Washington, Juli 2022
Finde heute deinen Seelenverwandten! Free Online-Dating USA, las Emma unter dem Foto eines in die Kamera lachenden Paares auf einem digitalen Werbeplakat.
Seelenverwandter. Was für ein esoterischer Unfug!
Statt mit Michael gerade verliebt durch die Stadt zu streifen, saß sie auf dem Weg zum Nationalfriedhof Arlington bedrückt in der Metro und dachte an das kurze Leben der ehemaligen Astronautin Judith Resnik. Vielleicht hatte sie auch kein Glück gehabt bei der Suche nach einem Seelenverwandten und wollte deshalb möglichst weit weg zu den Sternen fliegen. Obwohl es für den Feierabendverkehr noch zu früh am Nachmittag war, drängten sich die Menschen im Abteil, und die Sommerhitze sorgte in der nur schwach klimatisierten Bahn für eine Vielfalt an Gerüchen, die Emma sich lieber erspart hätte. Sie war froh, als sie nach nur zwanzig Minuten Fahrt ihr Ziel erreichte und sich zwischen den schwitzenden Leibern ihrer Mitreisenden ins Freie quetschen konnte. Dass Arlington der zweitgrößte Friedhof der USA war, konnte man nicht übersehen. Alles war hier gigantisch, von den Parkplatzanlagen bis zu den Sicherheitsvorkehrungen und der weitläufigen Parklandschaft der hügeligen Anlage. Emma hatte sich am Eingang einen Plan besorgt, um sich zu orientieren. Hier konnte man sich wahrhaft verlaufen. Sie schlenderte auf dem breiten asphaltierten Roosevelt Drive auf das Amphitheater zu, in dem am Veterans’ und Memorial Day der Broschüre zufolge Gedenkfeiern stattfanden. Rechts und links von ihr ragten weiße, einheitlich große Grabsteine wie Pilze in symmetrischen Reihen aus dem Boden. Der Tod schien hier ebenso auf dem Reißbrett durchgeplant wie die amerikanischen Städte. Emma konnte der uniformen Steinwüste nichts abgewinnen. Schon bereute sie es, überhaupt hierhergekommen zu sein, als ein paar Kreuzungen weiter ältere Grabsteine das einheitliche Bild ein wenig auflockerten. Emma atmete tief durch, versuchte, die sie überholenden Reisebusse und Autos mit Sondergenehmigung zu ignorieren und sich stattdessen auf das Zwitschern der Vögel und die Schatten spendenden Baumalleen zu konzentrieren und dabei bloß nicht an Michael und ihren Streit zu denken. Es war ein ganz schönes Stück Weg zum Amphitheater, das mit seiner schneeweißen Säulenkolonnade wie ein antiker Göttertempel auf einem Hügel schwebte. Von dem kleinen Springbrunnen darunter hatte man einen guten Ausblick über Washington. Emma tauchte die Hände in das erfrischende Nass und kühlte ihren Nacken. Sie setzte ihren Weg fort, und direkt gegenüber dem Eingang des Amphitheaters hatte sie endlich ihr Ziel erreicht. Sie musste nicht lange nach dem Denkmal suchen. Die bronzene Platte auf dem weißen Stein mit dem siebenzackigen Stern und der darin eingearbeiteten Raumfähre leuchtete golden in der Nachmittagssonne und stach ihr schon von Weitem ins Auge. Eben verließ eine Touristengruppe das mit einer Kette eingezäunte Areal, und Emma schluckte schwer, als sie sich dem Stein näherte.
IN GRATEFUL
AND LOVING TRIBUTE
TO THE BRAVE CREW
OF THE UNITED STATES
SPACE-SHUTTLE CHALLENGER
28 JANUARY 1986
Sieben Gesichter lächelten ihr entgegen. Das von Judith Arlene Resnik schmückte den linken unteren Sternenzacken und wirkte in dem Metall etwas verzerrt, aber Emma erkannte sie sofort. Die Wissenschaftlerin, Astronautin und Pianistin war sechsunddreißig Jahre alt gewesen, als dreiundsiebzig Sekunden nach dem Start eine Explosion dem Flug der Raumfähre Challenger ein Ende gesetzt hatte. Emma war drei Jahre später zur Welt gekommen, und dennoch hatte sie dieses Unglück berührt, sobald sie im Teenageralter darüber gelesen und den dramatischen Start in einer alten Filmaufnahme angeschaut hatte. Per aspera ad astra – ja, es war nicht zu leugnen, dass der Weg zu den Sternen rau und gefährlich war, auch wenn man aus den Fehlern von einst gelernt hatte. Ihr Blick schweifte nach rechts zu einem weiteren Grabstein, auf dem ebenfalls eine Raumfahrtrakete abgebildet war. Er war im Gedenken an die verunglückte Crew der Columbia errichtet worden, deren Raumfähre 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach. Wie bei der Challenger kamen dabei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben. Diese beiden Unglücke waren die schlimmsten in der Geschichte der Raumfahrt und hatten zur Einstellung des Space-Shuttle-Programms geführt. Hatte Michael also recht mit seinen Bedenken? Es war vielleicht ein Fehler gewesen, ihn nicht schon früher zu informieren, aber hätte sie sich wirklich anders entschieden? Sie biss sich auf die Unterlippe und betrachtete wieder Judith Resniks Gesicht. Judith war begeistert gewesen, als man erstmalig Naturwissenschaftler und Frauen bei der NASA suchte. Das Weltall hatte ihr vollkommen neue Forschungsmöglichkeiten eröffnet. Und Emma empfand nicht anders. Wie wirkte sich die Schwerkraft auf Menschen oder Pflanzen aus? Funktioniert unser Immunsystem noch im All? So viele spannende Fragen, an deren Beantwortung sie teilhaben wollte. Vielleicht gelang es ihr, Michael mit Zahlenmaterial zu beruhigen. Oder aber sie stieg jetzt aus und würde ihm zuliebe auf die allerletzte Hürde, die Interviewgespräche, verzichten. Ihr wurde ganz flau im Magen bei dem Gedanken. Konnte sie das ernsthaft in Erwägung ziehen? Nach allem, was sie schon erreicht und wie hart sie dafür gekämpft hatte? Würde sie nicht ihr Leben lang immer daran denken, was für eine Chance sie verpasst hatte? Durfte man von einem Menschen, den man liebte, verlangen, seine Träume aufzugeben?
Emma spürte, wie ihre Unterlippe zu beben begann und Tränen das Mahnmal mit den Gesichtern der sieben Astronauten vor ihr verschwimmen ließen. Sie blinzelte dagegen an, spürte, wie bereits eine Träne über ihre Wange lief, und erschrak zu Tode, als plötzlich jemand neben ihr sie fragte: »Verzeihen Sie bitte, sind Sie eine Angehörige?«
Emma wirbelte herum und sah sich einer Frau gegenüber, die sie etwas älter als ihre Mutter einschätzte. Sie war einen halben Kopf kleiner als Emma, mit rotblonden Haaren, die, wie der helle Ansatz verriet, gefärbt waren. Ihre Augen in dem leicht gebräunten, fein geschnittenen Gesicht mit zahlreichen Lachfältchen waren von einem intensiven Grün und musterten sie interessiert. Die Sommersprossen gaben ihr etwas jugendlich Freches, und irgendwoher kam die Frau ihr auch vage bekannt vor, aber sie konnte sie nicht einordnen. Emma räusperte sich und fuhr sich rasch mit dem Handrücken über die Wange.
»Nein, ich …«, sie stockte, unschlüssig, was sie dieser Fremden sagen sollte. »Ich bin wegen Judith Resnik hier.« Überraschung zeichnete sich in dem Gesicht der Unbekannten ab, und Emma wurde schlagartig bewusst, dass sie vielleicht eine Verwandte der verstorbenen Astronautin war, weshalb sie rasch hinzusetzte: »Also, ich bin nicht mit ihr verwandt, aber ich fühle mich ihr verbunden, und weil ich gerade in Washington Urlaub mache, wollte ich ihre Gedenkstätte besuchen.«
»Was verbindet Sie denn mit Judy?«
Es lag etwas in der Art, wie sie den Namen aussprach, was Emmas Verdacht, sie könnte sie gekannt haben, bestätigte. Ein Hauch von Zärtlichkeit und Wehmut. Emma betrachtete sie genauer. Die Frau vor ihr war schlank und sportlich, trug eine dunkelblaue Culotte-Hose und eine farblich dazu passende Bluse mit dezentem Blumenmuster sowie Sneakers. Die Kette um ihren Hals sah teuer aus, und ihre Erscheinung war sehr gepflegt. Wieso kam sie ihr nur so bekannt vor? Emma schenkte ihr ein Lächeln.
»Wissen Sie, ich komme aus Deutschland und hoffe selbst gerade auf einen Job als Astronautin bei der ESA. Die Auswahlprozedur läuft noch bis November.«
»Nein! Wirklich?« Ihre Augen blitzten auf, und ein Strahlen glitt über ihr Gesicht. Sie streckte ihr die Hand entgegen, eine Geste, die nach zwei Jahren Pandemie ungewohnt herzlich wirkte. »Davon müssen Sie mir unbedingt erzählen! Becky Walsh. Ich bin Lehrerin und war 1986 als Ersatzfrau für Christa McAuliffe im Teacher-in-Space-Project. Ich habe mit den Sieben hier zusammen trainiert und sie gut gekannt.« Sie nickte Richtung Denkmal, und Emma gab ihr fassungslos und ein wenig ehrfürchtig die Hand.
»Emma Franke. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.« Einen Moment lang suchte sie nach Worten. Sprach man nach so langer Zeit noch sein Beileid aus? Sie sagte schlicht: »Möchten Sie vielleicht ein wenig allein mit Ihren Freunden sein? Ich warte gerne drüben im Amphitheater auf Sie.«
»Das ist lieb von Ihnen. Es dauert auch nicht lange. Ich habe Judy und Christa nur einen kleinen Gruß von Hawaii mitgebracht.« Sie griff in ihre Handtasche und zog etwas daraus hervor. Es war eine kleine Muschel in Form einer Jakobsmuschel, aber mit einer ungewöhnlich orangegelben Färbung.
»Die ist aber hübsch«, sagte sie.
»Eine Sunrise-Muschel. Man findet sie nur sehr selten und auch nur auf Hawaii. Ich denke, sie wird ihnen gefallen – El auf jeden Fall. Ein Sonnenaufgang ist ein Neuanfang. Sie sollen wissen, dass wir nach ihrem Tod nicht verzweifeln, sondern weitermachen.«
Während Emma beklommen zum Amphitheater schlenderte, sah sie sich noch einmal um. Becky Walsh war über die tiefhängende Kette der Absperrung gestiegen und auf das Rasenstück zum Grabstein getreten. Jetzt legte sie die Muschel genau in die Mitte des Steines und beugte sich dann hinunter, um nacheinander die Gesichter der Astronauten zu berühren. Die intime zärtliche Geste bewegte Emma. Im Amphitheater setzte sie sich in der Nähe des Eingangs auf eine der Steinbänke. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und gab Teacher-in-Space ein. Sie fand sie sofort. Becky Walsh, geborene White, saß in der hellblauen NASA-Uniform neben Christa McAuliffe vor der US-Flagge und strahlte mit ihrer Lehrerkollegin um die Wette. So jung war sie damals gewesen! Bestimmt hatte Emma dieses Foto irgendwann einmal gesehen, als sie mehr über das Challenger-Unglück gelesen hatte, und deshalb war Becky ihr bekannt vorgekommen. Wahnsinn, dass sie ihr hier begegnete! Sie folgte dem Link zum Challenger-Unglück und betrachtete eine Weile das Foto der Besatzung. El – damit musste Becky den Hawaiianer Ellis Onizuka gemeint haben. Das Geräusch sich nähernder Schritte ließ sie die App hastig schließen. Becky Walsh setzte sich neben sie und atmete tief durch.
»Ich war seit der Einweihung nicht mehr hier«, seufzte sie und wiegte den Kopf, als wollte sie die Gedanken daran abschütteln. »Aber jetzt erzählen Sie mal ein wenig von sich, wieso fühlen Sie sich von den sieben Astronauten gerade Judy so verbunden? Sind Sie auch Jüdin?«
»Nein. Ich habe mich als Teenager mit den Biografien verschiedener Astronauten beschäftigt. Ich glaube, mich hat es vor allem fasziniert, dass Judy, wie ich, zwei Leidenschaften hatte: das Klavierspiel und die Naturwissenschaften. Aber Sie haben sie gekannt, stimmt es denn, dass sie gerne Klavier spielte?«
»Oh, ja. Judy hat in jungen Jahren sogar Konzerte gegeben und hätte auf die Juilliard in New York gehen können. Aber sie hat sich dann für das Mathematikstudium und später für Elektrotechnik entschieden. Ich habe sie nur ein halbes Jahr lang gekannt, aber sie war ein ganz besonderer Mensch. Ihre Musik war leidenschaftlich, sie hat einmal zu mir gesagt, sie würde nie etwas Sanftes spielen.«
Emma grinste. »Noch eine Gemeinsamkeit.«
»Unser Missionsspezialist Ron war übrigens Saxophonist. Er hat damals ernsthaft überlegt, ob er das Instrument mit ins All nehmen kann. Aber Mike hat zu ihm gesagt: Du kannst dein Saxophon nicht mitnehmen, sonst müssen wir auch Judys Flügel einpacken. Und der Pilot hat schließlich das letzte Wort.«
»Das hätte die NASA aber sicher auch nicht gutgeheißen!«, lachte Emma. Ein Klavier im All – unvorstellbar! Aber sie fragte sich sofort, welchen Einfluss das auf ihre Anschlagstechnik hätte, wie die Tasten auf die Schwerelosigkeit reagieren würden. Becky riss sie aus ihren Überlegungen.
»Dieses halbe Jahr nach Christas und meiner Wahl zu den Lehrerinnen im All war unglaublich intensiv. Wir haben endlos trainiert, Interviews gegeben und viel Zeit mit den Astronauten verbracht. Judy und ich haben sogar festgestellt, dass unser beider Urgroßmütter Jüdinnen waren und aus Osteuropa kamen. Wir haben sie Bubbe genannt, das jiddische Wort für Oma. Sie hielt es übrigens für einen Fehler, Zivilisten mitzunehmen, weil die Raumfahrt noch zu unsicher wäre.«
»Ach! Die Gefahr war ihr also bewusst?«
»Natürlich. Sie war schon seit 1978 im Astronautentraining. Vor dem Start hat die NASA Lebensläufe über uns alle verfassen lassen. Die waren nicht etwa für die Presse während unserer Zeit im Weltraum gedacht, sondern für einen möglichen Nachruf.«
»Wie makaber! Ich dachte immer, es wurden die Gefahren verharmlost.«
»Offiziell schon, vor allem in den Medien und seitens der NASA. Dick, unser Kommandant, hat Christa und mir einmal gesagt, dass die Raumfahrt wahrlich kein harmloser Flug wie mit einem Passagierflugzeug wäre.« Ein Schatten flog über ihr Gesicht. »Wir müssen Ihnen, im Nachhinein betrachtet, furchtbar naiv vorkommen. Aber damals war einfach eine ganz andere Zeit.«
»Der Kalte Krieg und der Wettlauf mit Russland«, mutmaßte Emma.
»Nicht zu vergessen der Vietnamkrieg, Rassenunruhen und die hohe Inflation. Das Space-Shuttle war Kult, die erste gute Nachricht seit Langem, etwas, worauf wir Amerikaner stolz sein konnten. Als 1978 das neue Astronautenteam zusammengestellt wurde, waren erstmals Frauen, Schwarze und Amerikaner mit asiatischen Wurzeln dabei. Das war eine echte Sensation. Ron war ein Landei aus South Carolina. Als Kind durfte er in der Stadtbibliothek aufgrund seiner Hautfarbe kein Buch ausleihen. Er war so stolz darauf, ins All fliegen zu können.«
»Kann ich mir vorstellen! Und wie erging es den Frauen im Team?«
Becky verdrehte vielsagend die Augen. »Judy hat es gehasst, wenn man sie anders behandeln wollte, nur weil sie eine Frau war. Kein Wunder, sie war eine brillante Wissenschaftlerin und bediente den ersten Roboterarm im All.« Becky grinste plötzlich. »Ach, ich erinnere mich noch gut daran, wie sie ausgeflippt ist, weil ihr Bett im Trainingslager mit rosa Bettwäsche bezogen war. Aber so war das damals. In Interviews wurde ihr an den Kopf geworfen, sie sei doch viel zu hübsch für eine Astronautin.«
»Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Bei den meisten zumindest.« Das war Emma einfach so herausgerutscht, aber Becky hatte ihren Stimmungsumschwung bemerkt und hob die Brauen.
»Lassen Sie mich raten, nicht alle in Ihrem Umfeld sind begeistert über Ihre Berufswahl?«
Wie zur Bestätigung klingelte in diesem Moment Emmas Handy, sie warf einen Blick darauf, drückte Michael kurzerhand weg und schaltete die Anrufe stumm. Aber Becky hatte sein Foto auf dem Display schon gesehen.
»Ihr Mann?«
»Mein Freund.« Und plötzlich brach es einfach aus ihr heraus. »Er hat mir heute Morgen ein Ultimatum gestellt. Entweder ich trete gar nicht erst zur letzten Auswahlphase der ESA an oder wir trennen uns.«
Es war seltsam, dass sie das einer fremden Frau anvertraute und nicht ihre Mutter anrief, um sie um Rat zu fragen. Aber sie ahnte bereits, was sie antworten würde: Michael sei doch so ein toller Mann, sie solle sich das alles noch einmal gründlich überlegen und nicht für ihre beruflichen Ambitionen ihre langjährige Beziehung aufs Spiel setzen. Außerdem hatte ihre Reaktion vor ein paar Tagen deutlich gezeigt, dass sie auf Michaels Seite stand. Und ihr Vater würde ihr wie immer am Ende beipflichten, weil er es hasste, mit seiner Frau zu streiten.
Becky Walsh runzelte die Stirn und sagte: »Tun Sie’s nicht. Sie werden es ein Leben lang bereuen, und es wird einen Schatten auf Ihre Beziehung werfen.« Plötzlich war ein harter Zug auf den Lippen der einstigen Lehrerin erschienen. »Glauben Sie mir. Ich spreche aus Erfahrung.«
»Sie waren nach dem Challenger-Unglück nicht mehr im All?«
»Ich hätte einige Jahre später die Möglichkeit dazu gehabt. Aber mein Mann hat mich angefleht, darauf zu verzichten, und aus Liebe zu ihm habe ich nachgegeben.«
»Oh«, entfuhr es Emma überrascht.
»›Oh‹ umschreibt nicht annähernd, was ich inzwischen darüber denke.« Sie sah auf die Uhr. »Langsam wird diese Steinbank ungemütlich und ich bekomme Hunger. Mögen Sie spanisches Essen? Dann erzähle ich Ihnen, warum Sie sich diese Chance nicht entgehen lassen und den Kerl notfalls zum Mond schießen sollten.« Sie zwinkerte ihr zu. »Den vermutlich letzten Ort, zu dem er möchte.«
Emma erhob sich mit einem breiten Lächeln. »Sehr, sehr gerne.«
Die Taxikolonne, die vor dem Ausgang wartete, war endlos, und Becky schlug vor, mit einem Cab zurück nach Washington zu fahren. Unterwegs erzählte Emma ihr von dem Stand ihres Auswahlverfahrens bei der ESA und Michaels Reaktion. Dass sie darüber hinaus den Eindruck hatte, er würde sie mit seiner Arbeitskollegin betrügen, verschwieg sie allerdings. Es fühlte sich trotzdem befreiend an, mit jemandem zu reden. Als Emma sich beim Aussteigen an der Fahrt beteiligen wollte, winkte Becky empört ab.
Trotz der für ein Dinner frühen Uhrzeit – es war erst kurz vor sechs – war das spanische, modern eingerichtete Lokal gut besucht. Nach dem schwülheißen Tag genoss sie die angenehme Kühle der Klimatisierung. Sie setzten sich an einen Tisch für zwei Personen und bestellten sich ein Glas Sherry als Aperitif.
»Auf deine Zukunft als Astronautin!«, erklärte Becky schmunzelnd und bot ihr das Du an. Emma war gerührt.
»Danke, Becky. Was für ein Glück, dass ich dich auf dem Friedhof getroffen habe. Ganz ehrlich, ich wäre sonst bestimmt den ganzen Nachmittag in endlosen Grübeleien versunken.«
»Das hätte noch gefehlt! Ich erzähle dir gleich …« Der Kellner kam mit den Speisekarten, und sie unterbrach sich. »Lass uns erst bestellen, bevor ich loslege. Mit vollem Magen denkt es sich besser.«
Dem konnte Emma nur zustimmen. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig sie inzwischen war, und entschied sich für Patatas Bravas, mit scharfer Tomatensauce angebratene Kartoffeln mit Alioli und sautiertem katalanischem Spinat mit Pinienkernen. Spanische Gitarrenmusik füllte den Raum, und Becky begann zu erzählen.
»Ich war dreißig, also in deinem Alter, und seit zwei Jahren verheiratet, als das Teacher-in-Space-Project von Präsident Reagan im Fernsehen verkündet wurde. Damals habe ich in New York Biologie und Amerikanische Geschichte gelehrt. Über eine Arbeitskollegin hatte ich meinen Mann John kennengelernt, der Rechtsanwalt in einer dieser super erfolgreichen Kanzleien war.« Sie verzog den Mund. »Da waren Überstunden nicht nur unter der Woche normal.«
»Genau wie bei Michael«, seufzte Emma.
»Ist er ebenfalls Jurist?«
»Nein. Fondsmanager.«
»Lass mich raten: Du hast seine beruflichen Ambitionen bislang stets unterstützt, aber er will jetzt nichts von deiner Astronautinnen-Karriere wissen?«
Emma nickte, und Becky schüttelte missbilligend den Kopf.
»Plötzlich war in aller Munde, dass Lehrerinnen und Lehrer sich am Weltraumprogramm beteiligen können, und John hat meine Begeisterung anfänglich geteilt.« Sie grinste. »Meine Abenteuerlust war nichts Neues für ihn.«
»Das Space-Shuttle-Programm war anfangs ja auch ein großer Erfolg«, warf Emma vorsichtig ein.
»Oh, ja. Die NASA ließ es bewusst so aussehen, als könne demnächst jeder ebenso zum Mond wie von New York nach San Francisco fliegen. Auf jeder Cornflakes-Packung leuchtete einem das Space-Shuttle entgegen, und John war stolz auf seine mutige Frau.« Das Essen wurde serviert und duftete köstlich. Becky hatte Lachs mit Kürbispüree bestellt, über dem sie jetzt eine Scheibe Zitrone ausdrückte.
»Ich habe gelesen, dass im Vorfeld des Unglücks viele Beinahe-Unfälle ignoriert wurden.« Emma tunkte nachdenklich ein Stück Bratkartoffel in die scharfe Sauce.
»Das stimmt, aber davon wusste kaum jemand. Beim Jungfernflug der Discovery hatte sich die Farbschicht der Raumfähre entzündet, und einige der Kacheln wurden beschädigt. Das musst du dir mal vorstellen! Die Sauerstoff- und Wasserstofftanks lagen schließlich direkt daneben. Aber es war immer irgendwie gut ausgegangen, und das hat meines Erachtens dazu geführt, dass die NASA-Leute arrogant wurden. Sie haben nicht auf die Ingenieure gehört, die scheinbar schon lange vor dem Start der Challenger vor einem möglichen Unglück wegen der O-Ringe gewarnt haben. Uns wurde das verschwiegen.«
»Ihr hattet alle keine Ahnung von der Temperaturempfindlichkeit der Dichtungsringe?« Die Untersuchungskommission hatte nach dem Unglück herausgefunden, dass die Dichtungen der Feststoffraketen bei kalten Temperaturen spröde wurden und daher dem enormen Druck beim Start nicht standhalten konnten. Emma hatte noch die gruseligen Fotos von bis zu einem halben Meter langen Eiszapfen an der Startrampe am Unglückstag im Kopf.
»Nein. Von dem berüchtigten zweistündigen Telefonat mitten in der Nacht zwischen den Ingenieuren und der NASA haben wir Astronauten natürlich nichts mitbekommen. Ganz ehrlich – keiner von uns hat damals überhaupt mit einem Start am nächsten Tag gerechnet. Es war eiskalt, wir hatten die Heizung aufgedreht. Christa sagte vor dem Zubettgehen noch zu mir, dass das ewige Warten schon enorm frustrierend war.«
»Es gab vorher bereits Verschiebungen wegen des Wetters, nicht wahr?«
»Ja, und die Nerven lagen bei uns allen blank. Wenn ich an Christa zurückdenke …« Becky schloss einen Moment lang die Augen, um sich zu sammeln. »Sie liebte ihren Job. Immer, wenn wir irgendwohin zu einem neuen PR-Termin im Bus unterwegs waren, hat sie geschrieben. Entweder Empfehlungsschreiben für ihre Schüler, die sich an der Uni oder sonst wo bewerben wollten, oder sie hat neue Unterrichtsideen ausgearbeitet. Sie sollte auch Unterrichtsstunden im All über den Kometen Halley abhalten, und es war sensationell, was ihr dazu alles einfiel. Sie hat mich wahnsinnig inspiriert.«
»Ich glaube, dass eine Zivilistin, eine Lehrerin, damals unter den Opfern war, hat die Bevölkerung hinterher besonders aufgewühlt.«
»Natürlich! In vielen Schulen hatte man den regulären Unterricht ausfallen lassen und Fernsehgeräte in die Klassenzimmer geschoben, damit sie den Start live mitverfolgen konnten. Die Kinder saßen beim Abheben der Rakete mit Luftballons und fahnenschwenkend vor den Geräten und feierten.«
»Und mussten dann die Explosion mitansehen, wie all die Familien der Astronauten auf der Tribüne vor Ort! Ich will mir gar nicht ausmalen, wie du dich damals gefühlt hast.«
»Es war furchtbar. Anfangs verstanden wir alle überhaupt nicht, was da passierte. Über Lautsprecher faselten sie irgendwas von einer schwerwiegenden Fehlfunktion. Das war angesichts der Explosion die Untertreibung des Jahrhunderts! Ich wurde mit den Angehörigen im Bus in die Quartiere zurückgefahren. Unterwegs sahen wir Autos am Fahrbahnrand parken, Leute, die dem Start hatten zusehen wollen, saßen darin und weinten. Schlagartig wurde mir klar, dass ich die sieben niemals wiedersehen würde. Mich hat dieses Unglück jedenfalls mein ganzes weiteres Leben lang verfolgt. Ich sehe die Szenen noch heute glasklar vor mir. Christas Eltern und ihre Schwester, ihr Mann und die Kinder, die einander umarmten und sich Halt zu geben versuchten. Dicks Frau, die eine von ihm vorab geschriebene Valentinstags-Karte für sie in seinem Aktenkoffer fand.« Becky hielt einen Augenblick inne, um sich zu sammeln. »Es war eine furchtbare Zeit, und ich habe mich schuldig gefühlt. Weil es meine Crew war, ich mit ihnen trainiert und das Unglück überlebt habe.«
»Das kann ich verstehen.« Emma fühlte einen Kloß im Hals.
»Christa und Judy waren vollkommen unterschiedliche Frauen, aber sie haben mich beide sehr stark beeinflusst. Christa mit ihrer unglaublichen Leidenschaft für den Beruf einer Lehrerin, ihrem Vertrauen und ihrer Menschenfreundlichkeit. Als wir damals im Trainingslager der NASA ankamen, habe ich in meinem Zimmer sofort die Koffer ausgepackt und das Infomaterial durchgelesen. Plötzlich hat es an der Tür geklopft, und da stand sie vor mir mit einem warmen Apfelkuchen zur Feier unseres Einstands. Im Gegensatz zu mir hat sie einfach alles liegen- und stehengelassen und als Erstes für uns alle Kuchen gebacken!« Becky schüttelte lächelnd den Kopf. »Und Judy war Naturwissenschaftlerin durch und durch, immer auf der Suche nach Lösungen für Probleme. Sie war der optimistischste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Aufgeben war für sie einfach keine Option.«
»Ich denke, es lebt ein Stück von den beiden in dir weiter«, sagte Emma ernst und griff spontan über den Tisch nach Beckys Hand, die sie kurz drückte.
Der Kellner räumte die Teller ab, und sie bestellten einen Cappuccino. Nachdenklich rührte Emma Zucker in den Kaffee.
»Eins kapiere ich nicht. Warum hatte die NASA es so verdammt eilig?«, sagte sie kopfschüttelnd. »Heutzutage ist es die Regel, dass die Starts so lange verschoben werden, bis die Bedingungen optimal sind. Manchmal um Jahre, wenn es technisch was zu beheben gibt.«
Becky trank einen Schluck Kaffee, bevor sie antwortete. »Ja, vermutlich hat gerade dieses Unglück und das von 2003 ein Umdenken bei den Verantwortlichen bewirkt.«
»Vierzehn Menschen mussten ihr Leben lassen, um das künftiger Astronauten zu retten? Eine traurige Bilanz.«
»So sieht es aus. Was meinst du, wie groß die Empörung unter den Astronauten war, als herauskam, dass es bei der Hälfte von vierundzwanzig Shuttleflügen technische Probleme gegeben hatte, die unter den Tisch gekehrt worden waren.«
»Daher hat dein Mann dich gebeten, deinen Abschied vom Teacher-in-Space-Project einzureichen?«, vermutete Emma.
»Ja. Die Nachrichten schlugen wie eine Bombe ein. In den Zeitungen wurde von nichts anderem mehr berichtet. Das Vertrauen in die NASA war nachhaltig erschüttert worden, und John hatte Angst um mich. Ich kann das auch nachvollziehen. Aber später habe ich meine Entscheidung dennoch bereut.« Becky beugte sich vor und legte ihre Hand sanft auf Emmas. »Versteh mich nicht falsch. John ist vor zweieinhalb Jahren gestorben und war ein wunderbarer Mann. Ich vermisse ihn jeden Tag. Wir haben zwei großartige Kinder, einen Sohn und eine Tochter, und ich habe meine Arbeit als Lehrerin immer geliebt. Nach dem Unglück war ich erst einmal von der Arbeit beurlaubt, und John ist mit mir nach Hawaii geflogen, um mich aus meiner Trauer und dem Schock zu reißen. Ich habe mich in die Landschaft und den nächtlichen Sternenhimmel über den Inseln verliebt. Damals hat er mir versprochen, mit mir dauerhaft nach Hawaii zu ziehen und mir sogar ein eigenes Observatorium zu bauen, wenn ich nur zustimmen würde, nicht mehr ins Weltall zu fliegen. Ich bringe die Sterne zu dir nach Hause, hat er gesagt. Und er hat es tatsächlich wahr gemacht, sich einen Job in einer Rechtsanwaltskanzlei auf Hawaii gesucht und mich unser Haus auf Maui nach meinen Vorstellungen gestalten lassen.«
Emma schluckte. Sie konnte schon verstehen, warum Becky nachgegeben hatte. Ihr Mann musste sie wirklich sehr geliebt haben. Michael würde nie seinen Job für sie aufgeben, geschweige denn ihr solch ein Angebot machen. Wenn sie darüber nachdachte, hatte er immer nur Forderungen an sie gestellt. Und das Ultimatum, mit dem er sie zu einer Entscheidung mit der Androhung ihrer Trennung zwang, war der Gipfel seines bislang gezeigten Egoismus! Von Whitney einmal ganz zu schweigen.
»Meine Sehnsucht, ein einziges Mal nur unsere Erde vom All aus zu sehen, hat es nicht gestillt, aber John hat mich dennoch sehr glücklich gemacht. Deshalb kann ich gut damit leben, diesen Traum nie verwirklicht zu haben.« Sie sah sie eindringlich an. »Emma, ich will mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber was ich vielleicht etwas umständlich mit meiner Geschichte sagen möchte: Das, was du mir bisher von deinem Freund erzählt hast, deutet nicht darauf hin, dass er dieses Opfer wert ist. Du bist schon sehr weit im Auswahlprozess gekommen, und deine Begeisterung für die Raumfahrt springt dir geradezu aus dem Gesicht. Vielleicht fliegst du bei der Interviewrunde raus, dann kannst du es nun mal nicht ändern. Aber es nicht wenigstens zu versuchen, halte ich für einen Fehler, den du später bitter bereuen könntest. Und wenn dein Freund dich aufrichtig liebt, kann er nicht von dir verlangen, dass du deinen Traum für ihn aufgibst.«