62   Endspiele
Atrine, Jorat, Quurisches Reich.
Drei Tage nachdem Tyentso einem Hohen Lord gesagt hatte, er solle sich »dort hinstellen und hübsch aussehen«
Janel erwachte, dankbar, dass sie nicht tot war, und überlegte nervös, was zwischenzeitlich im Land der Lebenden geschehen sein mochte. Eigenartigerweise war im Nachleben nur wenig los gewesen. Nirgends hatte sie eine Spur von den Dämonenhorden gesehen, die sie unmittelbar nach einem so gewaltigen Ereignis wie der Zerstörung von Atrine eigentlich erwartet hatte. Die Seelen der Verstorbenen waren ungehindert herumgewandert. Es waren so viele gewesen.
Sie rappelte sich hoch, ohne auf die besorgten Blicke der Armeeheiler zu achten, und ging nach draußen, wo Rauch den ansonsten blaugrünen Himmel rußig färbte. Sie war nur wenige Stunden bewusstlos gewesen.
Vor dem Zelt wartete Ninavis auf sie.
Sie wirkte unversehrt, lediglich ein paar Schmutzflecken verunzierten ihre Stirn und das Kinn. Als sie Janel bemerkte, deutete Ninavis auf ein joratisches Azhock, und die beiden machten sich dorthin auf den Weg.
»Gab es Tote?«, fragte Janel.
»Wir hatten ein paar Verluste«, räumte Ninavis ein. »Dango hat einige Schrapnells im Bein, aber der wird schon wieder. Obwohl man das kaum glauben möchte, bei dem Gejammer, das sein Mann wegen ihm veranstaltet.«
»Das kann ich Baramon nicht verdenken. An seiner Stelle würde ich auch jammern. Was ist mit …?«
»Arasgon geht es gut.« Ninavis hielt die Klappe des Azhocks für Janel auf. »Er ist drüben beim Flüchtlingslager und hütet die Herde.«
Janel nickte erleichtert und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie das Azhock betrat und die Wimpel von Markreev Malkoessian bemerkte. Doch ihr Lächeln verblasste sofort wieder. Wenn der Markreev so nahe am Feldlager des Obersten Generals kampierte, konnte das nur eines bedeuten: dass der Herzog dazu nicht mehr in der Lage war.
»Das heißt wohl, dass ihr Herzog Xun nicht retten konntet.«
»Er muss bereits in den ersten Minuten des Angriffs gestorben sein. Uns war von Anfang an klar, dass das passieren könnte. Plan B verlief dagegen vollkommen glatt.« Die Marakori klopfte auf den Beutel an ihrer Hüfte.
»Gut. Ich hoffe, das sind nicht alle.«
»O nein. Nur eine repräsentative Auswahl.«
»Das genügt.« Janel holte tief Luft. »Ich musste den Plan ändern, Ninavis. Ich weiß, was wir besprochen hatten, aber ich kann einfach nicht …«
Die Zeltklappe wurde zurückgeschlagen, und Markreev Aroth Malkoessian trat ein. Er blieb erschrocken stehen. Unter normalen Umständen hätte er wahrscheinlich ein paar Wachmänner vorangehen lassen, doch anscheinend wähnte er sich mitten im quurischen Armeelager in Sicherheit.
Er erholte sich jedoch rasch wieder und schaute Janel an. »Nach unserer Begegnung vorhin war ich mir fast sicher, einen Geist gesehen zu haben.«
Janel unterbrach ihr Gespräch mit Ninavis. Sie lehnte sich an den Tisch und reckte lächelnd die Arme über den Kopf. »O nein. Überhaupt nicht. So, jetzt müssen wir unbedingt eine Unterhaltung von vor ein paar Jahren zu Ende führen, bei der es um meine Stellung ging.«
Der Markreev verengte die Augen zu Schlitzen und schob das Kinn nach vorn.
Doch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, ergriff Janel erneut das Wort. »Erst muss ich allerdings noch eine unangenehme Aufgabe erledigen.« Sie ließ die Arme sinken. »Ich bedauere, Euch mitteilen zu müssen, dass Euer Sohn Oreth tot ist.«
Seine einzige Reaktion bestand darin, dass er ein klein wenig blasser wurde. »Habt Ihr ihn getötet?«
»Er hat sich den Yorern angeschlossen …«
»So wie Ihr.«
»Ich bin von ihnen entführt worden. Das ist nicht dasselbe. Wie auch immer. Ich nehme an, Ihr wisst bereits über Oreths Verbrechen Bescheid. Aber nach seinem Weggang wurde er in eine scheußliche Sache verwickelt, für die er eigentlich gar nichts konnte. Trotzdem hat er die Schuld auf sich genommen, und Herzog Kaen ließ ihn hinrichten. Das wird Euch sicher nicht trösten, aber es tut mir leid, dass es so gekommen ist.«
Er schluckte und bekam feuchte Augen. Ein paar angespannte Sekunden lang sagte er kein Wort. Dann nickte er schließlich. »Nun gut. Ich werde darüber nachdenken. Ihr seid vermutlich gekommen, um Euch meiner Gnade auszuliefern …«
»Nein.«
Malkoessian runzelte die Stirn.
»Ich bin hier, um Euch Eure neue Situation zu erklären«, stellte Janel richtig. »Ihr wisst sicher oder vermutet zumindest, dass Herzog Xun tot ist. Und Ihr haltet Euch wahrscheinlich für seinen logischen Nachfolger.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Befreit Euch von dieser Vorstellung, Aroth. Das wird nicht passieren.«
»Habt Ihr in den Jahren Eurer Abwesenheit allen Anstand vergessen? Ihr sprecht mich mit mein Gebieter an.«
»Nein, das tue ich nicht.« Janels Augen blitzten blau auf, als sie vor seinem Gesicht mit den Fingern schnippte. »Seht mich an, Aroth. Schaut mir in die Augen.«
Dem Markreev blieben die tadelnden Worte im Hals stecken.
Ninavis warf Janel einen eigenartigen Blick zu.
»Nein, Aroth. Ihr habt Euren Sohn glauben gemacht, er hätte das Recht, zu mir ins Bett zu steigen. Ihr habt ihm den Brief meines Großvaters gegeben und Euch eingeredet, diese erzwungene Ehe wäre zu meinem Besten – und zum Wohl der Familie Theranon. Weil Oreth Euch glaubte, hat er versucht, das zu bekommen, was laut Euch sein Geburtsrecht war, und wurde dabei zum Verräter.« Sie lächelte unbarmherzig, als Aroth zusammenzuckte. »Nicht ich schulde Euch Thudajé, sondern Ihr mir.«
Dem Markreev schien ein Licht aufzugehen. »Dann wollt Ihr also Herzog werden.«
»Ehrlich gesagt, nein.« Janel trat vom Tisch weg und legte Ninavis eine Hand auf die Schulter. »Ich möchte Euch Sir Ninavis Theranon vorstellen. Sie wird der nächste Herzog von Jorat sein.«
Dem Markreev fiel wahrscheinlich gar nicht auf, dass Ninavis’ Augen ein wenig weiter wurden und sie Janel einen erstaunten Seitenblick zuwarf, bevor sie sich rasch wieder fasste.
»Theranon? Aber es gibt keine weiteren …«
»Ich habe beschlossen, sie zu adoptieren.« Janel drehte sich zu Ninavis um. »Wusstest du, dass es keine Regel gibt, die mir verbietet, jemanden zu adoptieren, der älter ist als ich?«
»Nun, jetzt weiß ich es«, sagte Ninavis und sah Janel unsicher an.
»Außerdem werde ich abdanken«, fuhr Janel fort. »Daher wird ihr korrekter Titel Graf Ninavis Theranon lauten. Ihr werdet dieser Nachfolge selbstverständlich zustimmen. Das dürfte alle besänftigen, die etwas gegen einen joratischen Herrscher haben könnten, der ohne Zwischenschritte vom Ritter zum Herzog aufsteigt.« Sie nickte Ninavis zu. »Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass du auf die Turniere verzichten musst.«
Ninavis starrte sie an. »Damit kann ich leben.«
»Ihr könnt nicht einfach irgendwem die Führung übertragen.«
Janel lachte. »Doch, das können wir. Und wir tun es auch. Andauernd. Ihr wisst genauso gut wie ich, dass der Herzog keine Nachkommen hinterlassen hat und dass die adligen Herrscher zusammenkommen werden, um einen Nachfolger zu bestimmen. Ihr werdet merken, dass es für viele von ihnen überhaupt kein Problem ist, für den Grafen von Tolamer zu stimmen. Vor allem, wenn sich herausstellt, dass der besagte Graf in Wahrheit der Schwarze Ritter ist. Ihr wisst schon, derjenige, der diesen riesigen Drachen getötet hat. Alle haben gesehen, wie sie die Leute in Sicherheit brachte, während Ihr und Eure Familie zusammen mit dem Rest der Herde geflohen seid.«
Aroths Nasenflügel bebten. »Diese Frau hat den Drachen nicht getötet.«
»Aber ich werde sagen, dass sie es war«, erklärte Janel. »Und da ich Janel Danorak bin, weiß ich, wie viel ein guter Ruf wert ist. Ich habe mich übrigens nicht darauf verlassen, dass Ihr so anständig und freundlich sein würdet, mich zu unterstützen.« Janel gab Ninavis ein Zeichen, woraufhin die ein Pergament aus ihrem Beutel zog.
Ninavis beugte sich über eine Feuerschale neben dem Schreibtisch und zündete eine Kante des Schriftstücks an. Als das gesamte Blatt Feuer gefangen hatte, ließ sie es fallen.
»Was war das?«, verlangte Aroth zu wissen.
»Ich glaube, das war ein Wechsel über fünfzigtausend Throne, unterschrieben von Graf Jarin Theranon«, antwortete Ninavis. »Oh, hättet Ihr das noch gebraucht?«
»Was? Woher hattet Ihr das?«
»Und das hier …« Ninavis holte noch ein Pergament aus ihrem Beutel. »Das ist ein weiterer Wechsel mit der Unterschrift von Jarin Theranon, den er ursprünglich dem Baron von Omorse ausgestellt hat, aber Ihr habt ihn gekauft, stimmt’s?« Sie rollte das Pergament zusammen und klopfte damit an die Kante der Feuerschale. »So viele Kredite. Das halbe Reich hat Schulden bei Euch, Aroth.«
»Und das ist das Problem, nicht wahr?« Janel schürzte die Lippen. »In Wahrheit seid Ihr schon lange kein Markreev mehr, der seine joratische Herde beschützt, sondern eine Bank. Ein Wucherer.«
»Wie seid Ihr an die gekommen?«, fragte der Markreev erneut. Er blickte zum Eingang zurück, als zöge er ernstlich in Erwägung, seine Wachen zu rufen.
»Das ist doch offensichtlich, Aroth«, sagte Janel sanft. »Wir haben all Eure Wechsel und Kontobücher gestohlen. Offenbar war der Torstein von Atrine während des Angriffs des riesigen Drachen unbeaufsichtigt, und Euer Schloss wurde nur von einem einzigen Soldaten bewacht.«
»Ihr wisst, was das bedeutet«, sagte Ninavis. »Von diesem Moment an könnt Ihr nicht mehr beweisen, dass Ihr irgendwem auch nur einen Kelch geliehen habt.«
»Damit werdet Ihr nicht durchkommen«, zischte Markreev Malkoessian.
Janel winkte ab. »Denkt genau nach, Aroth. Ja, Ihr könnt das Blut des Joras – Magier und Hellseher – hinzuziehen, die Eure Ansprüche belegen werden, aber wollt Ihr wirklich Eure joratischen Mitbürger mit der Nase darauf stoßen, wie eng Ihr mit den hohen Adelshäusern verbandelt seid? Vor allem mit dem Haus D’Aramarin. Eure Entmachtung ließe sich kaum vermeiden. Die Alternative ist, dass Ihr Ninavis’ Herrschaftsanspruch unterstützt. Dann muss keiner hiervon erfahren.«
Aroth antwortete nicht, er bebte vor Wut.
Janel seufzte. Wieder schienen ihre Augen eine andere Farbe anzunehmen. Einen Moment lang erinnerten sie an eisblaue Katzenaugenquarze, bevor sie wieder blutrot wurden. »Ich mache Euch dieses Angebot, weil Ihr ein kluger, pragmatischer Mann seid und weil ich glaube, dass Ihr und Ninavis gut zusammenarbeiten werdet. In Jorat wird es in den kommenden Jahren viel zu tun geben, und unser Volk braucht starke Anführer.« Sie zuckte die Achseln. »Wenn ich Euch nicht für den richtigen Mann für diese Aufgabe hielte, hätte ich Euch und Euren Sohn Ilvar einfach getötet und stattdessen Euren Erstgeborenen, Palomarn, zum Herzog gemacht. Aber Palomarn ist eine Stute, und ich weiß, dass es ihm nicht gefallen würde, einen ganzen Landkreis zu führen. Außerdem wäre Dorna böse auf mich, wenn ich Euch töten würde.«
Auf dem Gesicht des Markreev zeichneten sich in rascher Folge zahlreiche Gefühlsregungen ab: Wut, Sorge, Angst und schließlich so etwas wie widerwilliger Respekt. Er zeigte auf Ninavis. »Aber warum sie? Wieso nicht Ihr selbst? Das alles zu planen, muss Jahre gedauert haben. Niemand verzichtet so einfach auf Macht.«
Ninavis’ Mundwinkel zuckten. »Ich muss zugeben, dass ich mich das auch frage.«
»Ihr überrascht mich, Aroth. Ich verzichte nicht auf Macht. Ich delegiere sie. Ich würde es ja selbst tun, aber ich werde mit Wichtigerem beschäftigt sein.« Als Aroth protestieren wollte, hob sie eine Hand. »Ja, es gibt tatsächlich Bedeutenderes, als über Jorat zu herrschen.«
Aroth Malkoessian musterte Ninavis. »Seid Ihr dieser Aufgabe gewachsen?«
Ninavis lachte. »Nach Foran Xun wäre selbst eine Ziege eine Verbesserung.« Sie zuckte die Achseln. »Ich könnte natürlich einen guten Berater brauchen. Am besten einen waschechten Jorater, nicht so einen vom Schlag Relos Var.«
»In der Tat.« Der Blick des Markreev wurde nachdenklich. Zweifellos dachte er darüber nach, ob er einen persönlichen Vorteil aus dieser Situation schlagen konnte. »Was ist mit meinen Dokumenten?«
»Was soll damit sein? Ich werde sie sicher für Euch verwahren.« Mit einem beinahe bösartigen Grinsen ließ Ninavis das zusammengerollte Pergament in die Feuerschale sinken. »Außer die Theranon-Schulden natürlich. Es ist sehr freundlich von Euch, dass Ihr uns die erlasst. Ich bin wirklich gerührt.«
Als Janel erneut mit den Fingern schnippte, richtete der Markreev seine Aufmerksamkeit sofort auf sie. »Sind wir uns einig, Aroth?«
Er blickte ihr in die Augen, die ein weiteres Mal eisblau flackerten, und erschauderte. »Ja«, flüsterte er. »Ja, sind wir. Mein … mein Gebieter.«
Janel lächelte. »Gut.«
Aroth schüttelte sich.
»Nun, ihr beide solltet euch jetzt auf die Suche nach Dorna machen und überlegen, wie ihr den restlichen Markreevs die frohe Botschaft über ihren neuen Herzog am besten verkauft. Ich muss mich nun mit anderen Dingen befassen.« Janel verbeugte sich und ging, um herauszufinden, wer sonst noch überlebt hatte.