53   Brüder
Jorat, Quurisches Reich.
Drei Tage nachdem Miya herausgefunden hatte, dass ihr Sohn gar nicht tot war, und dann, dass er es doch war
Alle, die auf dem Boden oder auf der anderen Seite des Gastraums schliefen, hatten offensichtlich nur so getan. Sie sprangen auf und griffen nach ihren Waffen. Janel stand mit finsterer Miene auf. Ninavis langte unter der Theke nach ihrem Bogen. Stern schob Dorna hinter sich, und Qaun schnappte erschrocken nach Luft.
Kihrin zog sein Schwert und kniff die Augen zusammen. »Var, du verdammter …«
Janel trat einen Schritt vor.
Kihrin hielt sie am Arm fest. »Halt.« Er deutete auf den Boden vor ihnen. Dort hatte Relos Var ein zweites, zur Verteidigung bestimmtes Portal erscheinen lassen, das die Funktion eines Festungsgrabens erfüllte. Dahinter erstreckte sich ein strahlendblauer Himmel. Da Kihrin sicher war, dass draußen noch Dunkelheit herrschte, musste der Ort auf der anderen Seite des Portals weit weg sein. Außerdem lag er, da außer dem Himmel nichts zu sehen war, offenkundig hoch über dem Erdboden.
»Und das ist nicht das einzige Problem«, sagte Kihrin. Er nahm seine Tasse von der Theke und warf sie nach Relos Var.
Sie flog erst durch den Magier hindurch und dann durch das zweite Portal, das immer noch hinter ihm offen stand.
»Da nun klar ist, dass ihr mich nicht angreifen könnt, sollten wir uns miteinander …«, begann Relos Var.
Kihrin drehte sich zu Janel um. »Ich sehe nicht, was immer du siehst. Vertrau mir. Relos Var ist nicht hier. Vermutlich projiziert er eine Art Illusion.«
Relos Var seufzte und verschwand.
Der Magier tauchte wieder auf. Diesmal kam er nicht durch ein Tor. Stattdessen stand er von einer Sekunde auf die andere plötzlich im Raum, als wäre er schon immer da gewesen.
»Zufrieden?«, fragte er.
Statt zu antworten, berührte Kihrin mit Urthaenriel den Rand des im Boden geöffneten Portals, das sich daraufhin mit einem Knistern auflöste. Dann machte er einen Schritt vorwärts und holte mit dem Schwert aus. Janel packte Kihrin an der Hand und zog ihn zurück, bevor er durch ein riesiges Tor fallen konnte, das direkt vor ihm in der Luft erschienen war.
Urthaenriel konnte zwar jedes Portal verschwinden lassen, aber nur wenn Kihrin es am Rand mit der Klinge berührte. Das Zentrum eines Portals durchquerte das Schwert genauso ungehindert wie jeder Mensch.
»Der Magier hat ein Tor vor sich!«, rief Dango. »Ich kann nicht auf ihn schießen.«
»Von hier aus geht es auch nicht«, erwiderte Ninavis. »Offensichtlich hüllt es ihn ein.«
Ninavis’ Leute verteilten sich im Gastraum. Die meisten hielten Pfeil und Bogen im Anschlag, aber sie hatten alle das gleiche Problem wie Dango: Ihre Schussbahn war nicht frei.
»Oh, du kannst mich jetzt sehen«, sagte Var.
»Ich habe dich vorhin auch gesehen«, erwiderte Kihrin. »Aber ich wollte dich rauslocken. Es erschien mir nicht sinnvoll, eine Illusion aufzuspießen.«
Relos Var blickte ihn finster an und drehte sich dann zu Janel um. »Wollt Ihr wirklich diese Spielchen spielen? Ich kann nämlich ohne Weiteres gehen und Khoreval mitnehmen. Ich bin gespannt, was Ihr tut, wenn Morios auftaucht, um Atrine zu verwüsten. Aber das ist dann nicht mein Problem.«
Kihrin sah ihn an. »Bist du wirklich aus Herzog Kaens Halle verschwunden, weil ich gestorben bin? Was wolltest du tun, wenn du meinem Mörder begegnest? Gadrith die Hand schütteln oder …?«
Relos Var verdrehte die Augen. »Sei nicht kindisch. Aber ich weiß ja, dass du nicht anders kannst. Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass ich nicht dein Feind bin?«
»Du kannst es mir so oft erklären, wie du willst. Aber das heißt nicht, dass ich dir je glauben werde.«
Relos Var sprach weiter, als hätte Kihrin nichts gesagt. »Es war mein Fehler. Ich hatte nicht ausreichend darauf geachtet, was Gadrith und Darzin planten. Vielen Dank übrigens, dass du sie beide getötet hast. Vor allem Gadrith.«
»Ich habe es nicht dir zu Gefallen getan.«
»Das habe ich auch nicht behauptet.« Relos Var sah aus, als würde er mit den Kiefern mahlen.
»Lass mich raten …«, sagte Kihrin, »du bist aus der Hauptstadt zurückgekehrt, bevor Tya von ihrer Unterhaltung mit Thaena über Aeyan’arric zurückkam. Außerdem hast du Khoreval von Xivan Kaen zurückgeholt … und eine Abmachung mit Janel getroffen. Aber erkläre mir bitte eines, großer Bruder: Wozu brauchen wir Khoreval überhaupt? Janel hat schon mal eine Drachin mit dem Speer getötet, aber sie ist nicht tot geblieben.«
»Sei doch nicht so bescheiden«, erwiderte Relos Var. »Du selbst hast auch eine getötet.«
»Was?« Kihrin blinzelte. »Äh, nein … Ich bin mir sicher, dass ich das nicht …«
»Im Nachleben«, flüsterte Janel ihm zu. »Du hast Xalome mit Khoreval erledigt.«
Kihrin stutzte. An so etwas müsste er sich eigentlich erinnern können. Es schien wichtig zu sein. Doch seine Erinnerung an die Ereignisse im Nachleben war sehr lückenhaft. Er musste unbedingt herausfinden, wie Janel und Teraeth es schafften, ihre dortigen Erfahrungen im Gedächtnis zu behalten. »Also schön«, sagte Kihrin. »Wenn du es sagst. Und ich nehme an, diese Xalome wird sich ebenfalls wieder erholen. Anscheinend ist Khoreval nicht sehr gut dazu geeignet, Drachen zu töten. Also, wozu brauchen wir den Speer noch mal?«
Relos Var schaute lächelnd zu Qaun hinüber. »Du hast es noch nicht begriffen, oder?«
Bruder Qaun richtete sich auf. »Was begriffen?«
»Was die Ecksteine in Wirklichkeit sind.«
Qaun blinzelte. »Was haben die Ecksteine damit …?« Seine Augen weiteten sich. »Moment … Oh, Sonne …«
Relos Var wandte sich wieder zu Kihrin und Janel um. »Ihr braucht sowohl Khoreval als auch Urthaenriel, weil es nicht genügt, einen Drachen bloß zu töten. Ihr müsst gleichzeitig auch sein Herz vernichten – das, was wir als Eckstein kennen. Und nur Urthaenriel kann einen Eckstein zerstören.«
Janel blinzelte. »Wie? Ecksteine sind Drachenherzen?«
»Nicht im wörtlichen Sinne«, erwiderte Relos Var. »Es ist eine Metapher.«
Aus irgendeinem Grund schien Janel diese Antwort sehr zu erleichtern. 258
»Nur so aus Neugier: Wo ist dein Eckstein?« Kihrin hatte sein Schwert nicht gesenkt.
»Ich habe keinen.«
»Auch das glaube ich dir nicht«, erwiderte Kihrin.
Der Magier verschwand und die Portalwand ebenfalls.
Dann trat Relos Var – diesmal der echte – vor Kihrin hin und sagte: »Dann erstich mich. Aber sobald du mich mit diesem kleinen Metallstück pikst, nehme ich meine wahre Gestalt an.« Er sah sich in der Taverne um. »Und die ist wesentlich größer als dieser Raum. Urthaenriel wird nicht verhindern können, dass ihr alle hier auf der Felswand verschmiert werdet. Meine Wunden werden verheilen. Eure auch?« Er zuckte die Achseln. »Thaena hat alle Hände voll damit zu tun, Dämonen zu töten, aber ich nehme an, dass sie dich irgendwann wiederauferstehen lässt.« Var sah Janel an. »Und Euch auch. Aber sonst wahrscheinlich niemanden.«
Kihrin legte dem Magier Urthaenriels Schneide an den Hals. »Du bluffst.«
Relos Var lächelte. »Ach wirklich?« Ein weiteres Tor ging auf.
Kihrin ließ Var nicht aus den Augen, weil er sich nicht ablenken lassen wollte.
Aber der Magier wirkte genauso überrascht über das neu entstandene Tor wie alle anderen auch. Er riss die Augen auf. »Thurvishar?«
Der Erblord des Hauses D’Lorus rannte durch das offene Portal. Auf der anderen Seite war kurz ein großes Gewässer zu sehen und ein Himmel, an dem sich das Morgengrauen ankündigte. Thurvishar schloss das Portal, drehte sich um und erstarrte, als er merkte, in was er da hineingeraten war.
»Ist das ein schlechter Zeitpunkt?«
»Thurvishar, was macht Ihr hier?«, fragte Bruder Qaun. »Ihr solltet doch warten …«
»Das habe ich«, protestierte Thurvishar. »Deswegen bin ich ja hier. Morios ist gerade dem Jorat-See entstiegen. Er greift Atrine an.«