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Washington, Juli 2022

Elias flog nicht zum Vergnügen nach Washington und hätte diesen Auftrag nur allzu gerne abgelehnt. Ausgerechnet er sollte in einem Streit vermitteln, der Wissenschaftler und große Teile der Bevölkerung Hawaiis spaltete und dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit der Inseln zurückreichten – zumindest was die politischen und religiösen Vorstellungen der indigenen Hawaiianer anbelangte. Auslöser des Konflikts war der geplante Bau eines Riesenteleskops mit einem Durchmesser von dreißig Metern auf dem Mauna Kea, mit 4205 Metern höchster Vulkan Hawaiis. Aufgrund ebendieser Höhe, der geringen Lichtverschmutzung und der stabilen trockenen Wetterbedingungen war der Berg geradezu auserkoren zum Standort für die Weltraumbeobachtung. Es war ein Projekt, das Elias schon während seiner Studienzeit in Berkeley in wissenschaftlichen Publikationen verfolgt und das ihn hellauf begeistert hatte. Der Spiegel des Teleskops würde ein Vielfaches der Leistung des bisherigen Observatoriums haben, das seit den Neunzigern den Gipfel des Mauna Kea zierte. Für die Wissenschaft war das eine Herausforderung und Sensation zugleich. Vierzehn Jahre lang hatten Ingenieure, Astronomen und Astrophysiker aus aller Welt an dem Projekt gearbeitet, es sollte hundertmal empfindlicher als alle Teleskope zuvor die unendlichen Weiten des Universums erforschen.

Elias’ Familie besaß auf ihrem Anwesen ein eigenes kleines

Vor drei Jahren war Elias eines Morgens voller Enthusiasmus zu seinem neuen Arbeitsplatz aufgebrochen. Weit war er jedoch nicht gekommen. Hunderte von Demonstranten hatten sich auf der Zufahrtsstraße zum Mauna Kea versammelt, um den Baubeginn des Riesenteleskops zu verhindern. Eine bunte Mischung von Schülern und Studenten bis hin zu aufgebrachten Senioren im Rollstuhl schwenkten Plakate mit Aufschriften wie »Schützt unseren Berg« oder »Dieses Land ist heilig« neben hawaiianischen Flaggen und begruben Elias’ Traum von einer Mitarbeit an diesem Wahnsinnsprojekt auf unabsehbare Zeit. Innerhalb weniger Tage war die Demonstration aus dem Ruder gelaufen, waren aus den Hunderten Tausende Aktivisten geworden, darunter bekannte Schauspieler und andere Persönlichkeiten, die sich in den Konflikt einmischten. Der Bau des Teleskops war plötzlich ein Symbol für alles Mögliche, von der Missachtung der Rechte der indigenen Bevölkerung und ihren religiösen Empfindungen bis hin zur Zerstörung der Natur. Und das, obwohl es bereits dreizehn Teleskope auf dem Mauna Kea gab. Eines mehr oder weniger spielte in Elias’ Augen da auch keine Rolle mehr. Missmutig blickte er auf dem Flug nach Washington aus dem Fenster.

»Du siehst dieser Anhörung nicht gerade freudig entgegen.« Seine Mutter, die auf dem Platz neben ihm saß, schenkte ihm ein wissendes Lächeln, und er verdrehte die Augen.

»Wundert dich das? Ich verstehe immer noch nicht, wer auf die Schnapsidee gekommen ist, ausgerechnet mich als Vermittler zwischen Wissenschaft und obskuren religiösen Fanatikern einzusetzen.«

»Ja, ich weiß, vermutlich haben sie mich aus dem Wissenschaftsteam erkoren, weil ich ein Einheimischer bin, auf Hawaii zur Welt gekommen und meine Kindheit hier verbracht habe. Das wird die Aktivisten aber nicht sonderlich beeindrucken. Sie werden vielmehr ganz schnell herausbekommen, dass Dad einer der Richter am Obersten Gerichtshof von Hawaii war, der seinerzeit die Baugenehmigung für das Teleskop für rechtmäßig erklärt hat. Stellvertretend können sie dann jetzt seinen Sohn dafür hassen.«

Unweigerlich stiegen die Erinnerungen an diese unruhige und schwierige Zeit in Elias hoch. Nur eineinhalb Jahre nach seinem richterlichen Beschluss hatte sein Vater beim morgendlichen Joggen einen Herzinfarkt erlitten. Das Jahr 2019 war daher für Elias mit dem Tod des Vaters, der Krise mit Colleen und dem Verlust des ersehnten Arbeitsplatzes ein Jahr voller persönlicher Katastrophen gewesen. Vielleicht hegte er gerade deswegen so einen unversöhnlichen Groll gegen die Demonstranten, die verhindert hatten, dass der letzte Wunsch von John Walsh, sein Sohn würde am Bau dieses außergewöhnlichen Teleskops beteiligt sein, nicht in Erfüllung gegangen war. Der Ausbruch der Pandemie hatte dem Ganzen dann noch die Krone aufgesetzt und vorübergehend alle weiteren Bauvorhaben auf Eis gelegt.

»Was genau erhofft sich die TMT-Organisation eigentlich von deiner Reise nach Washington?«, fragte seine Mutter nachdenklich.

Elias seufzte und fuhr sich durchs Haar. »Wir wollen mit Regierungsbeamten sprechen und die National Science Foundation auf unsere Seite ziehen.«

Er stutzte. »Klingt ja gerade so, als wärst du auf Seiten der Aktivisten.«

Sie legte ihre Hand auf seine. »Ich weiß, was dir das alles bedeutet. Glaub mir, ich würde mich sehr freuen, wenn du dieses Teleskop mitbauen könntest. Aber ich kann die Bedenken der Einheimischen nachvollziehen.«

»Mom, das ist kein Spaß! Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das TMT, die Aktivisten stellen plötzlich sämtliche Teleskope auf dem Mauna Kea in Frage. Hast du eine Ahnung, wie wir vor der Welt dastehen? Das Observatorium wird von Universitäten und Institutionen aus elf Nationen betrieben. Es könnte das Ende der gesamten astronomischen Forschung auf Hawaii bedeuten!«

»Hast du dir einmal Gedanken darüber gemacht, dass schon der Bau der ersten Teleskope nicht ganz rechtmäßig vonstattenging? Symbolisch hat man für das Land, auf dem sie errichtet wurden, eine Pacht von nur einem Dollar gezahlt. Pro Jahr!«

»Ich weiß!« Elias schüttelte unwillig den Kopf. »Das war natürlich nicht in Ordnung. In den Siebzigerjahren hat man noch völlig anders gedacht. Aber die neuen Verträge für das TMT sehen gut aus. Die Pacht soll in den Jahren auf über eine Million Dollar steigen. Zusätzlich werden Hawaii hohe Summen für Bildung zur Verfügung gestellt.«

Seine Mutter schmunzelte. »Oh, das hätten die am TMT beteiligten Institutionen doch sicher auch ohne Proteste getan, nicht wahr?«

Langsam verstand Elias, warum seine Eltern sich so oft in die Haare geraten waren. Becky Walsh war nicht nur klug, sondern auch mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitsempfinden

»Okay, ich gebe zu, sie hätten sich ohne Proteste bestimmt nicht so großzügig gegeben. Aber was soll man denn jetzt noch zugestehen, damit das alles aufhört und wir endlich mit dem Bau starten können?«

»Das musst du nicht mich fragen. Sprich doch mal mit deinem besten Freund darüber.«

Ein Signalton über ihren Köpfen übertönte das Geräusch, das Elias entfuhr, als er nach Luft schnappte, und die Stimme des Piloten kündigte an, dass sie sich im Landeanflug auf Washington befänden. Während sie sich anschnallten, fragte er:

»Willst du mir etwa gerade schonend beibringen, Kaleo hat sich auch auf die Seite der Aktivisten geschlagen und blockiert demnächst mit einem Lei aus Ti-Blättern auf dem Kopf fahnenschwenkend meinen Wagen, wenn ich zum Observatorium hochfahren will?«

Er kannte Kaleo seit frühester Kindheit. Das letzte Mal hatte er ihn auf der Beerdigung seines Vaters gesehen. Kaleo und er waren wie Brüder als Nachbarskinder aufgewachsen, aber wie das Leben so spielt, hatten sie sich nach der Schulzeit auseinandergelebt. Elias hatte in Kalifornien zu studieren angefangen, Kaleo hatte erst in einem Reisebüro gearbeitet und später als selbstständiger Reiseführer sogenannte »Hidden Treasures«-Wandertouren in abgelegene Gebiete Hawaiis angeboten. Mit fünfundzwanzig war Kaleo bereits verheiratet und hatte eine Familie gegründet. Ein schlechtes Gewissen machte sich plötzlich in ihm breit, als er daran dachte, dass er Kaleos Sohn Nalu seit der Beerdigung seines Vaters und dem Ausbruch der Pandemie nur Geschenke geschickt, die Familie aber nicht mehr zu seinem Geburtstag besucht hatte. Der Kleine musste jetzt schon in die Schule gehen.

Das brachte Elias zum Lachen. »Nein. Im Ernst? Ich hatte schon immer den Verdacht, hier ist jeder mit jedem über hundert Ecken verwandt.«

Sie nickte. »Gerade deswegen kann es zumindest nicht schaden, dir einmal seine Sichtweise anzuhören. Vielleicht kann er dir einen Kontakt zu den Aktivisten vermitteln.«

»Gib dir keine Mühe, Mom. Sie werden mich nicht von der Wissenschaft zum Aberglauben bekehren!«, spottete Elias.

»Das erwarte ich auch nicht. Aber womöglich findet ihr eine Lösung, wie man wissenschaftliche Interessen und die der Einwohner verbinden kann. Ich könnte mir vorstellen, dass das Observatorium mehr indigene hawaiianische Astronomen braucht, damit die feindselige Stimmung kippt und die Begeisterung für euer Teleskop zunimmt. Ihre polynesischen Vorfahren waren schließlich auch Sternenbeobachter gewesen, um auf hoher See navigieren zu können. Du musst zuhören und Anknüpfungspunkte finden.«

Gar kein dummer Gedanke, überlegte Elias, nachdem er seine Mutter im Hotel abgesetzt hatte und sich mit dem Mietwagen auf den Weg zur National Science Foundation machte. Es gab noch einiges vor der Anhörung zu besprechen. Und vielleicht sollte er demnächst wirklich Kaleo anrufen.