Fünfzehn
N
iedlicher Vorschlag, als Freunde
hierherzukommen. Krister unterdrückte ein kleines Lachen. Wenn er seine Freunde ansah, Tom oder Lise oder Morten, dann war er durchaus in der Lage, den Blick zu lösen. Aber wenn er Annik beobachtete, wie sie lachte und klatschte, so stolz auf ihren Sohn, und wenn sich beim Lachen dieses winzige Grübchen neben ihrem Mund bildete, dann wollte er nicht wegsehen. Dann wollte er diesen Anblick für immer festhalten. Sie für immer festhalten.
Er wandte den Blick nicht rechtzeitig ab, als sie ihn bemerkte. Sie lächelte. Er lächelte zurück.
Doch dann war sie schon wieder mit ihrer Aufmerksamkeit bei der Robbenfütterung. Erst als der letzte Fisch verfüttert war, Alva Applaus für die Robben und für Theo gefordert hatte und sich die Zuschauer zu verteilen anfingen, drehte sie sich wieder zu ihm um – und legte ihm die Hand auf die Brust, genau in die Mitte, da, wo sie garantiert merkte, wie sein Herz gegen ihre Handfläche hämmerte. »Ich hab ein Problem.«
Ich auch. Ich bekomme keinen Ton raus. Aber er konnte nicht schon wieder nur bedeutungsschwanger nicken. Er deutete auf sich und formte mit den Lippen: »Ich auch.«
»Warte.« Verschwörerisch sah sie sich um.
Wonach suchte … oh.
Ihre Lippen streiften seine. Ihre Arme schlangen sich um seine Taille. Sie zog ihn an sich und küsste ihn noch einmal. »Stottern weggeküsst?«, flüsterte sie.
Er nickte stumm. Von wegen.
Noch einmal sah sie sich um, und endlich begriff er. Es machte ihr nichts, dass Alva erfuhr, was Sache war, aber Theo sollte es nicht mitbekommen. Sobald Annik sicher sein konnte, dass er beschäftigt war, schmiegte sie sich noch enger an Krister. So eng, dass er den Atem anhalten und dann ganz langsam entweichen lassen musste.
Das Gefühl ihrer Fingerspitzen auf seinem Hinterkopf, als sie ihm die Haare durchwühlte, jagte kleine, heiße Blitze durch seinen Körper.
»Mein erstes Problem ist«, wisperte sie gegen seine Lippen, »dass ›als Freunde‹ mit dir nicht funktioniert.«
Just in diesem Moment fand er überhaupt nicht, dass das ein Problem darstellte. So … überhaupt … nicht.
Wieder sicherte sie sich ab, dass ihr Sohn noch mit Alva beschäftigt war, bevor sie Krister noch einmal küsste. »Und das beunruhigt mich.«
Mich auch. Er schluckte, räusperte sich.
»Außerdem«, ganz behutsam tastete sie sich an seinem Rücken unter das Shirt, während die andere Hand immer noch in seinem Nacken lag, »hat Alva mir am ersten Tag gesagt, dass persönliche Verflechtungen in der Praxis nicht erwünscht sind.«
Er schloss die Augen, während ihre Finger über die Ansätze seiner Schulterblätter strichen, bevor sie die Umarmung abrupt löste.
»Theo kommt.«
Schade. Gott sei Dank. Krister atmete auf und rollte die Schultern.
»Wie gehen wir mit eurer Praxisregel um?«, fragte Annik schnell und leise über die Schulter, bevor sie in die Knie ging und die Arme ausbreitete. »Da bist du ja, mein Schatz! Und, hat es Spaß gemacht?«
Theo nickte selig.
Und doch schnitt es Krister ins Herz. Er würde Theo wirklich gern irgendwie aus seinem stummen Gefängnis heraushelfen. Wer, wenn nicht er, sollte das hinbekommen? Niemand, der es nicht selbst erlebt hatte, wusste, wie es sich wirklich anfühlte, an der Welt nicht teilhaben zu können, immer ein bisschen außen zu stehen, nie wirklich dazuzugehören. Wenn Theo noch länger schwieg, würde er dieses Gefühl vielleicht nie mehr loswerden. Und auch das verstanden vermutlich wenige so gut wie Krister.
Theo umfasste Anniks Hand und griff dann zu Kristers Erstaunen ganz selbstverständlich nach seiner. In gewisser Weise war diese kleine, schwitzige Kinderhand noch beunruhigender als das, was zwischen Annik und ihm passierte. Er konnte nicht anders, als ihr Dreiergespann von außen wahrzunehmen, Annik, Theo und sich selbst. Jeder, der sie nicht kannte, würde einfach eine Familie sehen. Seine Familie. Spürte Theo mit seiner kindlichen Unschuld mehr, als sie ihm zutrauten? Oder wünschte er es sich einfach so sehr, dass er Krister kurzerhand in die Familie aufgenommen hatte? Nicht sicher, wie er damit umgehen sollte, sah Krister Annik über Theos Kopf hinweg an.
Sie hob nur die Schultern. »Was soll ich machen?«
Theo sah strahlend zwischen ihnen hin und her. Und dieses Strahlen machte Krister eine Höllenangst.
»Theo hat Krister adoptiert.« Annik lag auf dem Sofa und betrachtete die Zimmerdecke.
Aus dem Kinderzimmer drangen die hohen Stimmen eines Hörbuchs über Meerestiere. Mara hatte es für Theo herausgesucht, bevor sie sich in den Sessel neben dem Sofa flegelte und ihr Smartphone herauszog. »Aber das ist doch schön.«
»Ich weiß nicht, ob es das ist. Grundsätzlich ja, klar. Aber …«
»Du hast immer noch Angst, was passiert, wenn das mit euch nicht funktioniert.«
»Ja.«
»Lass uns das nüchtern betrachten. Fakt eins: Du bist in ihn verliebt.«
O Gott, und wie. So sehr, dass ihr ganzer Körper summte, wenn sie nur an ihn dachte. Was ziemlich oft der Fall war. Eigentlich dachte sie seit ihrem ersten Kuss ununterbrochen an ihn. Selbst wenn im Vordergrund Theo oder irgendwelche Alltagspflichten standen – Krister war immer da, eine stille, beglückende Präsenz im Hinterkopf. Da, wo doch eigentlich immer noch Flo sein sollte … Oder nicht? »Ja«, sagte Annik.
»Und ist er in dich verliebt?«
»Glaube schon.«
»Gut.« Annik merkte deutlich, dass Mara sich lieber um ihr Chatfenster gekümmert hätte, und rechnete ihrer Schwester hoch an, dass sie sich davon nicht ablenken ließ. »Ihr seid beide verliebt, das ist eine gute Basis. Aber du fürchtest dich dennoch vor dem Tag, an dem es vielleicht irgendwie nicht mehr funktioniert. Warum?«
»Warum? Weil …« Das war doch eindeutig, oder nicht? »Es wäre schrecklich für Theo.«
»Für dich vielleicht auch?«
»Ja«, gab Annik widerwillig zu. »Natürlich.«
»Und hat Krister dir bisher einen Grund geliefert, warum es nicht klappen sollte mit euch?«
»Nein.«
Damit war die Sache für Mara erledigt. Sie wandte sich wieder ihren Textnachrichten zu. Von der Seite erkannte Annik schemenhaft eine Menge roter Herzen.
»War’s schön mit Ole?«
Mara reckte den Daumen, sah aber weiter aufs Display und lächelte dabei versonnen. Wenigstens eine von ihnen konnte diese Sache mit der Liebe offensichtlich unbeschwert angehen.
»Ich will gleich noch mal weg, ist das okay?«
Jetzt blickte Mara doch auf. »Klar, hatte ich eingeplant.«
»Seit wann kannst du hellsehen?«
Mara lachte. »Heute ist Freitag. An den letzten Freitagen warst du im Frontstage.
Also bin ich davon ausgegangen …«
»Du bist die Beste.«
»Ich weiß.«
»Ich gehe nur schnell zu Krister, Frontstage
fällt heute aus wegen des Feiertags.«
»Du gehst nur schnell zu Krister. Aha.«
Annik musste lachen. »Ja, wir treffen uns dort mit ein paar Leuten.« Namentlich Krister, Alva, Espen – und sie. Das waren die, von denen sie wusste. »Und ein paar Freunde«, hatte Krister gesagt, sich aber nicht weiter darüber ausgelassen, wer diese Freunde waren.
Kristers Tür stand einen Spalt offen, als Annik später seine Wohnung erreichte. Dennoch klingelte sie.
»Komm rein«, rief Krister von drinnen.
Sie trat ein – und blieb verblüfft stehen. Draußen war es noch hell, doch nachdem sie die Tür geschlossen hatte, wurde die schummrige Eingangsdiele durch eine Reihe Teelichter erleuchtet, die in Richtung des großzügigen Wohnzimmers führten. Auch auf der Kommode stand ein Leuchter mit Kerzen. Annik streifte die Schuhe ab und folgte der Spur. »Bin ich die Erste?«
»Ja.« Kristers Stimme klang jetzt viel näher, und gleich darauf stand er vor ihr. Die Shorts vom Nachmittag hatte er gegen eine lange Jeans ausgetauscht, das Longsleeve gegen ein körperbetontes, schwarzes Hemd, dessen einer Ärmel aufgekrempelt war. Das Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen, als er Annik anlächelte und ihr die Hand reichte. »Komm rein.«
Er hatte die grau gestreiften Vorhänge vor der großen Fensterfront zugezogen, sodass auch der Wohnbereich im Dämmerlicht lag und nur von einer Teelichterspur erleuchtet wurde. Im Hintergrund lief sommerleichte Musik. Krister ging, den Kerzen folgend, vor Annik her zum Sofa. Erst dort ließ er sanft ihre Hand los und lud sie mit einer eleganten Armbewegung ein, sich zu setzen.
Dies war definitiv nicht das Setting für eine ungezwungene Party unter Freunden. Nervös folgte sie seiner Aufforderung, und gleich darauf ließ sich Krister elegant vor ihr auf ein Knie sinken. Sein Grinsen sollte definitiv verboten werden. Ihr Herz klopfte jetzt so laut, dass er es hören musste.
Er wurde ernst und räusperte sich.
Sie wartete.
Doch er sagte nichts, sondern fuhr sich nur mit beiden Händen durch die Haare und atmete hörbar aus. Mit einem Ausdruck äußerster Konzentration schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, war das Grinsen zurück, allerdings lag jetzt weniger Übermut darin. Annik konnte nicht den Finger darauf legen, was es stattdessen war. Selbstironie? Krister hob eine Hand, wie um ›Warte!‹ zu sagen, beugte sich dann nach vorn und zog etwas unter dem Sofa hervor.
Neugierig neigte Annik den Kopf. Bei dem, was er hervorzog, handelte es sich um mehrere Blätter aus dickem, weißem Papier. Mit beiden Händen hielt er den Stapel vor seine Brust.
Ich weiß, du willst es langsam angehen lassen,
stand auf dem ersten Zettel.
Kristers Blick ruhte auf ihr, während er das Blatt zur Seite legte und das zweite dahinter sichtbar machte. Ich weiß auch, dass ich alles andere als perfekt bin.
Das dritte Blatt. Hey, ich kann dir das nicht mal sagen.
Dazu hob er eine Augenbraue.
Sie knotete die Hände ineinander und schob sie unter die Oberschenkel, als es ihr bewusst wurde. Ihre Unterlippe schmerzte, so fest hatte sie darauf gebissen.
Auf dem vierten Blatt stand nur ein Wort: Aber …
Anniks Mund wurde trocken.
… ich wäre sehr gern deine persönliche Verflechtung.
Vor Nervosität und Entzücken musste sie kichern.
Krister grinste jetzt über das ganze hübsche Gesicht, aber sein Blick brannte, als er das nächste Blatt zeigte: Willst du das auch?
»Du Spinner!« Ihr Kichern wurde zum Lachen, und sie setzte an, sich zu ihm vorzubeugen.
»W--- warte.« Auf dem letzten Blatt waren zwei Kästchen zum Ankreuzen. Ja
oder Nein.
Sie rutschte vom Sofa und warf ihn auf den Rücken, wobei sie aufpasste, genug Abstand zu den Kerzen einzuhalten. Bevor er protestieren konnte, schwang sie sich rittlings auf seine Hüften und küsste ihn, diese köstlichen Lippen, die vom Bartschatten raue Wange. »Was ist, wenn ich Nein sage?«, flüsterte sie ihm ins Ohr und versuchte, seine Hände zu ignorieren, die sich unter ihr Shirt schlichen und langsam, ganz langsam an ihrem Rücken nach oben glitten.
»S-sagst du N---ein?«
Als Annik klar wurde, dass Krister sich tatsächlich nicht sicher war, hopste ihr Herz. »Ich glaube nicht. Genau …« Sie wollte sich aufrichten, doch der Druck seiner Hände auf ihrem Rücken machte es unmöglich. »… sage ich dir das später«, ächzte sie, die Lippen beinahe auf seinen.
Seine Zungenspitze kitzelte ihre Oberlippe, neckte, bat um Einlass und schoss mit dieser kleinen, zarten Berührung tausend Funken durch ihren Körper, bevor Krister Abstand zwischen sie brachte und Annik forschend ansah, mit diesen Augen, die ihr direkt in die Seele blicken konnten. Wann kommen die anderen?,
wollte sie fragen. Lass uns denen einfach absagen, und …
Aber Krister wartete auf ihre Antwort.
Hauchzart berührten ihre Lippen die seinen, die Unterlippe, die Oberlippe, den Mundwinkel. Erst spielerisch, doch dann schien sich die Luft zwischen ihnen elektrisch aufzuladen, und ihre Küsse wurden von allein tiefer, drängender, atemloser. Ohne dass sie es bewusst entschieden hätte, ließ sie seine Zunge ein. O Gott, es gab auch Nervenbahnen vom Gaumen direkt in den Unterleib, ganz sicher. Nervenbahnen, die mit jeder Sekunde, mit jedem von Kristers Küssen sehnsüchtiger sangen.
Kristers Griff an ihrem Rücken wurde fester, seine Hüfte hob sich ihr entgegen, dort, wo sich die Sehnsucht zusammenballte, wo es jetzt schon pochte und gierte.
»Warte«, brachte sie mühsam hervor und richtete sich nun doch auf. »Wann kommen die anderen?«
»Gar nicht.«
»Wie, gar nicht?« Das Pochen wurde stärker.
Seine Hände wanderten unter den Rand ihres Shirts und hinterließen auf dem Weg nach hinten brennende Bahnen auf ihrer Haut. »Sorry.«
»Du klingst nicht«, sie öffnete den obersten Knopf seines Hemdes, »als täte es dir leid.«
Er lächelte atemlos, eine seiner Hände glitt ihre Wirbelsäule hinab, Annik öffnete den zweiten Hemdknopf und den dritten. Kristers Finger auf ihrem Rücken, an ihrem Hosenbund, an ihrer Taille. Und überall dieses Kribbeln, dieses Verlangen, das direkt in ihre Mitte floss, sich dort sammelte und anschwoll … Dies war das erste Mal seit fast zwei Jahren, dass sie mit einem Mann zusammen war. Alle Lust der letzten Monate wollte sich Bahn brechen, jetzt sofort, ohne Zögern, ohne Warten. Aber dann wäre es viel zu schnell vorbei. Und Krister war keiner, an dem sie sich je sattsehen oder sattspüren konnte.
Sie strich ihm das Hemd von den Schultern und berührte das erste Mal seine Haut dort. Im flackernden Licht der Kerzen erschien sie golden, makellos, sodass man sie streicheln musste, vom Halsansatz hinunter zur Wölbung des Bizeps.
Annik ließ die Oberseiten ihrer Fingernägel an der Innenseite seiner Arme wieder nach oben gleiten und strich dann mit flachen Händen über seine Brust. Von der Seite nach innen und weiter nach unten über seinen Bauch. Krister betrachtete sie unter halb geschlossenen Lidern, sein Atem beschleunigte sich.
Obgleich alles in ihr inzwischen nach Erlösung schrie, öffnete Annik langsam die letzten beiden Knöpfe seines Hemds und strich es zu den Seiten. Gott, war der Mann schön, so zum Anfassen, Berühren, Küssen schön. Seine Hüftknochen hielten den Gürtel, aber unter dem Bauchnabel war ein Abstand zwischen Hose und Bauch. Eine verlockende Linie feiner, dunkler Haare zog sich von seinem Bauchnabel dort hinunter, als wollte sie ihr den Weg weisen. Mit der Spitze ihres Zeigefingers strich sie an dieser Linie entlang.
Krister stöhnte leise. »Ist das ein Ja?«
Zwischen Anniks Beinen toste es fast schon schmerzhaft, sie schob die flache Hand in seinen Hosenbund. Hartes, heißes Verlangen drängte sich ihr entgegen. Sie wollte ihn anfassen, fühlen, der Hitze nachgeben. Gleich, gleich.
So viel war gleichzeitig zu fühlen, ihre Finger spürten diese heiße, samtige, gespannte Haut, aber da waren auch Kristers Hände, die jetzt um Anniks Brüste lagen und deren Daumen sich immer näher an ihre Spitzen wagten.
Kristers Blick verschleierte sich, als Annik sich schnell das Shirt über den Kopf streifte. Sie beugte sich nach vorn und ließ die geöffneten Lippen an seiner Halsbeuge entlanggleiten. Seine Haut schmeckte ein bisschen nach Salz und sehr viel nach ihm. Während sie fortfuhr, seinen Hals zu liebkosen, drehte er den Kopf, sodass ihre Lippen sich wiederfanden. Sie schmiegte sich an ihn, Haut an Haut. Ihr BH
war zu eng, viel zu eng. Ungeschickt tastete sie auf ihrem Rücken nach dem Verschluss, doch Krister war schneller. Er umfasste ihren Oberkörper und öffnete den BH
, während er ihren Halsansatz küsste. Sie wollte ihn so, so sehr. Jeden Zentimeter seiner Haut auf ihrer spüren und mit ihm gemeinsam endlich, endlich dieses Brennen löschen.
Während er ihre Brüste massierte, machte sie sich mit fliegenden Fingern daran, seinen Gürtel zu öffnen, und er versuchte seinerseits, ihr die Jeans über den Hintern zu streifen. Es war keine sauber choreografierte Bewegung, eher ein von atemlosem Lachen begleitetes Ruckeln und Zupfen und »Warte mal«, »Jetzt geht es«. Hosen und Oberteile fielen auf den Boden, Krister kniete vor Annik auf dem Sofa, und für einen Moment sahen sie sich nur an. »D-du bist so schön.« In seinem Blick lag eine derartige Hingabe, jegliche Hemmung wegen der Beulen auf Anniks Oberschenkeln und der Dehnungsstreifen an ihrem Bauch löste sich einfach auf. Sie streichelte Kristers muskulösen Bauch, seine Brust, seine Arme. Er war es, der schön war, sogar mit diesem überdimensionierten Pflaster am Arm noch, das sie erst jetzt sah. Und er war ebenso erregt wie sie.
Sie ließ sich auf den Rücken sinken und zog ihn mit sich.
Vorsichtig schob er ihre Beine auseinander. Durch die Boxershorts hindurch spürte sie, wie dringend er sie wollte, während er sich gegen ihr Becken drückte. Sie kam ihm entgegen, forderte ihn rhythmisch zum Tanz auf, öffnete ihre Beine weiter, wollte ihn dazu bringen, endlich … Ob er irgendwo Kondome hatte?
»Ich will mit dir schlafen«, flüsterte sie. »Jetzt.«
Er schluckte hörbar, und dann küsste er sie erneut, dringlich, unbeherrscht, atemlos. O ja, er wollte das ganz klar auch. Annik unterdrückte ein Keuchen, als Krister ihren Slip zur Seite schob und mit der Handfläche zwischen ihre Beine glitt. Tausend Lichtblitze rasten ihre Nervenbahnen entlang, aber sie brachten keine Erlösung, sondern steigerten das Pochen nur noch mehr. Und war sie das, die so abgehackt nach Luft rang?
»Niemand hier«, murmelte Krister ihr ins Ohr, während seine Fingerspitzen immer neue, besonders empfindliche Stellen fanden. »Lass es raus.«
Richtig, Theo war nicht hier. Niemand war hier, auf den sie Rücksicht nehmen musste. Sie musste nur … konnte nur … wenn Krister so weitermachte, würde sie explodieren und sich in Millionen Lichtfunken auflösen, bevor er auch nur in ihr war. Aber sie konnte auch nicht mehr aufhören. Sie wollte, dass er sie weitertrieb, drängte sich gegen seine Hand, stöhnte, weil sie es durfte – und weinte beinahe, als er die Hand zurückzog.
Es drückte auf ihrer Schulter, als er sich zur Seite beugte. Irgendwo – aus der Hemdtasche? – zauberte er ein Kondom hervor. Wie in Trance nahm sie ihm die kleine Packung ab und riss sie auf. Ihn in der Hand zu halten, während sie ihm das Gummi überzog, löschte jeden klaren Gedanken, den sie noch haben mochte.
Mit sanftem Druck schob Krister ihre Beine weiter auseinander, aber statt in sie einzudringen, verharrte er an ihrer empfindlichsten Stelle, umspielte sie, drängte gegen sie. Unwillkürlich hob sie ihm das Becken weiter entgegen und keuchte auf, als er in sie glitt – ein Stück nur, bevor er sich wieder zurückzog. Sein Gesichtsausdruck war konzentriert, er genoss, er lächelte – und er trieb sie in den Wahnsinn, als er wieder und wieder in sie glitt und sich zurückzog. Danach musste sie die Augen schließen, weil es zu viel geworden wäre, auch noch zu sehen, während all diese Gefühle durch ihren Körper rasten. Ihre Hände waren inzwischen fest um seinen Hintern gelegt, wahrscheinlich krallte sie sich in ihn, sie küsste ihn, drückte ihn an sich, und dann endlich, endlich erlaubte er ihr, ihn zu umschließen.
Einen Moment lang genoss sie nur das Gefühl, ihn in sich zu spüren, doch dann begann er, sich langsam und rhythmisch in ihr zu bewegen. Eine Spannungswelle nach der anderen jagte durch ihren Körper, immer mehr, immer weiter. Ganz von allein passten ihre Rhythmen sich einander an, vereinigten sich zu einem einzigen anschwellenden Rhythmus. Annik merkte kaum, dass sie aufschrie, als sie sich unter der Kraft der letzten Entladung bog, die durch ihren Körper zischte. Krister presste das Becken gegen sie, konzentriert, jeden Muskel gespannt – und ließ den Oberkörper schwer atmend auf ihren sinken.
»Das war«, er lachte, »ziemlich wild.«
»War es.«
Träge kämmte Annik ihm mit den Fingern durchs Haar und strich mit der anderen Hand seine Wirbelsäule hinunter. Ein Zittern durchlief seinen warmen Körper. »Und schön«, sagte sie leise.
Sie lag auf dem Sofa, in Kristers Armbeuge, eine Decke über sich. Schläfrig fuhr sie mit den Fingern an den Rändern des überdimensionalen Pflasters an seinem Unterarm entlang. Auch an seinem Beckenknochen und am Brustkorb hatte sie blaue Flecken gesehen. »Was hast du da gemacht?«
»Bin auf dem Berg abgerutscht«, nuschelte er.
»Trägst du deswegen immer die Longsleeves?«
»Es sah am Anfang ziemlich brutal aus.«
Sie sollten reden, nicht über Pflaster, sondern über alles andere. Über Trauer und Vertrauen und die verschiedenen Arten von Freundschaft zum Beispiel. Irgendwo in einer Zeitschrift beim Friseur hatte sie mal gelesen, dass nach dem Sex die beste Zeit für wichtige Gespräche sei. Wenn man sich so ganz nah ist. Sie spitzte den Mund und küsste Krister auf die Schläfe. Fast war es erschreckend, wie nah sie ihm in der kurzen Zeit gekommen war und wie selbstverständlich es sich anfühlte, so mit ihm hier zu liegen.
»Annik?«
»Was?«
»Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, wenn d---«
Sie stützte sich ein bisschen hoch, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Sein Blick war ernst. Schnell küsste sie ihn auf den Mund. »Stottern weggeküsst.«
Krister lächelte schief. »Wenn d-du Nein sagst.«
»Was meinst du? Wozu soll ich …« Dann fiel es ihr ein. Er meinte den Zettel. Willst du das auch? Ja oder Nein.
»Du Spinner!« Sie küsste ihn noch einmal auf den Mund. »Glaubst du nicht, dass das eben ein Ja war? Ja, ich will sehr gern deine persönliche Verflechtung sein.«
»Gut.«
Annik streichelte Kristers Bauch. »Ich hatte Angst, es könnte irgendwie komisch sein. Ich meine, es war das erste Mal, seit …«
»… Florian gestorben ist.« Krister beendete ihren abgebrochenen Satz ganz ruhig. Und er wusste Flos Namen noch.
»Ja.« Und noch viel länger.
»Ich hab auch Angst gehabt.«
»Wovor?«
Anniks Kopf wackelte, als Krister mit der Schulter zuckte. »Was Falsches zu machen. Zu schnell zu sein. Dir wehzutun. Irgendwelche Erinnerungen auszugraben.« Er lachte ein kleines, trockenes Lachen. »Und ich bin jetzt auch nicht der mit der meisten Erfahrung.«
»Dafür war das eben aber ziemlich einfühlsam.«
»Es ist zwei Jahre her.« Er kraulte ihr den Hinterkopf, aber in seinen Tonfall hatte sich wieder ein Hauch von Dr. Frost geschlichen, und Annik wusste, dass sie an der Stelle nicht weiterzufragen brauchte.
»Du dachtest nicht wirklich, ich würde Nein sagen, oder?«
Eigentlich nicht. Aber lieber im Zweifelsfall wissen, wenn man im nächsten Moment verdammt hart aufschlägt.
Der Flug war es so was von wert gewesen. Selbst wenn Annik ihn morgen in die Wüste schicken sollte – was Krister nach wie vor nicht ausschloss –, wäre es das wert gewesen. Er hatte nicht gewusst, dass es möglich war, für jemanden so zu empfinden. »Die Praxisregel ist Blödsinn«, sagte er in ihre tiefer werdenden Atemzüge hinein.
»Was?«
»Ich habe die aufgestellt. Espen und Alva ist sie völlig egal. Ich glaube, die beiden freuen sich sogar, wenn sie das mit uns mitbekommen.«
»Gut«, murmelte Annik und kuschelte sich noch enger an ihn. Es schien, als wäre er zumindest heute weich gelandet.
Während ihr Kopf auf seiner Schulter schwerer wurde, streichelte er die blonden Haare. Sein Arm kribbelte, aber um nichts in der Welt würde er ihn jetzt wegziehen. Ihr Arm auf seinem Bauch hatte aufgehört, ihn zu liebkosen, und lag nun ruhig. »Schläfst du?«, flüsterte Krister.
Annik machte nur ein kleines, undefinierbares Geräusch.
»Ich habe die dumme Regel eingeführt, um mich selbst zu schützen.« Er wusste, dass er zu leise sprach, als dass sie ihn hätte hören können. Nur deswegen war er überhaupt in der Lage, ihr diese Gedanken mitzuteilen. »Aber ich fürchte, dafür ist es jetzt zu spät.«
Wieder murmelte sie etwas und rutschte dichter an ihn heran. Ihr einer Oberschenkel war hochgezogen und lag … genau da, wo sie merken würde, wenn er sich genug ausgeruht hatte. Er versuchte, ihr Bein ein Stück nach unten zu schieben, aber sie grummelte nur und zog es wieder an.
Es gab so vieles, das er ihr sagen musste. Oder zeigen. Begeistert würde sie wahrscheinlich nicht sein von seinem Lifestyle, aber vielleicht konnte sie es wenigstens verstehen. Vielleicht, wenn er sich nicht ganz dumm anstellte. Abwesend spielten seine Finger mit ihrer Brustwarze.
Annik seufzte im Schlaf.
Und egal, wie das mit ihnen weiterging, er wollte sich mit ihrem kleinen Jungen anfreunden. Um Annik das Leben leichter zu machen, aber auch, weil er Theo wirklich mochte. Anders als er Tom gegenüber behauptet hatte, konnte er vermutlich tatsächlich ganz gut mit Kindern umgehen. Kinder waren cool. Sie verurteilten einen nicht sofort, wenn man nicht im ersten Anlauf supereloquent daherkam. Und Theo … Vielleicht konnte er Theo tatsächlich helfen. Annik musste recht jung gewesen sein, als sie ihn bekommen hatte. Und dennoch hatte sie ihr Studium bewältigt. »Du bist ziemlich großartig«, flüsterte er in ihre Haare.
»Hm?«
»Du bist großartig«, wiederholte er.
»Ich habe das immer noch nicht verstanden.«
Krister lächelte.
Ein zartes Flattern an seiner Haut verriet ihm, dass sie die Augen geöffnet hatte. »Du ja auch.« Mit noch schlafmüden Bewegungen schob sie sich auf seinen Bauch und küsste ihn auf den Mund. Und er war sicher, es war kein Zufall, dass die Mitte zwischen ihren gespreizten Beinen genau auf seinem Becken landete.