Zwanzig
S
ie setzten mit Hannes Boot über, nur Alva, Hanne, Annik und die Kinder.
Im Ferienhaus stellte Alva Theo und Ella an, um die mitgebrachten Lebensmittel in die Schränke zu räumen. Annik und Hanne bezogen die Betten für alle.
»Schön, dass ihr auch hier schlaft«, sagte Annik, während sie einen anthrazitfarbenen Bettbezug hin- und herdrehte, um die Öffnung zu finden. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wer später unter dieser Decke schlafen würde.
»Den Kurzurlaub können wir uns doch nicht entgehen lassen.« Hanne schlug das passende Kopfkissen auf. »Wir waren früher oft hier, die ganze Clique.« Ihr Blick glitt in die Ferne, dann schüttelte sie kurz den Kopf, wie um eine Erinnerung loszuwerden.
»Stell ich mir schön vor. Vielleicht verbringen unsere Kinder hier auch in zehn oder fünfzehn Jahren ihre Freizeit, hören Musik, betrinken sich …«
Aus der Küche erklang Ellas munteres Geplapper, und Hanne lachte. »Hör auf, daran will ich gar nicht denken. Aber es war damals eine gute Zeit. Ich weiß noch genau, wie Krister mir Tom vorgestellt hat.«
»Die beiden kennen sich schon lange, oder?«
»Ewig. Gib mir mal den Bettbezug da.«
Annik reicht ihn hinüber, bevor sie sich ihrerseits an einer weiteren Decke zu schaffen machte.
»Ich war eine Zeit lang die Einzige von uns, die Single war.« Hanne lachte bei der Erinnerung. »Krister hatte eine supertussige Freundin. Hat auch nicht sehr lange gehalten. Aber jedenfalls fand er wohl, ich bräuchte auch jemanden, und hat Tom angeschleppt. Die beiden hatten zu der Zeit gerade angefangen mit Fallschirmspringen.«
Sie waren zu nah an Anniks aktuell wichtigster Frage, um die Gelegenheit verstreichen zu lassen. »Und für Tom ist es jetzt echt in Ordnung, das aufzugeben? Er hat ja da offensichtlich auch eine Menge reingesteckt … Nicht nur an Geld wahrscheinlich, sondern auch an Begeisterung und Lebenszeit.«
Hanne setzte sich auf die Bettkante und sah Annik abwartend an. »Du willst wissen, ob ich denke, dass Krister irgendwann den gleichen Schritt tut wie Tom.«
»Glaube schon. Ja.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, Tom ist zufrieden, wie es jetzt ist, obwohl ich mich im Nachhinein ein bisschen schlecht fühle, weil ich so rumgezickt habe. Vielleicht waren es die Hormone.« Sie lachte ihr fröhliches Lachen. »Als ich mit Ella schwanger war, hatten wir uns auch schon deswegen in den Haaren. Dabei ist Tom wirklich vernünftig, er würde normalerweise keine unnötigen Risiken eingehen.«
»Was heißt normalerweise?« Aus unerfindlichen Gründen war Anniks Mund auf einmal trocken.
Hanne grinste schief. »Kris.«
»Was ist mit ihm?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob es an mir ist, dir das zu sagen, aber ich finde, du solltest wissen, worauf du dich einlässt, wenn du mit ihm was anfängst.«
Sie hatte längst nicht nur ›was angefangen‹, sondern auch ›was‹ wieder aufgegeben. Aber die Sehnsucht nach Krister war in den vergangenen Tagen kein bisschen weniger geworden. Annik konzentrierte sich auf die Knöpfe an dem Kopfkissenbezug. »Worauf … würde ich mich denn einlassen?«
»Versteh bitte, dass ich Kris in keiner Weise irgendwie schlechtmachen will. Er ist einer der tollsten Menschen, die ich kenne, aber …«
»Rück raus«, sagte Annik tonlos.
Hanne seufzte. »Die meisten Leute, die Basejumping machen, sind ganz normal. Bisschen crazy vielleicht, aber okay. So einer ist Tom. Andere müssen sozusagen die Dosis permanent erhöhen. Immer noch eine Schippe drauf, was das Adrenalin angeht. Immer die Grenzen des Möglichen ausloten. Bis … halt nichts mehr auszuloten ist.«
»Krister fällt in die zweite Kategorie, willst du mir sagen.«
Hanne nickte mitleidig. »Krister ist ein Junkie.«
Es war die richtige Entscheidung. Wenn Hannes Meinung über Krister irgendwas hätte bewirken sollen, dann, dass Annik sich umso sicherer war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, für sich und für Theo. Nur leider trat genau das Gegenteil ein. Dieser dämliche kleine Hoffnungsfunken in ihr, der immer noch glauben wollte, sie würden wieder zusammenkommen, ließ sich von Logik kein bisschen beeinflussen. Und es wurde nicht besser, als Krister und Espen am Nachmittag zur Insel kamen. Sie brachten Tom, Rose, Luis und Amy mit. Wenigstens das – bei den vielen Menschen konnte Annik Krister leicht aus dem Weg gehen.
Wie beim letzten Mal verlagerte sich das Geschehen bald in die Felssenke am Wasser. Zielstrebig marschierte Theo, sobald er seine Badesachen trug, auf den hohen Felsen zu, um daran emporzuklettern. Dass Rose ganz offensichtlich kein Problem damit hatte, wenn Luis das trotz der Schwimmweste tat und dann hinter Espen herhopste, der mit einem Salto im Wasser gelandet war, machte es nicht leichter. Aber Annik wollte Theo weder mit Platzwunde am Boden liegen noch hilflos im Wasser paddeln sehen.
»Theo?«
Er drehte sich um.
Betont deutlich schüttelte sie den Kopf und sah ihn eindringlich an.
Er nickte langsam. Doch, hieß das.
»Nein.«
Ungeachtet ihres Verbots kletterte er weiter.
»Ich habe Nein gesagt«, wiederholte sie und stand auf. Hilflose Wut begann in ihr zu köcheln, während Theo kichernd weiterrannte und flink wie ein Affe zu klettern begann. Als sie den Felsen erreicht hatte, war er schon so weit oben, dass sie nur noch seinen Knöchel erwischt hätte. Aber Theo war nicht der Einzige, der hier klettern konnte. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte Annik ihm nach.
Theo schien ihre Verfolgung als Spiel aufzufassen. Verflixt! Wenn er in dieser aufgedrehten Stimmung ins Wasser sprang und dort niemand war, um ihn einzusammeln … Ganz ruhig, sagte ihr Kopf. Theo hatte eine Schwimmweste an, es konnte nicht viel passieren. Die Angst interessierte sich nicht im Mindesten dafür, was ihr Verstand zu sagen hatte. Viel zu schrill rief Annik: »Theo, das ist kein Spiel, halt jetzt an!«
Scheiße!
Sie erreichte das obere Ende des Felsens, als Krister gerade den Arm ausstreckte und Theo einfing, bevor dieser springen konnte. Fantastisch. Jetzt kam sie nicht mehr mal ohne ihn mit ihrem Kind klar. Was für eine Demütigung.
Krister beugte sich zu Theo hinunter und sprach leise mit ihm, woraufhin Theo zwar wütend guckte und die Arme verschränkte, aber nicht mehr auf die Felskante zusteuerte.
»Danke«, sagte sie knapp. »Los, Theo, runter hier.«
Wenigstens schien Theo jetzt zu verstehen, dass es ihr Ernst war. Mit theatralisch gesenktem Kopf machte er sich auf den Weg nach unten.
»Und sei vorsichtig.« Musste ausgerechnet Krister als ihr verlängerter Arm auftreten? Er hatte Theo davon abgehalten zu springen, er hatte in dem Fall nicht besonders viel falsch gemacht. Dennoch ballte sich jedes bisschen Hilflosigkeit, jedes bisschen Angst, jedes bisschen Verlassenheit der letzten Tage in Anniks Innerem zu glühender Wut zusammen. »Was hast du ihm gesagt?«, fragte sie borstiger als nötig.
Krister betrachtete etwas hinter ihrem linken Ohr. »Ich habe Theo nur erinnert, dass er versprochen hat, mit dir zu besprechen, bevor er springt.«
Die Wut drängte nach oben. »Warte mal … bevor
er springt? Diese Entscheidung treffe ja wohl immer noch ich und nicht du.«
»Du fesselst ihn, wenn du so was verbietest.«
»Was bist du jetzt? Kinderpsychologe?«, zischte sie. »Es geht dich nichts an, okay? Theo geht dich nichts an.«
»Hey, ist ja gut, ich wollte doch bloß –«
»Du meinst, ich stelle mich an, ja?« Sie baute sich vor Krister auf. »Vielleicht hat dir das noch nie jemand gesagt, Doktor Solberg: Dein Verhältnis zu Gefahren ist nicht gerade das gesündeste.«
»D---arum g---eht es doch nicht.«
»Fuck, Krister, ganz genau darum geht es!«
Als sie später am Lagerfeuer saßen, betrug der Abstand zwischen Krister und ihr ungefähr eine ganze Welt. Trotzdem musste sie immer wieder zu ihm hinsehen, verstohlen, aus dem Augenwinkel. Niemand sollte es merken, am allerwenigsten er.
Sie hatte ihn in den letzten Wochen auf so viele verschiedene Arten kennengelernt. Sie kannte den Krister, der sah, was getan werden musste und nicht viel Aufhebens darum machte. Sie kannte den – bei diesem Gedanken musste sie schlucken – extrem aufmerksamen Liebhaber. Sie kannte den unsicheren Krister und den kühlen, präzisen Denker, hinter dem er sich versteckte. Aber so, wie er jetzt war, kannte sie ihn nicht.
Etwas zutiefst Verlorenes ging von ihm aus, obwohl er zwischen Espen und Tom saß und lauthals lachte. Vielleicht gerade, weil er das tat. Denn sobald er glaubte, niemand würde ihn beobachten, versickerte sein Lachen in dieser Verlorenheit.
Tom hatte die Gitarre dieses Mal nicht dabei, aber Alva holte tatsächlich eine Ukulele aus dem Ferienhaus und klimperte darauf herum. Annik hätte nicht sagen können, worum es sich bei den verschiedenen Gesprächen drehte. Themen und Stimmen glitten an ihr vorbei, das Norwegisch, das sie inzwischen eigentlich gut verstand, wurde zu einem unverständlichen Brei hinter den zu vielen Gedanken in ihrem Kopf. Sie ließ sich vom Züngeln der Flammen hypnotisieren und versuchte, dem hauchfeinen, unsichtbaren Band zu widerstehen, das ihren Blick immer wieder zu Krister lenken wollte.
Theo kam mit Luis und Ella verdreckt und glücklich aus Richtung des Ferienhauses. »Wir haben jetzt einen Froschzoo«, verkündete Ella, bevor sie sich neben Hanne hockte. Theo steuerte wie selbstverständlich auf Krister zu. Annik konnte nicht länger vorgeben, nicht hinzusehen. »Komm her, mein Schatz.«
Doch Theo sah sie nur ernst an und setzte sich sehr entschieden auf Kristers Schoß.
Krister blickte sie über das Feuer hinweg fragend an.
»Whatever«, knurrte sie, um einen kläglichen Rest Würde zu bewahren. Was sollte sie dagegen sagen? Theo interessierte es nicht im Geringsten, dass seine Mutter mittendrin war, ein ziemlich fettes Hühnchen mit Krister zu rupfen.
Sie schuldete Krister noch eine Antwort. Aber erst, als alle geschlossen zum Ferienhaus zurückgingen, gelangte sie an seine Seite. »Krister?«
Wie anders war dieser kleine Spaziergang als der letzte, den sie beide hier unternommen hatten! Jetzt war es laut und fröhlich, und ringsherum flackerten Taschenlampenkegel. Einer davon streifte Kristers Gesicht, gerade rechtzeitig, dass Annik seine hochgezogenen Augenbrauen erkannte.
»Du hattest geschrieben, du würdest gern mit Theo das Floß zu Ende bauen.«
»Ja.«
»Es ist okay. Also, ich meine, das ist wirklich nett. Theo würde sich freuen.«
Wie konnte man jemanden so entsetzlich vermissen, der nicht einmal einen Meter neben einem stand?
Theo würde sich freuen.
Immerhin, sie fand es nett von ihm, das Floß bauen zu wollen. Emotionale Schonkost nannte Espen so etwas.
So leid es Krister um Theo tat, er würde dieses Floß nur dann helfen zu beenden, wenn Annik ihn explizit darum bat. Ganz bestimmt würde Krister ihr nicht hinterherlaufen. Er hatte nichts falsch gemacht. Sie war es, die ein Problem hatte. Und was sollte es Theo bringen, mit ihm abzuhängen, wenn Annik ihn nicht in ihrem Leben haben wollte?
Krister konnte die Menschen, die eigentlich seine besten Freunde waren, gerade nicht ertragen, wie sie in ihrer unglaublichen Behaglichkeit auf dem Sofa oder dem Teppich herumsaßen oder -lagen. Mit Glück würde es heute Nacht trocken bleiben. Krister holte seine Schlafsachen und nahm zwei Flaschen Bier mit. Falls es doch regnete, konnte er immer noch zurück ins Haus gehen und sich neben Espens Schnarchen kuscheln – wissend, dass Annik und ihn nur eine dünne Holzwand trennte. Es würde sich anfühlen wie eine meterdicke Stahlbetonmauer.
Er legte ein neues Holzscheit auf die Glut und fachte das Feuer noch einmal an. Im Schneidersitz ließ er sich daneben auf dem Felsen nieder. Es ploppte leise, als er die Bierflasche öffnete. Die vierte an diesem Abend. Oder die fünfte? Objektiv nicht besonders viel, aber für ihn weit mehr als normal. Krister hasste Trinken und den damit einhergehenden Kontrollverlust normalerweise. Aber nach den Moltebeerenexzessen der letzten Tage spielte das Bier jetzt auch keine Rolle mehr, und er wollte, dass der Schlaf ihn auf der Stelle tief hinabziehen würde, ohne Ausflüge in verbotene Bereiche.
Doch sobald sein Kopf die Isomatte berührte, spulten sich vor seiner inneren Leinwand die Bilder der vergangenen Tage und Wochen ab. Die gemeinsame Zeit, die Küsse, die Berührungen. Der Moment, in dem er ihr gestanden hatte, was er empfand.
Seine Gedanken begannen sich zu drehen und zu wiederholen. Wie auch immer sie das angestellt hatte, Annik hatte eine Tür in seinem Inneren geöffnet, die jahrelang, wenn nicht sogar sein Leben lang, verschlossen gewesen war. Aber musste er sich deswegen geben, dass sie ihn beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten am langen Arm verhungern ließ?
Theo würde sich freuen.
Fuck you, Annik.