Fünf
K
rister hatte etwas gegen sie, das war mehr als offensichtlich – und leider wenig verwunderlich. Während der Besprechung war Annik sich ein paarmal sicher gewesen, dass er sie ansah, aber immer, wenn sie dann hinschaute, war sein Blick auf Alva oder Espen oder den Notizblock vor ihm gerichtet.
Irgendwo hinter dieser verschlossenen Fassade versteckte sich der Typ mit dem Seesack, der ihr an Deck der Fähre zugelächelt und später Theos Ball gerettet hatte. Sein Gesicht mit dem deutlichen Bartschatten war schmaler als das glatte, hübsche Gesicht von Espen, hungriger irgendwie. Und … verletzter? Aber wieso interessierte sie das? Die dunklen Haare hingen ihm immer wieder ins Gesicht, und er strich sie mit einer ungeduldigen Bewegung aus der Stirn. Am linken Daumenballen hatte er die frisch verheilte Narbe einer tiefen Wunde, doch seine Miene verbat derart deutlich jede Ansprache, dass sie ihn nicht danach fragen würde. Als unnahbar hatte Alva ihn bezeichnet. Dem arroganten Gesichtsausdruck nach, den er bei der Drogenbemerkung gezeigt hatte, konnte er trotz der Sache mit dem Ball auch schlicht und ergreifend ein überheblicher Misanthrop sein. Er wäre nicht der erste Arzt, der Chirurg wurde, weil er da nicht mit Menschen reden musste.
»Setzen wir uns noch irgendwo auf ein Bier zusammen?«, fragte Espen nach dem Meeting. »Dann können wir uns alle ein bisschen informeller kennenlernen.«
»Meinetwegen gern«, sagte Alva und erhob sich. »Wie sieht’s aus?«
Annik zögerte. »Ich muss eigentlich nach Hause.«
Kristers Stuhl schabte auf dem Boden, als er aufstand. »Ohne mich, sorry.« Er hob die Hand zum Gruß, nickte kurz in die Runde und war weg.
Anniks Gedanken kreisten noch um die Besprechung, als sie wenig später die Tür zu ihrem Haus aufschloss. Aus dem Wohnzimmer hörte sie Maras Stimme. Sie streifte die Schuhe ab und ging hinein. Auf dem Teppich vor dem Sofa fuhren Theos Legomänner auf einem Papiermeer mit Schiffen herum. Sie gab ihrem Sohn einen Kuss auf den Kopf und ließ sich auf das Sofa sinken. »Na, ihr beiden. Was habt ihr so getrieben, während ich bei der Arbeit war?«
Als Antwort lief Theo in die Küche und kehrte kurz darauf, einen Hefezopf auf einem Teller balancierend, zurück. »Ihr habt gebacken? So lange war ich doch gar nicht weg.«
»Wo denkst du hin!« Mara schüttelte den Kopf. »Nein, die Nachbarin von gegenüber hat den als Willkommensgeschenk gebracht. Ihr Sohn Luis ist so alt wie Theo und geht in den Kindergarten, den wir uns morgen ansehen wollen.«
»Wie nett!«
»Ja, sie machte einen sehr netten Eindruck, und der Junge auch. Rose heißt sie.«
Rose und Luis. Und vermutlich ein Vater dazu, möglicherweise Geschwister. Eine ganze, heile Familie. Heile Familien gaben Annik nach wie vor einen Stich ins Herz. Aber sie sollte die Chance auf neue Freunde nicht verstreichen lassen und Rose und Luis in den nächsten Tagen zum Kaffee einladen.
»Und bei dir? Wie ist die Praxis? Wie sind die Leute?«
»In Ordnung, glaube ich.« Annik gähnte. So nebenbei wie möglich sagte sie: »Der Typ von der Fähre ist mein Boss. Krister heißt er.«
»Der alte Mann mit dem Fernglas?«
»Quatsch. Dein Sahneschnittchen.«
»Der mit den schönen Augen? Der Theo den Ball wiedergebracht hat?«
»Ja, und er …« Annik zögerte. Er ist kein sehr sympathischer Zeitgenosse, hatte sie sagen wollen. Aber genau genommen wusste sie das nicht. Krister hatte ihr mit dem Koffer geholfen und den Ball gerettet. Heute allerdings hatte er keine drei freundlichen Worte – oder überhaupt irgendwelche – mit ihr gewechselt und schien insgesamt an der Besprechung eher desinteressiert gewesen zu sein.
Aber eigentlich wusste sie nichts über ihn. Es war ihr nur unangenehm gewesen, ihn wiederzusehen.
Verglichen mit Hamburg, war die Kinderbetreuung hier ein Traum. Das Städtchen selbst hatte keine zweitausend Einwohner, dennoch gab es einen Forscherkindergarten, einen Naturkindergarten und sogar einen Musikkindergarten. Nach Alvas Empfehlung hatte Annik Theo in dem Kindergarten angemeldet, der am nächsten lag und dessen Website Fotos von glücklichen Kindern schmückten, die in orangefarbenen Schwimmwesten am Strand spielten. Was sollte sie sonst tun, als sich auf Alvas Empfehlung zu verlassen?
Hinter einer üppigen Wacholderhecke erkannte Annik einen Teil des dunkelrot gestrichenen Holzbaus mit von innen an die Fenster gemalten Blumen.
Theo war langsamer geworden, je näher sie dem Kindergarten kamen, und sein Griff um ihre Hand fester. Annik hatte das Piratenschiff im Vorgarten schon auf Bildern gesehen. Es war ein echter alter Kutter, umgebaut zum Klettergerüst. Vier – oder nein, fünf – Kinder spielten darauf.
»Bist du aufgeregt?«
Er nickte.
»Kann ich verstehen. Aber das Schiff ist schon mal ein guter Anfang, oder?«
Theos Griff um ihre Hand lockerte sich ein wenig.
Selbst Mara, die, mit ihrem Smartphone beschäftigt, ein wenig hinter ihnen gegangen war, blieb stehen und bewunderte das Schiff.
Doch Anniks Aufmerksamkeit wurde jetzt von einer Frau abgelenkt, die auf sie zukam. Sie war etwa Mitte fünfzig und trug die langen, grauen Haare als dicken Zopf, der ihr über die Schulter hing.
»Hallo zusammen«, sagte sie auf Deutsch und hockte sich dann direkt vor Theo hin. »Du musst Theo sein. Ich bin Mette.«
Theo sah sie mit großen Augen an, aber seine Hand war entspannt, und er klemmte sich nicht an Anniks Hosenbein. Vorsichtig atmete sie auf.
In ihrer Mail hatte sie erklärt, dass Theo nicht sprach, und Mette schien kein Problem damit zu haben. »Du redest im Moment nicht so gern, nicht wahr? Ich mache dir einen Vorschlag. Du hörst einfach erst mal zu und siehst dir alles an, ja?«
Er nickte und ließ Annik los. Kurz darauf spazierte er neben Mette davon, auf das Piratenschiff und die anderen Kinder zu.
Als Annik am nächsten Tag vor der Praxis stand, war sie beinahe nicht mehr aufgeregt. Mara hatte ihr glaubhaft versichert, sie würde, falls nötig, den ganzen Tag im Vorraum des Kindergartens zubringen, solange es dort eine Steckdose für ihr Handyladegerät gäbe. Theo war also versorgt. Sie konnte sich auf die Arbeit konzentrieren.
Alva freute sich, dass sie hier war. Espen freute sich, dass sie hier war. Sie würde die neuen Kollegen kennenlernen, und vielleicht konnte sie Krister vorerst einfach aus dem Weg gehen.
In der Praxis herrschte bereits Hochbetrieb. Vor der Rezeption warteten fünf Leute, an denen sie sich mit einem Lächeln vorbeischob. Wen würde sie in ihrem Sprechzimmer wiedersehen? In ihrem Sprechzimmer … Der Gedanke hatte immer noch etwas Irreales und Beunruhigendes. In der Eppendorfer Uniklinik »die Neue« zu sein, war etwas anderes als in dieser Familienpraxis. Wie würden die Leute auf ihr Volkshochschulnorwegisch reagieren? Wie auf sie als Person?
»Guten Morgen.« Tilda blieb trotz des Zeitdrucks die Ruhe in Person. »Meine Schwester hat mir von deinem entzückenden Sohn erzählt.«
Annik umrundete den Rezeptionstresen, um ins Büro zu gehen, wo auch die Garderobe war. »Dann ist deine Schwester Mette?«
»Genau.« Routiniert reichte Tilda der wartenden Patientin ein Clipboard über den Tresen. »Füllen Sie uns das bitte aus und bringen es dann wieder zurück?« An Annik gewandt sagte sie: »Daran wirst du dich bei uns gewöhnen müssen. Hier sind alle irgendwie miteinander verwandt oder verschwägert.«
Tilda meinte es freundlich, trotzdem wurde Annik bei diesen Worten noch ein wenig mulmiger zumute. Konnten sie, die Außenseiter, die Deutschen, hier je wirklich Fuß fassen?
Eine junge Frau gesellte sich zu ihnen. Sie war hochgewachsen, mit ellenlangen Beinen, einem silberblonden Zopf bis zur Taille und einem ebenmäßigen, goldgebräunten Gesicht. Annik hätte sich auf der Stelle klein, hässlich und ungeduscht gefühlt, hätte die Frau nicht so aufrichtig gelächelt. Gut, sie fühlte sich dennoch klein, hässlich und ungeduscht. Nur nicht mehr ganz so schlimm. »Keine Sorge«, sagte die blonde Frau. »Es sind nicht alle hier verbandelt. Ich bin auch vor einem Jahr erst aus Oslo hergezogen.« Sie reichte Annik die Hand. »Ich bin Svea, hallo.«
»Na, dann … auf gute Zusammenarbeit.« Annik begann zu ahnen, dass es nicht ganz einfach werden würde, sich alle Namen, Gesichter und Geschichten zu merken.
»Wir arbeiten wohl nicht oft zusammen.« Selbst Kopfschütteln gelang Svea mit Anmut. »Ich habe das Labor unter mir. Alva wollte dir heute Hanne zur Seite stellen.«
»Stimmt«, schaltete Tilda sich ein, während sie gleichzeitig eine Patientenkarte entgegennahm.
Svea hatte sich an den Computer gesetzt. »Ich rufe die beiden eben an.«
Als Alva gleich darauf mit einer weiteren Frau auftauchte, lächelte Annik. Hanne wirkte äußerst sympathisch. Sie mochte Anfang dreißig sein, war kleiner als Annik und sehr zart, mit kurzen schwarzen Haaren und vergnügten dunklen Augen. Sie würden miteinander klarkommen. Wie es bisher aussah, würde Annik mit fast allen im Praxisteam klarkommen. Nur bei einem war sie sich nicht sicher.
Im Laufe des Vormittags stellte sich heraus, dass viele von Anniks Sorgen unbegründet gewesen waren. Die Patienten hier waren – wer hätte das gedacht? – einfach nur Menschen, die Hilfe brauchten. Solange sie die bekamen, spielte es keine Rolle, ob Annik aus Deutschland kam oder vom Mars. Auch die Sprachbarriere stellte kaum ein Problem dar. Annik verstand erstaunlich viel, und einige der jüngeren Patienten wechselten ins Englische, sobald sie merkten, dass die neue Ärztin nicht aus Norwegen stammte. Einzig Lotta Eriksson, eine ältere Dame mit einem Katzenbiss, sprach weder Englisch noch Deutsch, und es war Annik wichtig, dass sie alle Anweisungen genau befolgte. Katzenbisse konnten extrem gefährlich werden, und so übersetzte Hanne für sie. Sie nahm einen Abstrich und schickte ihn zur Bestimmung der Bakterienstämme ins Labor, um beim nächsten Besuch gezielt weiterbehandeln zu können.
Lotta Eriksson war jedoch vor allem mit dem Fehlverhalten ihrer Katze beschäftigt. »Murre hat das vorher noch nie getan. Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist.«
Annik säuberte die Wunde und legte eine Kochsalzkompresse auf. »Wir beobachten das«, sagte sie dann beruhigend, »aber ich gehe nicht davon aus, dass sich etwas Schlimmes hieraus entwickelt. Lassen Sie sich an der Rezeption einen Termin für morgen früh geben? Und wenn sich irgendetwas ändert, wenn Ihnen kalt wird, Fieber auftritt, irgendetwas, dann gehen Sie bitte sofort ins Krankenhaus.«
»Ich muss morgen früh arbeiten.«
»Sie müssen auch gesund bleiben.« Es schien schwierig, ihr den Ernst der Lage klarzumachen. Hanne legte Fettgaze auf und verband die Wunde, wobei sie Anniks Worte übersetzte und auch auf Norwegisch noch einmal betonte: »Wir sehen uns morgen früh. Bis dahin haben wir sicherlich auch die Ergebnisse aus dem Labor.«
Erst als Annik hoffen konnte, dass Lotta wirklich alles genau verstanden hatte, ließ sie sie mit der Anweisung gehen, sich sofort – mit drei Ausrufezeichen – zu melden, sollte irgendeine Verschlimmerung oder auch nur Veränderung auftreten.
An diesem Tag sah Annik Krister nicht, und auch am Mittwoch liefen sie sich nur kurz über den Weg, was er mit einem knappen Nicken quittierte. Okay, damit konnte sie leben, auch wenn sie sich bei der Erinnerung an ihren Aussetzer am Hafen immer noch am liebsten unter der Fußleiste verkriechen wollte. Doch es war so viel zu tun, dass ihr wenig Zeit zum Grübeln blieb. Und Espen war umso netter zu ihr. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten – und das war erstaunlich oft –, hatte er ein Lächeln auf den Lippen oder fragte sie, wie es lief.
Der erste Tiefschlag kam an Anniks drittem Tag, dem Donnerstag. Der Morgen war Notfallpatienten vorbehalten, bei deren Versorgung sie sich in Krankenhauszeiten zurückversetzt fühlte. So viele Patienten, und alles musste sehr schnell gehen! Am späten Vormittag stöhnte Hanne auf. »Diese verfluchten …«
»Was ist?«
»Dein nächster Patient.« Hanne verdrehte in komischer Verzweiflung die Augen. »Jostein Arnesen. Er ist ein bisschen speziell. Wir vermuten ja alle, er kommt bloß her, weil ihm langweilig ist oder seine Frau ihn einmal in der Woche loswerden will. Die anderen haben ihn immer gegenseitig weitergereicht, und jetzt bist du an der Reihe. Feuertaufe, Annik.«
»So schlimm wird es schon nicht sein.« Ihre Patienten im Krankenhaus in Hamburg waren auch nicht alles wohlerzogene Intellektuelle gewesen.
Doch mit der unverhohlenen Ablehnung, die ihr von dem alten Mann entgegenschlug, hatte sie nicht gerechnet. Er keuchte und hustete und verweigerte dennoch, sich von ihr abhören zu lassen. »Geht bergab mit der Welt«, grummelte er, »wenn sie schon deutsche Mädchen als Ärzte einstellen.«
Während Annik noch ihre norwegische Antwort möglichst fehlerfrei zurechtfeilte, sagte Hanne: »Jostein, Doktor Annik kann Ihnen nicht helfen, wenn sie Sie nicht untersuchen darf.«
»Ach, das Frauchen da kann mir nicht helfen.« Wieder hustete er, und es klang abfällig. »Mir hilft niemand.«
Anniks Brustkorb wurde eng. Sie hätte damit rechnen müssen, dass so etwas passierte. Sie war fremd. Das Vertrauen der Patienten würde sie sich erarbeiten müssen. Dennoch warteten andere Patienten, heute gab es keine Zeit zu vertrödeln, erst recht nicht mit sturer Verweigerung. Sie richtete sich auf. »Warum glauben Sie, dass Ihnen niemand helfen kann?«
Er lachte bitter. »Ich huste chronisch, seit vierzig Jahren. Steht doch alles in Ihrem Computerding da.«
Er roch, als rauchte er auch chronisch seit vierzig Jahren. Letztlich schrieb Annik ihm mit schalem Gefühl Medikamente auf, die ihm etwas Linderung verschaffen würden, und notierte ihn auf ihrer Liste für das Team-Meeting in der kommenden Woche.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag übergab sich Theo morgens um drei. Schlaftrunken kramte Annik im Bettkasten, bis sie die Bettwäsche gefunden hatte, bezog das Bett neu, tapste in die Küche, um Theo eine Wärmflasche zu machen, stieß sich dabei den kleinen Zeh am Türrahmen und sang dann Theo vier Gutenachtlieder, bis er wieder schlief. Danach war sie wach, und je mehr die Zeit bis zum Aufstehen zusammenschrumpfte, desto beharrlich weigerte der Schlaf sich zu kommen. Endlich, um fünf, dämmerte sie wieder weg, und um Viertel nach fünf übergab Theo sich zum zweiten Mal. Wenigstens hatte er kein Fieber. Annik fehlte die Kraft für weiteres Bettenbeziehen, sie wischte nur das Schlimmste mit der alten Bettwäsche auf und legte zwei dicke Handtücher über die feuchte Stelle. Obwohl sie sich mittlerweile fühlte wie dreimal durch eine sehr enge Mangel gedreht, schlief sie erst kurz nach sechs für ein paar Minuten wieder ein und wachte mit hämmernden Kopfschmerzen auf.
Ächzend wälzte sie sich aus dem Bett, bis ihr einfiel, dass sie lieber leise sein sollte, um Theo nicht zu wecken.
Die Dusche brachte ihre Lebensgeister ein wenig zurück, aber beim Schminken schmierte sie sich versehentlich Wimperntusche ins Auge, musste sich die Kontaktlinse putzen und hatte danach ein rot unterlaufenes, geschwollenes Auge mit Pandaschatten, das wie Feuer brannte. Auf der Suche nach den Augentropfen fand sie wenigstens die Kopfschmerztabletten.
Sie verzichtete aufs Frühstück, schrieb Mara eine Nachricht und machte sich mit entsetzlich schlechtem Gewissen auf den Weg, Rabenmutter, die ihr krankes Kind allein ließ. Eigentlich konnte es jetzt nur noch besser werden.
Das dachte sie zumindest, bis sie auf halbem Weg zur Praxis so ungünstig über einen spitzen Stein fuhr, dass ihr Hinterreifen mit einem beeindruckenden Zischen die Luft entweichen ließ.
Verdammte, verfluchte, vermaledeite Scheiße! Zu dem Pandaauge hatte sie garantiert inzwischen hektische Flecken. Jedenfalls klebte ihr das enge Praxis-T-Shirt am Rücken. Hoffentlich hielt wenigstens das Deo.
Nach einer kurzen desillusionierenden Begutachtung des Hinterreifens schloss sie das Rad an einen Laternenpfahl und rannte los – gerade, als es anfing zu nieseln.
Eine Viertelstunde zu spät kam sie außer Atem und mit an der Kopfhaut klebenden Haaren vor der Praxis an. Phänomenal. So etwas konnte man sich leisten, wenn man eine gesicherte Position im Team hatte. Als Alleinerziehende in der Probezeit war es ein absolutes No-Go. Sie musste nicht gleich am Anfang sämtliche Vorurteile bestätigen.
Eilig kämmte sie mit den Fingern durch die Haare, lockerte sie auf, so gut es ging, und tupfte sich Regen und Schweißtröpfchen von der Stirn. Ein Blick in die Foto-App sagte ihr, dass sie sich die Wimperntusche am Morgen besser gespart hätte. Dunkle Schlieren zogen sich unter ihren Augen entlang über die Wangen.
Mit einem kurzen Gruß am Rezeptionstresen hetzte sie vorbei in Richtung Badezimmer, bevor die Patienten sie so derangiert sahen – und prallte vor der Bürotür mit voller Wucht gegen jemanden.
»Au!« Papier klatschte auf den Boden, vor ihr stand Krister, der sich den Oberarm rieb und sie ansah.
»O nein!«, sprudelte sie hervor. »O nein, das tut mir wirklich, wirklich leid. Ich weiß auch nicht, wieso …« Wieso sie blöd herumstand und ihn schon wieder anstarrte. Das hier war keine dieser romantischen Komödien, in denen sich die Heldin – sie – und der Angebetete – grandioser Witz! – über den Haufen rannten, die Zeit sich verlangsamte und sanfte Musik einsetzte. Hier gab es keine Musik, hier starrte nur jemand zurück. Ungehalten und … frustriert?
Hektisch bückte sie sich nach den Zeitschriften, die sie ihm aus der Hand gefegt hatte. Beinahe stießen sie auch noch mit den Köpfen zusammen, als er sich ebenfalls bückte. Okay, doch romantische Komödie. Allerdings erklangen keinerlei Geigen aus dem Off. »Entschuldige bitte«, stammelte sie stattdessen mit zu hoher Stimme und richtete sich schnell wieder auf. »Ich war nur … in Eile, ich habe nicht aufgepasst. Du musst das nicht aufheben, ich kann wirklich …«
Er stand bereits wieder, den Aktenstapel unordentlich im Arm. Seine Miene war unlesbar. Dann drehte er sich abrupt um und war so schnell aus dem Büro, als hätte sie ihm seine Zeitschriften um die Ohren geschlagen.
Krister warf die Magazine achtlos auf den Schreibtisch und ging zum Fenster. Schön, dass Annik wenigstens nicht sein iPad erwischt hatte. Draußen ließ der Regen die Straße dunkel erscheinen und färbte die Mohnblumen am Seitenstreifen grellrot.
Was war mit ihm los?
Er war nicht mehr der kleine Junge, der sich nicht in die Schule traute. Er war verflucht noch mal erwachsen. Er hatte seine Doktorarbeit verteidigt, ohne auch nur ein einziges Mal zu stocken, er leitete seine eigene Praxis. Er konnte auf Kongressen reden und Small Talk machen, und niemand würde auch nur ahnen, dass er stotterte. Warum schoss sein elendiges Sprachzentrum dann jedes Mal, jedes verdammte Mal quer, wenn er Annik über den Weg lief?
Er presste die Mittelfinger auf die Nasenwurzel. Auf Dauer konnte er so nicht arbeiten. Inzwischen war ihm allein der Gedanke unangenehm, in die Praxis zu müssen. Noch zwei Wochen, und er war bereit, seinen Praxisanteil an den Meistbietenden zu verscherbeln.
Ein Klopfen durchbrach seine sinnlos kreisenden Gedanken; Espen betrat das Zimmer, ohne Kristers ›Komm rein‹ abzuwarten. »Ich suche nur meinen … Alles okay mit dir?«
»Ja.«
»Du siehst scheiße aus.«
»Ich hab gestern zu viel getrunken. Die Touristinnen aus Stavanger wieder, du weißt schon.«
Prüfend sah Espen ihn an. »Ich glaube, ich erwähnte, dass du an deinem Humor arbeiten solltest.«
»Was suchst du noch gleich?« Krister schüttelte die Verstimmung ab und kehrte vom Fenster zu seinem Schreibtisch zurück.
»Meinen Lieblingsstift. Hat wieder wer falsch weggepackt.« Espen beugte sich vor und fischte einen silberfarbenen Kugelschreiber aus Kristers Stiftbehälter.
»Ich hab gleich P-patienten.«
»Ich auch.« Ungerührt nahm Espen auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch Platz. »Willst du drüber reden?«
Krister stützte sich auf den Schreibtisch und beugte sich grinsend vor. »Nein. Hau ab.«
»Du kannst mir alles sagen.«
»Du solltest an deinen Fähigkeiten als Seelenklempner arbeiten.«
»Pffft. Du bist undankbar, weißt du das?« Espen erhob sich wieder. »Da gebe ich mir Mühe, ein verständnisvoller Bruder zu sein …«
»Sei einfach ein fleißiger Bruder, dann passt das schon.«
Espen warf ihm einen Luftkuss zu und verließ das Zimmer, wobei er fröhlich mit seinem Kugelschreiber klickte.
Krister warf einen letzten Blick aus dem Fenster – Fliegen konnte er bei dem Wetter vergessen –, dann gab er Tilda Bescheid, dass er bereit war für die Sprechstunde.