg in die Höhlen in dichtes Metall hülle, sollte mir genügend Zeit bleiben, die Felsen zu transmutieren, oder? Und eventuell auftretende Gewebeschäden kannst du beheben, stimmt’s?«
»Janel, das könnt Ihr nicht tun.«
»Tatsächlich? Und wieso erzählst du mir dann davon? Damit ich es nicht versuche?«
»Womöglich könnt Ihr es ja lernen, irgendwann einmal …« Qaun schluckte. »Ich bausche die Risiken nicht auf. Dieses Metall ist tödlich, und wer sich damit vergiftet, stirbt unter größten Schmerzen. Falls es eine Möglichkeit gibt, gefahrlos damit zu hantieren,
hat sie noch niemand entdeckt.«
»Wyrga vielleicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Kaen hätte ihr sicher längst befohlen, das Chaos zu beseitigen, wenn sie wüsste, wie es geht.«
Janel machte ein finsteres Gesicht. »Du hast recht. Er hätte sie dazu aufgefordert. Oder er hätte Relos Var darum gebeten.«
»Richtig. Was bedeutet, dass keiner von beiden das Problem beheben kann.«
»In Relos Vars Fall kann es auch sein, dass er es lediglich nicht will. Ihm ist es bestimmt lieber, Kaens Rachsucht aufrechtzuerhalten und das yorische Volk daran zu erinnern, weshalb es Quur hasst. Wenn er das Problem einfach so aus der Welt schaffen würde, wären die Yorer womöglich nicht mehr so angriffslustig.«
Qaun stutzte. Er wusste, dass nicht alle Verbündeten von Kaen vertrauenswürdig waren. Zum Beispiel hatte er sich schon oft gefragt, wieso der Herzog mit den Familien D’Lorus und D’Mon gemeinsame Sache machte. Aber auf die Idee, Relos Var und Kaen als zwei voneinander getrennte Personen mit unterschiedlichen Zielen zu betrachten, war Qaun noch gar nicht gekommen.
»Janel«, begann er, »ich habe Euch zwar immer für ein magisches Wunderkind gehalten, aber auf das, was Ihr vorhabt, bereiten sich andere Leute viele Jahre lang vor.«
»Kann sein, aber ich werde schummeln.« Sie warf ihm einen bitteren Blick zu.
»Ehrlich?« Qaun wartete auf eine Erklärung.
Sie stand auf und klopfte ihm auf die Schulter. »Du musst mir einfach vertrauen. Gibt es irgendwelche Bücher, die ich mir ansehen sollte? Übungen, mit denen ich mich in den richtigen Geisteszustand versetzen kann?«
Er nickte. »Ja, ich habe alles notiert, was ich zu dem Thema finden konnte.« Er reichte ihr das Büchlein, das er ausschließlich für dieses eine Projekt geführt hatte.
»Vielen Dank«, sagte sie und ging zum Ausgang.
»Janel …«
Sie blieb an der Tür noch einmal stehen. »Ja?«
»Wir sollten darüber sprechen, was in Jorat geschieht.«
Ihr Lächeln wurde … raubtierhaft. Der Anblick war Bruder Qaun unheimlich. Wo hatte er dieses Lächeln schon einmal gesehen?
Nicht auf Janels Gesicht.
»Nein«, sagte sie. »Das glaube ich nicht. Wenn du sagst, dass ich dichtes Metall verwenden soll, um mich gegen das Gift abzuschirmen, meinst du damit nicht einen Schild, oder …?«
Qaun schüttelte den Kopf. »Es muss Euch komplett einhüllen. Eine Rüstung vielleicht. Eine Spezialanfertigung. Das wird teuer.«
Janel biss sich nachdenklich auf die Lippe.
Bruder Qaun seufzte. »Glaubt Ihr wirklich, dass Ihr lernen könnt, wie man Razarras-Erz transmutiert?«
Sie sah ihm in die Augen. »Thurvishar weiß bestimmt, wie es geht.«
Qaun lehnte sich zurück. Er kam sich wie ein kompletter Narr vor. »Ich … Bei den Sternen. Ihr habt recht. Wahrscheinlich weiß er es. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Er hob die Hände. »Also gut. Ihr seht zu, dass er Euch dabei hilft, den Zauber zu erlernen, und ich versuche, diese ganz spezielle Rüstung für Euch aufzutreiben.«
Nun war es an Janel, überrascht dreinzuschauen. »Wie in allen Himmeln willst du das schaffen? Hast du dich in meiner Abwesenheit zum Schmied ausbilden lassen?«
Qaun grinste. »Ihr werdet es schon sehen.«