Ludwigskirchen, 1913
In vier Stunden schon würde der Hahn sie wecken, aber Marie fühlte sich immer noch kein bisschen müde. Mit gefalteten Händen über der Bettdecke lag sie neben Susanna, starrte in die Dunkelheit und dachte klopfenden Herzens an Johannes. Draußen klang dumpf der Ruf einer Waldohreule, und Marie fragte sich, ob er jetzt wohl auch wach lag und sich vielleicht ein klein wenig an sie erinnerte. Sosehr sie sich bemühte, ihre überschäumenden Gefühle in den Griff zu bekommen – es wollte ihr nicht gelingen, endlich Schlaf zu finden. Womöglich lag es an dem Sekt, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben getrunken hatte, und am Tanz, dass ihr so schwindlig war. Wenn sie die Augen schloss, drehte sich alles und glaubte sie erneut, Johannes’ Hand auf ihrer Taille zu spüren, als hätten seine Finger, die sie doch so zart berührten, einen Abdruck auf ihrer erhitzten Haut hinterlassen. Selbst hier im Dunkel verfolgten sie seine blauen Augen und sein Lächeln, und in ihrem Bauch summte es wie in einem Bienenstock. Der liebliche Klang seiner Violine ging ihr gar nicht mehr aus dem Ohr, und ihr Herz drohte vor Glück zu zerspringen. Friedrich, Giselas Gatte, hatte mit seinem Spott recht behalten. Johannes war ein Zauberer, der Mädchenherzen zum Schmelzen und sie zum Weinen brachte. Sie seufzte schwer. Ob es ihm wohl gefallen hatte, sich mit ihr zu unterhalten? Oder war er nur Gisela zuliebe höflich gewesen, weil sie ihm die Musikantenstelle für die Hochzeit verschafft hatte?
Vor ein paar Monaten hatten Susanna und Marie die Lektüre ›Die ratende Freundin‹ von Marie von Lindeman geschenkt bekommen und sich mit Eifer dem Kapitel ›Junge Männer und junge Mädchen‹ gewidmet. Sie erinnerte sich noch gut an den einschüchternden Wortlaut.
»Die jungen Männer sind euch meistens an Wissen und oft auch an Charakterbildung sehr überlegen; auch der Sinn an Gesetzmäßigkeit und Gerechtigkeit ist bei ihnen meistens mehr entwickelt als bei Mädchen, und ihr könnt daher in mancher Beziehung von ihnen lernen.«
Sie hatte sich redlich bemüht, Johannes zu beweisen, dass auch sie über Wissen verfügte. Erst hatten sie sich über die Musik von Richard Strauss, dann die Malerei und schließlich über Walter Scotts Gedichte und seinen Roman ›Ivanhoe‹ unterhalten. Plötzlich war Susanna neben ihnen gestanden. Marie drehte sich bei dieser Erinnerung abrupt zu ihrer Freundin im Bett um.
»Sag mal, warum hast du dem Johannes heute bei der Feier gesagt, dass ich eine Jüdin wie die Rebekka in ›Ivanhoe‹ bin?« Susanna schwieg, und Marie versetzte ihr einen kleinen Stoß mit dem Ellenbogen. »Susa! Du hast das zweimal hintereinander ganz komisch betont.«
»Was ist denn?«, stöhnte die Freundin schläfrig, aber Marie wusste genau, dass sie noch nicht geschlafen hatte. Nicht zum ersten Mal übernachteten sie zusammen in einem Zimmer, und der Klang von Susannas gleichmäßigen Atemzügen im Schlaf war Marie zu sehr vertraut, als dass die Freundin sie anschwindeln konnte. Sie wiederholte ihre Frage. Beim Fest war sie von Johannes’ Gegenwart gefangen genommen gewesen, doch seit sie hier im Dunklen lagen, erschöpft, mit schmerzenden Füßen vom vielen Tanzen, war ihr schlagartig wieder eingefallen, was die ganze Zeit an ihr genagt hatte wie ein Wurm an einem Apfel.
»Du hast das doch sonst nie gesagt, wenn wir Fremden vorgestellt wurden.«
Susanna schien um eine Antwort zu ringen. »Schau, der Johannes isch doch gar nit fremd, die Gisela kennt den doch gut vom Konservatorium«, nuschelte sie. Sie war nicht mehr ganz nüchtern, und auch ihr alkoholschwerer Atem sprach Bände.
»Ja und?«
»Na, da ist es doch normal, dass ich ihm erzähl, woran du glaubscht.«
Marie war anderer Meinung. Sie wunderte sich, dass Susanna heimlich gleich mehrere Gläser von der Sektbowle getrunken und sie und Johannes mit so einem seltsamen Blick auf dem Fest beobachtet hatte. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Natürlich war es nicht zu übersehen gewesen, dass der junge Musiker in den Spielpausen stets ihre Nähe gesucht hatte. Selbst Samuel war das aufgefallen. Er hatte sich im Laufe des Abends bei Marie entschuldigt und dabei so zerknirscht ausgesehen, dass sie ihm verziehen hatte. Schließlich waren seine Eltern schuld daran, dass es zu diesem Missverständnis gekommen war.
»Er hat sich dir doch regelrecht an den Hals geworfen!«
»So ein Unsinn! Ich finde, es klang fast, als wolltest du ihn warnen, sich nicht …«, sie stockte, Hitze flammte in ihr auf, und sie wusste nicht recht, wie sie ihren Satz beenden sollte. Mit mir zu unterhalten? Für mich zu interessieren? In mich zu verlieben? Sie schlug die Bettdecke auf, und ihr Herz begann schon wieder in diesem schnellen Galopp zu jagen. »… mit mir abzugeben«, schloss sie mit belegter Stimme.
»Was redest denn da! Ich wollt dich nur vor seiner Zudringlichkeit schützen, damit du keinen Fehler begehscht. Einer muss doch auf dich Obacht gebn. Und jetzt lass mich endlich schlafen!«
Susanna drehte ihr entschlossen den Rücken zu, und Marie schwieg bedrückt. Schätzte sie das Verhalten ihrer Freundin falsch ein? Johannes hatte sich doch anständig benommen, war ihr nicht zu nahegetreten – außer beim Tanz und ihrem unfreiwilligen Zusammenstoß beim Kennenlernen. Lange lag sie wach, fand trotz der Müdigkeit keinen Schlaf, und Susannas verräterischer unregelmäßiger Atem verriet ihr, dass es ihrer Freundin ähnlich erging.
Sonnenlicht stahl sich wie ein Dieb durch die Ritzen der Fensterläden und raubte Marie den Schlaf. Einen Moment blinzelte sie orientierungslos, dann fiel ihr die Hochzeit wieder ein und Johannes’ geheimnisvolles Lächeln. Schlagartig richtete sie sich auf. Susanna schlief noch neben ihr tief und fest, und nachdem sie am Vorabend so viel von der Sektbowle getrunken hatte, wollte sie die Freundin lieber nicht wecken. Rasch schlüpfte sie aus dem Bett, goss Wasser aus der Porzellankanne in die Waschschüssel und wusch sich. Dann schlüpfte sie in die wollweiße Bluse mit aufgestickten Streublumen und den grünen Reiserock. Zuletzt bürstete sie ihr Haar, drehte die einzelnen Strähnen zusammen und steckte sie mit einigen Nadeln zu einem lockeren Kranz auf dem Hinterkopf zusammen. Lange würde die Frisur nicht halten, sie war keine Meisterin darin, ihre üppigen wilden Locken zu bändigen, aber bestimmt konnten Susanna oder die Nanni ihr später damit helfen. Auf Zehenspitzen verließ sie den Raum, um sie nicht zu wecken, und zog erst auf dem Gang die Schuhe an.
Die Familie Keller war schon beim Frühstück versammelt, und Marie blieb an der Tür einen Augenblick stehen, um die Gesellschaft zu mustern. Der alte Weingärtner trug einen Anzug, der vom weltmännischen Salonschnitt der Kleidung seines Sohnes weit entfernt war. Susannas Mutter Klara saß stocksteif in gerüschter Bluse und einem eleganten Rock zwischen ihm und Conrad und wurde von der Schwiegermutter mit einem missbilligenden Blick bedacht.
»Nachts? Warum erntet ihr denn nicht bei Tage?«, fragte Conrad seinen Vater eben zerstreut.
»Hast alls vagessn, was ich dir beibracht hab?« Der Winzer schüttelte mit betrübter Miene den Kopf. »Mir ham scho imma zur frihen Morgenstund g’erntet. Bei der Hitzn springt aanem nur die Haut der Rebn auf und sie fanga vorzeitig an zu gärn.«
In diesem Moment hob Susannas Großmutter den Kopf, bemerkte Marie an der Tür und nickte ihr freundlich zu.
»Guten Morgen!«, sagte Marie rasch und ging auf den Tisch zu. Sie hatte die alte Bäuerin noch nie anders als in einem schlichten, schwarzen Kleid und mit unter einem Kopftuch verborgenem Haarkranz gesehen. Selbst auf dem Hochzeitsfoto an der Wand trug sie Schwarz. Susannas Mutter wandte sich um und schenkte ihr ein schmales Lächeln.
»Ist Susanna auch endlich auf?«, fragte sie.
»Nein, sie schläft noch. Das viele Tanzen gestern hat sie wohl sehr erschöpft«, schwindelte sie, denn unter allen Umständen wollte sie vermeiden, den betrunkenen Zustand ihrer Freundin zu erwähnen. In Wahrheit wusste Marie gar nicht, wie oft Susanna getanzt hatte. Sie war zu sehr mit Johannes beschäftigt gewesen. Nachdem sie am Tisch Platz genommen hatte, nahm Susannas Großmutter eine Kanne vom Herd, goss einen Becher mit warmer Milch ein und stellte ihn vor ihr ab. Marie bedankte sich höflich und musterte den neuen Wandschoner über dem Herd. Im Hochzeitstrubel war er ihr gar nicht aufgefallen. Mit rotem Faden gestickt und mit Schnörkeln reich verziert stand um einen Suppentopf aus blauem Garn: »Guck nie ins Häferl, lieber Mann, die Küche geht dich gar nichts an.« Sie verkniff sich ein Lachen und fragte sich, was wohl vorgefallen war, dass die Bäuerin den alten Behang mit den Worten »Hält die Frau die Küche rein, schmeckt dem Mann das Essen fein« entfernt hatte.
»Fidderst nachha wieder die Hennen?«, fragte Susannas Großmutter schmunzelnd, die ihrem Blick gefolgt war.
»Natürlich! Die Gescheckte wird schon am Verhungern sein, weil ich so spät aufgestanden bin.«
Während ihrer Sommerfrische half Marie gerne im Haus und im Garten. Nicht nur, um sich für die Gastfreundschaft zu bedanken, es war auch eine willkommene Abwechslung zum Stadtleben.
»Ich wecke jetzt Susanna. Gisela ist mit Friedrich schon in aller Früh abgereist, und wir müssen langsam auch aufbrechen.« Klara wollte aufstehen, aber ihr Mann hielt sie mit einer Handbewegung zurück.
»Jetzt lass das Kind doch noch ein wenig schlummern. So eilig haben wir es auch wieder nicht«, entgegnete er und griff nach einer weiteren Scheibe Brot, was seine Frau mit einem wütenden Blick quittierte.
»Verzeih, Conrad, aber Susanna ist kein kleines Kind mehr, sondern eine junge Dame, die sich langsam ihrer Pflichten bewusst sein sollte. Willst du einen Bauerntrampel oder eine verzogene, launische Göre aus ihr machen?«
Die Anspannung war plötzlich greifbar, und das Geräusch, mit dem Marie Butter auf das duftende, frisch gebackene Brot schmierte, kam ihr unnatürlich laut vor. Vor ein paar Tagen hatte Susanna ihr verraten, dass der Großvater sich sorgte, wer denn das Weingut einst übernehmen sollte, da der eine Sohn ein Trunkenbold, der andere Fabrikant war und das Nesthäkchen Agnes sich nun ausgerechnet in einen ungarischen Pferdezüchter verliebt hatte. Die Großmutter stellte einen Krug mit solchem Schwung auf den Tisch, dass Wasser herausschwappte und das laute Geräusch Minka, die gerade zwischen Maries Beinen herumstrich, erschrocken beiseite springen ließ.
»Werst ehm zumindest noch zu End essn lassn!«, zischte sie Klara zu.
Oh, oh. Marie spürte den Streit wie ein Sommergewitter heraufziehen, das sich jeden Moment entladen musste, und beeilte sich, den letzten Bissen Brot in den Mund zu stopfen. Kauend, ohne auf die Etikette zu achten, rief sie: »Darf ich schon jetzt die Hühner füttern gehen?«
Die Bäuerin nickte grimmig, aber sie wusste, dass der Zorn nicht ihr galt. Marie stand auf und beeilte sich, aus der Tür zu kommen, bevor das Donnerwetter losbrach. Schon wurden die Stimmen in der Küche laut, und Marie sprang die drei Stufen in den Hof hinunter, wo ihr von den Blumenrabatten ein süßer Duft entgegenwehte. Eine der Mägde war gerade dabei, Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen und die Fleißigen Lieschen zwischen den Dahlien und Gladiolen zu gießen, damit sie in der anbrechenden Sommerglut des Tages nicht die Köpfe hängen ließen. Marie winkte ihr zu und verschwand in der gegenüberliegenden Kornkammer, wo sie mit der Kelle getrockneten Mais und Gerste aus den Säcken in einen flachen Korb schöpfte, durchmischte und damit zum Hühnerhof ging. Ein Knecht kam gerade aus dem Kuhstall und zwinkerte ihr frech zu. Sie errötete, straffte den Rücken, betrat den Hof und schloss sorgsam die Tür hinter sich, denn die neugierige Minka jagte nur allzu gerne das Federvieh. Sofort wuselten die Hühner in Scharen herbei und umringten sie fröhlich gackernd. Marie lachte über den stürmischen Andrang, griff in den Korb und streute, sich einmal um die eigene Achse drehend, die Körner in einem Bogen um sich. Wie emsig die Hühner nach ihnen pickten, freute sie sich. Erst als sie aufsah, bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde. Vor Schreck fiel ihr der Korb aus der Hand, und die Hühner stoben zeternd zur Seite.
Hinter dem Zaun stand Johannes, den Blick voller Sehnsucht auf sie gerichtet.